| Inhaltsverzeichnis | Weiter | Über uns |
Heute ist Donnerstag, ein guter Tag, um unser Kapitel über das göttliche Wesen von Thor zu beginnen, der in der Edda in vielen Geschichten beschrieben wird und darüber hinaus auch als Donar im germanischen Raum weite Verbreitung fand. Beide Namen erinnern an „Donner“, und so können wir in Thor die personifizierte Kraft und Stärke der Götter erkennen. Man kann auch an den „gerechten Zorn der Götter“ denken, der vor allem gegen die Berg- und Frostriesen gerichtet ist, also gegen die Erstarrung in der Natur und in diesem Sinne für das Leben der gesamten Schöpfung. Damit verfolgt auch Thor das allgemeine Ziel der Götter im Kampf um eine lebendige Schöpfung, doch besonders auf die lebendige Körperlichkeit gerichtet. In dieser Hinsicht könnte man Thor als den körperlichsten unter den führenden Göttern betrachten, so dass er auch uns Menschen am nächsten erscheint. Daher hat er in der Edda vor allem die Aufgabe, Midgard vor den Frostriesen aus Jötunheim zu beschützen, damit unsere Menschenwelt nicht von der Erstarrung überwältigt wird.
Doch mit dieser kurzen Charakterisierung wollen wir Thor nicht sogleich in irgendeine Kategorie zwängen, auch wenn er neben Odin und Loki wesentlich greifbarer erscheint. Denn auch er ist ein Gott und damit ein ganzheitliches Wesen. Nur in unserer gedanklichen Vorstellung nimmt er eine begreifbare Form der unbegreifbaren Gottheit an. Denn nur so können solche wundervollen Geschichten erzählt werden, wie wir sie in der Edda finden, um uns zu helfen, dem Höchsten, Vollkommenen und ewig Unbegreifbaren im Leben näherzukommen.
Entsprechend wird in der Prosa-Edda von „Gylfis Illusion“ unter §21 das Wesen von Thor wie folgt beschrieben, und das sogar vom „Hohen“, von Odin selbst:
Da fragte Gangleri (der „Wanderer“): Wie sind die Namen der anderen Asen, was können sie leisten, und was haben sie an Großem vollbracht?
Der Hohe sagte: Thor ist der herausragendste unter ihnen. Er wird auch Asen-Thor oder Öku-Thor genannt („Götter-Thor“ oder „Wagen-Thor“ bzw. „Götter-Donner“ oder „Fahrender Donner“). Er ist der Stärkste aller Götter und Menschen. Er herrscht über das Reich, das Thrudwang heißt („Kraft-Feld“), und seine Halle trägt den Namen Bilskirnir („Blitz-Schlag“). In diesem Saal sind fünfhundertundvierzig Räume. Es ist das größte Haus, von dem die Menschen wissen. So heißt es in Grimnirs Lied (Vers 24):
Fünfhundert Räume und vierzig, so denk ich mir Bilskirnir (den Palast von Thor) im Ganzen. Von den Häusern, die ich überdacht weiß, kenn ich das meines Sohnes als das größte.
Thor hat zwei Böcke, die Tanngnjost und Tanngrisnir heißen („Zähneknirscher“ und „Zähnefletscher“), und einen Wagen, wenn er ausfährt; und die Böcke ziehen diesen Wagen. Er besitzt außerdem drei Kostbarkeiten: Als erstes den Hammer Mjölnir („Zermalmer“), den die Frost- und Bergriesen gut kennen, wenn er durch die Luft geschwungen wird. Und das ist nicht verwunderlich, denn er hat so manchen Schädel ihrer Väter und Verwandten zerschmettert. Die zweite hervorragende Kostbarkeit, die er besitzt, ist ein Kraftgürtel. Wenn er ihn sich anlegt, erwächst ihm die doppelte Asenstärke. Aber er hat noch eine dritte große Kostbarkeit: Das sind Eisenhandschuhe. Am Hammerschaft kann er sie nicht entbehren. Niemand jedoch ist so klug, dass er seine ganzen Heldentaten aufzählen könnte. Doch ich kann dir so viele Geschichten von ihm erzählen, dass die Zeiten vergehen würden, bevor alles gesagt wäre, was ich weiß.
(Gylfaginnîng §21 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Hier wird nun gleich zu Beginn Thor als „der Stärkste aller Götter und Menschen“ gelobt, womit seine Verbindung zu den Menschen und ihrer körperlichen Welt in Midgard betont wird. Denn Midgard ist unser Lebensbereich, wo auch körperliche Kraft eine wesentliche Rolle spielt, sozusagen Thrudwang, das „Feld der Kraft“, wo körperliche Kraft für die lebendige Schöpfung fruchtbar wachsen kann.
Über seine Halle Bilskirnir haben wir als Bewusstseinsraum bereits im Kapitel über das Wesen Odins in der Beschreibung von Walhall ausführlicher gesprochen. Ihr Name bedeutet „Blitz-Schlag“ und erinnert an einen göttlichen Lichtstrahl, der auf die Erde herabkommt und dort „einschlägt“. Hier könnte man an die Lebewesen denken, die hier in der unvorstellbar langen Zeit der Schöpfung wie ein Blitz erscheinen und ebenso flugs wieder vergehen. Die 540 Tore werden ebenfalls für Walhall beschrieben, und wir können uns gut vorstellen, wie diese Tore aus Walhall, sozusagen aus der überirdischen Halle von Odin, in die irdische Halle von Thor führen, vom göttlichen Vater zum Sohn. Damit ist sie auch als „überdachtes Haus“ die größte körperliche Halle. Warum es gerade 540 Tore sind, dafür konnten wir keine schlüssige Deutung finden. Sinnvoll wäre die Zahl 360 als 12x30 Tage im Jahreskreis, aber die 540 ist 18x30, also noch ein halbes Jahr mehr.
Der Wagen von Thor erinnert uns an die irdische Körperlichkeit, um sich auf der Erde bewegen zu können. Zu diesem Wagen gehören zwei Böcke, die oft auch als zwei Ziegenböcke beschrieben werden. Hier können wir an die nötige Dualität von Gegensätzen denken. Ihre Namen Tanngnjost und Tanngrisnir bedeuten „Zähneknirscher“ und „Zähnefletscher“ und erinnern symbolisch an den „Biss“ als den Antrieb, damit sich in unserer Welt etwas bewegen kann. Wir können hier auch an die Prinzipien von Trennung und Bindung denken, die ebenfalls für die körperliche Beweglichkeit nötig sind. Dazu gibt es in der Edda auch eine Geschichte, die wir uns später noch näher anschauen werden, in der Thor diese Ziegenböcke schlachtet und als Nahrung für sich selbst und andere verwendet. Danach kann er sie mit seinem Hammer wieder lebendig machen, sofern die Knochen erhalten bleiben. Ähnlich, wie auch die Körper aller Lebewesen vergehen und wieder entstehen, solange die Ursachen dafür existieren.
Damit kommen wir auch gleich zu Thors Hammer Mjölnir, dem „Zermalmer“, den die Frost- und Bergriesen gut kennen. Denn mit dieser Waffe kämpft er gegen die übermächtige Erstarrung und Verfestigung in der Schöpfung und sorgt damit für die lebendige Beweglichkeit, wie er auch symbolisch mit diesem Hammer seine beiden Zugtiere wieder lebendig machen konnte. Es ist also keine Waffe der tödlichen Zerstörung, sondern ein göttliches Werkzeug für das Leben in der Schöpfung. So war es sicherlich auch kein Zufall, dass dieser Hammer von den Zwergen als Naturgeister zusammen mit dem Goldring der Erneuerung bzw. Regeneration und dem goldenen Eber als Lichtwesen und Zugtier des Wagens von Freyr geschaffen wurde. Darüber haben wir im letzten Kapitel über das Wesen von Loki im Abschnitt zu Draupnir bereits ausführlicher gesprochen.
Eine weitere Kostbarkeit ist sein Kraftgürtel. Wofür braucht ein Gott einen Kraftgürtel? Er verfügt doch als ganzheitliches Wesen über alle Kräfte. Hier könnten wir an ein Mittel denken, um die ganzheitliche Kraft des Geistes in der Natur zu bündeln und auf etwas zu konzentrieren. Und gebündelte Kräfte sind natürlich auch verdoppelte und vervielfachte Kräfte. Damit bekommt die Wirkung von Thor eine bestimmte Richtung, die in den Geschichten gewöhnlich als Osten beschrieben wird, wohin Thor zieht, um mit seinem Hammer die Frostriesen zu schlagen. Was dieser „Osten“ symbolisch bedeutet, darüber werden wir im nächsten Abschnitt nachdenken.
Die dritte Kostbarkeit sind die Eisenhandschuhe. Vielleicht sind sie sogar das Kostbarste, wenn wir sie als Schutzhandschuhe vor dem eigenen Handeln betrachten. Denn jedes Handeln in der Natur bringt eine Wirkung hervor, und damit auch eine Gegenwirkung, sowie eine Verursachung für weitere Wirkungen. Diese Verkettung wird in der indischen Philosophie Karma genannt. Im Christlichen spricht man von Sünde, Schulden und Verdiensten, die man durch eigenes Handeln ansammeln kann.
Doch kann ein Gott Karma oder Schuld ansammeln? Das ist eine wichtige Frage, um vor allem das Wesen von Thor zu verstehen. Denn damit würde er sein göttliches und ganzheitliches Wesen verlieren und ein gewöhnliches Lebewesen werden, wie ich und du, das sich in diese Welt verstrickt. Das scheint vor allem bei Thor in vielen Geschichten zu geschehen, wenn er impulsiv im „gerechten Zorn Gottes“ handelt, gerade weil er uns Menschen so nahe erscheint und ähnlich handelt. Doch im Grunde auch wieder nicht, weil sein Handeln innerhalb der göttlichen Ordnung steht. Ähnlich ist es auch das große Ziel der indischen Yogis, ohne Anhaftung an eigene Taten zu handeln, um zwar das angesammelte Karma auszuwirken und abzubauen, aber kein neues Karma anzusammeln. Dazu wären die „Schutzhandschuhe“ ein starkes Symbol für das „Handeln ohne Anhaftung“, das man auch als „göttliches Handeln“ bezeichnen kann. Ähnlich könnte man den „Schutzhelm“, mit dem die Götter oft dargestellt werden, als Symbol für das „Denken ohne Anhaftung“ betrachten, das dann auch ein „göttliches Denken“ ist.

So ist auch Thor immer noch ein göttliches Wesen, das man niemals ganz begreifen kann. Und das bestätigen noch einmal die letzten beiden Sätze: „Niemand jedoch ist so klug, dass er seine ganzen Heldentaten aufzählen könnte…“
Denn in dieser Spannung zwischen Nähe und Übermacht, zwischen impulsiver Tat und göttlicher Ganzheit, bleibt Thor letztlich unerschöpflich. Gerade dort, wo er uns am ähnlichsten erscheint, entzieht er sich zugleich jeder vollständigen Gleichsetzung mit menschlichem Handeln. So weisen auch seine kostbaren Hilfsmittel nicht nur auf äußere Macht hin, sondern auf innere Ordnung, die sich im Handeln des Gottes ausspricht, ohne jemals ganz begriffen werden zu können. Dass niemand alle seine Taten aufzuzählen vermag, ist daher nicht bloß ein rhetorischer Überschwang, sondern ein Hinweis auf jene Tiefe, die sich erst im Gang durch die einzelnen Geschichten erschließt: In den Begegnungen, Kämpfen und Prüfungen, in denen sich das Wesen dieses Gottes immer wieder neu zeigt.
„Ich war im Osten und schlug Riesen (Jötune) und schadenstiftende Weiber, die zum Berg gingen. Übermächtig würde das Geschlecht der Riesen, wenn alle lebten. Aus wäre es mit den Menschen in Midgard.“ (Harbardlied, Vers 23, nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
In ähnlicher Weise wird in der Edda oft beschrieben, wie Thor „nach Osten“ zieht, wo die Berg- und Frostriesen in Jötunheim wohnen. Was beutet dieser „Osten“? Zuerst könnte man an eine geographische Richtung denken, und darüber wurde auch schon viel nachgedacht. So heißt es zum Beispiel im Text von Heimskringla, dem „Weltenkreis“, der ebenfalls Snorri Sturluson zugesprochen wird, gleich zu Beginn der „Ynglinga Saga“:
So wird gesagt: Der Kreis der Erde, den das Menschengeschlecht bewohnt, ist von Gewässern viel durchschnitten; große Meere gehen aus dem Weltmeer hinein in das Land. Es ist bekannt, dass ein Meer vom Njörwasund (Straße von Gibraltar) geht ganz bis zum Heiligen Land (Jerusalem). Von diesem Meer (Mittelmeer) geht eine lange Meerbucht nach Nordost, welche das Schwarze Meer heißt; es trennt die drei Teile der Erde: Der nach Osten liegende heißt Asia, den nach Westen liegenden aber nennen einige Europa, einige aber Enea. Aber nördlich vom schwarzen Meer liegt Swithjod, das große oder das kalte (Groß-Schweden/Rußland/Sarmatien?). Das große Swithjod nennen einige nicht kleiner als das große Serkland („Land der Serkir“, Muslime). Einige vergleichen es mit dem großen Blauland (Afrika). Der nördliche Teil von Swithjod liegt unbebaut vor Frost und Kälte, so wie der südliche Teil von Blauland öde ist vom Sonnenbrand. In Swithjod sind viele große Gebiete; da sind auch viele gar wunderliche Völker, auch viele Sprachen; da sind Riesen und da sind Zwerge; da sind auch Blaumänner (Dunkelhäutige); da sind auch schrecklich große Tiere und Drachen. Im Norden von den Gebirgen, welche das ganze bewohnte Land umgeben, fällt ein Strom durch Swithjod, der mit Recht Tanais (Don) heißt; er hieß vormals Tanaquisl oder Wanaquisl; er strömt aus in das schwarze Meer. Das Land zwischen den Armen des Wanaquisl hieß damals Wanaland oder Wanaheim; der Strom sondert die drei Erdteile: der nach Osten heißt Asia, der nach Westen aber Europa. Das Land im Osten vom Tanaquisl in Asia hieß Asaland oder Asaheim; die Hauptburg aber, die im Lande war, nannten sie Asgard. (Heimskringla: Sagen der Könige Norwegens, Gottlieb Mohnike, 1837 / andere Quelle: Snorris Königsbuch (Heimskringla), Felix Niedner, 1922)
Was genau sich Snorri um 1230 vorgestellt hatte, ist heute schwer nachzuvollziehen. Die klangliche Ähnlichkeit von „Asien“ und „Asen“ ist zwar interessant, aber vermutlich mehr zufällig. Vielleicht hatte es auch einen biblischen Hintergrund, dass er im Osten das Reich der Asen bzw. Götter sah. Zumindest kamen aus dem Morgenland die drei weisen Könige zur Geburt von Jesus nach Bethlehem. Man könnte sich auch östlich vom Schwarzen Meer den Himalaya als himmelhohe Götterburg in Form von Asgard vorstellen, sozusagen im Gegensatz zu den westlich liegenden Alpen als Burg der Alben bzw. Zwerge, und oben im Norden das kalte Reich der Frostriesen. Solche geographischen Vorstellungen sind sicherlich auch in den Edda-Text eingeflossen, sei es von Snorri selbst oder anderen Autoren. Doch warum ist dann Thor in Richtung Osten unterwegs, um in Jötunheim die Berg- und Frostriesen zu schlagen?
Wir möchten hier mehr an eine geistig-symbolische Richtung denken, nämlich an die Richtung der körperlichen Verhärtung und Erstarrung, wo das Wasser des Lebens zunehmend zu steinhartem Eis erstarrt, zu Berg- und Frostriesen. Damit ist Jötunheim auch eine Welt, zu der man von Midgard aus schauen und in deren Richtung man gehen kann. Denn in welche Richtung man schaut, dahin geht man gewöhnlich auch.
Entsprechend gehört Jötunheim zu den „neun Welten“, von denen die Edda mehrfach spricht. Doch nirgends werden diese neun Welten klar und deutlich beschrieben, wie man sie sich vorstellen sollte. Vielleicht ist das auch gut, denn so können wir unsere Phantasie spielen lassen. Finnur Magnússon, ein isländischer Gelehrter, soll sich folgendes Bild vorgestellt haben:

Finnur Magnusson, um 1825
Hier liegen die neun Welten übereinander: I. Lichtalbheim, II. Muspelheim, III. Asgard/Walhall, IV. Wanaheim, V. Midgard/Mannheim, VI. Jötunheim, VII. Schwarzalbheim, VIII. Helheim/Niflhel, IX. Niflheim (Quelle: www.germanicmythology.com)
Karl Simrock erinnerte sich dann um 1853 in seinem „Handbuch der Deutschen Mythologie“ mehr an den Spruch der Seherin in der Völuspá, Vers 2:
„Neun Welten kenne ich, neun Äste weiß ich am starken Stamm im Staub der Erde.“
Außerdem dachte er an die nördliche Nifl- bzw. Nebelwelt, sowie das südliche Muspelheim, und sah Midgard oder Mannheim in der Mitte der neun Welten. Entsprechend fächerte er die Welten auf und bildete eine Matrix von 3x3 Welten:
1. Über der Erde: Muspelheim, Lichtalbheim, Asenheim/Asgard
2. Auf der Erde: Jötunheim, Midgard/Mannheim, Wanaheim
3. Unter der Erde: Schwarzalbheim, Niflheim, Niflhel
Das macht auch für Thor und seinen körperlichen Wagen mehr Sinn, so dass man sich besser vorstellen kann, wie er damit auf der Erde durch die Welten der Riesen, Menschen und Wanen im Reich der Natur fährt.
Wenn wir diesen Ansatz nun weitertreiben und das Wesen der unterschiedlichen Welten betrachten, wie sie in der Edda beschrieben werden, dann können wir die beiden Welten der Riesen und Zwerge als Makro- und Mikrokosmos gegenüberstellen, sowie die beiden Welten der Asen und Wanen als die Reiche von Geist und Natur. Weitere Gegensätze bilden Licht und Dunkel, sowie Leben und Tod. Setzt man nun die Riesen in Richtung Osten, dann können wir uns folgendes Bild vorstellen:

Hier sieht man in nördlicher Richtung das dunkle Reich der Natur, das Nifl- oder Nebelreich vom Wasser des Lebens, welches aus der Riesenwelt der erstarrten Frostriesen „auftaut“ und entsteht. Und das geschieht durch den südlichen Einfluss vom Reich des Geistes, wo Feuer, Leben und Licht wirken. So kann man sich auch vorstellen, wie unten im Osten die Sonne „aufgeht“, die dann von Süden her das Reich der Natur „bescheint und erwärmt“, um dann im Westen wieder in die dunkle Nacht einzutauchen. Und damit die Sonne immer wieder aufgeht und die lebendige Schöpfung nicht erstarrt, zieht auch Thor mit seinem Hammer immer wieder nach Osten, um in Jötunheim gegen die Berg- und Frostriesen zu kämpfen.
