Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Die Welt von Gylfis Illusion (Gylfaginning §38-§54)

38. Da fragte Gangleri: Du sagst, dass alle Männer, die seit Anfang der Welt im Kampf gefallen sind, nun zu Odin nach Walhall gekommen sind. Was hat er ihnen an Speise zu bieten? Ich meine, dort müsste doch eine große Menschenmenge sein.

Darauf antwortete der Hohe: Richtig ist, was du sagst. Eine riesige Menge an Volk ist dort, und es werden noch viel mehr. Trotzdem wird es scheinen, als seien sie zu wenig, wenn der Wolf kommt. Doch niemals sind so viele Menschen in Walhall, dass das Fleisch des Ebers, der Sährimnir heißt, nicht für sie reichen sollte. Er wird jeden Tag gekocht und ist am Abend wieder unversehrt. Aber diese Frage, die du jetzt stellst, erscheint mir derart, dass nur wenige so weise sind, darüber Wahres sagen zu können. Andhrimnir heißt der Koch, Eldhrimnir der Kessel. So wird es hier gesagt (im Lied von Grímnir Vers 18):

Andhrimnir lässt in Eldhrimnir (den Eber) Sährimnir kochen, das beste Fleisch. Doch nur wenige wissen, was die Einherier essen.

So beginnt nun Gangleri den „Hohen“ zu verstehen und die göttliche Ganzheit zu erkennen. Dafür steht zunächst Walhall, die „Halle der Gefallenen“, der Bewusstseinsraum des Allvaters. Darin kann man die ganze Schöpfung mit allen Männern bzw. geistigen Geschöpfen erkennen, die in die Trennung und damit in den Kampf gefallen sind und immer noch fallen. Diese Halle sieht Gangleri als Einheit, aber die Wesen noch als Vielfalt. So fragt er sich, wovon die wachsende Menge in dieser Halle lebt.

Der „Hohe“ bestätigt zunächst diese Ansicht, sagt aber auch, dass Walhall niemals voll wird. Es ist also mehr eine geistige Halle, die keine körperlichen Grenzen hat und mit ihrem Inhalt wächst. So weiß auch die moderne Kosmologie, dass sich der Raum unseres Universums mit unvorstellbarer Geschwindigkeit ausdehnt. Und doch kann dieses Wachstum schließlich den Wolf der Vergänglichkeit nicht aufhalten, wie die Fessel Löding des Wachstums bereits zeigte. Denn alles was entsteht, muss auch wieder vergehen.

Wovon lebt dieses Wachstum der Menge? Sie alle leben von der gleichen Nahrung, die hier durch einen Eber symbolisiert wird, der sich immer wieder regeneriert. Unsere moderne Wissenschaft würde von Energie sprechen, die sich gemäß dem Energieerhaltungssatz immer wieder umwandelt und niemals vernichtet werden kann. Die Edda spricht vom Eber Sährimnir. Sein Name besteht aus für See und Hrim für Frost, was an die Frost- und Bergriesen erinnert. Es geht also um eine Kristallisation bzw. Verkörperung des Wassers im Meer der Ursachen. Dieser Eber der „Wasser-Verkörperung“ wird im Kessel Eldhrimnir gekocht, dessen Name sich als „Feuer-Verkörperung“ übersetzen lässt. In diesem Gleichnis von Feuer und Wasser finden wir Geist und Natur wieder. Ein dritter „Hrimnir“ ist der Koch Andhrimnir, der sich dann als „Anti-Verkörperung“ deuten lässt. Er taut sozusagen das Gefrorene im Feuerkessel wieder auf und verwandelt die Materie in Energie, die als Nahrung dient, um sich erneut zu verkörpern.

Doch es heißt: „Nur wenige sind so weise, darüber Wahres sagen zu können.“ Was ist Energie? Was ist Materie? Wer kocht und verwandelt sie? Auch darüber hat unsere moderne Wissenschaft tiefgreifende Erkenntnisse gewonnen, die aber oft nur mit abstrakten mathematischen Formeln beschrieben werden, wie E=mc². Auch darin sind drei Komponenten enthalten: Energie, Masse und Lichtgeschwindigkeit. Und die Lichtgeschwindigkeit als Eigenschaft des Lichtes wäre demnach der Koch. Das heißt, die Bewegung des Lichtes im Raum wandelt Energie in Masse und umgekehrt. Wunderbar! Über diese „Eigenschaft“ des Lichtes kann man viel nachdenken, wie auch über Dunkle Energie und Dunkle Materie, aus denen unser Universum zum Großteil bestehen soll. Ja, so wissen wohl wirklich nur wenige, was das beste Fleisch ist, das die Einherier essen. Was ist die Essenz, die nie vergeht, aber sich in jede Form verwandeln kann?

Damit wird auch das Wesen der Einherier (Einherjar) angesprochen, die im Zyklus dieser Regeneration leben. Also nicht als Einzelkämpfer oder „Einweggeschöpfe“, sondern „ein einziges Heer“ bilden, wie man ihren Namen deuten kann, und damit im „Heer der Einheit“ für die Gottheit bzw. Ganzheit kämpfen.

Weiter fragte Gangleri: Hat Odin dieselbe Speise wie die Einherier?

Der Hohe antwortete: Die Speise, die auf seinem Tisch steht, gibt er seinen beiden Wölfen, welche Geri und Freki („Begierde und Gefräßigkeit“) heißen. Er selbst braucht keine Speise. Wein ist ihm sowohl Trank als auch Speise. So heißt es (im Lied von Grímnir Vers 19):

Geri und Freki füttert der kampfgewohnte herrliche Heervater,
Aber der kampfberühmte Odin lebt immer (ewig) nur von Wein.

Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen und hören. Sie heißen Hugin und Munin („Gedanke und Gedächtnis“). Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zum Tagesmahl (der Einherier gegen Mittag) kehren sie zurück. Von ihnen erfährt er viele Neuigkeiten. Darum nennt man ihn den Rabengott. Davon wird gesagt (im Vers 20):

Hugin und Munin überfliegen jeden Tag die gewaltige Erde. Ich sorge mich um Hugin („Gedanke“), dass er nicht zurückkommt. Doch fürchte ich noch mehr um Munin („Gedächtnis“).

Nun erscheint eine noch größere Frage: Lebt der Allvater als Schöpfergott ebenfalls von dieser substanziellen Nahrung, mit der sich die Einherier immer wieder verkörpern? Ist der Schöpfergott ein Geschöpf? Der „Hohe“ antwortet, dass er alle Speise, die ihm zur Verkörperung angeboten wird, den beiden gezähmten Wölfen zur Vergänglichkeit übergibt. Damit wird er zum Herrscher über die Vergänglichkeit auf seinem Thron des weitsichtigen Bewusstseins. Das heißt, er selbst verkörpert sich nicht, und jede formhafte Vorstellung, die wir uns von ihm machen, ist nur ein Verstandeskonstrukt. Genau das macht ihn zum Allvater und Schöpfergott.

Wovon lebt er dann? Was bedeutet der Wein? Hier könnte man zunächst an das Wasser des Lebens denken, das zu geistigem Wein veredelt wurde. So wie auch Jesus auf der Hochzeit zu Kanaan das Wasser zur Reinigung in edlen Wein verwandelte. In dieser Veredlung könnte man den Sinn und Zweck der Schöpfung sehen. Daran erinnert wohl auch die biblische Symbolik vom Weinberg Gottes, wo im Prinzip auch die Einherier arbeiten.

Wein ist aber auch ein Rauschgetränk und erinnert bezüglich des Schöpfergottes an die „Illusions- und Schöpferkraft“. Im Hinduismus wird hier von Maya gesprochen, der Macht von Vishnu, aus der dann Brahma als Schöpfergott geboren wurde. Daher hieß es auch gleich zu Anfang, als Gangleri nach Asgard kam, dass „die Götter ihm Sinnes-Illusionen vorspiegelten“. Das ist offenbar der Weg unserer Verstandeswelt.

Darum kann man in der Herrschaft über die Vergänglichkeit den gewohnten Kampf des Heervaters erkennen, und im Bewusstsein, dass er ewig nur vom Wein lebt, dem Siegesruhm dieses Kampfes.

An den Wein als „Illusions- und Schöpferkraft“ erinnern schließlich auch die beiden Raben als Sinnbilder für Gedanken und Gedächtnis, die dafür die Informationen und das Wissen liefern. Auch die moderne Wissenschaft hat darin eine noch tiefere Quelle für die Schöpfung erkannt als das bisherige Konzept der Energie. Der berühmte Quantenphysiker Anton Zeilinger sagt dazu: „Information ist der Urstoff des Universums - Wirklichkeit und Information sind dasselbe.“

Wenn zum Tagesanbruch die geistige Sonne aufgeht, sendet der Allvater diese Gedanken-Raben in die ganze Welt, und wenn sie mittags am höchsten steht, kehren sie zu ihrem Ursprung zurück: Zum Schöpfergott, zur Gottheit selbst. Dann ist auch der Eber Sährimnir gekocht, und die Einherier können sich davon ernähren, um sich zu verkörpern. Danach sinkt die geistige Sonne, und die Nacht der Körperlichkeit bricht herein.

Daher wird der Allvater auch Rabengott genannt. Er sitzt auf dem Thron des weitsichtigen Bewusstseins und erschafft durch Beobachtung von Informationen mit dem Mimir-Verstand die Schöpfung aus seinem Auge. Ähnlich besagt die Quantenphysik, dass der Beobachter durch die Information der Messung die Realität und Wirklichkeit erschafft.

Schließlich heißt es, dass sich der Allvater darum sorgt, dass Gedanken und Gedächtnis verlorengehen könnten. Das ist eine wunderbare Sorge! Damit sorgt er nicht nur für das Naturgesetz der Energieerhaltung, sondern auch für das Geistgesetz der kosmischen Informationserhaltung. So kann im Großen und Ganzen nichts verlorengehen. Alles wandelt sich nur im ewigen Wellenspiel.

39. Da fragte Gangleri: Was haben die Einherier zu trinken, das ihnen genauso reichlich ist wie die Speise? Oder wird dort Wasser getrunken?

Der Hohe sprach: Das ist eine wunderliche Frage. Glaubst du etwa, dass der Allvater Könige, Jarle (Fürsten) und andere mächtige Männer zu sich einlädt und ihnen Wasser zu trinken gibt? Ich weiß, dass mancher nach Walhall kommt, dem es teuer erkauft schiene, Wasser zu trinken, wenn er dort nicht von einem besseren Willkommen wüsste, wo er doch vorher Wunden erlitten und Todeshiebe empfangen hat. Anderes kann ich dir davon berichten: Die Ziege namens Heidrun steht oben auf Walhall und frisst Blätter von den Zweigen des berühmten Baumes, der auch Lärad heißt. Aus ihrem Euter fließt der Met, den sie jeden Tag in ein großes Gefäß füllt. Das ist so viel, dass alle Einherier davon genug zu trinken haben.

So bleiben nun die Einherier im Wellenspiel von Geburt und Tod in dieser „Halle der Gefallenen“ und kehren immer wieder zu Odins Thron zurück. Das heißt, sie fallen nicht tiefer, als in die Hand Gottes. Man könnte auch sagen: Sie werden aus dem Auge Odins geschöpft und fallen wieder in das Auge zurück. Und Gangleri fragt nun, ob auch ihr geistiger Trank veredelt wird und ihnen ebenso reichlich gegeben wird, wie ihre körperliche Speise. Oder trinken sie immer das gleiche Wasser aus dem Meer der Ursachen, und drehen sich im Wellenspiel immer im gleichen Kreis?

Der „Hohe“ antwortet: Dann hätte das Streben nach Höherem, das Kämpfen und das Leiden in der Welt keinen Sinn. Daher nennt er den Welten- und Lebensbaum auch Lärad. Der Name lässt sich von altnordisch „læra“ ableiten, was sich mit „lernen und lehren“ übersetzen lässt. Somit wird der Baum des Lebens ein Baum des Lernens. Das wäre ein sinnvoller Zweck der Schöpfung und würde es ermöglichen, das Wasser des Lebens aus dem Meer der Ursachen zu veredeln.

Symbolisch steht dafür die Ziege Heidrun, die sich von den Blättern ernährt, also von den verkörperten Wesen, die an den Zweigen dieses Baumes wachsen. Heiðr lässt sich mit „heiter, hell, klar und strahlend“ übersetzen und erinnert damit an die „Licht-Rune“ als Geheimnis des Lichtes, das über Walhall jenseits von Zeit und Raum besteht, aber auch die ganze Schöpfung erhellt und durchdringt. Damit erinnert die Ziege ähnlich wie die Kuh Audhumla, die „hornlos Milchreiche“, wieder an die Bewegung des Lichtes als Koch von E=mc², um Materie in Energie umzuwandeln. Daher verzehrt sie die Blätter des Lebensbaums, und aus ihrem Euter fließt der Met der Einherier, mit dem sie wiederum ihre Kinder ernährt, um Energie in Materie zu verwandeln.

Dieser Met als „Licht-Milch“ wäre demnach die Veredelung des Wassers aus dem Meer der Ursachen, der süße Met als Göttertrank der Ganzheit, das große Geheimnis des Lichtes. So kennen wir auch in der deutschen Sprache die „Heit-Rune“ in vielen Begriffen, wie Menschheit, Weisheit, Freiheit, Einheit und Ganzheit. Damit können sich die Geschöpfe aus der Trennung erheben, in die sie gefallen sind, und dafür lohnt es sich, in der Schöpfung zu lernen. Dieses Lernen auf dem Weg zur Ganzheit ist wiederum nur möglich, wenn das Leben ein Kontinuum ist, und nicht jedes geborene Lebewesen bei Null beginnt. Dafür sorgt der Allvater mit seiner Energie- und Informationserhaltung, und dafür stehen auch die Einherier im Lebenskampf.

Über diesen Lernprozess in der Schöpfung kann man lange nachdenken. Die Evolution scheint bei jeder Geburt eines Lebewesens nach einem Optimum an Erinnerungen zu suchen, damit das Kind nicht gleich überfordert ist, aber dennoch über genügend Wissen und Fähigkeiten verfügt, um neugierig zu sein und den Kampf des Lebens zu beginnen. Ähnlich kann man auch über ein Optimum für die Lebensspanne und Lebensumstände nachdenken, zwischen einerseits zu wenig Lernen und Verständnis der Zusammenhänge und andererseits zu viel Gewohnheit, Ballast und Erstarrung. Gegen diese formhafte Erstarrung, die sich in der Symbolik der Frost- und Bergriesen widerspiegelt, kämpft dann Thor als ein Aspekt Odins mit seinem Hammer in der Welt…

Dazu meinte Gangleri: Diese Ziege ist ihnen überaus nützlich. Ein außerordentlich guter Baum muss es sein, von dem sie frisst.

Darauf sprach der Hohe: Noch bedeutungsvoller ist der Hirsch Eikthyrnir („Eichen-Dorniger“), der auf Walhall steht und von den Zweigen des Baumes frisst. Von seinem Geweih tropft so viel, dass es nach Hwergelmir („siedende Quelle, Kessel-Schreier“) hinunterfließt. Und dort entströmen die Flüsse namens: Sid, Wid, Sökin, Eikin, Swöl, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Gipul, Göpul, Gömul und Geirwimul. Sie strömen durch das Reich der Asen. Und auch diese werden noch genannt: Thyn, Vin, Thöll, Höll, Grad, Gunnthrain, Nyt, Nöt, Nönn, Hrönn, Wina, Wegswinn, Thjodnuma.

Das Lichtwesen der Ganzheit ist im Baum des Lebens sicherlich überaus nützlich, weil die Ganzheit das große Ziel ist. Doch noch bedeutungsvoller sind die Wege dorthin. Dafür kann man den Hirsch als Symbol des Kampfgeistes betrachten, der auf dem Grund von Walhall steht und nicht nur von den Blättern, sondern vor allem im Winter mehr die Rinde von den Zweigen frisst. Ähnlich wurden bereits zur Beschreibung von Yggdrasil vier Hirsche erwähnt, die an den körperlichen Kampf im Leben erinnern. Im verzweigten Geweih dieses Hirsches, mit dem er auch kämpft, kann man die verzweigte Krone des Lebensbaums erkennen. Und von den Enden dieser Zweige tropft dann das Wasser des Lebens als einzelne Tropfen wieder zurück ins Meer der Ursachen, um dann in der Quelle von Hwergelmir erneut geboren zu werden.

Dafür werden hier vielfältige Flüsse aufgezählt, die symbolisch wiederum in die Äste und Zweige des Lebensbaums fließen. Einige fließen mehr auf die Geistseite ins Reich der Asen, andere mehr auf die Naturseite ins Reich der Wanen. Die vielfältigen Flussnamen werden auch im Lied von Grimnir (Vers 27/28) aufgezählt. Sie lassen sich nur andeutungsweise übersetzen und sollen offenbar die Vielfalt natürlicher Eigenschaften im Kampfspiel der Gegensätze zum Ausdruck bringen, wie Langsam, Breit, Wild, Eilig, Wütend, Kalt, Kämpferisch, Brausend, Alternd, Anschwellend, Versiegend, Wellenreich, Reißend, Begehrend und so weiter. Auch diese Flüsse erinnern an die Bewegung des Lichtes im Raum und damit auch an den Fluss der Energie und der gesamten Schöpfung in Zeit und Raum.

Interessanterweise fehlt in dieser Liste des „Hohen“ der Totenfluss Gjöll, den der „Gleichhohe“ im 4. Absatz noch mit aufgezählt hatte. Zufall? Es könnte aber auch Absicht sein, denn hier geht es um die Welt der Einherier, für die es kein Ende im Tod gibt, wie es sich die Einzelkämpfer vorstellen. Daher spielt hier auch der Totenfluss mit seiner Brücke ins Totenreich keine bedeutende Rolle.

40. Dazu meinte Gangleri: Wundersame Neuigkeiten sind es, die du mir jetzt erzählst. Walhall muss ein sehr großes Gebäude sein, und großes Gedränge muss oft vor seinen Toren herrschen.

Der Hohe antwortete: Warum fragst du nicht danach, wie viele Türen in der Halle sind und welche Größe sie haben? Wenn du es hörst, wirst du sagen, es sei erstaunlich, wenn nicht jeder hinaus- und hineingehen könne, wie er wolle. Und es ist auch wahr, dass es nicht schwerer ist, darin Platz zu finden, als hineinzukommen. Hier kannst du es im Lied von Grimnir hören (Vers 23):

Fünfhundert Tore und vierzig sind - wie ich meine - in Walhall. Achthundert Einherier gehen zugleich durch jedes Tor, wenn sie ausziehen, um gegen den Wolf zu kämpfen.

Hier geht es nun weiter um die Kosmologie von Walhall. Wenn man in diese Halle als Bewusstseinsraum hineingelangen kann, stellt man sich natürlich Tore und Türen vor. Vielleicht so ähnlich, wie die Himmelstore, vor denen die Verstorbenen anstehen, weil jeder genau geprüft wird.

Die Antwort des „Hohen“ ist wieder sehr mystisch: „Warum stellst du dir etwas vor, ohne mich zu fragen? Wenn du mein Wort hörst, wirst du dich wundern, dass nicht jeder nach seinem Willen hinaus- und hineingehen kann. Und das ist gar nicht schwer.“ Es ist eben „nur“ eine Frage des Willens. Das erinnert uns wieder an das geistige Wesen von Walhall als einen Bewusstseinsraum, wo jeder hineinkommen kann. Im Prinzip sind wir sogar schon alle drin, denn es ist die ganzheitliche Halle eines ganzheitlichen Gottes. Die Frage ist nur, ob wir uns dessen bewusst sind. Dafür ist ein entsprechender Wille nötig, um ein Einherier zu sein.

Was sind also die Tore für einen Bewusstseinsraum? Hier spielt unser Verstand eine wesentliche Rolle, in wieweit er unsere Sicht freigibt oder mit Vorstellungen verstellt und verschließt. So sind diese Tore wie Bewusstseinsfilter an denen sich sozusagen das Bewusstsein staut. Oft müssen wir lange warten oder sogar kämpfen, bis sich diese Hindernisse auflösen. Das ist der Kampf in Raum und Zeit, ein Prozess des Lernens. Wichtig ist vor allem der Wille, in welche Richtung man schaut und kämpft, in Richtung Trennung oder Ganzheit.

Über die 540 Tore haben wir im Abschnitt „Odin als Walvater in Walhall“ bereits viel nachgedacht. Kurzgefasst: Sie erinnern vor allem an einen Übergang in die Halle Bilskirnir, die weiter oben ebenfalls mit 540 Toren beschrieben wurde. Das ist die Halle von Thor, dem Beschützer der körperlichen Welt. Und wie Thor ein Sohn und Aspekt von Odin ist, so kann man sich auch diese Halle des Sohnes innerhalb von Walhall vorstellen, der ganzheitlichen Halle des Allvaters. Die Tore selbst sind dynamische Übergänge, sozusagen der Tagesablauf der Einherier zwischen Walhall und Bilskirnir. Dort kämpfen sie in der körperlichen Welt gegen den Wolf der Vergänglichkeit, um zu lernen und das Unvergängliche wiederzufinden. Vereinfacht könnte man sich folgendes Schema vorstellen:

So könnte man im Prinzip bei den Toren auch an Tage denken. Doch warum es ausgerechnet 540 sind, ist unklar. Bei 360 Tagen könnte man sich die Kreiszahl von 360° eines symbolischen Jahreskreises aus 12×30 Tagen vorstellen. 540 Tage sind jedoch 18×30, also noch ein Halbkreis mehr. Eine vage Theorie erinnert an Volkwang, die Halle von Freya, zu der es heißt, dass sie die Hälfte der Gefallenen wählt, und die andere Hälfte gehört Odin.

Man könnte bei den 540 Toren aber auch an 9×60 bezüglich der neun Welten denken, die in der Trennung jeweils wie in einem Kreis eingeschlossen erscheinen. Denn auch die 60 ist eine Kreiszahl, wie wir sie im Kreis der Minuten und Sekunden wiederfinden.

Bezüglich der 800 Einherier erinnert die Acht an die Achtsamkeit und Unendlichkeit (∞) als Übergang zur Neun der Erneuerung. Und die Hundert erinnert an das vollkommene Heer der Einheit, was wir heute als 100% bezeichnen. Zu Ragnarök kommen dann alle Geschöpfe gleichzeitig durch alle Tore in die körperliche Welt, um am Ende des Schöpfungszyklus dem allesverschlingenden Fenris-Wolf zu begegnen.

41. Gangleri sprach: Eine ungeheuer große Menge ist in Walhall. Wahrhaftig ist Odin ein überaus mächtiger Herrscher, wenn er solch einem großen Heer befiehlt. Aber welchen Zeitvertreib haben die Einherier, wenn sie nicht trinken?

Der Hohe antwortete: Jeden Tag, wenn sie sich angekleidet haben, legen sie ihre Rüstung an und gehen hinaus in den Hof. Sie kämpfen und fällen sich gegenseitig. Das ist ihr Zeitvertreib (bzw. Kampfspiel). Und wenn das Tagesmahl (zwischen Morgen und Mittag) naht, reiten sie heim nach Walhall, wo sie sich zum Trank niedersetzen. So wie es hier heißt (im Lied von Wafthrudnir, Vers 41):

Alle Einherier schlagen (fällen) sich Tag für Tag in Odins Hof. Sie wählen die Gefallenen und reiten vom Kampf heim. Dann sitzen sie umso versöhnter zusammen.

Hier kann man nun über den „Tagesablauf“ der Einherier nachdenken. Gegen Mittag ernähren sie sich in Walhall vom gekochten Eber Sährimnir. Dann beginnt ihre Verkörperung, ihr Ankleiden und Rüstung-Anlegen, und in Walhall wird es Abend. Die Sonne des Bewusstseins wandert in die körperliche Welt von Bilskirnir, dem Bewusstseinsraum der verkörperten Lebewesen, den man auch als Odins Hof von Walhall betrachten kann. Dort werden die Einherier im Morgenlicht der irdischen Welt geboren und fallen wie alle Geschöpfe am Abend ihres irdischen Tages, aber nicht in die Dunkelheit der Hölle bzw. Höhle eines abgetrennten Wesens, sondern in der Ganzheit zurück ins göttliche Licht. So erscheinen sie wieder im Morgenlicht von Walhall, wo sie umso versöhnter zusammensitzen und Met trinken, was ihren Lernprozess andeutet.

Zum Sterben geboren,
Zum Leben bestimmt.

Aber es ist wahr, was du sagst: Odin ist mächtig. Dafür gibt es viele Beispiele. So wird es mit den Worten der Asen selbst ausgedrückt (im Lied von Grimnir, Vers 44):

Die Esche Yggdrasil ist der erste (höchste und beste) der Bäume, Skidbladnir der Schiffe, Odin der Asen, Sleipnir der Pferde, Bifröst („Licht- und Regenbogenbrücke“) der Brücken, Bragi („Gott der Poeten und Dichter“) der Skalden, Habrok („Höchster Rock“) der Habichte, und Garm der Hunde.

Das sind nun symbolisch zusammengefasst die mächtigsten Prinzipien der Schöpfung: Der Welten- und Lebensbaum, Skidbladnir als Körperschiff, das noch näher beschrieben wird, Odin als Allvater und Gottheit, Sleipnir als sein körperliches Pferd der Schöpfung, Bifröst als die Lichtbrücke des Bewusstseins, die alles verbindet und vereint, und Bragi als Erzähler der heiligen Göttergeschichten, um die Gottheit und Ganzheit wiederzufinden. Hinzu kommt Habrok, ein abgerichteter Jagdvogel für die Jagd nach Begierde-Objekten, der an ein „himmlisches und ganzheitliches Kleid“ erinnert, was wohl das Beste ist, das man erjagen kann. Und schließlich ist Garm, vermutlich der „Bellende“ oder „Knurrende“, als gezähmter und abgerichteter Wolf der beste Wachhund. Denn er bewacht das Totenreich der Hel, das wohl am schwersten zu bewachen ist. Doch offenbar wünschen sich das die Toten, die dort den Tod und das Tote festhalten wollen. Und schließlich geht auch dort nichts verloren. Ja, auch diese Vorstellung kann man festhalten, und auch diese Form kann das formlose Bewusstsein annehmen und bis Ragnarök daran anhaften.

Im Weiteren fragt nun der Verstand von Gangleri nach den aufgezählten mächtigen Prinzipien der Schöpfung, die bisher noch nicht näher erklärt wurden. Er beginnt mit Sleipnir, dem achtbeinigen Pferd Odins. Danach folgt die Frage nach Skidbladnir, dem Körperschiff, und als Antwort wird die lange Geschichte von Utgardloki erzählt. Und schließlich geht es um die Frage nach dem Totenreich, die mit der Geschichte von Balders Tod beantwortet wird. All diese Geschichten haben wir bereits ausführlich behandelt und aus geistiger Sicht gedeutet. Zur Vollständigkeit fügen wir hier den Text noch einmal ein, mit kurzgefassten Hinweisen zur Erinnerung an unsere Deutung. Nach Möglichkeit versuchen wir, diese Deutung im Erzählfluss noch etwas vertiefen und auch einige sinnführende Vergleiche zur modernen Kosmologie einzufügen.

42. Gangleri fragte: Wem gehört das Pferd Sleipnir („das Dahingleitende“)? Und was ist von ihm zu sagen?

Der Hohe antwortete: Du kennst Sleipnirs Eigenschaften nicht, weil du nichts von den Umständen weißt, unter denen es entstanden ist. Doch das wird dir die Geschichten wert erscheinen lassen. Die Besiedlung durch die Götter war noch in den Anfängen, als sie Midgard und Walhall errichtet hatten. Damals kam ein Baumeister zu ihnen und erbot sich, ihnen in drei Halbjahren (Saisons) eine so gute Burgmauer zu erbauen, dass sie verlässlich und sicher vor den Berg- und Frostriesen sei, selbst wenn diese über Midgard hereinbrächen. Aber als Lohn forderte er, dass ihm Freya gehören sollte, und er wollte Sonne und Mond haben. Darauf versammelten sich die Asen und hielten Rat. Diese Vereinbarung wurde mit dem Baumeister geschlossen, nach der er nur erhalten sollte, was er forderte, wenn er die Burg in einem Winter fertigstellte. Aber wenn am ersten Sommertag irgendein Teil des Bauwerks nicht vollendet sei, dann breche er den Vertrag. Und niemand sollte ihm bei der Arbeit Hilfe leisten. Als sie ihm diese Bedingungen nannten, verlangte er, sie sollten ihm gewähren, Hilfe von seinem Pferd namens Svadilfari („unglücklicher bzw. im Schlamm Wandernder“) zu bekommen. Und weil Loki es riet, wurde dies mit ihm vereinbart.

