Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Das Wesen von Odin

Leihet dem Lied lautlos Andacht, höhere und niedere Heimdallssprossen.
Walvaters Werke will ich verkünden, die ältesten Sagen, der ich mich entsinne.
(Walas Weissagung, Völuspá 1, nach Wilhelm Jordan und Edward Pettit)

Auf unserer geistigen Reise möchten wir uns zuerst Odin zuwenden, einer der zentralsten Figuren in der nordischen Mystik, wie sie vor allem in der Edda überliefert wurde. Der Name Odin oder auch Wodan erinnert etymologisch an „anblasen“ oder „inspirieren“. Er gilt als höchster der Asen bzw. Götter und wird auch als „Gott des lebendigen Geistes“ bezeichnet. Als geformtes Wesen unseres Verstandes wurde er als Sohn von Börr und Bestla im Aufgang der Welt geboren. Damit ist er auch vergänglich und wird zum Weltuntergang vom Fenris-Wolf verschlungen, den wir noch als Symbol der All-Vergänglichkeit kennenlernen werden.

Wie wurde Odin geboren? Die überlieferte Kosmologie können wir uns aus geistiger Sicht vereinfacht so vorstellen: Das ganze Universum war wie ein riesiger Eisblock erstarrt. Als es langsam wieder aufzutauen beginnt, erscheinen zuerst zwei Riesenkräfte, nämlich Bölthorn als „Bös-Dorn“ und Stachel des Unheils, sowie Buri als „Versöhnung“ und Heilung. Aus Buri entstand der Riesensohn Börr als männliches Riesenprinzip des Geistes, und aus Bölthorn die Riesentochter Bestla als weibliches Riesenprinzip der Natur. Und durch die Vereinigung von Geist und Natur wurde Odin als göttliches bzw. ganzheitliches Wesen geboren, der dann zum Allvater und Walvater der Schöpfung wurde, so dass man ihn auch als Schöpfergott betrachten kann.


(siehe auch Stammbaum-Edda PDF)

Als formloses Wesen kann man daher in Odin die Gottheit selbst jenseits von allen Formen in Zeit und Raum erkennen, ein ganzheitliches und unvergängliches Wesen. Das ist auch das, was man als „Wahrheit“ bezeichnen kann, als die „Heit“ der Ganzheit, die „war“, bevor etwas wurde, und immer da ist und da sein wird.

Um dieses tiefgründige Wesen von Odin aus geistiger Sicht etwas umfassender kennenzulernen, möchten wir uns nun der Symbolik einiger Geschichten aus der Edda zuwenden.

Mimirs Brunnen

Zuerst wollen wir der Frage nachgehen, wie Odin ein Schöpfergott geworden ist. Dazu wird in der Völuspá, der „Weissagung einer uralten Seherin“, ein geniales Gleichnis angedeutet:

27. Sie (die Seherin bzw. Intuition) weiß um Heimdalls Horn, verborgen unter dem heiligen lichtgewohnten Baum. Sie sieht, wie ein schäumender Fluss aus Walvaters Pfand entströmt. Wisst ihr's zu deuten?

28. Allein saß sie außen als der Uralte kam, der weiseste Ase, und ihr in die Augen schaute. (Da sprach sie:) „Was suchst du? Was willst du erfahren? Ich weiß alles, Odin, auch wo du dein Auge verborgen hast, ist mir offenbar. In der reinen Quelle von Mimir verbargst du es. Und Met trinkt Mimir jeden Morgen aus Walvaters Pfand.“ Wisst ihr's zu deuten?
(Völuspá, nach Wilhelm Jordan und Edward Pettit)

Dieses Gleichnis kann man aus geistiger Sicht sehr tiefgründig deuten, weit über unseren gewöhnlichen Verstand hinaus. Betrachtet man das Auge als Symbol des Bewusstseins, dann hätte der Allvater Odin die Hälfte seines Bewusstseins als „Pfand“ für die Schöpfung gegeben, um es am Ende der Schöpfung wieder „einzulösen“. So steht sich nun das göttliche bzw. ganzheitliche Bewusstsein in der Schöpfung selbst gegenüber, schaut sich selbst an und sieht, welche Formen das formlose Bewusstsein hervorbringen kann. Die reine Quelle wäre dann der Schicksalsbrunnen bzw. das Meer der Ursachen, in dem sozusagen alle Möglichkeiten für die Schöpfung verfügbar sind.

Wer schöpft aus dieser Quelle „jeden Morgen“, wenn die weltliche Sonne aufgeht? Der altnordische Name Mimir lässt sich von Memory bzw. Gedächtnis ableiten und erinnert damit an das Prinzip des begrifflichen Verstandes. Ähnlich wird in der Nibelungensage der Schmied Mimer beschrieben, der sozusagen die Formen und Begriffe des Bewusstseins im Feuer des Geistes schmiedet. So sieht man im folgenden Bild, wie Mimir an der Wurzel des Weltenbaums mit Heimdalls Horn aus dem Brunnen bzw. Meer der Ursachen schöpft. Auf seiner Schulter sitzt ein Rabe Odins, vermutlich Munin, dessen Name ebenfalls an „Gedächtnis“ erinnert. Entsprechend werden auch die langen Haare gern als Symbol der aus dem Kopf wachsenden Gedanken gedeutet. Dazu sieht man auch schön, wie sich der Verstand selbst aus dem Brunnen erhebt, wie eine Welle auf dem Meer der Ursachen, und zur Wurzel des Lebensbaums wird, des „heiligen lichtgewohnten Baums“:

Mimir schöpft aus Odins Pfand and der Wurzel von Yggdrasil

So wurde Odin zum „Schöpfergott“, indem er ein Auge als Pfand opferte, um daraus vom Verstand die Schöpfung aus dem universalen Gedächtnis bzw. Schicksalsbrunnen des Bewusstseins schöpfen zu lassen. Entsprechend wird Odin häufig einäugig dargestellt, und mit diesem Auge der „Einsicht“ schaut er auf die Schöpfung. Dadurch ist er sich stets bewusst, dass er sich dabei immer nur selbst anschaut. So deutet dieses Gleichnis des „sich selbst Anschauens“ auch auf die „Selbsterkenntnis“ hin, das „göttliche Bewusstsein“ als das große Ziel der Götter im Kampf um die Ganzheit. Und darin könnte man im Grunde den Sinn der ganzen Schöpfung sehen.

Heimdall

Der Name Heimdall lässt sich deuten als „der die Heimat bzw. Welt erleuchtet“ oder „der heimleuchtet“. Er gehört damit zu den göttlichen bzw. ganzheitlichen Wesen. In den Mythen heißt es, er höre das Gras und die Wolle auf den Schafen wachsen. Er sieht und hört alles, ist allsehend, allhörend und allwissend. Tag und Nacht hält er Wache, gilt als Wächter der Götter, als Vater der Menschheit und als Beschützer der Regenbogen- oder Lichtbrücke zwischen Asgard und Midgard, also der Götter- und der Menschenwelt oder auch zwischen den beiden Augen von Odin. In all dem kann man ein Bild des grundlegenden Bewusstseins erkennen, des Prinzips, aus dem alle Geschöpfe entstehen und in dem alles besteht. So kann man das Licht des Bewusstseins als Brücke zwischen allen Welten, allen Gestaltungen und allen Erfahrungen betrachten.

Heimdall mit seiner Trompete Giallarhorn über Bifröst als Regenbogenbrücke

Entsprechend werden im 1. Vers der Weissagung (siehe oben) alle „höheren und niederen Heimdallssprossen“ angesprochen, das heißt, alle Menschen und in einem umfassenderen Sinn alle Geschöpfe auf höheren und niederen Bewusstseinsebenen, von der allbewussten Gottheit bis zur nahezu unbewussten Materie. So ist auch das oben erwähnte „Horn Heimdalls unter dem Baum des Lebens“ ein wunderbares Symbol: Die Spitze des Horns deutete die Einheit an, aus der die Vielfalt fließt, und aus diesem Fluss trinken alle Wesen den süßen Met. Der Met selbst ist ebenfalls ein oft verwendetes Symbol, das uns an den Göttertrank der Ganzheit erinnert, der von Mimir im heller werdenden Tag getrunken wird. Wenn dann das Licht des Bewusstseins wieder schwindet, spricht man auch von Ale bzw. Bier, das berauscht und schläfrig macht.

So heißt es im Edda-Text von „Gylfis Illusion“, der „Illusion der schäumenden Welle“:

27. Heimdall heißt einer, der auch der weiße Ase genannt wird. Er ist mächtig und heilig, und wurde von neun Jungfrauen geboren, die Schwestern waren. Er heißt auch Hallinskidi („Gehörnter“) und Gullintanni („Goldzahn“), weil seine Zähne von Gold sind. Sein Pferd heißt Gulltopp („Goldmähne“). Er wohnt auf Himinbjörg (der „Himmelsfestung“) bei Bifröst („Lichtbrücke bzw. Regenbogenbrücke“). Er ist der Wächter der Götter und sitzt am Himmelsrand, um die Brücke vor den Frost- und Bergriesen zu schützen. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Meilen weit. Er hört auch das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was überhaupt hörbar ist. Er hat eine Trompete, die Giallarhorn („Rufhorn“) heißt, und bläst er hinein, so wird es in allen Welten gehört. Heimdalls Schwert heißt Hofund (Hǫfuð, „Kopf bzw. Manneshaupt“). Weiter wird gesagt: „Himinbjörg heißt es, wo Heimdall, so sagt man, die heilige Stätte beherrscht. Dort trinkt der Götterwächter im friedlichen Heim selig den süßen Met.“ Auch sagt er selbst in Heimdalls Gesang: „Ich bin der Sohn von neun Müttern, von neun Schwestern geboren.“ (Gylfaginnîng nach Arnulf Krause und Karl Simrock)

Und im „Hyndalied“ heißt es zu Heimdall:

35. Geboren wurde Einer am Anfang der Tage, ein Wunder an Stärke, göttlichen Ursprungs. Neun der Riesentöchter gebaren den waffenberühmten (oder gnadenreichen) Mann am Rand der Erde.

36. Viel sagen wir dir, und werden noch mehr sagen, denn gut scheint es mir, davon zu wissen. Wills du noch mehr?

37. Ihn gebaren Gialp, Greip, Eistla und Eyrgjafa. Ihn gebaren Ulfrun, Angeyja, Imd, Atla und Jarnsaxa.

38. Er wurde stark durch die Kraft der Erde, die kühle See und das (feurige) Eberblut.
(Hyndluljóð nach Arnulf Krause, Edward Pettit und Karl Simrock)

Wie kann Bewusstsein geboren werden? Bewusstsein selbst ist zwar formlos, doch kann jede Form annehmen. Dazu werden hier neun Riesentöchter als personifizierte Gestaltungskräfte der Natur genannt, deren Namen allerdings nur schwer zu deuten sind. Mögliche Deutungen sind: Rufen bzw. Berufen, Ergreifen, Stürmen und Versanden bzw. Verkörpern, sowie Wolf-Rune als Geheimnis des Wolfes, Kümmernis bzw. Bedrängnis, verdunkelte Kraft bzw. Nebel, Schrecklich bzw. Streitsüchtig und Eisenschwert als Unterscheidung und Trennung. Gestärkt wird die Geburt bzw. Verkörperung von Heimdall durch die natürlichen Elemente von Erde, Wasser und Feuer. So könnte man sich auch vorstellen, dass Heimdall als reines Bewusstsein durch die neun Schwestern sogar alle neun Welten verkörpert, in deren Mitte sich Midgard als Menschenwelt befindet. In diesem Sinne wäre er dann auch der Beschützer der neun Welten und die Brücke zwischen Allem.

Mimirs Kopf

So entsteht nun durch die Trennung der beiden Augen Odins auch eine Welt der Gegensätze, die dann gegenseitig im Kampf stehen, um sich wieder auszugleichen. Daher wird Odin auch „Walvater“, also Vater der Kämpfenden genannt. Zu den größten Gegensätzen gehört die Unterscheidung zwischen Geist und Natur, die wir in der Edda als Kampf zwischen den Asen und Wanen wiederfinden können, den Göttern des Geistes und der Natur. Der Name Wanen lässt sich von „äußerlich glänzen“ als Glanz der Formen ableiten, aber auch vom deutschen Wort „Wahn“ im Sinne von Illusion und Täuschung. Dazu kann man sich folgende Welt vorstellen:

Riesen/Makrokosmos
Natur👁️Wanen - Menschen/Midgard - Asen👁️Geist
Zwerge/Mikrokosmos

So steht der Mensch zwischen allen Fronten, im „Mittelgarten“ der Schöpfung und natürlich im Mittelpunkt solcher symbolischen Sagen, um seinen Platz und Sinn in der Schöpfung zu finden und sich selbst zu erkennen. Die Völuspá berichtet von diesem ersten großen Kampf zwischen den Asen und Wanen folgendes, gleich vor der Geschichte von Mimirs Brunnen:

21. Die erste Schlacht in der Welt ward geschlagen, als man stärkte im Feuer die (Schicksals-) Fee des Goldes. In der Halle des Hohen wurde sie zum Schmelzen erhitzt. Dreifach gebrannt, dreifach aus Gluten wiedergeboren. Immer wieder wird sie lebendig, zu jeder Zeit und an jedem Ort.

22. Hellglanz nannte man sie, wo sie ins Haus kam, Wohltat versprechend, Zauber wirkend. Scheidekunst trieb sie, Schätze verheißend, steter Liebling übler (gieriger) Leute.

23. Da versammelten sich auf hohen Sitzen die heiligen Götter und berieten darüber, ob sie die ruchlose Sünde rächen oder alle zusammen Sühnegeld nehmen sollten.

24. Da schoss Odin seinen Speer in das Heer, und die erste Schlacht in der Welt begann. Gebrochen war das Bollwerk der Asen-Burg, und wehrhafte Wanen stampften die Walstatt des Schlachtfeldes.

25. Da versammelten sich auf hohen Sitzen die heiligen Götter und berieten darüber, wer das Luftreich mit Trug getrübt und Odins Braut an die Sippe der Riesen ausgeliefert hatte.

26. Allein Thor wurde vom grimmigsten Zorn ergriffen, denn selten säumt er, wenn er solches erfährt. Da schwanden zu Trug die Schwüre, Versprechen und Verträge, die bisher heilig zwischen ihnen gegeben wurden.
(Völuspá, nach Wilhelm Jordan und Edward Pettit)

Die ersten Verse erinnern an die Natur, die aus „dem Gold“ der Wahrheit schicksalhaft entsteht und in der Schöpfung lebendig wird. Das „dreifach“ findet man überall in der Natur wieder, wo im Spiel der Gegensätze als dritte Kraft eine gerichtete Wirkung erfolgen soll. Der „Hellglanz“ wäre dann der äußerliche Glanz der zauberhaften und verführerischen Formen in der Natur, nach denen die Wesen und vor allem Menschen greifen. Dadurch entstehen Begierde und Hass, und daraus die Sünde der Trennung von der Ganzheit bzw. Gottheit. Dazu gehört auch die Trennung zwischen Geist und Natur sowie Schöpfer und Geschöpfe. Symbolisch kann man dafür Odin und seine Braut sehen, die von übermächtigen Riesen vereinnahmt wurde, um sich der Natur zu bemächtigen. Über die Rolle von Thor als Kämpfer gegen die Übermacht der Riesen werden wir später noch ausführlich nachdenken.

Eine Fortsetzung der Beschreibung dieses ersten großen Krieges zwischen den Asen und Wanen lässt sich in der Ynglinga Sage finden, wo es heißt:

Odin zog mit einem Heer gegen die Wanen, aber die waren wohl gerüstet und verteidigten ihr Land, und so siegte bald dieser, bald jener. Beide verheerten des anderen Land und fügten sich gegenseitig Schaden zu. Aber als ihnen beiden der Streit über wurde, verabredeten sie untereinander eine Zusammenkunft zur Versöhnung. Sie schlossen einen Friedensvertrag und stellten sich gegenseitig Geiseln. Die Wanen gaben ihre vornehmsten Männer heraus, Njörd den Reichen und seinen Sohn Freyr, die Asen dagegen einen Mann namens Hönir. Sie sagten, der schicke sich sehr wohl zum Häuptling. Er war ein großer und sehr schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen den Mimir, einen sehr weisen Mann, und die Wanen stellten dafür den Klügsten aus ihrer Schar, der Kvasir hieß. Als aber Hönir nach Wanenheim kam, machte man ihn dort sogleich zum Häuptling, Mimir aber beriet ihn in allem. War aber Hönir auf einem Thing oder einer Versammlung, und Mimir war nicht in der Nähe, dann antwortete er, wenn schwierige Fälle vor ihn kamen, immer in der gleichen Art. „Andere mögen entscheiden“, sagte er dann. Da argwöhnten die Wanen, die Asen möchten sie bei dem Männeraustausch hintergangen haben. Sie ergriffen daher Mimir, schlugen ihm den Kopf ab und sandten das Haupt den Asen. Odin nahm das Haupt, bestrich es mit solchen Kräutern, dass es nicht faulen konnte, sprach Zaubersprüche darüber und verlieh ihm dadurch solche Macht, dass es zu ihm redete und ihm manch verborgene Dinge verriet.

