Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Die Welt von Gylfis Illusion (Gylfaginning §1-§37)

Der Name Gylfi lässt sich als „schäumende Welle“ deuten. So geht es hier um die „Illusion der schäumenden Welle“, eine Welle der Illusion aus vielen kleinen Blubberblasen, kleinen Bewusstseinsräumen in denen verschiedenste Wesen wohnen, die entstehen und vergehen. Eine Welle auf dem Meer des Lebens mit einer Krone aus Schaum. Woher kommt diese Welle?

1. König Gylfi herrschte über die Länder, die jetzt Schweden heißen. Von ihm wird erzählt, dass er einer umherziehenden Frau als Lohn für ihre Unterhaltung so viel an Ackerland in seinem Reich gab, wie vier Ochsen an einem Tag und in einer Nacht pflügen konnten. Doch diese Frau war aus dem Geschlecht der Asen und wurde Gefjun genannt („die Reichtum Gebende“). Sie nahm vier Ochsen aus Riesenheim im Norden - das waren ihre Söhne, die sie mit einem Riesen hatte - und spannte sie vor einen Pflug. Aber der pflügte so breit und so tief, dass er das Land losriss. Die Ochsen zogen es hinaus aufs Meer nach Westen, bis sie in einer Meerenge anhielten. Dort befestigte Gefjun das Land. Sie gab ihm einen Namen und nannte es „Seeland“. Und dort, wo das Land herausgerissen worden war, fand sich danach ein See, den man in Schweden nun Löger nennt (heute vermutlich Vänern). Und die Buchten verteilen sich darin, wie die Landzungen auf Seeland. Dazu sprach der Skalde Bragi, der Alte:

Freudig zog Gefjun von Gylfi den Freibesitz der Insel. Die Ochsen schwitzten für den Zuwachs Dänemarks. Vier Häupter und acht Stirnmonde (Augen) trugen die Ochsen, und sie schleppten die Beute nach Seeland.

Der Text beginnt mit geballter Symbolik, an deren Deutung wir uns bereits im Abschnitt über „Die neun Schwestern als neun Wellen“ versucht haben. Mittlerweile haben wir das Land von Schweden auch im Mühlenlied von Frodis Frieden als das Reich der Einzelkämpfer kennengelernt, wo „Fjölnir“ als König herrscht, das „vielfältige Wissen“ der Unterscheidung und damit auch die Vielfalt der Natur. Dort wurde Gylfi geboren, und dort entstehen die Wellen mit den Schaumkronen auf dem Meer des Lebens. Dem gegenüber liegt Dänemark, Frodis Reich der Göttersöhne, wo sicherlich auch die Einherier zu Hause sind, die der Gottheit im Heer der Einheit ganzheitlich dienen.

So erscheint nun irgendwann im Leben eine Göttin zu Besuch, ähnlich wie Odin bei Wafthrudnir. Es ist Gefjun, die „Reichtum Gebende“, die alle Lebewesen „unterhält“, so dass wir in ihr auch die göttliche bzw. ganzheitliche Seele der Natur sehen können. Wenn wir sie lieben lernen, kann es passieren, dass wir ihr einen Teil unseres Königreichs schenken wollen. Was passiert dann? Nun können wir uns gut vorstellen, wie natürlich eine ganzheitliche Göttin nicht nur einen Teil als Freibesitz von uns nimmt, sondern unser ganzes Herz, das symbolisch auch der Sitz der Seele ist. So zieht sie mit Hilfe von vier Riesen-Kräften das Herz von Gylfi aus Schweden nach Dänemark, wo es zur Insel „Seeland“ wurde.

Über die Bedeutung der vier Ochsen aus Riesenheim mit den vier Verstandes-Köpfen und acht Augen kann man in verschiedene Richtungen nachdenken. Einerseits erinnern sie an die Kräfte der vier Elemente mit ihren gegensätzlichen Wirkungen im Bewusstsein, die in Riesenheim aus dem Verstandes-Brunnen von Mimir geschöpft werden. Andererseits kann man auch an die vier Richtungen und acht Welten um Midgard herum im Weltenbaum denken, der doch dafür wächst, um uns zum Göttlichen zu ziehen. Zumindest wird durch die Symbolik der vier gewaltigen Ochsen aus Riesenheim klar, welche große Kraft nötig ist, um das Herz eines Einzelkämpfers wieder zu den Einheriern zu ziehen. Und nach diesem „Herzenswandel“ beginnt nun König Gylfi zu überlegen:

2. König Gylfi war ein kluger und zauberkundiger Mann. Ihn verwunderte es sehr, dass das Asenvolk so mächtig war, so dass alles nach seinem Willen lief. Er überlegte, ob dies von ihrer eigenen Macht komme oder ob es die göttlichen Mächte bewirkten, denen sie opferten. So machte er sich auf die Reise nach Asgard, heimlich, nahm die Gestalt eines alten Mannes an und gab sich nicht zu erkennen. Aber die Asen waren weise, weil sie die Sehergabe besaßen. Sie sahen seine Reise, bevor er ankam, und spiegelten ihm Sinnes-Illusionen vor. Als er in ihre Burg kam, erblickte er eine so hohe Halle, dass er kaum über sie sehen konnte. Ihr Dach war wie ein Schindeldach mit goldenen Schilden belegt.

Klug und zauberkundig bedeutet wohl, dass Gylfi den weltlichen Zauber der Natur gut verstehen konnte. Doch offenbar lief nicht alles nach seinem Willen, und vielleicht wurde er auch langsam alt, sodass er nun mit fragendem Geist zum Reich der Götter schaut, zu dem auch sein Herz gezogen wurde. So kam er nach Asgard in Gestalt eines alten Mannes, der „sich nicht zu erkennen gab“, weil er sich selbst noch nicht erkannt hatte, und nun auf die Suche ging.

Die Götter wussten natürlich, wer er war, doch empfingen ihn mit Sinnes-Illusionen. Warum? Nun, etwas anderes konnte er gegenwärtig mit seinem begrifflichen Verstand noch nicht verstehen, der nur in gegensätzlichen Formen denken kann. Diese „Illusion der Götter“ erinnert an den Wein der „Illusions- und Schöpferkraft“, von dem sich Odin und im Grunde auch alle Göttersöhne ernähren. Dazu gibt es in der Bibel das schöne Gleichnis vom Weinberg Gottes, wo wir uns aus Edda-Sicht auch die Einherier vorstellen können, wie sie dort für die Gottheit in der körperlichen Schöpfung arbeiten und dienen. Das ist die Macht und wohl auch das Ziel der weltlichen Illusion mit ihrer Vielfalt an Formen.

So erblickte Gylfi auch in der Götterburg von Asgard eine große Halle, deren Ende er nicht sehen konnte. Ihr Dach war mit „goldenen Schilden“ gedeckt, wie es auch von Walhall berichtet wird. Damit erinnert die „Halle“ wieder an einen Bewusstseinsraum, das Gold an die Wahrheit, und die Schilde an den Schutz, so dass der Bewusstseinsraum dieser göttlichen Welt von der Wahrheit beschützt wird. Deswegen konnte er auch das Ende nicht erkennen, womit wohl auch der Ursprung gemeint ist.

So sagte auch Thjodolf von Hwin (ein berühmter Skalde), dass Walhall mit Schilden gedeckt war:

Auf ihrem Rücken ließen die kampferprobten (einsichtigen) Männer Swafnirs Schilde wie Schindeln glänzen, denn sie wurden mit Steinen beworfen.

Dieser mystische Vers erinnert an das einsichtige Wesen der Einherier, die in Walhall leben. Gewöhnlich galt das Umwerfen der Schilde auf den Rücken als ein Zeichen der Flucht im Kampf, wenn sich die Krieger vom Feind abwandten und ihren Rücken vor Pfeilen und Wurfgeschossen schützen wollten. Doch hier war es wohl eine einsichtige Meisterleistung im Kampf, um das Überleben gegen die Steine zu beschützen, die an die materielle Erstarrung erinnern. Warum?

Swafnir bedeutet „Schlafbringer bzw. Tötender“. So wird auch eine giftige Schlange genannt, die an der Wurzel des Lebensbaums von Yggdrasil nagt. Ihre Schuppen erinnern an die Drachenschuppen, die in vielen Sagen als undurchdringlich hart für alle weltlichen Waffen gelten. Andererseits wird Swafnir auch als ein Name von Odin genannt, der sich als Allvater natürlich überall in der Schöpfung verkörpert. So geht es vermutlich um die große Frage, mit welchem Geist man diesen Schutzschild trägt. Entsprechend kämpft man entweder als Einzelkämpfer oder als Einherier, für den Teilbesitz oder Ganzbesitz. Daher ist wohl auch das Dach von Walhall symbolisch mit diesen goldenen Schilden gedeckt, um das Ganze zu beschützen, und nicht, damit jeder mit seinem eigenen Schild seinen eigenen Teil beschützt.

Gylfi sah einen Mann vor der Hallentür, der mit Messern jonglierte und sieben auf einmal in der Luft hatte. Dieser fragte ihn nach seinem Namen. Da nannte er sich Gangleri und sagte, er sei auf verschlungenen Pfaden gekommen und suche ein Nachtlager. Auch fragte er, wem diese Halle gehöre. Der Mann antwortete, sie gehöre einem König: „Ich werde dich zu ihm bringen. Da kannst du ihn selbst nach seinem Namen fragen.“ Daraufhin ging er in die Halle, Gangleri folgte ihm, und gleich hinter seinen Fersen schlossen sich die Türflügel. Dort sah er viele Räume und zahlreiches Volk: Einige spielten, andere tranken, und wieder andere übten sich im Kampf mit Waffen. Da schaute er sich um, und vieles, was er sah, schien ihm unglaublich. Darauf sprach er:

Hinter allen Türen, soll man sich umsehen, bevor man weitergeht.
Denn es ist ungewiss, ob Feinde vor einem auf der Bank sitzen.

Wen trifft Gylfi hier in Asgard vor der Hallentür? In diesem Mann bzw. Geist können wir den begrifflichen Verstand wiederfinden, der mit den acht Welten um sich herum „jongliert“, was eine der größten Künste des Verstandes ist. Denn mit zwei oder drei Welten zu jonglieren ist bereits schwer, und für sieben oder acht braucht man schon göttliche Meisterschaft. Denn jede Welt ist wie ein schneidendes Messer, das unser ganzheitliches Wesen zertrennen oder zumindest verletzen kann, obwohl sie doch nur aus dem Licht des Bewusstseins besteht.

Daher fragt dieser Mann des Verstandes auch nach dem Namen des Ankömmlings, so wie Gylfi nach dem Namen des Königs fragt, denn der begriffliche Verstand braucht für alles Getrennte unterschiedliche Namen und Begriffe. Da nennt er sich nun Gangleri, einen „müden Wanderer“, der aus dem Tag des Lebens kommt, wo er seine eigene Welt in Midgard gefunden und sich sein Königreich und „Lager“ errichtet hatte. Doch sein Lebenstag scheint langsam zu Ende zu gehen, und so können wir uns vorstellen, wie er nun in Asgard ein „Nachtlager“ zur „Übernachtung“ sucht, um das Leben auch über den Tod hinaus zu bewahren.

Dazu führt ihn der göttliche Verstand in die große Halle, deren Türen sich sogleich hinter ihm schlossen. Was hat er hinter sich gelassen? Ist er nun gefangen? Hatte er etwas verloren? Was erwartet ihn jetzt? Da erblickte er offenbar eine ganze Welt in der Halle, viele Räume und viele Menschen, die ihre Spiele spielten, Met oder Bier tranken und sich mit Waffen im Kampf übten. Doch es war wieder eine Welt voller Unterschiede und getrennter Wesen, wo überall auch Feinde lauern konnten, denn mit seinem Verstand kann er es nicht anders begreifen. Und doch schien es ihm unglaublich, was bereits die ersten Zweifel andeutet.

Ähnlich sehen auch wir in der Götterwelt von Asgard unterschiedliche Götter, Göttinnen, Einherier und andere Wesen, die sich gegenseitig zu widersprechen und sogar zu bekämpfen scheinen. Anders kann es unser gewöhnlicher Verstand nicht begreifen. Doch es ist immer gut, den Glauben an die äußeren Formen nicht versteinern zu lassen, sondern zu hinterfragen.

Er erblickte drei Hochsitze, jeder höher als der andere, und drei Männer saßen auf ihnen. Er fragte, wie der Name dieser Oberhäupter sei. Derjenige, der ihn hineingeführt hatte, antwortete, dass der, welcher im nächsten Hochsitz saß, ein König sei. Er heißt „der Hohe“ („Har“), und der darüber heißt „der Gleichhohe“ („Jafnhar“), aber zuoberst ist der mit dem Namen „der Dritte“ („Thridi“). Da fragte der Hohe den Ankömmling, ob er noch mehr Anliegen habe. Speise und Trank gebe es für ihn wie für alle in der Halle des Hohen. Er (Gangleri) sagte, zuerst wolle er erfragen, ob irgendein weiser Mann hier drinnen sei. Der Hohe antwortete, er komme nicht heil heraus, wenn er nicht weiser sei.

Steh auf, während du fragst.
Sitzen soll, wer antwortet.

Sogar den König dieses Reiches erblickte er als drei unterschiedliche Männer bzw. Geister auf drei unterschiedlich hohen Sitzen, die damals den Status der Herrscher symbolisierten. Und dafür bekam er auch drei Namen. Vermutlich sind damit symbolisch drei Manifestationen von Odin gemeint, die über ihre Namen hinaus nicht weiter erklärt werden, aber die Fragen von Gangleri auf unterschiedlichen Ebenen mehr oder weniger ausführlich beantworten.

Doch „Speise und Trank gebe es wie für alle in der Halle des Hohen“, was bereits auf ein ganzheitliches Wissen hindeutet, von dem man sich hier ernähren kann. Trotzdem fragt Gangleri nach einem besonders „weisen Mann“. Darauf ermahnt ihn „der Hohe“, dass „er hier nicht heil herauskomme, wenn er selbst nicht weiser sei“. Eine wunderbare Antwort, die auch Wafthrudnir seinem Gast gegeben hatte! „Heil“ bedeutet Heilung und Ganzheit. Und solange man diese Weisheit nicht erreicht hat, bleibt man natürlich immer in irgendwelchen Bewusstseinsräumen gefangen.

So beginnt nun Gangleri als „Wellenreiter“ und „Weltenwanderer“ seine Schaumwelt der Formen zu hinterfragen, und zwar im Dialog mit den Formen selbst, hinter denen natürlich das göttliche bzw. ganzheitliche Bewusstsein steht. Das ist wohl auch die Aufgabe unseres begrifflichen Verstandes, die äußeren Formen zu hinterfragen und die Geheimnisse der Welt zu ergründen, um die ganzheitliche Weisheit zu gewinnen und die göttliche Sicht wiederzufinden. Auf diesem Weg ist nun auch Gangleri.

Der letzte Vers erinnert noch einmal an den „Verstand“, der sich erheben soll und das befragen, was beständig auf dem Thron und Grund von Allem sitzt, auf dem „Stein der Weisen“. Daher muss man sich nicht wundern, wenn es oben im Text heißt, dass „der Hohe“ am tiefsten sitzt, aber doch alle „gleichhoch“ sind. Solche Unterschiede sieht nur der Verstand, der auf etwas schaut.

3. Da begann Gangleri mit seinen Fragen: Wer ist der vornehmste und älteste (erste und ursprünglichste) aller Götter?

Der Hohe antwortete: Er heißt Allvater in unserer Sprache, aber im alten Asgard hatte er zwölf Namen: Der erste war Allvater, der zweite war Herran oder Herjan (Heerführer), der dritte Nikarr oder Hnikarr (Erweckender), der vierte Nikud oder Hnikud (Erreger), der fünfte war Fjölnir (Vielwissender, Vielfältiger), der sechste Oski (Wunscherfüller), der siebte Omi (Hellhöriger), der achte war Biflidi oder Biflindi (der mit dem bemalten Schild), der neunte Swidurr (Speerwerfer), der zehnte Swidrir (Speerträger), der elfte Vidrir (Stürmer) und der zwölfte Jalg oder Jalk (Hengst).

Das Fragespiel beginnt mit der größten Frage: Wer ist der Erste aller Götter? Eigentlich eine absurde Frage, wenn Gott ein ganzheitliches Wesen ist. Doch der begriffliche Verstand braucht Unterscheidung, und so gibt ihm Gott selbst einige Namen. Zuerst einen ganzheitlichen Namen als Allvater, dem Vater von Allem als Schöpfergott. Und danach zwölf Namen für verschiedene Aspekte, wobei die Zwölf wiederum an eine Zahl der Ganzheit erinnert. Ähnlich findet man auch im Hinduismus lange Namenslisten für die Aspekte Gottes, wie die 108 oder sogar 1008 Namen von Shiva oder Vishnu. Denn das Verrückteste und Dümmste, was der Verstand machen kann, ist wohl der Streit um die Namen Gottes, was in den Religionen sogar heute noch geschieht. Daher heißt es: „Geheiligt werde dein Name…“, also heil und ganzheitlich.

Darauf fragte Gangleri: Wo ist dieser Gott, was vermag er, und was für ruhmreiche Taten hat er vollbracht?

Der Hohe antwortete: Er lebt für alle Zeiten, waltet über sein Reich und bewirkt alle Dinge, die großen wie die kleinen.

Darauf sprach der Gleichhohe: Er schuf Himmel, Erde und Luft, sowie alles, was dazugehört.

Und der Dritte sagte: Das Wichtigste ist aber, dass er den Menschen erschuf und ihm eine Seele gab, die leben soll und niemals sterben, auch wenn der Körper zu Erde verwest oder zu Asche verbrennt. Alle Menschen, die des rechten Glaubens sind, werden leben und mit ihm selbst an dem Ort sein, der Gimle heißt oder Wingolf. Aber die Bösen (Feindlichen) fahren zu Hel und dann nach Niflhel. Das ist unten in der neunten Welt.

Wunderbar! Vor allem die letzte Antwort sollte man achtsam lesen und sich zu Herzen nehmen. Hier werden die beiden großen Wege des Bewusstseins angesprochen: Entweder als Einzelkämpfer, der mit seinem Körper zu sterben glaubt und geistig in Niflhel endet. Oder als Einherier, der im Heer der Einheit kämpft und sich bewusst ist, dass nur der Körper stirbt, während seine Seele in der Ganzheit bzw. Gottheit ewig lebt. Für ihn wird dann auch die neunte Welt keine Sackgasse als Einbahnstraße, sondern eine Welt der körperlichen Erneuerung und Regeneration im Reich der Natur. Denn sein Geist ist nicht auf die Trennung bzw. Abgrenzung und damit auf den Tod in Niflhel gerichtet, sondern auf die Gottheit in Asgard. In dieser Richtung nimmt man auch Gimle oder Wingolf an. Gimle bedeutet vermutlich „vor dem Feuer geschützt“, und Wingolf „Halle der Freunde“ oder „Weinhalle“, die an Walhall erinnert. Darüber wird im 17. Absatz noch ausführlicher gesprochen. Und auch hier wird im Edda-Text ausdrücklich betont, dass es eine Frage des Glaubens ist, in welche weltliche Richtung man im Baum des Lebens und der Welten geht und sich entwickelt. Das ist bereits eine wunderbar göttliche Einladung zur „Übernachtung“.

Da fragte Gangleri: Was hat er getan, bevor Himmel und Erde erschaffen waren?

Der Hohe antwortet: Da war er bei den Frostriesen (Hrimthursen).

Auch über diese Antwort kann man viel nachdenken, die nur der „Hohe“ auf höchster Ebene gibt. Was hat Gott getan, bevor Himmel und Erde erschaffen wurden? Die hohe Antwort ist: „Er war da.“ Und zwar bei dem, was da war. Und was war vor der Schöpfung von Himmel und Erde? Nach der Edda-Kosmologie waren es die Frostriesen, zumindest aus körperlicher Sicht bezüglich der körperlichen Schöpfung aus dem Eis-Riesen Ymir. Darüber sprach im letzten Lied Wafthrudnir im Vers 29:

Unzählige Jahre bevor die Erde erschaffen wurde, da wurde Bergelmir („Berg-Schreier“) geboren. Thrudgelmir („Kraft-Schreier“) war dessen Vater, Aurgelmir („Schlamm-Schreier“) der Großvater.

Dort haben wir auch versucht, die Riesen zu deuten: Aurgelmir wäre der auftauende Ymir, der als Eis-Riese das erstarrte Universum versinnbildlicht. Thrudgelmir erinnert dann an die Schöpfung des Weltenbaums als Kraft- und Energie-Schöpfung, und Bergelmir an die materiell-lebendige Schöpfung, aus der dann auch die Erde entstand. Die Endung Gelmir als „Schreier“ erinnert an den Drang zum Aussprechen und Auswirken der Schöpfung. Und zwischen ihnen könnte man sich in einem prinzipiellen Schema zur Schöpfung die drei Brunnen vorstellen:

Doch was war der Ursprung von Allem?

4. Gangleri fragte: Was war am Anfang, wie entstand alles, und was war davor?

Der Hohe antwortete: Es war so, wie es in der Weissagung der Seherin heißt (Völuspa, Vers 3):

Einst war die Zeit, als nichts war. Es gab weder Sand noch Meer, noch kühle Wogen. Die Erde existierte nicht, noch der Himmel darüber. Es gab nur den gähnenden Abgrund (Ginnungagap), aber nirgends Gras.

Nun wird es für den Verstand höchst kompliziert. Wie kann man etwas verstehen, das unbegreiflich ist, weil es keine Unterscheidungen und Grenzen mehr hat? Dem kann sich der Verstand nur indirekt durch Schlussfolgerungen nähern, und dafür gibt es zwei Wege: Entweder rückwärts zum Ursprung von allem, oder vorwärts zum Ende von allem. Das gleiche Problem hat die moderne Kosmologie. Was war vor dem Urknall? Die klassische Antwort lautet: Nichts, zumindest nichts Erkennbares, vielleicht ein „Quantenvakuum oder Nullpunktsenergie“. Und worin endet das Universum? Eine verbreitete Hypothese spricht vom „Big Freeze“, dem „großen Einfrieren“ des Universums: Damit erreicht die Temperatur am Ende einen Wert, der überall genau gleich ist, so dass keine thermodynamische Arbeit mehr möglich ist, was dann im Wärmetod (bzw. Kältetod) des Universums endet… (Wikipedia: Big Freeze)

Ähnlich spielt auch die Edda mit diesen beiden Vorstellungen. Hier heißt es: „Einst war die Zeit, als nichts war.“ Und im Original der Völuspa steht: „Einst war die Zeit, als Ymir lebte.“ Wunderbar, Ymir als das Unbegreifbare! Ein lebendes Nichts, eine lebendige Stille, in der aber alles enthalten ist, sodass daraus wieder alles entstehen kann. So lässt sich auch das Ende wieder mit dem Anfang verbinden, wie es in der Bibel heißt: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der HERR, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige. (Offb. 1.8)“ Ähnlich kennt dafür auch die moderne Kosmologie Hypothesen, die unseren gewöhnlichen Verstand herausfordern und zutiefst in Frage stellen.

Danach sprach der Gleichhohe: Manches Zeitalter, bevor die Erde geschaffen wurde, entstand auch Niflheim, und in seiner Mitte liegt die Quelle, die Hwergelmir heißt. Aus ihr entspringen die Flüsse mit diesen Namen: Svöl (Kühlende), Gunnthra (Kämpfende), Fjörm (Eilende), Fimbulthul (mächtig Brausende), Slidr (Schreckliche) und Hrid (Stürmische), Sylgr (Verschlingende) und Ylgr (Wölfische), Wid (Weite) und Leiptr (Blitzartige). Gjöll (Widerhallende) ist der Pforte zur Hel am nächsten.

Der „Gleichhohe“ spricht nun vom Weltenbaum, in dem dann die Quelle Hwergelmir sprudelt. Dieser entstand bereits vor der irdischen bzw. körperlichen Schöpfung und ist damit ebenfalls nur indirekt begreifbar ist. Wie Thrudgelmir gleicht er einem Netz aus Kräften, die sich aussprechen und auswirken wollen. So entsteht dann aus der Geburtsquelle Hwergelmir die körperliche Schöpfung in der Nebelwelt von Niflheim, denn „Nifl“ bedeutet „Nebel“, vermutlich auch im Sinne von Illusion, die sich immer mehr verdichtet und verkörpert. Daher beginnt diese Schöpfung mit verschiedenen Flüssen, deren Namen an Aspekte der körperlichen Schöpfung erinnern, die nun als Bergelmir geboren wird und in die Welt fließt.

Besonders interessant ist der Fluss Gjöll, der oft als „Totenfluss“ bezeichnet wird. Doch hier heißt es, dass er gar nicht in den Tod als ein Ende in der Hel fließt, sondern von allen Flüssen an der Pforte am nächsten vorbei. Sein Name bedeutet „Widerhall“ und erinnert uns daran, dass er das Ende wiederum mit dem Anfang verbindet. Nur wer diesen Fluss überquert und somit vom Ufer der Lebenden zu den Toten wechselt, kann in der Hel enden.

Dann sagte der Dritte: Zuerst war jedoch das Gebiet in der südlichen Welthälfte, das man Muspel nennt. Es ist strahlend hell und heiß. Diese Region steht in Flammen und brennt und ist für diejenigen unerträglich, die dort fremd sind und nicht ihre Heimat haben. Surt (oder Surtur) wird der genannt, der an der Landesgrenze Wache hält. Er hat ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er losziehen, heeren und alle Götter vernichten. Verbrennen wird er die ganze Welt mit Feuer. So wird es in der Weissagung der Seherin gesagt (Völuspa, Vers 52):

Surt (der Feuerriese) kommt von Süden mit den Zweigen (Flammen) der Zerstörung. Von seinem Schwert leuchtet die Sonne der Walgötter. Felsenberge zerbrechen und Riesinnen stürzen, Sterbliche gehen den Helweg (alles Vergängliche vergeht), und der Himmel zerbricht.

Der „Dritte“ geht einen Schritt zurück und sagt, dass vor dem Wassernebel von Niflheim im Norden das Feuer von Muspelheim im Süden strahlte, sozusagen um den Frostriesen aufzutauen. Das geschieht natürlich im Spiel von Geist und Natur zwischen Muspel- und Niflheim, denn es ist der Geist, der lebendig macht. Über dieses Geist-Feuer haben wir an anderen Stellen schon viel nachgedacht. Es ist eng mit dem Schicksalsbrunnen verbunden und gleicht einem Schicksalsfeuer, das alles verbrennt, was nicht dem Schicksal der Verursachung entspricht. Daher bedeutet auch der Name Surtur „der Dunkle oder Verdunkelnde“, also ein Feuer, das alles verbrennt und verdunkelt, was nicht existieren, leben und wirken soll. So sorgt er schließlich auch für Ragnarök, das „Schicksal der Götter und ihrer Schöpfung“.

5. Gangleri fragte: Wie entwickelte sich alles, bevor die Geschlechter (Familien der Wesen) entstanden und die Menschen (Lebewesen) sich vermehrten?

Darauf antwortete der Hohe: Es gab die Flüsse, die Eliwagar genannt werden. Als sie schon weit von ihrer Quelle (ihrem Ursprung) geflossen waren, da wurde der giftige Schaum, den sie mit sich führten, so hart wie die Schlacke, die aus dem Feuer rinnt. Da entstand Eis, und als dieses Eis liegenblieb und nicht weiterglitt, legte es sich dort über alles. Auch der Sprühregen (Nebel), der aus dem Gift kam, gefror zu Reif, und der ganze Reif überzog alles andere im Ginnungagap („gähnenden Abgrund“).

Auf die Frage nach der Entstehung der verschiedenen Lebewesen antwortet der Hohe zuerst mit ihrer Vergänglichkeit. Der Name Eliwagar lässt sich als „Eisfluss“ oder „Eiswelle“ deuten. Er ist ein Fluss der Flüsse und erinnert an den Fluss der gesamten Schöpfung, der sich von seiner Quelle und somit auch von seinem Ursprung entfernt. Durch diese Trennung entstehen die Schaumblasen der getrennten Bewusstseinsräume getrennter Lebewesen. Darin kann man auch das Gift der Trennung sehen, sozusagen die Ursünde der Trennung von Gott bzw. der Ganzheit. Das heiß, die Lebewesen sind sich ihres göttlichen und ganzheitlichen Ursprungs nicht mehr bewusst. Auf diesem Weg trennen sich die Lebewesen vom Leben selbst, die Natur vom Geist und das Wasser vom Feuer. Damit beginnt das Wasser des Lebens zu gefrieren und zu erstarren. Wo geschieht das? In Ginnungagap, dem „gähnenden Abgrund“, dem Urgrund von Allem, dem unendlichen Raum des Bewusstseins. Dieser Prozess endet dann im „Big Freeze“, im Eis-Riesen, der auch Ymir genannt wird.

Danach sprach der Gleichhohe: Der Teil des Ginnungagap, der sich in nördlicher Richtung erstreckte, füllte sich mit schwerem Eis und Reif, dort drinnen herrschten Regen und Sturm. Aber der südliche Teil des Ginnungagap war dem durch die Funken und Glutteilchen entgegengesetzt, die aus Muspelheim heranflogen.

Wenn diese Trennung wieder verschwindet - und das muss sie irgendwann, weil sie nur eine Illusion in Zeit und Raum ist - dann erscheinen wieder die Gegensätze von Geist und Natur, Feuer und Wasser, die aufeinander wirken, um sich auszugleichen.