Die Frage nach dem körperlichen Pferd Odins führt nun der „Hohe“ auf die große Frage zurück, wie die Trennung zwischen dem geistigen und körperlichen Reich entstanden ist, zwischen der Welt der Vergeistigung und der Welt der Verkörperung. Es geht also auch um die symbolische Mauer mit den 540 Toren zwischen Walhall und Bilskirnir, den Reichen von Odin und Thor, von Vater und Sohn.

Als zu Beginn der Schöpfung die Lebewesen in Midgard entstanden, erschien ein Baumeister als Verstandes-Riese, der sich anbot eine solche Mauer zwischen Geist und Natur zu bauen, dass die geistigen Götterwesen die formhafte Erstarrung durch die Berg- und Frostriesen nicht fürchten müssten. Dafür forderte er als Lohn das weltliche Licht von Sonne und Mond sowie die Göttin Freya als liebenswerte Schönheit und Fruchtbarkeit der Natur. So ging es dem Baumeister wohl mehr darum, seine körperliche Welt vor den Göttern zu schützen. Daher bot er ihnen an, diese Mauer über drei Halbjahre zu bauen, in denen wir die 540 Tore als 540 Tage (3×6×30) wiedererkennen können. Doch die Götter gewährten ihm nur ein Winterhalbjahr als Zeit der Erstarrung und nicht den Sommer, in dem Midgard geistig erblühen und wachsen soll. Dafür forderte der Verstandes-Riese wiederum die Hilfe seines Pferdes als Wesen der materiellen Verkörperung, das ihm dazu dienen sollte. Loki musste den Plan natürlich loben, denn eine geistige Welt braucht natürlich eine Gegenwirkung und einen Gegensatz als körperliche Welt.

In dieser Hinsicht können wir uns vorstellen, dass von dieser Mauer nur ein Halbkreis um Freyas Reich materiell verkörpert wurde. Die anderen beiden Halbkreise als Mauer zwischen Walhall und Bilskirnir sind dann mehr geistig bzw. feinstofflich. Hier könnte man im Prinzip an Bifröst denken, die Licht- und Regenbogenbrücke, dir wir bereits als Feuer- und Wasserwall kennengelernt haben.

Bezüglich unserer modernen Kosmologie können wir bei dieser „feinstofflichen Mauer“ an die Dunkle Materie denken, die vor allem wie ein „Klebstoff“ oder „Gravitations-Käfig“ dafür sorgt, dass unsere Galaxie zusammenhält und nicht so schnell wie der ganze Raum des Universums expandiert. Die andere „halbe Mauer“ wäre dann die sichtbare Materie. Ähnlich sagt auch die Wissenschaft, dass Materie im Universum etwas zu 85% aus Dunkler Materie besteht und nur ein kleiner Teil von 15% sichtbar ist. Das ist die Materie der Atome und Moleküle, mit denen sich sozusagen der „Baumeister einmauern“ kann, sodass daraus Sonnen, Planeten und auch die Burgen unserer Körper entstehen.

Damit wird deutlich, dass der Baumeister diese Mauer nicht um die Götter herum baut, sondern mehr um sich selbst und seine Welt. Denn wie könnte man um ganzheitliche und grenzenlose Götter eine Mauer bauen? Daher entsteht diese Mauer auch nicht außerhalb, sondern innerhalb von Walhall.

Er begann am ersten Wintertag mit dem Bau der Burg, und selbst in den Nächten schleppte er auf seinem Pferd Steine heran. Doch den Asen schien es sehr erstaunlich, welch große Felsen das Pferd zog. Es leistete doppelt so viel Arbeit wie der Baumeister. Aber ein unverbrüchliches Zeugnis und viele Eide banden sie an ihre Vereinbarung, und zwar, weil es den Riesen nicht sicher erschien, ohne solch eine Abmachung bei den Asen zu sein, wenn Thor heimkäme. Damals war er jedoch in den Osten gezogen, um gegen Unholde zu kämpfen. Als der Winter verging, schritt der Burgbau rasch voran, und die Befestigung war schon so hoch und stark, dass sie niemand angreifen konnte. Als nur noch drei Tage bis zum Sommeranfang waren, war sie bis auf das Burgtor fertig. Da setzten sich die Götter auf ihren Richterstühlen zusammen und beratschlagten sich. Ein jeder fragte den anderen, wer geraten habe, Freya nach Riesenheim zu verheiraten und die Luft und den Himmel zu verderben, indem man Sonne und Mond dort wegnehme und den Riesen gebe. Und alle stimmten überein, dass dies derjenige empfohlen haben müsse, der am meisten zum Schlechten rate, nämlich Loki, Laufeys Sohn. Sie sagten, er werde einen üblen Tod erfahren, wenn er keinen Rat habe, wie der Baumeister den Vertrag nicht erfülle, und sie griffen Loki an. In seiner Angst schwor er Eide, er werde so handeln, dass der Erbauer vertragsbrüchig werde, wie sehr er sich auch anstrenge.

Diese Mauer der sichtbaren Materie darf natürlich nicht vollendet und vollkommen werden. Das Burgtor darf sich niemals schließen. Dann würde ewiger Winter herrschen. Dazu kommt wieder Loki ins Spiel, der göttliche Geist des Widerspruchs, die göttliche Gegenwirkung zum „Guten“, das erst mit dem „Schlechten“ vollkommen wird. Denn Gut und Schlecht sind relative Verstandesbegriffe im Gedankenreich der Trennung. So sorgt nun Loki auch dafür, dass die „unverbrüchlichen Zeugnisse und Eide“, in denen der Verstand erstarren möchte, wieder zerbrochen werden.

Und am selben Abend, als dieser mit dem Pferd Svadilfari („unglücklicher bzw. im Schlamm Wandernder“) hinausging, um Steine zu holen, kam aus dem Wald eine Stute. Sie lief zum Hengst und wieherte. Aber als der Hengst wahrnahm, was dies für eine Stute war, da wurde er wild, riss die Stricke entzwei und lief zu ihr. Sie galoppierte fort in den Wald, und der Baumeister rannte hinterher und wollte den Hengst einfangen. Die Pferde liefen jedoch die ganze Nacht weiter, und in dieser Nacht blieb die Arbeit liegen. Auch am folgenden Tag wurde nicht so gearbeitet, wie es vorher geschehen war. Aber als der Baumeister sah, dass sein Werk nicht zu Ende geführt werden konnte, packte ihn Riesenzorn. Da wussten die Asen mit Sicherheit, dass ein Bergriese zu ihnen gekommen war, weshalb die Eide nicht gehalten werden mussten. Sie riefen Thor, der sofort kam, und im nächsten Augenblick fuhr der Hammer Mjölnir durch die Luft. Er zahlte den Arbeitslohn, und das waren nicht Sonne und Mond; vielmehr verweigerte er es ihm sogar, in Riesenheim zu wohnen. Denn der erste Schlag traf so, dass der Schädel in viele Stücke zerbrach. Und er schickte ihn hinunter nach Niflheim. Aber Loki hatte damals solch ein Zusammentreffen mit Svadilfari, dass er etwas später ein Fohlen gebar. Das war grau und hatte acht Beine. Dieses Pferd ist das beste bei Göttern wie bei Menschen. So sagt die Weissagung der Seherin (Völuspa, Vers 25/26):

Da schritten alle Ratenden zum Richterstuhl, die heiligsten Götter, und beratschlagten, wer die ganze (frische und gute) Luft mit Schlechtem vermischt und der Sippe der Riesen Odrs Frau (Freya) gegeben hätte.

Da brachen die Eide, gegebene Worte und Schwüre, alle bedeutenden Vereinbarungen, die zwischen ihnen ausgetauscht wurden. Thor allein schlug dort zu, von (göttlichem) Zorn erfüllt, denn er bleibt selten sitzen, wenn er solches erfährt.

So wird nun der Baumeister, der nach formhafter Erstarrung strebte, erkannt und von Thor zerschlagen und wieder nach Niflheim zum Brunnen der Geburt gesandt. Also nicht in den Tod nach Niflhel, sondern in den Fluss der Schöpfung, damit die Schöpfung lebendig bleibt.

Aus Sicht der modernen Physik könnte man den Baumeister mit der elektromagnetischen Kraft vergleichen, die die Atome und somit alle körperliche Materie zusammenhält. Das ist der fundamentale Baumeister, der mit Hilfe der Starken Kernkraft als Arbeitspferd die Energie in Form zwingt. Thor wäre dann der Energieimpuls, der sicherstellt, dass diese Form kein Gefängnis der Singularität wird, sondern ein lebendiger, schwingender Raum bleibt.

So sorgt dann auch Loki mithilfe der sexuellen Begierde dafür, dass das Arbeitspferd seinen „unglücklichen Weg“ verlässt. Dazu verwandelt er sich selbst in den weiblichen Gegenpart zum männlichen Pferd, das nun einen „glücklichen Weg“ geht, nämlich die lebendige Schöpfung durch lebendige Fortpflanzung zu beschützen. Auf dem Weg der Vereinigung von Männlich und Weiblich als Geist und Natur wird dann von Loki das graue und achtbeinige Pferd Sleipnir geboren, das „Dahingleitende“. Sein graues Fell erinnert uns daran, dass es ein Geschöpf zwischen Licht und Dunkelheit ist, wie diese ganze Schöpfung. Und seine acht Beine erinnern an ein ganzheitliches Wesen aus vier männlichen und vier weiblichen Beinen, die man auch als acht Säulen der körperlichen Schöpfung deuten kann. Auf diesem achtbeinigen Pferd der lebendigen Schöpfung, das durch seine Ganzheitlichkeit auch langlebig wurde, reitet dann kein Berg- oder Frostriese, sondern Odin selbst als Allvater der Schöpfung und „neunte“ Kraft der Erneuerung, was eine wunderbare Symbolik ist:

Odin auf Sleipnir, dem achtbeinigen Pferd

So wurde von Loki der lebendige Fluss der Schöpfung geboren, um die materielle Erstarrung zu verhindern. Auch hier erscheint Loki wieder als Gegenwirkung und kann sogar das weibliche Wesen der gebärenden Natur annehmen. Ist das gut? Ist das schlecht?

43. Gangleri fragte: Was gibt es von Skidbladnir zu sagen, dem Besten aller Schiffe? Ist nicht irgendein Schiff genauso gut?

Der Hohe antwortete: Skidbladnir ist das beste Schiff und mit höchster Kunstfertigkeit erbaut. Naglfar („Nagelschiff“ als Totenschiff) aber ist das größte Schiff und gehört (zu Ragnarök dem Feuerriesen) Muspel. Viele Zwerge, Söhne des Iwaldi („Ale- bzw. Bier-Kraft“), bauten Skidbladnir und gaben das Schiff Freyr. Es ist so groß, dass alle Asen samt ihren Waffen und Rüstungen darin Platz finden. Sobald das Segel gesetzt ist, hat es Fahrtwind, wohin man auch fahren will. Doch wenn man mit ihm nicht auf See sein soll, ist es aus so vielen Teilen und mit so großer Geschicklichkeit gemacht, dass er (Freyr) es wie ein Tuch zusammenfalten und in seiner Tasche tragen kann.

In diesem Fluss der lebendigen Schöpfung können nun nach der Winterzeit aus der starren Materie auch lebendige Körper entstehen. So ein lebendiger Körper erscheint wie ein Schiff im Wasser des Lebens auf dem Meer der Ursachen, wurde von vielen kleinen Zwergen erbaut und dem Sommergott Freyr übergeben, dem Geist des Sommers. Hier können wir an den Sommer des Lebens denken, an eine Zeit des Wachstums, der Beweglichkeit und der Fruchtbarkeit. Der Name Skidbladnir bedeutet wörtlich „aus dünnen Planken zusammengefügt“. Dies könnte einerseits eine Anspielung auf die Zerbrechlichkeit des lebendigen Körpers sein und andererseits auf das filigrane Kunstwerk der Körperzellen, wo zahllose kleine Naturgeister im Mikrokosmos arbeiten.

Der Vergleich mit dem Totenschiff Naglfar könnte daran erinnern, dass es auch damals schon viele Wesen gab, die am Ende ihres körperlichen Lebens den Tod und das Tote festhalten wollten (wie symbolisch ihre Nägel), also ihren materiellen Körper nicht loslassen konnten. So wird das Totenschiff immer größer, und es ist wohl nicht förderlich für eine lebendige Schöpfung, wenn man dafür seinen Beitrag leistet. Entsprechend wurde oben im 10. Absatz das Wesen von Naglfari mit der Nacht verheiratet. Dies erinnert uns an den Weg der Einzelkämpfer ins dunkle Totenreich, im Gegensatz zum Weg der Einherier in der lebendigen Schöpfung, im „Weinberg Gottes“.

So heißt es dann auch, dass in Skidbladnir, diesem besten Schiff des Lebens, alle Götter mit allen göttlichen Kräften anwesend sind und der freie Wille die Fahrtrichtung im Wind des Geistes bestimmt. Dies erinnert auch an Gymir, der alle Götter zu sich eingeladen hatte, als „Arche“ auf dem Meer zur „Archivierung“ des Überlebens:

Gymir als Ägir

Auch der letzte Satz in der Antwort des „Hohen“ ist sehr mystisch. Wir würden ihn so deuten, dass zwar das Schicksal die Lebensspanne bestimmt, wenn „das Körperschiff nicht mehr auf See sein soll“, aber Freyr die Macht hat, dieses Schiff wie ein Tuch aus Schicksalsfäden zusammenzufalten und in seine Tasche zu stecken. Die Tasche erinnert an das Meer der Ursachen, aus dem sich dann der lebendige Körper im Geburts-Brunnen wieder entfalten kann.

44. Dazu sagte Gangleri: Ein gutes Schiff ist Skidbladnir, doch es muss sehr viel Zauberkunst dabei gewesen sein, ehe es fertig war. Ist Thor niemals an einen Ort gekommen, wo er auf etwas so Mächtiges und Starkes traf, dass es ihm an Stärke und Zauberkraft überlegen gewesen wäre?

Nun fragt wohl der Verstand nach der Zauberkunst, die tote Materie in lebendige Körper verwandelt. Mit dieser Frage kämpft auch unsere moderne Wissenschaft, und vielleicht werden wir nie eine wahre Antwort darauf bekommen. „Zauberkunst“ ist daher ein guter Begriff für dieses Kraft, die lebendig macht. Dies erinnert an die göttliche „Illusions- und Schöpferkraft“, über die wir bereits gesprochen haben. Wir könnten auch von Geist, Information oder Bewusstsein sprechen. Doch was ist das? Offenbar nichts Greifbares.

So kann es auch Gangleris Verstand nicht begreifen. Doch von einem Gott wie Thor, der um die lebendige Schöpfung kämpft, scheint er noch einen Begriff zu haben. Daher fragt er, ob es im Lebenskampf noch etwas Mächtigeres gibt, das ihm an Stärke und Zauberkraft überlegen sei. Und das ist eine wirklich große Frage, um unsere begrenzte Vorstellungswelt zu durchbrechen.

Der Hohe antwortete: Ich glaube, nur wenige können dazu etwas sagen, aber manches ist ihm sehr mühsam gewesen. Doch wenn es wirklich so gewesen wäre, dass irgendetwas so mächtig und stark gewesen wäre und Thor darüber nicht den Sieg hätte gewinnen können, dann sollte nicht davon gesprochen werden. Denn es gibt viele Beispiele dafür, doch alle sollten daran glauben, dass Thor am stärksten ist.

Hier setzt der „Hohe“ wieder das große Ziel, auch in Thor das Höchste und Mächtigste zu erkennen, wie in der Gottheit selbst. Denn sobald man einen Gott als etwas Getrenntes, Unterlegenes oder Bedingtes betrachtet, verliert er sein ganzheitliches Wesen und damit auch seinen höheren Sinn für unseren Verstand. Trotzdem will unser Verstand „darüber“ etwas wissen:

Darauf sagte Gangleri: Mir scheint es, als habe ich euch zu einem Thema befragt, über das niemand etwas erzählen will.

Da sprach der Gleichhohe: Wir haben von Ereignissen gehört, die uns zu unglaublich erscheinen, als dass sie wahr sein könnten. Aber hier sitzt derjenige vor dir, der die Wahrheit zu sagen weiß. Und du solltest nicht glauben, dass er jetzt lügen wird, der nie zuvor gelogen hat.

Gangleri meinte: Hier bleibe ich stehen und höre, ob sich irgendeine Antwort zu dieser Sache findet. Ansonsten sehe ich euch als überwunden an, wenn ihr mir nicht sagen könnt, wonach ich euch frage.

Darauf sprach der Dritte: Es ist nun offensichtlich, dass er diese Begebenheit erfahren will, auch wenn es uns nicht angenehm erscheint, darüber etwas zu sagen.

Nur ungern sprechen die Götter über ihre Grenzen, denn es sind nicht ihre eigenen Grenzen, sondern die Grenzen unserer Verstandes-Vorstellungen. Und das verwechseln wir gewöhnlich. Doch Gangleri scheint nun so weit zu sein, dass sein gewöhnlicher Verstand zu zerbrechen beginnt, und das göttliche Licht leuchten kann. Dazu kommt der „Dritte“ ins Spiel, der an Bragi, den Gott der Dichter, erinnert. Er erzählt eine wunderbare Göttergeschichte, um mit der Kraft von Thor unseren gewöhnlichen Verstand noch weiter zu zerschlagen. Und das nicht nur in Bezug auf die Götter, sondern auch auf unsere Vorstellungen von Leben und Tod. Damit wird im Prinzip das Thema von Skidbladnir fortgesetzt: Was ist Leben, was ist die Zauberei der Illusion, und wie real ist unsere äußere Welt der Körperlichkeit?

Am Anfang dieser Geschichte steht, dass Öku-Thor („Wagen-Thor“) mit seinen Ziegenböcken und dem Wagen loszog, und bei ihm war der Ase, der Loki heißt. Am Abend kamen sie zu einem Bauern und erhielten dort ein Nachtlager. Und an diesem Abend nahm Thor seine Böcke und schlachtete beide. Danach wurden sie abgehäutet und in einen Kessel gegeben. Als sie fertig gekocht waren, setzten sich Thor und sein Begleiter zum Nachtmahl. Er lud auch den Bauern mit seiner Frau und den Kindern zum Essen ein. Der Sohn des Bauern hieß Thjalfi („Begrenzer/Gestalter/Diener“?) und die Tochter Röskva („Tüchtige/Tapfere“). Thor legte die Bocksfelle vor das Feuer und sagte, der Bauer und seine Hausleute sollten die Knochen (unbeschadet) darauf werfen. Doch Thjalfi, der Sohn des Bauern, hielt den Oberschenkelknochen eines Bocks, öffnete ihn mit seinem Messer und brach ihn bis zum Knochenmark auf.

Thor verbrachte dort die Nacht, aber er stand noch vor Tagesanbruch auf und kleidete sich an. Er nahm den Hammer Mjölnir, hob ihn empor und weihte die Bocksfelle. Da standen die Böcke auf, einer jedoch hinkte mit dem Hinterbein. Thor bemerkte dies und sprach, der Bauer oder jemand aus seinem Haus müsse nicht vorsichtig mit den Knochen des Bockes umgegangen sein. Er stellte fest, dass der Oberschenkelknochen gebrochen war.

So verkörpern sich nun Thor und Loki mit ihrem Wagen als Wirkung und Gegenwirkung in unserer Welt. Und von dieser Körperlichkeit ernähren sich hier auch alle verkörperten Wesen. Bauer und Frau kann man symbolisch als Menschen im Spiel von Geist und Natur betrachten. Ihre Kinder erinnern an Verstand und Seele. So ist es dann der Verstand, der die vollkommene Regeneration der Körperlichkeit verhindern kann, in dem er das „Knochenmark“ aufbricht. Dies ist die Essenz, aus der das Körperschiff wieder „entfaltet“ werden kann. Dafür dient Thors Hammer, der für eine lebendige Schöpfung sorgt.

Auch aus moderner medizinischer Sicht hat das Knochenmark eine fundamentale Bedeutung für Regeneration und Erneuerung des Körpers. Ohne ein funktionierendes Knochenmark wären die fortlaufende Erneuerung des Blutes und das natürliche Überleben eines Menschen nicht möglich. Es produziert täglich viele Milliarden neue rote Blutkörperchen, um alte zu ersetzen. Zugleich entstehen dort fortwährend Abwehrzellen, die Infektionen bekämpfen und Heilungsprozesse unterstützen, sowie Blutplättchen, die für die Wundheilung und Blutgerinnung unverzichtbar sind.

Darüber hinaus könnte man symbolisch auch an die Gene der Lebewesen denken. Solange diese nicht zerstört sind, kann ihr Körper reproduziert werden. Und hinter den Genen kann man noch ein Informationsfeld als Grundlage sehen, damit aus den Bausteinen der Atome lebendige Körper entstehen können.

Nicht mehr ist davon zu erzählen. Alle können sich vorstellen, wie erschrocken der Bauer gewesen sein muss, als er sah, wie Thor seine Augenbrauen über die Augen senkte. Doch das, was der Bauer noch von Thors Augen sah, dünkte ihm, als müsse er allein von seinem Blick schon sterben. Thor umschloss den Hammerschaft so fest mit seinen Händen, dass die Fingerknöchel weiß wurden. Der Bauer und seine Familie taten, was zu erwarten war: Sie klagten laut und baten um Schonung. Alles, was sie besaßen, boten sie als Buße an. Als er ihre Angst sah, verging sein Zorn, und er beruhigte sich. Und zum Ausgleich nahm er von ihnen ihre Kinder, Thjalfi und Röskva. Sie sollten seine Diener sein. Seitdem folgen sie ihm überallhin.

So erscheint nun der „gerechte Zorn Gottes“, wenn unser Verstand die lebendige Regeneration in der Schöpfung beeinträchtigt. Was können wir dagegen tun? Am besten, alles Eigene hingeben. Dann übergeben wir Verstand und Seele der Gottheit, um als Einherier zu dienen. Nun geschieht ein großes Wunder: Der Gott nimmt sie an, sodass er selbst auch menschlich wird, und solche Geschichten über seine vermeintliche Schwäche erzählt werden können.

45. Er ließ seine Böcke dort zurück und setzte die Reise ostwärts nach Riesenheim bis zum Meer fort. Dann überquerte er die tiefe See. Und als er auf eine Küste traf, ging er an Land, und mit ihm Loki, Thjalfi und Röskva. Sie waren nur kurze Zeit gelaufen, als sie auf einen großen Wald stießen. Durch diesen gingen sie den ganzen Tag bis zur Dunkelheit. Thjalfi war der schnellste Läufer unter ihnen. Er trug Thors Sack, aber für Wegzehrung war nicht gut gesorgt. Als es dunkel geworden war, suchten sie sich ein Nachtlager und fanden ein außergewöhnlich großes Haus. Die Türöffnung befand sich an einem Ende und nahm die gesamte Breite des Hauses ein. Das nahmen sie sich als Nachtquartier. Aber mitten in der Nacht gab es ein großes Erdbeben, die Erde unter ihnen bewegte sich wellenartig, und das Haus wankte. Da erhob sich Thor und wies auch seine Gefährten an, dies zu tun. Sie tasteten sich vorwärts und fanden auf der rechten Seite der Halle einen Nebenraum, in den sie gingen. Thor setzte sich an den Eingang, die anderen jedoch waren drinnen hinter ihm und fürchteten sich. Aber Thor hielt den Hammer und war bereit, sich zu wehren. Danach hörten sie großen Lärm und Getöse.

So geht nun die Reise nach Osten in Richtung Jötunheim, der Welt der Verkörperung, was natürlich ohne Wagen und Ziegenböcke eher eine geistige Reise ist. Die tiefe See erinnert an das Wasser des Lebens im Meer der Ursachen, und das Land an die materielle Verkörperung in diesem Meer. So gelangten sie alle vier gemeinsam in das Reich der Riesen, den Makrokosmos der Natur. Der große Wald erinnert an den Wald der begrifflichen Vorstellungen, und dort wird es dann auch dunkel für unsere Wahrnehmung. Thjalfi, der als Verstand fast so schnell wie die Gedanken laufen kann, trägt den Vorratssack des Gedächtnisses, der doch nie vollkommen ausreichend erscheint. So „übernachten“ sie gemeinsam in einem Körperhaus, und das Erdbeben erinnert an dessen Vergänglichkeit. Nun kann man sich vorstellen, wie diese vier Gefährten in der Außenwelt der Körperlichkeit zusammen erscheinen, wirken und somit auch leben:

Als der Tag anbrach, ging Thor hinaus und erblickte einen Mann, der nicht weit von ihm im Wald lag. Der war nicht gerade klein, er schlief und schnarchte laut. Da glaubte Thor zu verstehen, was es für Geräusche in der Nacht gewesen waren. Er legte sich den Kraftgürtel an, und ihm erwuchs die Asenkraft. In diesem Augenblick erwachte der Mann und sprang schnell auf. Es wird jedoch erzählt, dass Thor dieses eine Mal zu überrascht war, um ihn mit dem Hammer zu schlagen. So fragte er ihn nach seinem Namen, und er nannte sich Skrymir („Großsprecher“). „Doch dich“, sagte er, „brauche ich nicht nach deinem Namen zu fragen. Ich weiß, dass du Asen-Thor bist. Doch wohin hast du meinen Fäustling (Handschuh) geschleppt?“ Darauf streckte Skrymir seine Hand aus und hob den Fäustling auf. Da sah Thor, dass er ihn in der Nacht für ein Haus gehalten hatte, und der Nebenraum war der Däumling des Fäustlings.

Der anbrechende Tag erinnert an das Erwachen des Bewusstseins, das sich nun „umschaut“. Und der Gott glaubt zusammen mit dem Verstand etwas zu verstehen. Wunderbar! Damit legt er seinen Kraftgürtel an und konzentriert das ganzheitliche Bewusstsein auf eine Form. In diesem Augenblick erwacht diese Form zum Bewusstsein, erhebt sich und wird lebendig. Noch wunderbarer! Und der Verstand lässt diese Form bestehen, weil er vor Überraschung erstarrt ist.

Es ist ein Riese im Makrokosmos, der mit den Körpern der Lebewesen arbeitet, die dann wie seine Handschuhe erscheinen. Ähnlich können wir uns vorstellen, wie in einem menschlichen Körper viele Organe und Zellen leben, mit denen wir arbeiten.

Ein Wunder ist es auch, dass der Riese den Namen von Thor kennt und somit einen Begriff von ihm hat. Damit erinnert er bereits an den Baumeister aus der letzten Geschichte, der die Götter kannte und sich mit einer körperlichen Mauer vor ihnen schützen wollte. Und wie dort die Götter den Baumeister zunächst nicht erkannten, ähnlich hat auch hier Thor keinen Begriff vom Riesen, sodass dieser sich selbst nennen muss. Er heißt Skrymir, was sich als „Großsprecher“ deuten lässt, und wir werden noch hören, was er Großes zu sagen hat.

