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Es ist sicherlich nicht heilsam, wenn wir als Menschen über Götter spotten und uns damit den Weg zur Ganzheit und Erfüllung verbauen. Doch was bedeutet es, wenn Götter über Götter spotten? Denn dazu gibt es in der Edda gleich zwei Lieder, die gern als Schwänke oder Parodien betrachtet werden. Manche Forscher sehen darin auch den Verfall der alten Mythen, so dass man sich darüber lustig machte. Andere denken an die Kunst des Redestreites.
Aus geistiger Sicht möchten wir auch hier vor allem über die Rolle des Verstandes nachdenken. Wir haben ja selbst versucht, in drei langen Kapiteln das Wesen von Odin, Loki, Thor und anderen Göttern und Göttinnen für unseren Verstand greifbarer zu machen. Natürlich sind auch damit Bilder und bestimmte Vorstellungen entstanden, wie es vor uns schon viele Forscher getan haben. Manche haben in den göttlichen Wesen vor allem Naturphänomene gesehen, andere fanden germanische Heldenideale für Krieger, und wieder andere fanden in der Runenmagie ihren Okkultismus. Eine solche Vielfalt ist auch wichtig in einer lebendigen Kultur. Auch unser Verstand braucht diese Vielfalt, denn nur in der Vielfalt kann er die Einheit erkennen, um sich selbst zu überwinden. Problematisch wird es, wenn solche Vorstellungen erstarren und in eine bestimmte Richtung missbraucht werden, im schlimmsten Fall noch für politische Zwecke. Diese Gefahr besteht in allen Weltanschauungen, die einen Anspruch auf Absolutheit und Alleinstellung haben. Denken wir nur an die mittelalterliche Inquisition, eines der schwärzesten Kapitel des Christentums…
Wie kann man nun verhindern, dass eine Weltanschauung im Verstand der Menschen erstarrt? Buddha soll dazu gesagt haben: Als Floß, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten. In dieser Richtung möchten wir nun auch über die Spottlieder der Edda nachdenken.
Thor kam von einer Fahrt aus dem Osten zurück, und er kam an einen Sund (Meerstraße). Auf der anderen Seite des Sunds stand der Fährmann mit dem Boot.
1. Thor rief: Wer ist der Bursche der Burschen, der jenseits des Sunds steht?
2. Der Fährmann antwortete: Wer ist der Kerl der Kerle, der über die Bucht ruft?
3. Thor: Fahr mich über den Sund, ich füttere dich morgen früh! Einen Korb habe ich auf dem Rücken, kein Essen wird besser. Ich aß in Ruhe, bevor ich daheim loszog, Heringe und Hafergrütze. Für heute bin ich satt davon.

Hier kann man sich zunächst vorstellen, das Thor aus Jötunheim, dem Reich der Berg- und Frostriesen, auf dem Rückweg nach Asgard ist, sozusagen aus dem Reich der Natur zurück in das geistige und göttliche Reich. Nachdem wir viele Geschichte von Thor erfahren haben, wie er in Jötunheim gekämpft und sogar noch den halben Wetzstein in seinem Kopf hatte, ist es für unseren Verstand gar nicht so einfach, ihn wieder in das Götterreich zu bringen. Welcher Fährmann kann ihn über diese scheinbare Grenze holen?
Thor selbst ruft nach einem solchen, obwohl er bisher jedes Gewässer durchwaten konnte, alle Flüsse und sogar das weite Meer, nachdem er die Midgardschlange geangelt und Hymir gestürzt hatte. Doch nun zeigt er sich wie ein armer Mensch, der sich von Heringen und Hafergrütze ernährt, dem Essen der Armen, und das nur einmal am Tag, nachdem er bei Thrym einen ganzen Ochsen und acht Lachse verspeist hatte. Dazu trägt er einen Korb auf seinem Rücken, in dem sich offenbar all sein Hab und Gut befindet. Ist das viel oder wenig? Vielleicht trägt er darin den tapferen Aurwandill, den wir am Ende der Geschichte von Hrungnirs Kampf kennengelernt haben, den „Wanderer im aufgehenden Licht“, den Ehemann von Groa, den Mutter Natur als Lebensgeist erwartet? Ist das die Nahrung, von dem sich auch die Einherier jeden Morgen ernähren? Und wohin sollte er ihn tragen?
4. Fährmann: Zu früh preist du das morgige Mahl. Wenig weißt du im Voraus: Traurig ist dein Hauswesen, denn ich glaube, deine Mutter ist tot.