Der Dritte sagte: So wie die Kälte ihren Ursprung in Niflheim nahm und ebenso alles Grimmige, so war all das, was in der Nähe von Muspel lag, heiß und gleißend hell. Aber das Ginnungagap war so mild wie windstille Luft. Als der heiße Luftstrom auf den Reif traf, taute er und tropfte, und aus diesen Tautropfen entstand Leben durch die Macht dessen, der die Hitze gesandt hatte. Es kam der Körper eines Mannes hervor, der Ymir genannt wurde. Doch die Frostriesen nennen ihn Aurgelmir. Von ihm stammen die Geschlechter der Frost- und Bergriesen ab, wie es in der Kurzen Weissagung der Seherin heißt (im Hyndla-Lied, Vers 33):

Alle Seherinnen stammen von Widolf („Wald-Wolf“), alle Zauberer von Wilmeid („Wunsch-Baum“), aber die Schadenswirker von Swarthöfdi („Schwarz-Kopf“), alle Riesen kommen von Ymir.

Und der Riese Wafthrudnir spricht dazu (auf die Frage nach dem Ursprung von Aurgelmir): Aus dem Eliwagar spritzten Gifttropfen und wuchsen, bis daraus ein Riese (Ymir bzw. Aurgelmir) wurde. Unsere Familien entstanden dort alle zusammen, darum sind sie immer zutiefst schrecklich.

Wunderbar! Der Ginnungagap als Urgrund bleibt immer, wie er ist, „mild, wie windstille Luft“, weder heiß noch kalt, weder dies noch das, eben unbegreifbar. Trotzdem kann das Bewusstsein der Lebewesen darin Erfahrungen der Gegensätze machen. So entsteht plötzlich ein Mann bzw. Geist, der Ymir genannt wurde. In ihm sehen die Frost- und Bergriesen ihren Stammvater, vor allem in Aurgelmir, der zum Leben aufgetaut war. Die Frage ist nur: Was versteht ihr Verstand unter diesem Stammvater? Darum dreht sich das gesamte Lied von Wafthrudnir, das wir bereits untersucht haben. Die Riesen verstehen darunter gewöhnlich eine körperliche Schöpfung, also vor allem einen Bergelmir. Sie können das Göttliche darin nicht erkennen, und das macht ihre Familien schrecklich und erzeugt viel Leiden durch das Gift der Trennung. Darin liegt auch die Vision des Liedes von Wafthrudnir, um schließlich die Gottheit und Ganzheit als ihren Ursprung wiederzufinden.

So steht nun die Frage: Wer war Ymir bzw. Aurgelmir? Wie konnte aus einem Riesen die Vielfalt der Wesen entstehen?

Dazu fragte Gangleri: Wie wuchsen daraus die Geschlechter, und wie entwickelte es sich so, dass mehrere Menschen (unterschiedliche Lebewesen) entstanden? Haltet ihr den für einen Gott, von dem du eben gesprochen hast?

Der Gleichhohe sagte: Auf keinen Fall erkennen wir ihn als Gott an. Er war bösartig (feindlich) wie alle seine Nachkommen. Wir nennen sie Frostriesen. Es wird erzählt, dass er, als er schlief, zu schwitzen begann. Da wuchsen ihm unter dem linken Arm ein Mann und (unter dem rechten) eine Frau. Und der eine Fuß zeugte mit dem anderen einen (sechsköpfigen) Sohn, von dem alle Familien abstammen. Das sind die Frostriesen. Den alten (ältesten) Frostriesen nennen wir Ymir.

Auf die Frage nach der Trennung in unterschiedliche Lebewesen antwortet nicht der „Hohe“, sondern der „Gleichhohe“ aus der Vorstellungswelt der Frostriesen, wie sie Wafthrudnir in seinem Lied vor dem Durchbruch zum Gottbewusstsein erklärt hat. Nach diesem Verständnis war Aurgelmir kein Gott bzw. ganzheitliches Wesen, denn er schuf in sich selbst eine Trennung in Mann und Frau bzw. Geist und Natur, wie die beiden Seiten des Weltenbaums. So war es kein heiles Wesen mehr, sondern ein feindliches, was man dann auch bösartig nennen kann.

Der sechsköpfige Sohn war dann Thrudgelmir, der „Kraft-Schreier“. Und man kann sich symbolisch vorstellen, wie er zwischen den beiden Füßen von Aurgelmir als Urd- und Hwergelmir-Brunnen aus dem Mimir-Brunnen des Verstandes entstand. Entsprechend erinnert dieser sechsköpfige Sohn auch an den Weltenbaum selbst: Die oberen sechs Welten sind seine Köpfe, Muspelheim und Niflheim sind seine beiden Arme, sein Körper wäre der Stamm von Jötunheim, und seine Füße bzw. Wurzeln, auf denen er steht, wären die beiden Brunnen von Schicksal und Geburt. Und aus dem Letzteren wurde dann Bergelmir als materielle Körperlichkeit geboren.

Das wäre dann die prinzipielle Vorstellung von einer Schöpfung durch Trennung. Aus dieser Sicht wäre auch Ymir ein Frostriese als Urvater der Trennung zwischen Feuer und Wasser, Geist und Natur. Und alle Nachkommen leben dann ebenfalls in der Trennung.

Ähnlich beschreibt auch unsere moderne Kosmologie den Ursprung des Universums als eine „Schöpfung durch Trennung“: In der extremen Hitze des frühen Universums entstanden aus Licht Materie- und Antimaterieteilchen, die dann sogleich wieder verschmolzen und wieder zu Licht zerstrahlten. Das geschah unzählige Milliarden Male pro Sekunde. Eigentlich hätten sich Materie und Antimaterie vollständig gegenseitig auslöschen müssen, was ein leeres Universum nur aus Strahlung hinterlassen hätte. Doch aus einem noch nicht vollständig geklärten Grund gab es einen winzigen Überschuss an Materie: Auf etwa zehn Milliarden Paare kam ein einziges überzähliges Materieteilchen. Als sich das Universum abkühlte, reichte die Energie nicht mehr aus, um neue Teilchenpaare zu bilden. Die vorhandenen Teilchen und Antiteilchen vernichteten sich ein letztes Mal fast vollständig. Nur der winzige Materie-Überschuss blieb übrig und bildet heute alles, was wir sehen: Galaxien, Sterne, Planeten und uns selbst. - Aus dieser Schöpfung durch Trennung wurde der materielle Körper des riesigen Universums, sozusagen Bergelmir als Weinberg Gottes…

Doch wo kommen dann die Götter als ganzheitliche Wesen her? Gibt es auch eine Schöpfung der Ganzheit und Heilung? So fragt nun Gangleri weiter nach dem Wesen von Ymir:

6. Darauf sprach Gangleri: Wo lebte Ymir, und wovon ernährte er sich?

Der Hohe antwortete: Zunächst begann das Eis zu tauen, und daraus kam die Kuh hervor, die Audhumla hieß (die „hornlos Milchreiche“ oder „Schicksals-Reiche“). Vier Milchströme flossen aus ihrem Euter, und damit nährte sie Ymir.

Aber darauf fragte Gangleri: Wovon lebte die Kuh?

Der Hohe sagte: Sie leckte die Eissteine ab, die salzig waren. Am ersten Tag, an dem sie die (Salz-) Steine leckte, kam aus ihnen am Abend das Haar eines Mannes zum Vorschein, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes. Am dritten Tag war ein ganzer Mann da. Der wird Buri genannt („Versöhnung“). Er war von schöner Gestalt, groß und stark. Er hatte einen Sohn, der Börr („Sohn“) hieß. Dieser nahm eine Frau, die Bestla hieß („Borke, Baumrinde“), die Tochter des Riesen Bölthorn („Bös-Dorn“), und mit ihr hatte er drei Söhne: Der erste hieß Odin („Inspiration“), der zweite Wili („Wille“), der dritte We („Weihe“). Und das ist mein Glaube, dass dieser Odin und seine Brüder die Lenker von Himmel und Erde sein werden. Wir meinen, dass er so heißen sollte. Das ist der Name des Mannes, den wir als den Größten und Berühmtesten schätzen. Und ihr mögt ihn wohl auch so heißen lassen.

Nun wird es wieder schwer für unseren Verstand, denn der „Hohe“ antwortet. Wie entstand ein ganzheitlicher Gott ohne Trennung aus Ymir? Dazu müssten wir uns zunächst vorstellen, wie das Eis nicht von außen her aufgetaut wurde, sondern sich von innen heraus selbst auftaute, weil das Feuer innerlich anwesend war und nun wieder wirksam wurde. Symbolisch erscheint dazu eine Kuh, in der wir die ganzheitliche Seele der Natur sehen können. Hornlos bedeutet dann ohne kämpfende Gegensätze. Das Schicksal deutet auf das Prinzip der Verursachung hin. Und die vier Milchströme erinnern an die vier prinzipiellen Elemente der Natur: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Sie fließen nun auch wieder aus dem aufgetauten Eis und ernähren das ganzheitliche Geistwesen von Ymir, welches wiederum die gebärende Kuh bzw. Natur lebendig macht. So wirken Geist und Natur als Einheit im Ganzen, und es beginnt eine lebendige „Entwicklung“, in der sich das auswickelt, was eingewickelt war. Dies geschieht gewissermaßen aus dem Schicksalsbrunnen, und der Verstand kann es nicht begreifen, weil er mit seiner Welt der Unterscheidungen noch gar nicht geschaffen war.

So kommt nun das Salz ins Spiel. Es ist ein altes Symbol für die Körperlichkeit, die sich im Wasser des Lebens auflösen, aber auch wieder kristallisieren, verfestigen und materialisieren kann. Und die Seele der Natur leckt daran und sorgt dafür, dass daraus wieder greifbare Formen erscheinen. Zuerst das Haar eines Mannes bzw. Geistes, das uns an die Gedanken erinnert, die aus dem Kopf in die Welt wachsen. Danach erscheint der Kopf eines Mannes als ganzheitlicher Verstand bzw. Vernunft. Und schließlich ein ganzer Mann als ganzheitlicher bzw. göttlicher Geist, in dem Geist, Seele, Körperlichkeit und Natur als Mann und Frau vereint waren. Und das geschah, weil an dieser „Entwicklung“ nichts Getrenntes oder Äußerliches beteiligt war. Schwer zu begreifen! Zumindest erscheinen damit zwei prinzipielle Wege der Verkörperung aus Ymir: Buri symbolisiert als „Versöhnung und Heilung“ die Schöpfung der Ganzheit. Und Bölthorn symbolisiert als „Bös-Dorn und Unheil“ die Schöpfung der Trennung.

So entsteht dann aus Buri ein göttlicher Sohn als heilsamer Geist, und aus Bölthorn entsteht eine zu heilende Tochter als äußerliche, gegensätzliche und oft feindliche Natur. Der Name Bestla lässt sich nur schwer deuten und erinnert an die äußere „Baumrinde“ des Stammes und der Äste vom Weltenbaum. Schließlich verbindet sich der göttliche Geist wieder mit der äußerlichen Natur, um das Unheil zu heilen. Aus dieser Ehe werden drei Götterwesen geboren, Odin, Wili und We, die nun eine vorstellbare Gestalt haben, mit der unser Verstand arbeiten kann. Im weitesten Sinne könnte man in ihnen auch Vater, Sohn und Heiligen Geist erkennen. Hier wird gern argumentiert, dass Snorri Sturluson bereits ein Christ war und christliche Vorstellungen in die alten Texte eingebaut hat. Doch das muss nicht sein. Solche Trinitäten gibt es auch in anderen alten Religionen, wie zum Beispiel Brahma, Vishnu und Shiva im Hinduismus. Denn überall, wo sich etwas bewegen soll, wird man eine Trinität finden. Wenn im Urknall neben Materie und Antimaterie keine dritte Kraft gewesen wäre, gäbe es auch unsere Welt nicht, und alles wäre nur reines Licht. So könnte man bezüglich dieser Trinität auch über die drei göttlichen Wesen nachdenken, die hier als Hoher, Gleichhoher und Dritter die vielen Fragen von Gangleri beantworten.

7. Dazu fragte Gangleri: Wie stand es um den Frieden zwischen ihnen? Wer war mächtiger?

Der Hohe antwortete: Börrs Söhne zerschlugen den Riesen Ymir. Als er niederstürzte, lief so viel Blut aus seinen Wunden, dass sie damit das ganze Geschlecht der Frostriesen ertränkten. Nur einer entkam mit seiner Familie. Den nennen die Riesen Bergelmir. Er fand mit seinem Weib auf einem Schiff (oder Mahlkasten) Zuflucht, wo er blieb. Von ihm stammen die Geschlechter der Frost- und Bergriesen ab, so wie es hier heißt (im Lied von Wafthrudnir, Vers 35):

Unzählige Jahre bevor die Erde erschaffen wurde, da wurde Bergelmir geboren. Daran erinnere ich mich als Erstes, dass dieser kluge Riese auf ein Schiff (oder einen Mahlkasten) gelegt wurde.

So zerschlagen nun die neugeborenen Götter die erstarrte Natur Ymirs und machen daraus wieder eine lebendige Vielfalt. Sein Blut wird zum Wasser des Lebens, in dem alles ertrinkt, was nach dem Gericht der Götter nicht weiter existieren sollte. Hier finden wir die Symbolik der Sintflut wieder, und man könnte meinen, Snorri hat wieder christliche Vorstellungen eingebaut. Doch auch hier lässt sich diese Symbolik in vielen anderen Religionen finden, oft weit vor dem Bibeltext. Sie scheint eine relativ wichtige Vorstellung in der Schöpfungsgeschichte zu sein, über deren Bedeutung schon viel nachgedacht wurde. Im Prinzip erinnert die Sintflut an eine ähnliche Reinigung und Erneuerung, wie das Geist-Feuer am Ende der Schöpfung. Sie geschieht jedoch mehr auf der Naturseite mit Hilfe des Wassers, und damit auch vor allem am Anfang der Schöpfung. Oft stellte man sich ein Schiff vor, das auf Gottes Wunsch mit dem beladen wurde, was überleben und zum Grundstamm der weiteren Schöpfung werden sollte. Dieses Schiff, das auf dem Meer des Lebens bzw. der Ursachen schwimmt, wird auch Arche genannt, von lateinisch „arca“ für „Kasten oder Behälter“. Hier wird dieses Schiff mit Bergelmir und seiner Natur beladen, der für die materiell-körperliche Schöpfung steht, wie sie nach dem göttlichen Gericht überleben soll. Das altnordische Wort kann aber auch „Mahlkasten“ bedeuten, was an die Mühle Grotti aus dem Mühlenlied von Frodi erinnert. So ist auch die gesamte Schöpfung im Prinzip eine „Problemlösungsmühle“.

Bezüglich der modernen Kosmologie könnte man hier fragen: Wer hat nach dem Urknall im Spiel von Teilchen und Antiteilchen die Antiteilchen „untergehen“ lassen, so dass die Materie des Universums übrigblieb?

Somit ist es nun nach der Sintflut eine göttliche Schöpfung, und alle Götter und Geschöpfe sind Aspekte des Allvaters.

8. Da fragte Gangleri: Was vollbrachten Börrs Söhne, so dass du sie für Götter hältst?

Der Hohe antwortete: Darüber ist viel zu erzählen. Sie nahmen Ymir, schafften ihn ins Ginnungagap (den „gähnenden Abgrund“) und erschufen aus ihm die Erde: Aus seinem Blut wurden das Meer und die Gewässer gemacht, aus dem Fleisch die Erde und aus den Knochen die Berge. Die Steine und das Geröll machten sie aus seinen Zähnen, den Backenzähnen und den Knochen, die zerbrochen waren.

So wurde Odin mit seinen Brüdern zum Schöpfergott, sozusagen zusammen mit Wili als Schöpferwille und We als Schöpfungssegen. Und diese Schöpfung erschufen sie im Ginnungagap, dem „gähnenden Abgrund“, der an den aufgesperrten Rachen des Fenriswolfs erinnert, zwischen Himmel und Erde, ein Weltraum zwischen Subjekt und Objekt, in dem sich das Energie-Wesen von Ymir wieder materialisiert.

Auch unsere moderne Kosmologie kennt den Weltraum als etwas sehr Wunderliches, das über unseren gewöhnlichen Verstand weit hinausgeht. Er ist nichts Statisches, sondern gleicht einem dynamischen („gähnenden“) Gewebe, das eng mit der Zeit verknüpft ist. Ein solcher Raum hat keine Grenzen und daher gibt es kein Außerhalb. So hat er auch keinen Mittelpunkt, sondern jeder Beobachter steht immer in der Mitte des Raumes und kann in jede Richtung bis zum Urknall schauen. Dazu dehnt er sich noch mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten aus, die von der Entfernung abhängig sind und sogar die Lichtgeschwindigkeit übersteigen können, weil der Raum selbst kein Objekt ist. Dazu gibt es noch viele Rätsel in der Wissenschaft, und gegenwärtig werden es immer mehr. Es ist also gar nicht so absurd, wenn wir aus geistiger Sicht von einem „Bewusstseinsraum“ sprechen, denn damit könnte man manches verständlicher erklären…

Zumindest hatte man damals schon im „dunklen Mittelalter“ eine erstaunlich weitsichtige Vorstellung über die Kosmologie, die mit symbolhafter Sprache der damaligen Zeit beschrieben wurde:

Der Gleichhohe sprach dazu: Von dem Blut, das aus den Wunden floss und sich ausbreitete, schufen sie das Meer. Und als sie zusammen die Erde erschaffen und befestigt hatten, leiteten sie dieses Meer rings um sie herum. Den meisten Menschen wird es unmöglich erscheinen, dieses zu überqueren.

Hier kann man an einen Kontinent denken, der von einem Ozean umgeben ist. Oder auch an die Erde, die im Weltraum schwimmt, oder an die körperliche Welt auf dem Meer des Lebens bzw. der Ursachen. Und das Überqueren der Letzteren erscheint uns besonders schwer, wenn nicht sogar unmöglich.

Der Dritte sagte: Sie nahmen auch seinen Schädel, machten daraus den Himmel und setzten ihn an vier Ecken auf die Erde. Und in jede dieser Ecken stellten sie einen Zwerg. Sie heißen Austri, Westri, Nordri und Sudri (Osten, Westen, Norden und Süden). Dann griffen sie nach den Funken, die herumflogen und aus Muspelheim emporgeschleudert wurden. Sie befestigten sie mitten im Ginnungagap oben und unten am Himmel, damit sie Himmel und Erde erleuchteten. Sie gaben allen Feuern Plätze: Einige waren am Himmel (fixiert), andere flogen frei darunter. Doch sie gaben ihnen einen festen Platz und bestimmten ihre Laufbahnen. In alter Kunde wird erzählt, dass dadurch die Tageszeiten und die Zählung der Jahre geordnet wurden. So heißt es in der Weissagung der Seherin (Völuspa, Vers 5):

Die Sonne wusste nicht, wo sie ihren Saal hatte;
Der Mond wusste nicht, was er an Kraft besaß;
Die Sterne wussten nicht, wo ihre Heimstatt war.

So geschah es am Anfang.

Es bleibt wunderbar! Sogar die Himmelsrichtungen sind nicht objektiv, sondern lebendige Naturgeister aus dem Mikrokosmos, die der Gottheit im Makrokosmos dienen. Und die Himmelslichter bestehen aus den geistigen Feuerfunken von Muspelheim, die aus dem Schicksalsbrunnen kommen. Dort halten die Götter auch ihr Gericht und sorgen für die Ordnung in der Welt. Denn ohne einen ganzheitlichen Geist, der für Naturgesetze sorgt, könnte die Schöpfung natürlich nicht bestehen.

Worin liegen nun der Nutzen und der Segen? Eine Antwort wäre: Nur in einer solchen ganzheitlichen Ordnung ist für das Bewusstsein ein Lerneffekt möglich, um sich aus der Illusionsblase der Trennung wieder zur Ganzheit und Wahrheit zu erheben. Wenn jeder seinen eigenen Traum ungehindert leben könnte, wie es die Riesen wünschen, wäre dies nicht möglich. Auf diesem Weg des Lernens ist nun auch die „schäumende Welle“ von Gylfi, der „wandermüde“ Gangleri:

Gangleri sprach: Es sind große Ereignisse, von denen ich hier höre. Das erstaunlichste Werk ist es und zu großem Nutzen (Segen) geschaffen. Wie wurde dann die Erde gestaltet?

Darauf antwortete der Hohe: Sie ist außen kreisförmig, und ringsherum liegt das tiefe Meer. Und die Länder an dessen Stränden gaben sie den Riesengeschlechtern als Wohnort. Aber in der Mitte der Erde errichteten sie einen Wall um die Welt gegen die Angriffe der Riesen. Für diese Burg nahmen sie die Augenbrauen des Riesen Ymir, und sie nannten die Burg Midgard. Dann nahmen sie sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken, so wie es hier erzählt wird (im Lied von Grimnir, Vers 40/41):

Aus Ymirs Fleisch wurde die Erde geschaffen und aus dem Blut das Meer, die Felsen aus den Knochen, die Bäume aus den Haaren und aus dem Schädel der Himmel.

Aber aus seinen Wimpern schufen die freundlich Ratenden (Götter) den Menschensöhnen Midgard, und aus seinem Gehirn wurden alle überaus heftigen Wolken geschaffen.

Damals gab es sicherlich viele verschiedene Vorstellung von der Erdenwelt. Für den alltäglichen Verstand war die flache Erde, von einem unüberwindbaren Meer umgeben, wohl die praktischste Vorstellung für das alltägliche Leben.


Flammarions Holzstich, Wanderer am Weltenrand, Paris 1888, Quelle Wikipedia

Ringsum die Menschenwelt lebten die Riesen des Makrokosmos, doch die Menschen waren in Midgard vor ihrer Übermacht geschützt. Für diesen „Burgwall“ sind Augenbauen, Wimpern und Lid ein gutes Symbol, denn sie beschützen das Auge. Ähnlich werden auch das Bewusstsein und die Sinne der Menschen vor den übermächtigen Riesen beschützt, denn mit ihren gewöhnlichen Sinnen können sie diese nicht erkennen. Dieses Prinzip der Abtrennung von Midgard werden wir später noch als Midgard-Schlange kennenlernen.

So wurde symbolisch aus Ymir die irdische Welt geschaffen: Aus seinem flüssigen Wesen das Flüssige, aus seinem festen Wesen das Feste, aus den Haaren als Gedanken die Bäume im Wald der Vorstellungen, aus dem Gehirn als Verstand der Himmel mit den hellen Lichtern der Erleuchtung und den mächtigen Wolken der Verdunklung. Starke Symbolik!

9. Dazu sprach Gangleri: Sehr bedeutend scheint es mir, dass sie es bewirkt haben, Erde und Himmel zu schaffen, Sonne und Gestirne zu setzen und die Tageshälften einzuteilen. Aber woher kamen die Menschen, die diese Welt besiedeln?

Darauf antwortete der Hohe: Als die Söhne Börrs am Meeresstrand entlangliefen, fanden sie zwei Baumstämme. Die hoben sie auf und erschufen daraus die Menschen. Der Erste (Odin) gab ihnen Seele (Geist, Atem) und Leben, der Zweite (Wili) Verstand und Bewegungsfähigkeit, der Dritte (We) äußere Gestalt, Sprechvermögen, Gehör und Sehsinn. Sie gaben ihnen Kleider und Namen. Der Mann hieß Ask („Esche“), die Frau Embla („Ulme“ oder „Schlingpflanze“), und aus ihnen ging das Menschengeschlecht hervor, dem Midgard zur Heimat gegeben wurde.

Auch die Entstehung der Menschen wird symbolisch stellvertretend für alle Lebewesen beschrieben. Wir können darin zwei Baumstämme aus dem Wald der Vorstellungen sehen, der im Meer der Ursachen untergegangen war. Nun kommen sie wieder zum Vorschein, und die Götter machen daraus verkörperte Menschen. Somit sind auch die Menschen göttliche Geschöpfe und können sich dieses Ursprungs wieder bewusst werden. Der Name des Mannes erinnert an den Weltenbaum selbst, und die Frau wäre seine Seele, die sich fruchtbar verbinden und geistig vereinen können, um sich selbst als Ganzheit wiederzuerkennen. Darin liegt wohl auch das große Ziel der Schöpfung.

Als Nächstes schufen sie sich die Burg in der Mitte der Welt, die Asgard genannt wird. Das nennt man Troja („Burg der Götter“). Dort wohnten die Götter und ihre Sippen. Dort geschah vieles und verbreitete sich auf der Erde und in der Luft. Es gibt dort einen Ort, der Hlidskjalf heißt („Hochsitz des Weitblicks“). Und wenn sich Allvater auf seinem Hochsitz niederließ, da sah er, was alle Welten und jeder einzelne Mensch taten. Er wusste von allen Dingen, die er erblickte. Seine Frau hieß Frigg („Geliebte“), die Tochter von Fjörgwin (auch Fjörgyn als „Gebirge“ bzw. Bergriese). Aus ihrer Familie stammen die Nachfahren, die wir das Asengeschlecht nennen, und die das alte Asgard bewohnten und die Länder, die es umgeben. Diese Sippe stammt von Göttern ab. Aber Allvater mag deshalb so heißen, weil er der Vater aller Götter und Menschen ist sowie von allem, das durch ihn und seine Macht vollbracht (und geschaffen) wurde. So war auch die Erde (Jörd) seine Tochter und (wurde dann) seine Frau. Von ihr bekam er seinen ersten Sohn, und das ist Asen-Thor. Er besaß Macht und Stärke. Darum übertrifft er alle Lebewesen.

Auch die Götter schufen sich eine Burg, um sich von den übermächtigen Riesen abzugrenzen, damit sie in der Welt wirken und ihre Aufgabe erfüllen können. Die dazugehörige Geschichte wird später noch im 42. Absatz erzählt. Und wie Midgard, so steht auch Asgard in der Mitte der Welt. Denn jeder Beobachter steht immer im Mittelpunkt des Universums. Dafür ist auch der Thron Odins ein starkes Symbol, von dem aus alles zu überschauen ist. Praktisch ist es sein eigenes Auge des reinen Bewusstseins.

Nach solcher Weitsicht strebt im Prinzip auch unsere moderne Wissenschaft, aber mehr auf körperlichem Weg. So gibt es mittlerweile große Weltraumteleskope, mit denen man ringsherum fast bist zum Urknall schauen kann. Das bringt uns wunderbare Erkenntnisse. Doch können wir uns darin auch selbst erkennen? Oder haften wir auf diesem Weg immer mehr an der körperlichen Welt der Vergänglichkeit, an unserer seltsamen Vorstellung von „Objektivität“?

Was macht nun der Allvater in der Welt? Er heiratet natürlich die Allmutter, die hier Frigg genannt wird. Symbolisch ist sie die Tochter bzw. Seele des Bergriesens Fjörgyn, womit wohl im Prinzip Bergelmir gemeint ist. Der Name Fjörgyn wird in seiner weiblichen Form auch als Beiname für Jörd als Mutter Erde verwendet. So heiratet Odin die ganzheitliche Seele der körperlichen Schöpfung und somit auch die Erde selbst, die er als Allvater körperlich geschaffen hatte. Daraus wird die göttliche Kraft in Gestalt von Thor geboren, mit der er in der Welt wirken und vor allem Midgard beschützen kann.

10. Nörfi oder Narfi („Dunkelriese“) hieß ein Riese, der in Riesenheim lebte. Er hatte eine Tochter mit dem Namen Nott („Nacht“), die war schwarz und dunkelfarbig, wie es zu ihrem Geschlecht gehörte. Sie war mit dem Mann verheiratet, der Naglfari („Nagelschiff“ als Totenschiff) hieß, ihr Sohn hatte den Namen Aud („Leere, Schicksal, Fülle“). Danach war ihr Mann Annar (der „Andere“) und Jörd („Erde“) hieß ihre Tochter. Schließlich war mit ihr Delling („Morgendämmerung“) vermählt, der (ebenfalls) aus dem Geschlecht der Asen stammte. Ihr gemeinsamer Sohn war Dagr („Tag“). Der war nach seinem Vater hell und schön. Da nahm Allvater Nott und ihren Sohn Dag, gab ihnen zwei Pferde nebst zwei Wagen und schickte sie hinauf an den Himmel. Dort sollten sie jeweils eine Tageshälfte um die Erde fahren. Nott reitet zuerst mit dem Pferd, das Hrimfaxi („Dunkelpferd, Frostmähne“) genannt wird. Jeden Morgen benetzt es die Erde mit seinem Schaum (als Morgentau). Das Pferd, das Dag besitzt, heißt Skinfaxi („Lichtpferd, Leuchtmähne“). Der ganze Himmel und die Erde werden von seiner Mähne erhellt.

Hier kann man nun Nacht und Tag wie Yin und Yang erkennen, das dunkle Weibliche und das helle Männliche. So wird dann auch die Nacht als Tochter bzw. Seele des erstarrten Dunkel-Riesen zur Gebärenden der neuen Schöpfung. Dazu verbindet sie sich mit drei Männern bzw. geistigen Prinzipien:

Zuerst mit Naglfari, dem Totenschiff des Karmas, das an das „Meer der Ursachen“ erinnert, worin alles Sterbende versinkt. An diesem Schiff bleiben sozusagen die karmischen Taten wie „Nägel“ haften, die sich dann in einer neuen Schöpfung wieder auswirken wollen. Dazu gebiert die dunkle Nacht einen Sohn namens Aud bzw. Auðr für „Leere, Schicksal und Fülle“, der an die anfänglich erwähnte Kuh Audhumbla erinnert, um den leeren Raum für die Schöpfung hervorzubringen, der dann durch das karmische Schicksal gefüllt werden will.