Skrymir fragte, ob Thor ihn als Reisegefährten haben wolle, was dieser bejahte. Da nahm Skrymir sein Bündel, band es auf und begann zu frühstücken. Doch Thor und seine Begleiter lagerten an anderer Stelle. Skrymir schlug vor, sie sollten gemeinsam essen, und Thor stimmte dem zu. Anschließend schnürte Skrymir ihren gesamten Proviant in ein Bündel und warf es sich über die Schulter. Er ging den Tag über voran und lief mit recht großen Schritten. Spät am Abend wählte Skrymir ihnen ein Nachtlager unter einer großen Eiche, und sprach zu Thor: „Ich möchte mich zum Schlafen niederlegen. Nehmt ihr das Proviantbündel und bereitet euer Nachtmahl.“ Und schon schlief Skrymir ein und schnarchte laut. Thor nahm den Beutel und wollte ihn aufbinden. Doch was davon zu sagen ist, wird unglaublich erscheinen: Keinen Knoten vermochte er zu lösen, und kein Riemenende konnte er bewegen, sodass der Riemen lockerer als vorher geworden wäre.

So gehen sie nun zu fünft durch den Tag eines körperlichen Lebens im Wald der Vorstellungen: Wirkung, Gegenwirkung, Verstand, Seele und Verkörperung. Die große Eiche erinnert an den Baum des Lebens, unter dessen Schutz alle Lebewesen „übernachten“, und das Proviantbündel an das Karma-Bündel unserer angesammelten Ursachen, von dem sich alle Lebewesen mehr oder weniger gemeinsam ernähren. Dass nun die materielle Verkörperung im Makrokosmos dieses Karma-Bündel so fest verschnürt, dass man kaum noch an den Inhalt kommt, und lieber schlafen will, deutet die körperliche Trägheit an. Davon können auch die Yogis ein Lied singen, die bewusst versuchen, dieses Karma auswirken und sich erschöpfen zu lassen, was im Grunde auch die Aufgabe der Einherier ist. Und weil es die Aufgabe der Lebewesen ist, kann auch ein Gott dieses Karma-Bündel nicht öffnen. Doch er wird zornig und versucht, die körperliche Trägheit zu erschlagen:

Als er sah, dass ihm diese Arbeit nicht gelingen konnte, wurde er zornig und ergriff mit beiden Händen den Hammer Mjölnir. Er ging Schritt für Schritt dorthin, wo Skrymir lag, und schlug ihm auf den Kopf. Aber Skrymir erwachte und fragte, ob ein Laubblatt auf seinen Kopf gefallen war und ob sie mit dem Essen fertig und zur Nachtruhe bereit seien. Thor sagte, dass sie sofort schlafen gingen. Darauf begaben sie sich unter eine andere Eiche [oder: auf die andere Seite der Eiche]. Aber dir ist der Wahrheit gemäß zu sagen, dass keiner ohne Furcht schlief. Und mitten in der Nacht hörte Thor, wie Skrymir im tiefen Schlaf so laut schnarchte, dass es im ganzen Wald widerhallte. Da stand er auf und ging zu ihm, schwang den Hammer schnell und voller Kraft, und schlug ihn ihm genau auf den Scheitel. Er merkte, wie die Hammerspitze tief in den Schädel drang. In diesem Moment erwachte Skrymir und fragte: „Was ist denn jetzt wieder? Fiel mir eine Eichel auf den Kopf, und was ist mit dir los, Thor?“ Aber der ging schnell zurück und antwortete, dass er gerade wach geworden war. Der Riese sagte, es sei mitten in der Nacht und noch Zeit zu schlafen. Daraufhin dachte Thor, wenn er die Gelegenheit für einen dritten Schlag bekäme, sollte er ihn niemals mehr erblicken. Aber jetzt legte er sich hin und achtete darauf, ob Skrymir wieder fest schlief. Als er kurz vor Morgengrauen hörte, dass er eingeschlafen sein musste, erhob er sich und lief zu ihm. Er schwang den Hammer mit aller Kraft und schlug ihn auf die Schläfe, die nach oben wies. Der Hammer drang bis zum Schaft in den Kopf.

Wunderbare Symbolik! Darüber kann man tief nachdenken: Die Verkörperung im Makrokosmos will vor allem schlafen und träumen, und das auf der Naturseite des Lebensbaums. Dagegen kämpft Thor mit seinem Hammer an, denn es ist kein friedlicher Schlaf. Dreimal versuchte er es, und der Hammer drang immer tiefer in den Kopf des Riesens ein. Doch er tötete ihn nicht. Das war auch nicht das große Ziel, sondern den formhaft erstarrten Riesen-Verstand zu zerschlagen. Warum das scheinbar nicht gelang, werden wir später noch erfahren. Zumindest erwachte der Riese dreimal, weist nun der Gesellschaft ihren weiteren Weg und zieht sich selbst demütig zurück:

Aber Skrymir setzte sich auf, strich sich über die Schläfe und meinte: „Irgendwelche Vögel müssen über mir im Baum sitzen. Mir schien, als ich aufwachte, dass ein Zweig aus dem Geäst auf meinen Kopf fiel. Bist du wach, Thor? Es wird an der Zeit sein, aufzustehen und sich anzuziehen. Ihr habt nun keinen langen Weg mehr zu der Burg, die Utgard genannt wird („Außen-Garten oder -Gehege“). Ich habe gehört, dass ihr untereinander geflüstert habt, ich sei kein klein gewachsener Mann. Aber ihr werdet noch größere Männer sehen, wenn ihr nach Utgard kommt. Ich will euch noch einen guten Rat geben: Sprecht nicht prahlerisch von euch! Denn die Gefolgsleute Utgardlokis würden wohl solchen Bürschlein keine Großmäuligkeit erlauben. Ansonsten kehrt lieber um. Das scheint mir für euch sowieso besser zu sein. Doch wenn ihr unbedingt weiterreisen wollt, dann zieht nach Osten. Ich muss nun nordwärts zu dem Gebirge, das ihr dort sehen könnt.“ Skrymir nahm sein Bündel, warf es sich über die Schulter und wandte sich seitlich von ihnen weg in den Wald. Und es wird nicht erzählt, dass die Asen den Wunsch hegten, ihn wiederzusehen.

Der Riese strebt weiter nach Norden ins Wanen-Reich der Natur, und seine Gesellschaft schickt er mit freundlichen Ratschlägen nach Osten zur Königsburg von Utgard, dem Zentrum der Verkörperung in der Riesenwelt, bildlich im Stamm des Weltenbaums. Dort herrscht Utgard-Loki, sozusagen ein Loki der Außenwelt des Makrokosmos. Damit erinnert er wieder an die Gegenwirkung des Baumeisters aus der letzten Geschichte. Doch gegen was wirkt die materielle Verkörperung im Makrokosmos? Gegen die geistige Freiheit im Mikrokosmos? Was ist der Sinn der Verkörperung? Wozu entstehen Atome, Moleküle, Sonnen, Erden und körperliche Lebewesen? Damit Verstand und Seele in diese Burg kommen können?

46. Thor und seine Gefährten setzten ihren Weg fort und gingen bis zur Mitte des Tages. Da sahen sie eine Burg auf einem Feld stehen, und sie mussten ihren Kopf weit nach hinten neigen, bis sie darüber hinwegsehen konnten. Dann schritten sie zur Burg, doch am Tor war ein Gitter heruntergelassen. Thor ging zum Gitter, doch konnte es nicht öffnen. Als sie jedoch voller Eifer versuchten, in die Burg zu gelangen, zwängten sie sich durch die Gitterstäbe und kamen auf diese Weise hinein. Sie sahen eine große Halle und gingen dorthin. Die Tür stand offen. Sie traten ein und erblickten auf zwei Bänken viele Männer, von denen die meisten sehr groß waren. Als Nächstes kamen sie vor den König Utgardloki und grüßten ihn.

Offenbar waren die Vier als Wirkung, Gegenwirkung, Verstand und Seele nicht besonders willkommen in der Königsburg der Verkörperung, wie Skrymir bereits andeutete. Doch sie sind geistige Wesen, die sich in jede Körperlichkeit zwingen können, um dann trotz aller Hindernisse im Mittagslicht vor dem König der Verkörperung zu stehen:

Aber er wandte sich ihnen nur langsam zu, grinste verächtlich und meinte: „Spät ist es [Zu lange würde es dauern], bei einem so weiten Weg nach Neuigkeiten zu fragen. Ist es nicht so, wie ich glaube, dass dieser kleine Bursche Öku-Thor („Wagen-Thor“) genannt wird? Doch du könntest mehr sein, als du mir scheinst. Welche Fähigkeiten sind es, die ihr Reisegefährten zu beherrschen meint? Niemand sollte hier bei uns sein, der nicht irgendeine Art von Kenntnis oder Fähigkeit besser als die meisten anderen beherrscht.“

Ähnlich wie von Skrymir, so wird Thor auch von Utgardloki erkannt, und die Verbindung der beiden wird sich später noch offenbaren. Dann redet der König nicht lange um den heißen Brei herum: Ihm geht es nicht um Neuigkeiten aus der weiten Welt, sondern um den Kern und das Wesen seiner Herrschaft, nämlich um Übermacht. Und diesem Anspruch begegnet zuerst Loki, der nach jeder Wirkung immer zuletzt als Gegenwirkung kommt:

Darauf sagte der, welcher zuletzt gekommen war und Loki hieß: „Ich beherrsche die Kunst, die zu erproben ich sofort bereit bin, nämlich dass niemand hier drinnen ist, der schneller sein Mahl isst als ich.“ Utgardloki antwortete: „Das ist wirklich eine Kunst, wenn du sie beherrschst. Sie soll auf die Probe gestellt werden!“ Er rief hinten zur Bank, derjenige namens Logi („Feuer“) solle vortreten und mit Loki in den Wettstreit treten. Dann nahm man einen Trog, stellte ihn auf den Fußboden und füllte ihn mit Fleisch. Loki setzte sich an das eine, Logi an das andere Ende, und jeder aß so schnell wie möglich, bis sie in der Mitte des Troges zusammentrafen. Loki hatte alles Fleisch von den Knochen gegessen. Logi jedoch hatte mit dem ganzen Fleisch noch die Knochen und auch den Trog verschlungen. Deshalb schien es allen, dass Loki den Wettstreit verloren habe.

Zunächst könnte man vermuten, dass Loki nach der langen Reise großen Hunger hatte und mit dieser List schnell an viel Essen kam, zumal Skrymir das Proviantbündel verschlossen hatte. Tiefer betrachtet erinnert diese Schnelligkeit im Verzehren an die schnelle Gegenwirkung auf jede Wirkung. Und damit auch an das Prinzip der Auflösung für jede Schöpfung, sodass alles Entstandene auch mehr oder weniger schnell wieder vergehen muss. Das Verzehren der Knochen erinnert an den Anfang dieser Geschichte, als Thjalfi einen Knochen von Thors Ziegenböcken zerbrach und das Mark verzehrte. Loki hingegen lässt die Knochen heil, damit das Leben erhalten bleibt und sich das Fleisch des Körpers wieder regenerieren kann. Im Gegensatz dazu verzehrte Logi sogar noch den Trog. So werden wir ihn am Ende auch als Feuerriese und übermächtiges Feuer der Vernichtung kennenlernen. Doch in der äußerlichen Welt erscheint es unserem Verstand, dass Loki weniger mächtig war und die Wette verloren hatte.

Daher legt auch die Edda-Forschung großen Wert darauf, Loki und Logi klar zu unterscheiden, obwohl ihre Namen sehr ähnlich klingen, und sie in ihrem Wesen sehr ähnlich beschrieben werden. Für unseren Verstand besteht ihr Unterschied vor allem darin, dass Logi als Feuerriese in Utgard in der Trennung brennt und daher ein Feuer der Vernichtung wird. Während Loki als göttliches Wesen in der Ganzheit wirkt, in der nichts verlorengehen und vernichtet werden kann.

Schließlich kann man noch fragen, warum überhaupt in Utgard, der Königsburg von Jötunheim, ein Feuerriese zu finden ist, der doch eigentlich nach Muspelheim ins Feuerreich gehört? Hier könnte man wieder an die Energie denken, die doch die Grundlage für jede Materie ist, wie wir von E=mc² gelernt haben. So kann sich durch die Bewegung des Lichtes im Raum Energie in Masse verwandeln, und natürlich auch wieder zurück. Vielleicht ist Utgardloki sogar selbst dieser Feuerriese, ein Utgard-Logi?

Danach fragte Utgardloki, was der andere junge Mann leisten könne. Thjalfi antwortete, er könne sich im Wettrennen mit jedem messen, den Utgardloki dazu bestimme. Utgardloki meinte, dies sei eine gute Fähigkeit, und er glaube wohl wirklich, sehr schnell zu sein, wenn er diese Kunst ausübe. Sogleich veranlasste er, dies zu erproben. Utgardloki stand auf und ging hinaus. Dort gab es eine gute Strecke, die man über ein flaches Feld laufen konnte. Dann rief er einen Burschen zu sich, der Hugi („Gedanke“) genannt wurde, und befahl ihm, mit Thjalfi um die Wette zu rennen. Daraufhin begannen sie den ersten Lauf. Und Hugi kam so weit voraus, dass er sich am Ende der Strecke (am Wendepunkt) Thjalfi entgegenkehren konnte. Da meinte Utgardloki: „Thjalfi, du musst versuchen, dich mehr anzustrengen, wenn du das Rennen gewinnen willst. Doch es ist wahr, dass noch keiner hierhergekommen ist, der mir schneller erschien.“ Dann liefen sie ein zweites Rennen. Doch als Hugi das Ziel erreichte und sich umdrehte, war er eine Pfeilschussweite vor Thjalfi. Da sagte Utgardloki: „Gut scheint mir Thjalfi um die Wette zu laufen. Doch ich traue ihm jetzt nicht mehr zu, das Rennen zu gewinnen. Das wird sich zeigen, wenn sie den dritten Lauf austragen.“ Darauf liefen sie noch einmal. Und als Hugi ins Ziel kam und sich umwandte, war Thjalfi noch nicht einmal bis zur Mitte der Strecke gelangt. Darauf sagten alle, der Wettkampf sei entschieden.

Wieder eine wunderbare Symbolik: Ein Wettrennen zwischen Verstand und Gedanke. Wer erreicht schneller sein Ziel? Wer ist mächtiger? Dreimal wird um die Wette gelaufen. Und jedes Mal wird der Verstand langsamer. Was passiert, wenn der Verstand einem Gedanken nachjagt, der immer im gleichen Kreis läuft? Vor allem, wenn er dabei noch ermahnt wird, sich immer mehr anzustrengen? So verliert wohl jeder Verstand seine leichtfüßige Schnelligkeit, je mehr er sich anstrengt, an ein Ziel bindet und kreisende Gedanken jagt, bis er dann förmlich als Verlierer-Verstand „stehen bleibt“.

Auch hier stellt sich schließlich die Frage nach dem Unterschied zwischen Verstand und Gedanke. Ähnlich wie Loki und Logi, so sind auch Thjalfi und Hugi in ihrem Wesen gleich. Doch während der Gedanke in eigenwilliger Trennung lebt, kann der Verstand nach Zusammenhängen suchen und zur Ganzheit streben, je mehr er dem Göttlichen dient, wie Thjalfi Thor. Und doch scheint in der äußerlichen Welt der Vielfalt jeder eigenwillige Gedanke mächtiger zu sein, als ein Verstand, der der Gottheit dient.

Danach fragte Utgardloki Thor, was er für eine Fähigkeit habe, die er ihnen zeigen wolle. Es gebe doch so viele Geschichten, die man über seine großen Taten verfasst habe. Darauf sagte Thor, am liebsten wolle er mit einem Mann um die Wette trinken. Utgardloki meinte, dass dies so sein solle, ging in die Halle und rief seinen Diener. Dem befahl er, das große Strafhorn zu bringen, aus dem die Gefolgsleute gewöhnlich tranken (wenn sie eine Wette oder einen Kampf verloren hatten). Bald darauf trat der Diener mit dem Horn vor und gab es Thor in die Hand. Dazu sprach Utgardloki: „Aus diesem Horn gilt gut getrunken, wenn man es in einem Zug leert. Einige trinken es in zwei Zügen aus, aber niemand ist so ein schwacher Trinker, dass er es nicht in drei Zügen schafft.“ Thor sah sich das Horn an. Es wirkte nicht sehr groß, aber ziemlich lang. Da er sehr durstig war, begann er zu trinken. Er nahm große Schlucke und glaubte, dass er sich nicht öfter zum Horn neigen müsse. Als er jedoch nach Luft schnappen musste und das Horn sinken ließ, sah er, wie viel er getrunken hatte. Es schien ihm, als sei es nur ein ganz kleiner Unterschied, als sei nun kaum weniger im Horn als vorher. Utgardloki meinte: „Gut getrunken, aber nicht viel. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn mir gesagt worden wäre, Asen-Thor könne nicht mehr trinken. Doch ich weiß, dass du es mit dem zweiten Zug leeren wirst.“ Thor antwortete nicht, sondern setzte sich das Horn an den Mund und glaubte, dass er nun mehr trinken werde. Er strengte sich beim Trunk an, bis er Luft holen musste. Dabei sah er, dass die Spitze des Horns immer noch nicht so sehr nach oben wies, wie er es wünschte. Und als er das Horn vom Mund nahm und hineinsah, schien es ihm kaum weniger geworden im Vergleich zum ersten Mal. Zumindest war nun ein gut zu sehender Rand im Horn. Dazu sagte Utgardloki: „Was ist los, Thor? Willst du dich auch beim nächsten Schluck noch schonen, dass es dir von Nutzen sein wird?! Mir scheint, wenn du jetzt den dritten Schluck aus dem Horn nimmst, so muss der als der kräftigste gedacht sein. Wie kannst du bei uns hier als so großer Mann gelten, wie dich die Asen nennen, wenn du nicht in anderen Wettkämpfen mehr von dir zeigst, als hier zu sehen ist?!“ Da wurde Thor wütend, setzte das Horn an seinen Mund und trank so eifrig, wie er konnte. Er strengte sich bei diesem Trank sehr an. Und als er in das Horn sah, war nun am ehesten ein Unterschied auszumachen. Da gab er es zurück und wollte nicht mehr trinken.

Sicherlich war es auch eine Tugend der großen Helden, im Festgelage trinkfest zu sein. Dazu gab es vermutlich auch das große Strafhorn oder Bußhorn (vítishorn), mit dem man den Kummer des Verlierers hinunterspülen und sich wieder als Sieger zeigen konnte. Doch sicherlich geht es in diesem Text um eine tiefere Bedeutung:

Was trinkt ein Gott? Warum trinkt ein Gott? Und warum ist es seine größte Stärke? Von Odin heißt es, dass er nur Wein trinkt, den Wein der Illusions- und Schöpferkraft aus dem Meer der Ursachen. Entsprechend haben wir gleich zu Beginn im Kapitel über das Wesen von Odin die Schöpfung von Mimir kennengelernt, der mit Heimdalls Horn aus dem Mimir-Brunnen an der Wurzel von Yggdrasil die Schöpfung schöpft.

Mimir schöpft aus Odins Pfand and der Wurzel von Yggdrasil

Entsprechend ist auch der Mimir-Brunnen die Quelle und Grundlage von Jötunheim als Riesenwelt der Verkörperung, wie man oben in unserem Bild vom Weltenbaum deutlich erkennen kann. In dieser Hinsicht erinnert uns das „große Strafhorn“ an Heimdalls Horn der Schöpfung. Es ruft sozusagen die Lebewesen aufgrund ihrer karmischen Schuld hervor, damit sie es austrinken, um in ihren reinen Ursprung zurückzukehren.

Der beste Trinker wäre natürlich Gott selbst, weil er allmächtig und grenzenlos ist. Doch warum gelingt es ihm hier nicht, das Strafhorn auszutrinken? Weil Thor mit dem begrenzten Menschenverstand in Raum und Zeit erscheint. Daher strengt er sich wie Thjalfi dreimal an und kann nur eine begrenzte Menge aus dem grenzenlosen Horn trinken. Und wie sich später noch offenbaren wird, ist das bereits unvorstellbar viel, denn dieses Horn liegt mit seiner Spitze im Meer, das an das Meer der Ursachen erinnert. Doch wo trinkt er es hin? So wie er es trinkt, fließt es auch wieder zurück. Gott sei Dank! Sonst würde die Schöpfung zu Ende gehen, ohne ihren Sinn erfüllt zu haben.

Trotzdem scheint es in unserer äußeren Welt eine Schwäche von Gott zu sein, dass er das Strafhorn der Schuld nicht völlig austrinken kann. Dabei ist es doch unsere Aufgabe als Lebewesen, am besten als Einherier. Denn: „Wer sich die Karma-Suppe eingebrockt hat, der muss sie auch auslöffeln.“ Und aus den Göttergeschichten können wir lernen, wie das am besten gelingt und was der beste Löffel dafür ist. Könnten wir Thor jenseits von Zeit und Raum als reine Gottheit erkennen, dann hätten wir mit ihm vereint die ganze Suppe bereits ausgelöffelt, ausgetrunken und verdaut. Dahin weist auch Heidrun, die Licht-Rune als das göttliche Licht-Geheimnis, und Heimdall als heimleuchtendes Bewusstsein. Doch noch herrscht Utgardloki mit seiner Zauberkunst über unseren Verstand:

Dazu meinte Utgardloki: „Offensichtlich ist nun, dass deine Kraft nicht so groß ist, wie wir glaubten. Aber willst du dich noch an weiteren Proben versuchen? Man konnte bisher sehen, dass du hier nichts erreichst.“ Thor antwortete: „Ich kann mich noch weiteren Wettkämpfen stellen. Aber es wäre mir daheim bei den Asen seltsam erschienen, wären solche Schlucke klein genannt worden. Was für einen Wettkampf wollt ihr mir jetzt anbieten?“ Utgardloki sprach: „Junge Burschen machen hier, was als gering angesehen wird, nämlich meine Katze von der Erde hochzuheben. Aber ich könnte nicht so mit Asen-Thor sprechen, hätte ich nicht gesehen, dass du viel unbedeutender bist, als ich dachte.“

Gleich darauf lief eine graue, recht große Katze über die Diele. Und Thor ging zu ihr, umfasste mit seinen Händen die Mitte ihres Leibes und versuchte, sie hochzuheben. Aber die Katze machte einen Buckel, soweit er die Hände ausstreckte. Und als er sie so lang streckte, wie er überhaupt konnte, hob die Katze gerade ein Bein, und Thor konnte diesen Wettkampf nicht weitertreiben. Da meinte Utgardloki: „Der Wettstreit verlief so, wie ich es erwartete. Die Katze ist ziemlich groß. Thor jedoch ist gering und klein unter solchen großen Männern, wie sie hier unter uns sind.“

Die Katze erinnert als Symbol an den Schutz der Häuslichkeit vor gierigen Mäusen. Dafür wurden Katzen oft gehalten und gepflegt. So werden wir später noch erfahren, dass diese Katze für Utgard nichts Geringeres als die mächtige Midgardschlange symbolisierte, die sich um die Menschenwelt schlängelt, um durch Abgrenzung das vermeintliche Eigentum zu beschützen.

In dieser Hinsicht stellten sie Thor erneut ein Grundprinzip ihrer Verkörperung entgegen, um seine Kraft zu prüfen. Und tatsächlich rüttelte er wieder mächtig an den Grundfesten der Riesen. Doch auch hier war es offenbar nicht seine göttliche Aufgabe, dieses Grundprinzip der Verkörperung völlig aufzuheben. Was wiederum dazu führte, dass er selbst als schwach betrachtet wurde. Entsprechend fordert er nun die Riesen heraus, ihn auch selbst anzugreifen und zu besiegen:

Thor sagte: „Bin ich so schwach, wie ihr mich nennt, mag doch einer hierherkommen und mit mir kämpfen - jetzt bin ich wütend.“ Daraufhin sah sich Utgardloki in den Bankreihen um, antwortete und sprach: „Ich sehe keinen Mann hier drinnen, der es nicht als Herabwürdigung betrachtete, mit dir zu kämpfen.“ Und weiter sprach er: „Aber lasst uns sehen. Man rufe meine alte Amme Elli („Alter“) hierher. Mit ihr mag Thor kämpfen, wenn er will. Sie hat schon Männer zu Fall gebracht, die mir nicht schwächer als Thor erschienen.“ Dann kam eine alte Frau in die Halle. Utgardloki sagte, sie solle mit Asen-Thor ringen. Es gibt nichts weiter darüber zu sagen: Der Kampf verlief so, dass sie umso fester stand, je mehr sich Thor im Ringen anstrengte. Dann begann die Alte nach einem Ausweg zu suchen, und Thor wurde unsicher auf den Beinen. Es kam zu einem sehr heftigen Ringkampf, und es dauerte nicht lange, bis er auf ein Knie niedersank. Da trat Utgardloki hinzu und hieß sie, das Ringen zu beenden. Er sagte, Thor könne es sich nicht erlauben, noch weitere Leute aus seiner Gefolgschaft zum Ringkampf herauszufordern. Es war inzwischen Nacht geworden. Utgardloki wies Thor und seinen Gefährten Plätze an, und dort verbrachten sie die Nacht unter guter Bewirtung.

Nach Schuld und Abgrenzung als Grundprinzipien der Verkörperung wird nun die dritte große Herausforderung in den Kampf geführt. Es ist das Prinzip des Alterns, das in der Welt der Verkörperung am meisten gefürchtet wird. Daher erscheint es wohl auch den Riesen als das mächtigste Wesen. Das Symbol der „alten Amme“ ist gut gewählt: Als alte Frau erinnert es an die vergängliche Natur, und als Amme daran, dass man ohne sie nicht gewachsen wäre.

Ohne Altern, kein Wachsen.
Ohne Vergehen, kein Entstehen.

Kann sich Thor als Gott gegen das Altern wehren? Kann er es besiegen? Auch hier wird für unseren Verstand die Dynamik wieder tiefgründig beschrieben: Je mehr er sich anstrengt und dagegen kämpft, desto fester besteht es. Und das ist wohl mit jeder Illusion so: Je mehr man dagegen kämpft, desto mehr manifestiert sie sich als Wirklichkeit. Aber Thor konnte von ihr nicht besiegt werden. Er sank nur auf ein Knie, womit vermutlich sein formhafter Aspekt gemeint ist.

Utgardloki beendete den Kampf und verkündete unserem Verstand: „Was ist das für ein Gott, der nicht einmal eine alte Frau als alternde Natur besiegen kann? Dies ist kein würdiger Gegner für alle Helden aus meiner Gefolgschaft, für alle verkörperten Einzelkämpfer.“ Damit wurde es Nacht in Utgard, und das göttliche Licht versinkt unter die Erde. So „übernachtet“ hier das Göttliche unter „guter Bewirtung“, denn es lebt natürlich auch von der Verkörperung. Und wenn sich das göttliche Licht dann wieder bewegt, kleidet es sich mit seinen Begleitern, die dem Göttlichen dienen, an und rüstet sich für den lebendigen „Aufbruch“ in einer lebendigen Schöpfung:

47. Als es am Morgen tagte, standen Thor und seine Begleiter auf, kleideten sich an und waren gerüstet aufzubrechen. Da kam Utgardloki zu ihnen und ließ das Frühstück bringen. Es mangelte nicht an guter Bewirtung, an Essen und an Trinken. Als sie gegessen hatten, wollten sie aufbrechen. Utgardloki begleitete sie hinaus, und ging mit ihnen ein Stück aus der Burg. Aber beim Abschied sprach er mit Thor und fragte, wie ihm seine Reise zu verlaufen scheine und ob er einen mächtigeren Mann als ihn getroffen habe. Thor sagte, er werde nicht behaupten, dass er bei ihrem Zusammentreffen keine große Schande erfahren habe: „Weiß ich doch, dass ihr mich einen schwachen Mann nennen werdet, und damit bin ich nicht zufrieden.“

So hatte Thor hart gekämpft und doch sein Ziel nicht erreicht, dass man ihn als Stärksten in der Welt anerkannte. Oder doch? Zumindest äußerte er gegenüber dem König von Utgard seine Unzufriedenheit. Beachtenswert ist, dass er innerhalb von Utgard seinen Hammer nicht benutzte, obwohl er mehrfach wütend wurde. Vielleicht wirkte der Hammer innerhalb der Körperburg schon? Ebenso stellt sich die Frage, welche Rolle Röskva auf dieser Reise spielte, die nach der Ankunft in Jötunheim nicht mehr erwähnt wurde. Wenn wir sie als Seele betrachten, neben Thjalfi als menschlichem Verstand, dann müsste sie als Prinzip der Verursachung einen großen Einfluss auf den Verlauf der ganzen Geschichte gehabt haben. Vielleicht kommt uns deswegen diese Geschichte so menschlich vor, so dass auch wir darin unsere Schwächen und Stärken bezüglich der Götter- und Geistesmacht wiederfinden können.