5. Thor: Du sagst mir geradewegs, was jedem ein herber Schlag ist, dass meine Mutter tot sei.
6. Fährmann: Du siehst nicht aus, als ob du drei erträgliche Höfe hättest. Barbeinig stehst du und hast die Kleidung von Landstreichern. Nicht einmal eigene Hosen trägst du.
So fragt der Fährmann: Wie soll ich dich in die Götterwelt holen? Du siehst wie ein sterblicher Mensch aus und weißt nicht, ob du morgen noch dein Frühstück essen kannst. Vielleicht ist sogar deine sterbliche Mutter schon tot! Du siehst nicht einmal danach aus, als würdest du ein fruchtbares Familienleben mit Kindern, Eltern und Großeltern führen und ordentliche Kleidung besitzen. Wie kann ein „Landstreicher“ in die geistige Götterwelt kommen?
Darauf fragen wir: Welche Form hat ein Gott? Wovon ernährt er sich? Welche Vorfahren und Nachkommen hat er? Was besitzt er?
7. Thor: Steure das Boot hierher! Ich werde dir die Anlegestelle zeigen. Oder wem gehört das Boot, das du am Ufer hältst?
8. Fährmann: Hildolf („Kampf-Wolf“) heißt er, der es mich zu halten bat, der ratkluge Mann, der am Sund von Radseyjars wohnt (der „Insel des Rates“). Er bestimmte, keine Räuber überzusetzen oder Pferdediebe, sondern nur Gute und die, welche ich genau kenne. Nenne deinen Namen, wenn du über den Sund fahren willst!
Wem gehört ein Boot, das auf dem Wasser des Lebens schwimmt? Es gehört vor allem dem körperlichen Verstand, der gegen den Wolf der Vergänglichkeit um seinen Körper kämpft, aber auch selbst oft gierig wie ein hungriger Wolf erscheint. Und dieser „ratkluge“ Verstand bewacht seine Insel des Wissens und damit auch die Grenze zu Asgard. Denn er bestimmt, wer zu den Göttern gehört, und wer nicht. Dazu sind ihm auch die Namen äußerst wichtig.
9. Thor: Nennen würde ich meinen Namen, auch wenn ich geächtet wäre und mein ganzes Geschlecht: Ich bin Odins Sohn, Meilis (der „Liebe“?) Bruder und Magnis (der „Macht“) Vater, der Kraftherr der Götter. Mit Thor kannst du hier sprechen. Lass mich nun fragen, wie du heißt.
10. Fährmann: Harbard („Graubart“) heiß ich und verheimliche den Namen selten.
11. Thor: Warum solltest du deinen Namen verheimlichen, außer du hättest Schuld?
12. Harbard: Aber auch wenn ich Schuld hätte, vor einem solchen, wie du es bist, werde ich mein Leben schützen, außer ich wäre todgeweiht.
So nennt auch jeder seinen Namen gern, der zu seiner Identität gehört. Thor selbst gibt sich als Gottessohn zu erkennen und spricht mehr von seinem Wesen als Kraft der Götter, Bruder der Gottesliebe und Vater der göttlichen Macht in Thrudwang, seinem „Kraft-Feld“ in der Natur.
Der Fährmann nennt sich Harbard. Sein Name lässt sich als „Graubart“ deuten und wird im Lied von Grimnir (Vers 49) als ein Name von Odin aufgezählt. Der Graubart erinnert an die Weisheit des Alters, und dahinter steht natürlich die Gottheit selbst, Odin als Allvater oder reines Bewusstsein, das sich in den Augen Odins in äußerlichen Formen spiegelt.
Doch Thor scheint ihn in der Gestalt des Fährmanns nicht zu erkennen, fühlt sich verspottet und fragt nach Schuld. Welche Schuld könnte ein Gott haben? Und doch kann sich der Verstand auch das vorstellen, was wohl auch die Hauptquelle von karmischer Schuld in unserer Welt ist. So räumt auch Harbard diese Möglichkeit ein und offenbart gleichzeitig sein Ziel in der Welt, nämlich das Leben zu beschützen, soweit das möglich ist.
13. Thor: Schwere Mühsal dünkt es mir, durch die Bucht zu dir zu waten und meinen Korb nass zu machen. Ich würde dir Windelkind die Spottreden lohnen, könnte ich über den Sund kommen.
14. Harbard: Hier werde ich stehen und dich erwarten. Du würdest keinen härteren Mann seit Hrungnirs Tod treffen.
Wer oder was wäre härterer und beständiger als Materie? Der Mann bzw. Geist von Odin?