Asen 👁️ Geist

Natur 👁️ Wanen

Hönir

Njörd mit Freyr & Freya

Mimir

Kvasir

Odin machte Njörd und Freyr zu Tempelpriestern, und sie wurden „Diar“ („Oberpriester“) unter dem Volk der Asen. Die Tochter des Njörd hieß Freya. Sie war Tempelpriesterin. Sie lehrte zuerst den Asen den Zauber, wie er bei den Wanen üblich war. Solange Njörd bei den Wanen war, hatte er seine Schwester zur Frau gehabt, denn dort war dies rechtens, und ihre Kinder hießen Freyr und Freya. Aber unter den Asen war es verboten, in so naher Verwandtschaft zu heiraten.
(Ynglinga saga, Kapitel 4, nach Felix Niedner, 1922)

Was auf dem ersten Blick eine einfache Geschichte ist, zeigt sich bei tieferer Betrachtung als ein harter Knochen, auf dem man lange kauen muss, bis man das Mark kosten kann. Wir wollen es versuchen: Der Kampf zwischen Geist und Natur wird immer hin- und herwogen und keine Seite kann siegreich sein, denn es ist ein Kampf gegen sich selbst. So ist wohl der Friedensvertrag die beste Lösung, um sich zu „einigen“. Anstatt von „gegenseitigen Geiseln“ sollte man vielleicht besser von „gegenseitigen Bürgen“ sprechen, um die Gegensätze zwischen Geist und Natur zu überwinden, also Naturwesen, die im Geistreich herrschen dürfen, sowie Geistwesen, die im Naturreich herrschen dürfen. Dafür gaben die Wanen Njörd mit dessen Kindern Freyr und Freya sowie Kvasir. Njörd ist der Herrscher über das Meer, den Wind und das Feuer, und mit seinen Kindern auch über die Fruchtbarkeit, Schönheit, Liebe und den Zauber der Natur. Sie wurden von den Asen zu Priestern gemacht, welche in gewisser Weise über die Götter herrschen können. Dafür bekamen sie noch Kvasir dazu. Er entstand, als die Asen und Wanen am Ende ihres Kampfes gemeinsam in einen Krug spuckten und symbolisiert wohl die naturgeistige bzw. weltliche Weisheit, aus der dann später der Met der Skalden, Barden und Dichter wurde.

Noch symbolträchtige sind Hönir und Mimir, die von den Asen als Herrscher an die Wanen übergeben wurden. Mimir haben wir bereits als Werkzeug der Schöpfung im Sinne des schöpferischen Verstandes kennengelernt. Dann müsste Hönir die göttliche Vernunft sein, die in der Natur ganzheitlich als König herrschen sollte. Sein kluger Ratgeber wäre dann Mimir, um mit seiner Urteils- und Unterscheidungskraft der Vernunft zu dienen. Und diesen dienstbereiten Verstand braucht natürlich die Vernunft, um in weltlichen Angelegenheiten als König zu herrschen. Denn die reine Vernunft ist ein unsterbliches, ganzheitliches und daher nicht-dualistisches Bewusstsein, das wahrnimmt, aber nicht urteilt oder unterscheidet, wie in Gut und Böse oder Richtig und Falsch. So ist auch Hönir unsterblich, überlebt den Weltuntergang Ragnarök und begründet dann eine neuentstehende Welt. Ähnlich kann man auch in der indischen Mythologie Vishnu als unsterbliches Prinzip der göttlichen Vernunft finden, das den Weltuntergang des Schöpfergottes Brahma überlebt.

Doch nun geschieht etwas Seltsames: Die Wanen bemerken, dass ihr König Hönir keine Entscheidungen und Urteile treffen kann, wenn Mimir nicht dabei ist. Daraufhin nehmen sie Mimir gefangen und enthaupten ihn. Sie behalten den toten Körper und senden den Kopf an die Asen zurück. Damit kann Mimir zwar nicht mehr weglaufen und sich entfernen, ist aber auch ein toter bzw. körperlicher Verstand geworden, so dass auch die Vernunft nicht mehr lebendig herrschen kann. Und den geistigen bzw. lebendigen Kopf des Verstandes wollen sie nicht haben. Kommt uns das bekannt vor? Praktisch erleben wir das in unserer heutigen Welt so deutlich, wie noch nie, denn ein toter Verstand bringt auch nur tote Geschöpfe hervor, was wir „technologische Revolution“ nennen, ein Zeitalter der toten Maschinen, die mittlerweile fast alle Bereiche des menschlichen Lebens erobert haben. Und auch unsere Naturwissenschaftler wollen den Geist als Kopf des lebendigen Verstandes nicht haben, sondern schieben ihn in die Spiritualität oder Religion ab. Welche Motivation steht dahinter? Hier kann man über das Ergreifen, das Festhaltenwollen und die Begierde nach immer mehr Herrschaft und Eigentum nachdenken, wie es auch oben heißt: „Sie ergriffen daher Mimir…“ Darin zeigt sich bereits der Einfluss vom Wesen der Riesen in ihrem Streben nach übermächtiger Herrschaft in der Natur.

So können wir nun fragen: Worin liegt unser Problem, wenn sich der Verstand aus unserer Ratsversammlung im Kopf entfernen kann? Warum wollen wir keinen freibeweglichen und lebendigen Verstand haben? Eben daran arbeiten die Yogis in der Meditation, um den Verstand wieder lebendig und frei zu machen, damit er sich auch entfernen und schweigen kann, um die göttliche Vernunft zu hören.

Ähnlich belebte auch Odin den Kopf von Mimir durch die Macht von Zaubersprüchen und Kräutern bzw. durch die Macht von Geist und Natur. So bewahrt er den lebendigen Kopf des schöpferischen Verstandes, solange die Schöpfung besteht, an der Wurzel des Welten- und Lebensbaumes:

Kopf Mimirs an der Wurzel von Yggdrasil

Kvasirs Geschichte

Über die Verwandtschaft zwischen Mimir als schöpferischer Verstand und Kvasir als inspirierende Weisheit und ihre Beziehung zum Met als Göttertrank kann man viel nachdenken. So lässt sich auch eine ähnliche Bedeutung, wie sie oben von Mimir beschrieben wurde, in der genialen Geschichte von Kvasir wiederfinden, der ebenfalls in der Natur getötet und von Odin im geistigen Reicht wiederbelebt wird. Das heißt, die Weisheit muss sich gestalten und verwandeln, um wirksam und hilfreich zu werden. So steht im Skalden-Buch §1 geschrieben:

„Woher stammt die Kunst, die ihr Dichtung nennt?“ - Bragi antwortete: „Der Anfang davon war, dass die Götter Krieg mit dem Volk hatten, das Wanen heißt. Aber sie führten Friedensverhandlungen und schlossen den Frieden auf die Weise, dass jeder von ihnen zu einem Gefäß ging und seinen Speichel hineinspuckte. Als man sich trennte, nahmen ihn die Götter. Sie wollten dieses Friedenszeichen nicht verlieren und schufen daraus einen Mann. Der hieß Kvasir und war so klug, dass niemand ihn nach Dingen fragte, die er nicht beantworten konnte. Er zog weit in der Welt herum, um die Menschen sein Wissen zu lehren. Als er auf deren Einladung zu den Zwergen Fjalarr und Galarr (vermutlich „der Verbergende“ und „der Singende“) kam, luden sie ihn zu einem geheimen Gespräch und erschlugen ihn. Sie ließen sein Blut in zwei Gefäße und einen Kessel rinnen, und der heißt Óðrörir („Inspirations-Erreger“), die Gefäße aber Són („Versöhnung bzw. Sühne“) und Boðn („Hingabe bzw. Opfer“). Sie mischten Honig mit dem Blut, und daraus wurde der Met, der jeden, der davon trinkt, zum Dichter und Weisen macht. Die Zwerge erzählten den Asen, Kvasir sei an seiner Weisheit erstickt; denn niemand war so klug, dass er all sein Wissen erfragen konnte.

Darauf luden die Zwerge den Riesen namens Gilling („der Schreiende, Brüllende bzw. Kommandierende“) und seine Frau ein. Sie baten den Riesen, mit ihnen (zum Fischfang) aufs Meer hinaus zu rudern. Aber als sie am Land entlangfuhren, ruderten die Zwerge gegen eine Klippe und brachten das Boot zum Kentern. Gilling konnte nicht schwimmen und ertrank, die Zwerge jedoch richteten das Boot wieder auf und ruderten an Land. Sie erzählten seiner Frau von dem Vorfall. Sie trauerte darüber und weinte laut. Da fragte Fjalarr sie, ob es ihr nicht leichter ums Herz würde, wenn sie hinaus auf das Meer sehe, dorthin, wo er ertrunken sei. Das wollte sie. Er sagte zu seinem Bruder Galarr, er möge nach oben über die Türöffnung gehen und wenn sie hinauskomme, einen Mühlstein auf ihren Kopf fallen lassen. Er sagte, ihm sei ihr Gejammer (bzw. Geschrei) zuwider. Und so machte er es.

Der Name Kvasir erinnert an „Kvas“ und damit an den vergorenen Saft als Essenz aus dem gemeinsamen Wesen von Asen und Wanen bzw. Geist und Natur. In dieser beiderseitigen Essenz liegt dann auch die inspirierende Weisheit, die sich als weltliche Klugheit zeigen und alle denkbaren Fragen beantworten kann. Doch solange es nur ein Gedankenspiel ist, bleibt es auch nur ein Geschrei des Verstandes, der groß und mächtig sein will, wie ein übermächtiger Riese, oder wie eine ausgeklügelte Theorie, der es an praktischer Verwirklichung fehlt. So könnten wir uns vorstellen, dass nun die Zwerge als Naturgeister im Mikrokosmos ihre Aufgaben darin sehen, diese Weisheit auch in die Wirklichkeit umzusetzen. Daher handeln die Zwerge vielleicht gar nicht so bösartig und hinterlistig, wie sie hier oft gedeutet werden, sondern sorgen dafür, dass sich die inspirierende Weisheit auch schöpferisch auswirken kann und nicht an sich selbst erstickt. So können sie aus der Weisheit große Kräfte entfalten, um die übermächtigen Riesen zu besiegen, das laute Geschrei der Verstandesriesen, und zwar als Mann und Frau bezüglich Geist und Natur. Der gedankliche Geist versinkt wieder im Meer der Ursachen, und die körperliche Materie wird zermahlen und zermalmt. Doch diese beiden haben einen schwer besiegbaren Sohn:

Als davon der Riese Suttung („der Schwere“), Gillings Sohn, erfuhr, kam er und ergriff die Zwerge. Er brachte sie hinaus aufs Meer und setzte sie auf einer kleinen Felseninsel aus, die bei Flut überschwemmt wurde. Da baten sie Suttung um ihr Leben und boten ihm für die Schonung als Vaterbuße den wertvollen Met, den er annahm. Suttung brachte den Met heim und versteckte ihn an dem Ort, der Hnitbjörg („festgefügter Felsen“) hieß. Zur Bewachung setzte er seine Tochter Gunnlöd („zum Kampf fordern“) ein. Deshalb nennen wir die Skaldendichtung Kvasirs Blut, Getränk der Zwerge, Kraft der Zwerge, eine Art Getränk aus Óðrörir, Són oder Boðn, das Schiff (als Rettung) der Zwerge, weil dieser Met ihr Leben von der Felseninsel rettete, Suttungs Met oder das Getränk aus Hnitbjörg.“ - Dazu sagte Ägir: „Mir scheint es schwer verständlich ausgedrückt, die Skaldendichtung mit diesen Namen zu benennen.“

Bei Suttung können wir an den Egoismus denken, der uns das Leben geistig und körperlich so schwer macht und erfahrungsgemäß nur schwer zu besiegen ist. Hier finden wir auch das „Ergreifen“ wieder, mit dem der Egoismus nach Eigentum greift, sich verhärtet und verkörpert. So ergreift Suttung auch die Zwerge als Naturgeister, trennt sie auf dem „Meer des Lebens“ von der Ganzheit der Schöpfung auf einer Insel ab und ist bereit, sie untergehen zu lassen, weil sie ihm bedrohlich erscheinen. Dagegen wirkt der inspirierende Dichter-Met und lässt sie weiterleben. Doch auch der Met wird dann vom Egoismus ergriffen und als Eigentum in die materielle Körperlichkeit verschlossen und versteckt. Darin kann man das Prinzip der egoistischen Verkörperung erkennen. Seine Tochter erinnert an die Seele, die er dabei mit einschließt, um das Eigentum zu bewachen. Doch gerade als Seele der Natur ist sie auch das Prinzip der Verursachung und „fordert zum Kampf“ um die Befreiung und das geistige Erwachen heraus.

Schließlich wird auch schön beschrieben, wie die Weisheit der Dichtkunst mit den Zwergen und dem Egoismus zusammenwirkt, um auf subtile Weise in den Menschen zu wirken, das Leben zu bewahren und die Tiefen der Inspiration und Intuition zu öffnen. Dafür gibt es den Kessel der Inspiration sowie die beiden Gefäße der Versöhnung, um die Sünde zu überwinden, und der Hingabe als Opfer des egoischen Eigentums. So kann sich auch der Egoismus in der Ganzheit wiederfinden. Doch dafür muss der Met als Göttertrank der Ganzheit aus der verkörperten und verfestigten Materie befreit und wirksam werden:

Und Ägir („das Meer“ als „Wasser des Lebens“) fragte weiter: „Aber wie kamt ihr Asen an Suttungs Met?“ - Bragi („Gott der Poeten und Dichter“) antwortete: „Eine Geschichte erzählt, wie Odin von daheim aufbrach und dorthin kam, wo neun Knechte Gras mähten. Er sagte, wenn sie wollten, wetze er ihre Sensen. Das wollten sie. Da nahm er einen Wetzstein vom Gürtel und schliff die Sensen. Aber ihnen schienen die Sensen viel schärfer zu schneiden, und sie wollten den Stein kaufen. Er jedoch schätzte ihn so hoch, dass derjenige, welcher ihn kaufen wollte, schon etwas Angemessenes geben musste. Alle erklärten ihre Absicht und forderten, ihnen den Stein zu übergeben. Er aber warf den Stein hoch in die Luft. Und als alle ihn fangen wollten, da gerieten sie derart durcheinander, dass jeder dem anderen mit der scharfen Sense den Hals durchschnitt.

Odin suchte ein Nachtlager bei dem Riesen namens Baugi („der Geneigte“), dem Bruder Suttungs. Baugi meinte, seine Wirtschaft gehe schlecht, und er sagte, seine neun Knechte hätten sich gegenseitig umgebracht, doch er habe wenig Hoffnung auf neue Arbeiter. Odin nannte sich vor ihm Bölverkr („Übeltäter“). Er bot Baugi an, für ihn die Arbeit von neun Männern zu leisten, aber er forderte für sich als Lohn einen Schluck aus Suttungs Met. Baugi erklärte, er könne nicht über den Met verfügen, denn Suttung wolle ihn für sich allein haben. Er erklärte sich jedoch bereit, mit Bölverkr zu gehen und zu versuchen, den Met zu bekommen. Bölverkr leistete über den Sommer für Baugi die Arbeit von neun Männern, und gegen den Winter zu bat er ihn um seinen Lohn. Darauf gingen sie beide zu Suttung. Baugi erzählte seinem Bruder von der Vereinbarung mit Bölverkr, aber der verweigerte jeden Tropfen des Mets. Da schlug Bölverkr Baugi vor, sie sollten mit einer List versuchen, den Met zu bekommen, und der stimmte dem zu. Bölverkr zog darauf den Bohrer hervor, der Rati („der Bohrende“) hieß, und er meinte, Baugi solle in den Felsen bohren, wenn der Bohrer fasse. Das tat er. Dann sagte Baugi, der Felsen sei durchbohrt. Aber Bölverkr blies in das Loch, und Späne flogen ihm entgegen. Daran erkannte er, dass Baugi ihn betrügen wollte. Er befahl ihm weiterzubohren, und Baugi bohrte wieder. Und als Bölverkr ein zweites Mal hineinblies, stoben die Späne nach innen. Da nahm er Schlangengestalt an und kroch in das Bohrloch, aber Baugi stach nach ihm mit dem Bohrer und verfehlte ihn.