Vielleicht spielte sogar diese ganze Geschichte innerhalb der Körperburg eines Menschen. Und wenn der göttliche Tag anbricht, erwachen wir und rüsten uns, aus der Körperburg „aufzubrechen“, um in unsere wahre Heimat zurückzukehren. Auch Utgardloki verlässt nun zusammen mit Thor und dessen Begleitern die Körperburg. Und was für ein Wunder! Jetzt spricht er nicht mehr überheblich, sondern große Worte der Wahrheit:

Dazu meinte Utgardloki: „Nun will ich dir die Wahrheit sagen, da du aus der Burg heraus bist. Solange ich lebe und zu bestimmen vermag, sollst du niemals wieder in sie hineinkommen. Und ich weiß gewiss, dass du niemals hineingekommen wärst, wenn ich vorher gewusst hätte, wie groß deine Kraft ist. Damit hättest du uns beinahe in größte Gefahr gebracht. Aber ich habe dir Sinnes-Illusionen vorgegaukelt. Das erste Mal traf ich mit euch schon im Wald zusammen. Als du den Proviantsack aufbinden wolltest, hatte ich ihn mit Eisendraht zugebunden, und du fandest nicht heraus, wie er zu lösen war. Als Nächstes hast du mir drei Schläge mit dem Hammer versetzt. Der erste war der schwächste, und er war doch so stark, dass er mir den Tod gebracht hätte, hätte er richtig getroffen. Aber bei meiner Halle hast du einen Berg gesehen, darin waren drei viereckige Täler, und eines war besonders tief: Das waren die Spuren deiner drei Hammerschläge. Diesen Berg schob ich deinen Schlägen entgegen, aber du hast es nicht bemerkt.“

Wow! So offenbart sich nun Utgardloki als Skrymir, als wahrer „Großsprecher“, und spricht wahrlich große Dinge aus: Wenn er die Macht Gottes schon früher erkannt hätte, wäre sie nie in eine Körperburg gekommen. Und wie er das verhindern kann, das erfahren wir am Ende der Geschichte. Dann gibt er auch zu, dass seine Überheblichkeit innerhalb der Körperburg aus Furcht vor der Kraft Gottes geschah. Und aus Furcht hatte er dem göttlichen Geist Sinnes-Illusionen vorgegaukelt. Natürlich vor allem sich selbst, denn nur so war die Verkörperung möglich. Dadurch wollte er seinen karmischen Proviantsack vor dem göttlichen Zugriff sichern und sich als materieller Bergriese verkörpern, um sich vor den göttlichen Hammerschlägen zu schützen. Wunderbar, wer diese Illusionen durchschauen kann!

Warum hatte sie Thor nicht durchschaut? Einerseits, weil er mit dem menschlichen Verstand unterwegs war. Andererseits kann auch Gott nur innerhalb von Illusionen wirksam werden. Womit sollte er sonst wirken? Daher sprechen wir gern von der „Illusions- und Schöpferkraft“ Gottes, die wir symbolisch im Wein erkennen können, von dem sich Odin als göttlicher Allvater und Schöpfergott ernährt. Und so erscheint wohl die gesamte Schöpfung, damit wir die Macht Gottes erkennen und die Illusionen durchschauen können, wie es nun Utgardloki geschieht. Daher spricht er weiter:

„So war es auch bei den Wettkämpfen, die ihr mit meinen Gefolgsleuten austrugt. Den ersten bestritt Loki: Er war sehr hungrig und aß schnell. Aber derjenige, der Logi hieß, war ein wildes Feuer, und es verbrannte nach dem Geschlachteten noch schnell den Trog. Als Thjalfi sich mit dem im Wettrennen maß, der Hugi hieß, war das mein Gedanke. So war es von Thjalfi nicht zu erwarten, dass er überhaupt mit ihm an Schnelligkeit wetteifern konnte. Aber als du aus dem Horn trankst und es dir kaum weniger erschien, weiß ich gewiss, dass dies ein Wunder war, von dem ich nicht glauben konnte, dass es möglich sei. Denn das andere Ende des Horns lag draußen im Meer, aber das sahst du nicht. Doch wenn du jetzt zum Meer kommst, kannst du sehen, wie viel du daraus getrunken hast. Diese Abnahme wird jetzt Ebbe genannt.“

Und weiter sprach er: „Mir erschien es nicht geringer zu sein, als du die Katze anhobst. Und um dir die Wahrheit zu sagen, alle erschraken, als sie sahen, wie du eines ihrer Beine von der Erde hobst. Denn diese Katze war nicht das, als was sie dir erschien. Sie war die Midgardschlange, die um alles Land herumliegt. Kaum war sie noch lang genug, dass Schwanz und Kopf die Erde berühren konnten. Denn du strecktest deine Hände so hoch, dass es nicht mehr weit zum Himmel war. Aber auch beim Ringkampf geschah ein großes Wunder, als du so lange standhieltest und nur auf ein Knie sankst, während du mit Elli kämpftest. Denn niemandem ist es widerfahren und wird es jemals widerfahren, wenn er so alt wird und dem Alter begegnet, dass es ihn nicht zu Fall bringt.“

So erkennt nun Utgardloki die Macht Gottes und offenbart ihr und vor allem sich selbst seine Zauberkunst der Illusion. Das heißt, er wird sich seiner eigenen Illusion bewusst, mit welcher er die Körperburg um sich herum geschaffen hatte. Damit werden im Prinzip auch die Zauberkräfte beschrieben, mit denen das lebendige Körperschiff Skidbladnir geschaffen wurde.

Aus Sicht der modernen Physik könnte man das Feuer von Logi als Energie, den Gedanken von Hugi als Information und das Strafhorn als Informationsfeld und Quantenverschränkung betrachten. Die Katze für den Schutz des Eigentums erinnert an die Starke Kernkraft als Bindungsenergie, und die Amme als Prinzip des Alterns und der Vergänglichkeit erinnert an die Entropie als thermodynamischen Ausgleich. Der Baumeister wäre dann vor allem die elektromagnetische Kraft, so dass aus diesen Grundprinzipien auf dem Meer der Ursachen ein lebendiges Körperschiff entstehen kann. In dieser Hinsicht erinnert auch Utgardloki an den Baumeister der Mauer zwischen geistiger und körperlicher Welt aus der letzten Geschichte.

Dann beschließt Skrymir seine großartige und wahrhafte Rede und spricht:

„Aber nun ist wahrlich zu sagen, dass wir uns trennen müssen. Und es wird für beide Seiten besser sein, wenn ihr mir nicht mehr begegnet. Beim nächsten Mal werde ich meine Burg mit solchen und anderen Illusionen verbergen, sodass ihr keine Macht über mich bekommt.“

Hier könnte man plötzlich wieder zweifeln, ob Skrymir wirklich wahrhaft gesprochen hat: Warum will er sich vom göttlichen Geist „trennen“? Warum will er ihm nicht mehr „begegnen“? Warum spricht er schon wieder von „Illusionen“ und will damit mächtiger als Gott sein? Eine Illusion der Illusionen? Nun, unser menschlicher Verstand kann es wohl nicht anders begreifen. So schwingt nun Thor seinen Hammer, um auch die letzten Reste des formhaften Verstandes zu zerschlagen:

Aber als Thor diese Worte hörte, ergriff er seinen Hammer und schwang ihn durch die Luft. Doch als er zuschlagen wollte, sah er Utgardloki nirgends mehr. Da wandte er sich zur Burg zurück und wollte sie zerschlagen. Doch dort sah er nur noch ein weites und leuchtendes Feld, aber keine Burg mehr. Darauf kehrte er um und setzte seine Reise fort, bis er wieder zurück nach Thrudwang („Kraft-Feld“) kam. Und das ist wahrlich zu sagen, dass er beschlossen hatte zu versuchen, mit der Midgardschlange zusammenzutreffen, was später geschah. Nun glaube ich, niemand kann dir mehr Wahres von dieser Fahrt Thors erzählen.

Wow! Hier erfahren wir nun, wie sich Skrymir künftig vor der göttlichen Übermacht schützt: Zuerst verschwindet der Ego-König, danach auch seine Körperburg. Geniale Lösung! Das Bewusstsein gibt die Identifikation mit einer festen Form auf. Dann gibt es nichts mehr zu zerschlagen und nichts mehr zu verteidigen. Wunderbar!

Denn nur der Baumeister kann auch sein Gebäude wieder abbauen. Das ist das Karmagesetz: „Wer sich die Suppe eingebrockt hat, der muss sie auch auslöffeln.“ Aus geistiger Sicht ist es vor allem der Verstand. Er hat die Fähigkeit zur Unterscheidung und Trennung, um als Einzelkämpfer seine Formhaftigkeit aufzubauen, kann aber auch Zusammenhänge in immer größerem Maßstab erkennen, um als Einherier der Ganzheit zu dienen und seine Formhaftigkeit wieder abzubauen.

War dies vielleicht das große Ziel von Thors Reise? Was wäre Thor schließlich für ein Gott, wenn er versagt und sein Ziel nicht erreichen kann? War sein dritter Hammerschlag doch erfolgreich, wie es anfangs im Text hieß: „Daraufhin dachte Thor, wenn er die Gelegenheit für einen dritten Schlag bekäme, sollte er ihn niemals mehr erblicken.“

Eine ähnlich wunderbare Erfahrung konnte auch die moderne Wissenschaft machen, als sie die Materie näher untersuchte und nichts Festes finden konnte. Ein Wasserstoffatom gleicht einem Olympia-Fußballstadion. Am Anstoßpunkt befindet sich der positive Atomkern, der nicht größer als ein Reiskorn ist und 99.9% der Masse verkörpert. Die negative Atomhülle erstreckt sich bis zu den äußersten Zuschauerrängen, wo irgendwo ein winziges Elektron kreist. Alles andere ist Vakuum, und selbst die „Teilchen“, von denen man gern als Elektronen, Protonen und Neutronen spricht, sind im Grunde nichts festes, sondern nur Wellen. Die scheinbare Festigkeit der Materie ist also nur eine Erscheinung von wechselwirkenden Kräften, sozusagen Thrudwang, das „Kraft-Feld“ als Reich von Thor.

Auch Utgardloki macht nun seinem Namen alle Ehre, denn er ist jetzt der „Loki von Utgard“, also die Gegenwirkung zur Körperburg. So ist wohl auch die vergängliche Verkörperung nur dafür da, um überwunden zu werden und das Unvergängliche zu finden. Daher ist Skidbladnir nicht das größte, aber das beste aller Schiffe. Was für eine großartige Geschichte! Die Illusion der Materie verschwindet, und was bleibt? Ein grenzenlos weites und leuchtendes Feld des Bewusstseins, das nicht mehr von Vorstellungen verstellt, verdunkelt und begrenzt ist. Was für ein Wunder! Gott selbst sieht dieses Feld als ganzheitliches Wesen in seinem eigenen Auge, allein und vollkommen.

Trotzdem vollbringt er auch weiterhin sein Werk in der Schöpfung, im „Feld seiner Kraft“. Hier geht es natürlich vor allem darum, das Grundproblem der Abgrenzung und Trennung zu überwinden, um den Geschöpfen zu helfen, die in die Trennung gefallen sind. Daher dreht sich auch die folgende Geschichte um die Midgardschlange.

48. Da sprach Gangleri: Sehr mächtig ist Utgardloki, ein Meister von Illusion und Zauberei! Man kann aber auch sehen, dass er so mächtig ist, weil er Gefolgsleute hat, die über große Kraft verfügen. Hat sich Thor an ihnen nicht gerächt?

Der Hohe antwortete: Es ist bekannt, auch wenn man kein Gelehrter ist, dass Thor auf der Fahrt, von der jetzt erzählt wird, alles wieder gut machte. Er blieb nicht lange daheim, sondern bereitete sich schnell auf eine neue Reise vor, auf die er keinen Wagen, keine Böcke und keine Begleiter mitnahm. In Gestalt eines jungen Burschen zog er durch Midgard, und eines Abends kam er zu einem Riesen, der Hymir genannt wurde. Dort übernachtete Thor. Und bei Tagesanbruch stand Hymir auf, kleidete sich an und bereitete sich darauf vor, zum Fischen hinaus aufs Meer zu rudern. Aber Thor sprang auf, war schnell fertig und bat Hymir, er möge ihn mit auf die See rudern lassen. Der jedoch sagte, dass er ihm wenig Hilfe sein werde, denn er sei klein und noch ein junger Mann: „Und dich wird frieren, wenn ich so lange dort draußen bleibe, wie ich es gewohnt bin.“ Aber Thor sagte, er könne so weit vom Land wegrudern, dass ungewiss sei, wer von ihnen zuerst auf die Rückkehr drängen werde. Dabei wurde er auf den Riesen so wütend, dass er bereit war, ihn sofort mit dem Hammer zu erschlagen. Doch er ließ davon ab, weil er beabsichtigte, seine Kraft an anderer Stelle zu erproben.

Hier kann man sich nun vorstellen, wie der Baumeister des materiellen Körperschiffes in Midgard als Hymir wiedergeboren wurde und ein weiterer „Tagesablauf“ als das Leben eines verkörperten Wesens beginnt. Der Gott erscheint erneut als „junger Bursche“ und übernachtet zusammen mit dem Baumeister. Als der weltliche Tag anbricht, kleidet sich der Baumeister an und verkörpert sich, um mit seinem Körperschiff auf dem Meer der Ursachen zu rudern und sich Nahrung zu fischen. Bei diesem Fischzug entfernen wir uns nur ungern allzu weit vom vermeintlichen Festland unserer begrenzten Vorstellungswelt. Hier kann man an unser Bild vom Weltenbaum denken, wo Midgard im Zentrum der Krone liegt, von wo aus sich die Äste verzweigen und sich ringsherum alle anderen Welten eröffnen. Meistens wollen wir uns lieber körperlich in Midgard festhalten, weil wir sonst befürchten, unser gewohntes Eigentum zu verlieren und im tiefen Meer unterzugehen.

Hier übernimmt nun Thor seine göttliche Aufgabe und fordert uns sprichwörtlich „heraus“. Interessanterweise erkennt ihn diesmal Hymir nicht als Gott, sondern nur als schwachen Menschen, was sehr an Midgard als unsere Menschenwelt erinnert. Daher könnte man den Namen Hymir etymologisch als „der Verfinsterte“ im Sinne eines Unwissenden deuten. So sehen auch wir uns als schwache Menschen und wollen gern übermächtige Riesen werden. Doch vielleicht liegt gerade in unserer Schwäche die wahre Stärke, in der sich Thor selbst offenbaren kann…

Er fragte Hymir, was sie als Köder benutzen sollten, doch der empfahl ihm, sich selbst einen Köder zu besorgen. Da ging Thor dorthin, wo er eine Ochsenherde sah, die Hymir gehörte. Er packte den größten Ochsen, der Himinhrjodr hieß („Himmelszerstörer“), riss ihm den Kopf ab und ging damit zum Strand. Dort hatte Hymir mittlerweile sein Boot ausgesetzt. Thor ging an Bord und setzte sich hinten auf den Schöpfraum. Er nahm zwei Ruder und ruderte, doch Hymir glaubte, sie bewegten sich wegen seines Ruderns. Denn er saß ganz vorn im Schiff und ruderte schnell. Dann sagte er, sie seien zu den Gründen gekommen, über denen er zu sitzen gewohnt sei, um Flundern zu fangen. Aber Thor meinte, er wolle noch weiterrudern, und so fuhren sie noch schnell eine lange Strecke. Schließlich sagte Hymir, sie seien so weit hinausgefahren, dass es wegen der Midgardschlange gefährlich sei, hier draußen zu bleiben. Thor jedoch wollte noch eine Weile weiterrudern und tat dies auch. Hymir war allerdings in äußerst schlechter Laune.

Der Ochsenkopf aus der Herde des Riesen erinnert symbolisch an den kämpfenden Dickschädel des Ego-Verstandes im Reich der Trennung. Damit wird er zum „Himmelszerstörer“ und zerstört die Ganzheit des Himmels. Doch Thor kann ihn gut verwenden…

So sitzt nun im Körperschiff auch die Gotteskraft, die doch im Grunde alles bewegt. Doch wir glauben gewöhnlich, mit unserer eigenen Kraft das Körperschiff nach eigenem Willen zu bewegen. Und wenn uns manchmal bewusst wird, dass wir eher bewegt werden, sind wir selten froh darüber, wie auch Hymir schlechte Laune bekam. Doch schließlich gelangen wir nur durch diese göttliche Macht zum eigentlichen Ziel unserer Reise.

Aber der Riese fürchtet sich, der Midgardschlange nahezukommen. Warum? Hat er Angst, seine Abgrenzung zu überschreiten, seinen gewohnten Lebensbereich zu verlassen, seine „Komfortzone“? Lieber will er Flundern fangen, Plattfische, die uns symbolisch an flache und oberflächliche Gedanken und Wirkungen erinnern. Und ja, so geht es wohl auch den meisten Menschen. Warum fällt es uns so schwer, die Grenzen unserer gewöhnlichen Welt zu überschreiten und unser Bewusstsein zu erweitern? Dabei bietet die moderne Wissenschaft dazu alle Möglichkeiten, sei es im Mikrokosmos der Quantenphysik oder im Makrokosmos der Astronomie. Mit unserer Technik können wir bereits so tief und weit schauen, finden uns dort aber nicht wieder, weil wir an unserer begrenzten irdischen Lebensform anhaften. Doch die göttliche Macht drängt uns trotzdem zum Ziel der Schöpfung:

Nachdem Thor die Ruder weggelegt hatte, bereitete er eine ziemlich starke Angelschnur vor, und der Angelhaken war nicht kleiner und weniger stark. Er steckte den Ochsenkopf darauf, warf ihn über Bord, und der Angelhaken glitt bis zum Grund.

Und es ist dir wahrlich zu sagen, dass nun Thor die Midgardschlange nicht weniger täuschte, als Utgardloki ihn täuschte, als er mit seinen Händen die Schlange (in Gestalt einer Katze) hochhob. Die Midgardschlange schnappte den Ochsenkopf, und der Haken drang ihr in den Gaumen. Aber als sie das bemerkte, bewegte sie sich so heftig, dass beide Fäuste Thors gegen die Schiffswand schlugen. Darüber wurde er zornig, und es wuchs seine Asenkraft. Er stemmte sich so fest dagegen, dass er beide Beine durch das Schiff stieß und auf den Meeresgrund kam. Dann zog er die Schlange hinauf zum Schiffsrand.

Wenn man den Ochsenkopf als sturen Ego-Verstand betrachtet, dann ist es natürlich kein Wunder, dass die Ego-Schlange der Abgrenzung daran anbeißt. Woran sonst? Vielleicht ist dieser Ego-Verstand sogar nur dafür da, damit Thor das Grundproblem der Trennung vor unseren Augen hervorziehen und uns bewusst machen kann. Natürlich ist das alles ein Spiel der Täuschung, Zauberkraft und Illusion, wie auch das ganze Körperschiff Skidbladnir. Doch dafür ist es bestens geeignet, und Thor kann hier seine ganze Asenkraft zeigen. Dabei steht die göttliche Kraft nicht mehr auf den „dünnen Planken“ von Skidbladnir, sondern auf dem Grund vom Meer der Ursachen und somit auf dem Grund von Allem. Hier könnte man wieder an das reine Bewusstsein denken, den berühmten Stein der Weisen, das Unvergängliche in der Vergänglichkeit. Starke Symbolik!

Das muss man jedoch sagen: Niemand hat je einen so schrecklichen Anblick erlebt, der nicht zusehen konnte, wie Thor mit durchbohrendem Blick die Schlange ansah, während sie von unten hinaufstarrte und Gift blies. Es wird erzählt, der Riese Hymir habe die Gesichtsfarbe gewechselt, sei erbleicht und habe Angst bekommen, als er die Schlange erblickte und sah, wie das Meer ins Boot hinein- und hinausströmte. Doch in dem Augenblick, in dem Thor den Hammer ergriff und durch die Luft schwang, nahm der Riese das Ködermesser und durchschnitt Thors Angelschnur an der Bordwand. Die Schlange versank wieder im Meer, und Thor warf ihr den Hammer nach. Man sagt, dieser habe unter den Wellen ihren Kopf zerschlagen. Ich halte jedoch dies für wahr, um es dir zu erzählen, dass die Midgardschlange immer noch lebt und im Meer liegt. Doch Thor schwang seine Faust und schlug sie Hymir so aufs Ohr, dass dieser über Bord stürzte, und er nur noch dessen Fußsohlen sah. Danach watete Thor an Land.

Die beschriebene Symbolik erinnert an den Aufstieg der Kundalini-Schlange, von dem die indischen Yogis sprechen. Auch sie wissen, dass dies sehr schwer zu ertragen ist.

Was ist das für ein Anblick, den niemand ertragen kann? Hier könnte man über den Untergang von jemandem nachdenken, nämlich unserem abgegrenzten Ego-Wesen der Person. Und das geschieht, wenn die göttliche und ganzheitliche Macht die Schlange der Abgrenzung, die das Gift der Trennung speit, um uns herum zuerst ins Bewusstsein holt und dann zerschlägt. Dabei richtet sich dieser Schlag vor allem gegen unseren Ego-Verstand. Und darin liegt wohl unsere größte Angst: Wer bin ich dann? Wer bin ich, wenn das ganze Meer in meinen Körper hinein- und wieder hinausströmt (wie in unserem Bild von Gymir als Ägir)?

Vermutlich würden wir ähnlich wie Hymir reagieren und die göttliche Angelschnur durchschneiden, während der Gott den Hammer schwingt. Vermutlich auch mit dem „Ködermesser an der Bordwand“, was uns symbolisch an das Messer der Unterscheidung an der Körperhülle erinnert. Doch das nützt offenbar nichts mehr, denn Thor schwingt seinen Hammer niemals umsonst, ohne sein Ziel zu erreichen. Im Gegenteil, uns trifft noch seine Faust, und wir stürzen wie Hymir mit dem Kopf voran in die dunkle Tiefe des Meeres.

Was wäre wohl geschehen, wenn Hymir die Angelschnur nicht zerschnitten, sondern wie ein Yogi vertrauensvoll zugeschaut hätte? Dann wäre es für die göttliche Macht möglich gewesen, auch den Kopf von Hymir nach oben in den Himmel der Ganzheit zu ziehen, nach Walhall zu den Einheriern oder sogar ins reine Himmelslicht. Doch Hymir wehrte sich dagegen. So musste sein Wesen wieder umgekehrt werden, und er stürzte kopfüber in die dunkle Tiefe.

So hatte Thor zumindest die Midgardschlange von Hymir zerschlagen. Doch Hymir selbst hatte sie nicht besiegt, so dass sein formhafter Riesenkopf bzw. Verstand zusammen mit dem Körperschiff wieder ins Meer der Ursachen versank. So lebt auch die Midgardschlange unserer Menschenwelt weiter im Meer der Ursachen, die Thor erst zu Ragnarök zerschlagen wird.

Trotzdem war es schon ein großer Erfolg, denn zumindest ist das Grundproblem bewusst geworden. Wie auch schon viele Yogis die Kundalini-Schlange aufsteigen und sich auswirken ließen und damit den Yoga-Weg bewusst gemacht haben.

Und Hymir? Ist er nun tot? Im Prinzip ja, denn er hat die Angelschnur zerschnitten und ist damit wieder in die Trennung gefallen, also kein Einherier geworden. Doch was bedeutet der Tod? Können Götter töten? Wie wird aus einem lebendigen Körperschiff ein Totenschiff? Davon handelt nun die nächste Geschichte, die ebenfalls der „Hohe“ erzählt.

49. Da fragte Gangleri: Haben sich noch andere Abenteuer mit den Asen ereignet? Eine ungeheure Heldentat vollbrachte Thor auf dieser Fahrt.

Der Hohe antwortete: Es muss auch von der Begebenheit erzählt werden, die den Asen sehr übel erschien. Der Anfang dieser Geschichte ist, dass Balder, der Gute, heftige und für sein Leben Gefahr androhende Träume hatte. Als er den Asen von diesen Träumen erzählte, hielten sie gemeinsam Rat, und es wurde beschlossen, gegenüber Balder eine Friedenszusicherung für alle Arten der Gefahr zu verlangen. So nahm Frigg Eide darüber ab, dass Feuer und Wasser Balder verschonen sollten, ebenso Eisen und alle Metallarten, Steine, die Erde, sowie die Bäume und alle Krankheiten, die Tiere, die Vögel, sowie das Gift und die Schlangen. Als dies beschlossen und bekannt wurde, geschah es zur Unterhaltung Balders und der Asen, dass er sich vor die Versammlung stellen sollte. Und von allen anderen sollten manche auf ihn schießen, andere nach ihm schlagen, wieder andere Steine werfen. Was auch gemacht wurde, doch nichts schadete ihm, und das schien allen ein großer Vorteil.

Wer kann das verstehen, wenn ein Gott von seinem Tod träumt und seinen Untergang fürchtet? Ja, als Menschen können wir das verstehen. Und darum geht es wohl in dieser Geschichte. Thor hat seinen Hammer nicht umsonst nach der Midgardschlange geworfen. Nun schwinden langsam die Grenzen zwischen Midgard und den anderen Welten. Die Mauer zwischen der geistigen und der körperlichen Welt zerbröckelt. Nachdem sich Thor mit Thjalfi und Röskva als Menschenverstand und Menschenseele verbunden hatte, beschreibt der „Hohe“ nun, wie auch die anderen Götter immer menschlicher werden. Und warum? Damit sich die Menschen in den Göttern wiedererkennen können. Daher sagt man auch:

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde.“

So scheinen nun auch die Götter wie wir Menschen zu träumen und sich nicht mehr bewusst zu sein, dass es nur ein Traum ist. Das bedeutet, dass sie sich mit den Formen identifizieren, die sie als Aspekte der ganzheitlichen Gottheit angenommen haben. So kann sich das formlose Licht des Bewusstseins mit den Formen identifizieren, die im Licht erscheinen. Wunderbar! Und daher dreht sich diese Geschichte des Träumens sicherlich nicht zufällig um Balder, den Gott des Lichtes.

Das Licht ist in unserer Welt eine äußerst merkwürdige Erscheinung, vielleicht sogar die wichtigste und grundlegendste des Bewusstseins. Auch die moderne Wissenschaft hat erstaunliche Erkenntnisse über das Licht gewonnen: Nicht nur, dass man Licht einfrieren und in Materie verwandeln kann, sondern auch, dass die Lichtgeschwindigkeit die schnellste Bewegung im Universum ist. Das Licht für sich selbst sei sogar unendlich schnell und damit überall gleichzeitig. Nur durch Beobachtung erscheint eine endliche Geschwindigkeit. In dieser Hinsicht hat das Licht auch eine gewisse Ewigkeit, solange es nicht durch einen Beobachter in Raum und Zeit gebunden wird. Dies erinnert uns wieder an die beiden Augen Odins. Sobald also Licht gesehen wird, wird es vergänglich, und doch wandelt es sich nur.

Um dieses grundlegende Thema scheint sich auch diese Geschichte von Balders Tod zu drehen: Wie kann das ewige Licht scheinbar vergänglich werden und sogar sterben? Um dies zu verdeutlichen, versuchen die Götter, Balders Traum ernst zu nehmen, und seine sichtbare Form vor dem Tod zu beschützen.