Weiter geht das Spiel der Möglichkeiten: Ja, man kann diese ganze Welt als ein Spiel der Möglichkeiten betrachten, die aus dem Meer der Ursachen auftauchen können. Ähnlich spricht auch Ulrich Warnke aus Sicht der modernen Quantenphysik von einem Meer der Möglichkeiten. Es ist natürlich mühsam, dahindurch zu waten und alle möglichen Wirkungen zu ertragen. Dazu fürchtet noch der Verstand, dass sich in diesem Meer unser Korb mit allem Hab und Gut auflösen könnte. Entsprechend beginnt er nun in den folgenden Versen, darüber nachzudenken, was er alles auf seinem Weg durch die Welt schon getan und erreicht hat und wieder verlieren könnte:
15. Thor: So willst du jetzt erwähnen, wie ich mit Hrungnir stritt, diesem hartherzigen Riesen, dessen Kopf aus Stein war. Doch ich ließ ihn stürzen und versinken. Was tatest du inzwischen, Harbard?
So hatte wohl Thor in diesem Kampf seinen göttlichen Schutzhelm nicht auf, so dass ihm die versteinerte Einbildung eigener Taten in den Kopf dringen konnte. Was hätte Thor tun können ohne seinen Vater, seine Mutter und die ganze Schöpfung? Warum sieht er eine Trennung in meine und deine Taten? Und sein Vater scheint dieses Spiel mitzuspielen:
16. Harbard: Ich war bei Fjölvar („Viel-Vorsicht“) fünf ganze Jahre, auf der Insel, die Algrön heißt („Allgrün“, Erde). Wir kämpften und fällten die Kämpfer dort, versuchten alles Mögliche und stellten den Mädchen nach.
17. Thor: Wie verlief es mit euren Frauen?
18. Harbard: Wir hatten lebhafte Frauen, wenn sie uns zugänglicher geworden wären. Wir hatten kluge Frauen, wenn sie uns holder gewesen wären. Sie wanden Stricke aus Sand, und aus einem tiefen Tal gruben sie den Boden. Ich allein war ihnen allen an Klugheit überlegen. Ich schlief bei den sieben Schwestern und bekam ihre ganze Lust und Liebeswonne. Was tatest du inzwischen, Thor?
Wie Thor von seinem Kampf gegen die Erstarrung der Berg- und Frostriesen berichtet, um eine lebendige Schöpfung zu erhalten, so berichtet auch Harbard von seinem langwierigen Kampf im Reich von Raum und Zeit. Dabei wandelt sich der Graubart vom Ich zum Wir, was uns an die Einherier erinnert, die unter Führung der Vorsehung im Heer der Einheit in der Vielfalt der grünenden Natur kämpfen. Die Mädchen und Frauen erinnern an die Seele der Natur, wie sie auch Swipdag suchte, um Geist und Natur wieder zu vereinen. Die Hindernisse sind natürlich schwer zu überwinden, vor allem die materiellen und irdischen. Dieses Ziel kann nur ein ganzheitlicher Geist erreichen, und das ist schließlich wieder Odin als Allvater und Gottheit, der alles erreicht, weil er alles ist. Die Schwestern erinnern an die neun Schwestern als Wellen-Töchter des Meeres, mit denen Odin Heimdall zeugte, das „heimleuchtende Bewusstsein“, mit dem nun auch Thor den Heimweg sucht.
19. Thor: Ich erschlug Thjasi (den „Eisigen“), den übermütigen Riesen, und hinauf warf ich die Augen von Allwaldis Sohn an den heiteren Himmel (dem „All-Herrscher“ oder im Skaldenbuch Ölvaldi als „Ale- bzw. Bier-Herrscher“). Sie sind die größten Wahrzeichen meiner Werke, die seitdem alle Menschen sehen. Was tatest du inzwischen, Harbard?
20. Harbard: Viele Verführungskünste übte ich bei den Nachtreiterinnen, als ich sie von den Männern lockte. Ein harter Riese, glaub ich, war Hlebard („Schutz-Bart“?), er gab mir den Zauberstab, und ich raubte ihm den Verstand.
21. Thor: Übel belohntest du da gute Gaben.
22. Harbard: Was von einer Eiche abbricht, das gewinnt die andere (an Licht). Für sich ist jeder bei solchen Dingen. Was tatest du inzwischen, Thor?
Hier könnte man an Odin denken, wie er die Liebe vieler Riesenfrauen gewann, um sie vom eigenwillig-erstarrenden Geist der Berg- und Frostriesen aus dem Nacht-Bewusstsein zum göttlich-belebenden Geist des Tag-Bewusstseins zu locken. Damit wandelte sich wohl auch der Berg- und Frostriese Hlebard, als er seinen Zauberstab zur Erfüllung eigenwilliger Wünsche der Gottheit übergab und damit seinen egoistisch-körperlichen Verstand verlor. Dies erinnert wieder an das Wesen der Einherier, die ihren Egoismus als Einzelkämpfer aufgeben, um für den ganzen Lebensbaum im Dienst der Gottheit zu kämpfen. Ja, dazu kann sich jeder selbst entscheiden. Und wer ist der „andere“?