Bölverkr ging dahin, wo Gunnlöd war, und lag bei ihr drei Nächte. Sie versprach ihm, er dürfe drei Schlucke vom Met trinken. Mit dem ersten Schluck trank er alles aus Óðrörir, mit dem zweiten leerte er Boðn, mit dem dritten Són, und damit hatte er den ganzen Met. Er verwandelte sich in einen Adler und flog so schnell wie möglich davon. Doch als Suttung den Adler fliegen sah, nahm auch er Adlergestalt an und flog ihm hinterher. Als die Asen erblickten, wo Odin flog, stellten sie draußen im Hof ihre Gefäße hin. Und als er nach Asgard kam, spie er den Met in diese Behälter. Aber Suttung war ihm zum Ergreifen nahe gekommen, sodass er etwas Met fahren ließ, der nicht beachtet wurde. Jeder, der wollte, konnte ihn haben, und wir nennen ihn den Anteil der Dichterlinge. Den Met Suttungs jedoch gab Odin den Asen und den Menschen, die dichten können. Aus diesem Grund nennen wir die Skaldendichtung Odins Beute, Odins Fund, Odins Trank, Odins Gabe oder Trank der Asen.“ (Skáldskaparmál §1 nach Arnulf Krause und Rasmus Anderson)

Hier lernen wir nun wieder das Wesen von Odin näher kennen. Die neun Knechte erinnern an neun männliche bzw. geistige Wesen, die dem Ego dienen, wie zum Beispiel die fünf Sinne, Gedächtnis, Denken, Verstand und Wille. Doch wenn sie vom Göttlichen „geschärft“ werden, dann bringen sie sich in ihrer natürlichen Begierde nach immer mehr schließlich gegenseitig um, das heißt, sie vernichten sich als getrennte Wesen im Großen und Ganzen. Dann zeigt es sich, dass es im Grunde nur Odin selbst ist, der als Schöpfergott durch seine beiden Augen des reinen Bewusstseins allen Geschöpfen mit seiner „Neunmännerstärke“ dient.

Doch dem Riesen stellt er sich als „Böverkr“ vor, was „Übeltäter“ bedeutet, denn er hatte auch dafür gesorgt, dass sich dessen Knechte umgebracht hatten. Aufgrund solcher Geschichten wird oft behauptet, dass die nordischen Götter hinterlistige Lügner und Betrüger sind. Doch hier sollte man vorsichtig sein, denn der Mensch fühlt sich gewöhnlich schnell betrogen und belogen, wenn die Götter nicht das tun, was er sich vorstellt. Das passiert, wenn wir unsere menschlich-moralischen Erwartungen auf übermenschliche Wesen projizieren. Vor allem geschieht dies egoistischen Menschen, die als getrennt lebende Personen natürlich ganz andere Interessen haben als ein ganzheitliches Götterwesen. So ist es nicht verwunderlich, dass sie sich von den Göttern betrogen und belogen fühlen. Viele sind sogar aus der christlichen Kirche ausgetreten, weil sie keinen Gott mehr verehren wollten, der in der Welt so viel Ungerechtigkeit und Böses zulässt, was man das „Theodizee-Problem“ nennt. Dann ist es nicht mehr weit, auch von einem „Übeltäter“ zu sprechen.

So dient nun Odin dem „geneigten“ Baugi und erbittet schließlich auch seinen Lohn, als die Winterzeit kam, womit auch der letzte Abschnitt der körperlichen Lebenszeit gemeint sein könnte. Dann wäre es gut, die Gottheit zu erkennen, das gierige Ergreifen- und Festhaltenwollen zu überwinden und die persönlichen Anhaftungen an Eigentum aufzugeben. Baugi ist wohl dazu geneigt, doch sein egoistischer Bruder Suttung nicht. Da kommt nun wieder die trickreiche List Odins zum Einsatz. Ja, im Grunde könnte man sogar diese ganze Schöpfung als einen Trick betrachten, damit sich das Bewusstsein wieder selbst finden und erkennen kann. Dazu wird hier die wunderbare Symbolik eines göttlichen Bohrers sozusagen als „Bewusstseins-Bohrer zum geistigen Durchbruch“ beschrieben, welcher der Riesenkraft im Makrokosmos übergeben wird, um durch die verhärtete Materie hindurch bis zum Grund der Schöpfung zu bohren. Manchmal versucht das auch unser Verstand, doch bohrt nur ungern bis zum Grund und betrügt sich dabei lieber selbst. Doch solange uns irgendwelche Späne bzw. Teilchen noch entgegenstieben, wenn der Wind des Geistes in das Loch bläst, sind wir natürlich noch nicht am Grund angelangt, sondern immer noch in einer Welt der Reflexionen des gegensätzlichen Verstandes. Doch wenn das Loch gebohrt ist, schlüpft die Gottheit hinein, weil sie als reines Bewusstsein an keine Form gebunden ist, während die äußerliche Verkörperung nicht ins Innere nachfolgen kann. Dort findet der göttliche bzw. ganzheitliche Geist die reine Seele der Natur wieder und vereint sich mit ihr in der großen mystischen Hochzeit von Geist und Natur, Einheit und Vielfalt, Freiheit und Bindung. Die drei Nächte können uns an die drei Zeitformen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erinnern, denn diese Vereinigung erfolgt natürlich jenseits von Zeit und Raum. Das ist dann auch die wahre und reine Liebe Gottes, mit der im Grunde auch der ursprüngliche Kampf zwischen den Asen und Wanen sein Ende findet. Als Ergebnis kehrt die inspirierende Weisheit wieder in die Gottheit bzw. Ganzheit zurück, als „ganzer Met“ bzw. „Göttertrank der Ganzheit“. Dann fliegt Odin als Adler und König der Vögel wieder in sein Götterreich, und es geschieht, was geschehen sollte: Der egoistische Suttung folgt ihm auf diesem Weg nach und erhebt sein Bewusstsein ebenfalls ins ganzheitliche Reich der Götter. Dabei wirkt zwar der Adler immer noch als „Greifvogel“, doch dieses Ergreifen- und Begreifenwollen des Mets der Weisheit kommt dann als „Suttungs Met“ und göttliche Inspiration der Poeten wieder auf die Erde und in die Menschenwelt zurück. - Eine wunderbar tiefgründige Symbolik, über die man lange nachdenken kann, denn sie schildert nichts Geringeres als den Weg der Weisheit aus der dunklen Tiefe der Materie zurück ins göttliche Licht!

Diese Geschichte wird auch in einem anderen Edda-Text angesprochen, dem Hávamál als „Die Sprüche des Hohen“, darin Odin den sterblichen Menschen guten Rat gibt:

104. Den alten Riesen besuchte ich, nun bin ich zurück: Mit Schweigen erwarb ich da wenig. Manches Wort sprach ich zu meinem Gewinn in Suttungs Halle.

105. Gunnlöd schenkte mir auf goldenem Sitz einen Schluck des wertvollen Mets. Ich gab ihr nur geringen Lohn für ihre heiligen Gefühle, für ihren glühenden Geist.

106. Von Ratis Mund (dem „Bewusstseins-Bohrer“) ließ ich den Weg mir bahnen und sich durch Felsen nagen. Um mich herum verliefen die Wege der Riesen, doch dafür riskierte ich meinen Kopf.

107. Ich habe die angenommene Gestalt gut genutzt. Dem Weisen fehlt es an nichts. Denn Óðrerir („Inspirations-Erreger“) ist nun zum Heiligtum der Menschen geworden.

108. Ich bezweifle, dass ich aus dem Reich der Riesen zurückgekehrt wäre, wenn mir nicht Gunnlöd, die gute Jungfrau, geholfen hätte, die den Arm um mich schlang.

109. Am folgenden Tag eilten die Frostriesen in die Halle des Hohen (Odin), um Hohen Rat zu hören. Sie fragten nach Bölverkr, ob er wieder zu den Göttern gekommen sei, oder ob Suttung ihn getötet habe.

110. Danach sprachen sie: Odin habe einen Ringschwur (als Eheversprechen) geleistet. Wie kann man seinen Versprechen trauen? Er betrog Suttung um den Trank, und Gunnlöd („die zum Kampf fordert“) ließ er leidend zurück (in der Menschenwelt).
(Hávamál nach Karl Simrock und Edward Pettit)

»Oh Wunder über Wunder, welch edles Erleiden ist es, wenn das Sein der Seele nichts anderes erleiden kann als einzig die reine Einheit Gottes!« (Meister Eckhart, Predigt 42)

Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Geschichte jeder Mensch in seinem Leben erfahren kann. Denn auch unsere Eltern, die lange Zeit unsere Führer und „Kommandanten“ waren, sterben irgendwann, gewöhnlich durch die Zwergenkraft des Mikrokosmos. Geistig versinken sie wieder im Meer der Ursachen bzw. Wasser des Lebens, und körperlich lösen sie sich auf. Zurück bleiben wir als Person. Und wenn wir unser eigenes Wesen betrachten, können wir den schreienden Verstandes-Riesen finden, der uns mit seiner Ehefrau als Körperlichkeit kommandieren will. Vielleicht erkennen wir auch die Zwerge als innerliche Naturkräfte, wie sie versuchen, die göttliche Weisheit in Wirklichkeit zu verwandeln. Dann finden wir wahrscheinlich auch den Ego-Riesen und unsere Seele, die im materiellen Körper eingeschlossen ist und den Met der Weisheit bewahrt. Vielleicht werden wir uns sogar seines Riesen-Bruders bewusst, der zum Göttlichen geneigt ist und dem die neun Knechte dienen. Dann könnten wir ihm helfen, das Bewusstsein bis zum Grund der Welt durchzubohren und damit den Weg für die Gottheit freizumachen, um sich wieder mit unserer Seele zur Ganzheit zu vereinen.

So kann man in dieser Geschichte von Kvasir eine geniale Beschreibung finden, wie der Mensch mithilfe intuitiv inspirierender Weisheit seine „Umwelt“ im weitesten Sinne erkennen und durchschauen kann: Die Götter als ganzheitliche Wesen von Geist und Natur, die Riesen des Makrokosmos und die Zwerge des Mikrokosmos. Dadurch kann er sich in ihrer Mitte im Großen und Ganzen selbst erkennen und zum inspirierten Poeten werden, um diese tiefgründige und für den gewöhnlichen Verstand unfassbare Erkenntnis auch in genialen Worten und Symbolen dichterisch auszudrücken. Auf diese Weise sind wohl viele alte Mythen, Sagen und Märchen entstanden, die über viele Jahrhunderte und vielleicht sogar Jahrtausende in allen Kulturen überliefert wurden. Gott sei Dank!

Odins Thron

Weiter geht es um das Wesen von Odin. Im Edda-Text „Gylfis Illusion“ („Illusion der schäumenden Welle“) heißt es:

Die Speise, die auf Odins Tisch steht, gibt er seinen beiden Wölfen, welche Geri und Freki („Begierde und Gefräßigkeit“) heißen. Er selbst braucht keine Speise. Wein ist ihm sowohl Trank als auch Speise. So heißt es:

Geri und Freki füttert der kampfgewohnte herrliche Heervater,
Aber der kampfberühmte Odin lebt immer nur von Wein.

Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen und hören. Sie heißen Hugin und Munin („Gedanke und Gedächtnis“). Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zum Tagesmahl (zwischen Morgen und Mittag) kehren sie zurück. Von ihnen erfährt er viele Neuigkeiten. Darum nennt man ihn den Rabengott. Davon wird gesagt:

Hugin und Munin überfliegen jeden Tag die gewaltige Erde;
Ich sorge mich um Hugin („Gedanke“), dass er nicht zurückkommt;
Doch fürchte ich noch mehr um Munin („Gedächtnis“).
(Gylfaginning nach Arnulf Krause und Karl Simrock)

Odin auf dem Götterthron mit den Raben Hugin und Munin sowie den Wölfen Geri und Freki

So sitzt nun Odin als Allvater und Schöpfergott auf dem goldenen Thron der Allmacht. Zu seinen Füßen sitzen zwei gezähmte Wölfe, die in ihrem Wesen hungrige Raubtiere sind, und werden „Begierde und Gefräßigkeit“ genannt. Wie der Mensch die Hunde als Haustiere gezähmt hat, so wird wohl auch hier die Symbolik der schwarzen Wölfe verwendet. Aus geistiger Sicht können wir darin ein Symbol der gefräßigen Vergänglichkeit sehen, die immer danach begehrt, dass alles, was im Licht entsteht, auch wieder in der Dunkelheit vergeht, alles, was geschöpft wird, auch wieder ins Meer der Ursachen zurückfließt. Im obigen Bild von Mimir sieht man sehr schön, wie er an der Wurzel des Lebensbaumes mit seinem Horn das Wasser des Lebens aus dem Schicksalsbrunnen schöpft. Doch warum fließt es nicht sogleich wieder zurück? Wer hält es auf, so dass wir die Erfahrung der vergänglichen Zeit machen können? Darin könnten wir das Symbol der „gezähmten Wölfe“ als „gezügelte Vergänglichkeit“ sehen, damit die Lebewesen in der Schöpfung im zeitlichen Spiel von Ursache und Wirkung auch etwas lernen können. Würde alles gleichzeitig geschehen, wie man sich die Ewigkeit vorstellen kann, dann wäre dieses Lernen nicht möglich, weil alles, was entsteht, sogleich auch wieder vergeht. Darin drückt sich auch das Prinzip der Begierde aus, als ein Festhaltenwollen von bestimmten Formen im Bewusstsein. Die Schattenseite davon ist das Verlierenkönnen.

So sorgt Odin als Allvater und Schöpfergott mit den gezähmten Wölfen für eine gezügelte Vergänglichkeit in der Schöpfung dieser Welt. Und darin liegt ein großer Segen der Gottheit, denn dadurch können wir in der Vergänglichkeit nach dem Unvergänglichen suchen und es jenseits von Zeit und Raum sowie allen Namen und Formen finden.

Wunderbare Symbole sind auch die beiden Raben, die als besonders kluge Tiere gelten. Sie stehen hier für Gedanken und Gedächtnis. Ihre dunkle Farbe erinnert uns daran, dass dies verdunkelte Formen vom reinen Licht des Bewusstseins sind, die als Gedanken im Spiel von Licht und Dunkelheit wie die Bilder auf einer Kinoleinwand entstehen und als Film erhalten bleiben können, den man sich im Gedächtnis immer wieder anschauen kann. Im Morgenlicht der Schöpfung fliegen sie in die Welt und kehren doch immer wieder zum Schöpfergott zurück, der damit als ganzheitliches Wesen auch „allwissend“ ist. Doch diese Bilder des gedanklichen Wissens sind im Grunde nur Illusionen, wie die Bilder auf der Kinoleinwand. Damit ist auch die Sorge berechtigt, dass sich diese Illusionen auflösen können und sogar die ganze Schöpfung irgendwann vergeht. Und doch lebt auch der Schöpfergott als „Rabengott“ von dieser Illusion, denn aus ihr wird von Mimir als Verstand diese ganze Welt geschöpft. Vielleicht sollten wir besser von einer „Illusions- und Schöpferkraft“ sprechen, die dann interessanterweise auch unvergänglich und ewig sein muss, also eine typische Gotteskraft ist. Denn würde sie vergehen, könnte es auch keine Schöpfung mehr geben.

Darauf könnte auch das Symbol des Weines hindeuten, von dem allein sich Odin ernährt, denn alles andere übergibt er den Wölfen der Vergänglichkeit. Für die Geschöpfe, wie uns Menschen, kann diese „Illusions- und Schöpferkraft“ ein berauschendes Bier sein, von dem wir träge und schläfrig werden, oder auch der Met als Göttertrank der Ganzheit, von dem wir aus dem Traum der Illusion erwachen können. Im letzteren könnte man das große Ziel der ganzen Schöpfung sehen. Doch warum trinkt Odin keinen Met? Nun, Odin ist bereits erwacht, denn er ist sich als Allvater bewusst, dass die ganze Schöpfung nur sein zweites Auge ist. Deshalb trinkt er bewusst den edlen Wein der Illusion, damit die Schöpfung erscheint, um unserem Bewusstsein zu helfen, gleichfalls zu erwachen und uns selbst in allem zu erkennen. Wer kann das verstehen? Ja, hier kommt unser gewöhnlicher Verstand schnell an seine Grenzen. Doch vielleicht kann uns die Symbolik solcher alten Mythen helfen, über diese Grenzen hinauszukommen und unser Bewusstsein zu erweitern und zu erheben, wie Suttung in seiner Gier nach dem Dichter-Met.

Schließlich können wir noch über den Speer nachdenken, den Odin in der rechten Hand hält. Es heißt, er verfehlt nie sein Ziel und kehrt immer zu seinem Besitzer zurück. Er wurde von den Zwergen als magische Waffe für den Allvater der Schöpfung geschmiedet. Sein Name ist Gungnir, der „Schwankende“ oder „Wellende“, und erinnert uns an die Wellen der Wirkung auf dem Meer Ursachen. Auch darin liegt das Wesen der „Illusions- und Schöpferkraft“, um das Gesetz von Ursache und Wirkung in der Schöpfung zu verkörpern. Hier können wir an die Naturgesetze denken, die vom Mikrokosmos geschaffen wurden und denen sich jedes Geschöpf unterordnen muss. Diese „Welle“ ist dann auch der „Wille“ des Schöpfergottes als Schöpfer der Schöpfung. Und mit diesem Speer begann Odin den Kampf zwischen den Asen und Wanen bzw. Geist und Natur. So könnte dieser Speer des Schöpfergottes auch die Seelenkraft der Verursachung in der Natur symbolisieren, die auf das große Ziel der ganzen Schöpfung gerichtet ist.