Doch was geschieht, wenn das Licht auch in seiner Form unsterblich sein will, sozusagen als Photon im Reich der Wirkung? Dann müsste man dafür sorgen, dass niemand mehr ein Photon ergreifen und absorbieren darf. Diese Aufgabe übernimmt nun in dieser Geschichte Frigg, die Allmutter und Ehefrau von Odin, in der wir die Seele der Natur sehen können, die im Reich der Verursachung für die nötigen „Eide“ sorgt. Das scheint zunächst sogar zu gelingen. Wunderbar!

Doch was würde physikalisch passieren, wenn kein Teilchen im Universum mehr ein Photon verletzen bzw. absorbieren dürfte? Dann würde die Welt, wie wir sie kennen, sofort untergehen. Kein Auge könnte noch etwas sehen. Die Materie würde sich auflösen, und alle Moleküle und Atome würden zerfallen. Das Universum würde im „Big Freeze“ enden. Wow! So können wir uns gut vorstellen, wie nun die Götter mit ihrem Wunsch nach formhafter Unsterblichkeit, der vor allem ein menschlicher Wunsch ist, sogleich auch den Weg zum Untergang der Schöpfung eingeläutet haben, der zu Ragnarök führt.

Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
(Eins und Alles, Goethe)

Doch es gibt natürlich auch Ursachen, dass dies nicht sofort geschieht. So erscheint nun zu dieser göttlichen Wirkung die natürliche Gegenwirkung von Loki, die mit dem Anspruch der Götter regelrecht herausgefordert wurde:

Das sah Loki, Laufeys Sohn, dem nicht gefiel, dass Balder unverletzbar war. Er ging nach Fensalir („Sumpf- bzw. Wasserhalle“) zu Frigg und nahm die Gestalt einer Frau an. Da fragte Frigg, ob diese Frau wisse, was die Asen auf der Thing-Versammlung täten. Sie sagte, dass alle auf Balder schössen und dass ihn nichts verletzte. Dazu meinte Frigg: „Weder Waffen noch Bäume werden ihm ein Leid zufügen. Von ihnen allen habe ich Eide genommen.“ Die Frau fragte: „Haben alle Dinge geschworen, Balder zu verschonen?“ Darauf antwortete Frigg: „Westlich von Walhall wächst ein Baumspross, der wird Mistelzweig genannt. Er schien mir zu jung, um von ihm den Eid zu fordern.“ Sofort brach die Frau auf. Und Loki ergriff den Mistelzweig, riss ihn ab und ging zum Thing. Dort stand Hödur weit außerhalb des Versammlungskreises, denn er war blind. Da fragte ihn Loki: „Warum schießt du nicht auf Balder?“ Er antwortete: „Weil ich nicht sehe, wo er steht, und zum anderen, weil ich keine Waffe habe.“ Loki meinte: „Mach es doch so, wie die anderen, und erweise Balder die Ehre wie sie. Ich werde dich dorthin weisen, wo er steht. Wirf diesen Zweig nach ihm!“ Hödur nahm den Mistelzweig und schoss ihn nach Lokis Anweisung auf Balder. Das Geschoss durchbohrte diesen, und er stürzte tot auf die Erde. Deshalb entstand das größte Leid unter Göttern wie unter Menschen.

In Frigg können wir die Seele der Natur und das Prinzip der Verursachung erkennen. Entsprechend fragt sie nach den Wirkungen und erklärt die Ursachen. Ihre Halle ist Fensalir, die „Sumpf- bzw. Wasserhalle“, die man als Meer der Ursachen deuten kann. In diesem Wasser des Lebens versinkt irgendwann jedes Geschöpf, um daraus wieder geschöpft und geboren zu werden. Um in diese Halle zu gelangen, muss sich Loki als männlicher Geist in eine weibliche Seele verwandeln. So kann er im Meer der Ursachen sowohl die Ursache für die Unverletzbarkeit von Balder finden, als auch die Ursache für seine Verletzbarkeit. Danach kehrt er von dort zurück und verwandelt sich wieder in den männlichen Geist der Wirkung. Wunderbar!

Das Werkzeug für die Wirkung ist ein Mistelzweig, der „westlich von Walhall wächst“, wo die Sonne untergeht, also im Nacht- und Traumbewusstsein unserer vergänglichen Welt. Die Mistel ist ein altes und sehr mystisches Symbol. Sie hat ihre Wurzeln nicht in der Erde, sondern wächst sozusagen im Baum des Lebens zwischen Himmel und Erde, wie zwischen Geist und Natur. So ist sie relativ „ungebunden“, auch bezüglich der Eide und Verantwortung, und das war vielleicht der Grund, warum sie der Frigg zu jung, unmündig und schwach erschien. Doch gerade in der Ungebundenheit liegt oft die größte Stärke, und auch die Voraussetzung für eine lebendige Welt. Denn eine vollständig gebundene Welt wäre tot.

Der Handelnde ist Hödur, der blinde Gott der Dunkelheit, der als Balders Bruder geboren wurde, dem strahlenden Gott der Lichtheit. Zwischen diesen beiden ewigen Prinzipien kann die lebendige Schöpfung unserer sichtbaren Welt im harmonischen Spiel der Gegensätze erscheinen.

Auch unsere moderne Wissenschaft kennt Prinzipien im Universum, die sich den „Eiden“ der Naturgesetze über Ursache und Wirkung entziehen können. Hier kann man an die Quantenfluktuation oder Schwache Kernkraft denken, die für eine lebendige Schöpfung sorgen. Vor allem die Schwache Kernkraft erinnert an den schwachen Mistelzweig im mächtigen Baum des Lebens. Sie wirkt viel unscheinbarer als die elektromagnetische Kraft oder die Starke Kernkraft, sorgt jedoch unter anderem für Symmetrieverletzungen und radioaktiven Zerfall. Ohne sie gäbe es keine Sonnen, keine Energieumwandlung und keine Chemie des körperlichen Lebens.

Was wäre denn das Leben ohne Veränderung? Selbst das ewige Leben kennt die Veränderung von Formen, ein ewiges Entstehen und Vergehen. Warum ist dies das größte Leid unter Göttern wie unter Menschen, wie es im letzten Satz heißt? Hier zeigt sich erneut die Verbindung zwischen Göttern und Menschen, wie nun offenbar beide an den Formen haften. Und es gibt wohl wirklich kein größeres Leid in unserer Welt als die Anhaftung an Formen. Daraus entsteht die Vorstellung vom Tod. Und wie wir Menschen, so erstarren nun auch die Götter in diesem Verstand:

Als Balder niedergefallen war, konnten alle Asen kein Wort mehr sagen und die Hände nicht erheben, um ihn anzufassen, und sie sahen sich an. Alle waren darüber einer Meinung, wer dies getan habe, aber niemand konnte ihn rächen, denn dort war eine große Friedensstätte. Und als die Asen zu sprechen versuchten, da war es doch eher, dass sie in Tränen ausbrachen. Darum konnte keiner gegenüber dem anderen seinen Schmerz in Worte fassen. Aber Odin erlitt diesen Verlust am übelsten unter ihnen, denn er wusste am meisten davon, welch großer Schaden und Verlust den Asen durch Balders Tod entstanden war.

Wie kann es sein, dass göttliche Vernunft in körperlichem Verstand erstarrt? Denn auch der angesprochene „große Frieden“ in der Thing-Versammlung ist offenbar mehr erstarrt als lebendig. Nun, göttliche Vernunft ist ganzheitliche Vernunft und muss natürlich von allen Wesen in der Schöpfung getragen werden, auch von uns Menschen. Wenn dies nicht geschieht, leiden auch die Götter durch uns Menschen, und vor allem Odin als Allvater. Daher kann sich zunächst jeder selbst fragen, inwieweit die Vernunft als ganzheitliches Bewusstsein in ihm lebendig oder erstarrt ist? In dieser Hinsicht wird hier auch die göttlich-ganzheitliche Macht angesprochen, die jeder Mensch in sich hat und dessen er sich bewusst werden kann.

Wie können wir nun mit Vernunft und Verstand dieses reine Licht des Bewusstseins wieder lebendig machen?

Als die Götter wieder zur Besinnung kamen, da sprach Frigg und fragte, wer unter den Asen sei, der all ihre Zuneigung und Gunst gewinnen wolle, indem er auf den Helweg reite und versuche, Balder zu finden und Hel ein Lösegeld zu bieten, wenn sie Balder nach Asgard heimziehen lasse. Und es war derjenige mit Namen Hermodr („Heermut“ als Götterbote), der Tapfere, ein Sohn Odins, der sich zu dieser Reise bereitfand. Man nahm Sleipnir („das Dahingleitende“), Odins Pferd, und führte es vor. Hermodr bestieg es und brach auf.

Hier zeigt sich bereits deutlich die Umkehrung der Welt, als die Götter zur „Besinnung“ kamen: Die Seele der Natur, die sich eigentlich um die Körperlichkeit kümmern sollte, sorgt sich nun um den geistigen Weg von Balder und sieht ihn in die Hel gehen. Und das große Ziel der Seele als Verursachung in der Natur besteht darin, das Licht des Bewusstseins von dort wieder zu erlösen und in die ganzheitliche Götterwelt zu holen. Wunderbar! Das Lösegeld erinnert an die Geschichte von der Otterbuße und das Gold der Wahrheit.

Wer ist für diese große Aufgabe bereit? Hier kommt Hermodr ins Spiel, der dritte Bruder zwischen Hödur und Balder, der im Heer den Mut dazu hat. Dies erinnert wieder an das Heer der Einherier, und darin besteht wohl auch die große Botschaft der lebendigen Schöpfung zwischen Lichtheit und Dunkelheit. So reitet er auch auf Odins Pferd, in dem man die gesamte körperliche Schöpfung sehen kann, um seine Aufgabe als Götterbote zu erfüllen.

An dieser Stelle kann man über die seltsame Behauptung nachdenken, dass die Wikinger unbedingt durch Waffengewalt sterben wollten, um nach Walhall zu kommen. Dagegen wird hier deutlich beschrieben, dass nicht einmal ein Gott wie Balder durch dieses Mittel nach Walhall kommt. So liegt es offenbar nicht an der Waffengewalt, sondern mehr an der Anhaftung am Körper, welchen Weg man geht.

Und wie sich die Seele der Natur um den Geist von Balder sorgt, so sorgen sich nun die Götter verrückterweise um seinen Körper:

Aber die Asen nahmen den Leichnam Balders und brachten ihn zum Meer. Hringhorni („Ring-Horn“) hieß sein Schiff, es war das größte aller Schiffe. Die Götter wollten es zu Wasser lassen und darauf Balder verbrennen, aber das Schiff rührte sich nicht. Darauf wurde nach Riesenheim zu der Riesin gesandt, die Hyrrokkin hieß („Feuer-Zorn“). Als sie kam, ritt sie auf einem Wolf und hatte eine Giftschlange als Zügel. Sie stieg von ihrem Reittier, und Odin rief nach vier Berserkern (todesmutigen Helden), die darauf aufpassen sollten. Aber sie konnten es nicht eher halten, bis sie es niederwarfen. Derweil ging Hyrrokkin zum Vordersteven des Schiffes und stieß es mit dem ersten Ruck so an, dass Feuer von den Schiffsrollen schoss und das ganze Land bebte. Das erzürnte Thor. Er griff nach dem Hammer und hätte ihr den Schädel zerschlagen, hätten nicht alle Götter um Frieden für sie gebeten. Danach wurde Balders Leichnam auf das Schiff getragen. Als dies aber seine Frau Nanna („Mutter/Wagemutige“) sah, Neps Tochter, brach ihr vor Kummer das Herz, und sie starb. Sie wurde ebenfalls auf den Scheiterhaufen gebracht, und den entzündete man. Thor stand davor und weihte ihn mit Mjölnir (seinem Hammer „Zermalmer“). Aber ein Zwerg, der Lit genannt wird („farbige Gestaltung“), lief ihm vor die Füße. Thor trat mit seinem Fuß nach ihm und stieß ihn ins Feuer, wo er verbrannte.

Was könnte man sich unter dem Schiff des Lichtgottes vorstellen? Eigentlich alles, was als Formen im Licht des Bewusstseins erscheinen kann. Damit ist es natürlich das größte aller Schiffe. Der Name Hringhorni bedeutet „Ring-Horn“ und erinnert an den Ring der Erneuerung, weil sich alle Formen des Lichtes beständig verwandeln, sowie an das Horn von Heimdall, denn darin liegt auch die große Botschaft der Schöpfung. Doch mit der Anhaftung an eine Form und dem Verbot der Verletzung wurde dieses Schiff zu einem Totenschiff, wie auch Naglfari als das größte Schiff bezeichnet wird. Daher können es die Götter nicht mehr bewegen, denn sie selbst haben für diese Anhaftung gesorgt, natürlich in Verbindung mit dem Verstand der Menschen, die an ihrer Körperlichkeit anhaften. Darin kann man den großen Unterschied zwischen Skidbladnir und Naglfari sehen, einem lebendigen Körperschiff der Verwandlung und einem Totenschiff der formhaften Erstarrung. Und wir können uns gut vorstellen, wie das erstere auf dem Wasser des Lebens segelt und das andere im Meer der Ursachen versinkt.

Doch wie kann man nun einen Körper verbrennen, wenn sich nichts mehr bewegen und verändern darf? Ohne die Beweglichkeit des Lichtes lässt sich keine Masse in Energie umwandeln, wie wir von E=mc² wissen. Dann ließe sich nicht einmal mehr der Eber Sährimnir in Walhall kochen. Wer kann helfen?

Auch hier erscheint eine verkehrte Welt: Wie Thor bisher die Seele der Berg- und Frostriesen zerschlagen hatte, die zur Erstarrung neigten, so holen sich nun die Götter gerade von dort Hilfe. So war es wohl gut, dass Thor seine Aufgabe erfüllt hatte, denn nun kann die Riesin den Göttern gegen ihre Erstarrung helfen. Das klingt verrückt, ist aber das Prinzip einer ganzheitlichen Welt, in der nichts verlorengehen kann. Zumal Thor selbst dafür gesorgt hatte, dass die Midgardschlange ihrer Aufgabe in Midgard „enthoben“ wurde, sodass nun die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen. Dadurch wurde es für den Menschenverstand in Midgard möglich, dass sogar ein Gott aus Asgard sterben und nach Niflhel gehen konnte.

So kommt nun eine Riesin als „Feuer-Zorn“ auf dem Wolf der Vergänglichkeit geritten, den sie mit der giftspeienden Ego-Schlange zügelt. Selbst diesen gezähmten Wolf können die Götter nur noch mit äußerster Mühe eine Weile beherrschen. Doch die Riesin kann das Schiff mit einem kurzen Ruck bewegen, und zwar so kraftvoll und feurig, dass es eine große Schande für die Götter war, und die ganze Welt erbebte.

Das erzürnte vor allem Thor, der als Stärkster der Asen gilt und sich dafür mit seinem Hammer rächen wollte. Aber auch diese Freiheit hatte er nicht mehr, sodass er seinen Zorn an einem Zwerg auslassen musste. Damit warf er im Prinzip auch die Gestaltungskraft der Zwerge ins Feuer. Und dieses Feuer der Zerstörung wird nun bis Ragnarök immer weiter wachsen. Denn offenbar hatte die gesamte Schöpfung ihren Höhepunkt erreicht und geht nun ihrem natürlichen Untergang entgegen. So kann man sich vorstellen, wie sich auch die gesamte Schöpfung in ein Totenschiff verwandelt, das auf Ragnarök zusteuert, ähnlich wie Hermodr auf Sleipnir den Helweg reitet. Trotzdem weihte Thor mit seinem Hammer den Scheiterhaufen, sicherlich in der Hoffnung, dass daraus wieder Leben entstehen kann.

In Nanna, der Ehefrau von Balder, können wir Mutter Natur sehen. Wie Frigg die Seele der Natur versinnbildlicht, so könnte hier Nanna für die äußere Natur stehen, die nun mit dem scheinbaren Tod des Lichtes ebenfalls eine tote Natur wird. Denn wenn das Licht des Geistes tot ist, dann ist auch das Licht der Natur tot, wie es auch unsere moderne Naturwissenschaft sieht. Der gemeinsame Sohn von Nanna und Balder heißt Forseti, der „Vorsitzende“ als Gott der Gerechtigkeit, in dem man den Sinn der gesamten Schöpfung sehen kann. Doch er wird in dieser Geschichte nicht erwähnt, wirkt aber sicherlich auch im Sinne von Loki mit. Dafür wird ihr Vater Nep genannt, der über das altnordische Wort „napr“ an „kalt“ erinnert, und damit an den Frostriesen Ymir, der zu einer lebendigen Natur wieder „aufgetaut“ wurde. Doch nun setzt erneut die allgemeine Erstarrung ein, der thermische Wärmetod einer „Feuerbestattung“ im Meer des Lebens, der dann im „Big Freeze“ endet.

Zu dieser Feuerbestattung kam Volk aus vielen Geschlechtern: Zuerst ist von Odin zu erzählen, dass mit ihm Frigg kam, sowie die Walküren und seine Raben. Freyr kam in seinem Wagen mit dem Eber, der Gullinborsti („Goldmähne“) oder Slidrugtanni („Scharfer Zahn/Schreck-Hauer“) heißt. Heimdall (der „Heimleuchtende“) ritt auf dem Pferd namens Gulltop („Goldschopf“), und Freya fuhr mit ihrem Katzengespann. Dazu kamen auch viele Frost- und Bergriesen. Odin legte auf den Scheiterhaufen den Goldring, der Draupnir („Tröpfler“) heißt. Der besaß die Eigenschaft, dass jede neunte Nacht acht gleich schwere Goldringe von ihm abtropften. Auch Balders Pferd wurde mit seinem ganzen Zaumzeug auf den Holzstapel geführt.

Wer nimmt nun Anteil an dieser „Feuerbestattung“, die den Untergang der Schöpfung einleitet? Zuerst natürlich Odin als Allvater, der mit dem Wesen von Balder am nächsten verwandt ist. Mit ihm kommen Frigg als Seele der Natur und die Walküren als seine Dienerinnen, die den gefallenen Geschöpfen helfen sollen, zu denen nun auch der Leichnam von Balder gehört. Dazu kommen auch seine beiden Raben Hugin und Munin als Gedanken und Gedächtnis, denn diese ganze Geschichte ist natürlich ein Spiel von Gedanken und Gedächtnis. Zu ihnen gesellen sich Freyr als Sommergott und Freya als Liebesgöttin, die wohl mit Balder am meisten verloren haben. Interessanterweise kommen, vermutlich im Gefolge der Riesin, auch die Frost- und Bergriesen aus dem Makrokosmos, deren natürliches Wesen es ist, die Formen des Lichtes festhalten zu wollen, weshalb sie auch deren Verlust zutiefst bedauern. Glücklicherweise kommt auch Heimdall als göttliches Bewusstsein, um Balder den Heimweg aus der Dunkelheit zu erleuchten, von der er getötet wurde.

Was fehlt, sind die Zwerge aus dem Mikrokosmos, die Thor verstoßen hat, und natürlich Hönir als göttliche Vernunft, wie auch Loki als Gegenspieler zu Odin. Auch der blinde Hödur wird nicht mehr angesprochen, der sich wohl mittlerweile verzogen hat, doch darüber werden wir später noch nachdenken.

Wie Thor mit seinem Hammer den Scheiterhaufen segnete und dabei den Mikrokosmos der Gestaltung mit ins Feuer warf, so ähnlich legt nun auch Odin den Goldring der Erneuerung auf den Scheiterhaufen, sicherlich in der Hoffnung, Balder wieder zum Leben zu erwecken. Doch damit gibt er auch die Macht der Erneuerung aus seiner göttlichen Hand. Über das Wesen dieses Goldrings haben wir im Abschnitt Draupnir, Ring der Erneuerung bereits ausführlich nachgedacht.

Schließlich wird auch betont, dass alle Göttersöhne und -töchter auf ihren körperlichen Gefährten als formhafte Aspekte erscheinen. Damit finden wir hier als Schiffe, Wagen, Reit- und Zugtiere viele Symbole für das Wesen der Körperlichkeit, die verschiedene Aspekte auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck bringen, über die man viel nachdenken kann. Wie auch die vielen Götter verschiedene Aspekte für das Wesen der einen Gottheit symbolisieren. So wird dann auch Balders Pferd mit allem Zaumzeug auf den Scheiterhaufen geführt, was noch einmal deutlich daran erinnert, dass es hier um den Tod und die Bestattung einer körperlich gebundenen Form des Lichtgottes geht.

Dies geschah sozusagen aus körperlicher Sicht der Natur. Und was geschieht aus geistiger Sicht?

Aber von Hermodr ist zu erzählen, dass er neun Nächte lang durch dunkle und tiefe Täler ritt, sodass er nichts sah, bis er zum Fluss Gjöll (dem Totenfluss „Widerhall“) kam und auf die Gjöll-Brücke ritt. Sie ist mit leuchtendem Gold gedeckt. Modgud („Mut-Göttin“) wird die Jungfrau genannt, die die Brücke bewacht. Sie fragte ihn nach seinem Namen und nach seiner Herkunft und sprach: „Am Tag zuvor sind hier fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten. Aber unter dir allein ertönt die Brücke noch mehr, und du hast nicht das Aussehen toter Männer. Warum reitest du hier auf dem Helweg?“ Er antwortete: „Ich will zu Hel reiten, um Balder zu suchen. Oder hast du ihn vielleicht auf dem Helweg gesehen?“ Sie sagte: „Er ist hier über die Gjöll-Brücke geritten, und hinunter nach Norden verläuft der Helweg.“

Hier wird nun in der geistigen Welt die Dunkelheit beschrieben, die wir physikalisch vorausgesehen haben, wenn kein Licht mehr verletzt bzw. absorbiert werden darf. Und doch scheint auch in dieser Finsternis das Licht, aber die Finsternis kann es nicht mehr erkennen, so dass hier im tiefen Tal ein vermeintlicher Fluss des Todes fließt.

Der Name Gjöll ist wunderlich für den Totenfluss. Denn der Name bedeutet auch „Kampflärm und Geschrei“, während man hier tote Stille erwartet, wo die toten Männer bzw. Geister über die Brücke reiten. Da aber die „neun Nächte“ nach der Dunkelheit bereits an die Erneuerung erinnern, ist es wohl besser, den Fluss „Widerhall“ zu nennen. Damit fließt er zwischen den beiden Ufern von Leben und Tod und muss nicht unbedingt in der Hel als dunkle Höhle des Bewusstseins enden, sondern kann auch wieder zurückkehren. Daher ist wohl auch die Brücke mit leuchtendem Gold bedeckt, denn sogar hier geht das Licht der Wahrheit nicht verloren. Ja, vor allem hier, zwischen Leben und Tod, ist es zu finden.

Die große Frage ist, ob man nicht nur den Mut hat, über diese Brücke in den Tod zu gehen, sondern auch ins Leben zurückzukehren, ohne an vergangenen Formen anzuhaften? Deshalb wird die Brücke zwischen Leben und Tod auch von der „Mut-Göttin“ bewacht. Und diesen „Mut“ zur Rückkehr haben vor allem die Einherier, die im Heer der Einheit für die Gottheit kämpfen, so dass auch ihr Leben im Großen und Ganzen nicht verlorengehen kann und in der Hel bei der Totengöttin enden muss.

Diesen Mut hat natürlich auch Hermodr als „Heer-Mut“ und Götterbote. So reitet er als ganzheitliches Wesen den Helweg mit Sleipnir, dem Pferd Odins, um natürlich auch zurückzukehren. Daher ertönte wohl auch die Brücke so laut, als würde die ganze Schöpfung darüber reiten. Wunderbar!

Da ritt Hermodr, bis er zum Helgitter kam. Dann stieg er vom Pferd und zog den Sattelgurt fest, stieg wieder auf und gab ihm die Sporen. Und das Pferd sprang so kräftig über das Gitter, dass es ihm nirgends näherkam. Darauf ritt Hermodr zu der Halle hin, stieg ab und ging hinein. Dort sah er Balder, seinen Bruder, auf einem Ehrenplatz sitzen, und bei ihm blieb er die ganze Nacht. Aber beim Morgengrauen verlangte Hermodr von Hel, Balder solle mit ihm heimreiten, und er berichtete, wie groß die Trauer unter den Asen sei. Hel antwortete: „Man solle prüfen, ob Balder wirklich so beliebt war, wie man es erzählt. Wenn alle lebenden und toten Dinge in der Welt um ihn weinen, dann soll er zu den Asen zurückkehren. Er bleibt jedoch bei Hel, sobald irgendjemand Einspruch erhebt oder ihn nicht beweinen will.“ Da erhob sich Hermodr, und Balder geleitete ihn aus der Halle. Er nahm den Ring Draupnir und sandte ihn Odin als Erinnerung. So schickte auch Nanna der Frigg ein Kleid und noch andere Geschenke, und der Fulla einen Fingerring aus Gold. Danach ritt Hermodr seinen Weg zurück, kam nach Asgard und erzählte alle Begebenheiten, die er gesehen und gehört hatte.

So ist es von der Brücke über den Totenfluss immer noch ein weites Stück bis zum Helgitter, sozusagen zum „Point of no Return“. Auch dieses Gitternetz kann man als eine Mauer betrachten, die aus Anhaftung an Formen aufgebaut wurde, die das Bewusstsein nicht mehr loslassen will. Wenn dann diese Formen vergehen, vergeht natürlich auch das Bewusstsein, das sich damit identifiziert. So könnte man sich die Hel bzw. Hölle vorstellen. Und sie ist wohl auch vor allem eine Vorstellung des Verstandes. Daher kann nun der Verstand auch eine Meisterleistung vollbringen. Er kann vom Pferd der Schöpfung absteigen, um seinen Sattel noch fester zu ziehen. So gelingt es ihm, mit der gesamten Schöpfung über das Helgitter springen, ohne nur im Kleinsten daran anzuhängen oder abgeworfen zu werden. Wunderbar! Das ist der „Heer-Mut“ des Götterboten!

So kommt er sogar in die Halle als Bewusstseinsraum der Hel. Dort trifft er seinen Bruder Balder wieder und bleibt die ganze Nacht. Im Morgengrauen wollte er mit ihm heimreiten. Darüber kann man wieder viel nachdenken: Wie kann in der dunklen Hel die Nacht enden und ein Morgen dämmern? Auch das geschieht wohl nur im Verstand von Hermodr, weil er auf Odins Pferd in die Welt zurückkehren will. Für die Hel selbst ist es vermutlich erst am Ende der Schöpfung möglich, wenn sich alles wieder in reines Licht verwandelt. Und dann kann auch Balder wieder zu den Göttern zurückkehren, wenn kein Wesen mehr die Dunkelheit wünscht und begehrt. Nur dann kann es einen Gott der Lichtheit geben, ein ganzheitliches Licht. Und das ist auch die Bedingung, welche die Totengöttin stellt.

Davon spricht auch unsere moderne Kosmologie: Zum Anfang der Schöpfung gab es im Urknall nur reines Licht im Tanz einer perfekten Symmetrie von Teilchen und Antiteilchen. Erst als diese Symmetrie gebrochen wurde und nicht alle wieder zu Licht werden wollten, blieben einige wenige Teilchen übrig, welche die Dunkelheit wünschten, ungefähr nur eins von 1.000.000.000. Daraus ist dann die Materie entstanden, die wir noch heute kennen. Auch darin kann man das Prinzip der Anhaftung finden, denn manche Atome haften noch heute an ihrer Form an, die sie vor über 13 Milliarden Jahren kurz nach dem Urknall angenommen haben. Und solange noch ein Materieteilchen da ist, kann es dieses ganzheitliche Licht nicht geben. Bis zum nächsten Urknall…

Mit dieser Botschaft kehrt nun im Prinzip auch Hermodr in unsere Welt zwischen Licht und Dunkelheit zurück. Das war eine weitere Meisterleistung des Verstandes, auf dem Pferd der Schöpfung aus der Hel zurückzukehren. Warum konnte er es? Weil er nicht tot war, wie Balder und Nanna? Was ist „tot“? Ist der Tod nur ein Traum? Eine Vorstellung des Verstandes?