Danach heiratet die Nacht Annar, den „Zweiten und Anderen“ als geistiges Prinzip der Verwandlung, in dem wir einen Aspekt des göttlichen Allvaters sehen können. Aus dieser Ehe wird Mutter Erde als Ort des Wachstums und der Erfahrung geboren.

Der dritte Mann der Nacht ist Delling, die göttliche Morgendämmerung, die ebenfalls ein Aspekt des Allvaters ist, um das göttliche Licht als Yang-Prinzip in die Welt zu bringen. Damit sind Bewegung, Veränderung und Wachstum im Wanen-Reich der Natur möglich.

Ähnliche drei Prinzipien wie Aud, Jörd und Dagr kann man dann im Asen-Reich des Geistes als Hödur, Hermodr und Balder wiederfinden. Dann wäre die Erde die „Botschafterin“ zwischen Tag und Nacht als Sinn der Schöpfung. Denn die Reiche von Geist und Natur spiegeln sich natürlich immer miteinander.

Die beiden Pferde für Tag und Nacht erinnern dann an die Verkörperungen von Sonne und Mond, und ihre Wagen könnte man als das tägliche Himmelblau und den nächtlichen Sternenhimmel betrachten, die dann ein Kleid für Aud bilden. Doch ganz so einfach macht es sich der Gylfi-Verstand nicht, wie wir noch lesen werden.

So geht es hier im Spiel von Nacht und Tag sowohl um die Entstehung der sichtbaren Welt aus der Dunkelheit Ymirs, als auch um unsere tägliche Erfahrung von Tag und Nacht im Licht des Bewusstseins. Hier kann man tief über das Wesen des Lichtes nachdenken. Auch die moderne Vision des „Big Freeze“ kennt diesen Dunkel-Riesen als ein riesiges, grenzenlos dunkles Universum, nachdem auch der letzte Stern erloschen ist. In dieser Hinsicht erinnert Aud an den Raum und die Verursachung des Urknalls, Delling als Morgendämmerung an das Licht des Urknalls und Jörd als Erde an die Materie des Universums, die daraus entstanden ist. Doch wie konnte aus dem Dunkel-Riesen des „Big Freeze“ der lichtvolle Urknall einer neuen Schöpfung entstehen? Die moderne Physik kennt dazu eine wunderbare Eigenschaft des Lichtes: Weil das Licht für sich selbst keine Masse hat, besteht es jenseits von Zeit und Raum. Damit ist für das Licht selbst „aus der Sicht des Lichtes“ wieder alles möglich. Denn auch dieser Dunkel-Riese besteht immer noch aus Licht.

Daher heißt es am Anfang des Johannes-Evangeliums: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“ Und die biblische Schöpfungsgeschichte beginnt mit: „Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht...“ Denn aus Licht kann alles werden.

11. Darauf fragte Gangleri: Wie lenkt er (Allvater) den Lauf von Sonne und Mond?

Der Hohe antwortete: Ein Mann wird Mundilfari (der „Zeitbewegte“) genannt, der hatte zwei Kinder. Sie waren so schön und ansehnlich, dass er seinen Sohn Mani („Mond“) und seine Tochter Sol („Sonne“) nannte. Er gab sie dem Mann zur Frau, der Glen („Glanz“) hieß. Aber die Götter wurden wegen dieser Anmaßung (der Namensgebung) zornig. Sie ergriffen die Geschwister und versetzten sie hinauf an den Himmel. Sie ließen Sol die Pferde antreiben, die den Wagen der Sonne zogen. Die Götter hatten sie geschaffen, damit sie die Welt erleuchte, bestehend aus den Funken, die aus Muspelheim aufflogen. Ihre Pferde heißen Arwak und Alswid („Frühwach“ und „Allgeschwind oder Allgewiss“). Unter deren Schultern setzten die Götter zwei Blasebälge, um sie zu kühlen, und in manchen Liedern wird das Eisenkühle genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes und bestimmt Vollmond und Neumond. Er nahm zwei Kinder von der Erde, die Bil und Hjuki heißen („Zeitpunkt“ und „Hockender oder Heilender“), als sie von der Quelle namens Byrgir (die „Verdeckende“) kamen. Sie trugen auf ihren Schultern den (Eimer), der Sägr („See“) heißt, und die Stange Simul („Träger, Bestand“). Widfinnr („Wald-Wanderer“) wird ihr Vater genannt. Diese Kinder folgen Mani, wie es von der Erde aus zu sehen ist.

Auch diese Antwort des „Hohen“ ist wieder eine große Herausforderung für unseren gewöhnlichen Verstand. Da ist zunächst ein Mann bzw. Geist, der von der Zeit bewegt wird. Hier können wir an den Mimir-Verstand denken, der sich zwei begriffliche Kinder mit Namen ausdachte, die an zwei Lichtwesen erinnern, welche die Götter aus den geistigen Muspel-Funken an den Himmel gesetzt hatten, aber sich noch nicht bewegten. So waren die Götter herausgefordert, die beiden Verstandesschöpfungen mit ihrer göttlichen Schöpfung zu verbinden und zu beleben. Warum wird das so kompliziert beschrieben? Hier geht es offenbar um die große Frage: Was wäre das Himmelslicht ohne Verstandeskonstrukte, ohne den Mimir-Verstand der Schöpfung? Seitdem geht die Sonne auf und unter, wie auch der Mond, der dazu noch zu- und abnimmt. Denn im zyklischen Werden und Vergehen besteht das Leben der körperlichen Schöpfung.

So erinnern die beiden Pferde der Sonne im Prinzip an die Pferde, die für Tag und Nacht geschaffen und verkörpert wurden. Am Tag wird die Sonne von Arwak als „Frühwach“ über den sichtbaren Himmel gezogen, und während der Nacht von Alswid als „Allgeschwind oder Allgewiss“ sozusagen unter der Erde wieder zurück. Die göttlichen Blasebälge unter ihren Schultern erinnern an die Lungen für den kühlenden Lebensatem, mit dem sich das körperliche Leben vor dem Muspel-Feuer beschützt. Ähnlich wird im Lied von Grimnir auch die Eisenkühle und ein Schild vor der Sonne beschrieben, dass die körperliche Schöpfung vor ihrem Feuer schützen soll:

37. Arwak und Alswid sollen von hier ermattend die Sonne hinaufziehen. Aber unter ihren Schultern versteckten die freundlich Ratenden, die Asen, kühlendes Eisen.

38. Swalin („Kühler“) heißt der Schild, der vor der Sonne steht, vor der strahlenden Göttin. Berge und Brandung, so weiß ich, werden verbrennen, wenn er von dort herabfällt. (Grímnismál, Vers 37/38)

Warum der Mond kein Pferd hat, ist unklar. Vielleicht wird er indirekt von den Sonnenpferden mitgezogen. Denn von der Erde aus erscheinen Sonne und Mond fast gleichschnell, so schnell, wie sich die Erde dreht. Dazu ist auch das Licht des Mondes eng mit der Sonne verbunden, denn er reflektiert nur das Sonnenlicht. Damit ist der Mond auch ein übliches Symbol für den reflektierenden Verstand, der das reine Licht des Bewusstseins widerspiegelt, aber nicht die Quelle davon ist und somit kein eigenes Licht hat.

Entsprechend war es wohl schon immer eine Herausforderung für die Menschen, das Zu- und Abnehmen des Mondes, seine eigenartigen Flecken, sowie seinen Einfluss auf die Gezeiten des Meers und das Wachstum der Pflanzen zu verstehen. So entstanden mit der Zeit viele symbolische Geschichten. Dazu gibt es zum Beispiel im altindischen Mahabharata eine Geschichte über die Schwindsucht des Mondes. Im obigen Text wird von zwei Kindern von Widfinnr gesprochen, dem „Wald-Wanderer“, der uns wiederum an den Verstand im Wald der Vorstellungen erinnert. Vermutlich sind es Bruder und Schwester, die als gegensätzliche Lebewesen das Zu- und Abnehmen aus der Quelle Byrgir symbolisieren, und als Kinder das ewigjunge Lebensprinzip. Der Eimer mit der Tragestange, welche die beiden Kinder verbindet, erinnert uns auch an die Gezeiten des Meeres: Ein Kind schöpft täglich mit dem Eimer aus, und das andere schüttet das Wasser wieder zurück. Manche Forscher erinnern in diesem Zusammenhang auch an den alten Kindereim von „Jack and Jill“. Zumindest glaubte man, diese beiden Kinder von der Erde aus in den Mondflecken zu sehen:


Quelle: Wikipedia

12. Da sprach Gangleri: Schnell bewegt sich die Sonne und fast so, als ob sie Angst hätte. Sie könnte wohl nicht schneller laufen, auch wenn sie ihren Tod fürchtete.

Darauf antwortete der Hohe: Es ist nicht verwunderlich, dass sie so schnell dahineilt. Der ist nahe, der sie sucht. Und es gibt keinen Ausweg für sie, als zu fliehen.

Auch über dieses Thema kann man viel nachdenken. So kennt auch unsere moderne Wissenschaft eine maximale Lichtgeschwindigkeit. Schneller kann das Licht nicht fliehen vor dem, „der es sucht“, nämlich dem Beobachter. Warum flieht das Licht vor ihm??? Seit dem Urknall flieht es in eine uferlose Weite des Weltalls. Und doch ist es immer noch da, denn wir können auch heute noch das Licht aus dem Urknall beobachten. So ist auch die Sonne immer noch da, obwohl sie ständig auf der Flucht ist, zumindest „scheinbar“. Was ist das für ein wunderliches Treiben?

Gangleri fragte: Wer ist es, der ihr diesen Verdruss bereitet?

Der Hohe antwortete: Das sind zwei Wölfe, und derjenige, welcher ihr unmittelbar folgt, heißt Sköll („Betrug, Schatten“). Sie fürchtet ihn, und er wird sie packen. Aber der vor ihr läuft, heißt Hati („Hass“), der Sohn von Hrodwitnir („berühmter Wolf“, Fenris-Wolf), und er will den Mond ergreifen, was auch geschehen wird.

Aus natürlicher Sicht könnte man zunächst an die Sonnen- und Mondfinsternis denken: Der eine Wolf verzehrt die Sonne, und der andere auf dem gleichen Weg den Mond. Eine ähnliche Symbolik gibt es in der vedischen Astrologie mit Rahu und Ketu. Ein weiterer Aspekt ist der Untergang von Sonne und Mond zu Ragnarök, was später noch behandelt wird.

Doch wenn der „Hohe“ so etwas erzählt, dann meint er sicherlich noch etwas Höheres: Wer jagt und bewegt das Licht durch Raum und Zeit? Die Wölfe kennen wir bisher als Symbol der Vergänglichkeit, und damit sind sie auch Ursachen der Zeit. So wird das Licht der Sonne vor allem von Sköll gejagt, einer Illusion, die Dunkelheit erzeugt, bis hin zum Dunkel-Riesen des „Big Freeze“. Worin besteht diese Illusion der Vergänglichkeit? Ihr geht Hati voraus, der „Hass“ als Prinzip der Trennung, vor allem von Licht und Beobachter, Objekt und Subjekt, wodurch auch die Lichtgeschwindigkeit erscheint. Und daran ist wiederum der Mond als reflektierender Verstand beteiligt, der aber auch vergänglich ist und nur in Raum und Zeit existieren kann.

In dieser Kreisjagd nach dem Licht kann man im Prinzip die drei Grundkräfte von Begierde, Hass und Unwissenheit wiederfinden, die sich auch als Achse im buddhistischen Rad des Lebens unermüdlich im Kreis drehen und alle Welten bewegen. Ähnlich geschieht es hier im Weltenbaum des Lebens. Und damit scheint sich auch das reine Licht des Bewusstseins zu bewegen, das für sich selbst unbeweglich und unveränderlich ist.

Gangleri sprach: Woher stammen diese Wölfe?

Der Hohe sagte: Eine Riesin haust im Osten von Midgard in dem Wald, der Jarnwid („Eisenwald“) genannt wird. Dort leben die Riesenweiber namens Jarnwidjur („Eisenwald-Weiber“). Die alte Riesin gebiert viele Riesen als Söhne und alle in Wolfsgestalt. Von dort stammen diese Wölfe. Man erzählt, dass aus diesem Geschlecht derjenige namens Managarm („Mondhund“) der Stärkste sein wird. Er ist voll des Lebens aller derer, die sterben. Und er wird den Mond verschlingen und den Himmel und die ganze Luft mit Blut bespritzen. Deshalb verliert die Sonne ihren Schein, und die Winde werden zu Stürmen und toben hin und her. So heißt es in der Weissagung der Seherin (Völuspa, Vers 40/41):

Ostwärts saß die Alte im Eisenwald und gebar dort Fenrirs Brut („die Sumpfigen“). Von ihnen allen wird ein Bestimmter in Riesengestalt zum Verschlinger des Mondes.

Er füllt sich mit den Leibern Todgeweihter und rötet der Götter Sitz mit rotem Blut. Schwarz wird der Sonnenschein im Sommer danach, voll schrecklicher Unwetter. Wisst ihr‘s zu deuten?

Woher kommt die Vergänglichkeit? Aus dem Eisenwald in Riesenheim, einem Wald aus eisernen Vorstellungen, einer Riesen-Natur des Makrokosmos aus erstarrtem Verstand. Auch unsere heutige Wissenschaft sucht nach einer solchen „Objektivität“, um etwas Beständiges und Verlässliches zu schaffen, wie es die Riesen in Jötunheim versuchen. Ist das vielleicht der verkehrte Weg zur Unvergänglichkeit? Denn wie im Text steht, werden gerade dort die gefräßigen Wölfe der Vergänglichkeit geboren. Warum?

Der mächtigste Wolf ist der Mondhund. Wie wunderlich! Ja, im Prinzip ist auch ein Hund ein gezähmter Wolf, gezähmt als Wach- und Jagdhund. Für wen? Vielleicht für den Mond selbst als Symbol für den reflektierenden Riesen-Verstand, um diesen zu beschützen. Und es heißt: Er ernährt sich vom Tod, also von toten bzw. erstarrten Vorstellungen, unter denen der Tod wohl die tödlichste ist. Kommt uns das bekannt vor? Auch unsere moderne Wissenschaft behauptet, dass dieses Universum zu 99,9999999999…% tot ist und das Leben nur ein winziges Randphänomen sei. Doch das Wolfs-Wesen bleibt, und ein solcher Verstand der „Objektivität“ schafft sich seinen eigenen Tod. Was uns beschützen soll, bringt uns den Tod. Verrückt!

So können wir uns vorstellen, wie aus dem Mondhund der Wolf Hati wird, der den Mond-Verstand verschlingt und mit seinem Blut als tödliches Gift das göttliche Himmelslicht verdunkelt, und wie aus dem Hass als Prinzip der Trennung wilde Stürme des Geistes entstehen, der in Gegensätze gezwungen wird. So trennt sich dann auch das Lebendige vom Toten, und dieser Weg führt in das Totenreich der Hel als ein scheinbares Ende, das wiederum von einem Hund bewacht wird, nämlich dem Totenhund Garm.

Diese Verbindung von Vergänglichkeit, Trennung und Tod werden wir dann später auch in den Söhnen von Loki und der Riesin Angrboda wiederfinden, als Fenris-Wolf, Midgard-Schlange und Totengöttin Hel. Und daher ist auch Thor unermüdlich in Riesenheim unterwegs, um diesen Riesen-Verstand zu zerschlagen und eine lebendige Schöpfung zu bewahren. Entsprechend heißt es im Harbardlied:

Ich war im Osten und schlug Riesen (Jötune) und schadenstiftende Weiber, die zum Berg gingen. Übermächtig würde das Geschlecht der Riesen, wenn alle lebten. Aus wäre es mit den Menschen in Midgard. (Harbardlied, Vers 23, nach Arnulf Krause und Karl Simrock)

13. Dann fragte Gangleri: Welcher Weg führt von der Erde zum Himmel?

Der Hohe antwortete und lachte dabei: Das ist nicht weise gefragt. Ist dir nie davon erzählt worden, wie die Götter die Brücke mit dem Namen Bifröst („Scheinpfad“ als Lichtbrücke) von der Erde bis zum Himmel schufen? Du musst sie schon gesehen haben. Es kann sein, dass ihr sie „Regenbogen“ nennt. Sie besteht aus drei Farben, ist sehr fest und mit mehr Geschick und Können gearbeitet als andere Bauwerke. Aber so stark sie auch ist, sie wird doch brechen, wenn die Muspel-Söhne kommen und über sie reiten. Ihre Pferde schwimmen durch große Flüsse, dann stürmen sie voran.

Da sagte Gangleri: Es leuchtet mir nicht ein, dass die Götter die Brücke im Vertrauen erschufen, wenn sie einstürzen kann. Vermögen sie doch zu schaffen, was sie wollen.

Darauf sagte der Hohe: Die Götter haben wegen dieses Werks keinen Tadel verdient. Bifröst ist eine gute Brücke, aber es gibt nichts auf dieser Welt, worauf man sich verlassen kann, wenn die Muspel-Söhne heeren.

Hier wird nun das Thema „Licht“ fortgesetzt. Der „Hohe“ lacht bei der Frage nach dem Weg zwischen Erde und Himmel, zwischen natürlicher Vielfalt und göttlicher Einheit. Was sonst als das Licht des Bewusstseins? Hast du noch nie das Licht gesehen? Hier geht es um ein besonderes Licht, das die Götter geschaffen haben, ein geschaffenes und sichtbares Licht der Vielfalt mit drei Grundfarben, für das der Regenbogen ein schönes Symbol ist.

Nur wenn der Himmel weint,
Erblickst du die Farben im Licht.
Tao Shan (205 - 283)

Von den drei Farben erklärt Snorri im 15. Absatz nur das Rot. In anderen Texten aus dieser Zeit wird noch von Grün und Blau gesprochen, die wir auch heute als Grundfarben kennen, aus denen sich alle anderen Farben bis zum Weiß mischen lassen. Damit arbeiten gewöhnlich auch unsere Fernsehgeräte und sonstigen Bildschirme. Mit diesen Farben kann man auch symbolisch spielen: Von oben aus dem Himmel her wäre das Rot die Morgendämmerung der Schöpfung, das dann als gelbe Sonne erscheint. Das Grün erinnert an das Wachstum und die grünen Blätter am Weltenbaum. Und das Blau an das Wasser des Lebens an dessen Wurzel. Von unten, aus irdischer Sicht, erinnert das Blau, das uns als kalte Farbe erscheint, an das Wasser von Niflheim auf der Natur-Seite des Weltenbaums. Grün und Gelb wären die Krone und der Stamm des Baumes. Und Rot ist die feurige Geist-Seite des Baums, wo auch das Feuer von Muspelheim wie ein „Firewall“ dafür sorgt, dass nicht jedes Geschöpf in den Himmel des reinen Lichtes kommen kann, wie es dann im 15. Absatz heißt:

Was du Rotes im Bogen siehst, ist brennendes Feuer. Wenn man alle, die es möchten, über Bifröst führte, würden auch die Bergriesen hinauf in den Himmel ziehen.

Damit würde der Unterschied zwischen Himmel und Erde verschwinden. Was wäre dann noch das Ziel der Schöpfung? Daher verschwindet dieser Unterschied erst zu Ragnarök im Muspel-Feuer. Was bleibt dann? Kann Licht vergehen?

14. Gangleri fragte: Was tat Allvater, als Asgard erbaut war?

Der Hohe sagte: Am Anfang setzte er Herrscher ein und beschloss, dass sie mit ihm die Schicksale der Lebewesen entschieden und über die Anordnung der Burg beratschlagten. Das geschah an dem Ort namens Idafeld („Arbeitsfeld, Feld der Erneuerung“), in der Mitte der Burg. Ihr erstes Werk war, den Hof zu erbauen, in dem ihre zwölf Sitze stehen, sowie der Hochsitz, den Allvater einnimmt. Dieses Haus ist das beste und größte auf der Erde. Außen und innen ist alles wie von Gold. Diesen Ort nennt man Gladsheim („Glanzheim“). Dann erbauten sie eine weitere Halle. Es war ein Tempel, der den Göttinnen gehörte, und ein prächtiger Bau. Ihn nennt man Wingolf („Haus der Freude, Weinhalle“). Danach errichteten sie ein Gebäude, in dem sie Schmiedefeuer anlegten. Dazu fertigten sie Hammer, Zange und Amboss und mit ihrer Hilfe auch alle anderen Werkzeuge. Als Nächstes bearbeiteten sie Erz, Stein und Holz, und so reichlich das Erz namens Gold, dass alle Hausteile und alle Einrichtungsgegenstände daraus bestanden. Diese Zeit wird das Goldzeitalter genannt, bis es durch die Ankunft der Frauen, die aus Riesenheim kamen, verdorben wurde.

Hier wird nun Asgard beschrieben, die Götterwelt des Allvaters, die vor allem aus dem Gold der Wahrheit besteht, sozusagen aus reinem Licht. Denn Götter sind natürlich ganzheitliche Wesen, und daran erinnert auch der Kreis ihrer zwölf Sitze als Kreiszahl der Ganzheit um den Thron des Allvaters. Entsprechend sind auch die Götterwesen, die als Herrscher diese Sitze einnehmen, bestimmte Aspekte der Gottheit, damit sich der begriffliche Verstand diese Götterwelt überhaupt vorstellen kann. So wird dann auch in Götter und Göttinnen unterschieden, die sogar eine eigene Halle bekamen, deren Name bereits an den göttlichen Wein der Illusions- und Schöpferkraft erinnert, mit der die Welt der natürlichen Vielfalt geschaffen wird. Das ist dann auch Idafeld, das Arbeits- und Wirkungsfeld der Götter, um abhängig von den Ursachen die Bedingungen und Umstände in der lebendigen Schöpfung zu bestimmen und damit auch die Schicksale aller Wesen zu entscheiden. Denn nur die Götter haben dazu die nötige, ganzheitliche Sicht. Zumindest können wir uns das so vorstellen. Im Grunde sind es natürlich die Ursachen selbst, die Wirkungen hervorbringen. Doch unser gewöhnlicher Verstand erkennt diese Zusammenhänge nur viel zu kurzsichtig und begrenzt.

So sorgten auch die Götter selbst für alles, schufen sich die Werkzeuge der Natur in ihrem Geistfeuer, sozusagen ihre Waffen, und die gesamte Schöpfung war ihre Götterburg. Daher war es ein goldenes Zeitalter der Wahrhaftigkeit zu Beginn der Schöpfung. Was bedeutet eine solche Welt aus Gold? Dies ist eine starke Symbolik, über die auch Geschichten wie die von König Midas erzählt werden: Ihm wurde aus großer Liebe zum Gold der Wunsch erfüllt, dass alles, was er berührte, zu Gold wurde. Doch dann drohte er zu verhungern, weil er das Gold nicht essen konnte. - Um solch ein erstarrtes Gold geht es hier wohl nicht, sondern um die große Frage: Gibt es etwas, das man bedingungslos lieben kann, egal, welche Form und welchen „Zustand“ es im „Verstand“ annimmt? In dieser Hinsicht sprechen wir gern vom reinen Gold der Wahrheit, vom goldenen Licht des Bewusstseins. Wer dieses Licht liebt, der kann es überall in der Schöpfung sehen und lieben. Als würde man im Kino sitzen und vor allem das Licht auf der Leinwand lieben, egal, welche Bilder darin erscheinen.

Ja, das wäre eine Welt aus reinem Licht, ein Goldzeitalter, bis dann in Riesenheim die Bilder und Vorstellungen der weiblichen Natur übermächtig wurden. Dazu wird in der Völuspa (Vers 8) auch von drei Töchtern der Riesen gesprochen. Manche Forscher sehen darin die Geburt der drei Nornen, die nun im Weiteren das Schicksal mitbestimmen. Man könnte allerdings auch an die allgemeine Übermacht von Begierde, Hass und Unwissenheit der Verstandes-Riesen in der Natur denken, so dass die goldene Zeit der Alleinherrschaft der Götter zu Ende ging und die Trennung der unterschiedlichen Welten begann. Zumindest waren nun die Götter herausgefordert, den Riesen im Makrokosmos die Zwerge des Mikrokosmos entgegenzusetzen:

Dann setzten sich die Götter auf ihre Sitze und erließen ihre Gesetze. Sie erinnerten sich, woraus die Zwerge im Reich der Erde und tief unter der Erde lebendig geworden waren, wie die Maden im Fleisch: Die Zwerge hatten sich zuerst gebildet und waren im Fleisch Ymirs lebendig geworden. Damals waren sie Maden. Aber durch die Entscheidung der Götter erhielten sie Verstandeswissen und Menschengestalt. Doch sie leben im Reich der Erde (Jörd) und (sogar) in Steinen. Modsognir („Mut-Trinker“) war im Ersteren und Durinn („Schläfriger“) im Zweiten. So heißt es in der Weissagung der Seherin (Völuspa, Verse 10-16):

Da schritten alle Ratenden zum Richterstuhl, die heiligsten Götter, und beratschlagten, wer das Volk der Zwerge aus dem blutigen Fluss und den Knochen Blainns (des „Dunkelblauen“ Ymir) erschaffen sollte. Dort entstanden viele menschenähnliche Gestalten, Zwerge im Reich der Erde (Jörd), von Durinn ausgesprochen.

Und diese Namen führt sie an (die Seherin in der Völuspa):
Nyi und Nidi (Vollmond und Neumond), Nordri, Sudri, Austri und Westri (Norden, Süden, Osten und Westen), Althjof (mächtiger Dieb), Dwalinn (Schlafend), Nar (Leiche), Nainn (Toter), Niping (Trauer), Dainn (Verstorben), Bifurr, Bafurr, Bömburr (Dick, Geschwollen), Nori, Ori (Verrückt), Onarr (Anderer), Oinn (Furcht), Mjödwitnir (Met-Wolf), Wigg (Speer, Pferd) und Gandalf (Zauber-Alb), Windalf (Wind-Alb), Thorinn, Fili, Kili, Fundinn (Finder), Wali (Gefallen), Thror (Wachsen), Throinn (Gewachsen), Thekk (Beliebt), Lit (Farbig), Wit (Klug), Nyr (Neu), Nyrad, Rekk (Rathalter), Radswid (kluger Ratgeber).

Und diese sind auch Zwerge, und sie wohnen in Steinen, die obigen aber im Reich der Erde:
Draupnir (Tröpfler), Dolgthwari (Feindbohrer), Haurr (Grauhaarig), Hugstari (Stur-Denker), Hledjolf (Schild-Wolf), Gloinn (Glühend), Dori (Schädlich), Ori (Verrückt), Duf (Schläfrig), Andwari (Gegenwärtig), Heptifili (glatter Griff), Harr (Grauhaarig), Swiarr (Verschwinden).

Und diese kamen von Swarinshaug (Steinhügel) nach Aurwangar (Feuchtwiese) in Jöruwellir (Erde-Feld), woher Lowarr (der Lobenswerte) stammt, und das sind ihre Namen:
Skirfir (Spucker), Wirfir (Färber), Skafid (schädlicher Zauberer), Ai (Stammvater), Alf (Alb), Yngwi (Freyr-Verehrer), Eikinskjaldi (Eichenschild), Fal (Schlamm), Frosti (Frost), Fid (Zauberer), Ginnarr (Betrüger).

So setzen nun Götter dem Streben der Riesen nach Monotonie im Makrokosmos eine Vielfalt der Zwerge als Naturgeister im Mikrokosmos entgegen. Das ist eine wunderbare Vision, die noch deutlicher würde, wenn wir die vielen Zwergnamen klarer übersetzen könnten. Doch dazu gibt es oft nur vage Deutungen, die wir so gut wie möglich in Klammern eingefügt haben.

Woher kommen sie? Die Götter „erinnerten“ sich daran, wie sie im Leib von Ymir wie Maden lebendig wurden, um diesen Leib zu verdauen und wieder in Leben zu verwandeln. Und darum geht es auch den Göttern: Um eine lebendige Schöpfung.

Durch die Entscheidung der Götter erhielten sie Verstandeswissen und Menschengestalt. Wow! Es sind also Verstandesgeschöpfe aus dem Mimir-Brunnen, in denen sich die Menschen wiedererkennen und wiederfinden können. So stellen wir uns die Zwerge auch wie kleine Menschen vor, und die Riesen wie große Menschen. Und das große Ziel besteht wohl darin, dass sich der Mensch im Großen und Ganzen selbst wiedererkennt.

Zunächst werden grundsätzlich zwei Arten beschrieben, nämlich mit dem Wesen von Modsognir und von Durinn, dem Lebensmut und der Schläfrigkeit. Darin können wir die Prinzipien von Bewegung und Trägheit, von Aktivität und Passivität erkennen. So sind Erstere mehr im lebendigen Reich von Mutter Erde wirksam, und Letztere findet man in der erstarrten Materie. Doch auch deren Namen sind interessant und deuten ebenfalls auf eine geistige Schöpfung hin, die im Grunde genauso lebendig ist und sich regenerieren und erneuern kann. Dies wird auch in der letzten Gruppe der Naturgeister angedeutet, die aus dem Stein wieder zur fruchtbaren Erde kommen. Ja, Wunder, Zauberei, Illusion, Wissen und Verstandesschöpfung in heilsamer und schädlicher Richtung. Und nichts Festes und Totes, wie wir uns die Materie heutzutage aus objektiver Sicht vorstellen.