Auf andere Weise scheint Thor mit den Riesen und ihren Frauen umzugehen, die den Berg-Weg zur Erstarrung gehen, obwohl auch er nur aus Gottesliebe handelt:
23. Thor: Ich war im Osten und erschlug Riesen (Jötune) und schadenstiftende Weiber, die zum Berg gingen. Übermächtig würde das Geschlecht der Riesen, wenn alle lebten. Aus wäre es mit den Menschen in Midgard. Was tatest du inzwischen, Harbard?
24. Harbard: Ich war in Walland („Land der Gefallenen“) und suchte Kämpfe. Ich hetzte Fürsten auf, aber versöhnte sie nie. Odin hat die Fürsten, die im Kampf fallen, aber Thor hat das Geschlecht der Knechte.
Hier scheint nun Harbard sogar unser Verstandeskonzept der Gottesliebe zu zerschlagen. Denn auch der Kampf hat natürlich seinen Platz in der Schöpfung, und im Grunde kämpfen alle Geschöpfe im „Land der Gefallenen“ um ihr Dasein, denn sie sind aus der Gottheit und Ganzheit gefallen. Entsprechend müssen sie auch ihren göttlichen Frieden selbst wiederfinden. Es würde wohl völlig am Sinn vorbeigehen, wenn ein übermächtiger Gott den Frieden für alle Geschöpfe in der Schöpfung erzwingen würde.
Was ist Gottesliebe? Und was nicht?
Odins Fürsten erinnern an die Freiherrn der Einherier, und Thors Knechte an Thjalfi und Röskva, die ihm dienen. Gibt es unter ihnen eine Trennung? Was ist wahre Freiheit?
25. Thor: Ungleich würdest du die Schar unter den Asen teilen, wenn du so viel Macht hättest.
26. Harbard: Thor hat genug Macht, aber keinen Mut. Aus Furcht und Feigheit hast du dich im Fäustling versteckt, und schienst nicht mehr Thor zu sein. Weder wagtest du damals wegen deiner Furcht zu niesen noch zu furzen, dass es Fjalar hörte (der „Täuschende“, auch Skrymir oder Utgardloki).
Bezüglich der scheinbaren Trennung wird nun auch das große Thema der Illusion angesprochen. Natürlich musste Thor in dieses Reich der Illusion eintauchen, wenn er in der Natur wirken und kämpfen wollte, zumal auch Thjalfi als menschlicher Verstand auf dieser Reise nach Utgard dabei war. Doch wie kommt er nun wieder aus der Illusion heraus ins göttliche Bewusstsein? Denn offenbar ist er tief in diese Illusion getaucht, wenn er sich von diesem Vorwurf reizen lässt, seinen Vater nicht mehr erkennt und ihn sogar ins Reich des dunklen Todes schicken will:
27. Thor: Harbard, du Unmännlicher, ich würde dich zur Hel erschlagen, wenn ich über den Sund gelangen könnte.
28. Harbard: Warum solltest du über den Sund gelangen, wo es gar keinen Streit gibt? Was tatest du dann, Thor?
Doch sein Vater versucht ihm zu helfen. Wie kann ein Gott als ganzheitliches Wesen getrennt sein? Wie kann er irgendwo nicht hingelangen, wenn es doch gar keinen Streit, keine Trennung gibt? So fragt er seinen Sohn weiter nach seinen Taten, wohl in der Hoffnung, dass dieser darin die Einheit von Vater und Sohn wiedererkennt.
29. Thor: Ich war im Osten und verteidigte den Fluss, als die Söhne Svarangs (des „Schwerfälligen“) mich angriffen. Steine warfen sie auf mich, doch des Sieges wurden sie wenig froh, denn sie mussten mich zuerst um Frieden bitten. Was tatest du inzwischen, Harbard?
30. Harbard: Ich war im Osten und unterhielt mich mit einer. Ich scherzte mit der Leinenweißen und hatte eine heimliche Zusammenkunft. Ich machte die Goldglänzende froh, und das Mädchen schätzte die Liebeslust.