Aus geistiger Sicht können wir unter diesem Weltenkreis der „neun Welten“ vor allem verschiedene weltliche Prinzipien verstehen, die in der lebendigen Schöpfung auf alle Geschöpfe mehr oder weniger ihren Einfluss haben. Dazu sieht man im obigen Bild sehr deutlich das Spiel der Gegensätze, um eine lebendige Schöpfung zu ermöglichen und zu erhalten. Und diese gegensätzlichen Prinzipien kann man nicht nur im äußeren Kosmos finden, sondern auch in jedem Lebewesen, das sich selbst als ein abgetrenntes Zentrum und Teil erkennt. In diesem Sinne erscheinen diese Welten um Midgard herum mehr als geistige Richtungen, in die man schauen und an die man glauben kann. Je nachdem, wie stark der Glaube ist an Körper, Geist, Natur, Materie, Götter, Geburt, Tod, Gestaltung oder Licht. Also mehr Glaubensrichtungen als geographische Richtungen.
Diesbezüglich möchten wir nun versuchen, die einzelnen Welten etwas näher zu betrachten. Wir beginnen mit Midgard als erste Welt, denn hier werden wir als Menschen geboren, und hier leben wir gewöhnlich. Danach drehen wir uns im Kreis der Zeit, sozusagen im Uhrzeigersinn, bis zur neunten Welt:
1. Midgard - Trennung / Bindung (Mitte)
Wie wir Menschen, so befindet sich eigentlich jedes Geschöpf immer in Midgard, dem „Mittelgarten“ des Universums. Denn wer um sich herum in die verschiedenen Richtungen schaut, steht natürlich immer in der Mitte und im Zentrum seines Universums bzw. Erfahrungsraumes. Das weiß im Prinzip auch unsere moderne kosmologische Wissenschaft, dass jeder Beobachter im Universum immer im Zentrum steht, und es im Universum kein absolutes Zentrum gibt.
Dazu ist Midgard als „Garten, Gehege oder Burg“ auch eine Welt der Abgrenzung und Trennung, wo sich die Geschöpfe als getrennte Wesen wahrnehmen können, die von einem Körper umhüllt und von der Midgard- bzw. Ego-Schlange wie von einem Zaun umschlungen werden. Damit erscheint die Midgardschlange als ein Symbol der Trennung, aber gleichzeitig auch der Bindung in Raum und Zeit. Daher sind hier alle Geschöpfe gegenseitig voneinander abhängig, denn alles lebt in Wechselwirkung mit anderem. Von dieser „Mitte“ aus kann nun jedes Lebewesen in die unterschiedlichen, prinzipiell möglichen Welten um sich herum schauen, wohin es sich dann richten und in diese Richtung auch gehen und sich entwickeln kann.
2. Wanaheim - Vielfalt / göttliche Natur / Ordnung (Norden)
In dieser Richtung steht das Prinzip der geformten lebendigen Natur. Hier herrschen die „Naturgötter“ der Wanen mit den Naturgesetzen von Ursache und Wirkung. In dieser Richtung finden wir auch unsere deutschen Begriffe von „Wähnen“ und „Wahn“ vom „Sinneswahn“ der sinnlichen Illusion. Dadurch entsteht die natürliche Vielfalt der Schöpfung entsprechend den Möglichkeiten aus dem Meer der Ursachen. So wird daraus das vergängliche Reich der Gegensätze, wie Werden und Vergehen, Fülle und Mangel, Sommer und Winter. Entsprechend erscheint Wanaheim im obigen Weltenkreis zwischen Niflheim und Niflhel, also zwischen Geburt und Tod. Und im Gegensatz zum warmen und lichtvollen Süden, ist dieses Reich im Norden mehr winterlich und dunkel.
3. Niflheim - Wasser / Quelle / Geburt (Nordost)
In dieser Richtung steht die ursprüngliche und urzeitliche „Nebelwelt“. Dort befindet sich an einer Wurzel von Yggdrasil die dunkle Quelle Hwergelmir, die „sprudelnde und siedende Quelle“ des Kampfgeistes, an der man auch die Ego-Schlange der Abgrenzung finden kann. Und es heißt in der Edda: Aus dieser Quelle nehmen alle Flüsse ihren Lauf. Damit wäre es eine kalte und dunkle Nebelwelt, in der heiße Quellen sprudeln, was sich besonders Isländer gut vorstellen können. So lässt sich hier auch das Prinzip der Geburt einordnen, wie die Lebewesen im Kampf um das Leben geboren werden, sozusagen als Gegensatz zum Tod in Niflhel. Es ist also eine körperliche Geburt, und dafür sorgt sie Schlange der Abgrenzung, so dass dann für das Lebewesen eine Körperhülle in Midgard entsteht.
4. Jötunheim - Eis / Verkörperung / Materie (Osten)
In dieser Richtung steht die Welt der Berg- und Frostriesen, das Prinzip der Verkörperung, Verhärtung und Erstarrung vom Wasser des Lebens und Licht des Bewusstseins. Auch unsere moderne Wissenschaft kennt Materie als „gefrorenes Licht“, das man wieder auftauen kann, um Materie in Licht zurück zu verwandeln. In dieser Richtung kann man auch an den Eis-Riesen Ymir denken, von dem die Edda spricht, in dem das ganze Universum gefroren und erstarrt war. Ähnlich spricht auch die kosmologische Wissenschaft vom „Big Freeze“ als mögliches Endzeit-Szenario für unser Universum. Doch wie es dann weitergehen könnte, ist allgemein noch unklar. Die Edda berichtet symbolisch, dass Ymir zu Beginn der Schöpfung vom Geist der Götter mithilfe des Feuers aus Muspelheim wieder aufgetaut wurde. Entsprechend kann man in Jötunheim auch Feuerriesen wie Logi finden, die sich mehr südlich nach Muspelheim neigen, sozusagen im Gegensatz zu den Berg- und Frostriesen, deren Neigung mehr nordwärts, in das Reich der Natur, zu den schneebedeckten Gebirgen besteht. Eine ähnliche Unterscheidung wird auch für die Zwerge im Mikrokosmos von Albheim beschrieben.
Dazu wird in Richtung Jötunheim auch der Mimir-Brunnen als die zweite Wurzel am Welten- und Lebensbaum Yggdrasil beschrieben. Darin hat Odin sein zweites Auge geopfert, und darin kann man wieder eine inspirierende Quelle der Schöpfung sehen. Über diesen Mimir-Brunnen haben wir bereits im Kapitel zu Odin ausführlich gesprochen.
5. Muspelheim - Feuer / Schicksal / Auflösung (Südost)
In dieser Richtung steht das Prinzip des Feuers, das auf die Welt der Frostriesen einwirkt und dann in Niflheim das „aufgetaute Eis“ als Wasser des Lebens fließen lässt. Der Name Muspel ist relativ unklar. Man könnte eine Verbindung zur althochdeutschen Dichtung „Muspilli“ vermuten, die das Jüngste Gericht und den Weltuntergang durch Feuer behandelt. Ähnlich könnte man in Muspelheim an den „gerechten Zorn Gottes“ denken, der aus Asgard kommt und dann auch in Gestalt von Thor auf Jötunheim einwirkt. Dazu liegt Muspelheim auf der Seite des Geistes, so dass es ein Feuer des Geistes ist, das in der Schöpfung das körperliche Leben im zyklischen Entstehen und Vergehen ermöglicht. Entsprechend sprudelt dann auch gegenüber in Niflheim die „siedende Quelle“ des Kampfgeistes zur körperlichen Geburt.
Für diese Wege der lebendigen Schöpfung kann man in Richtung Muspelheim den Urd-Brunnen als Quelle des Schicksals sehen, der als dritte Wurzel für Yggdrasil beschrieben wird. Damit liegt er gleich neben Asgard, so dass es die Götter nicht weit dahin haben, um dort jeden Tag über das Schicksal Gericht zu halten. Was ist Schicksal? Man könnte sagen: Das Verbrennen von Ursachen in ihrer Auswirkung. Und dafür schaffen die Götter die Bedingungen und Umstände in der Schöpfung am Baum des Lebens. Darin liegt das Feuer des göttlichen Geistes, wie man auch im Christentum das Feuer des Heiligen Geistes kennt, um das Unheil zu heilen. Entsprechend wird auch der Urdbrunnen als „sehr heilig“ bezeichnet.
Dazu heißt es zu Muspelheim in „Gylfis Illusion“ §4:
Zuerst war jedoch das Gebiet in der südlichen Welthälfte, das man Muspel nennt. Es ist strahlend hell und heiß. Diese Himmelsrichtung steht in Flammen und brennt und ist für diejenigen unerträglich, die dort fremd sind und nicht ihre Heimat haben. Surt (oder Surtur) wird der genannt, der an der Landesgrenze Wache hält. Er hat ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er losziehen, heeren und alle Götter besiegen. Verbrennen wird er die ganze Welt mit Feuer (in reines Licht).
6. Asgard - Einheit / göttlicher Geist / Freiheit (Süden)
In dieser Richtung kann man sich das Reich der Asen vorstellen, der „Geistgötter“, sozusagen im Gegensatz zu den „Naturgöttern“, der aber kein feindlicher Gegensatz mehr ist. Denn nach dem großen Wanenkrieg haben sie sich friedlich verbunden und gegenseitig als Götter anerkannt. So sorgen auch die Geistgötter für die Ordnung in der Schöpfung, doch nicht mit den Gesetzen der Natur von Ursache und Wirkung, sondern mit der Freiheit des Geistes eines freibeweglichen Bewusstseins, das jede Form annehmen kann. Daher sind die Götter auch nicht begrenzt wie die Geschöpfe in Midgard, sondern ganzheitliche Wesen, so dass sie sogar in den Formen, welche sie in der Schöpfung „freiwillig“ annehmen über den ganzen Schöpfungszyklus überleben können. Und als ein ganzheitliches Wesen sind sie grundsätzlich unsterblich.
Interessanterweise wird auch ihre Welt als „Garten und Gehege“ bezeichnet. Damit deutet sich bereits ein grundlegender Perspektivwechsel an. Denn auch für sie steht Asgard natürlich im Mittelpunkt des Universums, wie Midgard für uns Menschen, doch aus umgekehrter Sicht. Diesbezüglich gibt es eine Geschichte, die wir bereits im Kapitel über das Wesen von Odin behandelt haben, in der die Asen eine Mauer um Asgard bauen ließen. Hier kann man nun überlegen, was innerhalb und was außerhalb dieser Mauer ist. Wenn die Asen ganzheitliche Wesen sind, dann kann diese Mauer eigentlich nur innerhalb ihres Reiches entstehen und die ganze Schöpfung umschließen, ähnlich der Außenlinie im obigen Schema. Entsprechend wurde diese Mauer auch von einem Berg- und Frostriesen mit Hilfe eines Pferdes als Symbol der lebendigen Körperlichkeit errichtet. So kann man diese Mauer einerseits als Symbol für den Schutz von Asgard vor der Verkörperung und Erstarrung durch Berg- und Frostriesen betrachten, und andererseits als eine schwierige Hürde, um in dieses Reich der Götter zu kommen, die keine andere Hürde ist, als die Körperlichkeit selbst. In diesem Sinne könnte man sagen: Die Götter schützen sich in Asgard vor der Zerteilung und Verkörperung, und die Geschöpfe in Midgard vor der Ganzheit und Auflösung. Und der Perspektivwechsel liegt schließlich darin, dass die Götter die Schöpfung in sich selbst sehen, während sich die Geschöpfe in der Schöpfung betrachten. Also nicht mehr „Ich bin nicht im Körper“, sondern „der Körper ist in mir“, im „Ich bin“ als ganzheitlicher Bewusstseinsraum des Daseins.
7. Lichtalbheim - Licht / Achtsamkeit / Grundlage (Südwest)
In dieser Richtung steht das Prinzip des Lichtes. Es ist noch nicht das reine Licht des Bewusstseins, sondern mit der Natur verbunden. So erscheint es hier noch in Form der Naturgeister als Alben bzw. Zwerge, die man als Gestaltungsgrundlage der Schöpfung im Mikrokosmos betrachten kann, und die sich in dieser Welt besonders zum geistigen Licht neigen. Ähnlich kennt auch unsere moderne Wissenschaft das Licht als Grundlage des Universums und Träger aller Information.
So sagte auch Jesus: „Ich bin das Licht der Welt.“ Entsprechend liegt in dieser Richtung von Lichtalbheim noch ein weiteres Reich des Lichtes, sozusagen ein „Lichtheim“, das wir noch als „Gimle“ und Tor zum Himmelreich kennenlernen werden.
8. Albheim - Zwerge / Gestaltung (Westen)
In dieser Richtung steht das Prinzip der schöpferischen Gestaltungskräfte, die im Mikrokosmos überall wie kleine Zwerge unermüdlich im Dienst von Natur und Geist wirken. Vermutlich werden sie daher in der Edda in Schwarzalben und Lichtalben getrennt, je nachdem, ob sie sich als Naturgeister mehr zur Natur oder zum Geist neigen, zur Dunkelheit oder Lichtheit. Denn zwischen diesen Polen entstehen alle Bilder und Gestaltungen in unserer Welt, sozusagen zwischen dem Acht-Bewusstsein und dem Nacht-Bewusstsein, als „Achtsamkeit und Nachtsamkeit“. Ähnlich haben wir im Abschnitt zu Draupnir bereits die beiden Zwerge Brokk und Sindri symbolisch in Richtung Geist und Natur kennengelernt.
Entsprechend finden wir diese Natur-Geister in einem weiten Bereich, von den Lichtelfen und Feen bis zu den Nachtalben und schrecklichsten Albträumen. Doch eigentlich sind immer die gleichen Wesen gemeint. Im Althochdeutschen hießen sie „Alb“, „Elb“ oder „Alp“, im Altnordischen „Alfr“, im Altenglischen „Älf“ und im Dänischen „Elve“. In vielen Sagen werden sie als Zwerge oder andere kleine Wesen dargestellt, wie zum Beispiel der Zwerg Alberich aus dem Nibelungenlied und der Dietrichsage.
9. Niflhel/Helheim - dunkle Höhle / Nachtsamkeit / Tod (Nordwest)
In dieser Richtung steht das Prinzip des Todes im Nacht-Bewusstsein der Verdunklung, wenn sich das Bewusstsein immer mehr wie in eine Höhle einschließt. So stellen wir uns auch den Tod als eine gewisse Unbewusstheit wie im Tiefschlaf vor. Entsprechend ist es auch die „neunte Welt“ die man als ein Ende des Lebens betrachten kann, aber auch als eine Zahl der Erneuerung, je nachdem, wohin man seinen Glauben in der Welt richtet. Für Einzelkämpfer ist es mehr ein Ende ihres körperlichen Lebens, und für Einherier ein Prinzip ihrer körperlichen Erneuerung und Regeneration.
Über das Wesen von Niflhel als „neunte Welt“ schreibt dann auch die Prosa-Edda in „Gylfis-Illusion“ zum Schluss von §3:
Da begann Gangleri mit seinen Fragen: Wer ist der vornehmste und älteste aller Götter?
Der Hohe antwortete: Er heißt Allvater in unserer Sprache, aber im alten Asgard hatte er zwölf Namen: Der erste war Allvater, der zweite war Herran oder Herjan (Heerführer), der dritte Nikarr oder Hnikarr (Erweckender), der vierte Nikud oder Hnikud (Erreger), der fünfte war Fjölnir (Vielwissender), der sechste Oski (Wunscherfüller), der siebte Omi (Hellhöriger), der achte war Biflidi oder Biflindi (der mit dem bemalten Schild), der neunte Swidurr (Speerwerfer), der zehnte Swidrir (Speerträger), der elfte Vidrir (Stürmer) und der zwölfte Jalg oder Jalk (Hengst).
Darauf fragte Gangleri: Wo ist dieser Gott, was vermag er, und was für ruhmreiche Taten hat er vollbracht?
Der Hohe antwortete: Er lebt für alle Zeiten, waltet über sein Reich und bewirkt alle Dinge, die großen wie die kleinen.
Darauf sprach der Gleichhohe: Er schuf Himmel, Erde und Luft, sowie alles, was dazugehört.
Dazu sagte der Dritte: Das Wichtigste ist aber, dass er den Menschen erschuf und ihm eine Seele gab, die leben soll und niemals sterben, auch wenn der Körper zu Erde verwest oder zu Asche verbrennt. Alle Menschen, die des rechten Glaubens sind, werden leben und mit ihm selbst an dem Ort sein, der Gimle heißt oder Wingolf. Aber die Bösen (Feindlichen) fahren zu Hel und dann nach Niflhel. Das ist unten in der neunten Welt.
(Gylfaginnîng §3 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Hier können wir noch einmal über die beiden großen Wege des Bewusstseins nachdenken: Entweder als Einzelkämpfer, der mit seinem Körper zu sterben glaubt und geistig in Niflhel endet. Oder als Einherier, der im Heer der Einheit kämpft und sich bewusst ist, dass nur der Körper stirbt, während seine Seele in der Ganzheit bzw. Gottheit ewig lebt. Für ihn wird dann auch die neunte Welt keine Sackgasse als Einbahnstraße, sondern eine Welt der körperlichen Erneuerung und Regeneration im Reich der Natur. Denn sein Geist ist nicht auf die Trennung und damit auf den Tod in Niflhel gerichtet, sondern auf die Gottheit in Asgard, wo man auch Gimle oder Wingolf annimmt. Gimle bedeutet vermutlich „vor dem Feuer geschützt“, und Wingolf „Halle der Freunde“ oder „Weinhalle“, die an Walhall erinnert. Dazu wird auch hier im Edda-Text ausdrücklich betont, dass es eine Frage des Glaubens ist, in welche weltliche Richtung man geht und sich entwickelt.
Am südlichen Himmelsende steht der Saal, der von allen der schönste und strahlender als die Sonne ist. Er heißt Gimle, und er wird noch bestehen, wenn Himmel und Erde untergegangen sind. Ihn bewohnen gute und rechtschaffene Menschen aus allen Zeiten. So heißt es in der Völuspá, der Weissagung der Seherin:
Einen Saal sehe ich stehen, lichter als die Sonne, mit Gold gedeckt, in Gimle. Dort werden treue Gefolgschaften wohnen und für immer die Freude genießen.