Mit seiner Rückkehr bringt er auch den Ring der Erneuerung für Odin mit zurück, denn dieser nützt in der Hel verständlicherweise nichts. Und die „tote Natur“ von Nanna gibt noch weitere wunderbare Geschenke, wie das Kleid der Materie für die lebendige Seele der Natur und einen goldenen Ring für die „Fülle“, um in der natürlichen Vielfalt die geistige Einheit zu erkennen und in beiden vereint die Wahrheit wiederzufinden. Wunderbar!

So beginnt nun die Suche der Menschen-Götter nach dem göttlichen Licht der Wahrheit in allen Welten der Schöpfung:

Sofort entsandten die Asen in alle Welt Boten, die bitten sollten, Balder von Hel zu erweinen (um mit ihren Tränen den Gott des Lichtes aus dem Totenreich zu befreien). Dies taten alle Menschen und anderen Lebewesen und die Erde, sowie die Steine, Bäume und jedes Metall, wie du auch gesehen haben wirst, dass diese Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen.

Kann man in der natürlichen Vielfalt der Formen eine absolute Vollkommenheit finden? In bestimmten Grenzen scheint das möglich zu sein, wie in den Grenzen von Asgard oder anderen Welten. Doch über alle Grenzen hinweg?

Auch daran arbeitet unsere moderne Wissenschaft. In vielen Bereichen scheint sie eine gewisse Vollkommenheit erreicht zu haben. „Lebewesen, Pflanzen, Erde, Steine und jede Materie“ scheinen ihren Gesetzen zu gehorchen. Die Quantenmechanik beschreibt den Mikrokosmos der kleinsten Teilchen mit einer mathematischen Eleganz und Präzision, die fast absolut ist. Innerhalb dieser Grenzen „gehorcht“ die Materie perfekt. Und Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie beschreibt den Makrokosmos von Gravitation, Raum und Zeit auf kosmischer Ebene mit vollkommener Symmetrie. Doch an der großen „Weltformel“, die alle Bereiche vereint, ist die Wissenschaft bisher gescheitert. Irgendwie erscheint im Reich der Formen immer etwas, das diesem Anspruch entgegenwirkt. Jedes Mal, wenn die Wissenschaft versucht, ein System perfekt zu ordnen, entsteht an anderer Stelle Chaos. Denn Materie existiert überhaupt nur, weil sie unvollkommen ist. Ein perfekt symmetrisches Universum wäre reine, formlose Energie. Es gäbe keine Steine, Bäume oder Metalle. Die Vielfalt der Formen erfordert den Symmetriebruch.

Das Weinen aller Wesen in der Welt, die sich nach Ganzheit im ewigen Licht sehnen, ist wieder eine wunderbare Symbolik. Einerseits war es damals sicherlich noch ein Wunder, dass an kühlen Dingen die warme Luft kondensiert und Tautropfen wie Tränen erscheinen. Andererseits kann man hier symbolisch wieder daran denken, dass jede sichtbare Form „gefrorenes Licht“ ist, das in der geistigen Wärme der Liebe wieder auftauen und „lebendiges Wasser“ werden kann, ja, sogar reine und formlose Energie, wie auch reines und formloses Bewusstsein. Wenn das alle Formen tun würden, gäbe es wieder einen ewigen Gott der Lichtheit. Aber auch kein Leben mehr in Raum und Zeit zwischen Dunkelheit und Lichtheit. Und dafür muss nun wiederum Loki wirksam werden:

Doch als die Boten heimkehrten und ihre Botschaften gut erfüllt hatten, entdeckten sie noch eine Höhle, in der eine Riesin saß. Sie nannte sich Thökk („Dank, Dunkel“). Auch diese baten sie, Balder von Hel zu erweinen. Doch sie sagte:
„Thökk wird mit trockenen Tränen Balders Leichenfahrt beweinen. Weder vom lebenden noch vom toten Sohn des Alten hatte ich einen Nutzen. So behalte Hel, was sie hat.“

Man meint, dass dies Loki, Laufeys Sohn, gewesen war, der den Asen am Übelsten mitgespielt hat.

Damit endet hier diese Geschichte von Balders Tod, so kurz und mystisch wie ein Zen-Koan. Diese Meisterworte des „Hohen“ wollen entschlüsselt und durchschaut werden. Wir wollen es versuchen:

Der Name Thökk ist ein interessantes Wortspiel zwischen „Dankbarkeit“ und altnordisch „Døkkr“ für „Dunkelheit“. Ja, wir sollten der Dunkelheit dankbar sein, denn nur so gibt es unser Leben zwischen Licht und Dunkel, in dem wir lernen können, uns selbst als Vollkommenheit in allen Formen wiederzuerkennen. So können wir auch in dieser Riesin das Wesen von Hödur und Loki wiederfinden, indem sich Loki erneut als Frau verwandelt hat, sodass daraus ein typisches Paar von Geist und Natur erscheint. Damit wiederholt sich das Spiel um das reine Licht: Nur eine Ausnahme reicht aus, eine kleine Störung, so dass es in der natürlichen Welt der vielfältigen Formen keine Vollkommenheit geben kann. Diese muss man wohl auf einer anderen Ebene suchen.

Entsprechend klingt auch im Spruch von Thökk das Wesen des blinden Hödurs als Gott der Dunkelheit an. Denn die blinde Dunkelheit ist verständlicherweise die Einzige, die keinen Nutzen vom Licht hat. Daher weint sie auch trockene Tränen. Damit sind vermutlich unsichtbare Tränen gemeint, die sich nicht im Licht der Welt zeigen und auswirken können. Die dunkle Höhle erinnert an die Niflhel. Hel selbst ist Lokis Tochter, die von Angrboda, der „Sorgen-Botschafterin“, geboren wurde. Daher ist sie als Totengöttin in ihrem Wesen auch eine Riesin in der Natur, wie ihre Mutter.

Damit stirbt Balder im Prinzip ein zweites Mal. Und dieser zweite Tod in der Dunkelheit bedeutet wohl nichts anderes, als den Tod seines blinden Bruders Hödur. Denn die beiden gehören immer zusammen. Ohne sie könnte es keine Welt zwischen Lichtheit und Dunkelheit geben. Sie sind wie zwei Seiten derselben Münze, zwei Aspekte der einen Gottheit, die nun im Untergang der Schöpfung zu sterben beginnen, wie auch alle anderen Aspekte.

Die dazugehörige Geschichte über Hödurs Tod wird in zwei Liedern angedeutet. Zuerst in der Völuspa:

31. Ich sah Balder, Odins Kind, wie einem blutenden Opfertier das Schicksal bestimmt. Gewachsen war, über dem Feld hoch, schmal und sehr schön, der Mistelzweig.

32. Aus diesem Holz, das dünn schien, wurde das gefährliche Harmgeschoss, und Hödur schoss es. Doch Odins Sohn, Balders Halbbruder (Wali), war schnell geboren, und begann, eine Nacht alt, zu töten.

33. Er wusch nicht die Hände und kämmte nicht das Haar, ehe er Balders Todesschützen (Hödur) zum Scheiterhaufen trug. Aber Frigg beweinte in Fensalir („Sumpf- bzw. Wasserhalle“) die Not Walhalls. Wisst ihr‘s zu deuten?

Und im Wegtamslied von „Balders Träume“ heißt es:

10. Odin sprach: Schweig nicht, Seherin, ich will dich fragen, bis alles erkannt ist. Ich will noch wissen: Wer wird wegen der Schreckenstat an Hödur Rache üben und Balders Töter auf den Scheiterhaufen bringen?

11. Die Seherin sprach: Rinda („Beschützerin“) gebärt Wali in den Westsälen, und dieser Sohn Odins wird, eine Nacht alt, kämpfen. Die Hände wäscht er nicht, und kämmt nicht das Haar, ehe er Balders Feindschützen (Hödur) zum Scheiterhaufen trägt. Unter Zwang sprach ich, doch nun will ich schweigen.

Über die Tat selbst gibt es keine Geschichte. So bleibt sie eine unsichtbare Geschichte, wie die Dunkelheit selbst, eine Geschichte ohne Geschichte. Symbolisch können wir an die Rückgabe von Draupnir, dem Ring der Erneuerung, an Odin denken und uns vorstellen, wie nun Wali von Odin als „Lebensgeist“ gezeugt und von Rinda als „Beschützerin“ der Schöpfung geboren wurde. So können wir in Wali das Lebensprinzip sehen, das allein durch seine Geburt und Anwesenheit die Dunkelheit tötet. Da klingt zwar absurd, aber Geburt, Leben und Tod gehören zusammen. Dennoch sind es alles ewige Prinzipien, die dann auch Ragnarök überleben, wie wir schließlich im 53. Absatz vom „Hohen“ hören werden:

Widar und Wali leben, weil ihnen weder das Meer noch Surts Flammen geschadet haben… Dann kommen Balder und Hödur aus dem Reich von Hel. Sie alle setzen sich zusammen und unterhalten sich. Sie erinnern sich ihres geheimen Wissens, und erzählen von den Geschehnissen, die einstmals gewesen waren, von der Midgardschlange und vom Fenris-Wolf…

Wie entsteht nun der Tod? Im Prinzip durch die Trennung vom Leben. Ja, das Grundproblem aller Probleme in der Welt lässt sich in der Trennung erkennen. Aus Trennung entsteht Abgrenzung, aus Abgrenzung Anhaftung an Formen, und aus der Anhaftung Erstarrung und Tod. Aus geistiger Sicht ist jegliche Trennung ein Konstrukt des unterscheidenden Verstandes. Daher ist auch der Tod eine Vorstellung des Verstandes, wie im Prinzip die gesamte Schöpfung vom Mimir-Verstand aus Odins Auge geschöpft wird, aus dem reinen und formlosen Bewusstsein, so rein und formlos wie die Lichtheit.

Was wäre dann das Leben? Die Akzeptanz des Todes als Widerhall. Die Akzeptanz der fließenden Verwandlung aller Formen im Formlosen. Die Akzeptanz von Draupnir, dem goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration. Die Akzeptanz, dass der Verstand immer komplexere Verbindungen erzeugen und alle Grenzen überwinden darf, um in der natürlichen Vielfalt die geistige Einheit wiederzufinden. Die Akzeptanz, dass jede Wirkung eine Gegenwirkung hat, und es daher in der Welt der Wirkungen keine Vollkommenheit geben kann. Darin besteht das ewige Leben, das Vollkommene im Unvollkommenen, das Unvergängliche im Vergänglichen.

50. Da sprach Gangleri: Sehr viel hat Loki bewirkt, als er zuerst verursachte, dass Balder starb, und danach, dass er nicht von Hel erlöst wurde. Wurde das irgendwie an ihm gerächt?

Der Hohe sagte: Es wurde ihm so vergolten, dass er es lange spüren wird. Als die Götter auf ihn so zornig geworden waren, wie man es erwarten konnte, lief er weg und verbarg sich auf einem Berg. Dort errichtete er ein Haus mit vier Türöffnungen, damit er nach allen Richtungen blicken konnte. Tagsüber gab er sich oft eine Lachsgestalt und versteckte sich an dem Ort, der Franangr-Wasserfall („schäumende Schlucht“) heißt.

Ja, wer kann schon gelassen eine Gegenwirkung auf seine eigene Wirkung ertragen? Selbst die Götter sind dazu unter dem Einfluss des Menschenverstandes nicht mehr in der Lage.

Wie ist nun die Situation der Schöpfung? Das ewige göttliche Licht träumt, ein sterbliches Geschöpf geworden zu sein. Die Götter wirken dagegen und verlangen von allen Geschöpfen, diese Schöpfung nicht zu töten. Dadurch bewirken sie die Gegenwirkung, dass der Tod erscheint und das ewige Licht stirbt. Daraufhin verlangen sie von allen Geschöpfen, um das ewige Licht zu weinen, damit es wieder lebendig werde. Daraus entsteht eine trauernde Schöpfung, die sich um das ewige Licht sorgt und unter dem Tod leidet. Dagegen wirkt wiederum die Dunkelheit, die sich weder um das Licht sorgt, noch unter dem Tod leidet. Wunderbar! So tanzen Wirkung und Gegenwirkung miteinander im Kreis, Odin und Loki als zwei Seiten derselben Münze bzw. Gottheit.

Doch so entwickelt sich der schöpferische Verstand. Zuerst erschafft er durch Unterscheidung eine geordnete Schöpfung im Lebensbaum der neun Welten. Dann erschafft er durch das Erkennen von Zusammenhängen eine wachsende Komplexität, sodass die Grenzen der Ordnung fallen, um wieder ein Großes und Ganzes zu werden. Zwischen diesen beiden, zwischen Unterscheidung und Zusammenfassung, scheint es einen Gipfelpunkt oder Höhepunkt für den schöpferischen Verstand zu geben. Danach fließen die Welten wie Wellen im Spiel der Gegensätze wieder ineinander: Götter werden Geschöpfe, damit Geschöpfe wieder Götter werden. Lichtheit wird Dunkelheit, damit Dunkelheit wieder Lichtheit wird. Leben wird Tod, damit Tod wieder Leben wird. Dennoch bleibt es ein göttlicher Traum, Balders Traum im ewigen Licht der Gottheit.

So träumen nun auch die Götter wie wir Menschen, dass die Schuld für alle Probleme in der Gegenwirkung liegt. Und wiederum kehren sich Wirkung und Gegenwirkung um: Nun baut sich Loki ein Haus auf dem Höhepunkt der Schöpfung. Und die Götter drängen ihn von dort hinab in eine dunkle Höhle des Leidens, denn dort wollten sie ihn bereits als Thökk sehen. Damit geht die ganze Schöpfung den Bach hinunter, weil auch Loki ein göttlich-ganzheitliches Wesen ist…

Von diesem Prozess handelt die folgende Geschichte, die der „Hohe“ Gangleri, dem müden Wanderer zwischen den Welten, erzählt. Und natürlich mit geballter Symbolik: Der schäumende Wasserfall erinnert an den Fluss der Schöpfung, der nun immer mächtiger fällt und bereits dem Meer nahe ist, wo er wieder im Meer der Ursachen verschwindet. Der Berg erinnert an den Gipfel und Höhepunkt der Schöpfung, wo sich Loki ein Haus mit vier Türen errichtet, durch die er in alle Richtungen sehen und gehen kann. Das bedeutet wohl, dass er sich den „Überblick“ bewahren will und selbst in jeder Richtung offen ist, zumindest in jede Richtung fliehen kann, um nicht gebunden zu werden. Das heißt, entweder zur Quelle zurück, ins Meer voran oder zu einem der Flussufer der Schöpfung, die man symbolisch als Licht und Dunkel oder auch Geist und Natur deuten kann.

Was ist das für ein Haus auf dem Höhepunkt der Schöpfung, das in jede Richtung offen ist? Göttliches Bewusstsein?

Noch stärker ist das Symbol der Lachsgestalt, die er „tagsüber“ im weltlichen Licht annimmt. Den Lachs haben wir bereits in der Geschichte von der „Otter-Buße“ kennengelernt, als Loki den Otter tötete, der im Wasserfall einen Lachs gefangen hatte und unachtsam fressen wollte. Sein rotes Fleisch erinnerte uns an das rote Gold als Symbol der lebendigen Wahrheit. Dazu ist er ein klassisches Symbol für die Rückkehr zur Quelle und der Regeneration des Lebens. Denn am Ende seines Lebens im Meer schwimmt er unermüdlich seinen Geburtsfluss hinauf, bis zur Quelle, wo er geboren wurde, um sich dort zu paaren und fortzupflanzen. Dann stirbt er, um seinen Körper als Nahrung für weiteres Wachstum zu opfern. So können wir darin auch das wirkliche Wesen der lebendigen Schöpfung sehen, die danach strebt, wieder zur Quelle zurückzukehren, um dort ihren Körper für eine neue Schöpfung zu opfern.

So wohnt nun Loki in einem Haus auf dem Höhepunkt der Schöpfung, was sich eigentlich alle Götter wünschten. Und tagsüber, im Verstandeslicht der Welt, lebt er im Wasserfall, wo das Gefälle vom Fluss der Schöpfung am größten ist. Dort will er als größte göttliche Gegenwirkung bleiben und sich nicht binden lassen.

Da überlegte er, welche List sich die Asen ausdenken könnten, um ihn im Wasserfall zu fangen. Und als er im Haus saß, nahm er Leingarn und knüpfte die Knoten so, wie seitdem ein Netz gemacht wird. Und vor ihm brannte ein Feuer. Da sah er, dass es die Asen nicht mehr weit zu ihm hatten, denn Odin hatte von Hlidskialf („Hochsitz des Weitblicks“) gesehen, wo er war. Er sprang sofort auf und lief hinaus in den Fluss, aber das Netz warf er ins Feuer.

Nun wird es noch verzwickter: Loki denkt sich das Netz aus, mit dem er selbst in Lachsgestalt gefangen und gebunden werden könnte. Dahinter steht die große Frage: Wie kann ein göttlicher Mann bzw. Geist, der die Freiheit selbst ist, gebunden werden? Bindung gibt es eigentlich nur in der Natur durch die Gesetze von Ursache und Wirkung. Der Geist muss frei sein, und vor allem der göttliche und ganzheitliche, ansonsten gäbe es gar keine Freiheit. Der einzige Weg besteht also darin, dass er sich selbst bindet, denn auch diese Freiheit hat er natürlich. So nimmt er durch gedanklichen Verstand selbst die Formen von Wasser, Fluss, Lachs und Netz an. Damit kommt wieder die Natur ins Spiel.

So ist das Netz ein starkes Symbol für die Bindungen in der Natur, die aus vielen verknoteten Fäden bzw. „Bändern“ bestehen, worin man auch die verflochtene Seele der Natur sehen kann. Und vielleicht ist auch dieses Netz nur dazu da, um den Geist wieder einzufangen, der sich in Träumen verloren hat. Was uns wiederum an die „Selbsterkenntnis“ des Bewusstseins erinnert. In dieser Richtung wird auch der Name von Loki gedeutet und von der germanischen Wurzel „luk“ abgeleitet, also für alles, was mit Schlinge, Knoten, Schlaufe und Verschluss zu tun hat. In dieser Hinsicht erinnert das Symbol des Netzes auch daran, dass abhängig von der Maschengröße nur bestimmte Wesen in Raum und Zeit gefangen und begriffen werden.

Doch die Gedanken an ein solches Netz hat wiederum der Geist, und daran erkannte wohl auch Odin auf seinem Thron des Weitblicks, dass es eigentlich nur Loki sein konnte, der sich als göttlicher Geist seine eigene Bindung ausdenkt. Denn alle Gedanken werden von seinen beiden Raben Hugin und Munin natürlich auch zu ihm als Schöpfergott getragen, der dann für die Verwirklichung sorgt. Und wie er sich nun erhebt, um Loki zu ergreifen, so springt gleichzeitig auch Loki auf, um in den Fluss der Schöpfung zu fliehen. Also wieder Wirkung und Gegenwirkung.

Auch das Feuer, das vor Loki brennt, könnte ein Symbol des Geistes sein. In dieser Hinsicht würde sich Odin als Geist im Feuer erheben, und Loki springt entsprechend ins Wasser, sozusagen als Gegenspiel von Feuer und Wasser, was auch eine Grundlage des körperlichen Lebens ist. Doch warum wirft er das ausgedachte Netz ins Feuer? Hier könnte man zuerst daran denken, dass er es dort verbrennen wollte, um davon nicht gebunden zu werden. Doch im Feuer des Geistes verbrennt natürlich nichts ohne Wirkung. Selbst jeder Gedanke hat irgendeine Wirkung. Daher können wir diese Symbolik auch tiefer betrachten und uns vorstellen, dass Loki damit den Geist im Feuer binden wollte. Und das scheint auch zu geschehen, denn es erscheint nicht Odin selbst im Haus von Loki, sondern Kvasir mit den anderen Asen. Kvasir haben wir bereits als göttlichen Verstand und weltliche Weisheit kennengelernt, und darin kann man eine gebundene Form der göttlichen Vernunft sehen:

Als die Asen zum Haus kamen, ging zuerst der hinein, der von allen der Klügste war und der Kvasir heißt. Als er im Feuer die Asche sah, wo das Netz verbrannt war, erkannte er, dies müsse ein Gerät zum Fischefangen gewesen sein, und er sagte es den Asen. Sofort schickten sie sich an und knüpften ein Netz nach dem, das sie in der Asche sahen und das Loki gemacht hatte. Und als das Netz fertig war, gingen die Asen zum Fluss und warfen es in den Wasserfall. Thor hielt das eine Netzende, alle übrigen Asen hielten das andere, und sie zogen das Netz. Aber Loki entwich und legte sich zwischen zwei Steine. Sie zogen das Netz über ihn, doch bemerkten, dass etwas Lebendiges davor in Bewegung war. Daher gingen sie ein zweites Mal hinauf zum Wasserfall und warfen das Netz aus. Sie banden daran etwas so Schweres, dass niemand darunter hindurchschlüpfen konnte. Da schwamm Loki davor, und als er sah, wie nah das Meer war, sprang er über die Netzleine und den Wasserfall hinauf.

So holt nun der kluge Kvasir als göttlicher Verstand den Gedanken an das Netz der Bindung wieder aus der „Asche des Feuers“, also aus dem, was im geistigen Feuer nicht verbrennt, ähnlich wie Mimir die Schöpfung aus dem Wasser vom Meer der Ursachen schöpft. Und die Götter verwirklichen den Gedanken und knüpfen das Netz, an das sie sich dann selbst binden, um es im Fluss der Schöpfung zu gebrauchen. An einem Flussufer Thor, und am anderen Ufer die anderen Götter. Was sind die beiden Ufer vom Fluss der Schöpfung? Leben und Tod, Licht und Dunkel oder auch Geist und Natur.

Auch hier spielt Thor als Sohn der Erde wieder eine Hauptrolle, und man kann über seinen Wandel nachdenken: Bisher hatte er mit seinem Hammer gegen die Berg- und Frostriesen um eine lebendige Schöpfung gekämpft. Doch nach dem Tod von Balder und Thors Mord am Zwerg Lit als „farbige Gestaltung“ scheint er nun am Ufer des Todes gegen das körperliche Leben im Fluss der Schöpfung zu kämpfen, und nicht mehr mit seinem Hammer, sondern mit einem Netz der Bindung. So ziehen die Götter das Netz interessanterweise auch nicht vom Meer her gegen die Strömung in Richtung Quelle und Wasserfall, wie man es erwarten würde, sondern mit der Strömung zum Meer und Ende des Flusses hin. Denn sie kämpfen nun nicht mehr um die lebendige Schöpfung, sondern gegen Loki und somit gegen ihre eigene Wirkung.

Jetzt gibt es nur noch zwei Möglichkeiten für die Fische bzw. Lebewesen im Fluss der Schöpfung: Entweder sie fliehen ins Meer der Ursachen hinab, wo dann auch der Fluss der Schöpfung endet. Oder sie lassen sich im Netz der Bindung fangen. Denn der Weg zurück zur Quelle ist nun verschlossen. Das ist sehr denkwürdig!

Loki versucht zweimal zu entkommen. Einmal passiv unter dem Netz, und einmal aktiv über das Netz. Doch beide Versuche werden von den Göttern erkannt und vereitelt. So kommt dann der dritte Versuch:

Nun sahen die Asen, wo er war, liefen wieder hinauf und verteilten ihre Schar an den beiden Ufern des Flusses. Thor jedoch stapfte die Flussmitte entlang, und so liefen sie hinaus zum Meer. Doch Loki sah zwei Möglichkeiten: Es war lebensgefährlich, sich in Richtung Meer zu bewegen, aber das andere war, wieder über das Netz zu springen. Und das tat er. So schnell wie möglich sprang er über die Leine. Thor griff nach ihm und packte ihn, doch er glitt ihm durch die Hände, sodass er ihn erst am Schwanz festhielt. Aus diesem Grund ist der Lachs hinten schmal.

So nimmt nun das Schicksal der Götter seinen Lauf. Thor selbst stellt sich in den Fluss der Schöpfung und wird damit ein vergängliches Geschöpf, ähnlich wie auch Loki die Lachsgestalt angenommen hat. Die anderen Götter werden getrennt und an den beiden Ufern verteilt. Loki erkennt die Gefahr für das körperlich wirkende Leben im Meer der Ursachen und versucht wieder, über das Netz zu springen, um der Bindung zu entkommen. Doch Thor versperrt nun auch die Flucht nach oben in Richtung Himmel und ergreift die Lachsgestalt von Loki. Aber nur mit Mühe konnte er das glitschige Lebewesen am Schwanz packen, sozusagen an dessen Ende und Hauptantrieb. Denn wie kann man das Leben festhalten? Vor allem dort, wo es sich bewegen will, und natürlich dort, wo es sein Ende hat. Daher nimmt das körperliche Leben zum Ende hin auch ab. Doch genau das ist sein Hauptantrieb, wie die Schwanzflosse eines Fisches, was wohl auch mit dem letzten Satz gemeint ist.

Nun war Loki ohne Gewährung seiner Sicherheit gefangen, und man ging mit ihm in eine Höhle. Dort nahmen sie drei flache Steine, stellten sie auf die Kanten und stießen in jeden Stein ein Loch. Dann wurden Lokis Söhne ergriffen, Wali und Nari oder Narfi (der „Verengende und Begrenzende“). Die Asen verwandelten Wali in einen Wolf, und der riss seinen Bruder Narfi in Stücke. Da nahmen sie seine Därme und fesselten Loki damit auf die drei scharfen Steine. Einer stand unter den Schultern, der zweite unter den Lenden, der dritte unter den Kniekehlen, und diese Fesseln wurden zu Eisen. Dann nahm Skadi (der „Schaden“ oder „Verlust“ als Wintergöttin) eine Giftschlange und befestigte sie so über ihm, dass das Gift aus der Schlange ihm ins Gesicht tropfte. Aber Sigyn, seine Frau, steht bei ihm und hält ein Becken unter die Gifttropfen. Ist dieses Gefäß voll, geht sie weg und schüttet das Gift aus. Derweil tropft es jedoch auf sein Gesicht. Dabei fährt er so stark zusammen, dass die ganze Erde bebt. Das nennt ihr Erdbeben. Dort liegt er in Fesseln bis zu Ragnarök.

Und weiter geht es mit geballter Symbolik: Loki wird nun im Fluss der Schöpfung gefangen und in einer dunklen Höhle gebunden, die uns an Niflhel erinnert, wie auch an das Unbewusste der Materie, wenn aus einem Wasserwesen ein Steinwesen wird. Damit schließt sich hier auch der Kreis zur dunklen Höhle von Thökk, in der die Götter Loki sehen wollten. So nimmt das Schicksal der Schöpfung seinen Lauf. Mit dem Fang des Lachses und der Bindung in der Totenhöhle wird symbolisch auch die Macht der Erneuerung und Regeneration gebunden. Damit wandert der Ring Draupnir wiederum in die Totenhöhle. So binden sich die Götter gegenseitig, und diese Bindungen werden sich erst zu Ragnarök wieder lösen.

Dazu wird Lokis Sohn Wali in einen Wolf verwandelt, der seinen Bruder Narfi zerreißt. Das ist besonders denkwürdig: Bisher haben wir einen Wali als Sohn von Odin kennengelernt, der als Lebensprinzip von Rinda als „Beschützerin“ geboren wurde und mit seiner Geburt den Tod von Balder an Hödur als Gott der Dunkelheit gerächt hatte. Nun taucht plötzlich ein zweiter Wali auf, ein Sohn von Loki und Sigyn als „Siegesbringerin“. Hier kann man überlegen, ob damit das gleiche Lebensprinzip gemeint ist oder zwei unterschiedliche Prinzipien. Zumindest verwandeln die Asen diesen Wali in einen Wolf der Vergänglichkeit, die natürlich zum Lebensprinzip dazugehört, zumindest, wie wir das körperliche Leben als Werden und Vergehen kennen. Mit diesem Wolf töten sie dann einen anderen Sohn von Loki und Sigyn, nämlich Nari oder Narfi, der „Verengende und Begrenzende“. Damit töten sie im Grunde das Prinzip des körperlichen Lebens, das nur durch Begrenzung und Verengung des Bewusstseins eine Weile in Zeit und Raum bestehen kann. Was dann bleibt, ist das Lebensprinzip selbst, das ewige und grenzenlose Leben des reinen Bewusstseins, das in seiner Essenz formlos ist.