31. Thor: Guten Umgang mit Mädchen hattest du dort.
32. Harbard: Deine Hilfe hätte ich da gebraucht, Thor, damit ich das leinenweiße Mädchen behielte.
33. Thor: Ich würde sie dir leisten, wenn ich dazu imstande wäre.
34. Harbard: Ich würde dir da vertrauen, außer du täuschtest mein Vertrauen.
35. Thor: Ich bin doch kein Fersenbeißer, wie ein alter Lederschuh im Frühjahr (der schädigt, was er schützen sollte).
Hier geht es wieder um das Reich der Verkörperung im Osten, um das Leben im Fluss der Verkörperung zu verteidigen. Der Vater spricht wohl von der Liebe zur reinen Seele der Natur und bittet seinem Sohn, auch in dieser Richtung zu helfen, um die reine Seele für den reinen Geist zu bewahren. Und es scheint, langsam dämmert es in Thor.
36. Harbard: Was tatest du inzwischen, Thor?
37. Thor: Die Weiber der Berserker erschlug ich auf Hlesey („Insel im Meer“). Sie hatten Schlimmstes getan, betrogen das ganze Volk.
38. Harbard: Eine Schandtat begingst du da, Thor, als du Frauen erschlugst.
39. Thor: Wölfinnen waren sie, aber kaum Frauen, sie zerschlugen mein Schiff, das ich auf Stützen gestellt hatte, bedrohten mich mit Eisenkeulen und vertrieben Thjalfi. Was tatest du inzwischen, Harbard?
40. Harbard: Ich war im Heer, das sich hierhin bereitmachte, um das Kampf-Banner zu erheben und den Speer zu röten.
Auch Thor sieht in der weiblichen Natur eine Art Seele der übermächtigen Frost- und Bergriesen als ihr inneres Wesen, das er zerschlagen will, um auch die Übermacht der Riesen zu brechen. Dazu hatte er die arme Schwester bei Thrym geschlagen und auch Geirröds Töchter Gjalp und Greip gebrochen. Doch sein Vater sagt vorwurfsvoll, dass es eine Schandtat war, Frauen zu schlagen. Die weibliche Natur ist doch zur Heilung da. Oder nicht immer?
Die Frage, gegen was man in dieser Welt kämpfen sollte und wie, ist offenbar schon sehr alt. Ähnlich finden wir bereits im alten indischen Ramayana eine Geschichte über den Tod der Riesin Tadaka…
Was ist das für ein Schiff, das ein Gott an Land auf Stützen stellt, so dass es nicht im Wasser schwimmt? War es vielleicht gut, dass sie es zerschlagen haben? War es gut, dass sie Thjalfi als menschlichen Verstand von ihm vertreiben wollten? War es gut, ihn mit Eisenkeulen zu bedrohen, solange an einem Gott noch vergängliche Gestaltung haftet?
Ein ähnliches Schiff auf Stützen erinnert an die Seebestattung von Balder, als die Götter eine Riesin namens Hyrrokkin („Feuer-Zorn“) holen mussten, um das Schiff ins Wasser zu schieben. Das tat sie mit feuriger Riesenkraft, beschämte die Götter, und Thor hätte sie am liebsten mit seinem Hammer erschlagen.
Doch der Vater sprach: Erkennst du nicht, dass ich überall in der Schöpfung bin und das Kampf-Banner hochhalte?
41. Thor: Damit willst du nun sagen, dass du auszogst, uns Übles zu bereiten.
42. Harbard: Buße soll dir dafür geleistet werden mit einem Armring, wie es die Schlichter gewähren, die uns versöhnen wollen.
Nein, Thor erkennt seinen eigenen Vater noch nicht, sondern sieht immer noch Gutes und Böses in der Schöpfung, das ihn persönlich trifft. Dafür bietet der Vater den Armring als Symbol für die Einheit und Ganzheit im Handeln an, um sich mit dem Sohn zu versöhnen. Doch anstatt Versöhnung, hört er nur Verhöhnung:
43. Thor: Woher nimmst du diese höhnischen Worte, die ich niemals höhnischer hörte?
44. Harbard: Ich nahm sie von jenen alten Männern, die in heimeligen Wäldern wohnen.
45. Thor: Du gibst jedoch den Steinhaufen (Grabhügeln) einen guten Namen, wenn du sie heimelige Wälder nennst.
46. Harbard: So denke und spreche ich über solche Dinge.
Hier kann man über die schweigenden Waldeinsiedler nachdenken, die Widar verehren, den Gott des Schweigens und schweigenden Kämpfer im Wald der Vorstellungen. Denn aus dieser Stille kommt die göttliche Intuition, und nicht aus dem Gedankenlärm. Doch unser gewöhnlicher Verstand sieht in solcher Stille den Tod, wie auch Thor dort nur Steinhaufen oder Grabhügel sieht. Entsprechend fühlt er sich auch von dieser Weisheit angegriffen:
47. Thor: Deine Wortgewandtheit wird dir schlecht bekommen, wenn ich mich entschließe, durch den Sund zu waten. Lauter als ein Wolf, glaube ich, wirst du heulen, wenn du einen Schlag vom Hammer erhältst.