Zugegeben, das klingt märchenhaft. Doch auch das kennt unsere moderne Wissenschaft. So sagte beispielsweise Hans-Peter Dürr, ein führender Physiker im Max-Planck-Institut, 1997 in einem Interview zum Thema „Das Geistige ist die treibende Kraft“ kurzgefasst: Die Natur spielt wie ein Kind mit einer gewissen Vorahnung... Wem nichts einfällt, der verhält sich wie Materie und ist ein Langweiler… Materie ist geronnener Geist, dem nichts mehr einfällt. Deshalb sollten wir die Materie nicht so wichtig nehmen, sondern den Menschen, dem in jedem Augenblick etwas Neues einfällt... (ab 14:35)

So verkörpern die Zwerge als Naturgeister die vielfältigen Gestaltungsaspekte einer lebendigen Schöpfung. Ihre Namen machen ebenfalls deutlich, dass sich manche „Natur-Geister“ mehr zur Natur-Seite des Lebensbaums neigen, bis hin nach Niflhel. Und andere neigen sich mehr zur geistigen Seite nach Lichtalbheim. Überall, wo etwas entsteht und vergeht, sind sie zu finden. Wunderbar! So dienen sie nun den Göttern. In manchen alten Sagen finden sich auch Geschichten, in denen die Riesen versuchen, die Zwerge zu versklaven und für ihre Zwecke zu benutzen. Doch dieses Thema wird in der Edda nicht weiter ausgebaut. Dort dienen sie vor allem den Göttern als Schmiede der Waffen und Werkzeuge, als Bereiter des Dichter-Mets und als Goldquelle (wie Andwari).

15. Gangleri fragte: Welches ist der Hauptort und die heilige Stätte der Götter?

Der Hohe antwortete: Der ist bei der Esche Yggdrasil. Dort sollen die Götter jeden Tag ihre Ratsversammlung halten.

Auf diese Frage antwortet der „Hohe“ wieder mit dem ganzheitlichen Wesen der Götter, die im heiligen bzw. ganzen Lebens- und Weltenbaum beständig herrschen, beraten und richten. Er nennt diesen Baum Yggdrasil, das „Pferd von Ygg“. Ygg ist wieder ein Name von Odin als Allvater, der auch „der Schreckliche“ bedeutet. So steht die große Frage im Raum: Für wen ist dieser Baum schrecklich?

Doch mit dieser kurzen Antwort des „Hohen“ kann der unterscheidende Verstand nicht viel anfangen, und fragt: „Was ist über diesen Ort zu sagen?“ Darauf antwortet dann der „Gleichhohe“.

Dazu meinte Gangleri: Was ist über diesen Ort zu sagen?

Da sagte der Gleichhohe: Die Esche ist der größte und beste aller Bäume. Ihre Äste breiten sich über die ganze Welt aus und erstrecken sich über den Himmel. Drei Wurzeln richten den Baum auf, die sich weit ausdehnen: Eine zu den Asen, und die zweite zu den Frostriesen, dort wo einst Ginnungagap (der „gähnende Abgrund“) war. Die dritte erstreckt sich nach Niflheim („Nebel- und Dunkelwelt“). Unter dieser Wurzel liegt Hwergelmir („siedende Quelle, Kessel-Schreier“), und Nidhöggr („Hass-Schläger, Hass-Schlange“) nagt an ihr von unten. Aber unter der Wurzel, die zu den Frostriesen hinzieht, ist die Quelle Mimirs, in der Klugheit und Verstand verborgen sind. Mimir heißt der, dem sie gehört. Er ist voller Weisheit, denn er trinkt mit dem Horn Gjallarhorn (dem Horn Heimdalls) aus dieser Quelle. Dorthin kam Allvater und erbat sich einen Trunk aus ihr. Aber er bekam nichts, bevor er sein Auge als Pfand gab. So sagt es die Weissagung der Seherin (Völuspa, Vers 28):

Schon weiß ich, Odin, wo du das Auge verbargst, in dem berühmten Brunnen Mimirs. Met trinkt Mimir jeden Morgen aus dem Pfand Walvaters. Wisst ihr‘s zu deuten?

Die dritte (bzw. erstgenannte Asen-) Wurzel der Esche zieht zum Himmel, und unter ihr ist eine Quelle, die sehr heilig ist. Sie heißt Urdbrunnen („Schicksalsquelle“). Dort haben die Götter ihre Gerichtsstätte. An jedem Tag reiten die Asen über Bifröst (Lichtbrücke) zu jenem Ort. Darum heißt sie auch Asenbrücke.

Über die allumfassende Esche als Lebens- und Weltenbaum haben auch wir schon viel nachgedacht und geschrieben. Dazu ist im Abschnitt „Die neun Welten“ folgendes Bild entstanden:

Unten sieht man die drei Brunnen an den drei Hauptwurzeln des Baums: Am Mimir-Brunnen gibt der Allvater sein Auge des Bewusstseins als Pfand für den Mimir-Verstand, der dann mit dem Horn von Heimdall, dem „heimleuchtenden Bewusstsein“, daraus schöpft und die gesamte Verstandes-Schöpfung aus dem Meer des Lebens bzw. Meer der Ursachen hervorbringt. Dies ist wohl eines der stärksten Symbole der gesamten Edda. Und daraus entstehen dann auch in Jötunheim die Verstandes-Riesen des Makrokosmos, die zur Verkörperung und Erstarrung neigen.

Auf der Feuer- bzw. Geistseite des Baums liegt der Urdbrunnen als Schicksalsquelle der geistigen Schöpfung. Hier halten die Götter ihr Gericht über die Verbindungen von Ursachen und Wirkungen, und hier wirkt auch das Feuer von Muspelheim als „Feuer-Wall“, sodass nicht alle Vorstellungen und Wünsche des Verstandes verwirklicht werden können. Das nennt man dann „Schicksal“, das uns geschickt wird und in das wir geschickt werden.

Der dritte Brunnen liegt auf der Wasser- bzw. Naturseite des Baumes. Er ist die Quelle der körperlichen Geburt und körperlichen Schöpfung der vergänglichen Geschöpfe. Der Brunnen heißt Hwergelmir als „siedende Quelle“, die dann den Nebel der Illusion von Niflheim bis hinauf zur Niflhel erzeugt. Der Name selbst bedeutet eigentlich „Kessel-Schreier“ und erinnert an die körperlichen „Kessel“ der Lebewesen, die sich hier aussprechen und auswirken wollen. Hier herrscht auch Nidhöggr als „Hass-Schlange“ bzw. Ego-Schlange mit dem Gift der Trennung. Daraus entstehen die Einzelkämpfer, die im Gegensatz zu den Einheriern vom „Hass geschlagen“ werden und den Weg zur Niflhel gehen, um dort im Totenreich der Hel zu enden.

Die Pferde der Asen haben diese Namen: Sleipnir (Dahingleitend) ist das beste. Es gehört Odin und hat acht Beine. Die anderen sind Glad (Glanz), Gyllir (Golden), Gien (Schein), Skeidbrimir (Schnellrenner), Silfrintop (Silbermähne), Sinir (Muskulös), Gisl (Geißel), Falhofnir (Fahlhuf), Gulltop (Goldmähne) und Lettfeti (Leichtfuß). Balders Pferd war mit ihm verbrannt worden, und Thor geht zu Fuß zum Gerichtsplatz, wobei er Flüsse durchwatet, die so heißen (im Lied von Grimnir, Vers 29):

Körmt („Begrenzung“) und Örmt („Schlange“) und die beiden Kerlauge („Kesselbäder“) muss Thor durchwaten, jeden Tag, wenn er zur Esche Yggdrasil richten geht, denn die Asenbrücke (Bifröst) steht ganz in Flammen, und die heiligen Wasser kochen.

Im Weiteren werden die Pferde als körperliche Aspekte beschrieben, auf denen die geistigen Götter über die Lichtbrücke zum Schicksalsbrunnen an der Wurzel des Lebensbaums reiten, um dort zu beraten und zu richten. Das beste Pferd ist Sleipnir, das „Dahingleitende“ bzw. „Sich-Wandelnde“, in dem wir die gesamte Schöpfung des Allvaters sehen können. Seine acht Beine erinnern an ein Mischwesen aus Männlich und Weiblich bzw. Geist und Natur. Die anderen Pferde deuten das Lichtwesen der körperlichen Schöpfung an, aber auch das Silber als reflektierenden Verstand, die Kraft der Muskeln, die Geißel der Zügelung und die Macht der Bewegung. Eine Ausnahme ist Thor, der vermutlich aus Midgard kommt und zum Teil selbst schon ein körperlicher Aspekt geworden ist. Daher geht er zu Fuß und muss die Flüsse der Verkörperung durchwarten, um davon frei zu sein. Denn nur so kann er unabhängig richten und am gerechten Gericht der Götter teilnehmen.

Dieses Prinzip der Reinigung wird dann auch in der Regenbogenbrücke angedeutet, die „Götterbrücke“, die mit ihrem Feuer- und Wasser-Schutzwall nur Ganzheitliches durchlässt. Der Wasser-Wall der blauen Farbe auf der Natur-Seite erinnert an die Beschreibung der Sintflut. Und das „Kochen der heiligen Wasser“ erinnert daran, dass hier alles körperlich Erstarrte zerkocht wird und somit kein Berg- und Frostriese durch diesen Schutzwall kommt. Der rote Feuer-Wall wird im Folgenden beschrieben:

Da fragte Gangleri: Brennt auf Bifröst Feuer?

Der Hohe sagte: Das, was du rot im (Regen-) Bogen siehst, ist brennendes Feuer. Wenn man alle, die es möchten, über Bifröst führte, würden auch die Bergriesen hinauf in den Himmel ziehen. Viele herrliche Orte gibt es im Himmel, aber über alle reicht göttlicher Schutz. Dort steht eine prächtige Halle an der Quelle unter der Esche. Aus ihr kommen drei Jungfrauen, die Urd, Verdandi und Skuld heißen („Schicksal, Werden und Schuld“). Diese Jungfrauen entscheiden über die Lebenszeit der Menschen (bzw. Lebewesen). Wir nennen sie Nornen. Es gibt aber noch andere, die zu jedem Kind kommen, das geboren wird, um seine Lebensdauer zu bestimmen. Manche stammen von den Göttern ab, andere sind aus dem Geschlecht der Alben, und dritte kommen von den Zwergen, wie es hier heißt (im Lied vom Drachen Fafnir, Vers 13):

Ganz verschiedener Herkunft, sage ich, sind die Nornen. Sie haben nicht dieselbe Abstammung. Manche stammen von den Asen, manche stammen von den Alben, manche sind Töchter Dwalinns (des „Schlafenden“).

So finden wir hier am Urdbrunnen, wo sich die Götter versammeln, eine prächtige Halle als Bewusstseinsraum, aus der drei Jungfrauen kommen. Es sind weibliche Wesen der Natur, die an drei Aspekte der Seele als Prinzip der Verursachung erinnern, die nach männlichem Geist suchen, um sich lebendig zu verwirklichen. Daher liegt auch der Urdbrunnen auf der Geistseite des Lebensbaums. Ihre Namen sind Urd, Verdandi und Skuld als „Schicksal, Werden und Schuld“. Die klassische Deutung sieht in ihnen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aus geistiger Sicht würden wir Urd als Gegenwart betrachten. Denn die Quelle selbst ist die Gegenwart, wo sich auch die Götter als Wesen der Gegenwart versammeln. Verdandi wäre dann das zukünftige Werden, und Skuld die vergangene Schuld im Fluss der Schöpfung. Hier kann man auch an das Konzept von Karma denken und in ihnen das allgemeine Schicksal sehen, sowie das persönliche Verdienst und die persönliche Schuld.

So werden aus den drei prinzipiellen Nornen scheinbar viele weitere Nornen für die verschiedenen persönlichen Wesen, die deren Lebenszeit und Lebensweg bestimmen, abhängig von den angesammelten Ursachen. Bezüglich Urd, Verdandi und Skuld stammen die ersteren Nornen von den Göttern. Die zweite Arte stammt von den Alben, womit vermutlich die Lichtalben als geistiges Entwicklungsziel der Gestaltung gemeint sind. Und die dritte Art stammt vermutlich von den Zwergen als Schwarzalben, nämlich die „schlafenden“ Schulden der Vergangenheit, welche die Wesen in die natürliche Körperlichkeit binden. Denn Materie ist Vergangenheit. Wie wir auch wissen, dass manche Atome fast so alt wie das Universum sind. Darin kann man sich gut die uralten Zwerge vorstellen. Damit wird schließlich auch angedeutet, dass Vergangenheit und Zukunft vor allem Verstandesschöpfungen sind und eigentlich nur die göttliche bzw. ganzheitliche Gegenwart da ist, das ewige Licht, in dem alles erscheint. Daher wird auch der Urdbrunnen als besonders heilig bezeichnet.

So kann man sich die vielfältigen Lebewesen wie viele kleine Wellen auf dem Fluss der Schöpfung vorstellen, die entstehen und vergehen, aber immer mit dem Fluss verbunden sind. Dann kommt es auf den jeweiligen Verstand an, ob sich so eine Welle als Einzelkämpfer versteht oder als Einherier, der immer wieder entsteht und im Grunde vor allem mit der göttlich-ganzheitlichen Quelle verbunden ist, mit dem Auge des Allvaters.

Dazu meinte Gangleri: Wenn die Nornen das Schicksal der Menschen bestimmen, dann entscheiden sie überaus ungerecht. Denn manche haben ein gutes und reiches Leben, andere wenig Gutes und wenig Ansehen. Die einen haben ein langes Leben, die anderen ein kurzes.

Der Hohe sagte: Gute und edle Nornen verschaffen eine gute Lebenszeit, aber bei den Menschen, denen Übles widerfährt, walten schlechte Nornen.

Über Schicksal kann man viel nachdenken. Ego-Wesen, die sich als getrennte Einzelkämpfer betrachten, glauben gewöhnlich, ihr Schicksal selber bestimmen zu können. Und das funktioniert sogar aus ihrer Sicht. Sie sammeln persönliche Ursachen an, Schulden und Verdienste, die sich dann in Zukunft auswirken und neue Ursachen erzeugen. Doch je schwächer das Ego wird, umso mehr wird man zum Einherier. Wer bestimmt dann das Schicksal? Dann kann man sich vorstellen, wie die Götter mit ihren dienstbaren Zwergen im Mikrokosmos das Schicksal im Makrokosmos bestimmen. Das Kleine zeigt sich im Großen, das Innere im Äußeren, der Geist in der Natur. So kann man sich auch vorstellen, dass mit der Geburt bereits die Lebensdauer bestimmt wird. Solche Ansichten findet man in vielen alten Kulturen, und es ist sicherlich sehr beruhigend und befreit von vielen Ängsten, wenn man sein Schicksal so vollkommen in die Hände der Götter und Naturgeister legen kann.

Ähnlich spricht auch Skirnir, der Diener von Freyr, als Aspekt Odins in „Skirnirs Fahrt“ voller Vertrauen:
Bis auf einen halben Tag wurde mir das Alter bestimmt und das ganze Leben festgelegt.

Auf diesem Weg ist wohl auch Gangleri. Doch er sieht immer noch Trennung, wie zwischen den Göttern und Nornen, zwischen Gut und Schlecht, Lang und Kurz, Mein und Dein. Damit erscheint natürlich auch die Frage nach der Gerechtigkeit. Wie dann auch viele Menschen im christlichen Umfeld fragen, warum Gott so viel Ungerechtigkeit zulässt.

Auf diese große Frage antwortet der „Hohe“ wieder nur kurz, um unseren Verstand herauszufordern. Er sagt, dass es in der Trennung gute und schlechte Nornen gibt. Das heißt, Gut und Schlecht erscheinen durch schicksalhafte Verursachung, und das ist gerecht. Denn in der Trennung kann es keine andere Gerechtigkeit geben. Doch beide Erfahrungen sind grundsätzlich Schicksal, das man nicht mehr ändern, aber akzeptieren kann. Darin liegt wohl die große Botschaft des „Schicksals“: Man kann den göttlichen Willen darin erkennen und somit „Amor Fati“, die Liebe zum Schicksal, finden. Das ist der große Weg aus der Trennung der Gegensätze zurück in die Ganzheit, in der man die göttliche Gerechtigkeit wiederfindet. Denn an der Quelle gibt es keine guten oder schlechten Nornen.

Ja, diese Akzeptanz ist der richtige Weg, aber schwer zu verstehen. Unser gewöhnlicher Verstand ist es gewohnt, das Gute festzuhalten und das Schlechte abzublocken. Dadurch blockiert er in beide Richtungen das, was sich im Licht des Bewusstseins auswirken und erlösen will. Akzeptanz ist also keine tödliche Passivität, Dummheit oder Trägheit, sondern die lebendigste und heilsamste Aktivität im Fluss der Schöpfung, das Beste, was man hier tun kann, der heiligste Gottesdienst auf dem Weinberg.

Das Grundproblem ist also die Trennung, und so wird auch dieses Thema weitergeführt:

16. Gangleri fragte: Was gibt es noch mehr an Wunderdingen von der Esche zu sagen?

Der Hohe sagte: Noch vieles gibt es zu erzählen. Ein Adler sitzt in den Ästen der Esche, der manches Wissen hat, und zwischen seinen Augen sitzt der Habicht mit Namen Wedrfölnir („Wind-Verderber“). Das Eichhörnchen, das Ratatosk („Nagezahn“) heißt, springt an der Esche hinauf und hinunter. Zwischen dem Adler und Nidhöggr („Hass-Schläger, Hass-Schlange“) tauscht es Gehässigkeiten aus. Vier Hirsche dringen ins Geäst und beißen die Blätter ab. Sie heißen Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror („Tötend, Schlafend, Dunkelohr und Tür-Gedeiher“?). So viele Schlangen sind in Hwergelmir bei Nidhögg, dass keine Zunge sie zu zählen vermag. So wird es hier gesagt (im Lied von Grimnir, Vers 35):

Die Esche Yggdrasil erduldet Mühsal, mehr als die Menschen wissen: Der Hirsch weidet oben, ringsherum verwest es, und unten nagt Nidhöggr.

So heißt es noch (im Lied von Grimnir, Vers 34):

Mehr Schlangen liegen unter der Esche Yggdrasil, als es jeder törichte Mensch glaubt: Goin und Moin (in der Erde und im Moor), sie sind Grafwitnirs (Grab-Wolfs) Söhne, Grabak und Grafwöllud (Graurücken bzw. alter Wolf und Feld-Gräber), Ofnir und Swafnir (Übertreiber und Schlafbringer bzw. Tötender). Ich meine, dass sie immer an den Trieben des Baumes nagen.

Hier geht es nun um die Frage, wie der Lebens- und Weltenbaum funktioniert und welche wesentlichen Funktionen man darin finden kann. Das wird wieder symbolisch beschrieben, und über diese Symbolik haben auch wir bereits ausführlich geschrieben. Wir möchten es noch einmal kurz zusammenfassen: Im Adler als König der Vögel kann man die Begierde sehen, um sich im Lebensbaum zu erheben. Sogar Odin hatte sich in einen Adler verwandelt, als es um den Dichter-Met ging. Der Habicht zwischen seinen Augen erinnert an einen abgerichteten Jagdvogel für die Jagd nach Begierde-Objekten. So ist er wohl als „Wind- bzw. Geist-Verderber“ das große Hindernis, um die natürliche Begierde aus dem Reich der Trennung in die ganzheitliche Liebe bis ins himmlische Reich der Götter zu erheben, ins reine Licht des Bewusstseins.

Solange das nicht vollbracht ist, gibt es im Reich der Trennung den Hass als Gegensatz zur Begierde, den man in Nidhöggr als Schlange oder Drachen erkennen kann. Und zwischen Hass und Begierde läuft die Unwissenheit des begrifflichen Verstandes als Ratatosk hin- und her, dem „Nagezahn“ in symbolischer Gestalt eines Eichhörnchens. So kann man in Begierde, Hass und Unwissenheit drei geistige Grundprinzipien erkennen, um die sich alles in diesem Baum des Lebens und der Welten dreht.

Im Weiteren werden noch vier Hirsche aufgezählt. Damit könnten vier körperliche Grundprinzipien gemeint sein, die in den Zweigen der Vielfalt die Triebe und Blätter des Baumes als die vielfältigen Lebewesen fressen. Ihre Namen sind Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror. Sie lassen sich nur schwer deuten, etwa als „Tötend, Schlafend, Dunkelohr und Tür-Gedeiher“. Hier könnte man erstens an das Altwerden und den Tod denken, zweitens an die körperliche Trägheit und das Schlafen, drittens an die Verdunklung der Sinne, sodass man die göttliche Ganzheit weder hören noch sehen kann, sowie viertens an das Wachstum der körperlichen Trennwände, die sich wie Türen schließen, aber auch wieder öffnen lassen.

Schließlich wird am Hwergelmir-Brunnen der körperlichen Geburt noch von einer Vielzahl von Schlangen gesprochen, in denen sich Nidhöggr als Ego-Schlange oder Drache in die Vielfalt der Lebewesen vervielfältigt und mit dem Gift der Trennung für deren Tod sorgt. Diese Symbolik ist höchst interessant, wie aus einer Ego-Schlange unzählig viele andere entstehen. Und doch gibt es im Grunde nur ein Ego, und das ist immer das eigene. Wenn dieses besiegt ist, sind auch alle anderen besiegt, weil es dann keine Trennung mehr gibt. Das Ego ist also das Grundproblem für jede Trennung und damit für Vergänglichkeit und Tod. In der Edda stehen dafür die drei großen Symbole der Midgard-Schlange, des Fenris-Wolfs und der Hel als Totengöttin.

Doch törichte bzw. unwissende Menschen können oder wollen dieses Grundproblem der Trennung nicht erkennen, um es zu lösen. Sie leben als Einzelkämpfer und glauben, dass ihr Leben mit der körperlichen Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Somit leben sie praktisch nur auf der Naturseite des Weltenbaums zwischen Niflheim und Niflhel.

Weiter sagt man, dass die Nornen, die am Urdbrunnen wohnen, jeden Tag Wasser aus ihm schöpfen. Und mit dem Sand vermischt, der am Brunnen liegt, gießen sie es über die Esche. Dies dient dazu, dass die Äste weder austrocknen noch verfaulen. Das Wasser ist so heilig, dass alles, was in den Brunnen kommt, so weiß wie die Haut wird, die im Inneren einer Eierschale liegt. Wie es auch hier gesagt wird (in der Völuspa, Vers 19):

Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil, ein hoher und heiliger Baum, mit weißem Sand begossen. Daher kommt der Tau, der in den Tälern niederfällt. Sie steht immergrün über dem Urdbrunnen.

Den Tau, der daher auf die Erde fällt, nennt man Honigtau, und davon nähren sich die Bienen. Zwei Vögel leben (und ernähren sich) im Urdbrunnen, die „Schwäne“ heißen, und von ihnen stammt die Vogelart gleichen Namens ab.

So wechselt nun der „Hohe“ plötzlich vom Geburtsbrunnen zum Schicksalsbrunnen, aus dem die Schicksalsnornen schöpfen, von der Naturseite des Lebensbaums zur Geistseite. Gibt es wirklich unterschiedliche Brunnen, oder nur einen? Wer erzeugt all diese Trennungen? Hat dieser Baum wirklich eine Geist- und eine Naturseite, oder ist es ein ganzheitlicher Baum? Gibt es drei und mehr Nornen, oder nur eine? Welcher Unterschied besteht zwischen Göttergericht und Schicksalsnornen? Gibt es viele Götter, oder nur einen Gott? Gibt es unterschiedliche Hallen, Gebäude und Welten, oder ist es nur ein Bewusstseinsraum, wie im obigen Bild angedeutet?

Ähnlich heißt es nun, dass die Nornen den Baum von außen mit dem Schicksalswasser begießen. Er hat aber auch Wurzeln, die das Wasser des Lebens innerlich in den Baum ziehen. Wer trennt das Innere und Äußere des Baums? Was bedeutet „mit weißem Sand begießen“?

Aus natürlicher Sicht können wir zunächst an Luftfeuchtigkeit, Kohlendioxid und Luftstaub denken. Aus dem Biologieunterricht wissen wir, dass ein Baum vor allem vom Licht lebt und nach dem Licht strebt. Mit seinen Blättern kann er über winzige Öffnungen „atmen“ und Wasser, Nährstoffe und vor allem Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen. Das führt zu einem verblüffenden Fakt: Ein Baum besteht zum Großteil aus Kohlenstoff, den er nicht aus dem Boden, sondern aus der Luft aufnimmt. Das heißt, die „feste Materie“ des Baumes wird buchstäblich aus dem Unsichtbaren der Luft aufgebaut. So sorgen auch die äußeren Bedingungen der Luft für das Wachstum des Baums in einem Gleichgewicht zwischen Vertrocknen und Verfaulen.

Aus geistiger Sicht können wir hier die Aufgabe der Nornen als weibliche Wesen der Natur vor allem in der äußerlichen Gestaltung erkennen, während der männliche Geist mehr von innen heraus über die Wurzeln wirkt und gestaltet. So gießen die Nornen das Wasser des Lebens auch äußerlich auf den Lebensbaum, jedoch vermischt mit dem Sand, der am Brunnen liegt. Und wenn dieser Sand mit dem heilsamen Wasser aus dem Schicksalsbrunnen zusammenkommt, wird er weiß, wie die Haut im Inneren einer Eierschale. Das ist nun wieder eine Symbolik, die sich nur schwer übersetzen und noch schwerer deuten lässt. Also ein typischer Spruch des „Hohen“, der unseren begrifflichen Verstand herausfordert.

Das altnordische Wort „aurr“ kann man mit „Sand“ oder auch „Erde“ übersetzen. Da es um den Brunnen herum liegt, ist es also die Substanz, aus der der Brunnen fließt, die Substanz der Verkörperung, die wir bereits als Salz-Symbol im Frodi-Lied kennengelernt haben. So erinnert auch der „weiße Sand“ an dieses Salz, das sich im Wasser auflösen und daraus wieder kristallisieren und verkörpern kann. Und mit diesem „Salz-Wasser“ könnten die Nornen auch den Baum begießen.

Das altnordische Wort „hvítr“ wird gewöhnlich als „weiß“ übersetzt, kann aber auch „hell“ und „leuchtend“ bedeuten. Damit erinnert dieses Attribut nicht nur an eine körperliche Farbe, sondern auch an das geistige Wesen des Lichtes. In dieser Hinsicht ist wohl auch die Reinigung von allem gemeint, was in den Schicksalsbrunnen kommt: Es verliert seine eigene Farbe und wird wieder weiß, ganzheitlich und göttlich, reines Licht, reine Weisheit.

In dieser Hinsicht wird wohl auch die weiße Haut im Inneren einer Eierschale als Beispiel für eine schicksalhafte Trennung angeführt, die überwunden werden kann. Über diese Haut kann man viel nachdenken: Wie sie das Innere vom Äußeren trennt, und wie sie biologisch ihre schützende und lebenserhaltende Aufgabe erfüllt…

So wandelt sich das Wasser des Lebens als Luftfeuchtigkeit wieder in den Tau auf der kühlen Erde. Symbolisch wird hier vom Honigtau als süßer Nektar in den Blüten des Lebensbaums gesprochen. Dieser verbindet wiederum das Innere mit dem Äußeren, denn dieser Zuckersaft besteht vor allem aus Kohlenstoff und Wasser, also „flüssig gewordener Luft“. Ähnlich verbinden sich auch die fleißigen Bienen mit den Blüten und produzieren den Honig für den berühmten Met, den Göttertrank der Ganzheit, um alle Trennungen zu überwinden, womit sich der Kreis wieder schließt. Wunderbare Symbolik!

Schließlich wird noch von zwei Schwänen berichtet, die als verliebtes Paar gemeinsam im Urdbrunnen leben. Auch sie haben in diesem heiligen Wasser ein weißes Kleid bekommen. Um diese Symbolik weben sich viele alte Sagen von Schwanen-Wesen, die ihr Federkleid ablegen und in diesem Brunnen wie in einem Jungbrunnen baden und sich regenerieren können. Daher stammen auch alle Vögel dieser Art von ihnen ab, und doch sind sie im Großen und Ganzen nur ein Vogel: Ein Lebewesen, das sich im Liebespiel von Männlich und Weiblich über die Generationen mit der Kraft des Schicksals reinigen kann. So kann es zur göttlichen Quelle zurückkehren und sich zum reinen Licht erheben. Wunderbar!

In dieser Hinsicht kann man über den Unterschied zwischen dem Urdbrunnen mit den Schwänen und Hwergelmir voller Schlangen nachdenken, zwischen Geist- und Naturseite, zwischen geistiger Erneuerung und körperlicher Geburt, die sich dann im Mimir-Brunnen wieder vereinen.

17. Darauf sprach Gangleri: Vieles kannst du mir vom Himmel erzählen. Welche anderen Hauptorte gibt es dort außer dem Urdbrunnen?