In dieser Hinsicht können wir uns gut vorstellen, dass mit Wali, dem Sohn von Loki, eigentlich der gleichnamige Sohn von Odin gemeint ist. Denn soweit wir wissen, wird er in der gesamten Edda nur an dieser Stelle erwähnt (siehe auch englisch Wikipedia: Vali). Man könnte an einen Schreibfehler denken. Doch vielleicht ist es auch eine Herausforderung für unseren Verstand. Denn was ist der Unterschied zwischen Odin und Loki, von Wirkung und Gegenwirkung?

Auf diese Weise bewirken nun wiederum die Götter mithilfe von Wali als Lebensprinzip, dass die lebendige Begrenzung der körperlichen Schöpfung vergeht. Das ist eine geniale Symbolik: Denn die Auflösung der Schöpfung bedeutet offenbar nichts anderes, als die körperlichen Begrenzungen aufzulösen.

So können wir uns nun vorstellen, wie Loki mittels Narfi auch von seinen drei anderen Kindern gebunden wurde, von Hel, Jörmungand und Fenris. Nämlich in der dunklen Totenhöhle von Hel unter der Midgardschlange als Selbst-Verschlinger und dem drohenden Fenriswolf als All-Verschlinger. Das Schlangengift wäre wieder die Trennung und Abgrenzung, das auch als Geifer aus dem hungrigen Wolfsrachen der Vergänglichkeit tropft. Dieses Gift, das zum Gift des Todes wird, kennen wir mit ähnlicher Bedeutung von den gift- und feuerspeienden Drachen aus anderen alten Sagen. Mit den drei Kindern von Loki und Angrboda als „Sorgen-Botschafterin“ des Leidens sind vermutlich auch die drei flachen Steine gemeint, die bisher am Grund vom Fluss der Schöpfung lagen. Sie werden nun zum Zweck der Bindung „durchlöchert“ und zum göttlichen Gericht „aufgerichtet“. Dass sie als scharfe Steine unter Lokis Schultern, Lenden und Kniekehlen stehen, erinnert uns an die Bindung seiner Wirkkraft, Fortpflanzung und Beweglichkeit. Damit wurde im Prinzip auch der Lachs als Symbol der Erneuerung und Regeneration der Lebewesen gebunden. Und diese Bindung geschieht durch seinen Sohn Narfi als „Verengung und Begrenzung“, dessen Därme als körperliche Kraftquelle sich nun zu Eisenketten verfestigen.


Loki als „Gegenwelle“

Damit erscheint nun das Bild einer Höhle des schmerzhaften Leidens, die man früher auch „Hölle“ nannte. Und ja, Loki ist von Anfang an auch das Wesen des schmerzlichen Leidens in der Schöpfung, denn jede Gegenwirkung ist natürlich Leiden, wenn man nicht mit dem zufrieden sein kann, was da ist. Trotzdem ist Loki immer noch ein Asen-Gott, also ein ganzheitliches Wesen, so dass mit Loki auch die gesamte Schöpfung leidet. Dafür sorgt nun offenbar seine Ehefrau Sigyn, die das schmerzliche Gift in einem Becken auffängt, und wenn das Gefäß voll ist, ausschüttet. Wohin fließt es? Es kann eigentlich nur wieder in den Fluss der Schöpfung fließen, so dass nun auch alle anderen Geschöpfe mit Loki die Schmerzen des Todes erleiden. Daher kommt wohl auch Skadi als Wintergöttin ins Spiel, die nun die Winterzeit der gesamten Schöpfung ankündigt. Entsprechend sagt die Völuspa in Vers 36:

Ein Fluss strömt von Osten durch Gifttäler, mit Messern und Schwertern: Slid (der „Gefährliche, Grausame“) heißt er.

So wird nun jeder Tropfen von diesem Gift ein körperlicher Tod, dessen Leiden die ganze Erdenwelt in ihrer scheinbaren Beständigkeit erschüttert, im Kleinen wie im Großen. Denn die Macht der Erneuerung und Regeneration liegt jetzt in der irdischen Materie gebunden. Bemerkenswert ist, dass bisher in der ganzen Edda noch nie so ein schmerzliches und qualvolles Leiden im Totenreich der Hel beschrieben wurde, wie jetzt für Loki. Das würde bedeuten: Es ist vor allem ein göttliches Leiden, das seinen göttlichen Sinn in der Schöpfung hat, weshalb Sigyn, die nun an Lokis Seite ist, auch „Siegbringerin“ bedeutet, im Gegensatz zu Angrboda als „Leidbringerin“. Denn am Ende steht natürlich der göttliche Sieg in der Schöpfung.

Zusammenfassend können wir uns folgendes Bild von der „Welle der Schöpfung“ vorstellen, zu der Loki sozusagen eine „Gegenwelle“ bildet. Wie auch im obigen Bild angedeutet wird, wenn man die drei spitzen Steine als Wendepunkte der Welle betrachtet, so dass Tal-Berg-Tal entsteht, oder Anfang-Mitte-Ende:

So fließt die Schöpfung von einem Auge Odins ins andere. Als Höhepunkt könnte man die „Selbsterkenntnis“ oder „Erleuchtung“ von Odin und Wala betrachten, wie wir sie im Abschnitt „Balders Träume (Wegtamslied)“ gedeutet haben, wenn sich die Geist-Natur selbst erkennt. So kommt sozusagen nach der Selbstfindung die Selbsterkenntnis als Höhepunkt, der nun die Selbstverwirklichung folgt. Entsprechend ritt Odin bis zum Treffen mit Wala selbst auf dem Pferd der Schöpfung. Und nun reitet Hermodr auf Sleipnir, dem „Dahingleitenden“, um die Botschaft zu verwirklichen. Entsprechend wird auch Odin nicht mehr als Handelnder beschrieben, sondern als Erkennender, wie er auch Loki in seinem Haus auf dem Höhepunkt im Fluss der Schöpfung erkannt hatte. Dann beginnt mit Balders Tod die Auflösung der Schöpfung, wenn die Gestaltung der ewigen Lichtheit verschwindet. Daher lösen sich dann auch alle weltlichen und körperlichen Begrenzungen auf, und die Gegensätze gleichen sich im Kampf aus. Ja, das ist offenbar ein schmerzlicher Prozess, ein Leiden, das doch im Grunde die Gottheit selbst trägt.

Entsprechend folgt nun als nächstes Kapitel in „Gylfis Illusion“ die Beschreibung von Ragnarök:

51. Darauf fragte Gangleri: Was ist über Ragnarök zu sagen? Ich habe davon vorher noch nichts gehört.

Der Hohe antwortete: Viele wichtige Begebenheiten sind darüber zu erzählen. Zuerst die, dass der Winter kommt, der Fimbulwinter („großer Winter“) genannt wird. Dann treibt Schnee aus allen Himmelsrichtungen heran. Es herrschen starker Frost und scharfe Winde, die Sonne scheint nicht mehr. Es gibt drei solcher Winter hintereinander und keinen Sommer dazwischen.

Der altnordische Name Ragnarök setzt sich aus „regin“ und „rök“ zusammen. Regin (Genitiv Plural ragna) bedeutet die „Waltenden, Ratenden und mächtig Wissenden“. Gewöhnlich werden darunter die Götter verstanden. Man kann aber auch an alle Wesen denken, die durch Wissen bzw. Information wirken, also praktisch die gesamte Schöpfung aus dem Mimir-Verstand. Rök bedeutet „Entwicklung, Schicksal und Sinn des Ursprungs“. Es geht also um „das Schicksal der Götter und der gesamten Schöpfung“ oder kurzgesagt um „das Schicksal der Verstandes-Schöpfung“. Und das entscheiden die Götter am Schicksalsbrunnen, weil sie immer noch ganzheitliche Wesen sind.

So endet die Schöpfung aus körperlicher Sicht im Prinzip wieder in ihrem Ursprung, dem Eis-Riesen Ymir, wenn nach dem Winter kein Sommer der Regeneration und Erneuerung des Lebens mehr folgt. Diese kosmologische Symbolik des „großen Winters“ erinnert wiederum sehr an unsere moderne kosmologische Vorstellung, wie das Universum im „Big Freeze“, dem „großen Einfrieren“ enden wird. Die Wissenschaft versteht darunter den thermodynamischen Kältetod, wenn sich alle Gegensätze ausgleichen und keine thermodynamische Arbeit mehr möglich ist. Dann erlöschen alle Sonnen, und alles versinkt in kalter Dunkelheit, fast bis zum absoluten Nullpunkt von 0 Kelvin (ca. -273,15 °C).

Die drei Winter erinnern wieder an die Mauer, die der Baumeister zu Beginn der Schöpfung zwischen Geist und Natur errichten wollte. Doch die Götter ließen damals nur einen Winter zu. In dieser Mauer haben wir die 540 Tore von Walhall gedeutet, die nun im „Big Freeze“ sozusagen geschlossen sind, so dass sich nichts mehr bewegen kann.

Doch zuvor kann man sich eine Zeit des gewaltigen Kampfes vorstellen, wenn immer mehr Grenzen fallen, gewohnte Ordnungen zerbrechen und alle Gegensätze aufeinanderstoßen, um sich im Kampf auszugleichen, im Kleinen wie im Großen:

Doch zuvor werden drei andere Winter kommen, in denen über die ganze Welt Schlachten toben. Dann erschlagen sich Brüder gegenseitig aus Habsucht, und keiner schont Vater oder Sohn im Gemetzel und beim Verwandtenmord. So heißt es in der Weissagung der Seherin (Völuspa, Vers 45):

Brüder werden gegeneinander kämpfen und sich den Tod bringen, Schwestersöhne werden die Verwandtschaft zerbrechen. Schlimm steht es um die Menschen, viel Ehebruch, Axtzeit, Schwertzeit, gespaltene Schilde, Windzeit und Wolfszeit, bis die Welt zugrunde geht.

Die drei Winter vor dem großen Winter des „Big Freeze“ könnten sich auf die Winter-Endzeit des Schöpfungszyklus zuerst in der Menschenwelt von Midgard, dann auf der Naturseite des Lebensbaums und schließlich auch auf der Geistseite beziehen, die nun auch im weiteren beschrieben werden.

Auch aus moderner kosmologischer Sicht wird es im Universum gigantische Kämpfe geben. Kleinere Sterne, wie unsere Sonne, blähen sich zu Roten Riesen auf und verschlucken und verbrennen dabei die naheliegenden Planeten. Danach stoßen sie ihre äußeren Gashüllen ab, während der verbleibende Sternenkern zu einem extrem dichten, langsam auskühlenden Weißen Zwerg zusammenschrumpft. Massereiche Riesensterne enden in gewaltigen Explosionen, den Supernovae. Dabei schleudern sie große Mengen Materie ins All und hinterlassen Neutronensterne oder Schwarze Löcher. Auch ganze Galaxien werden miteinander kollidieren und schließlich verschmelzen. Im Zentrum solcher Riesengalaxien könnten die supermassereichen Schwarzen Löcher zusammenstürzen und unter gewaltigen Ausbrüchen von Energie und Gravitationswellen zu noch größeren Schwarzen Löchern werden. Diese Schwarzen Löcher könnten dann die letzten „gigantischen Riesen“ sein, die über unvorstellbare Zeiträume hinweg Sterne, Gas und sogar ganze Sonnensysteme verschlingen, bis das Universum immer kälter, dunkler und leerer wird.

Ähnliche beschreibt es der „Hohe“ mit symbolischer Sprache der damaligen Zeit:

Dann geschieht etwas Ungeheuerliches: Der Wolf (Sköll) verschlingt die Sonne, und den Menschen erscheint dies als großer Schaden. Danach packt der andere Wolf (Hati) den Mond und bewirkt ebenso großes Unheil. Die Sterne verschwinden vom Himmel. Zu diesen Ereignissen gehört auch, dass die ganze Erde mit ihren Bergen bebt, sodass die Bäume aus dem Boden gerissen werden. Auch die Gebirge stürzen zusammen, und alle Fesseln und Bande brechen und reißen. Dann kommt der Fenriswolf frei.

Warum kommen nun die Wölfe der Vergänglichkeit frei? Hier können wir uns erinnern: Die Götter selbst haben Wali als Lebensprinzip in einen Wolf verwandelt, um die göttliche Gegenwirkung in der Höhle des Todes zu binden. Damit haben sie logischerweise und sogar „lokischerweise“ auch ihre eigene Wirkung dem Tod geweiht. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis die hungrige Vergänglichkeit wieder freikommt, die sie zu Beginn der Schöpfung gebunden und gezähmt hatten. Denn nur so konnte Mimirs Schöpfung eine Weile in Zeit und Raum bestehen, damit der Verstand daraus lernen kann.

Doch alles, was entsteht, muss auch wieder vergehen. Die beiden Wölfe wurden bereits im 12. Absatz als Sköll und Hati beschrieben, die man als Illusion der Verdunklung und Hass der Trennung bzw. Unterscheidung deuten kann, der diese Illusion ermöglicht. So vergeht zuerst das weltliche Licht der Sonne, sodass alle äußerlichen Formen der Natur verschwinden. Dadurch vergeht auch das reflektierende Mondlicht des Verstandes. Und weil dieser nun äußerlich nichts mehr unterscheiden kann, bricht die gesamte äußerliche Natur mit dem Wald der Vorstellungen zusammen. Damit verschwindet die äußere Ordnung der Natur mit all ihren Naturgesetzen und Bindungen in Raum und Zeit.

Im Prinzip verschwinden damit auch alle weiblichen Wesen der Verursachung und Geburt in der Natur. Entsprechend wechselt nun die Beschreibung von Ragnarök mehr zu einer geistigen Betrachtung, in der vor allem die männlichen Symbole als geistige Aspekte der Gottheit und Schöpfung die Hauptrollen spielen:

Das Meer überschwemmt das Land, weil sich die Midgardschlange im Riesenzorn herumwälzt, um an Land zu kriechen. Da geschieht es auch, dass Naglfar sich löst, das Schiff, das so heißt. Es besteht aus den Nägeln der Toten. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn jemand mit ungeschnittenen Nägeln stirbt. Denn er liefert dem Schiff Naglfar viel Material. Doch Götter und Menschen wollen nicht, dass es fertig wird. Und in dieser Flut schwimmt Naglfar. Hrymr heißt der Riese, der das Schiff steuert. Der Fenriswolf kommt mit aufgerissenem Maul herangestürmt. Sein unterer Kiefer berührt die Erde, der obere den Himmel. Er würde sein Maul noch weiter aufsperren, wenn mehr Raum dafür wäre. Flammen schlagen aus seinen Augen und den Nüstern. Die Midgardschlange speit so viel Gift, dass es die gesamte Luft und alles Wasser vergiftet. Auch sie ist furchterregend und steht dem Wolf zur Seite.

Wie wurde der allesverschlingende Fenriswolf zu Beginn der Schöpfung von den Göttern gebunden? Mit den Fesseln von Wachstum und Trägheit war es nicht möglich, sondern nur mit Gleipnir, der Fessel der Verursachung, also im Prinzip mit der Seele der Natur. Eben diese Fessel löst sich nun, denn die Schöpfung hat ihre Macht zur Regeneration und Erneuerung verloren. Und wenn nichts Neues mehr entstehen kann, bleibt nur noch die Vergänglichkeit des Alten übrig, was sich an Formen im Fluss der Schöpfung durch formhafte Abgrenzung in Zeit und Raum angesammelt hat.

Daher kommt nun mit dem Fenriswolf als Lokis Sohn auch dessen Bruder Jörmungand frei, der zur Midgardschlange als Prinzip Abgrenzung und Selbst-Bindung geworden war. So wälzt sich dieses Prinzip nun um, wühlt das Meer der Ursachen auf und holt vieles hervor, was im Fluss der Schöpfung gebunden, verdrängt und unterdrückt wurde. Dazu gehören vor allem die Toten, die sich als Einzelkämpfer im Totenschiff festhalten und keine Einherier im Lebensschiff werden wollten. Über die Nägel als Symbol für die körperliche Anhaftung am Toten haben wir bereits gesprochen. Ebenso darüber, wie die Götter zusammen mit den Einheriern um das Leben kämpften, damit nicht die gesamte Schöpfung ein Totenschiff wird.

In dieser Hinsicht erinnert auch der Riese Hrymr, der das Totenschiff steuert, als Inbegriff aller Hrimthursen bzw. Frostriesen bereits an den Eis-Riesen Ymir. Denn dahin geht die körperliche Schöpfung wieder, auf dem Weg zum „Big Freeze“. Dafür sperrt nun der Fenriswolf seinen Rachen der Vergänglichkeit über den gesamten Raum der Schöpfung auf, denn alle entstandenen Formen müssen auf diesem Weg vergehen. Das ist das Feuer-Gift des Todes, das sich dann überall verbreitet.

Doch zuvor kommt es auch im geistigen Reich zum Kampf der Gegensätze, der wohl noch viel wichtiger ist, damit diese sich ausgleichen und vergehen können:

Mit Getöse zerbricht der Himmel, und von dort reiten Muspels Söhne heran. Surt (oder Surtur) kommt als Erster. Vor ihm wie hinter ihm brennt Feuer. Sein Schwert ist vortrefflich und überstrahlt den Glanz der Sonne. Wenn sie über die Bifröst-Brücke reiten, bricht sie zusammen, wie vorher schon gesagt wurde (im 13. Absatz). Muspels Söhne dringen auf das Feld vor, das Wigrid heißt („Kampfwelle, Kampfreiter“). Dorthin kommen auch der Fenriswolf und die Midgardschlange, ebenso Loki, Hrymr und mit ihm alle Frostriesen. Dem Loki folgt die gesamte Schar der Hel. Während Muspels Söhne eine eigene Heerschar bilden, die überaus glänzend erscheint. Das Feld Wigrid ist auf jeder Seite hundert Meilen breit.

Wie im Naturreich auf der Erde die Ordnung zerbricht, so zerbricht sie nun auch im geistigen Reich des Himmels. Durch dieses Zerbrechen erscheint ein wunderliches Feuerwesen, um alle Teile zu verbrennen. So endet auch in dieser Hinsicht die Schöpfung mit dem gleichen Prinzip, wie sie begonnen hatte, als die Feuerfunken aus Muspelheim den Eis-Riesen Ymir auftauten.

Was ist das für ein Feuer? Da die Welt von Muspelheim so nahe am Urdbrunnen des Schicksals liegt, kann man zunächst über ein Schicksalsfeuer nachdenken, das alles verbrennt, was nicht bestehen soll. So hieß es oben im 4. Absatz:

Zuerst war jedoch das Gebiet in der südlichen Welthälfte, das man Muspel nennt. Es ist strahlend hell und heiß. Diese Region steht in Flammen und brennt und ist für diejenigen unerträglich, die dort fremd sind und nicht ihre Heimat haben. Surt (oder Surtur) wird der genannt, der an der Landesgrenze Wache hält. Er hat ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er losziehen, heeren und alle Götter vernichten. Verbrennen wird er die ganze Welt mit Feuer.

Der Name Surtur bedeutet allerdings „der Dunkle“. Es ist also ein dunkles und unsichtbares Wesen, das nur durch seine Wirkungen sichtbar wird, vor allem durch sein Flammenschwert oder seine Söhne, die Muspel-Funken. Bisher war er durch die göttliche Ordnung im Himmel gebunden, bewachte seine Grenzen und diente den Schicksalsentscheidungen der Götter am Urdbrunnen. Doch nun vergehen alle Grenzen und er erfüllt seine Aufgabe grenzenlos.

Aus moderner kosmologischer Sicht könnte man an die gewaltige Macht der kosmischen Energie denken, die selbst unsichtbar ist, aber durch ihre Wirkung sichtbar wird. Bereits im Urknall sorgte sie dafür, dass Teilchen und Antiteilchen entstanden und im Tanz des Lichtes wieder miteinander verschmolzen. Ohne Energie gäbe es kein sichtbares Licht, keine Bewegung und keine Entstehung von Materie, keine Sonnen, Planeten und Galaxien, weder Raum noch Zeit. Daher sorgt sie auch am Ende der Schöpfung für die Auflösung der Materie.

Surtur gleicht dieser unsichtbaren Macht des Schicksals: Wenn die kosmische Ordnung zerbricht, und er seine Grenzen überschreitet, trifft das dunkle Urfeuer auf die geformte Welt der Götter. Sie vernichten sich gegenseitig in einem Akt alldurchdringender Transformation, der alles Formhafte auflöst und das Universum in den formlosen Ursprung zurückführt, um den Keim für eine neue Schöpfung zu legen.

Der Zusammenbruch der Licht- und Regebogenbrücke Bifröst zwischen Himmel und Erde durch den Ausbruch von Surtur mit seinem Gefolge erinnert aus physikalischer Sicht daran, dass sich nun keine Lichtenergie mehr materialisieren kann. Auch darin zeigt sich, dass die Macht der Regeneration und Erneuerung in der alten Schöpfung verlorenging und kosmologisch der „Big Freeze“ bevorsteht.

Damit zerbricht die Brücke zwischen Licht und Materie, zwischen Himmelslicht und Erdenwelt, und das reine Licht zieht sich immer mehr aus der Schöpfung zurück. Alles, was noch als formhafte Welt vom Baum des Lebens übrigbleibt, wird nun Wigrid, ein großes Kampffeld, wo sich alle Geschöpfe zum großen Endkampf treffen. Dass dieses Feld in jede Richtung hundert Meilen misst, erinnert wieder an die symbolische Zahl 100 für die Ganzheit, die wir heute noch als 100% kennen. Es ist also das ganze weltliche Feld der Vergänglichkeit, das gesamte Raum-Zeit-Gefüge des Universums, so weit, wie der allesverschlingende Fenriswolf seinen Rachen aufsperren kann.

Wenn dies geschieht, erhebt sich Heimdall, bläst voller Kraft ins Gjallarhorn („Rufhorn“) und weckt alle Götter auf, die gemeinsam eine Thingversammlung abhalten. Dann reitet Odin zum Mimir-Brunnen und erhält von Mimir Rat für sich und sein Gefolge. Die Esche Yggdrasil wankt, und nichts zwischen Himmel und Erde ist ohne Furcht und Schrecken.

Diesen Prozess der Auflösung beschreibt nun der „Hohe“ im Weiteren vor allem aus geistiger Sicht mit den männlichen bzw. geistigen Aspekten der Schöpfung und Gottheit. Dazu ruft Heimdall als „heimleuchtendes“ Bewusstsein alle göttlichen Wesen zum letzten Kampf, um zum Ursprung heimzukehren.

Dies ist sozusagen ein geistiger Kampf des Bewusstseins, ein Kampf der Information. Auch aus moderner kosmologischer Sicht kann man eine Verbindung zwischen Energie und Information sehen. Vor allem die Quantenphysik lehrt, dass hinter jeder Energie zugleich Information steht. So sagt auch der Physiker Anton Zeilinger: „Information ist der Urstoff des Universums - Wirklichkeit und Information sind dasselbe.“

Wenn Information und Wissen so grundlegend sind, dann macht es auch Sinn, dass sich die Götter nun beraten und Odin sogar den Mimir-Kopf bzw. Verstand an der Wurzelquelle des Lebensbaums befragt. Und welchen Rat bekommt er dort? Vermutlich das, was wir nun lesen werden: Wie der Fluss der Schöpfung aus dem Mimir-Brunnen zu Ende gehen soll und wer mit wem kämpfen muss, um sich aufzulösen.

Weiß Odin das nicht selbst? Warum muss er sich Rat holen? Odin ist kein Einzelkämpfer, sondern ein Vorbild der Einherier. So ist Ragnarök auch kein physikalischer Ablauf einer unbewussten Natur, sondern eine bewusste Entwicklung von Information. Und alle Wesen, die jemals gelebt haben und noch leben werden, sind mit dabei. Dafür sorgt nicht nur das Gesetz der Energieerhaltung, sondern auch der Informationserhaltung. Das ist das Schicksal der „Ratenden und mächtig Wissenden“, um einen Lernprozess in der Schöpfung zu ermöglichen, denn: Wissen ist Macht.

Im letzten Satz kann man noch eine Erklärung für den Namen Yggdrasil finden, denn Yggr bedeutet auch Furcht und Schrecken. Somit wird der Weltenbaum schließlich zu einem „Träger bzw. Pferd der schrecklichen Furcht“. Und die schrecklichste Furcht der Geschöpfe besteht wohl immer noch darin, die Form zu verlieren, an der sie anhaften. Symbolisch können wir uns nun vorstellen, wie Odin selbst auf diesem Pferd in den letzten Kampf reitet, denn Yggr ist auch ein Beiname Odins. Bezüglich der Selbstverwirklichung sollte man besser sagen, dass sich Odin davon bewegen lässt, und er selbst gibt nur das Auge des Bewusstseins dazu.

Die Asen und alle Einherier rüsten sich und ziehen auf das Feld. Als Erster reitet Odin mit dem Goldhelm, herrlicher Brünne und dem Speer, der Gungnir heißt (der „Wellende“). Er dringt gegen den Fenriswolf vor, und Thor steht ihm zur Seite. Aber er kann ihm nicht beistehen, denn er kämpft heftig mit der Midgardschlange. Freyr trifft auf Surt, und es entwickelt sich ein harter Kampf, ehe Freyr fällt. Sein Tod wird, dass er das gute Schwert vermisst, das er Skirnir gab. Dann kommt auch der Hund Garm frei, der vor Gnipahellir („Klippe vor der Höhle“) angekettet ist. Er ist das furchtbarste Ungeheuer und kämpft gegen Tyr, und sie werden sich gegenseitig töten. Thor erschlägt die Midgardschlange und läuft noch neun Schritte weit. Dann fällt er wegen des Giftes, das die Schlange auf ihn bläst, tot zur Erde. Der Wolf verschlingt Odin, was dessen Tod ist. Aber gleich darauf stürmt Widar vor und tritt mit einem Fuß in den Unterkiefer des Wolfes. An diesem Fuß trägt er den Schuh, für den alle Zeit gesammelt worden ist. Es sind die Lederstücke, die man aus seinen Schuhen für Zehen oder Ferse schneidet. Darum soll derjenige diese Stücke wegwerfen, der beabsichtigt, den Asen zu Hilfe zu kommen. Mit einer Hand packt Widar dann den Oberkiefer des Wolfes und reißt seinen Rachen entzwei. Das bringt ihm den Tod. Loki kämpft mit Heimdall, und sie töten sich gegenseitig. Schließlich schleudert Surt Feuer über die Erde, und die ganze Welt verbrennt.

So kommen nun mit den Göttern auch die Einherier, die der Gottheit dienen, durch die vielen Tore von Walhall. Wie es im Lied von Grimnir heißt:
Fünfhundert Tore und vierzig sind - wie ich meine - in Walhall. Achthundert Einherier gehen zugleich durch jedes Tor, wenn sie ausziehen, um gegen den Wolf zu kämpfen.

Wie die Lichtbrücke von Bifröst zerbrach, so können wir uns nun vorstellen, wie sich auch diese Tore hinter den Einheriern schließen, die nun alle zugleich auf das Kampffeld zum letzten großen Kampf strömen. Odin selbst führt sie an. Sein Goldhelm erinnert an den Schutz seines Kopfes. Ähnlich wie die symbolischen Schutzhandschuhe von Thor vor der Anhaftung an seine Taten schützen, so schützt wohl dieser Helm vor der Anhaftung an den gedanklichen Verstand. Und was könnte besser schützen als das Gold der Wahrheit? Entsprechend erinnert der herrliche Brustpanzer an den Schutz des Herzens als Sitz der Seele. Und der Speer Gungnir erinnert an den göttlichen Willen des Allvaters, der niemals sein Ziel verfehlt.