48. Harbard: Sif hat einen Liebhaber (Buhlen) daheim, mit dem solltest du ein Treffen wünschen, denn diese Kraftprobe zu bestehen, geziemt dir mehr.
Eine ähnliche Anspielung auf einen Treuebruch von Sif finden wir auch in den Spottreden von Loki wieder, die wir uns noch anschauen werden. Überliefert ist, dass Sif auch die Mutter von Ullr ist, und für ihn wird Thor als Stiefvater genannt. Diesbezüglich haben wir in der Beschreibung von Thors Familie über Njörd als möglichen Vater nachgedacht, als er noch nicht in den Rang der Götter aufgenommen worden war. Doch das ist wohl hier nicht als Treuebruch gemeint. Wir können uns gut vorstellen, dass mit dem Buhlen Thor selbst gemeint ist, weil er sich offenbar seines göttlichen Wesens nicht mehr bewusst ist. Er scheint also nicht mehr der Gottessohn zu sein, der Sif geheiratet hatte. Und so geht es wohl im höheren Sinn darum, sich selbst zu erkennen, das Ego zu besiegen, sich damit aus der Trennung zu befreien und das göttliche Wesen wiederzufinden. Doch das will Thor nicht hören:
49. Thor: Du sprichst, wie dir der Mund gebietet, sodass es mich übel treffen soll, feiger Mann. Doch ich glaube, du lügst.
50. Harbard: Wahres vermein ich zu sagen. Spät bist du auf deiner Fahrt. Weit wärst du nun gekommen, Thor, wenn du durchgereist wärst.
51. Thor: Feiger Harbard, am meisten hast du mich aufgehalten.
52. Harbard: Ich glaubte niemals, Asen-Thors Fahrten würden von einem Viehhirten behindert.
53. Thor: Einen Rat werde ich dir nun geben: Rudere das Boot hierher, beenden wir den Streit, hole den Vater Magnis!
Ja, als ganzheitliches Wesen wäre Thor nirgends aufgehalten worden. Wer könnte einen Gott aufhalten? Das kann sich eigentlich nur der Verstand für ein Geschöpf in Raum und Zeit vorstellen. Und doch fühlt sich Thor aufgehalten, von einem Fährmann, den er nicht als seinen Vater erkennen kann und damit im Grunde als sich selbst.
Der Viehhirte erinnert an den Hirten des Christentums für die verlorenen Schafe und ist wohl nicht abwertend gemeint. Darauf bietet auch Thor an, den Streit zu beenden, wenn der Fährmann nach seinem Willen handelt. Doch das tut er nicht, weil es kein göttlicher Wille ist:
54. Harbard: Geh weg vom Sund! Dir wird die Fahrt verwehrt.
55. Thor: Weise mir nun den Weg, da du mich nicht über die Bucht setzen willst.
56. Harbard: Wenig ist es zu verweigern, doch lang ist der Weg. Eine Weile bis zum Baumstumpf, eine weitere bis zum Stein. Halte dich auf dem linken Weg, bis du Werland („Menschenland“) erreichst. Dort wird Fjörgyn (Erde, Jörd) Thor treffen, ihren Sohn, und sie wird ihm die Wege der Verwandten zu Odins Land zeigen.
So bittet nun Thor um die Weisung des Weges. Was bedeutet dieser Weg, den ihm sein Vater weist? Er führt in die Menschenwelt, und wir können uns gut vorstellen, wie nun Thor erst ein Menschensohn wird, um wieder ein Gottessohn zu werden. Dazu können wir uns an den Weg des Menschensohns erinnern, der in den Liedern von Groa und Fjölswid beschrieben wurde. Die erste Etappe bis zum Baumstumpf als Symbol der Trennung vom Lebensbaum erinnert an das Grab der Mutter, die nun auch Thor auf der Schwelle des Todes wiedererwecken muss. Nachdem Mutter Erde wieder lebendig ist, kommt die zweite Etappe bis zur Steinmauer von Fjölswid, wo er den versteinerten Verstand überwinden und auflösen muss, den er seit dem Kampf mit Hrungnir als halben Wetzstein im Kopf trägt. Der „linke Weg“ erinnert an die Natur-Seite vom Lebensbaum der Welten. Dort muss er seine Mutter wieder lebendig machen und wird dann auch Sif als treue Ehefrau wiederfinden, wie Swipdag seine Menglöd auf dem Heilmittelberg als reine Seele der Natur wiederfand. So wird ihm die lebendige Mutter Natur die Wege der göttlichen Verwandten ins geistige Reich von Odin zeigen, seinem Allvater. Ein wundervoller Weg!