So können wir uns im obigen Schema diesen Saal als Halle bzw. Himmel hinter Asgard und Lichtalbheim vorstellen, so dass er im reinen Licht vom Feuer verschont bleibt. Und von dort aus werden dann noch weitere Himmel beschrieben:
Da fragte Gangleri: Was beschützt diesen Ort, wenn Surturs Feuer Himmel (bzw. Luftraum) und Erde verbrennt?
Der Hohe antwortete: Es wird gesagt, dass es einen Himmel südlich und oberhalb von diesem gebe, welcher Andlang heißt („Langleben“). Und noch ein dritter Himmel sei über ihnen, welcher Widblain heiße („Weit-Blau“, Himmelblau?). Wir glauben, dass dieser Ort in jenem Himmel liegt. Und wir glauben, dass ihn schon jetzt einige Lichtalben bewohnen.
(Gylfaginnîng §17 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Damit haben wir versucht, den Weltenkreis der Edda etwas näher zu beschreiben. Im Ganzen erinnert uns dieser Ring der neun Welten, wie er oben im Schema dargestellt ist, wieder sehr an die Symbolik von Draupnir als Ring der Erneuerung und Regeneration, wie wir ihn im Kapitel über Loki bereits beschrieben haben. Sogar das Fraktal-Prinzip kann man sich hier vorstellen, wie sich der große Ring immer tiefer verschachtelt und in jedem Teil wiederum als Ganzes erscheint. Entsprechend könnte man Midgard im Universum auf verschiedenen Ebenen betrachten, wie als Galaxie, Sonnensystem, Erde, Kontinent, Mensch, Organ, Zelle, Molekül oder sogar Atom.
Zum Abschluss wollen wir uns noch fragen, wie wir aus diesen neun Welten symbolisch einen Weltenbaum machen können, der dann auch zu Yggdrasil wird, dem Baum des Lebens, mit Ästen und Wurzeln. Dazu möchten wir folgendes Bild vorschlagen:

In diesem Bild sieht man, wie sich in Midgard die Hauptäste des Baumes trennen und verzweigen. Deutlich erkennbar sind auch die entsprechenden Triebe bzw. Ziele im Baum, die senkrecht über den drei unteren Wurzelquellen oben in der Krone erscheinen: Die Quelle der körperlichen Geburt ist über den Weg von Wasser und Natur auf den Tod gerichtet. Die Quelle der Schöpfung führt über den Weg von Verkörperung und Trennung hinauf zur Gestaltung. Und die Quelle des Schicksals ist über den Weg von Feuer und Geist auf das Licht des göttlichen Bewusstseins gerichtet. Ja, darüber kann man noch viel nachdenken. Doch kurz gesagt:
Zum Sterben geboren,
Zum Licht bestimmt.
Im Prinzip könnten wir bezüglich der „neun Welten“ auch an die mystischen „neun Schwestern“ denken, die von Ägir als „Meer“ erzeugt wurden, sozusagen wie neun schöpferische Wellen auf dem Meer der Ursachen, also Bereiche des Lebens und der Bewegung in der Schöpfung, die entstehen und vergehen. Geboren wurden sie von Ran als „Raub“ oder „Mangel“, die wir als Prinzip des „Unheils“ vom Ur-Riesen Bölthorn ableiten könnten, dem „Bös-Dorn“:

Wunderbar und höchst symbolisch ist, dass Odin dann mit diesen „neun Schwestern“ den Gott Heimdall zeugte, so dass durch diese Wellen der Welten auch das „heimleuchtende Bewusstsein“ oder „Bewusstsein der Heime“ geboren wurde. Was natürlich nötig ist, um die „Heime“ der Welten, wie Muspelheim, Jötunheim, Niflheim usw., zu erleuchten und bewusst zu erkennen.
So heißt es dann im Skaldenbuch §25:
Wie soll man das Meer (Ägir) umschreiben? - Indem man es Ymirs Blut nennt, Besucher der Götter, Ehemann der Ran, Vater der Ägirstöchter, die so heißen: Himingläwa, Dufa, Blodughadda, Hefring, Ud, Hrönn, Bylgja, Bara und Kolga. Weiter heißt es das Land Rans, der Ägirstöchter und der Schiffe…
Die Namen der Ägirstöchter könnte man in Bezug auf die neun Welten beispielsweise wie folgt deuten:
Wellenname | Bedeutung | Mögliche Welt |
Bylgja | anschwellende Welle | Jötunheim / Verkörperung |
Bara/Dröfn | Gischt/Nebel-Welle | Niflheim / Geburt |
Kolga | kalte Welle | Wanaheim / Natur |
Dufa | taube Welle / Senkung | Niflhel / Tod |
Hrönn | quellende Welle / Wirbel | Midgard / Trennung |
Blodughadda | Bluthaarig / rote Gischt | Muspelheim / Feuer |
Hefring | erhebende Welle | Asgard / Schicksal |
Himingläwa | himmlischer Glanz | Lichtalbheim / Licht |
Ud/Unnr | Frohwelle | Albheim / Gestaltung |
Ähnlich bedeutet auch „Gylfis Illusion“ die „Illusion der schäumenden Welle“. Und man könnte sich gut vorstellen, wie ihm in der Prosa-Edda in Gestalt von Gangleri, was „müder Weltwanderer“ bedeutet, diese Wellen als Welten erklärt werden, so dass der „Wanderer“ zum „Wellenreiter“ wird. Entsprechend beginnt der Text von „Gylfis Illusion“ in der Prosa-Edda wie folgt:
1. König Gylfi herrschte über die Länder, die jetzt Schweden heißen. Von ihm wird erzählt, dass er einer umherziehenden Frau als Lohn für ihre Unterhaltung so viel an Ackerland in seinem Reich gab, wie vier Ochsen an einem Tag und in einer Nacht pflügen konnten. Doch diese Frau war aus dem Geschlecht der Asen und wurde Gefjun genannt („die Reichtum Gebende“). Sie nahm vier Ochsen aus dem Riesenheim im Norden - das waren ihre Söhne, die sie mit einem Riesen hatte - und spannte sie vor einen Pflug. Aber der pflügte so breit und so tief, dass er das Land losriss. Die Ochsen zogen es hinaus aufs Meer nach Westen, bis sie in einer Meerenge anhielten. Dort befestigte Gefjun das Land. Sie gab ihm einen Namen und nannte es „Seeland“. Und dort, wo das Land herausgerissen worden war, fand sich danach ein See, den man in Schweden nun Löger nennt (heute Mälaren, ein Binnensee neben Stockholm). Und die Buchten verteilen sich darin, wie die Landzungen auf Seeland. Dazu sprach der Skalde Bragi, der Alte:
Freudig zog Gefjun von Gylfi den Freibesitz der Insel. Die Ochsen schwitzten für den Zuwachs Dänemarks. Vier Häupter und acht Stirnmonde (Augen) trugen die Ochsen, und sie schleppten die Beute nach Seeland.
Hier finden wir wieder geballte Symbolik, über die man viel nachdenken kann. Wer ist die Göttin Gefjun, die als „Reichtum Gebende“ bei den weltlichen Königen in Midgard umherzieht? Wer ist die Göttin, die als Mutter von vier Riesen-Ochsen bezeichnet wird? Wofür benötigt eine Göttin Land? Warum führt sie einen Pflug mit Ochsen wie ein Bauer? Weiter hinten im Text heißt es: „Gefjun ist Jungfrau, und ihr dienen alle, die als Jungfrauen sterben.“ In dieser Hinsicht können wir hier wieder an die reine Seele der Natur denken, die Allmutter und ewige Jungfrau.
Das Land Schweden haben wir in unserer Interpretation zur Beowulf-Sage als Ego-Reich kennengelernt, das hier an Midgard erinnert. Und Dänemark war das Reich der Göttersöhne, wie von Scyld oder Skjöld, dem „Schild“ als göttlicher Beschützer. Dort wurde auch die gemeinschaftliche Hirschhalle ähnlich wie Walhall errichtet, was uns bereits sehr an Asgard erinnert.
Diese Symbolik würde auch hier passen, und wir können uns gut vorstellen, wie die Göttin das Herz aus dem Ego-Reich herausreißt und in das Götter-Reich zieht, und zwar mithilfe der Riesen-Kraft der Verkörperung. Damit gibt sie „wahren Reichtum“, nämlich nicht nur die vielfältigen Formen der Natur, sondern auch den Weg zur Einheit und Ganzheit, nicht nur einen Teilreichtum, sondern den ganzen. So nimmt sie dem König seinen Eigenbesitz und gibt ihm den göttlichen Ganzbesitz.
Diese Symbolik erinnert uns im weitesten Sinne auch an eine Geschichte aus den indischen Puranas, als sich Vishnu als Zwerg verkörperte und den Dämonenkönig um drei Schritte Land bat. Der gewährte ihm die Bitte, der Zwerg verwandelte sich in seine ganzheitliche Gestalt und übernahm mit drei Schritten die ganze Herrschaft im Königreich (siehe z.B. Harivamsha 3.71).
Schließlich können uns die vier Häupter der Ochsen als Wesen der Verkörperung an die vier Hauptrichtungen der neun Welten erinnern, und ihre acht mondgleichen Augen auch an die Nebenrichtungen und ihr Spiel der Gegensätze. Dazu wird auch angedeutet, was das große Ziel dieses Weltenkreises ist, nämlich dem göttlichen bzw. ganzheitlichen Reich näher zu kommen.
2. König Gylfi war ein kluger und zauberkundiger Mann. Ihn verwunderte es sehr, dass das Asenvolk so mächtig war, so dass alles nach seinem Willen lief. Er überlegte, ob dies von ihrer eigenen Macht komme oder ob es die göttlichen Mächte bewirkten, denen sie opferten. Er machte sich auf die Reise nach Asgard, heimlich, nahm die Gestalt eines alten Mannes an und gab sich nicht zu erkennen. Aber die Asen waren weise, weil sie die Sehergabe besaßen. Sie sahen seine Reise, bevor er ankam, und spiegelten ihm Sinnes-Illusionen vor. Als er in ihre Burg kam, erblickte er eine so hohe Halle, dass er kaum über sie sehen konnte. Ihr Dach war wie ein Schindeldach mit goldenen Schilden belegt.
So war nun „König Gylfi ein kluger und zauberkundiger Mann“. Das heißt wohl: Die „schäumende Welle“ auf dem Meer des Lebens konnte den weltlichen Zauber der Natur gut verstehen. Doch es lief nicht alles nach seinem Willen. Vermutlich wurde er auch langsam alt. Und nachdem er den Reichtum von Gefjun empfangen hatte, und sein Herz zum Göttlichen gezogen wurde, wandte er nun auch seinen Verstand nach Asgard, in die geistige Götterwelt. So kam er in Gestalt eines alten Mannes, der „sich nicht zu erkennen gab“, weil er sich selbst noch nicht erkannt hatte, und nun auf die Suche ging. Die Götter wussten natürlich, wer er war, doch empfingen ihn mit Sinnes-Illusionen. Warum? Nun, etwas anderes konnte er gegenwärtig mit seinem begrifflichen Verstand noch nicht verstehen, der nur in gegensätzlichen Formen denken kann.
So erblickte er in der Götterburg von Asgard eine große Halle, deren Ende er nicht sehen konnte. Ihr Dach war mit „goldenen Schilden“ gedeckt, wie es auch von Walhall berichtet wird. Die Halle erinnert wieder an einen Bewusstseinsraum, das Gold an die Wahrheit, und die Schilde an den Schutz, so dass der Bewusstseinsraum dieser göttlichen Welt von der Wahrheit beschützt wird. Deswegen konnte er auch das Ende nicht erkennen.
So sagte auch Thjodolf von Hwin (ein berühmter Skalde), dass Walhall mit Schilden gedeckt war:
Auf ihrem Rücken ließen die kampferprobten (einsichtigen) Männer Swafnirs Schilde wie Schindeln glänzen, denn sie wurden mit Steinen beworfen.
Dieser mystische Vers erinnert an das einsichtige Wesen der Einherier, die in Walhall leben. Das Umwerfen der Schilde auf den Rücken war gewöhnlich ein Zeichen der Flucht im Kampf, wenn sich die Krieger vom Feind abwenden und ihren Rücken vor Pfeilen und Wurfgeschossen schützen wollten. Doch hier war es wohl eine einsichtige Meisterleistung im Kampf, um das Überleben gegen die Steine der materiellen Erstarrung zu beschützen. Warum?
Swafnir bedeutet „Schlafbringer bzw. Tötender“. So wird eine giftige Schlange genannt, die an der Wurzel des Lebensbaums von Yggdrasil nagt. Ihre Schuppen erinnern an die Drachenschuppen, die in vielen Sagen als undurchdringlich hart für alle weltlichen Waffen gelten. Anderseits wird Swafnir auch als ein Name von Odin genannt, der sich als Allvater natürlich überall in der Schöpfung verkörpert. So geht es vermutlich um die große Frage, in welche Richtung man diesen Schutzschild trägt. Entsprechend kämpft man entweder als Einzelkämpfer oder als Einherier, für den Teilbesitz oder Ganzbesitz. Daher ist wohl auch das Dach von Walhall symbolisch mit diesen goldenen Schilden gedeckt, um das Ganze zu beschützen, und nicht, damit jeder mit seinem eigenen Schild seinen eigenen Teil beschützt. Damit deutet sich hier erneut der große Perspektivwechsel an, den man in der Welt von Asgard finden kann. Also nicht mehr gegen Etwas kämpfen, sondern für Alles.

Gylfi sah einen Mann vor der Hallentür, der mit Messern jonglierte und sieben auf einmal in der Luft hatte. Dieser fragte ihn nach seinem Namen. Da nannte er sich Gangleri und sagte, er sei auf verschlungenen Pfaden gekommen und suche ein Nachtlager. Auch fragte er, wem diese Halle gehöre. Der Mann antwortete, sie gehöre einem König: „Ich werde dich zu ihm bringen. Da kannst du ihn selbst nach seinem Namen fragen.“ Daraufhin ging er in die Halle, Gangleri folgte ihm, und gleich hinter seinen Fersen schlossen sich die Türflügel. Dort sah er viele Räume und zahlreiches Volk: Einige spielten, andere tranken, und wieder andere übten sich im Kampf mit Waffen. Da schaute er sich um, und vieles, was er sah, schien ihm unglaublich. Darauf sprach er:
Hinter allen Türen, soll man sich umsehen, bevor man weitergeht.
Denn es ist ungewiss, ob Feinde vor einem auf der Bank sitzen.
Wen trifft Gylfi hier in Asgard vor der Hallentür? Auch in diesem Mann bzw. Geist können wir den begrifflichen Verstand erkennen, der mit den acht Welten um sich herum „jongliert“, was eine der größten Künste ist. Denn mit zwei oder drei Welten zu jonglieren ist bereits schwer, und für sieben oder acht braucht man schon göttliche Meisterschaft, wie man im obigen Schema zum Weltenkreis gut nachvollziehen kann. Denn jede Welt ist wie ein schneidendes Messer, das unser ganzheitliches Wesen zertrennen oder zumindest verletzen kann, obwohl sie doch nur aus dem Licht des Bewusstseins besteht.
Daher fragt dieser Mann des Verstandes auch nach dem Namen des Ankömmlings, so wie Gylfi nach dem Namen des Königs fragt, denn der begriffliche Verstand braucht für alles Getrennte natürlich einen Namen und Begriff. Da nennt er sich nun Gangleri, einen „müden Wanderer“, der aus dem Tag des Lebens kommt, wo er seine Welt in Midgard gefunden und sich sein Reich und „Lager“ errichtet hatte. Doch sein Lebenstag scheint langsam zu Ende zu gehen, und er sucht in Asgard ein „Nachtlager“ zur „Übernachtung“, um das Leben auch über den Tod hinaus zu bewahren.
Dazu führt ihn der göttliche Verstand in die große Halle, deren Türen sich sogleich hinter ihm schlossen. Was hat er hinter sich gelassen? Ist er nun gefangen? Hatte er etwas verloren? Was erwartet ihn jetzt? Da erblickte er offenbar eine ganze Welt in der Halle, viele Räume und viele Menschen, die ihre Spiele spielten, Met oder Bier tranken und sich mit Waffen im Kampf übten. Doch es war wieder eine Welt voller Unterschiede und getrennter Wesen, wo überall auch Feinde lauern können, wie er es mit seinem Verstand nicht anders begreifen konnte. Und doch „schien es ihm unglaublich“, was bereits die ersten Zweifel andeutet. Ähnlich sehen auch wir in der Götterwelt von Asgard unterschiedliche Götter, Göttinnen und andere Wesen, die sich gegenseitig zu widersprechen und sogar zu bekämpfen scheinen. Anders kann es unser gewöhnlicher Verstand nicht begreifen. Doch es ist immer gut, den Glauben an die äußeren Formen nicht versteinern zu lassen, sondern zu hinterfragen.
Er erblickte drei Hochsitze, jeder höher als der andere, und drei Männer saßen auf ihnen. Er fragte, wie der Name dieser Oberhäupter sei. Derjenige, der ihn hineingeführt hatte, antwortete, dass der, welcher im nächsten Hochsitz saß, ein König sei. Er heißt „der Hohe“ („Har“), und der darüber heißt „der Gleichhohe“ („Jafnhar“), aber zuoberst ist der mit dem Namen „der Dritte“ („Thridi“). Da fragte der Hohe den Ankömmling, ob er noch mehr Anliegen habe. Speise und Trank gebe es für ihn wie für alle in der Halle des Hohen. Er (Gangleri) sagte, zuerst wolle er erfragen, ob irgendein weiser Mann hier drinnen sei. Der Hohe antwortete, er komme nicht heil heraus, wenn er nicht weiser sei.
Steh auf, während du fragst.
Sitzen soll, wer antwortet.