Der erste Kampf wird zwischen Freyr und Surt beschrieben, zwischen dem Sommergott der fruchtbaren Gestaltung und der feurigen Energie, die nun in ihrem Wesen wieder verschmelzen, sodass die Gestaltung von Freyr verschwindet. Damit verschwinden im Prinzip auch die Zwerge als Naturgeister der Gestaltung im Mikrokosmos. Und das konnte geschehen, weil das schneidende Schwert des unterscheidenden Verstandes nicht mehr dabei war. Wunderbar!

Der zweite Kampf erscheint zwischen Tyr und Garm, zwischen dem Gott des gerechten Sieges und dem Wachhund, der die Toten in der Hel bewacht. Ja, der größte und gerechteste Sieg ist der Sieg über den Tod. Und der letzte Tod ist der Tod des Siegers, der nun wieder in der Ganzheit verschmilzt, wo es keine Trennung mehr gibt und damit auch keinen Tod. Und damit verschwinden im Prinzip auch die Toten zusammen mit Hel. Wunderbar!

Der dritte Kampf erscheint zwischen Thor und der Midgardschlange, dem Prinzip der Abgrenzung. Damit erreichte Thors Hammer sein Ziel, den er während der Bootsfahrt mit Hymir nicht umsonst auf die Midgardschlange geworfen hatte. Die neun Schritte erinnern wieder an die Macht der Erneuerung, die nun fehlt. So gleichen sich auch Thor und Midgardschlange in der Ganzheit aus, denn wenn es keine Abgrenzung und Selbst-Bindung mehr gibt, dann muss auch nichts mehr zerschlagen werden. Dadurch verschwinden im Prinzip auch die formhaften Frost- und Bergriesen des Makrokosmos. Somit hatte Thor als Aspekt der Gottheit seine Aufgabe erfüllt. Und auch das Schlangengift der Trennung erfüllt seine letzte Aufgabe und trennt Thor von seiner abgegrenzten Gestalt, sodass er wieder mit der Gottheit verschmilzt. Wunderbar!

Nachdem sich die Prinzipien von Gestaltung, Tod und Abgrenzung aufgelöst haben, ist nun der Weg frei, dass Odin mit seinen Einheriern auf den Fenriswolf trifft, auf das Prinzip der Vergänglichkeit. Die demonstrativ kurze Beschreibung ist des „Hohen“ würdig. Das heißt: Eine Geschichte ohne Geschichte, ein Kampf ohne Kampf, und ein Licht ohne Licht. Ganzheit bleibt Ganzheit, Gottheit bleibt Gottheit, und Wahrheit bleibt Wahrheit. Das ist die Meisterschaft, die jeden Verstand übertrifft. Dafür hat es sich auch für die Einherier gelohnt, über den langen Schöpfungszyklus sich täglich im Kampf für die Gottheit zu üben. Was vergeht, sind nur Namen und begriffliche Vorstellungen, die sich der schöpferische Verstand geschaffen hat. Wunderbar!

Was geschieht nun mit dem Fenriswolf, nachdem die Vergänglichkeit alles Vergängliche in sich selbst verschlungen hat? Jetzt schweigt die Schöpfung. Und hier erscheint Widar, der Gott des Schweigens und schweigende Kämpfer im Wald der Vorstellungen. Denn das Schweigen gehört natürlich zu den unvergänglichen Prinzipien. Was ist das für ein Schweigen? Ist es das reine Licht der Bewusstheit? Was bedeutet der Lederschuh als Grundlage der unvergänglichen Bewusstheit? Über dieses Symbol kann man viel nachdenken. Vermutlich geht es um das, was man abschneidet und abtrennt, um in Raum und Zeit eine bestimmte Form zu schaffen. Dessen soll man sich bewusst werden und es freigeben und wegwerfen, um den Göttern zu helfen. Der altnordische Text meint es sogar im wörtlichen Sinn als „auf den Weg werfen“. Was ist es, das man vorn und hinten auf dem Weg nicht festhalten und daran anhaften soll? Dieses Licht der Bewusstheit sollte wohl jeder Schuhträger und vor allem die Einherier entwickeln. Denn auch „so rum wird ein Schuh draus“, und sogar ein göttlicher und unvergänglicher. Mit diesem einen, unvergänglichen Schuh stellt nun Widar seinen Fuß auf den Unterkiefer des Wolfs, und mit seiner Hand packt er den Oberkiefer. Dann reißt er Rachen und Schlund entzwei. Damit tötet er die allesverschlingende Vergänglichkeit. Wunderbar! Und wir können uns gut vorstellen, wie er damit aus dem Wesen der Vergänglichkeit einen neuen Raum für alles schafft, was die Vergänglichkeit verschlungen hatte, einen neuen Raum für eine neue Schöpfung.

Nachdem nun die Schöpfung schweigt und Odin als Allvater und Schöpfergott in seiner Wirkung vergangen ist, muss logischerweise auch Loki als Gegenwirkung vergehen, um das Ziel des Schöpfungszyklus zu erreichen. So erscheint der allerletzte Kampf zwischen Loki und Heimdall, zwischen Gegenwirkung und Schöpfungsziel als heimleuchtendes Bewusstsein. Auch in ihnen kann man das gleiche göttliche Wesen erkennen. Auch sie haben ihr Ziel erreicht und lösen sich nun gegenseitig auf, um in der Gottheit zu verschmelzen.

So gibt es nun kein Halten mehr in der Schöpfung. Alle Aspekte der Gottheit sind wieder in der Ganzheit verschmolzen, und was man sich sonst noch an formhaften Gestaltungen vorstellen kann, verbrennt im Feuer von Surtur. Surtur ist dann das einzige Prinzip, das aus physikalischer Sicht von der irdischen Welt noch übrigbleibt, nämlich reine Energie, die dann in Ermangelung von Brennstoff langsam zum „Big Freeze“ abkühlt und wieder ein Eis-Riese wird, ein Ymir. Man könnte auch von „eingefrorenem Wasser des Lebens im Meer der Ursachen“ sprechen.

In dieser Hinsicht kann man Ragnarök als kosmische Rückkehr zur Symmetrie betrachten, die im „Big Bang“ gebrochen wurde. Nun sind Wirkung und Gegenwirkung wieder ausgeglichen, Ursache und Wirkung können nicht mehr getrennt wahrgenommen werden, und so entsteht auch nichts mehr in Raum und Zeit.

So wird es in der Weissagung der Seherin gesagt (Völuspa Verse 46-57):

Laut bläst Heimdall, das Horn ist in der Höhe, und Odin berät sich mit Mimirs Kopf. Bebend steht die Esche Yggdrasil, der alte Baum ächzt, und der (Feuer-) Riese befreit sich.

Was ist mit den Asen? Was ist mit den Alben? Das ganze Riesenheim (Jötunheim) bebt. Die Asen gehen zum Thing. Die Zwerge stöhnen vor Steintoren, die Weisen des Bergwalls (bzw. der Erde). Wisst ihr‘s zu deuten?

Hrym kommt von Osten, hebt den Schild vor sich. Jörmungandr (die Midgardschlange) windet sich in Riesenzorn (Jötunzorn). Die Schlange schlägt Wellen. Der Adler schreit, und sein bleicher Schnabel zerreißt die Toten. Naglfar (das „Nagelschiff“ als Totenschiff) ist los.

Ein Schiff kommt von Osten, Muspels (des Schicksalfeuers) Leute werden über das Meer kommen, und Loki steuert. Alle Unwissenden kommen mit dem Wolf und bringen Byleists (des „Wogenschlags“) Bruder (Loki) mit.

Surt (der Feuerriese) kommt von Süden mit den Zweigen (Flammen) der Zerstörung. Von seinem Schwert leuchtet die Sonne der Walgötter. Felsenberge zerbrechen und Riesinnen stürzen, Sterbliche gehen den Helweg (alles Vergängliche vergeht) und der Himmel zerbricht.

Dann tritt für Hlin (der „Schützenden“, Frigg) weiterer Schmerz zutage, wenn sich Odin anschickt, gegen den (Fenris-) Wolf zu kämpfen, und der strahlende Töter Belis (Freyr) gegen Surtr. Dort wird Friggs Geliebter (Odin) fallen.

Dann kommt Widar, der mächtige Sohn des Siegvaters, um gegen das Wal-Tier (den Fenriswolf) zu kämpfen. Mit seiner Hand lässt er dem Sohn Hwedrungs (dem Fenriswolf als Sohn von Loki) das Schwert ins Herz stechen. Da ist der Vater gerächt.

Es geht der berühmte Sohn der Hlödyn (Thor, Sohn von Jörd, Mutter Erde) sterbend von der Schlange, den Neumond nicht fürchtend. Alle Sterblichen müssen ihre Heimstatt (in Midgard) verlassen, denn mit ganzer Kraft (göttlichem Zorn) schlägt Midgards Beschützer zu.

Die Sonne wird sich verdunkeln, das Land versinkt im Meer, vom Himmel stürzen die hellen Sterne. Glutrauch und Feuer wüten, große Hitze steigt selbst bis zum Himmel empor.

Hier heißt es noch so:

Wigrid heißt das Feld, auf dem es zum Kampf kommt zwischen Surt und den milden Göttern. Hundert Meilen misst es auf jeder Seite. Es ist ihnen als Platz bestimmt.

Die Verse aus der Völuspa werden wir uns zum Abschluss dieses Kapitels als Zusammenfassung noch genauer anschauen. Im Prinzip wiederholen sie kurzgefasst die bisherige Beschreibung von Ragnarök mit nur wenigen Abweichungen.

Schließlich könnte man noch nach der zeitlichen Einordnung fragen. Die Edda berichtet hier von symbolischen Angaben, wie die drei Winter. Unsere moderne Wissenschaft spricht von über 5 Milliarden Jahren, bis unsere Sonne vergeht, und bezüglich des „Big Freeze“ sogar von unvorstellbar vielen Billionen Jahren. Das Alter unserer Sonne wird ebenfalls auf ca. 5 Milliarden Jahre geschätzt, sodass sie sich in der Mitte ihres Lebens befindet. Das Universum ist ungefähr 13,8 Milliarden Jahre alt, also noch sehr jung bis zum „Big Freeze“. Doch spätestens seit Einsteins Erkenntnissen wissen wir, dass es im Universum keine absolute Zeit gibt.

Im Prinzip wussten das die Menschen auch früher schon. So spricht die Bibel von sieben Tagen aus Sicht des Schöpfergottes, von denen jeder Tag aus Sicht der Menschen wie tausend Jahre erscheint. Die altindischen Puranas sprechen von einem Tag für den Schöpfergott Brahma, der uns Menschen wie ca. 4 Milliarden Jahre erscheint. Und Brahma selbst soll über 300 Billionen Jahre leben. Solche Effekte der Relativität lassen sich mit der modernen Physik durch Zeitdilatation erklären. Das bedeutet: Je schneller man sich bewegt und der Lichtgeschwindigkeit nahekommt, desto schneller vergeht relativ die Erdenzeit, bis man theoretisch mit Lichtgeschwindigkeit sogar in der Ewigkeit bzw. Gleichzeitigkeit ist. Denn für das Licht selbst gibt es keine Zeit mehr. Nach dieser Physik müsste sich theoretisch der christliche Schöpfergott mit über 99,999999999% der maximalen Lichtgeschwindigkeit bewegen, und Brahma noch eine kaum messbare Winzigkeit schneller, nämlich weniger als 0,01 km/h. Das macht auch praktisch Sinn, wenn man den Schöpfergott als personifiziertes Universum betrachtet, das sich im Bereich der Lichtgeschwindigkeit bewegt und ausdehnt, jenseits unserer begrenzten Vorstellungen von Raum und Zeit. (Aus unserem Artikel über „Zeit und Licht“.) - Das heißt also: Wenn ein Gott von „drei Wintern“ spricht, dann können auch sehr große Zeitabschnitte gemeint sein. Genauso gut kann man diesen Prozess auch in einem einzigen Leben erfahren, wenn sich das Bewusstsein entsprechend bewegt und ausdehnt.

Weiterhin steht nun die Frage: Wenn die Schöpfung aus physikalischer bzw. körperlicher Sicht bezüglich der Energie wieder ein Eis-Riese als „Big Freeze“ wird, was geschieht dann aus geistiger Sicht bezüglich der Information?

52. Da meinte Gangleri: Was geschieht danach, wenn die ganze Welt verbrannt ist und alle Götter tot sind und alle Einherier und die ganze Menschheit? Habt ihr nicht zuvor gesagt, dass jeder Mensch in irgendeiner Welt für alle Zeiten leben wird?

Darauf antwortete der Dritte: Es gibt viele gute Aufenthaltsorte und viele schlechte. Am besten ist es, in Gimle („Feuergeschützt“) im Himmel zu sein.

Was bleibt, wenn alles Vergängliche vergangen ist? Es bleibt das Unvergängliche als Energie und Information, sowie das Wesen des Lichtes und das Bewusstsein selbst. Darüber kann man in diesem Absatz nachdenken. Hier geht es um eine der größten Botschaften der Edda, die oft nur wenig beachtet wird. Gangleris Frage bezieht sich auf den 3. Absatz, wo es heißt:

Gott lebt für alle Zeiten, waltet über sein Reich und bewirkt alle Dinge, die großen wie die kleinen… Das Wichtigste ist aber, dass er den Menschen erschuf und ihm eine Seele gab, die leben soll und niemals sterben, auch wenn der Körper zu Erde verwest oder zu Asche verbrennt. Alle Menschen, die des rechten Glaubens sind, werden leben und mit ihm selbst an dem Ort sein, der Gimle heißt…

Hier wird nun jenseits der vergänglichen Mimir-Schöpfung des Weltenbaums in Zeit und Raum von einer Welt der Unsterblichkeit gesprochen, die über alle Zeiten besteht. Aber nicht die körperliche Gestaltung soll dort leben, sondern die Seele als Prinzip der Verursachung. Es ist also ein formloses Reich der potentiellen Energie und Information, das man auch Meer der Ursachen oder Möglichkeiten nennen kann. Hier gibt es noch keine körperliche Massebildung. Somit erinnert dieses Reich an das reine Licht, das für sich selbst auch keine Masse hat, aber als Informationsträger dienen kann. Und solange das Licht keine Masse hat, ist es auch jenseits von Zeit auch Raum, sozusagen in der Ewigkeit. Daher ist Gimle auch kein gewöhnlicher „Ort“, sondern vielmehr ein Himmel des Daseins, wie auch das physische Universum kein „Ort“ ist, sondern die Grundlage für alle Orte und Welten.

Dieser reine Himmel von Gimle wurde bereits im 17. Absatz ausführlich beschrieben, wie er lichter als die Sonne ist und warum er Surts Feuer übersteht. Manche meinen, er ist das Paradies, doch das wird erst im nächsten Absatz beschrieben. Es ist ein formloses Reich, wo es keine Unterscheidung in Zeit und Raum gibt, keine Trennung zwischen Subjekt und Objekt, wo Odins Augen wieder ein Auge sind. Es hat keine Grenzen, durchdringt alles und enthält auch alles. Wie das formlose Bewusstsein, das jede Form annehmen kann. So ist es die höchste Bewusstseins-Ebene, die man erreichen kann, die Ganzheit von allem, die Gottheit selbst, in der alles „überlebt“.

Es ist also ein Reich, das keine Form hat, aber auch keine Form ausschließt. Das macht es so schwer, darüber zu sprechen. Daher spricht wohl auch nicht der „Hohe“ darüber, sondern der „Dritte“, der nun symbolisch beschreibt, welche Säle bzw. Bewusstseinsräume dieses Reich einschließt:

Überaus reichlich gibt es guten Trank für die, denen es Vergnügen bereitet, in dem Saal, der Brimir (Ymir) heißt. Er steht in Okolnir („Niemalskalt“). Auch ein guter Saal, der auf Nidafjöll („Neumondberg“) steht, ist aus rotem Gold erbaut. Er heißt Sindri („Sinter, Verhärtung“ als Gestaltung). In diesen Hallen sollen sich wackere und Männer guter Sitte aufhalten. In Naströnd („Leichenstrand“) ist ein großer übler Saal, und seine Tür geht nach Norden. Er ist ganz aus Schlangenrücken geflochten wie ein Haus aus Flechtwerk. Aber alle Schlangenköpfe weisen ins Innere des Hauses und speien Gift, so dass Giftströme die Halle entlang fließen. Eidbrecher und Mörder durchschreiten diese Ströme, so wie man es hier sagt (in der Völuspa Vers 38/39):

Einen Saal sehe ich fern der Sonne in Naströnd („Leichenstrand“) stehen, nach Norden die Tore gerichtet. Gifttropfen fallen durch die Dachöffnung, diese Halle ist umwunden von Schlangenrücken. Dort sollen meineidige Männer und Mörder durch beschwerliche Ströme waten.

Aber in Hwergelmir („siedende Quelle, Kessel-Schreier“ als Geburts-Brunnen) ist es am schlimmsten: Dort peinigt Nidhögg („Hass-Schläger, Hass-Schlange“) die Leichen der Toten.

Der erste Raum von Okolnir („Niemalskalt“) erinnert an den Makrokosmos der Riesen, der hier niemals kalt wird, wie auch der „Big Freeze“ niemals den absoluten Temperatur-Nullpunkt erreicht. So bleibt hier das Wasser des Lebens immer ein Trank der Freude.

Der zweite Raum von Nidafjöll („Neumondberg“) erinnert an den Mikrokosmos der Zwerge, von denen wir Sindri und Brokk als „Natur-Geist“ bereits als Schöpfer des Goldrings Draupnir kennengelernt haben. So ist es das Neumond-Reich der Erneuerung und Gestaltung, dessen Berg bzw. Materie im Grunde aus dem Gold der Wahrheit besteht.

Und der dritte Raum von Naströnd („Leichenstrand“) erinnert an die Nordseite des Weltenbaums, sozusagen zwischen Niflheim und Niflhel, zwischen Geburt und Tod, wo am körperlichen Ufer vom Fluss der Schöpfung die materiellen Körper angespült werden. Ja, im Vergleich zum reinen göttlichen Licht ist dies ein dunkler und schrecklicher Bewusstseinsraum, der aus den Ego-Schlangen der Abgrenzung geflochten wird, die ihr Gift der Trennung in diesen Raum speien. So lebt hier der Geist der Trennung, der das göttliche Eheversprechen zwischen Geist und Natur sowie Einheit und Vielfalt gebrochen hat. Es leben hier sozusagen die Toten im Meer der Ursachen, die hartnäckig an einer eigenen Form anhaften. Und sie hassen es wie die Pest, im Geburtsbrunnen eine andere Form annehmen zu müssen.

So können wir in diesem Licht die Potentialität aller Möglichkeiten finden, von allem, was man sich vorstellen kann, vom ewigen Himmel der Glückseligkeit bis zur ewigen Hölle des Leidens. Und wo ist die wirkliche Welt, wo Veränderungen möglich sind, wo etwas entstehen und vergehen kann?

53. Dazu fragte Gangleri: Leben dann noch irgendwelche Götter, und gibt es noch eine Erde und einen Himmel?

Der Hohe sagte: Die Erde steigt aus dem Meer empor, und sie ist grün und herrlich. Das Getreide wächst von selbst. Widar und Wali leben, weil ihnen weder das Meer noch Surts Flammen geschadet haben. Sie wohnen auf Idawöll (dem „Feld der Erneuerung von Idun“), dort, wo vorher Asgard war, und dorthin kommen Thors Söhne, Modi und Magni („Mut“ und „Macht“), die Mjölnir haben (den Hammer „Zermalmer“). Dann kommen Balder und Hödur von Hel. Sie alle setzen sich zusammen und unterhalten sich. Sie erinnern sich ihres geheimen Wissens und reden von den Geschehnissen, die einstmals gewesen sind, von der Midgardschlange und vom Fenriswolf. Dann finden sie im Gras die Goldtafeln, die die Asen besessen haben. So wird es gesagt (im „Lied von Wafthrudnir“, Vers 51):

Widar und Wali (Odins Söhne „Schweigen“ und „Leben“) bewohnen die Heiligtümer der Götter, wenn Surts Flamme erlischt. Modi und Magni werden Mjölnir haben am Ende von Wignirs (Thors) Kampf.

Und an dem Ort, der Hoddmimirsholt („Wald des Mimir-Schatzes“) heißt, verbergen sich zwei Menschen (Lebewesen) vor Surts Flammen, die Lif und Lifthrasir heißen („Leben“ und „Lebensdrang“). Ihnen dient der Morgentau als Speise. Und von diesen Menschen (bzw. Lebewesen) stammen so viele Geschlechter ab, dass sie die ganze Welt besiedeln. So wie es hier heißt (im „Lied von Wafthrudnir“, Vers 45):

Lif und Lifthrasir werden sich im Wald Hoddmimirs verbergen. Morgentau haben sie als Speise, und daraus gehen wieder die Generationen hervor.

Es wird dir auch wundersam erscheinen, dass die Sonne eine Tochter geboren hat, nicht weniger schön, als sie war. Sie zieht die Bahn ihrer Mutter, wie es hier heißt (im „Lied von Wafthrudnir“, Vers 47):

Eine Tochter gebärt Albenglanz (die Sonne), bevor Fenrir sie packt. Sie soll den Weg der Mutter reiten, wenn die Ratenden sterben.

Damit schließt sich nun der große Kreis, und der Beginn eines neuen Schöpfungszyklus wird beschrieben. Wie die Schöpfung zuvor aus körperlicher bzw. energetischer Sicht aus dem Eis-Riesen Ymir erklärt wurde, so wird sie nun aus geistiger Sicht aus dem Reich der Information im Meer der Ursachen erklärt. So begründen nun Odins Söhne Widar und Wali als „Schweigen“ und „Leben“ eine neue Schöpfung auf dem ewigen Feld der Erneuerung, sozusagen im Gimle-Licht des ewigen Bewusstseins, dem Auge der Gottheit.

Aus dem Wasser des Lebens erscheint im Meer der Ursachen eine neue, fruchtbare Erde. Ein goldenes, paradiesisches Zeitalter beginnt, in dem sich niemand um genügend Nahrung sorgen muss, denn Mutter Erde ernährt alle. Am Himmel erscheint eine neue Sonne, die aus der alten geboren wurde und deren Aufgabe übernimmt, um die Erdenwelt zu erwärmen und zu erleuchten. Und so wird diese neue Welt dann auch bevölkert:

In Widar, der seinen Vater Odin am Fenriswolf gerächt und praktisch wieder befreit hat, kann man im Prinzip einen neuen Odin als Allvater und Schöpfergott erkennen. Und Wali wäre dann der neue Loki als lebendige Gegenwirkung zum Schweigen. Thors Sohn Magni als „Macht“ kann man sich als neuen Thor vorstellen, der nun mit dem Hammer die Aufgabe seines Vaters übernimmt. Sein Bruder Modi als „Mut“ erinnert an Hermodr, den „Heer-Mut“, der nun als Botschafter der Schöpfung wieder zwischen Balder und Hödur steht, zwischen Lichtheit und Dunkelheit. Dadurch ist wieder ein Lernen in Raum und Zeit möglich, und die neuen Götter erinnern sich gemeinsam an das alte, verborgene Wissen im Meer der Ursachen, um die angesammelten Probleme zu lösen. Entsprechend deuten die Goldtafeln im Gras die göttlich-ganzheitliche Botschaft der lebendigen Wahrheit an.

In dem Menschenpaar, das im Wald der Vorstellungen des Mimir-Verstandes überlebt hat, kann man auch allgemein die Bevölkerung der Erde sehen. So entstehen nun wieder die körperlichen Lebewesen im Spiel von Männlich und Weiblich als „Lebensdrang“ und „Lebensform“ und bevölkern mit ihren Generationen die gesamte Erdenwelt. Der Morgentau erinnert an das Wasser des Lebens, das sich nun wieder in der Morgendämmerung der Schöpfung in vielfältigen Formen überall als Nahrung niederschlägt, kondensiert und verkörpert, besonders der Nebel in Niflheim nahe des Geburtsbrunnens.

Auch unsere moderne Wissenschaft kann überzeugend erklären, wie Erde und Sonne vergehen werden und aus ihrer Substanz wieder entstehen können. Doch wie danach auf der Erde wieder neue Lebewesen entstehen, dafür hat sie keine überzeugende Erklärung. Auch die große Frage, wie aus dem „Big Freeze“ wieder ein „Big Bang“ wird, kann sie nicht überzeugend beantworten. Zwischen dem Makrokosmos der Relativitätstheorie und dem Mikrokosmos der Quantenphysik klafft ebenfalls noch eine große Lücke. Und die Geisteswissenschaft verkümmert leider immer mehr. Das heißt, unsere moderne Naturwissenschaft kann zwar ungeheure Mengen an Wissen produzieren, aber die großen Kreise nicht schließen, um die wichtigen Fragen des Lebens zufriedenstellend zu beantworten. Daher gibt es auch so wenig Zufriedenheit in unserer heutigen Welt. Offenbar waren die Menschen in dieser Hinsicht früher schon viel weiter. Und genau darum geht es wohl hier, wenn der „Hohe“ abschließend spricht:

Aber wenn du jetzt noch weiter fragen kannst, weiß ich nicht, woher du das hast. Denn niemanden habe ich mehr erzählen hören vom Gang der Welt. Nun nutze, was du vernommen hast!

Wofür sollte man das Wissen dieser Welt nutzen? Was sollte man daraus lernen? Was ist der Sinn unserer Erfahrungen in der Welt? Läuft die moderne Wissenschaft in die verkehrte Richtung? Oder ist es nur eine Frage der Zeit, dass auch sie die menschlichen Probleme tiefgründig lösen kann? So könnte die allgemeine Illusion verschwinden und das Leiden der egoistischen Abgrenzung vergehen. Dann könnte sich die menschliche Begierde ohne Hass in reine Liebe verwandeln. Und so könnten sich die Menschen wieder selbst erkennen, im Großen und Ganzen über Geburt und Tod hinaus. Das wäre doch wunderbar!

Lehren, die zu Disput und Streit verleiten,
können nicht von Geburt und Tod befreien.
(Hui-Neng, Zen-Meister)

54. Als nächstes hörte Gangleri ein großes Getöse überall um sich herum, und er blickte nach der Seite. Doch als er sich umsah, da stand er draußen auf einem flachen Feld, sah keine Halle und keine Burg mehr. Daraufhin ging er seines Weges und kehrte in sein Reich zurück. Dort erzählte er die Begebenheiten, die er gesehen und gehört hatte. Und nach ihm erzählte einer dem anderen diese Geschichten.
(Gylfaginnîng nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Arthur Gilchrist Brodeur)

Wunderbar! Damit schließt sich auch der große Kreis von „Gylfis Illusion“ zum Anfang der langen Geschichte, wo es hieß:
König Gylfi („schäumende Welle“) nahm die Gestalt eines alten Mannes an und gab sich nicht zu erkennen. Aber die Asen waren weise, weil sie die Sehergabe besaßen. Sie sahen seine Reise, bevor er ankam, und spiegelten ihm Sinnes-Illusionen vor…

Nun ist er in seiner ursprünglichen Heimat angekommen. Nach seinem Herz, wurde nun auch sein Kopf ins Licht der Gottheit gezogen. Und damit endet „Gylfis Illusion“. Wunderbar!

Gymir als Ägir

Es ist nichts Reales an meinen Lehren.
Wenn du das verstehst, wirst du reich genug sein,
um es dir wirklich gutgehen zu lassen.
(Lin-Chi, Zen-Meister)

Auch hier kann man über den Unterschied zwischen den alten Göttergeschichten und der modernen Wissenschaft nachdenken. Seit der „Aufklärung“ hat das wissenschaftliche Wissen vor allem selbst den Anspruch auf die Wahrheit. Während die alten Geschichten eher ein Mittel waren, um die Wahrheit zu finden, die sich nicht begreifen und festhalten lässt. Und dafür waren und sind sie überaus wertvoll. Wie man auch die lebendige Vielfalt der Natur als ein vergängliches Mittel betrachten kann, um das Unvergängliche wiederzufinden. Ähnlich soll auch der Buddha gesagt haben: Als Floß, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten.


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