Odins achtbeiniges Pferd

Weiter heißt es im Edda-Text von „Gylfis Illusion“, der „Illusion der schäumenden Welle“, zum Bau der Götterburg Asgard und der Geburt des Pferdes Sleipnir:

42. Gangleri („der Wanderer“) fragte: „Wem gehört das Pferd Sleipnir („das Dahingleitende“)? Und was ist von ihm zu sagen?“ - Der Hohe antwortete: „Du kennst nicht Sleipnirs Eigenschaften und weißt nichts von den Umständen, unter denen er entstanden ist. Doch das wird dir die Geschichten wert erscheinen lassen. Die Besiedlung durch die Götter war noch in den Anfängen, als sie Midgard und Walhall errichtet hatten. Damals kam ein Baumeister zu ihnen und erbot sich, ihnen in drei Jahren eine so gute Burg zu erbauen, dass sie verlässlich und sicher sei vor den Berg- und Frostriesen, selbst wenn diese nach Midgard hereinbrächen. Aber als Lohn forderte er, dass ihm Freya gehören sollte, und er wollte Sonne und Mond haben. Darauf versammelten sich die Asen und hielten Rat. Diese Vereinbarung wurde mit dem Baumeister geschlossen, nach der er nur erhalten sollte, was er forderte, wenn er die Burg in einem Winter fertigstellte. Aber wenn am ersten Sommertag irgendein Teil des Bauwerks nicht vollendet sei, dann breche er den Vertrag. Und niemand sollte ihm bei der Arbeit Hilfe leisten. Als sie ihm diese Bedingungen nannten, verlangte er, sie sollten ihm gewähren, Hilfe von seinem Pferd namens Svadilfari („unglücklicher bzw. im Schlamm Wandernder“) zu bekommen. Und weil Loki es riet, wurde dies mit ihm vereinbart.

Er begann am ersten Wintertag mit dem Bau der Burg, und selbst in den Nächten schleppte er auf seinem Pferd Steine heran. Doch den Asen schien es sehr erstaunlich, welch große Felsen das Pferd zog. Es leistete doppelt so viel Arbeit wie der Baumeister. Aber ein unverbrüchliches Zeugnis und viele Eide banden sie an ihre Vereinbarung, und zwar, weil es den Riesen nicht sicher erschien, ohne solch eine Abmachung bei den Asen zu sein, wenn Thor heimkäme. Damals war er jedoch in den Osten gezogen, um gegen Unholde zu kämpfen. Als der Winter verging, schritt der Burgbau rasch voran, und die Befestigung war schon so hoch und stark, dass sie niemand angreifen konnte. Als nur noch drei Tage bis zum Sommeranfang waren, war sie bis auf das Burgtor fertig. Da setzten sich die Götter auf ihren Richterstühlen zusammen und beratschlagten sich. Ein jeder fragte den anderen, wer geraten habe, Freya nach Riesenheim zu verheiraten und die Luft und den Himmel zu verderben, indem man Sonne und Mond dort wegnehme und den Riesen gebe. Und alle stimmten überein, dass dies derjenige empfohlen haben müsse, der am allerschlechtesten rate, nämlich Loki, Laufeys Sohn. Sie sagten, er werde einen üblen Tod erfahren, wenn er keinen Rat habe, wie der Baumeister den Vertrag nicht erfülle, und sie griffen Loki an. In seiner Angst schwor er Eide, er werde so handeln, dass der Erbauer vertragsbrüchig werde, wie sehr er sich auch anstrenge.

Und am selben Abend, als dieser mit dem Pferd Svadilfari hinausging, um Steine zu holen, kam aus dem Wald eine Stute gegangen. Sie lief zum Hengst und wieherte. Aber als der Hengst wahrnahm, was dies für eine Stute war, da wurde er wild, riss die Stricke entzwei und lief zu ihr. Sie galoppierte fort in den Wald, und der Baumeister rannte hinterher und wollte den Hengst einfangen. Die Pferde jedoch liefen die ganze Nacht weiter, und in dieser Nacht blieb die Arbeit liegen. Auch am folgenden Tag wurde nicht so gearbeitet, wie es vorher geschehen war. Aber als der Baumeister sah, dass sein Werk nicht zu Ende geführt werden konnte, packte ihn Riesenzorn. Da wussten die Asen mit Sicherheit, dass ein Bergriese zu ihnen gekommen war, weshalb die Eide nicht gehalten werden mussten. Sie riefen Thor, der sofort kam, und im nächsten Augenblick fuhr der Hammer Mjölnir durch die Luft. Er zahlte den Arbeitslohn, und das waren nicht Sonne und Mond; vielmehr verweigerte er es ihm sogar, in Riesenheim zu wohnen. Denn der erste Schlag traf so, dass der Schädel in viele Stücke brach. Er schickte ihn hinunter nach Niflheim. Aber Loki hatte damals solch ein Zusammentreffen mit Svadilfari, dass er etwas später ein Fohlen gebar. Das war grau und hatte acht Beine. Dieses Pferd ist das beste bei Göttern wie bei Menschen.“
(Gylfaginning nach Karl Simrock und Arnulf Krause)

Die Götterburg erinnert als Symbol an die ganze Schöpfung. Die bedrohlichen Berg- und Frostriesen wären dann die personifizierten Riesenkräfte der materiellen Verkörperung, aber auch der Erstarrung, die das geistige Reich natürlich nicht vollständig erobern dürfen, da es sonst kein Leben mehr gäbe. Damit steht die große Frage: Wie kann die lebendige Schöpfung vor der materiellen Erstarrung durch die Berg- und Frostriesen geschützt werden? Dafür bietet sich zuerst ein Riese als Baumeister an, der aber dafür die Herrschaft über das Licht der Welt und die Göttin Freya als Wesen der Liebe und Schönheit der Natur fordert. Das heißt, er fordert die Schlüsselkräfte des Lebens. Gegen diese Übermacht der Riesen kämpft vor allem Thor mit seinem Hammer, den wir uns später noch ausführlich anschauen werden. Auch die Rolle von Loki werden wir später noch betrachten, der hier dafür sorgt, dass der Riese das Pferd Svadilfari für das Werk benutzen darf. Dieses Pferd erinnert uns an die lebendige Körperlichkeit der körperlichen Lebewesen im Allgemeinen, deren Arbeitskraft und Dienstbereitschaft vom übermächtigen Riesen geknechtet und missbraucht werden. Daran erkennen dann auch die Götter, dass der Baumeister selbst ein Berg- und Frostriese war.

Loki sorgt dann mithilfe der sexuellen Begierde dafür, dass das Pferd seinen „unglücklichen Weg“ verlässt. Dazu verwandelt er sich selbst in den weiblichen Gegenpart zum männlichen Pferd, das nun einen „glücklichen Weg“ geht, nämlich die lebendige Schöpfung durch lebendige Fortpflanzung zu beschützen. Es geht also darum, nicht den Frostriesen zu dienen, um das göttliche Leben in einer materiellen Burg hinter dicken Felsenmauern einzuschließen, wo es nur erstarren kann, sondern dem Leben selbst als Fluss von Entstehen und Vergehen zu dienen. So finden dann die Götter auch einen besseren Schutz vor den Frostriesen, als es materielle Mauern vermögen, nämlich die Regenbogen- bzw. Lichtbrücke Bifröst, die das Bewusstsein selbst als Heimdall bewacht. Denn das Bewusstsein ist natürlich der beste Schutz vor dem Erstarren, je bewusster, desto beweglicher, je weiter, desto ganzheitlicher und göttlicher.

Auf dem Weg der Vereinigung von Männlich und Weiblich als Geist und Natur wird dann von Loki das graue und achtbeinige Pferd Sleipnir geboren, das „Dahingleitende“, das sich aus dem irdischen Schlamm erhebt und mühelos über Erde und Wasser durch die Luft reiten kann. Sein graues Fell erinnert uns daran, dass es ein Geschöpf zwischen Licht und Dunkelheit ist, wie diese ganze Schöpfung. Und warum hat es acht Beine? Zum einen wurde es von einem Gott geboren, so dass es auch ein ganzheitliches Wesen ist, das die vier Beine des männlichen und des weiblichen Pferdes hat. Darin kann man die Einheit der Kräfte von Geist und Natur sehen, die wie acht Beine oder Säulen die körperliche Schöpfung stützen. Auf diesem Pferd, das durch seine Ganzheitlichkeit auch langlebig wurde, reitet dann nicht ein Frostriese, sondern Odin selbst als Allvater der Schöpfung, was eine wunderbare Symbolik ist.

Odin auf Sleipnir, dem achtbeinigen Pferd

Odin wäre dann als Reiter und göttlicher Wille die „neunte“ Kraft, im Sinne der beständigen „Erneuerung“ der Schöpfung (Neun=Erneuerung). Man könnte ihn auch als erste Kraft betrachten, sozusagen als „Einheit“ und Ursprung von allem (Eins=Einheit). Solche neun Grundkräfte oder Prinzipien der göttlichen Schöpfung werden auch in anderen Geschichten symbolisch angesprochen, wie zum Beispiel oben die neun Mütter von Heimdall oder die neun Knechte von Baugi. Was hier diese Kräfte im Einzelnen bedeuten, dazu konnten wir in der Edda keine ausführliche Erklärung finden. Doch auch in anderen alten Schriften werden solche Kräfte als anschauliche Erklärung zur Schöpfung in unterschiedlicher Anzahl erwähnt. So spricht beispielsweise der christliche Mystiker Meister Eckhart im 14. Jahrhundert zwar nicht von neun, aber von sechs Kräften, nämlich Begierde, Zorn, Unterscheidung bzw. Verstand, Erinnerung, Vernunft und Wille:

… Wollen wir denn nun am Geist erneuert werden, so müssen die sechs Kräfte der Seele, die obersten und die untersten, jede einen goldenen Ring haben, übergoldet mit dem Gold göttlicher Liebe. Nun schaut auf die niedersten Kräfte, deren sind drei. Die erste heißt Unterscheidungsvermögen, rationale; an der sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist die »Erleuchtung«, auf dass dein Unterscheidungsvermögen allzeit zeitlos erleuchtet sei durch das göttliche Licht. Die zweite Kraft heißt die Zürnerin, irascibilis; an der sollst du einen Ring tragen: der ist »dein Friede«. Warum? Nun: so weit im Frieden, so weit in Gott; so weit außerhalb des Friedens, soweit außerhalb Gottes! Die dritte Kraft heißt Begehren, concupiscibilis; an der sollst du einen Ring tragen: der ist »ein Genügen«, auf dass du genügsam seist gegenüber allen Kreaturen, die unter Gott sind. Gottes aber soll‘s dir nie genug sein! Denn Gottes kann es dir nie genug sein: je mehr du von Gott hast, umso mehr begehrst du seiner; könnte es dir nämlich Gottes genug werden, so dass es in Bezug auf Gott ein Genugsein gäbe, so wäre Gott nicht Gott.

Auch an jeder der obersten Kräfte musst du einen goldenen Ring tragen. Der obersten Kräfte sind gleichfalls drei: Die erste heißt eine behaltende Kraft, memoria. Diese Kraft vergleicht man dem Vater in der Dreifaltigkeit. An dieser sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist ein »Behalten«, auf dass du alle ewigen Dinge in dir behältst. Die zweite heißt Vernunft, intellectus. Diese Kraft vergleicht man dem Sohn. An der sollst du auch einen goldenen Ring tragen: der ist »Erkenntnis«, auf dass du Gott alle Zeit erkennst. Und wie? Du sollst ihn bildlos erkennen, unmittelbar und ohne Gleichnis. Soll ich aber Gott auf solche Weise unmittelbar erkennen, so muss ich schlechthin er, und er muss ich werden. Genauerhin sage ich: Gott muss schlechthin ich werden und ich schlechthin Gott, so völlig eins, dass dieses »Er« und dieses »Ich« Eins ist, werden und sind und in dieser Seinsheit ewig ein Werk wirken. Denn, solange dieses »Er« und dieses »Ich«, das heißt Gott und die Seele, nicht ein einziges Hier und ein einziges Nun sind, solange könnte dieses »Ich« mit dem »Er« nimmer wirken noch eins werden. Die dritte Kraft heißt Wille, voluntas. Diese Kraft vergleicht man dem Heiligen Geist. An dieser sollst du einen goldenen Ring tragen: der ist die »Liebe«, auf dass du Gott liebest. Du sollst Gott lieben ungeachtet seines Liebenswertseins, das heißt: nicht deshalb, weil er liebenswert wäre; denn Gott ist nicht liebenswert: er ist über alle Liebe und Liebenswürdigkeit erhaben. »Wie denn soll ich Gott lieben?« - Du sollst Gott ungeistig (bzw. unverständig) lieben, das heißt so, dass deine Seele ungeistig sei und entblößt aller Geistigkeit; denn, solange deine Seele geistförmig (bzw. verständig) ist, solange hat sie Bilder. Solange sie aber Bilder hat, solange hat sie Vermittelndes; solange sie Vermittelndes hat, solange hat sie nicht Einheit noch Einfachheit. Solange sie nicht Einfachheit hat, solange hat sie Gott (noch) nie recht geliebt; denn recht zu lieben hängt an der Einhelligkeit. Daher soll deine Seele allen Geistes bar sein, soll geistlos (bzw. unverständig) dastehen. Denn, liebst du Gott, wie er Gott, wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muss weg. »Wie denn aber soll ich ihn lieben?« - Du sollst ihn lieben, wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit.

Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. Dazu helfe uns Gott. Amen. (Meister Eckhart, Predigt 42)

Odins Runenlied

Um das mystische Wesen von Odin weiter kennenzulernen möchten wir uns nun im Edda-Text „Die Sprüche des Hohen“ den „Runen-Gesang“ anschauen:

Ich weiß, dass ich neun lange Nächte am Wind-Baum hing, vom Speer verwundet, dem Odin geweiht, mir selber ich selbst, an dem Baum, dem man nicht ansehen kann, aus welcher Wurzel er wächst. Ich bekam weder Essen noch Trinken. Da blickte ich nach unten, auf Runen sinnend. Ich lauschte achtsam, lernte sie seufzend: Endlich fiel ich zur Erde.

Hier können wir einen weiteren Aspekt von Odin finden, nämlich das mystische „Ich“. Gewöhnlich erleben wir unser Ich als ein egoistisches Ich, das in einem persönlichen und abgetrennten Körper lebt und damit auch sterblich und vergänglich ist. Doch jenseits von diesem kleinen Ich gibt es noch ein höheres, ganzheitliches bzw. göttliches Ich, von dem auch Christus sagt: »Ich bin das Licht der Welt.« Oder: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« So können wir hier in Odins „Runen-Erkenntnis“ auch die sogenannte „Selbsterkenntnis“ finden, wenn man sich selbst in allem wiedererkennt, sich selbst als Quelle des Lebens, und sich selbst als Wurzel und Stamm vom Baum des Lebens. Dazu muss man natürlich nach unten schauen, in den tiefen Grund von Allem, und das egoistisch abgetrennte Ich muss hingegeben und geopfert werden.

Die „neun langen Nächte“ können uns an die lange Schöpfungszeit erinnern, in der das ursprünglich vollkommene Licht verdunkelt wurde. Auch hier finden wir die Neun als heilige Zahl wieder, die uns an den Zyklus der Entwicklung, Prüfung und Erneuerung erinnert. Der „Wind-Baum“ wäre dann ein „Geist-Baum“ als der Welten- und Lebensbaum Yggdrasil, dessen Zweige und Blätter die Geschöpfe sind. Hier opfert sich Odin selbst, von seinem eigenen Speer als Schöpferwille im Spiel von Ursache und Wirkung verwundet, und sein Opferblut fließt in den Schicksalsbrunnen. Er opfert sich nicht irgendeinem fremden Gott oder einer fremden Schöpfung, sondern sich selbst in sich selbst, so dass der Opfernde und das Opfer wieder ein Ganzes werden, wie auch Ich und Gott, das menschliche und das göttliche Selbst, sich wieder vereinen. Darin könnte man das Ziel der gesamten Schöpfung als einen Weg der Selbsterkenntnis sehen.

Neun der mächtigen Runensprüche lernte ich so vom klugen Sohn Bölthorns („Übelhorn“), des Vaters der Bestla (gemeint ist vermutlich Mimir). Dann bekam ich vom trefflichsten Met zu trinken, aus dem Brunnen Óðrörir („Inspirations-Erreger“) geschöpft. Das gab mir Gedeihen, Weisheit und Erinnerung. Ich wuchs, und ich fühlte mich wohl. Wort suchte Wort aus meinem Wort, Werk suchte Werk aus meinem Werk. Runen („Geheimnisse“) wirst du finden und deutbare Stäbe, sehr bedeutungsvolle Stäbe, sehr mächtige Stäbe, die der weise Odin färbte, der hohe Rat (der Götter) schuf und Odin selbst als prophetischer Ratgeber gravierte. Odin („Macht der Bewegung bzw. des Lebens“) gravierte sie bei den Asen, aber Dainn („Macht der Gestorbenen bzw. Ahnen“) bei den Alben, Dwalinn („Macht der Schlafenden bzw. Träumenden“) bei den Zwergen, Alswid („Macht der allzu Schnellen bzw. Ungezügelten“) bei den Riesen, und auch ich gravierte einige.