Sogar den König dieses Reiches erblickte er als drei unterschiedliche Männer bzw. Geister auf drei unterschiedlich hohen Sitzen, die damals den Status der Herrscher symbolisierten. Und dafür bekam er auch drei Namen. Vermutlich sind damit drei Manifestationen von Odin gemeint, die über ihre Namen hinaus nicht weiter erklärt werden, aber die Fragen von Gangleri auf unterschiedlichen Ebenen mehr oder weniger ausführlich beantworten. Doch „Speise und Trank gebe es wie für alle in der Halle des Hohen“, was bereits auf ein ganzheitliches Wissen hindeutet, von dem man sich hier ernähren kann. Trotzdem fragt Gangleri nach einem besonders „weisen Mann“. Darauf ermahnt ihn „der Hohe“, dass „er hier nicht heil herauskomme, wenn er selbst nicht weiser sei“. Wunderbare Antwort! „Heil“ bedeutet Heilung und Ganzheit. Und die Weisheit dazu muss natürlich von Innen kommen, und nicht von außen, also von ihm selbst und nicht von anderen.
So beginnt nun Gangleri als „Wellenreiter“ und „Weltenwanderer“ seine Welt der Formen zu hinterfragen, und zwar im Dialog mit den Formen selbst. Das ist wohl auch die Aufgabe unseres begrifflichen Verstandes, die äußeren Formen zu hinterfragen und die Geheimnisse der Welt zu ergründen, um die ganzheitliche Vernunft zu gewinnen und die göttliche Sicht wiederzufinden. Auf diesem Weg ist nun auch Gangleri.
Der letzte Vers erinnert noch einmal an den „Verstand“, der fragt, und die Weisheit sollte antworten, die auf dem Thron und Grund von Allem sitzt. Ähnlich findet man noch heute im Buddhismus das traditionelle Debattieren unter Mönchen: Der Fragende und Herausfordernde steht, und die Verteidiger und Antwortenden sitzen auf dem Boden.
Danach beginnen die Fragen von Gangleri mit dem Abschnitt §3, den wir weiter oben bereits behandelt haben:
3. Da begann Gangleri mit seinen Fragen: Wer ist der vornehmste und älteste aller Götter? …
Dann folgen noch über 40 Fragen über Götter und Göttinnen sowie über die Entstehung und Auflösung der Schöpfung mit allen Welten. Und als sich dann der Kreis zur zyklischen Erneuerung und Neuschöpfung geschlossen hatte, endet das lange Gespräch mit der Mahnung des „Hohen“:
„Aber wenn du jetzt noch weiter fragen kannst, weiß ich nicht, woher du das hast. Denn niemanden habe ich mehr erzählen hören vom Gang der Welt. Nun nutze, was du vernommen hast!“
54. Als nächstes hörte Gangleri ein großes Getöse überall um sich herum, und er blickte nach der Seite. Doch als er sich umsah, da stand er draußen auf einem flachen Feld, sah keine Halle und keine Burg mehr. Daraufhin ging er seines Weges und kehrte in sein Reich zurück. Dort erzählte er die Begebenheiten, die er gesehen und gehört hatte. Und nach ihm erzählte einer dem anderen diese Geschichten.
(Gylfaginnîng nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Ja, das ist eine wunderbare Botschaft, wenn sich für den Verstand alle Kreise schließen, die Gegensätze sich auflösen und die Unterschiede verschwinden. Dann bleibt die Sicht der ganzheitlichen Vernunft übrig, ein göttliches Sehen. Im Buddhismus wird hier von „Leerheit“ gesprochen, die Einheit in der Vielfalt, wenn sich alles harmonisch ausgleicht und nur ein „flaches Feld“ bleibt, grenzenlos, ohne Burgen und Hallen. Dennoch bleibt die Welt „wie sie ist“. Der König kehrt aus der „Übernachtung“, der Nacht der Erneuerung, in sein Reich des Tages zurück, und nichts geht verloren. Keine Sackgasse des Todes, denn das Meer bleibt, und es wird immer wieder schäumende Wellen geben, Gylfis und Gangleris. Wunderbar! So werden uns diese Geschichten auch heute noch erzählt…
Thor ist natürlich ein Göttersohn, von Odin als Allvater gezeugt und von Jörd geboren, der „Mutter Erde“, in der wir wieder einen Aspekt der Allmutter sehen können. Die Erde selbst wurde von Nott aus der „Nacht“ des Dunkel-Riesens geboren, von Annar gezeugt, der „Verwandlung“. Das ist eine wunderbare Symbolik, denn so ist die Erde zwar ein natürliches Reich der Nacht, aber auch ein Ort der Verwandlung, des Wachstums und der Entwicklung des Lebens, hin zum Licht.

Die Hauptfrau von Thor wird Sif genannt. Ihr Name bedeutet „Sippe, Verwandte“, und sie erscheint als goldhaarige Göttin, die zusammen mit ihrem Ehemann Midgard beschützt. Die Geschichte von ihren goldenen Haaren haben wir bereits im Kapitel von Loki ausführlich behandelt. Ihre Haare erinnern uns an die schöpferischen Gedanken von Mutter Natur. Und Loki sorgte dafür, dass sie auch mit den Gestaltungskräften der Zwerge als Naturgeister verbunden wurden, um eine lebendige Schöpfung im Zusammenspiel von Geist und Natur zu bewahren.
Ihre gemeinsame Tochter heißt Thrud. Ihr Name bedeutet „Kraft“ und könnte an die weibliche Gestaltungskraft der Natur erinnern, vor allem in Midgard, so dass auch das Reich von Thor „Thrudwang“ oder „Thrudheim“ genannt wird. Zu dieser Tochter gibt es in der Lieder-Edda unter „Alvíssmál“ die Geschichte von Allwis, dem „allwissenden“ Zwerg, der um die Hand der Tochter von Thor anhält. Ihr Name wird dort zwar nicht genannt, doch vermutlich handelt es sich um Thrud. Thor war von dieser Heirat nicht begeistert, obwohl sie sich bereits verlobt hatten, denn der Zwerg stammte offenbar von den Schwarzalben. Hier könnte ein ähnliches Problem wie bei den Haaren von Sif angedeutet werden: Die weibliche Gestaltungskraft der Natur sollte keinen Schwarzalben heiraten, weil diese als dunkle Naturgeister ebenfalls zur Natur neigen. Und dann fehlt es am belebenden Geist, auch wenn sich der Zwerg als Allwissender bezüglich aller Welten betrachtet. Thor löst das Problem, indem er ihm viele begriffliche Fragen stellt, bis in Midgard die Sonne aufgeht. Dann endet das Lied mit dem Vers:
Mit schlauen Lüsten verlorst du die Wette. Der Tag verzaubert dich, Zwerg, denn die Sonne scheint in die Halle. (Alvíssmál, Das Lied von Alwis, nach Karl Simrock)
Allgemein wird angenommen, dass dieser Zwerg im Sonnenlicht zu Stein erstarrte. Das lag vermutlich an seinem begrifflichen Verstandeswissen, und damit könnte er auch jede andere erstarrte Naturgestaltung angenommen haben. Wen Thrud dann heiratete, bleibt in der Edda offen. Doch sicherlich hat auch sie noch einen belebenden Geist gefunden.
Eine zweite Frau von Thor heiß Jarnsaxa. Ihr Name bedeutet „Eisenschwert“, doch sie wird in der Edda nur kurz als Nebenfrau und Mutter von Magni erwähnt. Sie gilt als eine Riesin und ist vermutlich auch die Mutter von Modi. Über Magni, der „Macht“, die er als Riesenmacht offenbar von seiner Mutter geerbt hatte, wird folgendes erzählt: Als sein Vater den Riesen Hrungnir („Lärmer“) erschlagen hatte, fiel dessen Bein auf ihn, und nicht einmal die Asen konnten Thor davon befreien. Da kam Magni, der gerade drei Tage alt war, und befreite seinen Vater. Zum Dank erhielt er das prächtige Pferd des Riesen, das Gullfaxi („Goldmähne“) hieß. Diese Geschichte werden wir uns später noch genauer anschauen. Darüber hinaus wird über Magni und Modi als „Macht und Mut“ nur noch berichtet, dass sie Ragnarök überleben und in der erneuerten Schöpfung den Hammer Mjölnir („Zermalmer“) von ihrem Vater erben.
Schließlich gibt es noch einen Sohn von Sif namens Ullr. Sein Name könnte „Glanz/Glorie“ bedeuten, und er gilt als Gott des Winters. Doch über seinen Vater schweigt die Edda. Offenbar ist es nicht Thor, denn der wird als Ullrs Stiefvater bezeichnet. Aber wer sonst? Bezüglich der Struktur des Stammbaums könnten wird uns Njörd als Vater vorstellen:

Denn die goldhaarige Sif als Mutter von Thrud und Ullr erinnert bereits sehr an das Wesen der Wanen im Reich der Natur. Wie auch Thor durch seine Erd-Mutter eng mit dem Naturreich von Midgard verbunden ist. Dazu heißt es in der „Ynglinga Saga“ (ein Teil des Heimskringla) über den Wanenkrieg, nachdem sich Wanen und Asen friedliche geeinigt hatten und Njörd zu den Asen gewechselt war: „Solange Njörd bei den Wanen war, hatte er seine Schwester zur Frau gehabt, denn dort war dies rechtens, und ihre Kinder hießen Freyr und Freya. Aber unter den Asen war es verboten, in so naher Verwandtschaft zu heiraten. (siehe Kapitel Odin / Mimirs Kopf)“ Wenn wir in diesem Text „Freyr und Freya“ mit „Ullr“ austauschen, dann würde er auch in die Edda passen, die Freyr und Freya als Kinder von Skadi nahelegt. Auf diese Weise würde sich der Kreis der Götter und Göttinnen für Sommer und Winter schließen, wie man im obigen Stammbaum gut erkennt. Als Wane zeugte Njörd mit Sif den Winter, und als Ase mit Skadi den Sommer. Dazu passt auch das Wesen von Thor in diesen Kreis, denn zu Freyr und Freya werden ebenfalls Wagen beschrieben, auf denen sie durch die Welt fahren. Der Wagen von Freyr wird vom goldenen Eber Gullinborsti gezogen, und der Wagen von Freya von zwei Katzen.
44. Da fragte Gangleri: Ist Thor niemals an einen Ort gekommen, wo er auf etwas so Mächtiges und Starkes traf, dass es ihm an Stärke und Zauberkraft überlegen gewesen wäre?
Der Hohe antwortete: Ich glaube, nur wenige können dazu etwas sagen, aber manches ist ihm sehr mühsam gewesen. Doch wenn es wirklich so gewesen wäre, dass irgendetwas so mächtig und stark gewesen wäre und Thor darüber nicht den Sieg hätte gewinnen können, dann sollte nicht davon gesprochen werden. Denn es gibt viele Beispiele dafür, doch alle sollten daran glauben, dass Thor am stärksten ist.
Darauf sagte Gangleri: Mir scheint es, als habe ich euch zu einem Thema befragt, über das niemand etwas erzählen will.
Da sprach der Gleichhohe: Wir haben von Ereignissen gehört, die uns zu unglaublich erscheinen, als dass sie wahr sein könnten. Aber hier sitzt derjenige vor dir, der die Wahrheit zu sagen weiß. Und du solltest nicht glauben, dass er jetzt lügen wird, der nie zuvor gelogen hat.
Gangleri meinte: Hier bleibe ich stehen und höre, ob sich irgendeine Antwort zu dieser Sache findet. Ansonsten sehe ich euch als überwunden an, wenn ihr mir nicht sagen könnt, wonach ich euch frage.
Darauf sprach der Dritte: Es ist nun offensichtlich, dass er diese Begebenheit erfahren will, auch wenn es uns nicht angenehm erscheint, darüber etwas zu sagen.
Schon diese Einleitung deutet an, dass es sich um eine sehr subtile und tiefgründige Geschichte handelt. Noch einmal wird betont, wie wichtig der Glaube an die unbedingte Macht der Götter für das Vertrauen ist. Und doch sollte dieser Glaube in einer äußerlichen Welt der Vorstellungen nicht erstarren. Denn immer stellt sich die große Frage: Was ist Wahrheit? Vor allem, in unserer äußerlichen Welt der Körperlichkeit. Daher ist es gut, dass Gangleri seinen erstarrten Glauben hinterfragt. Genau darum dreht sich dann auch diese tiefsinnige Geschichte über den „Wagen-Thor“, der nun in der körperlichen Menschenwelt unterwegs ist und auch hier mit seinem göttlichen Wesen gegen die Erstarrung des Glaubens kämpft. Dazu möchten wir einige Gedanken niederschreiben, um vielleicht zum weiteren Nachsinnen anzuregen.
Am Anfang dieser Geschichte steht, dass Öku-Thor („Wagen-Thor“) mit seinen Ziegenböcken und dem Wagen loszog, und bei ihm war der Ase, der Loki heißt. Am Abend kamen sie zu einem Bauern und erhielten dort ein Nachtlager. Und an diesem Abend nahm Thor seine Böcke und schlachtete beide. Danach wurden sie abgehäutet und in einen Kessel gegeben. Als sie fertig gekocht waren, setzten sich Thor und sein Begleiter zum Nachtmahl. Er lud auch den Bauern mit seiner Frau und den Kindern zum Essen ein. Der Sohn des Bauern hieß Thjalfi („Begrenzer/Gestalter/Diener“?) und die Tochter Röskva („Tüchtige/Tapfere“). Thor legte die Bocksfelle vor das Feuer und sagte, der Bauer und seine Hausleute sollten die Knochen (unbeschadet) darauf werfen. Doch Thjalfi, der Sohn des Bauern, hielt den Oberschenkelknochen eines Bocks, öffnete ihn mit seinem Messer und brach ihn bis zum Knochenmark auf.
Thor verbrachte dort die Nacht, aber er stand noch vor Tagesanbruch auf und kleidete sich an. Er nahm den Hammer Mjölnir, hob ihn empor und weihte die Bocksfelle. Da standen die Böcke auf, einer jedoch hinkte mit dem Hinterbein. Thor bemerkte dies und sprach, der Bauer oder jemand aus seinem Haus müsse nicht vorsichtig mit den Knochen des Bockes umgegangen sein. Er stellte fest, dass der Oberschenkelknochen gebrochen war. Nicht mehr ist davon zu erzählen.
So kommt nun Thor in unsere körperliche Menschenwelt. Über seinen Wagen haben wir bereits als Symbol für die Körperlichkeit gesprochen. Von dieser Körperlichkeit ernähren sich auch alle verkörperten Wesen, vor allem von den Körpern „anderer“, sei es fleischliche oder pflanzliche Nahrung. Und der göttliche Geist sorgt dann für die Erneuerung und Regeneration dieser Körper. Dafür steht hier wieder das Symbol von Thor und seinem Hammer, damit die Körperlichkeit nicht in irgendeiner Form erstarrt. Dabei sitzt logischerweise auch Loki immer mit im Wagen, denn für jede Wirkung muss es eine Gegenwirkung geben. Die Regeneration ist natürlich nur möglich, solange die entsprechenden Ursachen dafür da sind, und daran könnte das „Knochenmark“ erinnern. Unsere heutige Biologie würde sagen: Solange die Gene nicht zerstört sind, kann das Lebewesen reproduziert werden. Entsprechende Experimente wurden gemacht. Doch zum Glück hat der Mensch erkannt, dass er hier seine gierigen Finger zügeln sollte und die körperliche Regeneration besser der Natur und auch Gott überlassen sollte.
Der Bauer und seine Frau könnten in dieser Geschichte symbolisch für den Menschen als Geist und Natur stehen, und ihre Kinder wären Verstand und Seele. In dieser Hinsicht wäre es vor allem der geistige Verstand, der die natürlich-körperliche Regeneration verhindern kann.
Alle können sich vorstellen, wie erschrocken der Bauer gewesen sein muss, als er sah, wie Thor seine Augenbrauen über die Augen senkte. Doch das, was der Bauer noch von Thors Augen sah, dünkte ihm, als müsse er allein von seinem Blick schon sterben. Thor umschloss den Hammerschaft so fest mit seinen Händen, dass die Fingerknöchel weiß wurden. Der Bauer und seine Familie taten, was zu erwarten war: Sie klagten laut und baten um Schonung. Alles, was sie besaßen, boten sie als Buße an. Als er ihre Angst sah, verging sein Zorn, und er beruhigte sich. Und zum Ausgleich nahm er von ihnen ihre Kinder, Thjalfi und Röskva. Sie sollten seine Diener sein. Seitdem folgen sie ihm überallhin.
So erscheint nun der „gerechte Zorn Gottes“, wenn unser Verstand die körperliche Regeneration verhindert. Was können wir dagegen tun? Am besten, alles Eigene hingeben. Und dann gehören Verstand und Seele der Gottheit, die nun gleichsam Thors Wagen ziehen.
45. Er ließ seine Böcke dort zurück und setzte die Reise ostwärts nach Riesenheim bis zum Meer fort. Dann überquerte er die tiefe See. Und als er auf eine Küste traf, ging er an Land, und mit ihm Loki, Thjalfi und Röskva. Sie waren nur kurze Zeit gelaufen, als sie auf einen großen Wald stießen. Durch diesen gingen sie den ganzen Tag bis zur Dunkelheit. Thjalfi war der schnellste Läufer unter ihnen. Er trug Thors Sack, aber für Wegzehrung war nicht gut gesorgt. Als es dunkel geworden war, suchten sie sich ein Nachtlager und fanden ein außergewöhnlich großes Haus. Die Türöffnung befand sich an einem Ende und nahm die gesamte Breite des Hauses ein. Das nahmen sie sich als Nachtquartier. Aber mitten in der Nacht gab es ein großes Erdbeben, die Erde unter ihnen bewegte sich wellenartig, und das Haus wankte. Da erhob sich Thor und wies auch seine Gefährten an, dies zu tun. Sie tasteten sich vorwärts und fanden auf der rechten Seite der Halle einen Nebenraum, in den sie gingen. Thor setzte sich an den Eingang, die anderen jedoch waren innen hinter ihm und fürchteten sich. Aber Thor hielt den Hammer und war bereit, sich zu wehren. Danach hörten sie großen Lärm und Getöse.
Als der Tag anbrach, ging Thor hinaus und erblickte einen Mann, der nicht weit von ihm im Wald lag. Der war nicht gerade klein, er schlief und schnarchte laut. Da glaubte Thor zu verstehen, was es für Geräusche in der Nacht gewesen waren. Er legte sich den Kraftgürtel an, und ihm erwuchs die Asenkraft. In diesem Augenblick erwachte der Mann und sprang schnell auf. Es wird jedoch erzählt, dass Thor dieses eine Mal zu überrascht war, um ihn mit dem Hammer zu schlagen. So fragte er ihn nach seinem Namen, und er nannte sich Skrymir („Großsprecher“). „Doch dich“, sagte er, „brauche ich nicht nach deinem Namen zu fragen. Ich weiß, dass du Asen-Thor bist. Doch wohin hast du meinen Fäustling (Handschuh) geschleppt?“ Darauf streckte Skrymir seine Hand aus und hob den Fäustling auf. Da sah Thor, dass er ihn in der Nacht für ein Haus gehalten hatte, und der Nebenraum war der Däumling des Fäustlings.