57. Thor: Werde ich heute noch dorthin kommen?
58. Harbard: Hinkommen mit Mühe und Beschwerlichkeit bei obenstehender Sonne. Doch ich erwarte Tauwetter.
Der Tag unter der Sonne des lebendigen Bewusstseins erinnert an unseren Lebenstag, und bezüglich Thor an den ganzen Schöpfungstag. Und dieser Weg ist sicherlich der Mühe wert. Dazu erwartet der Vater „Tauwetter“, was an die Frostriesen erinnert, von denen das Wasser das Lebens wieder aufgetaut wird. Und das geschieht eigentlich ganz von selbst durch das geistige Feuer aus Muspelheim, dem göttlichen Liebesfunken, oder mit christlichen Worten gesagt, durch den Heiligen Geist. Doch auch hier hört Thor nur verhöhnende Worte, weil er dieses Werk immer noch selber zu machen glaubt und den Allvater in der ganzen Schöpfung nicht erkennt:
59. Thor: Kurz wird nun unser Gespräch sein, da du mir allein mit Hohn antwortest. Lohnen werde ich dir die Verweigerung der Überfahrt, wenn wir uns ein anderes Mal treffen.
60. Harbard: Geh nun dahin, wo dich Unholde packen [oder: wo dir das Unheil begegnet]!
(Harbarðsljóð nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
So führt der Weg nach Midgard in die Welt der Trennung, wo uns dadurch auch das Unheil begegnet, das geheilt werden will. Damit können wir in diesem Lied eine wunderbare Vision finden: Der Gottessohn soll zum Menschensohn werden, damit der Menschensohn wieder ein Gottessohn wird. Ähnlich soll auch der hl. Augustinus gesagt haben: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde.“ So lebt der Mensch in einer lebendigen Natur, um die Aufgabe des Fährmanns zu erfüllen, den versteinerten Verstand aufzulösen und alles wieder in die Gottheit zu bringen, was im Grunde bereits göttlich ist. Wunderbar!
Mit dieser Geschichte wird das zweite Spottlied vorbereitet, nämlich die Spottreden von Loki anlässlich des Trinkgelages, das Ägir den Göttern bereitete:
1. Einst machten die Walgötter Jagdbeute und wünschten zu trinken, bevor sie sich sättigten. Sie warfen die Runenstäbe und schauten auf das Los. Da fanden sie bei Ägir (dem Meer-Riesen) reichen Kessel-Vorrat.
2. Der saß auf einem Berg, heiter wie ein Kind, und glich einem Sohn von Miskorblindi („Mister Blindi“ oder „Maische-Blinder“?). Odins Sohn (Thor) sah ihm herausfordernd in die Augen und sprach: „Du sollst den Asen (Göttern) reichen Trank bereiten!“
3. Die fordernden Worte des Mannes machten dem Riesen große Sorge, und rasch erdachte er sich eine Rache (Ausrede) gegenüber dem Gott. Er bat Sifs Gemahl (Thor): „Bring mir einen Kessel, in dem ich für euch alle Bier brauen kann!“
Die Walgötter sind die „Götter der Gefallenen“ und damit aller Geschöpfe, die in Zeit und Raum gefallen sind. Ihre Jagdbeute wäre dann die gesamte Schöpfung aus Mimirs Brunnen, für ihre göttliche Ganzheit, Vollkommenheit und Sättigung aller Wünsche. Dazu fehlt natürlich noch ein Getränk zur Verdauung, am besten der Met als Göttertrank der Ganzheit. Wo können sie diesen in der Schöpfung finden? Dazu deuten sie die Runenzeichen der Schöpfung am Schicksalsbrunnen und sehen das Schicksalslos: Es deutet zu Ägir, dem Meer des Lebens, der sich als Meer-Riese wie ein Kind verkörpert hat, glücklich scheint, aber noch blind ist. Ihn fordern nun die Götter heraus, und vor allem Thor wird im Reich der Verkörperung tätig. Doch Ägir, in dem wir symbolisch die heranwachsenden Lebewesen und vor allem die Menschheit sehen können, beginnt zu denken und versucht, sich aus der Verantwortung herauszureden. Denn wo könnte es in dieser Welt einen Kessel geben, der groß genug wäre, um für alle Götter als Gottheit den Met zu brauen? Zudem scheint er in seiner Blindheit den Götter-Met noch gar nicht zu kennen, sondern denkt nur an berauschendes Bier.