Die „Runen“ sind ein zentrales Thema in den nordischen Mythen, die sich auch selber als Runenschriften bezeichnen. Der Name Rune lässt sich mit „Geheimnis“ oder „vertrauter Rat“ übersetzen, was heute noch im Verb „raunen“ anklingt. Ausführlicher könnte man von der verborgenen Bedeutung hinter den äußerlichen Zeichen sprechen, denn im Grunde geht es hier darum, die Quelle, die Wurzel und den Sinn der Schöpfung in allen Geschöpfen zu erkennen. Das Wort „Stab“ kann hier auch „Buchstabe“ bedeuten, darin noch die Wurzel des „Runenstabes“ lebt. Die Stäbe wären damit die Zeichen, die man überall in der Schöpfung finden, lesen und mit emotionalen Gefühlen einfärben kann, sozusagen unsere „Begriffe“. Damit entsteht unsere Welt von Gut und Böse, Habenwollen und Weghabenwollen, Begierde und Hass. Das Gravieren bzw. Ritzen der Runenstäbe wäre dann die schöpferische Kraft von Odin und Ich als „Ratgeber bzw. Ratschlag“. Wir haben hier das Verb „gravieren“ bevorzugt, denn „ritzen“ klingt wie ein Verletzen, und darum geht es hier nicht. Das Gravieren erinnert uns einerseits an das Eingraben von Geist in die Materie und anderseits an die Gravitation, die sozusagen durch Masseanziehung die Zeichen und deren Bedeutungen verkörpert. Dabei ist es vor allem der Verstand als Mimir, der ihnen Gewicht und Wichtigkeit gibt, sich aber auch gern darüber „beschwert“. Entsprechend gravierte man die Runen symbolisch in das Holz vom Baum des Lebens, um die jeweilige Bedeutung als Macht in den Zweigen des Baumes auf den verzweigten Wegen der Welt gedeihen und wachsen zu lassen.

So kann das Ich erkennen, dass es vor allem der begriffliche Verstand ist, der den Formen und Gestaltungen ihre Bedeutung gibt. Und wenn dieses Geheimnis erkannt wurde, was kann das Ich damit tun? In welche Richtung kann das Ich diese Runenerkenntnis nutzen? Weiterhin in die Trennung, Verdunklung und Bindung? Oder in Richtung Ganzheit und Freiheit im göttlichen Licht?

Weißt du, wie man gravieren und raten soll? Weißt du, wie man färben und prüfen soll? Weißt du, wie man erbitten und opfern soll? Weißt du, was man hingeben und aufgeben soll? Besser nichts erbeten, als das Opfer dafür versäumt, denn nach der Gabe richtet sich die Gegengabe. Besser nichts hingegeben, als das Aufgeben dafür versäumt. So gravierte der Donnerer (ein Name Odins) vor dem Schicksal der Menschen. Dort brach er auf, wohin er zurückkam.

Ich kenne Runensprüche, die niemandem bekannt sind, nicht einmal der Gemahlin des höchsten Herrschers oder seinem Sohn. Der erste heißt „Spruch der Hilfe“, denn er hilft in Kämpfen und Kümmernissen, in jeglicher Sorge und bei jeglicher Krankheit. Einen zweiten kenn ich, den die Menschenkinder brauchen, denn er ist zum Heilen und zum Amt des Heilers unentbehrlich. Einen dritten kenn ich, der gehässige Gegner binden und in Ketten schlagen kann. Er stumpft die Spitze vom Speer des Feindes, sodass mich seine Waffen und Runenstäbe nicht verwunden können. Einen vierten kenn ich: Wenn mir Feinde die Glieder in Fesseln legen, dann spreche ich, dass ich gehen und mich bewegen kann. Da fällt mir sogleich die Kette von den Füßen, und von den Händen löst sich das Band. Einen fünften kenn ich: Kommt im Gefecht ein feindlicher Pfeil bedrohlich geflogen, so schnell er auch fliegt, ich hemme ihn mit meiner Augen Blick (bzw. im Augenblick). Einen sechsten kenn ich: Wenn ein Kämpfer mich mit der (durch Runen) gestärkten Wurzel verwunden will, wird der Hass, der mich verletzen sollte, ihm mehr schaden als mir. Einen siebenten kenn ich: Wenn rings um die Bänke versammelter Gäste der Saal in Brand steht, dann brennt das lodernde Feuer nie so weit, dass ich sie mit meinem Runenspruch nicht retten könnte. Auch den achten Spruch zu lernen, wäre für jeden von großem Nutzen: Wenn unter Heldensöhnen der Hass entbrennt, dann schlichtet er ihn schnell und schließt den Frieden. Zum neunten weiß ich, wie ich mein Schiff in der Flut retten kann, wenn mir Not droht. Ich beruhige den wilden Sturm auf den Wellen und besänftige das ganze Meer.

Einen zehnten kenn ich: Wenn ich Zaunreiterinnen (Hexen) durch die Lüfte fliegen sehe, dann bewirke ich, dass sie (die Verirrten) dahin verschwinden, woher ihre Gestalt und ihr Geist kamen. Einen elften kenn ich: Wenn ich meine Getreuen in den Kampf führen soll, dann lasse ich den Spruch hinter meinem Schild erschallen. Mit Ruhm ziehen sie heil in den Kampf und kehren als Sieger heil daraus zurück. Einen zwölften kenn ich: Wenn ich die Leiche eines Gehängten am Baum baumeln sehe, dann graviere und färbe ich die Runen so, dass dieser Mann zu mir kommt und mit mir spricht. Einen dreizehnten kenn ich: Wenn ich einen jungen Mann mit Wasser weihe, dann wird er selbst im größten Kampfgetümmel nicht von Schwertern fallen. Zum vierzehnten weiß ich, die Götter vor der Volksversammlung aufzuzählen. Ich kenne alle Asen und Alben mit ihren Eigenschaften, was kein Unwissender vermag. Einen fünfzehnten kenn ich, den sang der Zwerg Thjodrörir („Steinhügel-Bewohner“) vor Dellings Tor („zum Tagesanbruch“): Kraft sang er den Asen, Nutzen den Alben und Weisheit dem Hroptatyr (dem „heiligen Gott“, ein Name Odins). Einen sechzehnten kenn ich: Wenn ich die ganze Liebe und Lust eines klugen Mädchens gewinnen will, dann wende ich die Sinne und Gefühle der weißarmigen Jungfrau mir zu. Einen siebzehnten kenn ich, sodass mich die junge Frau nur schwer wieder verlassen wird. Diese Sprüche wirst du, lieber Hörer, lange vermissen. Doch es ist gut für dich, wenn du sie kennst, nützlich, wenn du sie lernst, und hilfreich, wenn du sie annimmst. Einen achtzehnten kenn ich noch, den ich niemals einer Jungfrau oder Ehefrau verraten werde. Es ist viel besser, wenn ihn nur Eine kennt, die mich in ihre Arme schließt oder wie meine Schwester ist, denn er ist der Schluss meiner Sprüche.

Damit sind die Sprüche des Hohen in der Halle des Hohen gesagt, sehr nützlich den Menschenkindern, doch unnütz den Kindern der Riesen. Heil dem, der sie sprach! Heil dem, der sie kennt und nutzen lernt! Heil denen, die sie hörten!
(Hávamál, Verse 138-164, nach Arnulf Krause, Wilhelm Jordan und Edward Pettit)

Nachdem das ganzheitliche Ich das geistige Wesen der Formen und Gestaltungen dieser Welt erkannt und durchschaut hat, finden wir nun wesentliche Runensprüche, um darauf schöpferisch und gestalterisch einzuwirken. Denn das Ich hat nun seine Einheit mit dem Schöpfergott gefunden. Damit lässt sich alles heilen, und sogar der Tod verliert seine Macht. Interessant ist, dass es achtzehn Sprüche sind, obwohl zuvor nur von „neun der mächtigen Runensprüche“ gesprochen wurde, die das Ich von Mimir gelernt hatte. Vielleicht stammen die anderen neun Sprüche nicht von Mimir als begrifflichem Verstand, sondern wie eine Reflexion von ihm selbst als ganzheitliche Vernunft. So kann man in den Sprüchen auch gewisse Paare finden, die sich ergänzen, wie Spruch 1&2 als Hilfe und Heilung oder Spruch 3&4 als Bindung und Erlösung. Nach den beiden Sprüchen 16&17 zum Liebeszauber folgt der „Schluss aller Sprüche“, der ungenannt bleibt, aber mit dem Spruch 15 ein Paar bilden könnte. Über dieses letzte und höchste Runengeheimnis sollte man wohl selbst nachdenken. Es heißt: Man erfährt es nur, wenn die weltliche Liebe zur wahren Liebe wird und Mann und Frau als Geist und Natur wieder ein Ganzes werden, wie auch Ich und Gott. Damit ist wohl der Gipfel der Selbsterkenntnis im Selbstbewusstsein gemeint.

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
(Goethe, Schluss von Faust II)

Über die Wirkung des schöpferischen Wortes spricht auch der christliche Mystiker Meister Eckhart:
Sankt Paulus schreibt: »Sprich das Wort aus, sprich es herfür, bring es herfür und gebier das Wort« (2. Tim. 4.2). Es ist ein wunderlich Ding, dass etwas ausfließt und doch drinnen bleibt. Dass das Wort ausfließt und doch drinnen bleibt, das ist gar wunderlich. Dass alle Kreaturen ausfließen und doch drinnen bleiben, das ist gar wunderlich. Was Gott gegeben hat und was Gott zu geben gelobte, das ist gar wunderlich und ist unbegreiflich und unglaublich. Und dem ist recht so; denn wäre es begreiflich und glaubhaft, so stünde es nicht recht darum. Gott ist in allen Dingen. Je mehr er in den Dingen ist, umso mehr ist er außerhalb der Dinge; je mehr er drinnen ist, umso mehr ist er draußen. Ich habe schon manchmal gesagt, Gott erschafft diese ganze Welt voll und ganz in diesem Nun. Alles, was Gott je vor sechstausend und mehr Jahren erschuf, als er die Welt machte, das erschafft Gott jetzt allzumal. Gott ist in allen Dingen; aber soweit Gott göttlich und soweit Gott vernünftig ist, ist Gott nirgends so eigentlich wie in der Seele und in den Engeln, wenn du willst: Im Innersten der Seele und im Höchsten der Seele. Und wenn ich sage »das Innerste«, so meine ich das Höchste; und wenn ich sage »das Höchste«, so meine ich das Innerste der Seele. Im Innersten und im Höchsten der Seele: Ich meine sie (dort) beide als in Einem. Dort, wo niemals Zeit eindrang, niemals ein Bild hineinleuchtete: Im Innerstern und im Höchsten der Seele erschafft Gott die ganze Welt…
»Sprich es heraus!« Was von außen eingesprochen wird, das ist etwas Grobes; jenes Wort aber ist innen gesprochen. »Sprich es heraus!«, das heißt, dass du dessen innewerden sollst, was in dir ist… (Meister Eckhart, Predigt 43)

Odin als Walvater in Walhall

So wird nun Odin auch „Walvater“ genannt. Wal bedeutet „der im Kampf Gefallene“. Walvater wäre dann „der Vater der im Kampf Gefallenen“ und damit auch der „Vater aller Kämpfer“, denn wie wir noch lesen werden, geht es in Walhall nicht um Tote, sondern um Kämpfer, die sich im Kampf üben. Dies erinnert uns wieder an den Vater der Schöpfung. Denn es gibt wohl kein Geschöpf, das nicht irgendwie kämpft und irgendwann im Kampf fallen muss.

Zum Sterben geboren,
Zum Leben bestimmt.

Die Walstatt wäre dann „die Stätte der Kämpfer“, der Kampfplatz oder das Schlachtfeld. Und Walhall ist die „Halle der Kämpfer“. Im Edda-Text von „Gylfis Illusion“ wird Walhall wie folgt beschrieben:

38. Da fragte Gangleri (“der Wanderer“): „Du sagst, dass alle Männer, die seit Anfang der Welt im Kampf gefallen sind, nun zu Odin nach Walhall gekommen sind. Was hat er ihnen an Speise zu bieten? Ich meine, dort müsste doch eine große Menschenmenge sein.“ - Darauf antwortete der Hohe: „Richtig ist, was du sagst. Eine riesige Menge an Volk ist dort, und es werden noch viel mehr. Und doch wird es scheinen, als seien sie zu wenig, wenn der Wolf kommt.“

Zuallererst wird gesagt, dass „alle Männer, die seit Anfang der Welt im Kampf gefallen sind, zu Odin nach Walhall kommen“. Dagegen heißt es im Lied von Grímnir Vers 14:

In Folkwang („Volks-Feld“) ist die neunte Halle, und dort entscheidet Freya über die Sitze im Saal. Die Hälfte der Gefallenen wählt sie jeden Tag, die andere Hälfte gehört Odin.

Hier begegnet uns gleich zu Beginn eine zentrale Frage im Verständnis von Walhall: Wer kommt nach Walhall? Warum wird in vielen Übersetzungen nur von Männern gesprochen? Das altnordische Wort kann zwar auch einfach „Menschen“ bedeuten, aber das allgemeine Bild ist deutlich männlich-kriegerisch gefärbt. Man könnte nun symbolisch sagen, dass die andere Hälfte die Frauen sind, die in die Halle von Freya kommen. Das ist auch aus geistiger Sicht gar nicht so dumm, wenn man bei Männern und Frauen an Geist und Natur denkt, denn Freya gehört als Liebesgöttin zu den Wanen und damit auf die Seite der Natur-Götter.

Wenn man allerdings tiefer sucht, findet man im Text von Grímnismál noch viele andere Hallen von Götterwesen, wie Breidablik („Weit- und Breitglanz“) als die Halle von Balder, dem Gott des Lichtes, Himinblörg („Himmelsschloss“) als die Halle von Heimdall oder Noatun („Schiffsplatz“) als die Halle von Njörd. So könnte man aus geistiger Sicht bei diesen symbolischen Hallen auch an Bewusstseinsräume für die jeweiligen Götterwesen denken. Entsprechend erinnert uns auch der Begriff Halle an das „Hallen“ und Reflektieren des Bewusstseins in sich selbst, wie zwischen den Augen von Odin, sodass eine Art Raum wie eine Halle entsteht. Diese Bewusstseinsräume sind natürlich nicht getrennt, sondern können sich mehr oder weniger überschneiden und gegenseitig durchdringen. So könnte man sich auch alle Geschöpfe, die irgendwie kämpfen und irgendwann im Kampf fallen müssen, in Walhall vorstellen, wie sie auch gleichzeitig in anderen Hallen sein können, ja sogar im Totenreich von Hel. Es ist nur eine Frage, wie weit sich die Geschöpfe bewusst sind. So wandern sie scheinbar zwischen den Bewusstseinsräumen bzw. Ebenen und bauen sich auch selber im Leben ihre eigenen Hallen, wie wir es beispielsweise in der Beowulf-Sage ausführlich kennenlernt haben.

Symbolisch kann man natürlich an mannhafte Krieger denken. Und damit wurden sicherlich auch die nordischen Krieger motiviert, wenn sie in den Kampf zogen. So war für sie der Tod im Kampf nicht einfach ein Ende, sondern ein Weg zum Göttlichen im Großen und Ganzen.

Im Weiteren heißt es, dass Walhall niemals voll wird. Auch das erinnert mehr an eine geistige als an eine körperliche Halle, ein Raum, der sich nach Bewusstsein und nicht nach Kubikmetern füllt. Und doch können es nie so viele Kämpfer werden, dass sie der Wolf der Vergänglichkeit schließlich nicht alle verschlingen könnte. Denn was entsteht, muss auch wieder vergehen. Trotzdem wird den Kämpfern in Walhall die Nahrung niemals ausgehen. So stellt sich die Frage: Was hat Odin ihnen eigentlich als Speise zu bieten?

Doch niemals sind so viele Menschen in Walhall, dass das Fleisch des Ebers, der Sährimnir heißt, nicht für sie reichen sollte. Er wird jeden Tag gekocht und ist am Abend wieder unversehrt. Aber diese Frage, die du jetzt stellst, erscheint mir derart, dass nur wenige so klug sind, darüber Wahres sagen zu können. Andhrimnir heißt der Koch, Eldhrimnir der Kessel. So wird es hier gesagt (im Lied von Grímnir Vers 18):

Andhrímnir lässt in Eldhrimnir (den Eber) Sährimnir kochen, das beste Fleisch. Doch nur wenige wissen, was die Einherier essen.

Hier wird von einem mystischen Eber gesprochen. Das Eber-Symbol haben wir auch in der Beowulf-Sage mehrfach wiedergefunden. Es wurde zum Beispiel an den Kampfhelmen getragen und erinnert an ein Symbol für die Achtsamkeit im Kampf und damit auch an das Licht des Bewusstseins, das im Grunde alles hervorbringt. Ein ähnliches Symbol ist der Eber Gullinborsti, der „Eber mit den goldenen Borsten“, als Zugtier von Freyr, dem Gott des Frühlings und des Sommers, des Wohlstandes und der Fruchtbarkeit. Er kann sich auf der Erde, durch die Luft und über Wasser bewegen, und seine goldenen Borsten erleuchten ringsherum die Dunkelheit, wie das Wesen der Sonne mit ihren Strahlen.