Der Hohe sagte: Viele prächtige Orte gibt es dort. Es gibt eine Stätte, die Albenheim („Heim der Naturgeister“) genannt wird. Dort lebt das Volk der Lichtalben, die Dunkelalben dagegen wohnen unten in der Erde (im Reich von Jörd als Tochter der Nacht). Sie unterscheiden sich im Aussehen und noch mehr in ihren Erfahrungen. Die Lichtalben sind an Gestalt schöner als die Sonne, aber die Dunkelalben sind schwärzer als Pech. Dort ist auch der Ort, der Breidablik („Weit- und Breitglanz“) genannt wird, und nichts ist herrlicher als er. Weiterhin gibt es den Ort namens Glitnir („Glänzender“), dessen Wände sind wie alle Plätze und Säulen aus rotem Gold, aber sein Dach ist aus Silber. Dann gibt es dort den Ort, der Himinbjörg („Himmelsburg“) heißt, der liegt am Himmelsrand beim Brückenkopf, dort, wo Bifröst den Himmel berührt. Es gibt auch einen großen Hof namens Walaskjalf („Sitz bzw. Reich der Gefallenen“). Der gehört Odin. Die Götter erbauten ihn und belegten das Dach mit reinem Silber, und in dieser Halle steht der Hochsitz namens Hlidskjalf („Hochsitz des Weitblicks“). Wenn Allvater darauf sitzt, übersieht er alle Welten.

So fragt nun Gangleri mit seinem begrifflichen Verstand nach weiteren Orten, Welten und Hallen im großen Lebensbaum. Und der „Hohe“ spricht vor allem von der oberen Welt, die dem Himmelslicht am nächsten ist. Dort ist das Reich der Alben bzw. „Natur-Geister“, die sich mehr zum Licht der Geistseite des Baumes neigen, während andere mehr zur dunklen Naturseite geneigt sind. Es sind mehr oder weniger lichtvolle Bewusstseinsräume, die im Grunde aus dem Gold der Wahrheit bestehen. Nur ihre Dächer und sonstige Grenzen sind aus dem Silber des Verstandeswissens. Schließlich gehören sie doch alle zum „Hof“ von Odin als Allvater, dem Reich der Geschöpfe, die in die Trennung und damit auch in die Gestaltung und den Kampf gefallen sind. Dort hat Odin seinen Thron des „Weitblicks“, von dem er alle Welten übersieht, sein Auge des reinen Bewusstseins, das alles durchschaut. Eine ausführlichere Beschreibung dieser „Orte“ gibt es im Lied von Grimnir, gleich in den ersten Versen.

Am südlichen Himmelsende steht der Saal, der von allen der schönste und strahlender als die Sonne ist. Er heißt Gimle („Feuergeschützt“), und er wird noch bestehen, wenn Himmel und Erde untergegangen sind. Ihn bewohnen gute und rechtschaffene Menschen aus allen Zeiten. So heißt es in der Weissagung der Seherin (Völuspa, Vers 64):

Einen Saal sehe ich stehen, schöner als die Sonne, mit Gold gedeckt, in Gimle. Dort werden treue Gefolgschaften wohnen und für immer die Freude genießen.

Da fragte Gangleri: Was schützt diesen Ort (Gimle), wenn Surts Feuer Himmel und Erde verbrennt?

Der Hohe sagte: Es wird gesagt, dass weiter südlich (von Lichtalbheim) ein zweiter Himmel über dem ersten (der im Feuer vergänglich ist) existiere, und der heißt Andlang („Endloslang“). Aber oberhalb von ihnen besteht noch ein dritter Himmel, welcher Widblain heißt („Weit-Blau“). Wir glauben, dass dieser Ort (Gimle) in jenem Himmel liegt. Und wir glauben, dass ihn schon jetzt einige Lichtalben bewohnen.

Hier spricht nun der „Hohe“ vom reinen Licht, von dem der ganze Baum lebt und nach dem der ganze Baum strebt. Dieses Licht von Gimle haben wir in unserem Bild des Weltenbaums links oben über Lichtalbheim und Asgard symbolisch als Sonne dargestellt, die auch „Albenstrahl“ oder „Albenbestrahlerin“ genannt wird. Dazu wird gesagt: Dieser Saal bzw. Bewusstseinsraum hat im Gegensatz zu den bisherigen Räumen kein Dach aus Silber, sondern aus dem Gold der Wahrheit und besteht somit grenzenlos in Raum und Zeit aus ewigem Licht. Denn alle Bilder im Licht sind vergänglich, aber das Licht selbst ist ewig. So sind auch alle Formen im Bewusstsein vergänglich, aber das Bewusstsein selbst ist ewig. Was sonst? Sonst wäre es bereits vergangen.

Unterhalb bzw. innerhalb dieses ewigen Himmels kann man sich Andlang vorstellen, einen Bewusstseinsraum mit endloser Zeit, in dem die essenziellen Wesen der Götter, Naturgeister, Einherier und sonstiger Geschöpfe sogar über die Schöpfungszyklen hinweg „überleben“. In einem solchen Raum können wir uns noch Bewegung und Veränderung vorstellen, ähnlich wie im endlosen Meer der Ursachen. Und innerhalb dieses Raums befindet sich dann der Bewusstseinsraum der Schöpfung mit Asgard und dem gesamten Weltenbaum, in dem sich wiederum viele weitere Räume und „Orte“ bilden, wie sie auch anfangs beschrieben wurden. Doch über allem ist Gimle.

Welche Lichtalben bewohnen schon jetzt Gimle? Die Lichtzwerge? Aus moderner Sicht können wir hier über die Photonen nachdenken, die in Raum und Zeit wirken können, aber für sich selbst keine Ruhemasse haben und damit jenseits von Zeit und Raum ewiges Licht sind. So ist auch unser Bewusstsein im Hier und Jetzt in der Ewigkeit. Und der „Hohe“ sagt: Das ist göttlicher Glaube, ganzheitlicher Glaube. Wie auch Johann Gottfried Herder gedichtet hat:

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier;
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsere trägen Schritte
Nach Raum und Zeit
Und sind (und wissen´s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.

18. Gangleri fragte: Woher kommt der Wind? Er ist so stark, dass er große Meere bewegt, und er entfacht Feuer. Aber so mächtig er auch ist, kann man ihn doch nicht sehen, denn er ist von wundersamer Beschaffenheit.

Darauf sagte der Hohe: Das kann ich dir wohl erklären. Am nördlichen Himmelsrand sitzt der Riese, der Hräswelg („Leichen-Verschlinger“) heißt. Er hat die Gestalt eines Adlers, und wenn er die Flügel zum Flug ausbreitet, dann entsteht der Wind unter seinen Schwingen. Wie es hier heißt (im Lied von Wafthrudnir, Vers 37):

Hräswelg heißt er, der am Himmelsrand sitzt, ein Riese in Adlergestalt. Von seinen Flügeln - so sagt man - kommt der Wind über alle Menschen.

So fragt nun auch Gangleri nach der Quelle jener unsichtbaren Kraft, die in unserer Welt so mächtig ist und viel bewegt. Aus natürlicher Sicht entsteht der Wind durch Hoch- und Tiefdruckgebiete, indem die Atmosphäre versucht, Unterschiede im Luftdruck auszugleichen. Der Motor dafür ist vor allem wieder die Sonne, wenn sie die Erdoberfläche unterschiedlich erhitzt.

Die Antwort des „Hohen“ geht aber noch darüber hinaus. Dazu wechselt er seine Betrachtung vom südlichen Himmel der Geistseite des Lebensbaums wieder zum nördlichen Himmel der Naturseite. Dort sitzt im Gipfel des Baumes ein Verstandes-Riese, der die Adler-Gestalt der Begierde angenommen hat und mit seinen Flügeln schlägt, um sich in den Himmel zu erheben. Er heißt „Leichen-Verschlinger“, sitzt sozusagen über Niflhel und lebt von toten Körpern, wie auch unser objektiver Verstand in seiner Wissbegierde gern von toten Objekten leben will. Doch damit kommt er weder in den Himmel von Andlang noch von Gimle. Ja, nicht einmal nach Asgard oder Lichtalbheim, weil er die Naturseite des Baumes nicht verlassen will. Er erzeugt nur jede Menge Wind im gedanklichen Verstand. Das heißt, er erzeugt mit seinen beiden Flügeln viele Unterschiede, Trennungen und Gegensätze, die sich dann mit immer weiteren Gedanken wieder ausgleichen wollen. Das kennen wir im Prinzip aus unserer modernen Naturwissenschaft, die schon so viel Wissen erzeugt hat, aber nicht auf die Geistseite kommt. Daher kommen wir auch der ganzheitlichen bzw. göttlichen Weisheit nicht näher.

Immer mehr, Immer mehr, Immer mehr
Und der Wind weht wieder übers Meer
Immer mehr, Immer mehr, Immer mehr
Ich fang' ihn ein und hol' ihn dir her…
(Lied von Herwig Mitteregger, 1985)

19. Dann fragte Gangleri: Wie kommt es zu dem großen Unterschied, durch den der Sommer heiß sein soll, der Winter aber kalt?

Der Hohe antwortete: Kein weiser Mann sollte dies fragen, denn alle wissen es zu beantworten. Aber wenn du schon so unwissend bist und davon noch nichts gehört hast, so will ich es doch als gut ansehen, dass du lieber einmal töricht fragst, als weiterhin nichts von etwas zu wissen, das man doch wissen sollte. Swasud („Angenehm“) heißt derjenige, welcher der Vater des Sommers ist. Er führt ein glückliches Leben, so dass es nach seinem Namen „angenehm“ heißt, wenn es gut geht. Doch der Vater des Winters wird abwechselnd Windljoni („Windwesen“) und Windswal („Windkalt“) genannt. Er ist ein Sohn des Wasad („Nasskalt“). Diese Sippen waren wild und kaltherzig, und der Winter hat ihren Charakter.

So forscht nun die „schäumende Welle“ weiter nach dem Ursprung der Trennung und fragt, woher der Unterschied zwischen heißem Sommer und kaltem Winter kommt. Aus natürlicher Sicht ist es wieder die Sonne, die im Sommer höher steht und heißer scheint als im Winter. Und doch wissen wir, dass sich nicht die Sonne verändert und bewegt, sondern unsere Erdenwelt relativ zur Sonne.

Der „Hohe“ antwortet, dass ein weiser Mann bzw. Geist nicht immer mehr nach Unterschieden fragen soll, sondern endlich das Wesen der Trennung und Unterscheidung erkennen soll. Denn damit erübrigen sich viele weitere Fragen.

Die Unterschiede entstehen nicht irgendwo in der äußeren Welt, sondern im begrifflich-gedanklichen Verstand des Beobachters, der sich von der Welt getrennt sieht. Damit schafft er bereits eine grundsätzliche Trennung. So weist auch der „Hohe“ noch einmal auf die Quelle der Trennung hin: Durch die Vorstellung von angenehm und warm erscheint der Sommer, und durch unangenehm und kalt der Winter, obwohl es doch eine ganzheitliche und göttliche Schöpfung ist. Das ist der geistige Wind des Verstandes, der die Trennungen und Unterschiede erzeugt. Er bewegt und verändert alles und macht uns sogar kalt und hartherzig. Daraus entstehen auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter des Lebens, und dann scheint das Wasser des Lebens im Tod zu erstarren. Dagegen kämpfen die Götter, vor allem Thor mit seinem Hammer. Und das geschieht im Großen wie im Kleinen, von den Zeitaltern der Schöpfung über die Lebenszyklen der Geschöpfe bis hin zum Lauf der Jahreszeiten und Tage.

Dies scheint Gangleri nun erkannt zu haben, sodass sich die folgenden Fragen wieder von der Natur zur Geistseite wenden und sich vor allem auf die Götter als ganzheitliche Wesen richten:

20. Gangleri sprach: Wer sind die Asen, an die die Menschen glauben sollen?

Der Hohe antwortete: Es gibt zwölf göttliche Asen.

Darauf sprach der Gleichhohe: Die Asinnen sind nicht weniger heilig, und sie vermögen ebenso viel.

Warum sollten Menschen an Götter glauben? Den größten Nutzen könnte man darin sehen, dass der Mensch sich auch selbst als ganzheitliches Wesen erkennen kann. Damit lässt sich die hartnäckige Vorstellung von der Trennung überwinden, nur ein vergängliches Geschöpf zu sein, das mit dem Körper geboren wird und stirbt, dessen Leben beginnt und endet. Das eröffnet dem Geist eine viel weitere Perspektive, und der Mensch kann sich vom Einzelkämpfer zum Einherier entwickeln. Auf diesem Weg löst sich die Identifikation mit dem eigenen Körper langsam auf, das allgemeine Leiden lässt sich einfacher ertragen, die schreckliche Angst, das Leben zu verlieren, verschwindet, und viele weitere Probleme, die durch den Ego-Verstand über lange Zeit angesammelt wurden, können sich auflösen. Doch wer sind diese „Götter“ als ganzheitliche Wesen, an die man glauben soll? Gibt es sie wirklich? Und in welcher Form?

Mit dieser großen Frage beginnt praktisch ein neues Kapitel auf dem Weg von Gangleri, und die Antwort wird wieder auf drei Ebenen gegeben. Denn über die reine Gottheit selbst kann man eigentlich nichts sagen, weil sie weder Form noch Grenzen hat, die unser begrifflicher Verstand begreifen könnte. So antwortet der „Hohe“ kurz und bündig mit dem ganzheitlichen Kreis der zwölf göttlichen Asen. Der „Gleichhohe“ unterscheidet weiterhin in männlich und weiblich bezüglich Geist und Natur, die ebenfalls heilig, heil und ganzheitlich sind. Und der „Dritte“ begibt sich schließlich auf die begriffliche Ebene der Namen:

Und der Dritte sprach: Odin ist der vornehmste und älteste der Asen. Er beherrscht alle Dinge. Wenn die anderen Götter auch mächtig sind, so dienen sie ihm doch alle, wie die Kinder ihrem Vater. Frigg ist seine Frau, und sie weiß alles über das Schicksal der Menschen. Doch sie macht keine Weissagungen. So wie hier gesagt wird, als Odin selbst mit dem Asen sprach, der Loki heißt (nach Lokasenna, Vers 29):

Verrückt bist du, Loki und von Sinnen! Warum hörst du nicht auf, Loki? Ich meine, Frigg weiß alle Schicksale, auch wenn sie selbst nicht davon spricht.

Odin heißt Allvater, weil er der Vater aller Götter ist. Er heißt auch Walvater („Vater der Gefallenen“), weil er alle diejenigen als Söhne annimmt, die auf der Walstatt fallen. Er nimmt sie in Walhall und Wingolf („Halle der Gefallenen“ und „Weinhalle“) auf, wo sie dann Einherier heißen. Man nennt ihn auch Hangagud, Haptagud und Farmagud („Gott der Gehangenen, Gefangenen und Beladenen“).

Einer eigentlich unfassbaren „Gottheit“ am nächsten kommt die Vorstellung von Odin, dessen Name auch „Inspiration“ bedeutet, der ganzheitliche Geist, der alles lebendig und veränderlich macht. So ist er der Allvater von allem, was entsteht, von allen Geschöpfen, die in die Trennung und damit in Bindung und Kampf fallen, der Schöpfergott und der Geist aller Wirkungen. Und wer sich darin erkennt und sich in der ganzheitlichen Halle wiederfindet, in Walhall und Wingolf, der wird zu seinem geistigen Sohn, zum Einherier, der „im Heer der Einheit“ kämpft, solange die Schöpfung besteht.

Wenn nun Gott als Allvater betrachtet wird, muss es natürlich auch eine Allmutter geben. In dieser Rolle können wir seine Ehefrau Frigg sehen, deren Name sich als „Geliebte“ deuten lässt. Dann wäre sie im Spiel von Männlich und Weiblich als Geist und Natur die ganzheitliche Seele der Natur als Prinzip der Verursachung. Sie versinnbildlicht sozusagen die potenziellen Ursachen, die der Geist dann lebendig macht und auswirkt. Daher weiß sie auch alles über das Schicksal der Menschen und aller anderen Wesen, spricht es aber selbst nicht aus, denn dafür ist sie mit Odin verheiratet. Doch letztlich ist es nur unser Verstand, der sich solche Trennungen vorstellt, um etwas begreifen zu können. Denn Geist und Natur lassen sich in Wahrheit ebenso wenig trennen wie Ursache und Wirkung. Daher kann man in jedem männlichen und weiblichen Wesen immer auch beides finden. Ein Beispiel dafür sind die Seherinnen, Walas oder Völvas, die in der Edda mehrfach beschrieben werden. Sie kennen das Schicksal und sprechen es auch selbst aus, wodurch sie schöpferisch wirken. Ähnlich kennen auch die Götter das Schicksal, wenn sie sich am Schicksalsbrunnen zum Gericht versammeln.

So ist es ein Spiel der Namen und Begriffe, die sich der Verstand ausdenkt und vorstellt, um die Welt zu begreifen, in der er lebt. Das ist wohl unser Werkzeug auf dem Weg der Erkenntnis, bis hin zur berühmten Selbsterkenntnis in Allem. Problematisch wird es jedoch, wenn sich solche Namen und Begriffe verhärten und als Wahrheit gelten wollen. Daher war es schon immer sinnvoll, der Gottheit eine Vielfalt an Namen zu geben, wie sie auch in der Natur als Vielfalt der Formen erscheint. Nur so haben wir eine Chance, das Namen- und Formlose als Einheit in der Vielfalt zu erkennen, Gott in Allem.

Dazu hat er sich noch auf vielerlei Art bezeichnet, als er zu König Geirröd kam (im Lied von Grimnir):

Ich heiße Grimr (Maskierter) und Gangleri (müder Wanderer), Herjan (Heerführer), Hjalmberi (Helmträger), Thekk (Beliebter) und Thridi (Dritter), Thud (Bleicher, Farbloser), Ud (Gönner), Helblindi (der Hel nicht sieht) und Har (Hoher), Sad (Wahrer) und Swipall (Veränderlicher) und Sanngetall (Wahrheitsfinder), Herteit (Heer-Froher) und Hnikarr (Erweckender), Bileyg (Einäugiger), Baleyg (Feueräugiger), Bölverkr (Übeltäter), Fjölnir (Vielwissender, Vielfältiger), Grimnir (Maskierter), Glapswid (weiser Verführer) und Fjölswid (höchst Weiser), Sidhött (Langhut), Sidskegg (Langbart), Siegvater, Hnikud (Erreger), Allvater, Atrid (Angreifer) und Farmatyr (alles tragender Gott), Oski (Wunscherfüllender) und Omi (Hellhöriger), Jafnhar (Gleichhoher), Biflindi (mit bemaltem Schild), Göndlir (Zauberer) und Harbard (Graubart), Swidurr (Speerwerfer), Swidrir (Speerträger), Jalk (Hengst), Kjalarr (Schlittenführer) und Widurr (Wald), Thror (Gedeihlicher), Ygg (Schrecklicher), Thund (Mächtiger), Wak (Wachender), Skilfing (Beschützer), Wafud (Wellender), Hroptatyr (rufender Gott), Gaut (Gote bzw. Göttlicher) und Weratyr (Gott der Menschen).

In dieser Vielfalt der Namen finden sich auch Har, Jafnhar und Thridi wieder, der „Hohe, Gleichhohe und Dritte“, mit denen Gangleri hier spricht, dessen Name ebenfalls in der Liste steht. So sind auch sie Aspekte von Odin, wie wohl alles in der Schöpfung. So kann man schließlich erkennen, dass Gott immer nur mit sich selbst in sich selbst spricht, ein göttliches Auge mit seinem anderen Auge. Wunderbar! Doch der Weg dahin ist für den Verstand noch weit:

Gangleri sprach: Sehr viele Namen habt ihr ihm gegeben. Ich glaube, dahinter muss großes Wissen stecken, wenn man die Kenntnisse und Beispiele hat, welche Ereignisse zu jedem dieser Namen gehören.

Darauf antwortete der Hohe: Viel Wissen gehört dazu, dies alles genau zu erklären. Aber trotzdem sei dir kurzgefasst gesagt, dass die meisten Namen, so viele, wie es auch Sprachen in der Welt gibt, deshalb vergeben worden sind, weil alle Völker seinen Namen in ihre eigene Sprache überragen mussten, zur Anrufung und zur Bitte für sich selbst. Doch einige Geschehnisse, nach denen die Namen gebildet wurden, fanden auf seinen Fahrten statt. Sie werden in den Erzählungen berichtet. Und du kannst dich keinen weisen Mann nennen, wenn du von diesen großen Taten nichts zu erzählen weißt.

Hier steht wohl nun die Frage, wie viel Wissen man braucht, um Gott hinter all seinen Namen zu erkennen? Dazu antwortet der „Hohe“ kurzgefasst mit der natürlichen Vielfalt der Völker und Sprachen. Das heißt, es steckt eigentlich gar kein vielfältiges Wissen dahinter, sondern alle Namen meinen eigentlich das Gleiche, nämlich Gott, das Große und Ganze. Darüber kann man natürlich vielfältigste Geschichten erzählen. Doch die Weisheit dieser Geschichten besteht nicht im vielen Wissen, sondern in der Botschaft, die über alles Wissen hinausgeht. Das sind die wirklichen „Göttergeschichten“, die ein weiser Mensch erzählen kann.

Auch unsere moderne Welt ist vollgestopft mit Wissen. Wie viele Bücher, Filme und Geschichten konsumiert heutzutage jeder Mensch! Aber bringt uns das Gott näher, der Ganzheit, Vollkommenheit und Zufriedenheit? Hier könnte man über den Dichter-Met der Skalden in Kvasirs Geschichte nachdenken, wie ihn Odin selbst gewonnen und getrunken hat.

21. Da sprach Gangleri: Wie sind die Namen der anderen Asen? Was können sie leisten, und was haben sie an Großem vollbracht?

Der Hohe sagte: Thor ist der herausragendste unter ihnen. Er wird auch Asen-Thor oder Öku-Thor genannt („Götter-Thor“ oder „Wagen-Thor“ bzw. „Götter-Donner“ oder „Rollender Donner“). Er ist der Stärkste aller Götter und Menschen. Er herrscht über das Reich, das Thrudwang heißt („Kraft-Feld“), und seine Halle trägt den Namen Bilskirnir („Blitz-Schlag“). In diesem Saal sind fünfhundertundvierzig Räume. Es ist das größte Haus, von dem die Menschen wissen. So heißt es in Grimnirs Lied (Vers 24):

Fünfhundert Räume und vierzig, so denk ich mir Bilskirnir (den Palast von Thor) im Ganzen. Von den Häusern, die ich überdacht weiß, kenn ich das meines Sohnes als das größte.

Thor hat zwei Böcke, die Tanngnjost und Tanngrisnir heißen („Zähneknirscher“ und „Zähnefletscher“), und einen Wagen, wenn er ausfährt; und die Böcke ziehen diesen Wagen. Er besitzt außerdem drei Kostbarkeiten: Als erstes den Hammer Mjölnir („Zermalmer“), den die Frost- und Bergriesen gut kennen, wenn er durch die Luft geschwungen wird. Und das ist nicht verwunderlich, denn er hat so manchen Schädel ihrer Väter und Verwandten zerschmettert. Die zweite hervorragende Kostbarkeit, die er besitzt, ist ein Kraftgürtel. Wenn er ihn sich anlegt, erwächst ihm die doppelte Asenstärke. Aber er hat noch eine dritte große Kostbarkeit: Das sind Eisenhandschuhe. Am Hammerschaft kann er sie nicht entbehren. Niemand jedoch ist so klug, dass er seine ganzen Heldentaten aufzählen könnte. Doch ich kann dir so viele Geschichten von ihm erzählen, dass die Zeiten vergehen würden, bevor alles gesagt wäre, was ich weiß.

So sind nun die vielfältigen Götter alles Söhne bzw. geistige Aspekte des Allvaters. Und Gangleri fragt folgerichtig nach dem Wesen der einzelnen Götter, um die ganze Gottheit umfassender zu verstehen. Der „Hohe“ antwortet und beginnt mit Thor, dem „Donner-Gott“. Im Kapitel „Das Wesen von Thor“ haben wir bereits viel über ihn nachgedacht und geschrieben. In ihm können wir die personifizierte Kraft und Stärke der Götter erkennen, aber auch den „gerechten Zorn der Götter“, der sich vor allem gegen die Berg- und Frostriesen richtet, also gegen die Erstarrung in der Natur und in diesem Sinne für das Leben der gesamten Schöpfung. Er wurde von Odin gezeugt und von Jörd, der Mutter Erde, geboren. So wird sein Wirkungsbereich Thrudwang genannt, das „Feld der Kraft“, wo körperliche Kraft für die lebendige Schöpfung fruchtbar wachsen kann. Seine Halle Bilskirnir erinnert als Reich des „Blitz-Schlags“ an den Bewusstseinsraum der verkörperten Lebewesen. Diese gehen in der Schöpfung wie Lichtblitze dem Donnerschlag voraus, erscheinen kurze Zeit und vergehen schnell. Denn alles, was entsteht, muss auch wieder vergehen. Die 540 Tore werden ebenfalls für Walhall beschrieben und verbinden somit diese beiden Räume. Doch die Bedeutung der Zahl ist immer noch unklar.

Der Wagen von Thor erinnert an die irdische Körperlichkeit, um sich auf der Erde bewegen zu können. Er wird von zwei Böcken gezogen, die an das weltliche Spiel der Gegensätze erinnern und mit ihren Zähnen an den „Biss“ als Antrieb, damit sich hier etwas bewegen kann. Thor selbst kann diese Böcke schlachten, als Nahrung verwenden und mit seinem Hammer wieder regenerieren. Starke Symbolik!

Seine Hauptwaffe ist der Hammer Mjölnir, der „Zermalmer“, den die Frost- und Bergriesen fürchten. Denn mit dieser Waffe kämpft er gegen die übermächtige Erstarrung und Verfestigung in der Schöpfung und sorgt damit für die lebendige Beweglichkeit. Es ist also keine Waffe der tödlichen Zerstörung, sondern ein göttliches Werkzeug für das Leben in der Schöpfung. Es wurde von den Zwergen der Naturgeister im Reich der Gestaltung geschaffen und von den Göttern am meisten gelobt.

Ein zweites symbolisches Hilfsmittel ist sein Kraftgürtel. Damit kann er sozusagen seine ganzheitlichen göttlichen Kräfte auf ein bestimmtes Ziel bündeln und ausrichten. Und entsprechend vervielfältigt sich auch seine Kraft.

Ein drittes symbolisches Hilfsmittel sind seine Eisenhandschuhe. Wir können sie als eine Art Schutzhandschuhe betrachten, um sich vor den karmischen Wirkungen des Handelns zu schützen. Das ist wohl auch das Wichtigste für einen Gott, denn sonst würde er sein ganzheitliches Wesen verlieren und wie andere Geschöpfe in die Trennung fallen und karmische Schuld ansammeln.

So bleibt auch Thor ein göttliches Wesen, das man niemals ganz begreifen kann. Und das bestätigen die letzten beiden Sätze: „Niemand jedoch ist so klug, dass er seine ganzen Heldentaten aufzählen könnte…“

22. Dazu meinte Gangleri: Ich möchte auch nach Neuem über andere Asen fragen.

Der Hohe sagte: Ein zweiter Sohn Odins ist Balder, von dem nur Gutes zu erzählen ist. Er ist der Beste, und alle rühmen ihn. Er ist von Gestalt so schön und hell, dass von ihm ein Leuchten ausgeht. Es gibt eine Pflanze, die so weiß ist, dass sie mit Balders Augenbrauen verglichen wird. Sie ist die weißeste aller Pflanzen, und daran kannst du seine Schönheit erkennen, sowohl die seines Haares als auch die seines Körpers. Er ist der weiseste der Asen, der redegewandteste und huldvollste. Doch mit ihm verbindet man die Eigenschaft, dass sein Urteil keinen Bestand haben kann. Er wohnt an dem Ort, der Breidablik („Weit- und Breitglanz“) heißt und im Himmel ist. An diesem Ort kann nichts unrein sein. So wie hier gesagt wird (im Lied von Grimnir, Vers 12):

Breidablik heißt der Ort, wo sich Balder eine Halle errichtet hat, auf dem Land, wo ich die wenigsten Fluchrunen liegen weiß.

Wie Thor auf der Erde um das ewige Lebensprinzip kämpft, so spricht nun der „Hohe“ vom ewigen Lichtprinzip, das vom Allvater gezeugt und von Frigg, der Allmutter als reine Seele der Schöpfung, geboren und verkörpert wurde. Diese „Lichtheit“ ist einer der grundlegendsten Aspekte der Gottheit. Denn alles, was das Bewusstsein erkennen kann, erscheint natürlich zwischen der ewigen Lichtheit und ewigen Dunkelheit, die dann als Balders blinder Bruder Hödur geboren wird. Aus logischer Sicht müssen diese Prinzipien ewig sein, denn sonst wären sie bereits vergangen. So berichtet dann auch die Edda, dass sie Ragnarök überstehen. Vergänglich sind nur die Formen, in denen sich der schöpferische Verstand diese Prinzipien vorstellt.

Dazu spricht der „Hohe“ eine Pflanze an, mit der vermutlich die Strandkamille gemeint ist, die man im Isländischen noch heute Baldursbrá („Balders Augenbrauen“) nennt. Ihre Blüten erinnern an eine Sonne mit weißen Strahlen. Daher zählt die Kamille zu den wichtigen Sonnenwendkräutern, die noch heute traditionell um die Sommersonnenwende (Johanni) gesammelt werden. Sie gilt als Pflanze, die Segen bringt und dunkle Mächte abwehrt.