So geht nun die Reise wieder in Richtung Osten. Die tiefe See erinnert an das Wasser des Lebens und das Meer der Ursachen, und das Land an die materielle Verkörperung in diesem Meer. Vermutlich ist Jötunheim gemeint. So gelangten sie alle vier gemeinsam in das Reich der Riesen, den Makrokosmos der Natur. Der große Wald erinnert an den Wald der begrifflichen Vorstellungen, und dort wird es dann auch dunkel für unsere Wahrnehmung. Thjalfi, der als Verstand fast so schnell wie die Gedanken laufen kann, trägt den Vorratssack, der doch nie vollkommen ausreichend erscheint. Der Fäustling oder Handschuh, in dem die vier Wesen als Wirkung, Gegenwirkung, Verstand und Seele das „Nacht-Bewusstsein“ in der Natur verbringen, erinnert an unsere Körperhülle, in der wir wohnen und mit der wir kämpfen und „handeln“. Dann wäre das Erbeben die körperliche Vergänglichkeit, die an diesem Haus der Körperhülle rüttelt. Doch im Makrokosmos ist diese Körperhülle nur ein Teil eines viel größeren Organismus, der sich hier verkörpert hat, der Teil eines Riesens, der darin seinen eigenen Handschuh sieht, was an einen Frostriesen erinnert.
Bemerkenswert ist, dass dieser Riese den Namen von Thor kennt und damit einen Begriff von ihm hat, während Thor keinen Begriff von diesem Riesen hat, so dass sich dieser selbst nennen muss. Und der Riese nennt sich Skrymir. Der Name lässt sich als „Großsprecher“ deuten und wird oft als „Prahler“ oder „Angeber“ verstanden. Doch so wird sein Charakter eigentlich nicht beschrieben. Er ist eben ein Riesenwesen, und bringt damit das Große zum Ausdruck, indem er es im Sinne des Schöpfungswortes ausspricht. Doch solch ein Riesenwesen sollte nicht übermächtig werden und die kleineren Wesen beherrschen, überwältigen oder unterdrücken. Damit wäre die lebendige Schöpfung bedroht. Und dafür ist offenbar Thor mit seinem Hammer unterwegs. Dieses Thema haben wir bereits in der Sagenwelt der Nibelungen gefunden, wie zum Beispiel die Zwerge (wie Eugel, Elbegast oder Bibung) die Übermacht von Riesen beklagen, und wie die Menschen ihnen helfen, indem sie die Riesen besiegen.
Skrymir fragte, ob Thor ihn als Reisegefährten haben wolle, was dieser bejahte. Da nahm Skrymir sein Bündel, band es auf und begann zu frühstücken. Doch Thor und seine Begleiter lagerten an anderer Stelle. Skrymir schlug vor, sie sollten gemeinsam essen, und Thor stimmte dem zu. Anschließend schnürte Skrymir ihren gesamten Proviant in ein Bündel und warf es sich über die Schulter. Er ging den Tag über voran und lief mit recht großen Schritten. Spät am Abend wählte Skrymir ihnen ein Nachtlager unter einer großen Eiche, und sprach zu Thor: „Ich möchte mich zum Schlafen niederlegen. Nehmt ihr das Proviantbündel und bereitet euer Nachtmahl.“ Und schon schlief Skrymir ein und schnarchte laut. Thor nahm den Beutel und wollte ihn aufbinden. Doch was davon zu sagen ist, wird unglaublich erscheinen: Keinen Knoten vermochte er zu lösen, und kein Riemenende konnte er bewegen, sodass der Riemen lockerer als vorher geworden wäre.
So gehen nun Fünf gemeinsam auf ihre Reise: Wirkung, Gegenwirkung, Verstand, Seele und Verkörperung. Die große Eiche erinnert an den Baum des Lebens, unter dessen Schutz alle Lebewesen „übernachten“, und das Proviantbündel an das Karma-Bündel unserer angesammelten Ursachen, von dem sich alle Leberwesen ernähren. Ja, mehr oder weniger essen wir auch alle gemeinsam davon, denn die Trennung in einzelne Lebewesen ist in der Ganzheit bzw. Gottheit natürlich eine Illusion. Dass nun die Verkörperung im Makrokosmos dieses Karma-Bündel so fest verschnürt, dass man kaum noch an den Inhalt kommt, und lieber schlafen will, deutet die körperliche Trägheit an. Davon können auch die Yogis ein Lied singen, die versuchen, dieses Karma auswirken und sich erschöpfen zu lassen. Daher spüren wir gewöhnlich ein unentwegtes Hungergefühl mit einer Sehnsucht, die sich in der äußeren Welt niemals völlig sättigen lässt. Dann hat es sogar ein Gott schwer, noch zu helfen, und so muss wieder der „göttliche Zorn“ wirksam werden:
Als er sah, dass ihm diese Arbeit nicht gelingen konnte, wurde er zornig und ergriff mit beiden Händen den Hammer Mjölnir. Er ging Schritt für Schritt dorthin, wo Skrymir lag, und schlug ihm auf den Kopf. Aber Skrymir erwachte und fragte, ob ein Laubblatt auf seinen Kopf gefallen war und ob sie mit dem Essen fertig und zur Nachtruhe bereit seien. Thor sagte, dass sie sofort schlafen gingen. Darauf begaben sie sich unter eine andere Eiche [oder: auf die andere Seite der Eiche]. Aber dir ist der Wahrheit gemäß zu sagen, dass keiner ohne Furcht schlief. Und mitten in der Nacht hörte Thor, wie Skrymir im tiefen Schlaf so laut schnarchte, dass es im ganzen Wald widerhallte. Da stand er auf und ging zu ihm, schwang den Hammer schnell und voller Kraft, und schlug ihn ihm genau auf den Scheitel. Er merkte, wie die Hammerspitze tief in den Schädel drang. In diesem Moment erwachte Skrymir und fragte: „Was ist denn jetzt wieder? Fiel mir eine Eichel auf den Kopf, und was ist mit dir los, Thor?“ Aber der ging schnell zurück und antwortete, dass er gerade wach geworden war. Der Riese sagte, es sei mitten in der Nacht und noch Zeit zu schlafen. Daraufhin dachte Thor, wenn er die Gelegenheit für einen dritten Schlag bekäme, sollte er ihn niemals mehr erblicken. Aber jetzt legte er sich hin und achtete darauf, ob Skrymir wieder fest schlief. Als er kurz vor Morgengrauen hörte, dass er eingeschlafen sein musste, erhob er sich und lief zu ihm. Er schwang den Hammer mit aller Kraft und schlug ihn auf die Schläfe, die nach oben wies. Der Hammer drang bis zum Schaft in den Kopf.
Wunderbare Symbolik! Darüber kann man tief nachdenken: Die Verkörperung im Makrokosmos will vor allem schlafen und träumen. Dazu gehören auch unsere Tagträume, in denen unser Verstand so laut schnarcht, dass es im ganzen Wald der Gedanken und Vorstellungen widerhallt. Dagegen kämpft Thor mit seinem Hammer an, was wohl seine göttliche Aufgabe in dieser Schöpfung ist. Dreimal versuchte er es, und der Hammer drang immer tiefer in den Kopf des Riesens ein. Was bedeutet das? Warum konnte er ihn nicht töten? Genau darum geht es offenbar. Denn sicherlich ist es nicht das Ziel eines Gottes, irgendjemanden zu töten, sondern das Leben im Großen und Ganzen zu bewahren. Deshalb geht es um den Kopf des Riesens, in den der Hammer eindringen soll, um den erstarrten Glauben und Verstand zu zerschlagen. Daher scheint in der äußerlichen Welt nicht viel zu passieren.
Hier können wir uns wieder an Gangleri erinnern, wie ihm schließlich der erstarrte Glaube an eine äußerliche Welt zerschlagen wurde, sodass sogar die begriffliche Götterwelt um ihn herum verschwand. Und doch blieb die Welt, wie sie ist. Denn hier geht es mehr um ein innerliches Erwachen und weniger um das Zerschlagen oder Töten äußerlicher Formen. So „überlebt“ auch Skrymir den dritten und mächtigsten Schlag und zieht sich zurück, doch nicht mit überheblicher Prahlerei, sondern mehr mit Demut, die vor Prahlerei warnt:
Aber Skrymir setzte sich auf, strich sich über die Schläfe und meinte: „Irgendwelche Vögel müssen über mir im Baum sitzen. Mir schien, als ich aufwachte, dass ein Zweig aus dem Geäst auf meinen Kopf fiel. Bist du wach, Thor? Es wird an der Zeit sein, aufzustehen und sich anzuziehen. Ihr habt nun keinen langen Weg mehr zu der Burg, die Utgard genannt wird („Außen-Garten oder -Gehege“). Ich habe gehört, dass ihr untereinander geflüstert habt, ich sei kein klein gewachsener Mann. Aber ihr werdet noch größere Männer sehen, wenn ihr nach Utgard kommt. Ich will euch noch einen guten Rat geben: Sprecht nicht prahlerisch von euch! Denn die Gefolgsleute Utgardlokis würden wohl solchen Bürschlein keine Großmäuligkeit erlauben. Ansonsten kehrt lieber um. Das scheint mir für euch sowieso besser zu sein. Doch wenn ihr unbedingt weiterreisen wollt, dann zieht nach Osten. Ich muss nun nordwärts zu dem Gebirge, das ihr dort sehen könnt.“ Skrymir nahm sein Bündel, warf es sich über die Schulter und wandte sich seitlich von ihnen weg in den Wald. Und es wird nicht erzählt, dass die Asen den Wunsch hegten, ihn wiederzusehen.

Hier wird nun das Ziel ihrer Reise in den Osten nach Jötunheim genannt, nämlich Utgard, die Königsburg der Riesen, ähnlich wie Asgard für die Götter, und Midgard für die Menschen. Skrymir selbst zeigt sich mit seinen Fäustlingen in seinem Wesen als Berg- und Frostriese, den es nordwärts in das Reich der Natur zu den schneebedeckten Bergriesen zieht.
Der König in Utgard wird Utgard-Loki genannt, sozusagen ein Loki der Außenwelt bzw. der Riesenwelt des Makrokosmos. So ist er als König in der Körperburg selbst ein „Schlingel“, ähnlich wie der Götter-Loki, und sorgt durch seine Gegenwirkung für die körperliche Schöpfung und Bindung. Gegen was wirkt die Verkörperung im Makrokosmos? Gegen die Freiheit im Mikrokosmos? Gegen die Freiheit des Geistes, der sich in einem Traum verloren hat, und sich nun selbst bindet, um nicht weiter verlorenzugehen? Was ist der Sinn der Verkörperung? Das sind subtile Fragen, auf die man nur schwer Antworten geben kann. Doch dafür wurden wohl solche tiefsinnigen Geschichten erzählt:
46. Thor und seine Gefährten setzten ihren Weg fort und gingen bis zur Mitte des Tages. Da sahen sie eine Burg auf einem Feld stehen, und sie mussten ihren Kopf weit nach hinten neigen, bis sie darüber hinwegsehen konnten. Dann schritten sie zur Burg, doch am Tor war ein Gitter heruntergelassen. Thor ging zum Gitter, doch konnte es nicht öffnen. Als sie jedoch voller Eifer versuchten, in die Burg zu gelangen, zwängten sie sich durch die Gitterstäbe und kamen auf diese Weise hinein. Sie sahen eine große Halle und gingen dorthin. Die Tür stand offen. Sie traten ein und erblickten auf zwei Bänken viele Männer, von denen die meisten sehr groß waren. Als Nächstes kamen sie vor den König Utgardloki und grüßten ihn.
Offenbar waren die Vier als Götterwesen, Menschenverstand und Seele nicht besonders willkommen in der Königsburg der Verkörperung, wie ihnen auch Skrymir von der Weiterreise abgeraten hatte. Doch sie sind geistige Wesen, die sich in jede Körperlichkeit zwingen können, um dann trotz aller Hindernisse im Mittagslicht vor dem König der Verkörperung zu stehen:
Aber er wandte sich ihnen nur langsam zu, grinste verächtlich und meinte: „Spät ist es [Zu lange würde es dauern], bei einem so weiten Weg nach Neuigkeiten zu fragen. Ist es nicht so, wie ich glaube, dass dieser kleine Bursche Öku-Thor („Wagen-Thor“) genannt wird? Doch du könntest mehr sein, als du mir scheinst. Welche Fähigkeiten sind es, die ihr Reisegefährten zu beherrschen meint? Niemand sollte hier bei uns sein, der nicht irgendeine Art von Kenntnis oder Fähigkeit besser als die meisten anderen beherrscht.“
Ähnlich wie Skrymir erkennt auch Utgardloki den umherfahrenden Thor, und ihre Verbindung wird sich später noch offenbaren. Dann redet der König nicht lange um den heißen Brei herum: Ihm geht es nicht um Neuigkeiten aus der weiten Welt, sondern um den Kern und das Wesen seiner Herrschaft, nämlich die Übermacht. Und diesem Anspruch begegnet zuerst Loki, der als Gegenwirkung immer zuletzt nach jeder Wirkung kommt:
Darauf sagte der, welcher zuletzt gekommen war und Loki hieß: „Ich beherrsche die Kunst, die zu erproben ich sofort bereit bin, nämlich dass niemand hier drinnen ist, der schneller sein Mahl isst als ich.“ Utgardloki antwortete: „Das ist wirklich eine Kunst, wenn du sie beherrschst. Sie soll auf die Probe gestellt werden!“ Er rief hinten zur Bank, derjenige namens Logi („Feuer“) solle vortreten und mit Loki in den Wettstreit treten. Dann nahm man einen Trog, stellte ihn auf den Fußboden und füllte ihn mit Fleisch. Loki setzte sich an das eine, Logi an das andere Ende, und jeder aß so schnell wie möglich, bis sie in der Mitte des Troges zusammentrafen. Loki hatte alles Fleisch von den Knochen gegessen. Logi jedoch hatte mit dem ganzen Fleisch noch die Knochen und auch den Trog verschlungen. Deshalb schien es allen, dass Loki den Wettstreit verloren habe.
Zunächst könnte man meinen, dass Loki nach der langen Reise großen Hunger hatte und mit dieser List schnell an viel Essen kam. Tiefer betrachtet erinnert diese Schnelligkeit im Verzehren an die schnelle Gegenwirkung auf jede Wirkung. Und damit auch an das Prinzip der Auflösung für jede Schöpfung, sodass alles Entstandene auch mehr oder weniger schnell wieder vergehen muss. Das Verzehren der Knochen erinnert an den Anfang dieser Geschichte, als Thjalfi einen Knochen von Thors Ziegenböcken zerbrach und das Mark verzehrte. Loki hingegen lässt die Knochen heil, damit das Leben erhalten bleibt und sich das Fleisch des Körpers wieder regenerieren kann. Im Gegensatz dazu verzehrte Logi sogar noch den Trog. So werden wir ihn am Ende auch als Feuerriese und übermächtiges Feuer der Vernichtung kennenlernen. Doch in der äußerlichen Welt erscheint es unserem Verstand, dass Loki weniger mächtig war und die Wette verloren hatte.
Daher legt auch die Edda-Forschung großen Wert darauf, Loki und Logi klar zu unterscheiden, obwohl ihre Namen sehr ähnlich klingen, und sie hier in ihrem Wesen sehr ähnlich beschrieben werden. Für unseren Verstand besteht ihr Unterschied vor allem darin, dass Logi als Feuerriese in der Trennung brennt und somit ein Feuer der Vernichtung wird. Während Loki als göttliches Wesen in der Ganzheit wirkt, in der nichts verloren gehen und vernichtet werden kann.
So findet sich auch hier in Utgard, der Königsburg von Jötunheim, ein Riese in Gestalt von Logi wieder, der sich in seinem Wesen nicht wie Skrymir nach Norden in das Reich der Natur zu den Berg- und Frostriesen neigt, sondern mehr nach Süden zu den Söhnen von Muspelheim im geistigen Feuerreich. In ähnlicher Weise werden auch im Mikrokosmos die Zwerge von Albheim unterschieden: Einige neigen sich mehr zur Seite des Geistes und werden Lichtalben genannt, andere mehr zur Seite der Natur, die dann Schwarzalben heißen.
Danach fragte Utgardloki, was der andere junge Mann leisten könne. Thjalfi antwortete, er könne sich im Wettrennen mit jedem messen, den Utgardloki dazu bestimme. Utgardloki meinte, dies sei eine gute Fähigkeit, und er glaube wohl wirklich, sehr schnell zu sein, wenn er diese Kunst ausübe. Sogleich veranlasste er, dies zu erproben. Utgardloki stand auf und ging hinaus. Dort gab es eine gute Strecke, die man über ein flaches Feld laufen konnte. Dann rief er einen Burschen zu sich, der Hugi („Gedanke“) genannt wurde, und befahl ihm, mit Thjalfi um die Wette zu rennen. Daraufhin begannen sie den ersten Lauf. Und Hugi kam so weit voraus, dass er sich am Ende der Strecke (am Wendepunkt) Thjalfi entgegenkehren konnte. Da meinte Utgardloki: „Thjalfi, du musst versuchen, dich mehr anzustrengen, wenn du das Rennen gewinnen willst. Doch es ist wahr, dass noch keiner hierhergekommen ist, der mir schneller erschien.“ Dann liefen sie ein zweites Rennen. Doch als Hugi das Ziel erreichte und sich umdrehte, war er eine Pfeilschussweite vor Thjalfi. Da sagte Utgardloki: „Gut scheint mir Thjalfi um die Wette zu laufen. Doch ich traue ihm jetzt nicht mehr zu, das Rennen zu gewinnen. Das wird sich zeigen, wenn sie den dritten Lauf austragen.“ Darauf liefen sie noch einmal. Und als Hugi ins Ziel kam und sich umwandte, war Thjalfi noch nicht einmal bis zur Mitte der Strecke gelangt. Darauf sagten alle, der Wettkampf sei entschieden.