In Walhall heißt der Eber Sä-Hrimnir. erinnert an altnordisch „sær“ für See oder Meer, und Hrimnir an „hrim“ für Frost oder Reif. In der Forschung wird Hrimnir meist im Sinn von „Ruß“ gedeutet, was an Verdunklung und Unbewusstheit erinnert. Bezüglich „Frost“ könnte man an die Verhärtung und Verkörperung im „Wasser des Lebens“ aus dem Schicksalsbrunnen denken. Das wäre dann auch die Nahrung für die kämpfenden Geschöpfe in Walhall, wenn sie entsprechend zubereitet wird. Für diese Zubereitung werden noch zwei weitere „Hrimnirs“ genannt: Der Kessel Eld-Hrimnir lässt sich von „eld“ für Feuer ableiten, so dass der Kessel die Verkörperung des Feuers wäre. Und der Koch And-Hrimnir lässt sich von „and“ für „anti / entgegen“ ableiten. Damit wäre das Kochen im Feuerkessel gegen den Frost der Verhärtung, wie auch die Götter im Allgemeinen gegen die Frostriesen kämpfen, damit das Leben nicht erstarrt. Dabei kämpfen sie natürlich auch gegen die Verdunklung des Bewusstseins, womit sich der symbolische Kreis zum Eber Gullinborsti als Lichtwesen schließt.

Über diese wundervolle Symbolik kann man lange nachdenken. So wäre der Eber eine Nahrung, die aus sich selbst heraus immer neu entsteht und niemals verbraucht werden kann, wie unsere moderne Wissenschaft den Energieerhaltungssatz kennt. So heißt es dann nicht zufällig: „Es ist das beste Fleisch, doch nur wenige wissen, was die Einherier dort essen.“

Damit wird hier auch der Name der Kämpfer in Walhall genannt: die Einherier (Einherjar). Die genaue Etymologie ist umstritten, doch man kann den Namen geistig so verstehen, dass sie „ein einziges Heer“ bilden, ein „Heer der Einheit“. Denn sie kämpfen nicht für rein persönliche, egoistische Ziele, sondern für das ganzheitliche Wesen der Götter. Nur mit einem solchen Bewusstsein, so könnte man sagen, gelangt man nach Walhall: Wer für das Ganze kämpft, wird vom Ganzen genährt.

Weiter fragte Gangleri: „Hat Odin dieselbe Speise wie die Einherier?“ - Der Hohe antwortete: „Die Speise, die auf seinem Tisch steht, gibt er seinen beiden Wölfen, welche Geri und Freki („Begierde und Gefräßigkeit“) heißen. Er selbst braucht keine Speise. Wein ist ihm sowohl Trank als auch Speise. So heißt es (im Lied von Grímnir Vers 19):

Geri und Freki füttert der kampfgewohnte herrliche Heervater,
Aber der kampfberühmte Odin lebt immer nur von Wein.

Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen und hören. Sie heißen Hugin und Munin („Gedanke und Gedächtnis“). Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zum Tagesmahl (der Einherier zwischen Morgen und Mittag) kehren sie zurück. Von ihnen erfährt er viele Neuigkeiten. Darum nennt man ihn den Rabengott. Davon wird gesagt (im Vers 20):

Hugin und Munin überfliegen jeden Tag die gewaltige Erde. Ich sorge mich um Hugin („Gedanke“), dass er nicht zurückkommt. Doch fürchte ich noch mehr um Munin („Gedächtnis“).

Diese Beschreibung haben wir bereits oben unter dem Titel „Odins Thron“ behandelt. Hier wird gesagt, dass Odin nur von Wein lebt. In diesem Wein kann man die reine Illusion als Schöpferkraft sehen, und mehr braucht der Schöpfer im Grunde nicht, der sich bewusst ist, dass die gesamte Schöpfung nur aus seinem eigenen Auge bzw. Bewusstsein geschöpft wird. Die beiden Wölfe haben wir als Symbol der hungrigen Vergänglichkeit kennengelernt, und die beiden Raben als das Wesen von Mimir, der als Verstand die Schöpfung schöpft und hervorbringt.

39. Da fragte Gangleri: „Was haben die Einherier zu trinken, das ihnen genauso reichlich ist wie die Speise? Oder wird dort Wasser getrunken?“ - Der Hohe sprach: „Das ist eine wunderliche Frage. Glaubst du etwa, dass der Allvater Könige, Jarle („Fürsten“) und andere mächtige Männer zu sich einlädt und ihnen Wasser zu trinken gibt? Ich weiß, dass mancher nach Walhall kommt, dem es teuer erkauft schiene, Wasser zu trinken, wenn er dort nicht von einem besseren Willkommen wüsste, wo er doch vorher Wunden erlitten und Todeshiebe empfangen hat. Anderes kann ich dir davon berichten: Die Ziege namens Heidrun steht oben auf Walhall und frisst Blätter von den Zweigen des berühmten Baumes, der auch Læradr heißt. Aus ihrem Euter fließt der Met, den sie jeden Tag in ein großes Gefäß füllt. Das ist so viel, dass alle Einherier davon genug zu trinken haben.“ - Dazu meinte Gangleri: „Diese Ziege ist ihnen überaus nützlich. Ein außerordentlich guter Baum muss es sein, von dem sie frisst.“ - Darauf sprach der Hohe: „Noch bedeutungsvoller ist der Hirsch Eikthyrnir, der auch auf Walhall steht und von den Zweigen des Baumes frisst. Von seinem Geweih tropft so viel, dass es nach Hvergelmir hinunterfließt. Und dort entströmen die Flüsse namens: Síð, Víð, Sækin, Eikin, Svöl, Gunnthrá, Fjörm, Fimbulthul, Gípul, Göpul, Gömul und Geirvimul. Sie strömen durch das Reich der Asen. Und auch diese werden noch genannt: Thyn, Vín, Thöll, Höll, Gráð, Gunnthráin, Nyt, Nöt, Nönn, Hrönn, Vina, Vegsvinn, Thjóðnuma.“

Hier finden wir den oft erwähnten Met wieder. Gleich zu Beginn wird seine hohe Bedeutung hervorgehoben, und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen, Wunden zu erleiden und sogar durch den Tod zu gehen. Als erstes haben wir in unserer Betrachtung zu Odin den Met gefunden, den Mimir jeden Morgen aus Walvaters Pfand bzw. Odins Auge schöpft und trinkt. Danach wurde vom Dichter-Met gesprochen, den die Zwerge aus dem Blut des Weisen Kvasir bereiteten, indem sie sein Blut mit süßem Honig vermischten und als Inspiration zur Weisheit in die Welt brachten. Nun begegnet uns hier das Symbol der Ziege Heidrun auf dem Dach von Walhall als unerschöpfliche Quelle für den Met der Einherier. Der Name Heidrun bedeutet die „Heid-Rune“. Heiðr kann mit „hell, klar und strahlend“, „Ehre, Adel und Gabe“ oder auch „Heideland“ übersetzte werden. Aus geistiger Sicht könnten wir an die „Licht-Rune“ als „Geheimnis des Lichtes“ denken, sozusagen das edle Licht des Bewusstseins, das den Einheriern als Heide oder Weideland dient. Im weitesten Sinne könnten wir auch an eine „Heit-Rune“ denken, das unbegreifliche „Geheimnis der Ganz-Heit“. So wird dann auch der süße Met gern als Göttertrank der Ganzheit bezeichnet, den man sozusagen aus der ganzen Schöpfung melken und trinken kann. Dieses göttliche bzw. ganzheitliche Bewusstsein ernährt sich von der geheimen Runen-Bedeutung der Geschöpfe, wie eine Ziege von den Blättern des Weltenbaums. Dieser Baum wird hier Læradr genannt, dessen Bedeutung unter Gelehrten umstritten ist. Häufig verweisen sie auf „læ“ für „Schaden und Betrug“. Wir würden mehr an das altnordische „læra“ denken, das sich mit „lernen und lehren“ übersetzen lässt. Damit wird Læradr zum Baum des Lernens, und das wäre doch ein schöner Sinn für die Schöpfung und eine gute Quelle für den Met der Einherier.

Dann heißt es: „Noch bedeutungsvoller ist der Hirsch Eikthyrnir.“ Der Name Eikthyrnir bedeutet „Eichen-Dorniger“, was sich vermutlich auf sein mächtiges Horn-Geweih bezieht, das dann mit den dornigen Verzweigungen auch ein Symbol des weltlichen Kampfes der Gegensätze ist. Dazu erinnert die Eiche an Standfestigkeit und Ausdauer in diesem Kampf. Auch er ernährt sich natürlich von den Blättern des Welten- und Lebensbaumes, und von seinen dornigen Verzweigungen tropft sozusagen der „Kampfgeist“ in das Wasser des Lebens zum Urbrunnen hinab, der dann zur Quelle der Schöpfung wird. Diese Quelle wird hier Hvergelmir genannt, eine „sprudelnde, siedende Quelle“, aus der die Flüsse der Welt und des Lebens entspringen, also alles, was fließt, sich verändert, bewegt und verwandelt. Die vielfältigen Flussnamen lassen sich nur andeutungsweise übersetzen und bringen die Vielfalt natürlicher Eigenschaften im Kampfspiel der Gegensätze zum Ausdruck, wie Langsam, Breit, Wild, Eilig, Wütend, Kalt, Kämpferisch, Brausend, Alternd, Anschwellend, Versiegend, Wellenreich, Reißend und so weiter. Im Prinzip könnte man hier auch an die Vielfalt der Walküren denken, die wir später noch näher betrachten.

In dieser Hinsicht könnte man die Ziege als Met-Quelle der geistigen Einheit betrachten und den Hirsch als Fluss-Quelle der natürlichen Vielfalt. Wie man auch im Zen-Buddhismus sagt: „Die Einheit ist die größte Weisheit, und die Vielfalt das größte Mitgefühl.“ Was sicherlich auch zwei wichtige Tugenden der Einherier sind.

40. Dazu meinte Gangleri: „Wundersame Neuigkeiten sind es, die du mir jetzt erzählst. Walhall muss ein sehr großes Gebäude sein, und großes Gedränge muss oft vor seinen Toren herrschen.“ - Der Hohe antwortete: „Warum fragst du nicht danach, wie viele Türen in der Halle sind und welche Größe sie haben? Wenn du es hörst, wirst du sagen, es sei erstaunlich, wenn nicht jeder hinaus- und hineingehen könne, wie er wolle. Und es ist auch wahr, dass es nicht schwerer ist, darin Platz zu finden, als hineinzukommen. Hier kannst du es im Lied von Grímnir hören (Vers 23):

Fünfhundert Tore und vierzig sind - wie ich meine - in Walhall. Achthundert Einherier gehen zugleich durch jedes Tor, wenn sie ausziehen, um gegen den Wolf zu kämpfen.

Hier wird noch einmal die Grenzenlosigkeit von Walhall angesprochen, und vor allem, dass „jeder hinaus- und hineingehen könne, wie er wolle“. Es ist also eine Frage des Willens, in diese Halle zu kommen und sie auch zu verlassen, was uns wieder an die „Bewusstseinsräume“ erinnert. Wie kann man sich das vorstellen? Dazu wird gesagt, dass man sich Walhall mit 540 Toren vorstellen kann. Ein erstes Bild wäre eine kreisrunde Halle mit 540 Öffnungen nach allen Seiten. Über diese Zahl wurde schon viel nachgedacht, doch es gibt nur Vermutungen, was sie bedeuten könnte. Wären es 360, also 400 minus 40, würden wir sogleich an den Jahreskreis denken, in dem jeder Tag ein Tor ist, um das Bewusstsein in Odins Halle zu erheben und als Einherier für die geistige Einheit zu kämpfen, oder es in diese irdische Welt sinken zu lassen, um als Geschöpf für die natürliche Vielfalt zu kämpfen. Dazu finden wir interessanterweise im Lied von Grímnir den Vers 24, gleich neben dem obigen:

Fünfhundert Räume und vierzig, so denk ich mir Bilskirnir (den Palast von Thor) im Ganzen. Von den Häusern, die ich überdacht weiß, kenn ich das meines Sohnes als das größte.

Hier wird statt „Tore“ von „Räumen“ gesprochen, und wir könnten uns vorstellen, wie die 540 Tore aus Walhall in die 540 Räume von Bilskirnir führen, dem irdischen Reich von Thor als Odins Sohn. Der Name Bilskirnir lässt sich mit „Blitzschlag“ übersetzen und erinnert an einen göttlichen Lichtstrahl, der auf die Erde herabkommt und dort „einschlägt“. Dann wäre Walhall der äußere und grenzenlose Raum eines Kreises, und Bilskirnir der innere und begrenzte Raum, sozusagen als irdische und überirdische Welt.

Doch warum 540 anstatt 360 Tore? Unser irdischer Jahreszyklus besteht im Prinzip aus 12 Monaten mit 30 Tagen, und 12x30 sind 360 Tage. Die 540 Tage wären 18x30, also ein halber Jahreskreis zusätzlich (12+6=18). Dieser Halbkreis kann uns an eine Halbkugel erinnern, wie man sich früher auch die irdische Welt als eine Halbkugel vorstellte:


Flammarions Holzstich, Wanderer am Weltenrand, Paris 1888, Quelle Wikipedia

Dieses Bild zeigt auch schön, wie der Mensch mit dem Kopf geistig in Walhall bei den Einheriern sein kann und mit dem Körper als Geschöpf in der irdischen Welt, wo auch der Baum des Lebens angedeutet ist.

So kann uns der Halbkreis auch an die Halle von Freya erinnern, zu der es oben heißt:

In Folkwang („Volks-Feld“) ist die neunte Halle, und dort entscheidet Freya über die Sitze im Saal. Die Hälfte der Gefallenen wählt sie jeden Tag, die andere Hälfte gehört Odin.

Hier wird interessanterweise von Sitzen statt von Toren oder Räumen gesprochen, was uns an den Besitz und das Eigentum in der irdischen Welt erinnert. So könnte man sich in grober und vereinfachter Form folgendes Schema der Bewusstseinsräume vorstellen, in dem man sieht, wie die Räume ineinander fließen, bestehen und enthalten sind:

Man sollte sich natürlich immer bewusst sein, dass solche Unterscheidungen von unserem begrifflichen Verstand hervorgebracht werden und seine Schöpfungen sind. In dieser Hinsicht kann man auch über das Verhältnis von Odin und Thor als Vater und Sohn nachdenken: Der Vater als Schöpfer und der Sohn als Geschöpf, die als Gott und Ich wieder eins werden sollten. Wie auch Christus sagte: „Ich und der Vater sind eins.“ Damit vereinen sich auch Einheit und Vielfalt, denn vor allem Thor kämpft unter der Herrschaft von Odin gegen die Frostriesen und die Erstarrung der Natur, um die Vielfalt des Lebens zu bewahren. Und auf diese Weise vereinen sich auch die Bewusstseinsräume von Walhall und Bilskirnir durch die offenen Tore zu einem Großen und Ganzen im Sinne der Vollkommenheit.

Wenn wir noch weiter über das Spiel der Zahlen nachdenken wollen, können wir in der Zahl 540 auch die Quersumme 9 wiederfinden, weshalb sie dann auch durch 9 teilbar ist. Über die Neun als Kreis- und Zyklus-Zahl der Erneuerung haben wir oben bereits nachgedacht. Dazu gibt es das wundervolle Symbol des goldenen Rings Draupnir („Tröpfler“), zu dem es in „Skirnirs Fahrt“ heißt (Vers 21):

Den Ring geb ich dir, der im Feuer mit Odins jungem Sohn (Balder) brannte:
Acht gleichschwere sind es, die jede neunte Nacht von ihm abtropfen.

Dieser goldene Ring wurde der Sage nach von den Zwergen als Naturgeister zusammen mit dem goldenen Eber Freyrs und dem Hammer Thors geschaffen. Hier finden wir auch die Zahl Acht der 800 Einherier wieder, die in der „Nacht der Erneuerung“ gleichzeitig durch jedes Tor von Walhall gehen, um gegen den Wolf zu kämpfen. So entsteht die gewaltige Zahl von 540x800=432.000 Kämpfern, die als „Heer der Einheit“ gleichzeitig in den Kampf ziehen, und zwar in den großen Kampf am Ende des Schöpfungszyklus. Dieser Endkampf wird in der Edda Ragnarök genannt. Diesen Namen kann man als „Schicksal der Götter“ oder „Sinn des Ursprungs der Götter“ deuten. Dann können sich die Wölfe und vor allem der Fenriswolf von ihrer Zügelung befreien und alles Vergängliche verschlingen. Doch darüber werden wir später noch ausführlicher sprechen. Eine Andeutung dazu finden wir bereits im Lied von Grímnir (Vers 10):

Leicht zu erkennen ist dem, der zu Odin kommt, das Anwesen, sobald er es sieht:
Ein Wolf hängt vor dem westlichen Tor, und über ihm schwebt ein Adler.

So wartet der hungrige Wolf der Vergänglichkeit am westlichen Tor, wo die Sonne untergeht, und „vor dem Tor“ bedeutet dann: In der irdischen Welt, wo die Vergänglichkeit gezügelt ist, damit in Raum und Zeit überhaupt etwas entstehen kann. Der Adler, der über dem Wolf schwebt, erinnert uns an den Adler Odins, den wir als Symbol oben in der Geschichte von Kvasir und Suttung kennengelernt haben. Dort steht er dafür, dass sich das ichhafte Bewusstsein aus der irdischen Vergänglichkeit erheben und vielleicht sogar die Unvergänglichkeit in der Gottheit erreichen kann. In dieser Hinsicht könnte man hier eine gewisse Spannung zwischen Adler und Wolf sehen, wie zwei Wege, die das Bewusstsein gehen kann, und zwischen denen sich der große Kampf entscheidet.