Diese Vergänglichkeit des formhaften Lichtes wird vermutlich auch mit seiner Eigenschaft angesprochen, dass sein Urteil keinen Bestand haben kann. Das heißt, in Zeit und Raum wird es nie reine Lichtheit geben. Hier können wir uns wieder an die Eigenschaft der Photonen erinnern: Wie unsere moderne Wissenschaft weiß, besteht ein Photon für sich selbst jenseits von Zeit und Raum, ist aber als Wirkung in der Welt vergänglich bzw. wandelbar. Darüber wird Gangleri später noch die Geschichte von „Balders Tod“ hören.

Entsprechend lebt Balder für sich selbst in einem reinen und heiligen Himmelreich, das im Lied von Grimnir mit an höchster Stelle gleich neben dem Reich von Heimdall genannt wird, aber nach unserer Tabelle mehr auf der Naturseite liegt. In dieser Hinsicht spricht der „Hohe“ nun auch von einem typischen „Gott der Natur“:

23. Ein dritter Ase ist der, den man Njörd nennt. Er lebt im Himmel an dem Ort namens Noatun (Schiffsplatz, Meer). Er bestimmt den Lauf des Windes und regelt Meer und Feuer. Ihn ruft man bei Seefahrten und Fischfang an. Er ist so reich und mit Erfolg gesegnet, dass er den Menschen aus der Fülle an Land und Vermögen etwas geben kann. Darum wird er auch angerufen. Njörd stammt nicht aus dem Geschlecht der Asen. Er wuchs in Wanaheim auf, aber die Wanen gaben ihn den Göttern als Geisel und nahmen im Austausch den, der Hönir heißt. Er war Teil der Friedensvereinbarung zwischen Göttern und Wanen.

Zwischen Licht- und Dunkelheit erscheint nun die körperliche Schöpfung. Auch das ist ein Aspekt der Gottheit, dass das Ungestaltete Gestalt und das Formlose Form annehmen kann. Wunderbar! Diese Gestaltungskraft kann man als ganzheitliches Wesen in den Naturgöttern der natürlichen Elemente finden. Dafür steht in der Edda vor allem Njörd als Gott des Windes, Meeres und Feuers. Damit lebt er an der Grenze zwischen dem Meer der Ursachen und der irdischen Schöpfung, sozusagen als Grundlage der materiellen Schöpfung, symbolisch am Ufer des Meeres. Man könnte in ihm auch ein ganzheitliches Wesen von Bergelmir sehen, der von der Sintflut gereinigt und zur göttlichen Schöpfung wurde.

Den Krieg zwischen den Asen und Wanen könnte man sich am Ende des goldenen Zeitalters vorstellen, als die Macht der Natur übermächtig wurde und die Herrschaft der Götter bedrohte. Über diesen symbolischen „Wanenkrieg“ haben wir bereits im Abschnitt über „Mimirs Kopf“ ausführlich geschrieben. Er endete mit einem Friedensvertrag, indem man sich gegenseitig als Götter anerkannte und dafür symbolisch Geiseln austauschte. So wurde Njörd ein Ase, und Hönir, den wir als göttliche bzw. ganzheitliche Vernunft gedeutet haben, wird zum König der Wanen in der Natur. Das heißt, Geist und Natur wurden von beiden Seiten als Einheit anerkannt. Denn auch hier ist es nur der begriffliche Verstand, der diese Trennung zwischen Geist und Natur erzeugt. Für eine Gottheit gibt es eine solche Trennung nicht.

Njörd hat die Frau mit Namen Skadi, die Tochter des Riesen Thjasi. Doch Skadi will die Wohnstatt haben, die ihrem Vater gehört hatte. Sie liegt in den Bergen an dem Ort, der Thrymheim heißt („Heim des Kampflärms“). Njörd will jedoch nahe am Meer leben. Sie einigten sich darauf, neun Tage in Thrymheim zu verbringen und danach die anderen neun in Noatun. Doch als Njörd vom Gebirge nach Noatun zurückkam, sprach er folgendes:
„Leid sind mir die Berge, ich war nicht lange dort, nur neun Tage. Das (laute) Geheul der Wölfe erschien mir übel im Vergleich zum Gesang der Schwäne.“

Darauf antwortete Skadi:
„Und ich konnte am Meeresstrand wegen des Geschreis der Vögel nicht schlafen. Die Möwe weckte mich jeden Morgen, wenn sie vom Meer kam.“

Dann reiste sie hinauf ins Gebirge und wohnte in Thrymheim. Sie ist viel auf Schneeschuhen mit dem Bogen unterwegs und jagt Tiere. Sie heißt Schneeschuh-Göttin oder Ski-Dise, wie es hier gesagt wird (im Lied von Grimnir, Vers 11):

Thrymheim heißt es, wo Thjasi wohnte, der übermächtige Riese. Aber nun bewohnt Skadi, die strahlende Braut der Götter, den alten Hof des Vaters.

Die „Geschichte von Thjasi und Skadi“ wird zu Beginn des Skaldenbuches erzählt und wurde von uns bereits ausführlich gedeutet. Skadi ist die Tochter und symbolisch die Seele eines Frostriesen, der sich in einen Adler verwandelte, um durch seine Begierde in der Welt körperlich unsterblich zu werden. Dafür wurde er von den Göttern erschlagen, und als Buße für diese Tat boten sie Skadi an, einen der Götter nach ihrer Wahl zu heiraten. Doch sie konnte mit ihrer Sicht nicht mehr als deren Füße sehen, mit denen sie auf der Erde standen. Zwar wünschte sie sich den schönen Balder zum Ehemann, doch sie wählte Njörd, was auch ihrem Wesen entsprach. So wurde Skadi, die Tochter des Berg- und Frostriesen, zur Wintergöttin und bewohnt immer noch gern die eisigen Berge, wo die Wölfe vor Hunger heulen. Ihre Ehe mit Njörd wird somit zum Symbol für das Wellenspiel der natürlichen Verkörperung im Draupnir-Ring der Regeneration, ähnlich dem Wellenspiel von Sommer und Winter, die scheinbar getrennt leben und doch miteinander verbunden sind.

24. Njörd aus Noatun bekam später zwei Kinder: Das eine hieß Freyr (als fruchtbarer Sommergott) und die Tochter Freya (als Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin). Sie waren von schönem Äußeren und mächtig. Freyr ist der vornehmste unter den Asen. Er bestimmt über Regen und Sonnenschein und damit über die Fruchtbarkeit der Erde. Es ist günstig, ihn um gute Ernte und Frieden anzurufen. Zudem bestimmt er den Reichtum der Menschen. Freya ist die angesehenste der Asinnen. Sie besitzt im Himmel den Hof, der Folkwang heißt („Volks-Feld“). Wenn sie zum Kampf reitet, erhält sie die Hälfte der gefallenen Krieger, die andere Hälfte bekommt Odin. So heißt es hier:

Folkwang heißt es, wo Freya entscheidet über die Sitze im Saal. Die Hälfte der Gefallenen wählt sie jeden Tag, die andere Hälfte gehört Odin.

Ihre Halle Sessrumnir („Raum der vielen Sitze“) ist groß und prächtig. Wenn sie reist, fährt sie mit einem Katzengespann und sitzt in einem Wagen. Für die Menschen ist es am naheliegendsten, sie anzurufen, und von ihrem Namen kommt der Ehrentitel, mit dem vornehme Frauen als „Damen“ bezeichnet werden. Ihr gefallen die Liebeslieder, und es ist nützlich, sie in Liebesdingen anzurufen.

So zeugte Njörd mit der Wintergöttin einen fruchtbaren Sommergott sowie eine Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit. Diese beiden können als das große Ziel im Spiel von Geist und Natur betrachtet werden: Die Liebe, um die Trennung zu überwinden, und die fruchtbare Macht zur ewigen Erneuerung und Regeneration.

Damit herrscht Freya im Reich der Verkörperung und erhält die Hälfte der gefallenen Kämpfer. Dabei geht es vermutlich weniger um die Anzahl, sondern mehr um das Wesen der gefallenen Geschöpfe: Odin sorgt für die geistige Erneuerung, und Freya für die körperliche Regeneration im Reich der Natur. Die Einzelkämpfer, die geistig und körperlich in der Hel enden, werden hier nicht erwähnt, und vielleicht ist das auch nur ihre eigene Einbildung. Hier wird betont, dass jeder einen Sitz in Freyas großer bzw. ganzheitlicher Halle hat, ebenso wie in Odins Walhall.

Ähnlich wie Thor, fährt auch Freya auf einem körperlichen Wagen, der jedoch von zwei Katzen gezogen wird. Diese erinnern an den Schutz der Häuslichkeit vor den gierigen Mäusen, wofür die Katzen oft gehalten wurden. In ihrem Wesen wird Freya gern mit Frigg verglichen, und auch der Name ihres Ehemanns Odr erinnert an Odin. So wird Gangleri im 35. Absatz noch hören:

Freya ist einem Mann vermählt, der Odr heißt („Lebensgeist, Inspiration“). Deren Tochter heißt Hnoss („Schatz“): Sie ist so schön, dass nach ihrem Namen alles bezeichnet wird, was schön und kostbar ist. Odr zog fort auf ferne Wege, und Freya weint ihm nach, und ihre Tränen sind rotes Gold.

Seitdem wandert die Seele der Körperlichkeit durch die Welt und ist auf der Suche nach ihrem Ehemann, dem Geist, der alles lebendig macht. Dabei weint sie die Tränen aus dem roten Gold der wahren Liebe. Wow! Das ist eine wundervolle Vision, wie Schönheit und Liebe der äußeren Natur dazu dienen, den unvergänglichen Geist des Lebens wiederzufinden.

25. Darauf sprach Gangleri: Mächtig scheinen mir diese Asen zu sein. Und es ist nicht verwunderlich, dass ihr so große Macht habt, wenn ihr die Kenntnisse über die Götter besitzt und wisst, an wen man sich mit welchen Bitten wenden soll. Gibt es denn noch mehr Götter?

Der Hohe sagte: Es gibt noch einen Asen, der Tyr heißt. Er ist am kühnsten und beherztesten, und er bestimmt sehr stark über den Sieg im Kampf. Für tapfere Männer ist es gut, ihn anzurufen. Man sagt, dass der Tyr-mutig ist, der den anderen Männern vorausgeht und sich nicht scheut. Er ist auch so weise, dass gesagt wird, derjenige sei Tyr-weise, der außerordentlich weise ist. Ein Zeichen seiner Kühnheit ist: Als die Asen den Fenriswolf überzeugten, sich die Fessel Gleipnir („Verursachung“) anlegen zu lassen, traute er ihnen nicht, ob sie ihn auch wieder davon befreien würden. So steckten sie ihm als Pfand eine Hand Tyrs ins Maul. Aber dann wollten ihn die Asen nicht mehr befreien. Darauf biss er die Hand ab, und zwar an der Stelle, die jetzt „Wolfsglied“ heißt. Tyr ist also einhändig und wird nicht als Friedensstifter der Menschen bezeichnet.

Die Frage von Gangleri ist interessant, denn sie besagt, dass er sich immer noch nicht bewusst ist, wer er selbst ist und mit wem er eigentlich spricht. Es ist aber auch sehr schwer, zu dieser Bewusstheit durchzubrechen. Für diesen höchsten Sieg steht nun ein weiterer Aspekt der Gottheit, nämlich Tyr als „Gott des gerechten Sieges“. Denn wer für die Gerechtigkeit im höheren und ganzheitlichen Sinn kämpft, kann eigentlich nicht verlieren. Im Gegensatz zu den Einzelkämpfern, die schließlich immer verlieren werden, egal, um was sie kämpfen, weil sie in der Trennung leben.

Die Geschichte von der Fessel Gleipnir wird später im 33. Absatz noch ausführlich erzählt. Unter allen Göttern war nur Tyr bereit, seine Hand als Pfand zu geben, ähnlich wie Odin sein Auge als Pfand gab. Es war sogar seine rechte Hand, die er als Symbol der Gerechtigkeit gab und scheinbar verlor, weil die Götter ihr Versprechen nicht einhielten, den Wolf wieder loszubinden, und im Prinzip auch gar nicht wollten und konnten. Denn wer könnte die Fessel der „Verursachung“ lösen, wenn sie einmal angelegt ist? Wie gerecht und wahrhaftig ist also diese Schöpfung? Wie gerecht ist es, die Vergänglichkeit zu fesseln, sodass nicht alles gleich wieder vergeht, was entsteht? So liegt nun die rechte Hand der Gerechtigkeit als Pfand im Bauch des Fenriswolfs, der allgegenwärtigen Vergänglichkeit, die alles verschlingen will, was entstanden ist. Darüber kann man tiefgründig nachdenken, was wohl auch vom „Hohen“ beabsichtigt ist:

So ist nun Tyr einhändig, wie Odin einäugig ist, um die Schöpfung und darin das Lernen in Zeit und Raum zu ermöglichen. Daher ist Tyr auch kein „Friedensstifter“ in der Welt, denn das Leben in Zeit und Raum bleibt ein ewiger Kampf gegen die Vergänglichkeit. Das heißt: Wahrer Frieden ist nicht in vergänglichen Dingen zu finden, sondern nur jenseits von Zeit und Raum. Vielleicht ist gerade das der „gerechte Sieg“, wenn man eine Hand als Wolfsglied der Vergänglichkeit opfert, um „einhändig“ jenseits der weltlichen Gegensätze zu handeln, jenseits von „Ich gegen Dich“ oder „Gewinn gegen Verlust“, wie auch Odin „einäugig“ mit dem Auge der Einsicht schaut. Diese Art des ganzheitlichen Handelns ist der Tyr-Mut und die Tyr-Weisheit des gerechten Sieges, denn nur dann ist auch Gerechtigkeit möglich.

Der „gerechte Sieg“ wäre demnach kein Triumph über einen Feind, sondern der Sieg über die eigene Identifikation mit dem Vergänglichen, so dass es keinen Verlierer mehr gibt. Denn nur das kann ein gerechter Sieg sein, wenn es keinen Verlierer gibt. Und wer wie Tyr wirklich bereit ist, seine „Hand“ als Wolfsglied im Rachen der Vergänglichkeit zu opfern, hat bereits gewonnen, denn er zeigt, dass er im Unvergänglichen wurzelt.

Aus dieser ganzheitlichen Sicht geht auch nie etwas verloren, weder eine Hand noch ein Auge. Denn wie könnte in der Ganzheit etwas verlorengehen?

26. Bragi heißt ein anderer. Er ist für seine Weisheit berühmt, und vor allem für seine Beredsamkeit und Wortkunst. Er beherrscht am besten die Dichtkunst, und nach ihm wird sie Bragr („Dichtung“) genannt. Nach seinem Namen werden jene als Bragr-Männer oder Bragr-Frauen bezeichnet, die die Wortkunst besser beherrschen als andere, sei es Frau oder Mann. Seine Ehefrau ist Idun. Sie verwahrt in ihrer Truhe (Eski, dem „Eschenkästchen“) die Äpfel, von denen die Götter essen sollen, wenn sie altern. Dann bleiben sie alle jung, und so wird es bis zu Ragnarök sein.

Dazu meinte Gangleri: Überaus wichtig scheint mir, dass die Götter sie in ihrer Obhut haben und dass sie Idun vertrauen.

Der Hohe sprach und lachte dabei: Einst wäre es beinahe schiefgegangen. Ich werde davon erzählen, doch zunächst sollst du noch mehr von den Namen der Asen hören.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Gottheit ist die Inspiration der Dichter für Geschichten, die den begrifflichen Verstand zum Göttlichen erheben können. Daran erinnert auch das deutsche Verb „dichten“, um das vielfältig zerstreute Wissen wieder zu „verdichten“ und in eine Ganzheit zu führen. Und dafür steht hier Bragi, der Gott der Poeten und Dichter, der praktisch das gesamte Skaldenbuch für Gymir bzw. Ägir als „Lebewesen“ im Meer des Lebens erzählt.

Als Gott wurde Bragi von Odin gezeugt. Seine Mutter wird in der Edda nicht ausdrücklich genannt. Bezüglich der Geschichten würden wir an Gunnlöd denken, die Tochter des Bergriesen Suttung. Dieser hatte den Dichter-Met in einem Berg aus Materie verborgen und durch seine Tochter bzw. Seele dort bewachen lassen. Odin drang jedoch zu ihr vor und vereinigte sich mit ihr, um den Dichter-Met für die Götter wiederzugewinnen. Und diese Vereinigung blieb sicherlich nicht fruchtlos…

Bragis Ehefrau ist Idun, die „Erneuernde und Verjüngende“, die Göttin der Jugend und Unsterblichkeit mit den goldenen Äpfeln. Darin kann man die unvergänglichen Früchte der Wahrheit erkennen, von denen die Gestalten der Götter über den gesamten Schöpfungszyklus jung und lebendig bleiben. So zeigen sich diese Früchte auch in der göttlich inspirierten Dichtkunst, die die ganzheitlichen Götterwesen unsterblich in unserer Erinnerung bewahrt.

Doch einst wäre es beinahe schiefgegangen. Dies ist wohl eine Anspielung auf die Geschichte vom Frostriesen Thjasi, der Idun für sich gewinnen und als Ehefrau behalten wollte, um körperlich unsterblich zu werden. Doch damit begann das Göttliche und Geistige zu altern und zu sterben. Ähnliches hat wohl auch unsere moderne Naturwissenschaft im Zuge der „Aufklärung“ versucht, weshalb Friedrich Nietzsche vom „tollen Menschen“ schrieb:
„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? …“ (Fröhliche Wissenschaft)

Doch das geschah zum Glück nur „beinahe“. Schließlich rettet sich das Göttliche selbst. Denn auch Idun ist nur ein Aspekt dieser unbegreiflichen Gottheit. In ihrem Wesen erinnert sie an den Ring Draupnir, den Ring der Erneuerung und Regeneration. So wird sie im Lied von „Odins Rabenzauber“ auch als Tochter der Zwerge bzw. Naturgeister bezeichnet und mit Urd in Verbindung gebracht. Denn das Schicksal sorgt ebenfalls für Erneuerung und Regeneration. In dieser Hinsicht kann man auch an die beiden Schwäne im Urdbrunnen denken.

So geht es nun noch weiter in die geistige Tiefe und zugleich in die höchste Höhe:

27. Heimdall heißt einer, der auch der weiße Ase genannt wird. Er ist mächtig und heilig, und wurde von neun Jungfrauen geboren, die Schwestern waren. Er heißt auch Hallinskidi („Widder, Gehörnter“) und Gullintanni („Goldzahn“), weil seine Zähne von Gold sind. Sein Pferd heißt Gulltopp („Goldmähne“). Er wohnt auf Himinbjörg (der „Himmelsfestung“) bei Bifröst (der „Licht- bzw. Regenbogenbrücke“). Er ist der Wächter der Götter und sitzt am Himmelsrand, um die Brücke vor den Frost- und Bergriesen zu schützen. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Meilen weit. Er hört auch das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was überhaupt hörbar ist. Er hat eine Trompete, die Gjallarhorn („Rufhorn“) heißt, und bläst er hinein, so wird es in allen Welten gehört. Heimdalls Schwert heißt Hofund (Hǫfuð, „Kopf bzw. Manneshaupt“). Weiter wird gesagt (im Lied von Grimnir, Vers 13):

Himinbjörg heißt es, wo Heimdall - so sagt man - die heilige Stätte beherrscht. Dort trinkt der Götterwächter im friedlichen Heim selig den süßen Met.

Auch sagt er selbst in Heimdalls Gesang (dessen Text leider verlorenging):

Ich bin der Sohn von neun Müttern, von neun Schwestern geboren.

Ein weiterer mächtiger und heiliger Aspekt der Gottheit ist Heimdall. Sein Name lässt sich deuten als „der die Heimat bzw. Welt erleuchtet“ oder „der heimleuchtet“. In diesem Sinne ist er das Licht der Welt, das Licht des Bewusstseins zwischen Licht- und Dunkelheit, in dem man eine große Aufgabe erkennen kann: Es soll die Geschöpfe, die in weltliche Trennung und Kampf gefallen sind, wieder nach Hause in die Gottheit führen. Dafür kämpft auch er. Sein Beiname Hallinskidi erinnert an einen kämpfenden Widder, und Gullintanni an den Goldzahn als „Biss der Wahrheit“. Und so reitet er auch buchstäblich auf der Wahrheit, auf dem reinen Licht im Himmel über der Regenbogenbrücke. Dort bewacht er das Himmelreich der Götter auf der Brücke zwischen Himmel und Erde. Diese Regenbogenbrücke kennen wir bereits als Feuer- und Wasser-Schutzwall, der nichts Formhaftes und von der Gottheit Getrenntes durchlässt. Ja, dadurch werden die Götter als ganzheitliche Wesen beschützt.

Heimdall mit seiner Trompete Giallarhorn über Bifröst als Regenbogenbrücke

In diesem Sinne ist Heimdall die reine Wachsamkeit, Achtsamkeit oder Bewusstheit, die im Grunde niemals schläft und alles überschauen kann. So „hört er das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen“. Damit ist wohl eine Bewusstheit gemeint, die nicht durch körperliche Sinne begrenzt ist. Was ist das für eine Bewusstheit? Hier könnte man an göttliches Bewusstsein denken, das sich nicht mehr an die begrenzten und vergänglichen Formen bindet, sondern das unvergängliche und formlose Bewusstsein selbst erkennt, sozusagen Gott in Allem. Ähnlich spricht man auch im Yoga von vier Bewusstseinsebenen: Der traumlose Tiefschlaf, der traumhafte Schlaf, das traumhafte Wachsein und das traumlose Wachsein als höchste Ebene, die alles andere in sich enthält.

Zu diesem Höchsten ertönt wohl auch der Ruf des Bewusstseins mit dem Gjallarhorn, der in allen Welten gehört wird, ja, sogar in der Dunkelheit des Tiefschlafs. Dieser Ruf wurde als Gestaltung der Gottheit symbolisch von Odin gezeugt und von neun Jungfrauen geboren, die man als Töchter von Ägir, dem Meer des Lebens, auch als neun Wellen betrachtet. Praktisch kann man darin die neun Welten und den gesamten Lebensbaum sehen, der doch im Grunde nur für diesen Ruf von Heimdall zum Licht wächst. Es ist der Ruf des göttlichen Bewusstseins ins himmlische Licht der ewigen Gottheit, für alle Geschöpfe, die in die Trennung der Formhaftigkeit gefallen sind und somit im Weltenbaum in Zeit und Raum leben.

Seine Waffe bzw. sein Schwert lässt sich als „Manneshaupt“ deuten und erinnert an den heilsamen Menschenverstand oder besser noch an die Menschenvernunft. Entsprechend hieß es auch oben im 15. Absatz, dass der Mimir-Verstand mit dem Gjallarhorn von Heimdall aus dem Mimir-Brunnen alles Verständliche schöpft, und damit im Prinzip die gesamte Schöpfung. Und dafür gab Odin sein Auge zum Pfand.

28. Hödur heißt ein weiterer Ase. Er ist blind und überaus stark. Aber die Götter wollten nicht, dass dieser Ase genannt wird, weil seine Tat bei Göttern und Menschen zu lange im Gedächtnis bleiben könnte.

Hier fordert der „Hohe“ nun wieder unseren gewöhnlichen Verstand heraus, der nur in Gegensätzen denken kann. So glauben wir auch, die angedeutete Geschichte über die Tat von Hödur zu verstehen: Hödur verkörpert als „blinder Ase“ das ewige Prinzip der Dunkelheit und ist „überaus stark“, so dass er sogar seinen Bruder Balder als das ewige Prinzip der Lichtheit töten und zur Hel schicken konnte. Daraufhin wurde von Odin Wali als ewiges Lebensprinzip gezeugt und von Rinda geboren. Gleich nach seiner Geburt tötete er den „überaus starken“ Hödur und sandte auch ihn zur Hel.

Wie kann man das verstehen? Die Geschichte ist doch voller Widersprüche. Wie lassen sich diese auflösen? Wie bekommen wir solche Gegensätze wieder aus unserem Gedächtnis, um die göttliche Ganzheit wiederzufinden? Daher wollen die Götter wohl nicht, dass wir allzu viel von „Dunkelheit“ sprechen und diesen Begriff im Gedächtnis bewahren. Vielleicht wäre es besser, auch darin das reine Licht sehen zu können. Wie es auch heißt: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen…“

Ähnlich kennt auch unsere moderne Kosmologie eine „überaus starke“ Dunkelheit, die unser Universum beherrscht: Einerseits die „Dunkle Materie“, die für unsere Sinne und Messinstrumente unsichtbar ist, aber durch ihre enorme Gravitation die Galaxien zusammenhält. Andererseits die „Dunkle Energie“, die das Universum expandieren lässt und somit Raum und Zeit schafft. In diese Hinsicht sorgt auch die Dunkelheit für die Bewegung im Universum, also auch für die scheinbare Veränderung und Vergänglichkeit des ewigen Lichtes. Damit ermöglicht sie das, was wir „Leben und Sterben“ nennen, also auch den „Tod von Balder“.

Darüber hinaus gibt es auch wissenschaftliche Ansätze, die uns helfen können, das Licht in der Dunkelheit wiederzuerkennen und somit den scheinbar unlösbaren Gegensatz zwischen Licht- und Dunkelheit aufzulösen. Wie zum Beispiel die Theorie, dass unser gesamtes Universum mit allem Licht auch in einem schwarzen Loch existieren könnte. Oder die Hawking-Strahlung, dass sogar schwarze Löcher strahlen und im Prinzip Licht aussenden. Oder die Quantenfluktuationen des dunklen Vakuums. So besteht schließlich auch der dunkle Frostriese des „Big Freeze“ immer noch aus dem Licht des Urknalls. Wunderbar!

Daher wurden auch die „scheinbar“ gegensätzlichen Brüder Balder und Hödur nicht umsonst vom Allvater gezeugt und von der Allmutter geboren. Denn zwischen ihnen gibt es noch einen dritten Bruder namens Hermodr. Sein Name bedeutet „Heermut“ und erinnert an den Mut der Einherier im Kampf. Er gilt auch als Botschafter der Götter. Und vielleicht geht es vor allem um diese mutige Botschaft im Kampf des Lebens, dass „das Licht in der Dunkelheit scheint“, wie es Gangleri später noch in der Geschichte von Balders Tod hören wird.

29. Widar heißt einer, der schweigsame Ase. Er hat einen festen Schuh und ist ähnlich stark wie Thor. In ihm haben die Götter am Ende einen starken Beistand.

So ist auch dieser Kampf um die Auflösung scheinbar unlösbarer Gegensätze ein wichtiger Aspekt der Gottheit. Der Name Widar lässt sich als „Kämpfer des Waldes“ deuten, und er wird auch der „schweigsame Ase“ oder „Gott des Schweigens“ genannt. Er wurde von Odin gezeugt und von der Riesin Grid geboren, deren Name „Frieden“ bedeutet. So können wir in ihm den schweigenden Kämpfer im Wald der Vorstellungen sehen, der die weltlichen Gegensätze des Verstandes friedlich versöhnen kann. Das ist auch der Weg der schweigenden Yogis, Zen-Mönche und asketischen Waldeinsiedler. Dieser Weg war schon immer sehr mächtig. Denn sobald der eigenwillige Verstand schweigt: Wer spricht dann? Und wer schweigt? Damit ist er im Kampf gegen den formhaften Verstand ähnlich stark wie Thor, vielleicht sogar noch stärker, wie sich dann später zu Ragnarök zeigen wird. Dort wird auch der feste und beständige Schuh erklärt, mit dem er sogar den allesverschlingenden Fenris-Wolf besiegen kann.

30. Ali oder Wali heißt ein anderer, ein Sohn Odins und der Rinda. Er ist kühn im Kampf und ein sicherer Schütze.

Nun möchte der Verstand sagen: Schweigen und Stille klingen doch nach Erstarrung und Tod! Nicht unbedingt, denn hier geht es um eine lebendige und kreative Stille, den Urgrund von allem, aus dem alles entsteht. Und dafür gibt es einen weiteren wichtigen Aspekt der Gottheit, nämlich Wali, in dem wir das ewige Lebensprinzip erkennen können. So ist Wali neben Widar, Hödur und Balder der vierte Sohn Odins, die als ewige Prinzipien auch Ragnarök überstehen. Sein Name erinnert an den Kampf der Gefallenen. So kämpfen auch alle Geschöpfe, die in die Trennung gefallen sind, vor allem um ihr Leben. Denn nur in der Trennung kann man sich die Angst vorstellen, das eigene Leben zu verlieren und somit auch die Herausforderung, darum zu kämpfen.

Daher ist Wali kühn im Kampf und ein sicherer Schütze. Denn zum Lebensprinzip gehört auch der schöpferische Aspekt, so dass jeder lebendige Gedanke, der auf ein vorgestelltes Ziel gerichtet ist, auch wirksam ist und irgendwann sein Ziel erreicht.

Was ist also Leben? Der Kampf um das Bewusstsein, um alle gewünschten Ziele zu erreichen, alle gewünschten Erfahrungen zu machen, allen gewünschten Besitz zu erlangen und alles gewünschte Wissen zu erwerben. Im Grunde sind das eigentlich richtige Ziele. Die große Frage ist jedoch: Auf welchem Weg können wir sie erreichen, um die große Erfüllung zu finden? Auf dem Weg der Riesen in Jötunheim?

31. Ullr ist der Name von einem, der Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist ein so guter Bogenschütze und Skiläufer, dass sich niemand mit ihm messen kann. Er ist aber auch schön von Gestalt und hat die Fähigkeiten eines Kämpfers. Es ist gut, ihn im Zweikampf anzurufen.