Auch hier finden wir wieder eine wunderbare Symbolik! Ein Wettrennen zwischen Verstand und Gedanke. Wer erreicht sein Ziel schneller? Wer ist mächtiger? Dreimal wird um die Wette gelaufen. Und jedes Mal wird der Verstand langsamer. Im ersten Lauf hatte der Gedanke nur einen kleinen Vorsprung, bis zum Wendepunkt. - Hier kann man nun darüber nachdenken, was passiert, wenn der Verstand einem Gedanken hinterherjagt, der immer im gleichen Kreis läuft und sich umkehrt und wendet, vor allem, wenn er dabei noch ermahnt wird, sich immer mehr anzustrengen. So verliert wohl jeder Verstand seine leichtfüßige Schnelligkeit, je mehr er sich anstrengt, an ein Ziel bindet und im Kreis Gedanken jagt. Und umso mehr er festhält, sich verbeißt und dann noch glaubt, verlieren zu können, desto mehr bleibt er stehen und beharrt auf seinem Standpunkt, was wir dann im Deutschen „Verstehen und Verstand“ nennen.
Schließlich stellt sich auch hier die Frage nach dem Unterschied zwischen Verstand und Gedanke. Ähnlich wie Loki und Logi, so sind auch Thjalfi und Hugi in ihrem Wesen gleich. Doch der Gedanke lebt in eigenwilliger Trennung, während der Verstand nach Zusammenhängen sucht und sogar zur Ganzheit strebt, je mehr er dem Göttlichen dient, wie Thjalfi Thor. Und doch scheint in der äußerlichen Welt der Vielfalt jeder eigenwillige Gedanke mächtiger zu sein, als ein Verstand, der der Gottheit dient.
Danach fragte Utgardloki Thor, was er für eine Fähigkeit habe, die er ihnen zeigen wolle. Es gebe doch so viele Geschichten, die man über seine großen Taten verfasst habe. Darauf sagte Thor, am liebsten wolle er mit einem Mann um die Wette trinken. Utgardloki meinte, dass dies so sein solle, ging in die Halle und rief seinen Diener. Dem befahl er, das große Strafhorn zu bringen, aus dem die Gefolgsleute gewöhnlich tranken (wenn sie eine Wette oder einen Kampf verloren hatten). Bald darauf trat der Diener mit dem Horn vor und gab es Thor in die Hand. Dazu sprach Utgardloki: „Aus diesem Horn gilt gut getrunken, wenn man es in einem Zug leert. Einige trinken es in zwei Zügen aus, aber niemand ist so ein schwacher Trinker, dass er es nicht in drei Zügen schafft.“ Thor sah sich das Horn an. Es wirkte nicht sehr groß, aber ziemlich lang. Da er sehr durstig war, begann er zu trinken. Er nahm große Schlucke und glaubte, dass er sich nicht öfter zum Horn neigen müsse. Als er jedoch nach Luft schnappen musste und das Horn sinken ließ, sah er, wie viel er getrunken hatte. Es schien ihm, als sei es nur ein ganz kleiner Unterschied, als sei nun kaum weniger im Horn als vorher. Utgardloki meinte: „Gut getrunken, aber nicht viel. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn mir gesagt worden wäre, Asen-Thor könne nicht mehr trinken. Doch ich weiß, dass du es mit dem zweiten Zug leeren wirst.“ Thor antwortete nicht, sondern setzte sich das Horn an den Mund und glaubte, dass er nun mehr trinken werde. Er strengte sich beim Trunk an, bis er Luft holen musste. Dabei sah er, dass die Spitze des Horns immer noch nicht so sehr nach oben wies, wie er es wünschte. Und als er das Horn vom Mund nahm und hineinsah, schien es ihm kaum weniger geworden im Vergleich zum ersten Mal. Zumindest war nun ein gut zu sehender Rand im Horn. Dazu sagte Utgardloki: „Was ist los, Thor? Willst du dich auch beim nächsten Schluck noch schonen, dass es dir von Nutzen sein wird?! Mir scheint, wenn du jetzt den dritten Schluck aus dem Horn nimmst, so muss der als der kräftigste gedacht sein. Wie kannst du bei uns hier als so großer Mann gelten, wie dich die Asen nennen, wenn du nicht in anderen Wettkämpfen mehr von dir zeigst, als hier zu sehen ist?!“ Da wurde Thor wütend, setzte das Horn an seinen Mund und trank so eifrig, wie er konnte. Er strengte sich bei diesem Trank sehr an. Und als er in das Horn sah, war nun am ehesten ein Unterschied auszumachen. Da gab er es zurück und wollte nicht mehr trinken.
Klar, sicherlich war es auch eine Tugend der großen Helden, im Festgelage trinkfest zu sein. Dazu gab es vermutlich auch das große Strafhorn oder Bußhorn (vítishorn), mit dem man den Kummer des Verlierers hinunterspülen und sich wieder als Sieger zeigen konnte. Doch bestimmt geht es in diesem Text um eine tiefere Bedeutung:
Was trinkt ein Gott? Warum trinkt ein Gott? Und warum ist es seine größte Stärke? Von Odin heißt es, dass er nur Wein trinkt, den Wein der Illusions- und Schöpferkraft aus dem Meer der Ursachen. Entsprechend haben wir gleich zu Beginn im Kapitel über das Wesen von Odin die Schöpfung von Mimir kennengelernt, der mit seinem Horn aus dem Mimir-Brunnen an der Wurzel von Yggdrasil die Schöpfung schöpft.

Entsprechend ist auch der Mimir-Brunnen die Quelle und Grundlage von Jötunheim als Riesenwelt der Verkörperung, wie man oben in unserem Bild vom Weltenbaum deutlich erkennen kann. In dieser Hinsicht erinnert uns das „große Strafhorn“ an das Horn der Schöpfung, das die Wesen aufgrund ihrer karmischen Schuld austrinken müssen. Wie das Sprichwort sagt: „Was man sich eingebrockt hat, muss man auch auslöffeln.“ Um dafür die äußeren Bedingungen und Umstände hervorzubringen, kann man sich auch vorstellen, wie Gott aus dieser Quelle trinkt und dann das Leben der Schöpfung ausatmet. Dabei hält er nichts zurück, sondern atmet alles wieder aus, aber in der Ganzheit, sozusagen in sich selbst.
Ähnlich finden wir hier Thor, wie er aus dem Horn trinkt, aber dann wieder atmen muss. Damit erscheinen Thor, Loki und Thjalfi wiederum als Dreiheit von Wirkung, Gegenwirkung und Verstand: Thor trinkt aus dem Meer der Ursachen, Loki verzehrt die Wirkungen, und Thjalfi folgt dem Fluss der Geschehnisse.
Doch warum kann Thor das Horn nicht völlig austrinken? Nun, einerseits ist es nicht seine Aufgabe als Gott, das Horn völlig auszutrinken, denn dann würde die Schöpfung zu Ende gehen, ohne ihren Sinn erfüllt zu haben. Andererseits ist das begrenzte Horn, wie es hier in der Außenwelt erscheint, sodass man glaubt, es austrinken zu können, natürlich eine Illusion, wie sich später noch offenbaren wird, dass dieses Horn mit seiner Spitze im Meer liegt. Das macht auch Sinn, denn weil Thor als Gott ein ganzheitliches Wesen ist, kann er nur aus einer ganzheitlichen Quelle trinken. Dazu ist das Trinkhorn selbst ein gutes Symbol, dessen Spitze die unerschöpfliche Einheit symbolisiert, die dann in die Fülle der Vielfalt fließt, wie man auch das „Füllhorn“ kennt. Doch je mehr er sich beim Trinken anstrengt und wütend wird, umso mehr ist die ganze lebendige Schöpfung in Gefahr, denn das Wasser des Lebens scheint zu verschwinden. Gott sei Dank, hörte er schließlich auf, sich noch weiter anzustrengen. Und doch scheint es in unserer äußeren Welt eine Schwäche von Gott zu sein, dass er das Strafhorn der Schuld nicht völlig austrinken kann.
Warum trinken wir es nicht selbst aus? Ist es nicht unsere Schuld und unsere Aufgabe? Da sagen wir schnell: „Das geht nicht!“ Dazu gibt es im indischen Mahabharata eine ähnlich symbolische Geschichte von Agastya, der auf Wunsch der Götter das ganze Meer austrank, weil sich dort die Dämonen versteckt hatten. Auch hier konnten die Götter das Meer nicht leeren, doch der weise und heilige Agastya trank es aus. Daraufhin konnten die Götter die Dämonen besiegen, die man auch als übermächtige Riesen betrachten kann. Doch als die Götter dann Agastya baten, das Wasser wieder freizugeben, antwortete er, dass er es bereits verdaut hatte. So musste die himmlische Ganga herabkommen, der Fluss der Milchstraße, um das Meer wieder aufzufüllen. Wunderbar! (siehe Mahabharata 3.105)
Trotzdem betrachtet die körperliche Welt den Geist als schwach, redet ihn klein und verdrängt ihn, wo sie nur kann. So versuchen auch wir immer noch, unsere Probleme eher körperlich als geistig zu lösen. Betrachten wir nur unser Medizinsystem: Wie stark ist die körperliche Seite, und wie schwach die geistige! Wie mächtig hat sich die Naturwissenschaft gegenüber der Geisteswissenschaft entwickelt! Wie sehr vertrauen wir auf Chemie und Technik, und wie wenig auf die Macht des Geistes! Ja, das ist die Welt von Utgardloki:
Dazu meinte Utgardloki: „Offensichtlich ist nun, dass deine Kraft nicht so groß ist, wie wir glaubten. Aber willst du dich noch an weiteren Proben versuchen? Man konnte bisher sehen, dass du hier nichts erreichst.“ Thor antwortete: „Ich kann mich noch weiteren Wettkämpfen stellen. Aber es wäre mir daheim bei den Asen seltsam erschienen, wären solche Schlucke klein genannt worden. Was für einen Wettkampf wollt ihr mir jetzt anbieten?“ Utgardloki sprach: „Junge Burschen machen hier, was als gering angesehen wird, nämlich meine Katze von der Erde hochzuheben. Aber ich könnte nicht so mit Asen-Thor sprechen, hätte ich nicht gesehen, dass du viel unbedeutender bist, als ich dachte.“
Gleich darauf lief eine graue, recht große Katze über die Diele. Und Thor ging zu ihr, umfasste mit seinen Händen die Mitte ihres Leibes und versuchte, sie hochzuheben. Aber die Katze machte einen Buckel, soweit er die Hände ausstreckte. Und als er sie so lang streckte, wie er überhaupt konnte, hob die Katze gerade ein Bein, und Thor konnte diesen Wettkampf nicht weitertreiben. Da meinte Utgardloki: „Der Wettstreit verlief so, wie ich es erwartete. Die Katze ist ziemlich groß. Thor jedoch ist gering und klein unter solchen großen Männern, wie sie hier unter uns sind.“
Welche Bedeutung hatten Katzen damals im Haus? Vermutlich ging es nicht um Schmusetiere, wie heutzutage. Sie mussten sich wohl mehr um den Schutz der Vorräte gegen Mäuse, Ratten und andere Kleintiere kümmern. In dieser Hinsicht herrschten die Katzen ähnlich über die Kleineren, wie es die Riesen versuchen. Dabei geht es vor allem um den Schutz der Häuslichkeit, Nahrung und Körperlichkeit. So werden wir später noch erfahren, dass diese Katze für Utgard nichts Geringeres als die mächtige Midgardschlange symbolisierte, die sich um die Menschenwelt schlängelt, um durch Abgrenzung deren vermeintliches Eigentum zu beschützen.
In dieser Hinsicht stellten sie Thor erneut ein Grundprinzip ihrer Verkörperung entgegen, um seine Kraft zu prüfen. Und tatsächlich rüttelte er wieder mächtig an den Grundfesten der Riesen. Doch auch hier war es offenbar nicht seine göttliche Aufgabe, dieses Grundprinzip der Verkörperung völlig aufzuheben. Was wiederum dazu führte, dass er selbst als schwach betrachtet wurde. Entsprechend forderte er die Riesen schließlich heraus, ihn auch selbst anzugreifen und zu besiegen:
Thor sagte: „Bin ich so schwach, wie ihr mich nennt, mag doch einer hierherkommen und mit mir kämpfen - jetzt bin ich wütend.“ Daraufhin sah sich Utgardloki in den Bankreihen um, antwortete und sprach: „Ich sehe keinen Mann hier drinnen, der es nicht als Herabwürdigung betrachtete, mit dir zu kämpfen.“ Und weiter sprach er: „Aber lasst uns sehen. Man rufe meine alte Amme Elli („Alter“) hierher. Mit ihr mag Thor kämpfen, wenn er will. Sie hat schon Männer zu Fall gebracht, die mir nicht schwächer als Thor erschienen.“ Dann kam eine alte Frau in die Halle. Utgardloki sagte, sie solle mit Asen-Thor ringen. Es gibt nichts weiter darüber zu sagen: Der Kampf verlief so, dass sie umso fester stand, je mehr sich Thor im Ringen anstrengte. Dann begann die Alte nach einem Ausweg zu suchen, und Thor wurde unsicher auf den Beinen. Es kam zu einem sehr heftigen Ringkampf, und es dauerte nicht lange, bis er auf ein Knie niedersank. Da trat Utgardloki hinzu und hieß sie, das Ringen zu beenden. Er sagte, Thor könne es sich nicht erlauben, noch weitere Leute aus seiner Gefolgschaft zum Ringkampf herauszufordern. Es war inzwischen Nacht geworden. Utgardloki wies Thor und seinen Gefährten Plätze an, und dort verbrachten sie die Nacht unter guter Bewirtung.
Nach Schuld und Trennung als Grundprinzipien der Verkörperung führen sie nun die dritte große Herausforderung in den Kampf. Es ist das Prinzip des Alterns, das in der Welt der Verkörperung am meisten gefürchtet wird, wie auch wir Menschen die Altersangst kennen. Daher erscheint es wohl auch den Riesen als das mächtigste Wesen. Das Symbol der „alten Amme“ ist gut gewählt. Als alte Frau erinnert sie an die vergängliche Natur, und als Amme daran, dass man ohne sie nicht gewachsen wäre.
Ohne Altern, kein Wachsen.
Ohne Vergehen, kein Entstehen.
Kann sich Thor als Gott gegen das Altern wehren? Kann er es besiegen? Auch hier wird die Dynamik wieder tiefgründig beschrieben: Je mehr er sich anstrengt und dagegen kämpft, desto fester besteht es. Und das ist wohl mit jeder Illusion so: Je mehr man dagegen kämpft, desto mehr manifestiert sie sich als Wirklichkeit. Aber Thor konnte von ihr nicht besiegt werden. Er sank nur auf ein Knie. Damit ist vermutlich sein formhafter Aspekt für unseren Verstand gemeint, der natürlich irgendwann auch altern und vergehen muss. Sein göttliches und ganzheitliches Wesen bleibt jedoch unsterblich und unvergänglich.
Trotzdem wollen wir diesen göttlichen Geist in unserer Welt der Verkörperung nicht haben. Warum eigentlich? Befürchten wir, unser Ego mit allem Eigentum in der Ganzheit zu verlieren? Warum wollen wir unbedingt etwas Besonderes sein, wenn wir doch Alles sein können?
47. Als es am Morgen tagte, standen Thor und seine Begleiter auf, kleideten sich an und waren gerüstet aufzubrechen. Da kam Utgardloki zu ihnen und ließ das Frühstück bringen. Es mangelte nicht an guter Bewirtung, an Essen und an Trinken. Als sie gegessen hatten, wollten sie aufbrechen. Utgardloki begleitete sie hinaus, und ging mit ihnen ein Stück aus der Burg. Aber beim Abschied sprach er mit Thor und fragte, wie ihm seine Reise zu verlaufen scheine und ob er einen mächtigeren Mann als ihn getroffen habe. Thor sagte, er werde nicht behaupten, dass er bei ihrem Zusammentreffen keine große Schande erfahren habe: „Weiß ich doch, dass ihr mich einen schwachen Mann nennen werdet, und damit bin ich nicht zufrieden.“
So hatte Thor hart gekämpft, und doch sein Ziel nicht erreicht, dass man ihn als stärkstes Wesen in der Welt anerkannte. Oder doch? Zumindest äußerte er gegenüber dem König von Utgard seine Unzufriedenheit. Beachtenswert ist, dass er innerhalb von Utgard seinen Hammer nicht gebrauchte, obwohl er mehrfach wütend wurde. Vielleicht wirkte innerhalb der Körperburg der Hammer schon? Ebenso steht die Frage, welche Rolle Röskva auf dieser Reise spielte, die nach der Ankunft in Jötunheim nicht mehr erwähnt wurde. Wenn wir sie als Seele betrachten, neben Thjalfi als menschlichem Verstand, dann müsste sie als Prinzip der Verursachung einen großen Einfluss auf den Verlauf der ganzen Geschichte gehabt haben. Vielleicht kommt uns deswegen diese Geschichte so menschlich vor, so dass auch wir darin unsere Schwächen und Stärken bezüglich der Götter- und Geistesmacht wiederfinden können. Und vielleicht spielte sogar diese ganze Geschichte innerhalb der Körperburg eines Menschen.
Die Übernachtung bei guter Bewirtung erinnert uns wiederum an das Nachtbewusstsein, in dem wir unsere Träume träumen. Und wenn der göttliche Tag anbricht, erwachen wir und rüsten uns, aus der Körperburg „aufzubrechen“ und in unsere wahre Heimat zurückzukehren. Auch Utgardloki verlässt nun zusammen mit Thor und dessen Begleitern die Körperburg. Und was für ein Wunder! Jetzt spricht er nicht mehr überheblich, sondern große Worte der Wahrheit:
Dazu meinte Utgardloki: „Nun will ich dir die Wahrheit sagen, da du aus der Burg heraus bist. Solange ich lebe und zu bestimmen vermag, sollst du niemals wieder in sie hineinkommen. Und ich weiß gewiss, dass du niemals hineingekommen wärst, wenn ich vorher gewusst hätte, wie groß deine Kraft ist. Damit hättest du uns beinahe in größte Gefahr gebracht. Aber ich habe dir Sinnes-Illusionen vorgegaukelt. Das erste Mal traf ich mit euch schon im Wald zusammen. Als du den Proviantsack aufbinden wolltest, hatte ich ihn mit Eisendraht zugebunden, und du fandest nicht heraus, wie er zu lösen war. Als Nächstes hast du mir drei Schläge mit dem Hammer versetzt. Der erste war der schwächste, und er war doch so stark, dass er mir den Tod gebracht hätte, hätte er richtig getroffen. Aber bei meiner Halle hast du einen Berg gesehen, darin waren drei viereckige Täler, und eines war besonders tief: Das waren die Spuren deiner drei Hammerschläge. Diesen Berg schob ich deinen Schlägen entgegen, aber du hast es nicht bemerkt.“
Wow! So offenbart sich nun Utgardloki als Skrymir, als wahrer „Großsprecher“, und spricht wahrlich große Dinge aus: Wenn er die Macht Gottes schon früher erkannt hätte, wäre sie nie in seine Körperburg gekommen. Und wie er das verhindern kann, das erfahren wir am Ende der Geschichte. Dann gibt er auch zu, dass seine Überheblichkeit innerhalb der Körperburg aus Furcht vor der Kraft Gottes geschah. Und aus Furcht hatte er dem göttlichen Geist Sinnes-Illusionen vorgegaukelt. Natürlich hatte er sich diese vor allem selbst vorgegaukelt, denn nur so war die Verkörperung möglich. Dadurch konnte er seinen karmischen Proviantsack vor dem göttlichen Zugriff sichern und sich als materieller Bergriese verkörpern, um sich vor den göttlichen Hammerschlägen zu schützen. Wunderbar, wer diese Illusionen durchschauen kann!