Dann heißt es noch im Lied von Grímnir (Vers 9):

Leicht zu erkennen ist dem, der zu Odin kommt, das Anwesen, sobald er es sieht: Das Dach ist mit Speeren gefügt, die Halle ist mit Schilden gedeckt, und die Bänke sind mit Brünnen bestreut (bzw. mit gerüsteten Kämpfern belebt).

Die Speere, die das Dach zusammenfügen, erinnern uns an den Speer Odins, den wir oben als Symbol der wirkenden Wellen auf dem Meer der Ursachen kennengelernt haben. So kann man auch hier die Speere als Naturgesetze von Ursache und Wirkung erkennen, die im Bewusstseinsraum der Schöpfung alles gestalten und formen. Die Schilde, die das Dach bilden, erinnern uns an die Grenzen dieser Halle und damit auch die Grenzen des Bewusstseinsraums. So versuchen sich auch die Kämpfer mit ihrem Schild zu beschützen und ihren Lebensraum gegen äußere Angriffe zu verteidigen. Den Schild als Symbol der Sicherheit und des Schutzes haben wir auch in vielfältiger Form in der Beowulf-Sage gefunden. Aus geistiger Sicht konnten wir darin ein Schutzschild des Bewusstseins sehen, vor allem die Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit des Kämpfers. Somit begrenzt der Schild auch die Weite des Bewusstseins für den Kämpfer.

Wenn wir nun die Erde in unserer heutigen Kugelform betrachten, dann könnte man sich folgendes symbolisches Bild von Walhall als „überirdische Welt“ vorstellen, sodass man sogar das ganze Universum als Walhall bzw. „Halle der Kämpfer“ betrachten kann:

Schwer darzustellen sind die Relationen. Wir wissen ja heute aus der Astronomie, wie groß und grenzenlos das Universum gegenüber unserer winzig kleinen Erde ist, und sogar gegenüber unserem ganzen Planeten- und Sonnensystem. Und im Hintergrund dieser universalen Kampfhalle könnte man den lichtvollen Urknall als Schöpfer sehen.

41. Gangleri sprach: „Eine ungeheuer große Menge ist in Walhall. Wahrhaftig ist Odin ein überaus mächtiger Herrscher, wenn er solch einem großen Heer befiehlt. Aber welchen Zeitvertreib haben die Einherier, wenn sie nicht trinken?“ - Der Hohe antwortete: „Jeden Tag, wenn sie sich angekleidet haben, legen sie ihre Rüstung an und gehen hinaus in den Hof. Sie kämpfen und fällen sich gegenseitig. Das ist ihr Zeitvertreib (bzw. Kampfspiel). Und wenn das Tagesmahl (zwischen Morgen und Mittag) naht, reiten sie heim nach Walhall, wo sie sich zum Trank niedersetzen. So wie es hier heißt (im Lied von Wafthrudnir, Vers 41):

Alle Einherier schlagen (fällen) sich Tag für Tag in Odins Hof. Sie wählen die Gefallenen und reiten vom Kampf heim. Dann sitzen sie umso versöhnter zusammen.

Über diesen Text kann man wieder viel nachdenken: Zuerst begegnen uns hier die Tage wieder, die wir als Sinnbild für die Tore von Walhall verstehen können. So könnten wir uns vorstellen, dass die Einherier durch diese Tages-Tore durch Zeit und Raum in „Odins Hof“ gehen, in den Garten der Schöpfung, und sogar nach Midgard in unsere irdische Welt kommen. Dazu legen sie ihre Kleider und Rüstungen an, was an einen Prozess der Verkörperung erinnert: Die Kleidung als äußerlicher Körper, und die Rüstung als begrifflicher Verstand, so dass sie greifbare Geschöpfe werden, die in der irdischen Welt der Gegensätze gegeneinander kämpfen können. Denn warum sollten sie im göttlichen Reich kämpfen? Wenn man das göttliche Reich als ein ganzheitliches Reich betrachtet, kann es dort eigentlich gar keinen Kampf gegeneinander geben.

Dann „schlagen und fällen sich die Einherier“ im Kampf. Das heißt, sie fallen alle, und es gibt keine Sieger. Das ist genial, denn damit gibt es auch keine Verlierer, und eben das ist ihr großer Gewinn. Das „Fallen“ macht sie alle zu „Gefallenen“, und wir können dabei an das Fallen des Bewusstseins in das Unbewusste denken, was wir gewöhnlich auch Sterben und Tod nennen. Ähnlich sagen wir auch „in den Schlaf fallen“, womit auch eine niedere Bewusstseinsebene gemeint ist. Und im Prinzip ist bereits die Vorstellung, Walhall zu verlassen, ein Fallen des Bewusstseins bezüglich der Bewusstseinsräume. So muss im Grunde auch jeder Kämpfer ein Gefallener sein, weil er gegen etwas kämpft und damit aus der vollkommenen Ganzheit in eine Welt der Gegensätze fällt.

Dann heißt es: „Sie wählen die Gefallenen und reiten vom Kampf heim.“ Was bedeutet das? Wie sie sich gegenseitig gefällt haben, so wählen sie sich auch gegenseitig als Einherier für Walhall. Wie kann man das verstehen? Das können wir eigentlich nur für Einherier verstehen, die im „Heer der Einheit“ kämpfen, und nicht für eigenwillige Ego-Wesen, die für sich selber kämpfen. Und zwischen ihnen steht die entscheidende Frage: Wovon ernährt sich das jeweilige Bewusstsein? So heißt es oben: „Und wenn das Tagesmahl (zwischen Morgen und Mittag) naht, reiten sie heim nach Walhall, wo sie sich zum Trank niedersetzen.“ Denn hier wird der gekochte Eber „Säh-Hrimnir“ gegessen und der gemolkene Met der Ziege Heidrun getrunken. Davon ernähren sich die Einherier, obwohl „nur wenige wissen, was die Einherier essen“. Und das bedeutet wohl, dass sie einerseits von geistiger Nahrung leben, die sich nicht materiell verhärtet, und anderseits vom Göttertrank der Einheit, so dass sie nicht in die Trennung fallen. Damit bleibt das Bewusstsein beweglich und lebendig, wird nicht von Frostriesen überwältigt, sondern kann sich im Großen und Ganzen immer wieder erheben.

Warum aber wird von einem morgendlichen Tagesmahl in Walhall gesprochen? Hier sollte man die Sichtrichtung beachten: Aus Sicht der Einherier in Walhall führt das „Tages-Tor“ in die dunkle Nacht eines dunkler werdenden Bewusstseins, weil es sich materiell verkörpert. Sie kleiden sich sozusagen abends an und kehren morgens zurück. Dann wird auch der Eber geistig gekocht, der sich „am Abend“ wieder neu verkörpert.

Aus irdischer Sicht kehrt sich das Bild um: Von uns aus führt dieses Tor in den hellen Tag eines heller werdenden Bewusstseins, weil es sich ganzheitlich bzw. göttlich vergeistigt. In dieser Hinsicht werden die Einherier morgens im Licht der irdischen Welt geboren und fallen wie alle Geschöpfe am Abend ihres irdischen Tages, aber nicht in die Dunkelheit der Hölle bzw. Höhle eines abgetrennten Wesens, sondern in der Ganzheit zurück ins göttliche Licht. Damit fallen sie sozusagen von einem Auge Odins ins andere. Wohin sonst sollten sie fallen? Aus dieser Sicht erscheint ihr Morgenmahl in Walhall wie ein Abendmahl in unserer irdischen Welt, das zugleich an die christliche Symbolik des Abendmahls am Ende des irdischen Tages erinnert. Ähnlich sagt dann auch Christus: »Niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel herniedergekommen ist.« (Joh. 3.13)

Dieses Fallen bzw. Sterben ins göttliche Licht ist übrigens auch eine Erfahrung, von der viele Nahtoderlebnisse berichten. Auch Goethe hat es wunderschön verdichtet:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
(Goethe, „Selige Sehnsucht“, 1814)

Damit klingt natürlich das große Thema „Wiedergeburt“ an. Das zyklische Denken von Entstehen und Vergehen wird ja in vielen nordischen Mythen angesprochen und oft durch die Zahl Neun der zyklischen Erneuerung symbolisiert. Speziell zur Wiedergeburt lesen wir in der Schlussprosa zum Edda Text „Das Zweite Lied von Helgi, dem Hundingstöter“:

Es war der Glaube in der alten Zeit, dass man wiedergeboren würde, aber das wird jetzt Aberglaube alter Weiber genannt. Von Helgi und Sigrun erzählt man, dass sie wiedergeboren wurden. Er hieß dann Helgi Haddingeheld und sie Kara, Halfdans Tochter, so wie es im Lied der Kara erzählt wird, und sie war Walküre. (nach Arnulf Krause)

Solche Vorstellungen finden sich in vielen alten Kulturen. Doch man sollte behutsam damit umgehen, denn die entscheidende Frage ist: „Wer oder was wird wiedergeboren.“ Allzu gern greift unser gewöhnliches Ego nach dieser Idee, um sich damit zu verstärken und sogar unsterblich zu wähnen. Vielleicht wurde gerade deshalb im christlichen Raum diese Vorstellung der zyklischen Wiedergeburt etwas zurückgedrängt, zugunsten der einmaligen irdischen Lebensspanne und der ewigen Auferstehung. Denn ein starkes Ego führt natürlich immer mehr in die Trennung, in die Identifikation mit dem eigenen Körper und damit in die Dunkelheit der Hölle, wie in eine dunkle Höhle.

Man kann diese Vorstellung von Wiedergeburt aber auch nutzen, um sich selbst im Großen und Ganzen wiederzufinden. Dann wird die Wiedergeburt zu einem Prinzip des Lernens in der Schöpfung: Alle ungelösten Probleme und Konflikte werden immer wieder aus dem Meer der Ursachen geschöpft, geboren und verkörpert, damit sie erkannt und gelöst werden können.

Dieses große Ziel spricht dann auch die letzte Zeile des Verses an: „Dann sitzen sie umso versöhnter zusammen.“ Es geht also darum, die Gegensätze abzubauen, die durch das trennende Ego entstanden sind, und im ganzheitlichen Bewusstsein den großen Frieden wiederzufinden, sodass auch Gott und Ich als Vater und Sohn wieder eins werden. Dann endet der Kampf, wenn der Kämpfer verschwindet: Nicht, weil irgendetwas unterdrückt wird, sondern weil es in der Ganzheit und Gottheit keine Trennung mehr gibt.

Wichtig ist, zu erkennen: Die Einherier üben nicht außerhalb der Schöpfung, sondern innerhalb der Schöpfung. Walhall ist kein abgetrennter Übungsraum über den Welten, sondern ein Bewusstseinsraum im Allbewusstsein Odins und damit im Herzen der Schöpfung selbst. Alles, was dort gedacht, gefühlt und gelernt wird, fließt in die ganze Schöpfung ein. Und was lernen und üben die Einherier? Mut und Ausdauer, Gottvertrauen und Angstlosigkeit vor allem vor dem Sterben und Verlieren im Kampf, ein bewusstes Leben und ein bewusstes Sterben, wie es auch manche Nahtoderfahrungen berichten. Also ein göttliches Bewusstsein, das wir auch als „ganzheitliche Vernunft“ bezeichnen und als höchste Begabung der Menschen betrachten. Denn nur in der Ganzheit kann nichts mehr verlorengehen, und diese erkennt man, wenn man sich als reines Bewusstsein selbst in allem erkennt. Entsprechend ziehen die Einherier auch furchtlos in den letzten großen Kampf von Ragnarök, denn sie wissen, dass selbst dort nichts Wahres verlorengeht, weil die Wahrheit bleibt.

Walküren

Nun wollen wir den Kreis der Beschreibung von Walhall schließen und betrachten den folgenden Abschnitt aus „Gylfis Illusion“:

36. Es gibt noch andere, die in Walhall dienen sollen, die den Trank bringen und für das Geschirr und die Bierkrüge sorgen. So werden sie im Lied von Grimnir bezeichnet (Vers 36):

Hrist („Schütteln/Rütteln“) und Mist („Wolke/Nebel“) sollen mir (Odin) das Horn reichen;
Skeggjöld („Axt-Zeitalter“) und Skögul („Erschüttern“), Hild („Kampf“) und Thrud („Kraft“),
Hlökk („Lärm“) und Herfjötur („Heer-Fessel“), Göll („Tumult“) und Geirahöd („Speerkampf“),
Randgrid („Schild-Schutz“) und Radgrid („Rat-Schutz“) und Reginleif („Götter-Erbe“) -
Sie bringen den Einheriern Bier.

Sie heißen Walküren, und Odin sendet sie in jede Schlacht. Dort wählen sie die Männer für den Tod aus und bestimmen den Sieg. Gud („Kampfhandlung“), Rota („Ansturm/Verwüstung“) und die jüngste Norne, die Skuld („Schuld/Karma“) heißt, reiten auch aus, um die Schlachttoten zu erwählen und die Kämpfe zu entscheiden. Jörd (vermutlich „die fruchtbar-sommerliche Erde“), die Mutter Thors (der gegen die Frostriesen kämpft), und Rinda (vermutlich „die frostig-winterliche Erde“ oder auch „Beschützerin“), die Mutter Walis (der gegen die Verdunklung kämpft und den Tod Balders rächt), werden [ebenso?] zu den Asinnen gezählt (als Odins Ehefrauen zu den Göttinnen).
(Gylfaginning, Übersetzung nach Arnulf Krause und anderen unten aufgeführten Quellen)

Bisher hieß es, dass die Gefallenen selbst die Wahl haben, nach ihrem Willen als Einherier gewählt zu werden und nach Walhall einzugehen. Denn das ist ihre Willensfreiheit: Ob sie im „Heer der Einheit“ dem göttlichen Willen dienen oder als getrennte Wesen ihrem egoistischen Eigenwillen folgen. Ja, diese Freiheit hat im Grunde jeder Mensch und im Prinzip auch jedes Geschöpf.

Nun wird jedoch von Walküren gesprochen, deren Name „Wählerin der Gefallenen“ bedeutet. Das heißt, es gibt auch weibliche bzw. natürliche Wesen, die über die Freiheit der Männer bzw. des Geistes bestimmen. So finden wir hier das Thema „Geist und Natur“ wieder: Die Freiheit des Geistes und die Naturgesetze von Ursache und Wirkung, die „Odin in jede Schlacht sendet“, sozusagen als göttlicher Wille oder Wille des Schöpfers in der Schöpfung. In dieser Hinsicht können wir die Walküren als Personifikationen der Natur betrachten, sozusagen als „natürliche Bedingungen und Umstände“, unter denen wir kämpfen und unter denen sich zeigt, wie und wofür wir kämpfen. So dient die Natur in Walhall und sorgt sich um die körperlichen Gefäße für das „Essen und Trinken“ des Geistes in Form unserer Körper. Und im weltlichen Kampf sorgt sie für die natürlichen Umstände in der Kampfhalle, wie für das Waffenzeitalter, das Wetter, Feinde, Kräfte, Schutz, Schicksal, Zufall, Krankheiten und alle anderen natürlichen Bedingungen, wie man die Namen der Walküren deuten kann. Diesbezüglich sind sie eng mit den Wanen verwandt, die aber mehr als ganzheitliche Götter und Göttinnen der Natur betrachtet werden, während die Walküren mehr die Vielfalt der Natur zum Ausdruck bringen, sodass in der Edda mindesten 52 Walküren genannt werden. Zu dieser Unterscheidung steht vermutlich auch der letzte Satz im obigen Abschnitt über Jörd und Rinda, der im Urtext leider nicht klar formuliert ist. Arnulf Krause hat hier wie manch andere Übersetzer ein „ebenso“ eingefügt, sodass man denken könnte, die Walküren gehören ebenso zu den Asinnen. Doch praktisch werden sie nicht als Ehefrauen von Odin bezeichnet, wie Jörd und Rinda, sondern als seine Dienerinnen. Daher sollte der Satz wohl besser heißen: „Im Gegensatz dazu werden Jörd, Thors Mutter, und Rinda, Valis Mutter, zu den Asinnen gezählt.“

So dienen die Walküren Odin mit dem „Wein der Illusions- und Schöpferkraft“: Als Schöpferkraft zum „Wachrütteln“ (Hrist), und als Illusionskraft für die äußerlichen Gestaltungen der Schöpfung, die wie Nebelwolken (Mist) aus dem Schicksalsbrunnen erscheinen. Diesen Nebel finden wird auch als „Nibel“ in den Geschichten der Nibelungen wieder, sowie als „Nifel“ in Nifelheim. Und an die Illusionskraft erinnert das Bier als „Rauschgetränk“, das die Walküren den Einheriern sowie allen anderen Kämpfern ausschenken.