Wenn wir nun von Leben sprechen, dann gehören natürlich auch Veränderung, Wandel und Regeneration dazu. Daher ist Ullr als Gott des Winters ein weiterer wichtiger Aspekt der Gottheit. Nicht nur, weil er im Lebenszyklus nach dem Sommer für den Winter sorgt, sondern vor allem, weil er als Gott das Leben über die frostige Winterzeit bewahrt. So sorgt er als göttliches und ganzheitliches Wesen dafür, dass es nicht völlig erstarrt, sondern sich immer wieder erneuern und regenerieren kann. Daher kann man auch im Winter die Schönheit und göttliche Vollkommenheit erkennen, mit deren Erkenntnis man jeden Zweikampf gewinnen und jeden Gegensatz überwinden kann. So trifft man mit dem Pfeil der Gedanken vom Bogen des Verstandes immer das große Ziel. Wunderbar!

Seine Mutter ist Sif, die gemeinsam mit Thor das Leben im Reich der Erde beschützt. Wer sein ursprünglicher Vater ist, bleibt in der Edda unklar. Thor wird lediglich als Stiefvater bezeichnet. Im Abschnitt über „Thors Familie“ haben wir darüber nachgedacht, ob vielleicht Njörd sein Vater sein könnte. Dann hätte Njörd als Wane den Wintergott Ullr und als Ase den Sommergott Freyr gezeugt.

32. Forseti heißt der Sohn Balders und der Nanna, Neps Tochter. Er wohnt im Himmel in dem Saal, der den Namen Glitnir („Glänzender“) trägt. Alle, die zu ihm wegen Rechtsstreitigkeiten kommen, gehen versöhnt wieder fort. Es ist die beste Gerichtsstätte bei Göttern und Menschen. So heißt es hier (im Lied von Grimnir, Vers 15):

Glitnir heißt ein Saal, der von Gold gestützt wird und ebenso (wie Walaskjalf) mit Silber gedeckt ist. Forseti wohnt dort die meiste Zeit und schlichtet allen Streit.

Zum natürlichen Leben gehört noch ein weiterer Aspekt der Gottheit, nämlich die „Problemlösung“, die hier Forseti genannt wird. Sein Name bedeutet „der Vorsitzende“, und noch heute wird im Isländischen der Präsident „Forseti“ genannt. Sein Vater ist Balder, der Gott der Lichtheit, und seine Mutter heißt Nanna, was im Grunde einfach nur „Mutter“ im Sinne der Natur bedeutet. Der Name des Großvaters Nep erinnert an „Verwandter“ oder „Neffe“. In unseren Deutungen zum „Sagenkreis der Nibelungen“ wurde der Begriff „Neffe“ oft für wichtige Helden verwendet, die aber in der Welt gern übersehen oder nur wenig beachtet wurden. So könnte Nep als Riese in Richtung Bergelmir deuten.

Die lichtvolle Halle von Forseti steht symbolisch auf den goldenen Säulen der Wahrheit, ist aber mit dem Silber des Verstandes gedeckt und somit begrenzt, im Gegensatz zur Halle seines Vaters, Breidablik als „Weit- und Breitglanz“. Beide Hallen befinden sich in unserer Tabelle im „Lied von Grimnir“ auf der Naturseite. Dort arbeitet der Verstand innerhalb seiner Grenzen, sucht nach Gerechtigkeit und versucht, den Streit der natürlichen Gegensätze zu bewältigen und schließlich auch zu schlichten. Dies geschieht auf verschiedenen Ebenen des Bewusstseins, am besten im göttlichen Licht, in dem sich alle Gegensätze auflösen können. Entsprechend befindet sich Forsetis Halle zwischen Balders Breidablik, der Halle des stillen Lichtes, und Skadis Thrymheim, der Halle des Kampflärms, wo die hungrigen Wölfe heulen. In dieser Hinsicht könnte man Forseti als ein Wesen der Weisheit erkennen, als eine Synthese zwischen Hönir und Mimir, zwischen ganzheitlicher Vernunft und schöpferischem Verstand, als einen gerechten Richter zur Problemlösung, der mit dem göttlichen Licht arbeitet. Ja, diese Weisheit sollte unser aller Präsident im Leben sein.

Dies erinnert wiederum an das Ziel der Schöpfung, nämlich die angesammelten Probleme aus dem Meer der Ursachen zu lösen. Und die beste Lösung ist immer noch das göttliche Licht, denn im reinen Licht des Bewusstseins kann sich alles auflösen.

Damit schließt sich der Kreis zu Balder. Und weiter geht es mit Loki, wodurch sich dann auch der große Kreis zu Odin schließt.

33. Zu den Asen wird auch derjenige gezählt, den manche Verleumder der Asen, Urheber der Hinterlist und Schande aller Götter und Menschen nennen. So wird Loki (der „Verwobene“ bzw. „Schlingel“) oder Lopt (der „Luftige“ bzw. „Unbegreifbare“) genannt, der Sohn des Riesen Farbauti („feindlicher Schläger“). Seine Mutter heißt Laufey („Laub“) oder Nal („Nadel“). Seine Brüder sind Byleist („Wogenschlag“) und Helblindi (der „Hel nicht sieht“, auch ein Göttername Odins). Loki ist hübsch und von gefälligem Äußeren, hat jedoch einen schlechten Charakter und ist in seinem Benehmen unberechenbar. An Schlauheit übertrifft er alle anderen, aber auch in allen Arten von Betrug. Er bereitete den Asen fortwährend Schwierigkeiten, aber oft löste er sie mit List. Seine Frau heißt Sigyn („Siegesbringerin“), und ihr gemeinsamer Sohn ist Nari oder Narfi (der „Verengende und Begrenzende“).

Über das „Wesen von Loki“ haben wir bereits ein langes Kapitel geschrieben. So wollen wir uns hier kurzfassen. Loki ist wohl der wichtigste Aspekt der Gottheit, um diese vollkommen und ganzheitlich zu machen. Wenn wir uns vorstellen, dass Götter in der Welt wirken können, dann muss es logischerweise auch eine göttliche Gegenwirkung geben. So kann man in Loki den „göttlichen Geist des Widerspruchs“ erkennen, der nur schwer zu verstehen ist. Gern macht man ihn zu einem Bösewicht, Teufel oder Dämon. Doch dann wird es noch schwerer, ihn wieder in die göttliche Ganzheit zu bringen. Daher besteht die Edda darauf, dass er trotz seiner widersprüchlichen Erscheinung ein Ase und somit Gott bleibt.

So wird nun auch der exemplarische Kreis der zwölf Asen als Symbol der Ganzheit bzw. Gottheit um Odin herum sicherlich nicht zufällig von Loki abgeschlossen. Neben den beschriebenen zwölf Asen von Thor, Balder, Njörd, Tyr, Bragi, Heimdall, Hödur, Widar, Wali, Ullr, Forseti und Loki gibt es natürlich viele weitere, die der Verstand als Aspekte der Gottheit unterscheiden kann, vermutlich sogar unendlich viele. Die ausgewählte Liste hat sicherlich auch strukturelle Bedeutung, und man kann gut erkennen, wie ein Aspekt in den anderen fließt.

Der Name Loki erinnert an das „Verwobene und Verschlungene“, so dass er auch wie eine Schlinge den Kreis der Wirkungen schließt. Und weil sein Wesen so schwer zu begreifen ist, wird er wohl auch Lopt genannt, der „Luftige“.

Loki selbst lässt sich praktisch sogar als einen Spiegel von Odin betrachten, wie man in unserer Strukturdeutung der Stammbäume erkennen kann:


(siehe auch Stammbaum-Edda PDF)

Gegenüber von Bestla, der Mutter von Odin, steht Laufey als Mutter von Loki, die langlebige Borke bzw. Baumrinde des Lebensbaums gegenüber dem vergänglichen Laub der Blätter. Ebenso spiegeln sich die Geist-Väter Börr und Farbauti als Versöhnung und Feindschläger. In dieser Hinsicht könnte man auch Lokis Eltern von Bölthorn und Buri ableiten. Vielleicht soll auch Nal an den „Bös-Dorn“ erinnern.

Ähnlich wie Odin, hat auch Loki zwei symbolische Brüder: Sein Wille wäre dann Helblindi, der die Hel nicht sieht und auch ein Name Odins ist. Und sein Segen wäre Byleist, der Wogenschlag, denn jede Welle braucht natürlich eine Gegenwelle.

Gegenüber von Jörd, der Mutter Erde, findet man Sigyn als Siegbringerin, was wohl auch die Aufgabe der Erdenwelt ist. Und wie Thor die Riesen im Makrokosmos begrenzt, so erinnert Narfi an die Verengung und Begrenzung der Zwerge im Mikrokosmos. Damit beschützen sie Midgard, die mittlere Welt zwischen Makro- und Mikrokosmos, wo auch wir als Menschen leben. Denn eine lebendige Schöpfung braucht diese Grenzen, die dann erst im „Big Freeze“ verschwinden. So wird schließlich auch Loki selbst von Narfi verengt, begrenzt und gebunden, als die Götter Narfi töten, wie wir noch hören werden.

34. Aber Loki hatte noch mehr Kinder. Angrboda („Sorgen-Botin, Angstquelle“) hieß eine Riesin in Riesenheim, und mit ihr hatte Loki drei Kinder: Eines war der Fenriswolf, das zweite Jörmungand („Riesenschlange“), das ist die Midgardschlange, das dritte schließlich Hel (die Totengöttin).

Gegenüber der Allmutter Frigg finden wir Angrboda als die allgegenwärtigen Sorgen und Ängste in der Natur. So spiegeln sich dann auch ihre Kinder als drei ewige Prinzipien in drei zeitliche Prinzipien. Der ewigen Dunkelheit steht die allesverschlingende Vergänglichkeit als Fenris-Wolf gegenüber, der Botschaft der Ganzheit die Botschaft der Trennung als Midgardschlange, und der ewigen Lichtheit das sterbliche Licht als Totengöttin Hel.

Aber die Götter wussten davon, dass diese drei Geschwister in Riesenheim aufwuchsen. Und sie erfuhren durch Weissagungen, dass ihnen von den Geschwistern großes Unglück widerfahren würde, und es schien allen, von ihnen nur das Schlechteste erwarten zu können, zuerst wegen der mütterlichen, aber noch mehr wegen der väterlichen Eigenschaften. Da sandte Allvater die Götter aus, um diese Kinder zu ergreifen und sie mitzubringen. Als sie zu ihm kamen, warf er die Schlange in das tiefe Meer, das sich um das ganze Land (Midgard) erstreckt. Aber die Schlange wuchs so sehr, dass sie mitten im Meer um alle Länder herumliegt und sich in den eigenen Schwanz beißt.

So beginnt nun das Spiel von Wirkung und Gegenwirkung in der Schöpfung in Raum und Zeit, denn nur hier kann eine Trennung zwischen ihnen erscheinen. Dafür steht symbolisch auch die Midgardschlange, und ihr Gift der Trennung ist das Grundproblem, aus dem alle Sorgen, Ängste und Leiden im Leben entstehen. Dieses Problem wird dann so groß, dass es sich selbst immer wieder in den Schwanz beißt und von sich selbst lebt. Ein geistiger Ausdruck dafür ist unser gewöhnlicher Verstand, der nur von Unterscheidungen lebt. Jedem Gedanken, den er verfolgt, setzt er bereits eine Unterscheidung voraus. Daher leben wir gewöhnlich in einer abgetrennten bzw. abgegrenzten Bewusstseinsblase, die man „Midgard“ nennen kann. Wer könnte diesen „Teufelskreis“ durchbrechen, der im tiefen Meer der Ursachen liegt?

Hel („die Verbergende bzw. Höhle“) verbannte er nach Niflheim (in die „Nebelwelt“) und gab ihr von dort die Herrschaft über die neun Welten (der Schöpfung). Denn sie sollte alle Wohnstätten mit denen teilen, die zu ihr geschickt wurden, und das sind die Menschen, die an einer Krankheit und an Altersschwäche sterben. Sie besitzt dort einen großen Hof, und ihre Zäune sind außergewöhnlich hoch, mit großen Gittertüren. Eljudnir (Elend, Eiskälte) heißt ihre Halle, Hunger ihre Schüssel, Begierde ihr Messer, Ganglati (Trägheit) heißt ihr Knecht, Ganglöt (Faulheit) ihre Magd, Fallgefahr ist die Türschwelle, über die man eintritt, Krankenlager heißt das Bett, funkelnder Schaden ihr Bettvorhang. Zu einer Hälfte ist sie schwarz, aber zur anderen von Fleischfarbe. Deshalb ist sie leicht zu erkennen und eher düster blickend und grimmig.

Eine Gegenwirkung zum ewigen Licht des ewigen Lebens ist der Tod in Raum und Zeit, wenn sich die abgetrennte Bewusstseinsblase immer weiter verengt und begrenzt. Daher verbannt auch der Allvater den Tod in eine Nebelwelt, wie in eine Traumwelt auf der Naturseite des Lebensbaums. So wird auch nur ein Bewusstsein in den Tod zur Hel geschickt, das nicht als Einherier im Kampf um die Ganzheit fällt, sondern als Einzelkämpfer an sich selber stirbt, an seinem eigenen, abgetrennten Körper, mit dem es sich während der Lebenszeit völlig identifiziert hat. Denn nur ein Einzelkämpfer kann sich den Tod als ein Ende für sich selber vorstellen und schafft sich damit „Zaun und Gitter“ für eine Totenhöhle.

Ja, auch diese Form kann das Bewusstsein annehmen, das jede Form annehmen kann. So ein Ende in ewiger Ruhe wäre vielleicht sogar gut, wenn es keine ungelösten Probleme mehr gäbe, die gelöst werden wollen und unter denen das Bewusstsein in „Hunger und Begierde“ leiden muss. So gibt es auch im Tod immer noch eine Krankheit, die geheilt werden will, und diese liegt vor allem im Grundproblem der Trennung, im „Bettvorhang des Krankenlagers“. Daher ist es wohl besser, sich den Tod nicht als Erlösung vom Leiden vorzustellen, sondern als eine Welt des Leidens in Niflhel. In dieser Hinsicht ist auch der Tod in der Hel nur zur Hälfte schwarz, und die andere Hälfte erscheint so menschlich, wie wir das düstere, grimmige Leiden auch in Midgard erfahren.

Den Wolf (Fenris als „Sumpfiger“) behielten die Asen bei sich, und nur Tyr (der „Gott des gerechten Sieges“) hatte den Mut, zu ihm zu gehen und ihn zu füttern. Aber als die Götter sahen, wie viel er jeden Tag wuchs, und als alle Weissagungen sagten, er werde ihnen Verderben bringen, da fassten die Asen den Entschluss, eine überaus starke Fessel zu machen, die sie Löding („Wachstum“) nannten. Sie brachten sie zum Wolf und luden ihn ein, seine Kraft an ihr zu messen. Aber ihm schien dies keine schwierige Aufgabe zu sein, und er ließ sie machen, was sie wollten. Und beim ersten Mal, als er dagegentrat, riss die Fessel. So befreite er sich von Löding. Als nächstes schufen die Asen eine zweite Fessel von doppelter Stärke, die nannten sie Dromi („Trägheit“). Wieder baten sie den Wolf, sich an ihr zu versuchen, und sie erklärten ihm, er werde wegen seiner Stärke sehr berühmt werden, wenn solch ein dickes Schmiedewerk ihn nicht halten könne. Und der Wolf überlegte, dass diese Bande doch sehr stark seien, aber er dachte auch daran, dass seine Kraft gewachsen war, seitdem er Löding zerbrochen hatte. Es kam ihm in den Sinn, dass er sich auf dieses Risiko einlassen müsse, wenn er berühmt werden wolle. So ließ er sich die Fessel anlegen. Als die Asen erklärten, sie seien fertig, schüttelte sich der Wolf und schlug die Fessel auf die Erde. Er strengte sich gewaltig an, stemmte sich dagegen, und die Kette riss, so dass ihre Teile weit umherflogen. So befreite er sich von Dromi. Seitdem ist es üblich zu sagen, man löse sich von Löding oder befreie sich von Dromi, wenn jemand eine Sache heftig (mit Gewalt) betreibt.

Danach fürchteten die Asen, dass sie den Wolf nicht fesseln könnten. Deshalb sandte Allvater einen Boten Freyrs mit Namen Skirnir („der Strahlende“) hinunter nach Schwarzalbenheim zu den Zwergen und ließ sie die Fessel schmieden, die Gleipnir („Verursachung“) heißt. Sie wurde aus sechserlei Dingen gemacht: Aus dem Lärm der Katzenpfoten und dem Bart der Frau, aus den Wurzeln des Felsens und den Sehnen des Bären, aus dem Atem des Fisches und dem Speichel des Vogels. Und wenn du diese Begebenheit noch nicht kennst, dann kannst du hier sofort ein wahres Beispiel finden, dass du nicht belogen wirst. Du wirst festgestellt haben, dass die Frau keinen Bart hat, dass durch den Gang einer Katze kein Lärm entsteht, und wie unter dem Felsen keine Wurzeln sind. Aber wahrlich ist alles, das ich dir erzählt habe, gleich wahr, auch wenn darunter einige Dinge sind, die du nicht überprüfen kannst.

Eine weitere mächtige Gegenwirkung in der gesamten Schöpfung ist die Vergänglichkeit. Denn alles, was entsteht, muss natürlich auch wieder vergehen. Doch warum vergeht es nicht sogleich? Wer zügelt den gefräßigen Wolf der Vergänglichkeit? Hier sind es die Götter selbst mit Hilfe der kleinen Naturgeister. Zuerst versuchen sie, das lebendige Wachstum zu verstärken. Doch mit dem Wachstum wächst natürlich auch die Vergänglichkeit, so dass der Wolf noch stärker wird. Ein zweiter Versuch ist die Trägheit, um das Vergehen zu bremsen, wie es die Berg- und Frostriesen in Form von erstarrter Materie versuchen. Damit hat der Wolf schon mehr zu kämpfen. Der dritte Versuch ist dann der genialste, nämlich eine Fessel aus Dingen zu machen, die noch nicht da sind oder die man nur indirekt schlussfolgern kann, sozusagen aus „Ur-Sachen“. Denn diese verstärken sich selbst, je mehr man sie nicht haben will. Und erst, wenn nichts Neues mehr entstehen kann, verliert diese Fessel der Verursachung ihre Kraft, denn dann ist auch diese Schöpfung überlebt und am Ende. Damit erinnert diese Fessel an Draupnir, den Ring der Erneuerung, und man könnte sagen: Die Verursachung macht die Schöpfung dauerhaft, weil sie die Zeit streckt, ohne sie anzuhalten. Und Ragnarök als Ende der Schöpfung wäre dann eine Art „Zusammenbruch“ der Verursachung in Raum und Zeit, wenn es keine Erneuerung mehr gibt.

Dazu sagte Gangleri: Ich kann gewiss erkennen, dass dies wahr ist. Ich kann es ja sehen, was du als Beispiel genommen hast. Aber wie wurde die Fessel geschmiedet?

Der Hohe antwortete: Das kann ich dir wohl sagen. Sie wurde glatt und geschmeidig wie ein Seidenband, aber so fest und stark, wie du gleich hören wirst. Als die Fessel den Asen gebracht wurde, dankten sie dem Boten für seine Mühe. Dann fuhren sie hinaus auf das Gewässer, das Amswartnir („dunkle Meer“ der Ursachen) heißt, und auf die Insel namens Lyngwi („Heideland“ als Weideland für die Lebewesen). Sie hießen den Wolf dazukommen, zeigten ihm das Seidenband und forderten ihn auf, es zu zerreißen. Sie sagten, es sei etwas stärker, als es bei Dingen dieser Dicke wahrscheinlich sei, denn jeder gab es dem anderen weiter, und jeder versuchte es mit seiner Körperkraft, doch es riss nicht. Und dann sagten sie, der Wolf werde es zerreißen. Darauf antwortete er: „Mit diesem Band scheint es mir so zu sein, dass ich keinen Ruhm damit erwerben kann, selbst wenn ich es in Stücke reiße. Wenn es aber mit Geschick und List gemacht wurde, so dass es nur so dünn erscheint, dann kommt dieses Band nicht an meine Beine.“ Dazu sagten die Asen: „Du wirst dieses schmale Seidenband schnell in Stücke reißen, denn du hast vorher die starke Eisenkette zerbrochen. Wenn es dir aber nicht gelingt, dieses Band zu zerreißen, dann wirst du uns Göttern keine Furcht mehr einjagen können, und wir werden dich losbinden.“ Der Wolf sagte: „Wenn ihr mich so fesselt, dass ich mich nicht selbst befreien kann, dann handelt ihr auf eine Weise, nach der mir kaum eure Hilfe zuteilwerden wird. Deshalb bin ich nicht darauf erpicht, mir dieses Band anlegen zu lassen. Doch ehe ihr mir mangelnden Mut vorwerft, lege doch einer von euch seine Hand als Pfand in mein Maul, damit es ehrlich zugeht.“ Aber jeder der Asen sah den anderen an, und es schien jetzt zwei Probleme zu geben. Niemand wollte seine Hand vorstrecken, bis schließlich Tyr (der „Gott des gerechten Sieges“) seine rechte Hand ausstreckte und sie dem Wolf ins Maul legte. Und als dieser zog, wurde das Band fest und noch härter. Denn je mehr er sich zu befreien versuchte, umso fester war das Band. Da lachten alle außer Tyr, denn er verlor seine Hand.

So wurde der allesverschlingende Wolf der Vergänglichkeit mit der Fessel Gleipnir gebunden, mit der Macht der Verursachung. Dafür gab Tyr als Gott des gerechten Sieges seine Hand zum Pfand, wie auch Odin als Allvater sein Auge zum Pfand für die Schöpfung gab. Was bedeutet das?

Einerseits kann man darin eine „göttliche Asymmetrie“ sehen, die für eine Dauerhaftigkeit der Schöpfung notwendig ist, wie auch die moderne Physik weiß. Denn in perfekter Symmetrie würde sich alles sogleich wieder aufheben, und nichts könnte in Zeit und Raum existieren. Dafür ist ein Symmetriebruch nötig, wie er auch im Urknall angenommen wird. Wäre alles symmetrisch geblieben, hätten sich Materie und Antimaterie sofort gegenseitig ausgelöscht, und der Wolf hätte die Schöpfung im Keim verschlungen. Ähnlich kann man auch in der modernen Kosmologie die Fessel Löding mit der Dunklen Energie vergleichen, die das Universum unvorstellbar schnell wachsen lässt, und die Fessel Dromi mit der Dunklen Materie, die wie ein unsichtbarer Kleber wirkt und die riesigen Galaxien durch Masseträgheit zusammenhält. Und Gleipnir erinnert an die Quantengravitation, die das Allerkleinste der Quantenwelt im Mikrokosmos mit dem Allergrößten im Makrokosmos verbindet. Es ist das unsichtbare Netzwerk aus Information und Kausalität, das alles zusammenhält…

Andererseits wurde Tyr dadurch „einhändig“, wie Odin „einäugig“ wurde. Darin kann man auch den wahren Sieg in der Schöpfung sehen. Das heißt: Wer wirklich bereit ist, seine „Hand“ und damit auch sein Handeln im Rachen der Vergänglichkeit zu opfern, hat bereits gewonnen, denn er zeigt, dass er im Unvergänglichen wurzelt, wo es keine Dualität mehr gibt, keine Gegensätze und keine Trennung. In dieser Ganzheit bzw. Gottheit kann auch niemand etwas verlieren, weder eine Hand noch ein Auge. Zu diesem Mut und dieser Weisheit versucht nun auch der „Hohe“ unseren Verstand zu führen:

Als die Asen sahen, dass der Wolf vollständig gefesselt war, nahmen sie den Strick, der an der Fessel befestigt war und Gelgja („Stange“ als Verbindung) genannt wurde. Sie zogen ihn durch eine dicke Steinplatte namens Gjöll (wie der gleichnamige Totenfluss), und befestigten diese tief unten in der Erde. Dazu nahmen sie einen großen Stein, der Thwiti („Schleuderstein“) heißt, warfen ihn noch tiefer in die Erde und benutzten ihn als Pflock für das Seil. Der Wolf riss sein Maul weit auf, gebärdete sich heftig und wollte sie beißen. Da steckten sie ihm ein Schwert ins Maul, der Griff berührte den unteren Gaumen, die Spitze den oberen. Das ist seine Gaumensperre. Er heulte fürchterlich, und Geifer lief aus seinem Maul. Das ist der Fluss, der Wan heißt („Erwartung, Hoffnung“ bzw. Hunger). Dort bleibt der Wolf bis Ragnarök.

So geht es nun schließlich darum, alles wieder miteinander zu verbinden. Hier können wir an den berühmten „Stein der Weisen“ denken, der als unvergänglicher Grundstein von allem gilt. Dieser deckt den Totenfluss zu, und alles baut auf ihn auf und ist mit ihm verbunden. Darin kann man wiederum ein Symbol für das formlose Bewusstsein sehen, das alle vergänglichen Formen annehmen kann, aber selbst unvergänglich ist.

Zum Schluss wird noch eine weitere Lösung für das Problem der Vergänglichkeit angedeutet, nämlich das Schwert der Weisheit, das auch an Forseti erinnert. Seine Spitze symbolisiert die „Einheit“, und der Griff wäre dann ein „Begriff der Einheit“. Mit diesen beiden kann man auch den hungrigen Rachen des Wolfes blockieren, denn in der Einheit kann es logischerweise keine Vergänglichkeit geben. Wohin sollte in der Ganzheit etwas vergehen? So entsteht im Rachen der Vergänglichkeit ein weiter Raum für die Schöpfung, sozusagen zwischen Himmel und Erde, zwischen Einheit und Vielfalt. Und die Vielfalt ist ein „Begriff der Einheit“, in der es natürlich auch Vergänglichkeit geben muss. Denn alles, was in der Vielfalt der Formen entsteht, muss wieder vergehen, und bleibt doch in der Einheit als Ganzheit. So fließt nun in diesem Raum der vergänglichen Schöpfung der Fluss des Hungers mit all unseren Erwartungen und Hoffnungen lange Zeit bis zu Ragnarök.

Auf diese Weise wurde der Allverschlinger von den Göttern gezähmt. Symbolisch können wir diese Zähmung in den beiden Wölfen Geri und Freki als „Begierde“ und „Gefräßigkeit“ wiederfinden, die nun zu Füßen des Allvaters liegen, der auf dem Thron des ewigen Bewusstseins sitzt, dem „Stein der Weisen“ und Grundstein von allem. Dort warten sie auf das Futter, das Odin ihnen gibt, wie wir noch ausführlicher hören werden. Wunderbar!

Doch Gangleri hat es offenbar nur teilweise verstanden:

Dazu sagte Gangleri: Außerordentlich üble Kinder bekam Loki, aber alle diese Geschwister sind von großer Bedeutung. Doch warum töteten die Asen den Wolf nicht, da sie von ihm doch nur Schlechtes zu erwarten hatten?

Der Hohe antwortete: So hoch schätzten die Götter ihr Heiligtum und die Friedensstätte, dass sie diese nicht mit dem Blut des Wolfes beflecken wollten, obwohl die Weissagungen prophezeien, er werde Odin töten.

Das „Tötenwollen“ kann natürlich prinzipiell keine göttliche bzw. ganzheitliche Lösung sein, denn die Vorstellung des Tötens ist ein Trennen vom Leben, und somit würde man das Wesen von Vergänglichkeit, Abtrennung und Tod nur noch weiter verstärken. So würde ein solcher Versuch den Göttern ihr heiliges, friedliebendes und ganzheitliches Wesen rauben, und es wären keine Götter mehr.

Damit wurde die Beschreibung des ganzheitlichen Götterkreises um Odin als Allvater herum mit Loki abgeschlossen. Durch solche Vorstellungen versucht der Verstand, verschiedene Aspekte der einen Gottheit zu erkennen. Und niemand anderes, als die Gottheit selbst, spricht hier zum Verstand, der schon so lange durch die Welten wanderte. Nun ist er alt geworden und nach Asgard gekommen. Dort versucht er, seine vielen Vorstellungen von der Welt sozusagen unter einen Hut zu bringen. So fragt er nun, nachdem die männliche Seite erklärt wurde, auch nach der weiblichen Seite der Welt, im üblichen Liebesspiel von Yin und Yang zwischen Geist und Natur:

35. Darauf fragte Gangleri: Welche Asinnen gibt es?

Der Hohe antwortete: Frigg („Geliebte“) ist die vornehmste. Sie besitzt den Hof, der Fensalir („Sumpf- bzw. Wasserhalle“) heißt und der besonders prächtig ist. Eine andere Asin ist Saga („Geschichte“). Sie wohnt auf Sökkwabekk („Bank der Gesunkenen“), und das ist ein großer Hof. Die dritte ist Eir („Gande“), sie ist die beste Heilerin.

Wie man den ganzen Kreis der Götter als Aspekte des Allvaters betrachten kann, so kann man auch die gesamte Vielfalt der Göttinnen als Aspekte der Allmutter erkennen, der ganzheitlichen Seele der Natur. Entsprechend werden sie auch Göttinnen genannt, weil sie Aspekte der Ganzheit sind, die nur der Verstand zu unterscheiden weiß.