Warum hatte sie Thor nicht durchschaut? Einerseits war er mit dem menschlichen Verstand unterwegs. Andererseits kann auch Gott nur innerhalb von Illusionen wirksam werden. Womit sollte er sonst wirken? Daher sprechen wir gern von der „Illusions- und Schöpferkraft“ Gottes, die wir symbolisch im Wein erkennen können, von dem sich Odin als göttlicher Allvater und Schöpfergott ernährt. Und so erscheint wohl die gesamte Schöpfung, damit wir die Macht Gottes erkennen und die Illusionen durchschauen können, wie es nun Utgardloki geschieht. Daher spricht er weiter:
„So war es auch bei den Wettkämpfen, die ihr mit meinen Gefolgsleuten austrugt. Den ersten bestritt Loki: Er war sehr hungrig und aß schnell. Aber derjenige, der Logi hieß, war ein wildes Feuer, und es verbrannte nach dem Geschlachteten noch schnell den Trog. Als Thjalfi sich mit dem im Wettrennen maß, der Hugi hieß, war das mein Gedanke. Thjalfi konnte es nicht gelingen, schneller als er zu sein. Aber als du aus dem Horn trankst und es dir kaum weniger erschien, weiß ich gewiss, dass dies ein Wunder war, von dem ich nicht glauben konnte, dass es möglich sei. Denn das andere Ende des Horns lag draußen im Meer, aber das sahst du nicht. Doch wenn du jetzt zum Meer kommst, kannst du sehen, wie viel du daraus getrunken hast. Diese Abnahme wird jetzt Ebbe genannt.“
So erkennt er nun auch an, dass der göttliche Loki als Gegenwirkung in der Schöpfung besser ist, als der wilde Feuerriese, der alles verbrennen und vernichten will. Als nächstes erkennt er, dass der Verstand niemals schneller als die Gedanken sein kann, weil er das verstehende Wesen der Schöpfung in Raum und Zeit ist, solange er Gedanken nachläuft. Schneller ist nur die ganzheitliche Vernunft, wie wir auch vom Märchen „Hase und Igel“ gelernt haben, die dann weiß: „Ich bin schon da!“ Zum dritten erkennt er, mit welcher wundervollen Macht Gott aus dem Meer der Ursachen trinkt und die Schöpfung ausatmet. Dafür sind auch Ebbe und Flut starke Symbole, wie die Gottheit täglich ein- und ausatmet, aber nichts verlorengeht.
Und weiter sprach er: „Mir erschien es nicht geringer zu sein, als du die Katze anhobst. Und um dir die Wahrheit zu sagen, alle erschraken, als sie sahen, wie du eines ihrer Beine von der Erde hobst. Denn diese Katze war nicht das, als was sie dir erschien. Sie war die Midgardschlange, die um alles Land herumliegt. Kaum war sie noch lang genug, dass Schwanz und Kopf die Erde berühren konnten. Denn du strecktest deine Hände so hoch, dass es nicht mehr weit zum Himmel war. Aber auch beim Ringkampf geschah ein großes Wunder, als du so lange standhieltest und nur auf ein Knie sankst, während du mit Elli kämpftest. Denn niemandem ist es widerfahren und wird es jemals widerfahren, wenn er so alt wird und dem Alter begegnet, dass es ihn nicht zu Fall bringt.“
Auch das Wesen der Midgardschlange erkennt Utgardloki als Skrymir, und wie in Utgard alle erschrecken, wenn sich diese Schlange zu öffnen und von der Erde zu erheben droht. Zutiefst erschrocken fragen sie sich: Wer bin ich dann, wenn ich nichts Abgegrenztes und Eigenes mehr sein kann, wenn meine irdische Körperhülle verschwindet? Und schließlich erkennt er sogar die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit der göttlichen Macht, die damit allen irdischen Mächten überlegen ist. Dann beschließt Skrymir seine großartige und wahrhafte Rede und spricht:
„Aber nun ist wahrlich zu sagen, dass wir uns trennen müssen. Und es wird für beide Seiten besser sein, wenn ihr mir nicht mehr begegnet. Beim nächsten Mal werde ich meine Burg mit solchen und anderen Illusionen verbergen, sodass ihr keine Macht über mich bekommt.“
Bei diesen Worten könnte man plötzlich wieder zweifeln, ob Skrymir wirklich wahrhaft gesprochen hat. Warum will er sich vom göttlichen Geist „trennen“? Warum will er ihm nicht mehr „begegnen“? Warum spricht er schon wieder von „Illusion“ und will damit mächtiger als Gott sein? Nun, unser menschlicher Verstand kann es wohl nicht anderes begreifen. Er wird nie von Missverständnissen frei sein. Und weil Thor auch immer noch von Thjalfi begleitet wird, scheint auch er es misszuverstehen und schwingt nun wieder seinen Hammer:
Aber als Thor diese Worte hörte, ergriff er seinen Hammer und schwang ihn durch die Luft. Doch als er zuschlagen wollte, sah er Utgardloki nirgends mehr. Da wandte er sich zur Burg zurück und wollte sie zerschlagen. Doch dort sah er nur noch ein weites und leuchtendes Feld, aber keine Burg mehr. Darauf kehrte er um und setzte seine Reise fort, bis er wieder zurück nach Thrudwang („Kraft-Feld“) kam. Und das ist wahrlich zu sagen, dass er beschlossen hatte zu versuchen, mit der Midgardschlange zusammenzutreffen, was später geschah. Nun glaube ich, niemand kann dir mehr Wahres von dieser Fahrt Thors erzählen.
(Gylfaginnîng §44-§47 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Hier erfahren wir nun, wie sich Skrymir künftig vor der göttlichen Übermacht schützt: Zuerst verschwindet er selbst, danach auch seine Körperburg, und auch das ist Illusion. Geniale Lösung! Dann gibt es nichts mehr zu zerschlagen und nichts mehr zu verteidigen. Wunderbar!
War dies vielleicht das große Ziel von Thors Reise? Was wäre Thor schließlich für ein Gott, wenn er versagt und seine Ziele nicht erreichen kann? War sein dritter Hammerschlag doch erfolgreich, wie es anfangs im Text hieß: „Daraufhin dachte Thor, wenn er die Gelegenheit für einen dritten Schlag bekäme, sollte er ihn niemals mehr erblicken.“
Auch Utgardloki macht nun seinem Namen alle Ehre, denn er ist nun der „Loki von Utgard“, also die Gegenwirkung zur Körperburg. So ist wohl auch die Verkörperung nur dafür da, um überwunden zu werden. Was für eine großartige Geschichte! Sie endet fast genauso, wie wir es oben von Gangleri gelesen haben, als er aus „Gylfis Illusion“ erwachte und sogar die Vorstellung von Asgard verschwand. Ähnlich verschwindet hier bereits Utgard und dessen König. Und doch bleibt die Welt, wie sie ist, ein grenzenlos „weites und leuchtendes Feld“ des Bewusstseins. Was für ein Wunder!
Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden…
Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebend'ges Tun…
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
(„Eins und Alles“, Goethe)
So ist die Illusion ein wichtiges und oft sogar zentrales Thema in der Edda mit einer tiefgründigen Botschaft: Schaut und geht man von Midgard aus in Richtung Asgard, dann werden die „Sinnes-Illusionen“ mehr vom Geist erzeugt, wie es zu Beginn von „Gylfis Illusion“ heißt: „Aber die Asen waren weise, weil sie die Sehergabe besaßen. Sie sahen seine Reise, bevor er ankam, und spiegelten ihm Sinnes-Illusionen vor…“ Schauen und gehen wir dagegen von Midgard aus mehr in Richtung Utgard der äußerlichen Natur, dann werden die „Sinnes-Illusionen“ vom König der Körperburg erzeugt, von der Riesenmacht der Verkörperung.
Was bedeutet Illusion? Anstatt „Illusion“ wurde hier im Deutschen oft „Täuschung“ übersetzt, was uns mehr an „Betrug“ erinnert. Doch im Grunde werden wir weder vom Geist noch von der Natur betrogen. Es ist eher eine Illusion im Sinne von Selbsttäuschung, eine „Illustration“ im Licht des Bewusstseins. Dies erinnert uns auch sehr an die indische Vorstellung von Maya als die Illusions- und Schöpferkraft von Vishnu, dem Gott der Erhaltung. Auch Maya ist kein Betrug, sondern ein wichtiges Mittel, um in der Illusion die Wahrheit wiederzufinden, den Grund von allem, sozusagen das, was war, bevor etwas wurde. Darin liegt dann auch die Selbsterkenntnis, von der so viel gesprochen wird, wenn man sich selbst als Wahrheit in allem wiederkennen und jegliche Illusion durchschauen kann. Dadurch verschwindet das Prinzip der Abgrenzung, und auch jeder Egoismus. Denn aus dieser Abgrenzung und Trennung entstehen all die Gärten, Gehege und sogar Burgen von Midgard, Asgard und Utgard, und dafür ist die Midgardschlange ein mächtiges Symbol. Und in diese Richtung kämpft nun auch Thor weiter, der „beschlossen hatte, zu versuchen, mit der Midgardschlange zusammenzutreffen“, worüber wir im nächsten Abschnitt lesen werden.
Wunderbar! Damit haben wir das Wesen von Thor und seinem Hammer wieder etwas tiefgründiger und umfassender kennengelernt.
48. Da sprach Gangleri: Sehr mächtig ist Utgardloki, ein Meister von Illusion und Zauberei! Man kann aber auch sehen, dass er so mächtig ist, weil er Gefolgsleute hat, die über große Kraft verfügen. Hat sich Thor an ihnen nicht gerächt?
Der Hohe antwortete: Es ist bekannt, auch wenn man kein Gelehrter ist, dass Thor auf der Fahrt, von der jetzt erzählt wurde, alles wieder gut machte. Er blieb nicht lange daheim, sondern bereitete sich schnell auf eine neue Reise vor, auf die er keinen Wagen, keine Böcke und keine Begleiter mitnahm. In Gestalt eines jungen Burschen zog er durch Midgard, und eines Abends kam er zu einem Riesen, der Hymir genannt wurde. Dort übernachtete Thor. Und bei Tagesanbruch stand Hymir auf, kleidete sich an und bereitete sich darauf vor, zum Fischen hinaus aufs Meer zu rudern. Aber Thor sprang auf, war schnell fertig und bat Hymir, er möge ihn mit auf die See rudern lassen. Der jedoch sagte, dass er ihm wenig Hilfe sein werde, denn er sei klein und noch ein junger Mann: „Und dich wird frieren, wenn ich so lange dort draußen bleibe, wie ich es gewohnt bin.“ Aber Thor sagte, er könne so weit vom Land wegrudern, dass ungewiss sei, wer von ihnen zuerst auf die Rückkehr drängen werde. Dabei wurde er auf den Riesen so wütend, dass er bereit war, ihn sofort mit dem Hammer zu erschlagen. Doch er ließ davon ab, weil er beabsichtigte, seine Kraft an anderer Stelle zu erproben.
Hier zeigt sich nun, dass auch die Trennung der Welten von Midgard und Jötunheim eine Illusion ist, denn die Riesen leben genauso gut in Midgard. Und im Prinzip ist überall Midgard, wo man sich gerade befindet, weil man hier in der Mitte der eigenen Welt steht. In dieser Welt der Illusion kann auch Thor jede Gestalt annehmen, und wer ihn als jungen Burschen sehen will, der noch klein und schwach ist, dem erscheint er auch so. Doch sein göttliches Wesen bleibt, und damit auch seine Stärke und Macht.
Das Meer um Midgard herum erinnert wieder an das Meer der Ursachen, aus dem auch die Riesen ihre Nahrung in Form von Wirkungen fischen. Doch gewöhnlich trauen wir uns nicht, allzu weit hinaus zu rudern und uns vom festen Land zu entfernen, wo wir uns als Verkörperung sicher fühlen. Denn in diesem Meer kann man schnell untergehen. Und das wollen wir natürlich nicht, weil wir Angst haben, dabei etwas zu verlieren, nämlich uns selber, den eigenen Körper und alles vermeintliche Eigentum, das wir uns im Laufe des Lebens erkämpft haben, ja, sogar unsere eigene Welt.
Der Name Hymir ist etymologisch unklar und könnte der „Verfinsterte“ bedeuten. Doch wie in „Skrymir“ ist auch darin ein „Ymir“ enthalten, der Ur-Riese, der zu Eis erstarrt war, und aus dem diese ganze Welt „aufgetaut“ wurde, damit das Wasser des Lebens wieder fließen konnte. Und vom ihm stammen natürlich alle Riesen ab. Doch vermutlich schien nun Hymir wieder zu erstarren, weshalb ihm der jugendliche Thor begegnete.
Er fragte Hymir, was sie als Köder benutzen sollten, doch der empfahl ihm, sich selbst einen Köder zu besorgen. Da ging Thor dorthin, wo er eine Ochsenherde sah, die Hymir gehörte. Er packte den größten Ochsen, der Himinhrjodr hieß („Himmelszerstörer“), riss ihm den Kopf ab und ging damit zum Strand. Dort hatte Hymir mittlerweile sein Boot ausgesetzt. Thor ging an Bord und setzte sich hinten auf den Schöpfraum. Er nahm zwei Ruder und ruderte, doch Hymir glaubte, sie bewegten sich wegen seines Ruderns. Denn er saß ganz vorn im Schiff und ruderte schnell. Dann sagte er, sie seien zu den Gründen gekommen, über denen er zu sitzen gewohnt sei, um Flundern zu fangen. Aber Thor meinte, er wolle noch weiterrudern, und so fuhren sie noch schnell eine lange Strecke. Schließlich sagte Hymir, sie seien so weit hinausgefahren, dass es wegen der Midgardschlange gefährlich sei, hier draußen zu bleiben. Thor jedoch wollte noch eine Weile weiterrudern und tat dies auch. Hymir war allerdings in äußerst schlechter Laune.
Der Ochsenkopf aus der Herde des Riesen ist ein starkes Symbol. Er erinnert uns an den kämpfenden Dickschädel des Ego-Verstandes. Und ja, damit wird er zum „Himmelszerstörer“, und zerstört die Ganzheit des Himmels.
Das Boot oder Schiff, das wie eine Welle auf dem Meer der Ursachen schwimmt, wäre dann wiederum ein Symbol für den Körper. Dazu wird tiefsinnig beschrieben, wie der Riese glaubt, zu rudern und das Boot vor allem aus eigener Kraft zu bewegen. Doch letztlich ist es immer auch die göttliche Macht, die in dieser Schöpfung alles bewegt, aber gewöhnlich im Hintergrund bleibt. Daher erkennen und anerkennen wir diese Macht nur selten. Und falls sie uns doch einmal bewusst wird, sind wir selten froh darüber, wie auch Hymir schlechte Laune bekam. Doch schließlich gelangen wir nur durch diese göttliche Macht zum eigentlichen Ziel unserer Reise.
Aber der Riese fürchtet sich, der Midgardschlange nahezukommen. Warum? Hat er Angst, seine Abgrenzung zu überschreiten, seinen Lebensbereich zu verlassen, seine „Komfortzone“? Lieber will er Flundern fangen, Plattfische, die uns symbolisch an flache und oberflächliche Gedanken und Wirkungen erinnern. Und ja, so geht es wohl auch den meisten Menschen. Aber die göttliche Macht drängt uns trotzdem zum Ziel:
Nachdem Thor die Ruder weggelegt hatte, bereitete er eine ziemlich starke Angelschnur vor, und der Angelhaken war nicht kleiner und weniger stark. Er steckte den Ochsenkopf darauf, warf ihn über Bord, und der Angelhaken glitt bis zum Grund.

Und es ist dir wahrlich zu sagen, dass nun Thor die Midgardschlange nicht weniger täuschte, als Utgardloki ihn täuschte, als er mit seinen Händen die Schlange (in Gestalt einer Katze) hochhob. Die Midgardschlange schnappte den Ochsenkopf, und der Haken drang ihr in den Gaumen. Aber als sie das bemerkte, bewegte sie sich so heftig, dass beide Fäuste Thors gegen die Schiffswand schlugen. Darüber wurde er zornig, und es wuchs seine Asenkraft. Er stemmte sich so fest dagegen, dass er beide Beine durch das Schiff stieß und auf den Meeresgrund kam. Dann zog er die Schlange hinauf zum Schiffsrand.
Warum täuscht der Ochsenkopf die Midgardschlange? Wenn man den Ochsenkopf als Ego-Verstand betrachtet, dann wäre es kein Wunder, dass die Ego-Schlange der Abgrenzung daran anbeißt. Und den Ego-Verstand kann man natürlich als Täuschung oder Illusion betrachten, ähnlich wie die Illusion der Körperburg mit der Katze von Utgardloki. Hier können wir nun darüber nachdenken, ob vielleicht dieser Verstand vor allem dazu dient, damit sich die Ego-Schlange darin verbeißt und den göttlichen Angelhaken schluckt? So kann sie von der göttlichen Macht aus dem Meer der Ursachen gezogen und in ihrer Auswirkung in unserer Welt der Wirklichkeit besiegt werden. Und dabei steht die göttliche Macht nicht mehr auf dem wackligen Boot der Körperlichkeit, sondern auf dem Grund vom Meer der Ursachen und damit auf dem Grund von Allem. In dieser Hinsicht finden wir hier erneut eine äußerst starke Symbolik.