Die vielen Namen der Walküren lassen sich nur andeutungsweise übersetzen. Wir haben die üblichen Übersetzungen oben im Text eingefügt. Die Walküren sind als Wesen der natürlichen Umstände und Bedingungen auch eng mit den Schicksalsnornen verbunden, insbesondere mit Skuld, die als „Schuld“ an das indische Konzept von Karma erinnert, ähnlich wie Verdienst und Sünde aus christlicher Sicht. In dieser Hinsicht sorgen die Walküren für das Sterben und Fallen des Bewusstseins bzw. des Geistes in der Natur und können die Illusion von Gewinn und Verlust gewähren, wie auch den großen Sieg, wenn sich das Bewusstsein wieder zum Göttlichen erheben kann. Denn diese Freiheit hat der Geist immer, je nachdem, in welche Richtung er seinen Willen richtet: Entweder auf die Illusion der Trennung als Einzelkämpfer oder auf die Ganzheit als Einherier im Heer der Einheit. Vielleicht könnte man auch sagen: Im Ursprung ist der Geist frei, aber in der Wirkung gebunden, als Quelle frei und als Fluss gebunden.

Um das Wesen der Walküren noch etwas näher kennenzulernen, möchten wir uns nun das „Sigrdrifa-Lied“ über die Walküre Sigrdrifa als „Sieg-Treiberin“ anschauen:

Sigurd („Sieg-Beschützer“) ritt hinaus nach Hindarfjall („Berg der Hirschkühe“) und wandte sich südwärts zum Frankenland. Auf dem Berg sah er ein großes Licht, als würde ein Feuer brennen, von dem es zum Himmel emporleuchtete. Aber wie er hindurchkam, stand da eine Schildburg und daraus ragte ein Banner empor. Sigurd ging in die Schildburg und sah, dass dort ein Mann lag und in voller Rüstung schlief. Er zog ihm zuerst den Helm vom Kopf: Da sah er, dass es eine Frau war. Doch die Brünne war fest, als wäre sie ans Fleisch gewachsen. Da durchschnitt er mit seinem Schwert Gram („Grimm“) die Brünne, vom Kopf abwärts, und danach auch an beiden Armen. Dann nahm er ihr die Brünne (den Brustpanzer) ab. Sie aber erwachte, setzte sich auf, sah Sigurd an und sprach:

1. „Was zerschnitt mir die Brünne? Warum zerbrach mein Schlaf? Wer befreite mich von den düsteren Fesseln?“

Sigurd antwortete: „Sigmunds Sohn! Soeben zerschnitt dir Sigurds Schwert das Leichenfleisch des Raben.“

2. Sigrdrifa sprach: „Lang schlief ich, lang weilte ich im Schlaf, lang ist das Leiden der Menschen. Odin bewirkte es, dass ich die Schlafrunen nicht zerbrechen konnte.“

Sigurd setzte sich nieder und fragte nach ihrem Namen. Da nahm sie ein Horn, gefüllt mit Met, und gab ihm einen Erinnerungstrank (Simrock: Minnetrank).

3. Sigrdrifa sprach: „Heil dem Tag! Heil den Söhnen des Tages! Heil der Nacht und ihren Verwandten! Seht mit zornlosen Augen hierher auf uns, und gebt uns Sitzenden Sieg!

4. Heil den Asen, Heil den Asinnen! Heil der vielfach nützlichen Erde! Gebt uns beiden Ruhmreichen Redekunst und Weisheit, und heilende Hände, solange wir leben!“

Sie nannte sich Sigrdrifa („Sieg-Treiberin“) und war eine Walküre. Sie erzählte, dass zwei Könige gegeneinander gekämpft hatten. Der eine hieß Hjalmgunnar („Helm-Kämpfer“), er war alt und der stärkste Kriegsmann, und Odin hatte ihm den Sieg versprochen. Der andere hieß Agnar („Schwert-Kämpfer“), Audas Bruder (vermutlich von „Reichtum/Besitz“), den kein Wesen in Schutz nehmen wollte. Sigrdrifa fällte Hjalmgunnar in der Schlacht. Aber Odin stach sie aus Rache dafür mit einem Schlafdorn und sagte, von nun an solle sie niemals mehr in der Schlacht einen Sieg erringen, sondern sich vermählen. „Doch ich sagte ihm, dass ich dagegen ein Gelübde ablege, mich mit keinem Mann zu vermählen, der sich fürchten könne.“

Hier wird nun auf wunderbare Weise symbolisch beschrieben, was mit einer Walküre passiert, die nicht mehr dem göttlichen Willen dient, sondern sich mit einem eigenwilligen Geist verbindet. Diese Freiheit hat sie offenbar. Doch dann wird sie zusammen mit diesem Geist gezügelt, gebunden und gebannt, sozusagen schlafengelegt, um ihre weitere Wirksamkeit zu verhindern, bis sie sich wieder mit einem ganzheitlichen Geist verbindet. So fällt sie in die Trägheit unserer Körperlichkeit, bis zur Materie harter Felsenberge. Und es heißt, hier soll sie keine eigenen Siege mehr erringen, sondern sich mit einem anderen Mann bzw. Geist vermählen, um wieder lebendig werden zu können. Denn jede Ursache muss sich natürlich irgendwann auswirken und kann nicht ewig gebannt werden und schlafen.

Entsprechend gelobt die Walküre, dass sie sich mit keinem Mann vermählt, der sich fürchten könne, was uns wieder an den furchtlosen Geist der Einherier erinnert. Dieser erscheint hier in der Rolle von Sigurd als „Sieg-Beschützer“, der natürlich an unseren Siegfried aus der Nibelungensage erinnert, den wir dort in der Rolle der ganzheitlichen Vernunft kennengelernt haben. So war er frei von Angst und unsterblich wie ein göttlicher Geist. Nur seine körperliche Form war vergänglich.

Und so reitet er nun auf seinem Pferd der Körperlichkeit hinaus zum „Berg der Hirschkühe“. Den Hirsch haben wir in Walhall als Symbol des Kampfgeistes kennengelernt, von dessen Geweih die Flüsse der gegensätzlichen Eigenschaften in die Welt fließen. Aus weiblicher Sicht sind es dann die natürlichen Umstände und Bedingungen, die als Walküren personifiziert wurden. Das „Frankenland“ könnte an das „Land der Mutigen oder Freien“ erinnern, also auch an Walhall, wohin sich Sigurd wendet, und zwar südwärts ins Licht. So sah er auch ein großes Licht aus dem Berg strömen, das „bis zum Himmel emporleuchtete“. Darin dürfen wir bereits eine Andeutung dessen sehen, was dann mit wunderbarer Symbolik beschrieben wird, nämlich wie Sigurd das innere Wesen der Natur entdeckt und erkennt.

Ähnlich sagte auch der bekannte Physiker Hans-Peter Dürr, dass Materie im Grunde „gefrorenes Licht“ ist, und Konstantin Wecker singt davon: „Du magst es greifen, du begreifst es nicht. Was du auch siehst, ist nur gefror‘nes Licht.“ Was uns auch wieder and die Berg- und Frostriesen erinnert. Daher kann Sigurd mit seinem ganzheitlichen Bewusstsein in das innere Wesen der Materie eindringen. In anderen Quellen wird hier auch ein Feuerring beschrieben, in dem alles Vergängliche verbrennt, bis auf das Unvergängliche, das wir auch „reines Bewusstsein“ nennen. Hier wird im Text von einer „Schildburg“ gesprochen, die uns an die Symbolik der Schilde auf dem Dach von Walhall erinnert, die dazu dienen, Bewusstseinsräume zu begrenzen bzw. zu beschützen. Entsprechend finden wir hier einen so eng begrenzten Raum, in dem sich das Bewusstsein kaum noch bewegen kann, was wir dann „Schlaf“ nennen, oder wenn es noch enger wird, die „Hölle“ bzw. dunkle Höhle des Todes. Sigurd kann diese Schildburg durchdringen und sieht dort zunächst einen Mann bzw. Geist in Rüstung. Diese äußere Hülle erinnert uns an die Rüstung des begrifflichen Verstandes, sozusagen als „totes Fleisch der Raben bzw. Gedanken“. Daraus wird dann der verhärtete Panzer wie eine Mauer um das Herz der Liebe, wodurch die ganzheitliche Liebe durch Trennung zu Begierde und Hass wird, welche wir gewöhnlich in unserer äußeren Welt erfahren. Als Sigurd diesen äußerlichen Panzer mit seinem geistigen Schwert zerschnitten und geöffnet hatte, sah er eine Frau als Wesen der Natur, die nun erwacht, sich aufrichtet und mit ihm spricht.

So sprechen nun Geist und Natur miteinander, Bewusstsein mit Bewusstsein, ein Auge Odins mit dem anderen Auge. Sie fragen „Was? Warum? Wer?“, um sich gegenseitig und damit auch selbst zu erkennen. Auf diese Weise reicht die Natur dem Geist das Horn Heimdalls mit dem Met als „Erinnerungstrank“ der „Selbsterkenntnis“, der zugleich ein „Liebestrank“ ist, wie es Karl Simrock übersetzt hatte.

In der Nibelungensage von Siegfried können wir diesbezüglich Brünhild („die mit der Brünne kämpft“) und Kriemhild („die mit dem Helm kämpft“) finden, die wir dort als Seele der Natur und äußerliche Natur gedeutet haben. Hier im Sigrdrifa-Lied begegnen uns symbolisch beide in einem Wesen vereint, als eine Walküre mit Helm und Brünne. Auch in der Edda gibt es im Skaldenbuch einen Bezug zwischen Brünhild und der obigen Geschichte von Sigurd:
„Da ritt Sigurd bis er ein Haus fand auf einem Berge. Darin schlief ein Weib mit Helm und Brünne bekleidet. Er zog das Schwert und schnitt die Brünne von ihr: da erwachte sie und nannte sich Hilde. Sie hieß Brynhild und war Walküre. (Skalden-Buch §41 nach Karl Simrock)“

Durch die Trennung von Brünhild und Kriemhild wird dann die Liebesgeschichte in der Nibelungensage wesentlich komplizierter, denn Siegfried liebt natürlich vor allem die Seele der Natur, und die äußerliche Natur verbindet er mit König Gunther in der Rolle des Verstandes. Dazwischen drängt sich dann das trennende Ego in Gestalt von Hagen und tötet die Vernunft. Dadurch entstehen die vielbeschriebenen Probleme und Tragödien. Besser wäre eine ganzheitlich-heilende Liebe. Denn damit heilen und verschwinden alle Gegensätze zwischen Geist, Seele und Natur durch Weisheit und heilsames Handeln, worauf auch das Gebet Sigrdrifas zielt:

Heil den Göttern, Heil den Göttinnen!
Heil der vielfach nützlichen Erde!
Gebt uns beiden Ruhmreichen Redekunst und Weisheit,
Und heilende Hände, solange wir leben!

Sigurd („Sieg-Beschützer“) sprach und bat sie, ihn Weisheit zu lehren, da sie die Botschaft aller Welten kenne. Und Sigrdrifa („Sieg-Treiberin“) sprach:

5. „Bier bring ich dir, du Apfelbaum versammelter Brünnen (im Kampf), mit Macht gemischt und mächtigem Ruhm, voller Zauberlieder und heilsamer Runen, mit guten Beschwörungen und Liebesrunen.

6. Siegrunen musst du kennen, wenn du Sieg haben willst, und auf den Griff des Schwertes ritzen: Einige auf die Spitze, einige auf Schneide, und nennen musst du zweimal Tyr (die T-Rune für den „Gott des gerechten Sieges“).

7. Bierrunen musst du kennen, wenn du willst, dass dich die Frau eines anderen nicht betrügt, wenn du ihr vertraust. Auf das Horn muss man sie ritzen und auf den Handrücken, und auf den Fingernagel soll man ein „N“ machen (die N-Rune für Not und Bedrängnis).

8. Den Inhalt muss man segnen und sich vor Unheil hüten, und Lauch (als Heilpflanze) ins Getränk geben: Dann weiß ich wohl, dass dir der Met niemals mit Unheil gemischt wird.

Vers 9…17: Weitere Beschreibung der Geburtsrunen, Brandungsrunen, Astrunen, Rederunen und Weisheitsrunen.

18. Alle wurden abgeschabt, die eingeritzt waren, und mit heiligem Met vermischt und auf weite Wege gesandt. Sie sind bei den Asen, sind bei den Alben, einige sind bei den weisen Wanen, einige haben die Menschen.

19. Das sind Buchrunen, das sind Geburtsrunen, und alle sind Bierrunen und treffliche Machtrunen dem, der sie unverfälscht und unverdorben zu seinem Heil haben kann. Nutze sie, wenn du sie nahmst, bis die Götter untergehen.“

Ähnlich wie Odin, der die Bedeutung und Macht der Runen als Zeichen der Natur erkannte, als er am Weltenbaum hing und dessen Wurzeln beschaute, so lernt hier auch Sigurd die Runen von der Natur. Das ist offenbar der Sinn der Natur, dass man ihr inneres Wesen und damit auch sich selbst erkennt. Darin liegt die Weisheit Kvasirs, die uns die Natur lehren kann. Doch auch diese Weisheit wird hier als „Bier“ bezeichnet. Wie die Walküren in Walhall Bier ausschenken, so sagt auch Sigrdrifa: „Bier bring ich dir.“ Denn alle Formen der Natur sind für den Geist natürlich ein Rauschgetränk der Illusion, ähnlich einem Traum, in dem Geschöpfe entstehen und vergehen. Doch man kann diese Weisheit auch heilsam nutzen, wie es in Vers 19 heißt, in dem der tiefere Sinn der ganzen Schöpfung anklingt. Die große Frage ist: Wollen wir die innere Weisheits-Stimme der Natur hören?

20. „Nun musst du wählen, da dir Wahl geboten ist, du Baum scharfer Waffen. Über Sprechen oder Schweigen hast du selbst zu entscheiden! Alles Unheil ist vorbestimmt (bzw. verursacht).“

21. Sigurd sprach: „Ich werde nicht weichen, auch wenn ich todgeweiht wäre, denn ich bin nicht furchtsam geboren. Deinen freundlichen Rat will ich ganz haben, so lange ich lebe.“
(Sigrdrífumál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Danach folgen in den Versen 22 bis 37 viele gute Ratschläge, um glückliche Bedingungen im Leben zu schaffen. Das heißt, wie die Walküren ihre Freiheiten haben und keine bloßen Automaten sind, so sind auch die natürlichen Bedingungen und Umstände beweglich und gestaltbar, und nicht alles ist vorherbestimmt und vorherzusehen. Deshalb ist es nützlich und heilsam, in der Welt achtsam und soweit wie möglich bewusst zu leben, die geheime Bedeutung der Natur zu erkennen und ihrem freundlichen Rat zu folgen. Leider fehlt der Schluss dieses Liedes im Edda-Text. Es gibt allerdings in der „Völsunga saga“ aus dem 13. Jahrhundert eine gute Nacherzählung, die wie folgt endet:

Sigurd sprach: „Keine weisere Frau ist zu finden als du, und das schwöre ich, dass ich dich haben will, denn du bist nach meinem Sinn.“ Sie antwortete: „Auch ich will dich und keinen anderen, selbst wenn ich unter allen Männern wählen könnte.“ Darauf schworen sie sich beide Treue (und verlobten sich). (Völsunga saga §21 nach Karl Simrock, der sich in der Schlussprosa darauf bezieht)

Zusammenfassend kann man sagen: All die Umstände und Bedingungen in der Natur sollen Odin als Allvater und göttlichem Geist der Ganzheit dienen. Entsprechend sollen auch die Walküren den Einheriern in der Kampfhalle der Welt dienen, dem ganzheitlichen Bewusstsein. Und so steht die natürliche Vielfalt im Dienst der geistigen Einheit. Wenn sie jedoch entgegen dem göttlichen Gebot einem eigenwillig abgetrennten Geist dienen und sich mit ihm verbinden, dann entsteht ein abgetrennter Bewusstseinsraum, wie die eigenwillige Kampfhalle eines egoistischen Wesens. Dann fällt das Bewusstsein immer tiefer in das Unbewusstsein, in den Schlaf bis in den Tod, in die Körperlichkeit bis in die Materie und in die niederen Welten bis in die dunkelste Höhle der Unterwelt. Auf diese Weise fällt das Licht in die Dunkelheit. Doch irgendwann muss sich natürlich auch dieser Geist auswirken, der sich abgetrennt hat, weil im Großen und Ganzen nichts verlorengehen kann. Irgendwann wird er vom ganzheitlichen Bewusstsein wieder geweckt, von Sigurd, der den wahren Sieg beschützt, und von Siegfried, dem wahren Sieg des Friedens, der keine weiteren Kämpfe nach sich zieht, weil es in der reinen Liebe keine Gegensätze mehr gibt. Und wie sich dieser Geist der Trennung dann in der Welt auswirkt und vergeht, dafür gibt es so wundervoll symbolische Geschichten, wie die Nibelungensage, die in abgewandelter Form auch in der Edda erzählt wird. Mit deren Hilfe kann man erkennen: Die Natur der göttlichen Schöpfung tötet nicht, sondern wirkt im Geist Gottes zum ganzheitlichen Leben. Nur das eigenwillig Abgetrennte muss vergehen. In diesem Sinne sind auch alle Walküren „Sigrdrifas“, „Sieg-Treiberinnen“, denn alle natürlichen Umstände und Bedingungen treiben uns zum höchsten Sieg.


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