Frigg gilt als die „Vornehmste“, wie auch Odin so bezeichnet wurde. Und wie Odin in Walhall, der „Halle der Gefallenen“, herrscht, so besitzt Frigg die „Sumpfhalle“ Fensalir, die ebenfalls an die Geschöpfe erinnert, die im Sumpf der Schöpfung versinken, in einer Mischung aus dem Wasser des Lebens und der Materie der Körperlichkeit. Doch gerade diese „Bewusstseinshalle“ auf Seiten der Natur wird als besonders prächtig beschrieben, wie man auch in der Natur viel Pracht und Schönheit finden kann, wenn man das Schöne und vor allem das Göttliche erkennt. Dann wird die gesamte Schöpfung ein Hof der Liebe und Heilung.

Das Heilsamste an dieser Schöpfung ist, dass hier die Göttersagen erzählt werden, die von der Gottheit und Ganzheit sprechen, um die Krankheit der Trennung zu heilen. So kann man in Saga den weiblichen Aspekt von Bragi erkennen, die auf der Bier- oder Metbank den gesunkenen Geschöpfen die heiligen Geschichten erzählen, um sie an ihren Ursprung zu erinnern, zu heilen und zu erheben. So heißt es im Lied von Grimnir (Vers 7), dass über Sökkwabekk erfrischende Wellen rauschen und dass Odin und Saga dort gemeinsam alle Tage heiter aus goldenen Bechern trinken. Entsprechend finden wir diese Halle auch gleich unter Walhall und sogar auf der Geist-Seite in unserer Tabelle zum Lied von Grimnir.

Für diesen heilsamen Aspekt der Allmutter steht die Göttin Eir, die beste Heilerin, als „Gnade“ oder „Hilfe“ in der Schöpfung. Im Lied von Fjölswid wird sie als eines der neun Mädchen genannt, die am „Heilmittelberg“ zu Füßen von Menglöd sitzen. Die Zahl Neun erinnert an den goldenen Ring der Erneuerung und Menglöd an die Seele der Natur.

Die vierte, Gefjun („Reichtum Gebende“), ist eine Jungfrau, und ihr dienen diejenigen, die als Jungfrauen sterben. Die fünfte ist Fulla („Fülle“). Auch sie ist eine Jungfrau und trägt das Haar offen mit einem Goldband um die Stirn. Sie trägt die Truhe der Frigg, verwahrt deren Schuhe und ist in ihre Geheimnisse eingeweiht.

Ein weiterer Aspekt der Allmutter ist die große Fülle an Reichtümern, die sie in den vielfältigen Formen der Natur geben kann. Doch wozu? Wir wissen ja, dass alle Formen, die entstanden sind, auch wieder vergehen müssen. Zum Glück haben die Götter dafür gesorgt, dass dies nicht sofort geschieht, sodass wir eine Weile mit ihnen arbeiten und daraus lernen können. Und der größte Reichtum, den wir hier finden können, ist wohl jener, den die Göttin Gefjun dem König Gylfi zu Beginn dieser Geschichte gab. Nämlich dass unser Herz vom Einzelkämpfer im Reich der Trennung zum Einherier im Reich der Ganzheit und Gottheit gezogen wird. Wie kann das geschehen? Indem wir erkennen, dass die Fülle, die wir alle instinktiv suchen, nicht durch immer mehr Anhäufung vergänglicher Dinge zu finden ist, sondern durch die Überwindung der Trennung, so dass man ganz von selbst zu Allem wird.

Warum wollen wir etwas Besonderes sein, wenn wir doch Alles sein können?

Für diese göttliche bzw. ganzheitliche Fülle steht dann Fulla, die Jungfrau, die das Haar offen mit einem Goldband um die Stirn trägt. Die Haare haben wir schon oft als Symbol für Gedanken gedeutet, die nun offen und unbegrenzt aus dem Verstand wachsen können. Und das Goldband erinnert an ein Band der Wahrheit, das alles miteinander verbindet und vereint. Damit trägt sie die Schatztruhe der Allmutter und ganzen Natur und verwahrt auch die Schuhe bzw. den Grund, auf dem die Seele der Natur steht. Daher kennt sie auch alle Geheimnisse der Natur. Welcher Geist würde sich nicht mit dieser Jungfrau vereinen wollen? Sie könnte unseren Wissenschaftlern sogar die „Weltformel“ verraten, nach der sie so angestrengt suchen. Und doch ist auch sie nur ein besonderer Aspekt der Allmutter und ganzheitlichen Seele der Natur, ebenso wie Freya:

Freya („Herrin“), die sechste Asin, wird genauso hoch verehrt wie Frigg. Sie ist mit dem Mann namens Odr („Lebensgeist“) verheiratet, und beider Tochter ist Hnoss („Schatz“). Diese ist so schön, dass mit ihrem Namen diejenigen Kostbarkeiten (hnossir) bezeichnet werden, die herrlich und wertvoll sind. Odr ging auf lange Reisen, worüber Freya weinte. Aber ihre Tränen sind rotes Gold. Freya hat viele Namen, und zwar aus dem Grund, weil sie sich selbst verschiedene Bezeichnungen gab, als sie auf der Suche nach Odr zu fremden Völkern reiste. Sie heißt Mardöll und Hörn, Gefn und Syr („Meeresleuchten, Flachs, Gebende und Mutterschwein“). Freya besaß das Brisingamen („Feuerschmuck“). Sie wird auch Wanendise genannt („Wanen-Göttin“).

Wer zieht nun nach dem Herz auch unseren Geist zu dieser göttlichen Fülle der Ganzheit? Dazu wird nun Freya beschrieben, die Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin. In ihr können wir die Schönheit und den Liebreiz der äußerlichen Natur sehen, die auch ein Aspekt der Allmutter ist. So ist sie mit dem Lebensgeist verheiratet, wie Frigg mit Odin. Aber es ist ein wandernder Geist, der noch in der äußeren Natur auf der Suche ist und durch Zeit und Raum wandert. Entsprechend deutet auch ihr Halsschmuck Brisingamen einen feurigen Glanz natürlicher Schönheit zwischen Kopf und Körper als Geist und Natur an, der allen in die Augen sticht. Daran erinnert noch das mittelhochdeutsche Verb „brisen“ im Sinne von „heften“ oder „durchstechen“. Auch dieser Halsschmuck wurde von den kleinen Naturgeistern geschaffen, wie ein späteres Werk des 14. Jahrhunderts namens „Sörla tháttr“ berichtet:
Danach beobachtete die Göttin Freya die vier Zwerge Álfrigg, Dvalin, Berlingr und Grérr in einem Felsen dabei, wie sie ein goldenes Halsband schmiedeten. Freya bot den Zwergen Gold und Silber für den Schmuck an, doch diese waren daran nicht interessiert. Sie erklärten, dass ein jeder seinen Anteil am Halsband an Freya übertrage, wenn sie mit ihm eine Nacht das Lager teilen würde. Freya erklärte sich dazu bereit und erwarb auf diese Weise den kostbaren Halsschmuck. (Quelle: Wikipedia)

Symbolisch erinnern uns diese vier Zwerge an die vier Elemente der Natur und deren Schönheit. Mit ihnen musste sich Freya vereinen, um ihre äußerlich verführerische Schönheit zu gewinnen, die aber auch vergänglich ist. So ist es schwer für den Lebensgeist, sich mit ihr beständig zu vereinen, das heißt: Die geistige Einheit in der natürlichen Vielfalt zu finden, das Unvergängliche im Vergänglichen. Doch dafür ist Freya da und wandelt durch die Welt unter den „fremden Völkern“. Warum sind sie ihr fremd? Weil sie ihr wahres Wesen nicht erkennen. Überall sucht sie den Lebensgeist, der sie lebendig macht. Denn es ist der Geist, der lebendig macht. Und wer sich mit ihr vereinen und sie lebendig befruchten kann, dem gebiert sie eine wunderschöne Tochter, in der man die ganzheitliche Seele der Natur erkennen kann, die wohl der größte Schatz ist, der sich in der Natur finden lässt. Und dafür weint sie die Tränen aus dem roten Gold der wahren Liebe. Wunderbar!

Die siebente Asin ist Sjöfn („Liebe“). Sie achtet sehr darauf, dass die Sinne der Menschen in Liebe fallen, der Frauen und der Männer. Nach ihrem Namen wird die Liebeszuneigung Liebe (sjafni) genannt. Die achte ist Lofn („Erlaubnis“). Sie ist so gütig und gut bei Anrufungen, weil sie von Allvater und Frigg die Erlaubnis erhielt, die Ehen der Menschen, von Frauen und Männern, zu stiften, auch wenn sie vorher untersagt waren oder völlig abgelehnt wurden. Darum ist nach ihrem Namen die Erlaubnis (lof) benannt, und so kommt es, dass sie von den Menschen sehr gepriesen wird. Die neunte ist War („Gelübde“). Sie hört auf die Eide der Menschen und auf die Vereinbarungen, die zwischen Frauen und Männern geschlossen werden. Deshalb heißen sie auch Treueschwüre (várar). Sie straft diejenigen, die sie brechen.

Als einen äußeren Aspekt dieser ganzheitlichen Liebe zwischen Geist und Natur finden wir in der äußeren Welt die Ehe zwischen Mann und Frau. Dazu dient zuerst Sjöfn als natürlicher Instinkt der sexuellen Zuneigung, mit der sich Mann und Frau ab einem gewissen Alter suchen, um sich zu paaren und für die Regeneration zu sorgen. Es ist eine natürliche Kraft, die das Individuum aus seiner Isolation lockt. Dabei spielen äußere Merkmale und Eigenschaften noch eine große Rolle.

Lofn verstärkt diese Liebe über alle familiären, sozialen und gesellschaftlichen Grenzen hinaus, womit bereits das große Ziel zum Ausdruck kommt, jegliche Trennungen zu überwinden. Viele alte Sagen und Märchen handeln von diesem großen Kampf, um die geliebte Prinzessin oder den geliebten Prinzen zu gewinnen. So kann die Liebe auch größte Hindernisse überwinden, wenn die schicksalhafte Erlaubnis des Allvaters und der Allmutter dahintersteht.

Die dritte Stufe ist War, das heilige Ehegelübde, mit dem die körperliche Verbindung auch zur geistigen Vereinigung werden soll. Das heißt, die Liebe soll sich nicht mehr auf äußerliche Eigenschaften stützen, die sich im Alter natürlich verändern und wandeln, sondern auf den unwandelbaren Kern, auf das Unvergängliche, das man im Vergänglichen finden kann. Denn nur das kann man wahrhaft lieben, alles andere ist eher illusionäre Begierde, die immer in „Enttäuschung“ endet. Auf diesem Weg kann man schließlich Gott selbst im anderen erkennen, den Sinn der heiligen Ehe erfüllen und das Höchste erreichen: Die göttliche Selbsterkenntnis.

Wer diese heilige Ehe bricht, der fällt natürlich wieder in die Trennung und damit in das Leiden, das man auch als Strafe für diesen Ehebruch betrachten kann.

Die zehnte Asin, Wör („Wahrnehmung“), ist klug und stellt viele Fragen, so dass ihr nichts verborgen bleibt. Es gibt die Redensart, dass eine Frau dessen gewahr (vör) wird, was sie erfährt. Die elfte ist Syn („Zurückweisung“). Sie bewacht die Türen in der Halle und schließt sie vor denen, die nicht hineinkommen sollen. Auch ist sie auf dem Thing (der Gerichtsversammlung) zur Abwehr der Klagen eingesetzt, die sie nicht bekräftigen will. Darum gibt es die Redewendung, eine Zurückweisung (syn) sei ausgesprochen worden, wenn man etwas ablehnt. Die zwölfte Asin ist Hlin („Schutz“). Sie ist zum Schutz derjenigen Menschen bestimmt, die Frigg vor irgendwelchen Gefahren retten will. Deshalb sagt man, dass der, der sich in Sicherheit bringt, sich rettet (hleinir). Die dreizehnte, Snotra („Weisheit“), ist weise und gesittet. Nach ihrer Bezeichnung wird die weise (snotr) Frau oder der weise Mann benannt, die maßvoll sind.

Hier kann man nun darüber nachdenken, wie man nach dem heiligen Gelübde natürlich auch den entsprechenden Weg gehen muss. Dieser Erkenntnisweg ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Natur. Die erste Göttin auf diesem Weg ist Wör, die Wahrnehmung, vor allem die weibliche bzw. natürliche Wahrnehmung über die körperlichen Sinne. Während wir im Schlaf alles Mögliche träumen können, begrenzen die Sinneswahrnehmungen mit den entsprechenden Erfahrungen bereits unseren Traum. Somit hilft uns die äußere Natur, aus der Bewusstseinsebene des traumhaften Schlafes in das traumhafte Wachsein zu gelangen, in dem wir die Verbindungen zu einer äußeren Welt wahrnehmen können. Man kann aber immer noch von einem Traum sprechen, denn wir selbst beurteilen unsere Wahrnehmung mit Gut und Böse, Mein und Dein, Dies und Das aus unserer begrenzten relativen Sicht.

Hier kommt nun die nächste Göttin ins Spiel, Syn als „Zurückweisung“. Wir beginnen, manche Wahrnehmungen als Lügen zu erkennen, die man nur durch Unachtsamkeit als Wahrheit angenommen hat. Zunächst geht es vor allem um das Gut und Böse von Umständen, die von den Göttern am Schicksalsbrunnen in ihrer täglichen Gerichtsversammlung für uns entschieden wurden. Das sind unsere gewöhnlichen Klagen gegen das Schicksal, wenn sich uns nicht alle Wünsche sofort erfüllen. So bewacht diese Göttin die Halle unseres Bewusstseins und vor allem die Tore der körperlichen Sinne vor den Feinden der Lüge.

Ein weiterer Schritt ist die Erkenntnis der Göttin Hlin, die uns in der Natur beschützt, sofern wir uns selbst in Sicherheit bringen. Das heißt, sofern wir aus der Trennung in die Ganzheit kommen und uns vom Einzelkämpfer zum Einherier erheben. Dann ist die gesamte Natur immer für uns da und auf unserer Seite.

Die vierte Göttin ist Snotra, die Weisheit. Sie sorgt dafür, dass sich der unterscheidende Verstand in der Wahrnehmung wieder mit der ganzheitlichen Vernunft vereint. Dadurch wandelt sich die illusionäre Begierde in wahre Liebe, bis zur reinen Gottesliebe, einem Bewusstsein, das jede Form des Bewusstseins lieben kann, weil es sich selbst liebt. Dies ist dann auch der Übergang vom traumhaften Wachsein zum traumlosen Wachsein. Auch hierbei hilft uns die Natur zu erkennen, dass alle ihre Formen und Gestaltungen so vergänglich sind wie Traumvorstellungen. Im Erwachen verschwindet alles, und wir erkennen die Traumvorstellungen als Traum, die Formen des Bewusstseins als Bewusstsein.

Die vierzehnte, Gna („Erhebung“), schickt Frigg mit ihren Aufträgen in verschiedene Welten. Sie besitzt das Pferd, das durch Luft und Wasser jagt und Hofwarpnir heißt („Hufschwinger“). Es war einmal, als sie ritt, dass einige Wanen ihren Ritt durch die Luft sahen. Da fragte einer:

Was fliegt dort? Was bewegt sich dort und gleitet durch die Luft?

Sie antwortete:

Ich fliege nicht, obwohl ich mich bewege. Durch die Luft gleite ich auf Hofwarpnir, den Hamskerpir („Gestaltformer“) mit Gardrofa („Zaunbrecherin“) zeugte.

Nach Gnas Namen wird das benannt, was emporragt (gnäfar), wenn es hoch ist. Auch Sol und Bil („Sonne und Mondfrau“) werden zu den Asinnen gezählt, aber von ihrem Wesen ist schon gesprochen worden.

Wie der Kreis der Asen mit Loki als Gegenwirkung geschlossen wurde, so finden wir nun Gna, die als Göttin der Natur alle gefallenen Geschöpfe wieder emporheben kann. Das ist schließlich der wichtigste Aspekt der Natur, dass sie alles, was in die Trennung gefallen ist, wieder zur Ganzheit erheben kann. So reitet sie auf dem Pferd der Schöpfung, wie auch Odin auf Sleipnir reitet, dem „Dahingleitenden“. Die Wanen bzw. Naturwesen sehen sie nicht nur auf der Erde reiten, sondern von den Tiefen des Wassers bis zu den höchsten Höhen des Himmels. Erstaunt fragen sie: „Wer oder was bewegt sich da?“ Das ist eine der größten Fragen, die man im Leben stellen kann. Und die Göttin antwortet als ganzheitliches Wesen: Sie selber fliegt nicht, doch sie bewegt sich mit der ganzen Schöpfung, die vom „Gestaltformer“ mit der „Zaunbrecherin“ gezeugt wurde. Der Gestaltformer erinnert an den Mimir-Verstand als Schöpfer aus dem Auge Odins, und die Zaunbrecherin an das große Ziel der Natur, alle Begrenzungen des Geistes aufzubrechen. Ähnlich wurde auch Sleipnir von Loki in Gestalt einer Stute geboren und von einem Riesenpferd gezeugt, das als „Gestaltformer“ die Asgard-Mauer erbaute.

So erinnert die Göttin Gna schließlich auch an die Wesen von Sonne und Mond, die am Himmel zu sehen sind und den Geist locken, sich zu erheben. Bezüglich der vierzehn durchnummerierten Asinnen könnte man an einen halben Mondzyklus denken, vom Neumond bis zum Vollmond, von der unsichtbaren Seele der Natur als ganzheitliches Prinzip der Verursachung bis zu ihrer äußerlichen Erscheinung. Diese kann als Vollmond bzw. Vollkommenheit erkannt werden, wenn Geist und Natur in der heiligen Ehe bzw. mystischen Hochzeit wieder vereint sind, sodass geistige Einheit und natürliche Vielfalt zur Ganzheit und Gottheit verschmelzen.

Wunderbar! Obwohl dieser Text zu den Asinnen relativ kurz ist, so steckt doch so viel Tiefe darin, dass man darüber ein ganzes Buch schreiben könnte. Und darüber hinaus gibt es noch viele weitere ganzheitliche Aspekte der Natur, die in Walhall dienen. So fährt der „Hohe“ als Antwort auf Gangleris Frage nach den Asinnen fort:

36. Es gibt noch andere, die in Walhall dienen sollen, die den Trank bringen und für das Geschirr und die Bierkrüge sorgen. So werden sie im Lied von Grimnir bezeichnet (Vers 36):

Hrist („Schütteln/Rütteln“) und Mist („Wolke/Nebel“) sollen mir (Odin) das Horn reichen; Skeggjöld („Axt-Zeitalter“) und Skögul („Erschüttern“), Hild („Kampf“) und Thrud („Kraft“), Hlökk („Lärm“) und Herfjötur („Heer-Fessel“), Göll („Tumult“) und Geirahöd („Speer-Lärm“), Randgrid („Schild-Schutz“) und Radgrid („Rat-Schutz“) und Reginleif („Götter-Erbe“) - Sie bringen den Einheriern Bier.

Sie heißen Walküren („Wählerinnen der Gefallenen“), und Odin sendet sie in jeden Kampf. Dort wählen sie die Todgeweihten unter den Männern und bestimmen den Sieg. Auch Gud („Kampfhandlung“), Rota („Ansturm/Verwüstung“) und die jüngste Norne, die Skuld („Schuld/Karma“) heißt, reiten aus, um die Gefallenen zu erwählen und die Kämpfe zu entscheiden. Ebenso werden Jörd („Mutter Erde“), die Mutter Thors (des Beschützers von Midgard), und Rinda („Beschützerin“), die Mutter Walis (des Lebensprinzips), zu den Asinnen gezählt.

Über die Walküren haben wir bereits im Kapitel zum „Wesen von Odin“ ausführlich geschrieben. Kurzgefasst kann man sie als Dienerinnen Odins und seines Götterkreises betrachten. Entsprechend den schicksalhaften Götterentscheidungen am Urdbrunnen sorgen sie für die natürlichen Bedingungen und Umstände, denen die Lebewesen im Lebenskampf begegnen. So kommt ihre natürliche Vielfalt auch durch ihre speziellen Namen zum Ausdruck, die sich wiederum nur andeutungsweise übersetzen lassen.

Damit dienen sie dem Allvater in Walhall, der „Halle der Gefallenen“ im Reich der Schöpfung. Sie bieten den kämpfenden Lebewesen das Wasser des Lebens als Biergebräu an, das man auch als Götter-Met trinken kann, und sie sorgen für die entsprechenden „Gefäße“ als Formen und Gestaltungen der Natur. So „wählen“ sie die Wege der Todgeweihten unter den Männern, das heißt der vergänglichen Formen des unvergänglichen Geistes, und bestimmen den Sieg im Kampf, abhängig vom Geist des Kämpfers, entweder als Einzelkämpfer oder als Einherier.

So dienen sie als natürliche Aspekte dem Geist und als Göttinnen vor allem dem ganzheitlichen Geist Odins. Dabei arbeiten sie eng mit der Schicksalsnorne Skuld als Schuld bzw. Karma zusammen, wie auch mit Jörd als Mutter Erde, Rinda als Beschützerin des Lebens und selbstverständlich mit allen anderen weiblichen Aspekten der Natur.

Um die bisherigen Betrachtungen über das Liebesspiel von Geist und Natur weiter zu verdeutlichen, erinnert der „Hohe“ abschließend noch an die Geschichte, wie Freyr und Gerda ein Ehepaar wurden:

37. Gymir (Ägir bzw. „Meer“) hieß ein Mann, seine Frau war Aurboda („Erdbotin“). Sie stammte aus dem Geschlecht der Bergriesen, und ihre Tochter war Gerda („Behüterin“), die schönste aller Frauen. Es geschah eines Tages, dass Freyr (der fruchtbare Sommergott) nach Hlidskjalf (Odins „Thron des Weitblicks“) gekommen war und über alle Welten sah. Aber als er sich nach Norden (in Richtung Natur) wandte, erblickte er auf einem Hof ein großes und schönes Haus. Zu diesem Gebäude schritt eine Frau. Und als sie die Hände hob, um die Tür vor sich zu öffnen, da ging von ihnen ein Strahlen über Luft und Wasser aus, und alle Welten wurden durch sie erleuchtet. So rächte sich Freyrs Hochmut, mit dem er sich auf dem einen heiligen Sitz niedergelassen hatte, indem er voller Kummer wegging. Als er heimkam, sprach er nicht, schlief nicht und trank nicht. Niemand wagte, ihn anzusprechen.

Da ließ Njörd (der Vater von Freyr) Skirnir, Freyrs Diener, zu sich rufen und befahl ihm, zu Freyr zu gehen. Er sollte ums Wort bitten und fragen, warum er so erzürnt sei, dass er mit niemandem spreche. Skirnir (der „Strahlende, Klärende“) sagte, er werde gehen, aber ungern, denn er erwarte eine üble Antwort von ihm. Als er zu Freyr kam, fragte er ihn, weshalb er so traurig sei und mit niemandem spreche. Da antwortete Freyr, er habe eine schöne Frau gesehen und sei ihretwegen so bedrückt, denn er könne nicht länger leben, wenn er sie nicht bekäme. „Und nun sollst du gehen, sie für mich um ihre Hand bitten und sie hierherbringen, ob ihr Vater will oder nicht. Ich werde es dir gut lohnen.“ Skirnir antwortete darauf, dass er diese Fahrt in seinem Auftrag machen werde, aber Freyr sollte ihm sein Schwert überlassen. Das war so gut, dass es von selbst kämpfte. Und Freyr zögerte nicht und gab ihm das Schwert.

Dann begab sich Skirnir auf die Reise, warb für ihn um die Frau und erhielt ihr Heiratsversprechen. Neun Tage später wollte sie zu dem Ort kommen, der Barrey heißt („Kiefernwald, Gersteninsel, Weideinsel“), und mit Freyr Hochzeit halten. Skirnir überbrachte Freyr diese Nachricht, und der sprach dies:

Lang ist eine Nacht, lang sind zwei, wie kann ich drei ausdauern?
Oft schien mir ein Monat kürzer als eine halbe Nacht bis zur Hochzeit.

An der Deutung dieser Geschichte haben wir uns bereits ausführlich im Abschnitt „Die Geschichte von Gerda und Freyr (Skirnirs Fahrt)“ versucht. Kurzgefasst: Was sah Freyr auf Odins Thron der Weitsicht mit einem Bewusstsein, das die äußeren Formen durchschauen konnte? Er sah die reine Seele der Natur und war sofort verliebt. Doch zunächst wird der Trennungsschmerz bewusst, der natürlich seinen Sinn hat, um die Trennung zu überwinden. Hier dient nun Skirnir als das strahlende und klärende Licht des Bewusstseins, wenn ihm das Schwert der Weisheit gegeben wird. Die erfolgreiche Werbung wird ausführlich im Lied von „Skirnirs Fahrt“ erzählt. Die neun Tage erinnern an den Zyklus der Erneuerung bis zur Neumondnacht, in der sie sich „an einem windstillen Ort treffen, den beide kennen“, wie es in „Skirnirs Fahrt“ heißt. Dort schweigt der unterscheidende Verstand mit seinen stürmischen Gedanken, sodass die ewige Hochzeit zwischen Geist und Natur möglich wird.

Stammbaum Ägir, Gymir, Njörd, Freyja und Freyr

All dies geschieht natürlich in Gymir selbst, in dem wir das Prinzip eines Lebewesens erkennen können. Als „aufgetauter Ymir“ erscheint er im Meer des Lebens und zeugt mit Ran die neun Wellen bzw. Welten auf diesem Meer der Ursachen. Seine Seele ist Gerda als „Behüterin“ der Verursachung. Und wie Gylfis Herz als Sitz der Seele von Gefjun zum Göttlichen gezogen wurde, so vergöttlicht nun Freyr als Sommergott Gymirs Seele. Dies geschah, nachdem Gymir als Ägir nach Asgard kam und dort die Göttergeschichten von Bragi hörte, wie im Skaldenbuch beschrieben wird. Und nach dieser inneren Hochzeit, sozusagen im Sommer des Lebens, folgt die Erntezeit für den großen Sieg des Lebens. Im „Lied von Hymir“, in den „Spottreden von Loki“ und im Skaldenbuch wird dazu erzählt, wie Ägir im Gegenzug die Götter zu sich einlädt und ihnen in einem Kessel Bier braut, den sie selbst besorgen müssen.

Nun kann man sich vorstellen, wie unter dem Segen des Sommergottes in Barrey, der „Gersteninsel“, die Gerste als Substanz für dieses Bier wachsen konnte, das dann zum Met als Göttertrank der Ganzheit wurde. Dieser große Weg wird auch in den „Spottreden von Loki“ als ein Weg des Schweigens beschrieben, einfach nur „bewusst sein“, sodass Ägir diese ganze Entwicklung schweigend in sich beobachten konnte. So war auch Widar daran beteiligt, der Gott des Schweigens und schweigende Kämpfer im Wald der Vorstellungen. Für dieses Schweigen Ägirs steht symbolisch Beli, der „brüllende“ Bruder von Gerda, den Freyr tötete. Dies geschah wohl automatisch mit der stillen Hochzeit im Wald der Vorstellungen auf der „Gersteninsel“. Denn wenn sich Geist und Natur als Einheit und Vielfalt wieder vereinen, kommt auch der Gedankenlärm des begehrenden Verstandes zur Ruhe. Was sich bewegt, ist nur das Meer des Lebens und die Schöpfung selbst, wie es die Göttin Gna verkündete.

Gymir als Ägir
Gymir als Ägir-Meer

Das ist der Grund dafür, dass Freyr unbewaffnet war, als er mit Beli (dem „Brüller“ als Riesen-Bruder von Gerda) kämpfte und ihn mit dem Hirschgeweih tötete.

Dazu meinte Gangleri: Es ist erstaunlich, dass ein so mächtiger Mann wie Freyr sein Schwert weggeben wollte, ohne dass er ein zweites, gleich gutes besaß. Das wurde ihm zu großem Nachteil, als er mit dem kämpfte, der Beli heißt. Ich glaube, diese Gabe hat ihn da sehr gereut.

Darauf erwiderte der Hohe: Es hatte wenig Bedeutung, als er mit Beli zusammentraf. Freyr hätte ihn mit seiner Hand erschlagen können. Doch es wird so kommen, dass es Freyr übler erscheinen wird, sein Schwert zu missen, wenn (zu Ragnarök) die Söhne Muspels kommen, um alles zu verheeren.

Das Hirschgeweih erinnert an die lebendige Vielfalt als ein Bewusstsein der Vielfalt, das sich in der Vielfalt der Natur wieder selbst als Bewusstsein erkennt. Dafür steht dann auch Fjölnir, der in der Ynglinga Saga als Sohn und Frucht dieser innerlichen Hochzeit beschrieben wird und schließlich im Palast von Frodi, dem friedlichen Weisen, in einem Met-Fass ertrinkt. Starke Symbolik! In der Edda wird Fjölnir mehrfach als ein Beiname Odins genannt und ist damit auch ein Aspekt des Allvaters.

Die Frage nach dem Schwert von Freyr ist wieder eine typische Vorstellung des unterscheidenden Verstandes. Kann ein Gott als ganzheitliches Wesen etwas „weggeben“? Kann er nach der großen Hochzeit noch etwas „vermissen“? Ja, es ist wohl nur ein „scheinbares Übel“, wie es im Text heißt. Denn praktisch verschwindet zu Ragnarök nur die äußerliche Form eines Gottes. Und das ist auch wichtig, damit unser Verstand nicht allzu sehr daran anhaftet…


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