Das muss man jedoch sagen: Niemand hat je einen so schrecklichen Anblick erlebt, der nicht zusehen konnte, wie Thor mit durchbohrendem Blick die Schlange ansah, während sie von unten hinaufstarrte und Gift blies. Es wird erzählt, der Riese Hymir habe die Gesichtsfarbe gewechselt, sei erbleicht und habe Angst bekommen, als er die Schlange erblickte und sah, wie das Meer ins Boot hinein- und hinausströmte. Doch in dem Augenblick, in dem Thor den Hammer ergriff und durch die Luft schwang, nahm der Riese das Ködermesser und durchschnitt Thors Angelschnur an der Bordwand. Die Schlange versank wieder im Meer, und Thor warf ihr den Hammer nach. Man sagt, dieser habe unter den Wellen ihren Kopf zerschlagen. Ich halte jedoch dies für wahr, um es dir zu erzählen, dass die Midgardschlange immer noch lebt und im Meer liegt. Doch Thor schwang seine Faust und schlug sie Hymir so aufs Ohr, dass dieser über Bord stürzte und er nur noch dessen Fußsohlen sah. Danach watete Thor an Land.
(Gylfaginnîng §48 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Was ist das für ein Anblick, den niemand ertragen kann? Hier könnte man über den Untergang von jemandem nachdenken, nämlich unser abgegrenztes Ego-Wesen der Person. Und das geschieht, wenn die göttliche und ganzheitliche Macht die giftspeiende Schlange der Abgrenzung um uns herum zuerst ins Bewusstsein holt und dann zerschlägt. Doch darin liegt wohl unsere größte Angst: Wer bin ich dann? Wer bin ich, wenn das ganze Meer in meinen Körper hinein- und wieder hinausströmt? Vermutlich würden wir ähnlich wie Hymir reagieren und die göttliche Angelschnur durchschneiden, während der Gott den Hammer schwingt. Vermutlich auch mit dem „Ködermesser an der Bordwand“, was uns symbolisch an das Messer der Unterscheidung an der Körperhülle erinnert. Doch das nützt offenbar nichts mehr, denn Thor schwingt seinen Hammer niemals umsonst, ohne sein Ziel zu erreichen. Im Gegenteil, uns trifft noch seine Faust, und wir stürzen wie Hymir mit dem Kopf voran in die dunkle Tiefe des Meeres.
Was bedeutet der Schlag aufs Ohr? Körperlich könnte man an den Gleichgewichtssinn hinter den Ohren denken. Geistig erinnert uns dieser Schlag an das Schöpfungswort, das wir alle hören sollten. Doch Hymir wollte es wohl nicht hören, so dass sein Wesen gestürzt und damit sein Werdegang wieder umgekehrt wurde.
Darum sagt ein Meister, die Kraft des Hörens sei viel edler als die Kraft des Sehens, denn man lernt mehr Weisheit durch das Hören als durch das Sehen und lebt da mehr in der Weisheit… Das Hören bringt mehr herein, das Sehen hingegen weist mehr nach draußen, wenigstens die Tätigkeit des Sehens an sich. Und deshalb werden wir im ewigen Leben viel seliger sein kraft des Hörens als kraft des Sehens. Denn der Vorgang des Hörens des ewigen Wortes ist in mir, der Akt des Sehens aber geht von mir weg; und das Hören erleide ich, das Sehen aber wirke ich. (Meister Eckhart, Predigt 58)
Was wäre wohl geschehen, wenn Hymir die Angelschnur nicht zerschnitten, sondern vertrauensvoll zugeschaut oder besser noch zugehört hätte? Dann wäre es für die göttliche Macht möglich gewesen, auch den Ego-Kopf von Hymir nach oben in den Himmel der Ganzheit zu ziehen, nach Walhall zu den Einheriern oder sogar ins reine Himmelslicht. Zu ähnlicher Symbolik schreibt Meister Eckhart:
Wer an dieser Angel haftet, der ist so gefangen, dass Fuß und Hand, Mund, Augen, Herz und alles, was am Menschen ist, allemal Gottes Eigen sein muss. Und darum kannst du diesen Feind (der Körperlichkeit) nimmer besser überwinden, dass er dir nicht schade, als mit der Liebe… Darum schau nur nach dieser Angel aus, dann wirst du glückhaft gefangen, und je mehr gefangen, umso mehr befreit. - Dass wir dergestalt gefangen und befreit werden, dazu helfe uns der, der selber die Liebe ist. Amen. (Predigt 59)
Doch Hymir wehrte sich dagegen. So musste sein Wesen wieder umgekehrt werden, und er stürzte kopfüber in die dunkle Tiefe. Und wir können uns gut vorstellen, wie aus seinen Fußsohlen zwei Inseln im Meer wurden, auf denen wieder neues Leben fruchtbar wachsen konnte.
So hatte Thor zumindest die Midgardschlange von Hymir zerschlagen, so dass sich auch sein übermächtiger Riesenkopf im Meer der Ursachen wieder auflöste. Doch die Midgardschlange unserer Menschenwelt lebt weiter im Meer. Gibt es denn mehrere Midgardschlangen? Ja und Nein. Solange man getrennte körperliche Wesen sieht, gibt es natürlich für jeden Körper auch ein Midgard und darum herum eine Midgardschlange, um sich abzugrenzen. Sie lebt im Meer der Ursachen und bewirkt die abgegrenzte Körperburg, die dann zum Zentrum und Midgard unserer Welt wird. Doch gerade diese Trennung in abgegrenzte Wesen ist unsere größte Illusion. Wer diese durchschaut, kann nur noch eine Midgardschlange als allgemeines Prinzip der Abgrenzung sehen, die von Loki ganzheitlich gezeugt wurde. Und diese wird dann zu Ragnarök am Ende des Schöpfungszyklus von Thor zerschlagen.
Damit schließt sich auch der Kreis zu den einleitenden Worten:
… Dabei wurde er auf den Riesen so wütend, dass er bereit war, ihn sofort mit dem Hammer zu erschlagen. Doch er ließ davon ab, weil er beabsichtigte, seine Kraft an anderer Stelle zu erproben (bzw. zu zeigen).
Und man kann diese ganze Geschichte als eine ausführlichere Beschreibung dessen lesen, was innerlich geschieht und eigentlich gemeint ist, wenn Thor mit seinem Hammer einen Riesen erschlägt bzw. zerschlägt. Dazu wird auch hier am Ende des Textes noch einmal deutlich betont, dass der Hammer von Thor in Wahrheit nicht zum Töten dient, auch wenn er Köpfe zerschlagen kann. So ist er eine sehr mystische Waffe für unseren gewöhnlichen Verstand. Daher möchten wir im folgenden Abschnitt das Wesen dieses Hammers noch etwas umfassender betrachten.
Götter mit symbolischen Waffen begegnen uns in vielen alten Mythologien. Denken wir etwa an den griechischen Zeus mit seinem Blitz, der göttliche Macht und Ordnung verkörpert und als sichtbares Zeichen seiner Herrschaft über Himmel und Weltordnung gilt. Oder an den griechischen Poseidon und römischen Neptun mit ihrem Dreizack, der für die Macht des Meeres, der Naturgewalt und des Erdbebens steht. Und wenn wir noch weiter weg nach Indien schauen, dann finden wir dort den Götterkönig Indra mit seinem Vajra-Donnerkeil, der aus den Knochen eines Heiligen gemacht wurde und die unschlagbare Göttermacht symbolisiert. Oder auch Shiva mit seinem Dreizack, der die drei göttlichen Kräfte von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung darstellt. Oder Vishnu, der auch als Krishna mit dem Chakra-Diskus erscheint, dem „Radkranz der Zeit“ als Ring-Waffe der Vergänglichkeit und Erneuerung. Sein Bruder ist Balarama mit einem Pflug als Waffe, der an die Kultivierung und Urbanisierung der Natur erinnert. Und es ist deutlich, dass wir in all diesen Waffen auch das Wesen von Thors Hammer wiederfinden können.
Doch wozu braucht ein Gott Waffen? Er ist doch ein ganzheitliches und allmächtiges Wesen. Wozu benötigt er Mittel? Kann er nicht unmittelbar wirken? Das sind große Fragen, die schwer zu beantworten sind. Zuerst können wir an das Wesen unseres Verstandes denken, der nur Namen und Formen begreifen kann. Entsprechend stellt er sich auch die Götter vor, die oft wie Menschen aussehen und ähnlich handeln. Wie sonst könnten wir darüber sprechen und lehrreiche Geschichten erzählen?
Doch Gott selbst als ein ganzheitliches Wesen ist natürlich jenseits aller Namen und Formen. Daher gebietet auch Moses, dass man nur einen ganzheitlichen Gott verehren und sich kein Bild von ihm machen soll. Auch seinen Namen soll man heiligen und nicht missbrauchen, also nicht für irgendeine Abgrenzung oder Einschränkung seiner Ganzheit und Allmacht benutzen. Und ja, diese göttliche Ganzheit ist sicherlich das große Ziel und erinnert uns wieder an das reine Licht des formlosen Bewusstseins, das jede Form annehmen kann.
Aber wie kommt man dahin? Dazu greift auch Moses zu einem Mittel und beschreibt, wie die Gottheit wirksam wird, zum Schöpfergott wurde und die Schöpfung hervorbrachte und ausatmete. In dieser Hinsicht könnte man auch die gesamte Schöpfung als Gottes mächtigste Waffe betrachten, um wirksam zu werden. Woraus besteht die Schöpfung? Aus Gott? Dann wäre sie unbegreifbar. Aus Illusion? Dann könnte sie unser Verstand begreifen, als Fluss von Ursache und Wirkung, als Fluss des Lebens durch Zeit und Raum. Damit kommen wir wieder zur „Illusions- und Schöpferkraft“ Gottes, die man in Indien Maya nennt. Damit kann Gott wirken, und nur damit können auch wir in der Schöpfung wirken. Und daraus bestehen wohl auch die Waffen Gottes, wie auch all unsere Waffen, Werkzeuge und Mittel im Leben. In dieser Hinsicht sollten wir auch Thors Hammer betrachten.
Sein Name ist Mjölnir, dessen Etymologie wie bei vielen anderen Namen relativ ungeklärt ist. Die sinnvollste Bedeutung wäre „Zermalmer“, womit man Hartes zermalmen und zerschlagen kann. Also vor allem ein praktisches Werkzeug. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dieser Hammer von den Zwergen der Naturgeister geschaffen wurde. Die Geschichte dazu haben wir bereits im letzten Kapitel über das Wesen von Loki im Abschnitt zu Draupnir kennengelernt. Dort wurde der Hammer von zwei Zwergen zusammen mit dem Goldring der Erneuerung und dem goldenen Eber als Lichtwesen und Zugtier des Wagens von Freyr geschaffen:

Das geschah aufgrund einer Wette von Loki, der wettete, dass die Zwerge nach den goldenen Haaren von Sif, dem Schiff Skidbladnir und Odins Speer Gungnir nichts Besseres mehr erschaffen könnten. Doch er verlor diese Wette, denn sie schufen noch Odins Ring Draupnir, Freyrs Eber Gullinborsti und Thors Hammer Mjölnir, zu dem es im Text heißt:
Dann gab er Thor den Hammer und meinte, er könne mit ihm so kräftig zuschlagen, wie er wolle, was immer vor ihm sei, der Hammer werde nicht versagen. Und wenn er ihn auf etwas werfe, werde er nie sein Ziel verfehlen. Aber niemals werde er so weit fliegen, dass er nicht zurück zu seiner Hand finde. Falls er es wolle, sei er so klein, dass er ihn unter sein Hemd stecken könne. Ein Fehler sei allerdings, dass der Schaft etwas kurz geraten war.
Bereits hier wird gesagt, dass der Hammer nie versagt oder sein Ziel verfehlt. In dieser Hinsicht sollten wir auch in den Geschichten an seiner Wirksamkeit nicht zweifeln, weder am Schlag auf Skrymirs Kopf, noch auf den der Midgardschlange. Der Fehler des kurzen Schaftes könnte sich auf die Reichweite des Hammers beziehen, die natürlich beschränkt sein muss, wenn er in der Schöpfung wirken soll. Daher ist wohl auch Thor mit diesem Hammer so viel unterwegs. Und das ist wichtig, denn ohne Fehler könnte diese Schöpfung nicht bestehen, sich lebendig bewegen und entwickeln. So entschieden auch die Götter trotz des Fehlers, oder gerade deswegen:
Ihr Urteil lautete, dass der Hammer der Beste aller Gegenstände sei und den größten Schutz vor den Frostriesen biete. Sie entschieden, dass der Zwerg die Wette gewonnen habe.
(Skáldskaparmál §35 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Dieser Kampf gegen die Frostriesen zieht sich durch viele Geschichten der Edda und ist fast schon allgegenwärtig. Das ist verständlich, denn nachdem die Götter dafür gesorgt hatten, dass der Eis-Riese Ymir wieder auftaute und eine lebendige Schöpfung entstand, kämpfen sie natürlich auch über den gesamten Schöpfungszyklus gegen eine erneute Erstarrung des Lebens. Man könnte auch sagen, damit der Geist nicht von der Natur überwältigt wird und zu Materie erstarrt. Denn für eine lebendige Schöpfung ist ein schwingendes Gleichgewicht zwischen Geist und Natur nötig, zwischen Freiheit und Bindung, zwischen Lichtheit und Dunkelheit. Und für diese Schwingung sorgen dann die Fehler.
Daher ist es nicht das Ziel des Hammers, die Frost- und Bergriesen völlig auszurotten und alles Verkörperte zu zerschlagen, damit der Geist die Natur überwältigt. Es geht vor allem um ein lebendiges Gleichgewicht zwischen Entstehen und Vergehen. Daher ist dieser Hammer keine Waffe der tödlichen Zerstörung, sondern ein göttliches Werkzeug für das Leben in der Schöpfung. Deswegen wurde er auch zusammen mit dem Goldring der Erneuerung und Regeneration sowie dem goldenen Eber als lebendiges Lichtwesen geschaffen. So ist er vor allem ein göttliches Werkzeug für die lebendige Gestaltung und Umgestaltung. Entsprechend wurde er auch von den Zwergen geschaffen, die als Naturgeister im Mikrokosmos überall in der Schöpfung für die Gestaltung sorgen. Denn „Natur-Geister“ sind in ihrem Wesen selbst ein lebendiges Gleichgewicht zwischen Natur und Geist. Getrennt betrachtet, neigen sich manche mehr zur Natur und andere mehr zum Geist, wie auch oben im Bild zwei Zwerge am Hammer arbeiten. Doch gemeinsam sorgen sie im Großen und Ganzen für die harmonische Gestaltung der lebendigen Schöpfung.
Wie's eben kommt: Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.
(Goethe, Faust II)
In dieser Hinsicht können wir Thors Hammer als ein göttliches Werkzeug für das nötige Gleichgewicht in der lebendigen Schöpfung sehen. Deshalb muss er natürlich in verschiedene Richtungen wirken können. Dazu gehört auch die Macht der Weihe: So weihte Thor mit seinem Hammer den Scheiterhaufen für Balder, als dieser zur Hel fahren sollte. Ähnlich weihte er auch die Knochen der beiden verspeisten Ziegenböcke, sodass sie wieder lebendig wurden. Er weiht also mit diesem Hammer sowohl den Tod als auch das Leben, was wiederum an Draupnir erinnert, den Ring der Erneuerung und Regeneration, der in einer lebendigen Schöpfung unentbehrlich ist. Ähnlich werden wir auch noch lesen, wie der Hammer in den Schoß der Braut von Thrym gelegt wurde, um die Ehe fruchtbar zu weihen. Somit ist er auch ein fruchtbarer Segen für die Schöpfung.
Daher ist es kein Wunder, dass der Hammer Mjölnir zusammen mit Thors Söhnen von „Mut und Macht“ sogar Ragnarök überlebt und im nächsten Schöpfungszyklus erneut seine wichtige Aufgabe erfüllt:
Widar und Wali (Odins Söhne) walten des Heiligtums der Götter, nachdem Surturs Flamme erlosch. Modi und Magni (Thors Söhne) sollen Mjölnir schwingen, um Wignirs (Thors) Kampf weiterzuführen. (Gylfaginnîng §53 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
In dieser Hinsicht können wir Thors Hammer in einer sehr umfassenden Bedeutung finden, ähnlich, wie der Dreizack von Shiva die Macht von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung verkörpert. Daran erinnert im Prinzip auch der Dreizack von Neptun und Poseidon, der für die Macht von Meer, Naturgewalt und Erdbeben steht. Diese „Naturgewalt“ zur Erhaltung der Schöpfung sahen die Menschen auch in Donner und Blitz, die am Himmel offenbar von höheren Mächten erschienen und eine tiefe Ehrfurcht vor dem Göttlichen erweckten.
Diese umfassende und wichtige Bedeutung bestätigt sich auch in archäologischen Funden verschiedener Amulette aus dem 9. und 10. Jahrhundert. Oft wurden sie sogar mit in die Gräber gegeben. Offenbar hatten die Menschen großes Vertrauen in die Kraft dieses Hammers, vermutlich sogar im Sinne der Erneuerung und Regeneration des Lebens nach dem körperlichen Tod. Ein Paradebeispiel ist der „Thorshammer von Ödeshög“ aus Gold und Silber, der in Schweden gefunden wurde:

(Bildquelle: Wikipedia)
Oben am Griff kann man ein Gesicht mit großen Augen erkennen. Manche sehen sogar einen Bart unter dem Mund. So können wir uns gut vorstellen, dass hier Thor und Hammer zu einem lebendigen Wesen vereint wurden, das mit den großen Augen die göttliche Wachsamkeit oder sogar die beiden Augen von Odin symbolisiert. Auf dem Hammerkopf kann man die Verschlingung eines Endlosknoten als Zeichen der Unendlichkeit (∞) sehen, der uns an den Ring der Erneuerung und Regeneration als ewiges Seelenband erinnert. In dieses Zeichen ist noch ein Kreis verschlungen, der die Midgardschlange andeuten könnte, sozusagen als Abgrenzung in der ewigen Unendlichkeit, aus der die vergängliche Endlichkeit entsteht. Starke Symbolik! Dazu sieht man am unteren Ende sogar noch eine mittlere Spitze, die an einen Dreizack erinnert.
So scheint sich dieser Hammer in manchen Fundstücken auch mit dem christlichen Kreuz zu vermischen. Das können wir uns gut vorstellen, denn auch der Hammer kann natürlich ein Symbol des Leidens sein. Wer will sich schon gern seinen Körper zermalmen und zerschlagen lassen, oder das, was er sich im Leben mühevoll aufgebaut und liebgewonnen hat? Und doch muss man zugeben, dass dies für eine lebendige Schöpfung nötig ist, damit nichts übermächtig erstarrt und Neues entstehen kann.