4. Einen solchen Kessel konnten auch die berühmten Götter und hohen Ratenden nirgends bekommen, bis Tyr (der Gott des gerechten Sieges) im Vertrauen dem Hlorridi (Thor als „Lärm-Reiter“) allein einen großen Freundschaftsrat gab:
5. „Östlich von Eliwagar (dem „Eisfluss“ der Verkörperung) wohnt der hundsweise (altkluge) Hymir (der „Verfinsterte“?) am Ende des Himmels. Mein mächtiger Vater hat einen Kessel, einen raumgreifenden Kessel, eine Meile tief.“
6. Thor fragte: „Weißt du, ob wir den Tranksieder bekommen?“ Und Tyr antwortete: „Mit List, mein Freund, ist es möglich.“
7. So fuhren sie noch am gleichen Tag los, fort aus Asgard, bis sie zu Egill (dem üblen Riesen) kamen. Dort brachte er die Böcke (seines Wagens) unter, die am prächtigsten gehörnten. Und sie gingen zur Halle von Hymir.
8. Der junge Mann (Tyr) traf seine Großmutter, die ihm sehr widerwärtig erschien, denn sie hatte neun mal hundert Köpfe. Aber eine andere kam ihm entgegen (seine Mutter), ganz golden und mit weißen Brauen, um dem Sohn Biertrank zu bringen:
9. „Verwandter der Riesen, ich will euch beide, zwei mutige Männer, unter die Kessel setzen. Denn mein Geliebter (Hymir) ist oft geizig zu Gästen, voll üblen Sinnes.“
Zunächst wird das Wesen von Hymir etwas näher beschrieben. Er scheint in Jötunheim zu wohnen, am „Ende des Himmels“, womit wohl die Grenze zur erstarrten Materie gemeint ist. Er wird als „hundsweise“ bezeichnet, ein altkluger oder hundertprozentkluger Verstand, der als Frost- und Bergriese verkörpert ist und wie von gierigen Hunden verteidigt wird, die uns an das Lied von Fjölswid („Vielklug“) erinnern. Entsprechend ist er oft geizig, und der üble Sinn erinnert an das Verlangen der Riesen nach eigenwilliger Übermacht, vor allem durch Körperlichkeit.
Welchen Kessel könnte ein solcher Riese besitzen, in dem man den Göttertrank brauen kann? Vermutlich ist damit das Prinzip der Verkörperung selbst gemeint, das dem Ägir gebracht wird, der sich aus dem Meer des Lebens verkörpert. So wird dann auch im Skaldenbuch §1 von Ägir erzählt, dass er von seiner Insel der wachsenden Verkörperung sogar eine Reise nach Asgard unternahm. Dort empfing er sozusagen den Göttertrank des gesamten Skaldenbuches. Und danach ist er herausgefordert, auch alle Götter zum Trinken in seine Verkörperung einzuladen.
Dazu hat hier auch Tyr als Gott des gerechten Sieges seinen größten Auftritt in der Edda. Einerseits ist er ein Sohn von Odin, und anderseits von Hymir. Seine Mutter hat in der Edda keinen Namen, doch manche Forscher nennen sie Hrod für „Ruhm“. Die Großmutter, vermutlich mütterlicherseits, erinnert mit ihren „neun mal hundert Köpfen“ an die Vielfalt der äußerlichen Natur (100) und deren Ring der zyklischen Erneuerung (9). Dass sie Tyr „widerwärtig“ erscheint, könnte den allgegenwärtigen Kampf der Gegensätze in der äußerlichen Natur andeuten. Diesbezüglich könnten wir dann in der Mutter von Tyr, der „goldenen Mutter mit der natürlichen Weisheit“, die ganzheitliche Seele der Natur sehen, die auch Odin und Hymir verbindet und den gerechten Sieg in der Schöpfung ermöglicht, den Sieg des Friedens, der Heilung und Vollkommenheit, der auch der höchste Ruhm in diesem Kampf ist. Dazu ist sie auch die Geliebte und Liebende als Wesen der großen Liebe, sowohl zum göttlichen Geist als auch zur verkörperten Natur. Hier kann man bereits darüber nachdenken, welche Rolle die Verkörperung für den gerechten, göttlichen und ganzheitlichen Sieg in der Schöpfung spielt. Dafür ist dann wohl auch der gesuchte Kessel ein Symbol, um in der lebendigen Verkörperung den Göttertrank zu bereiten.

(siehe auch Stammbaum-Edda PDF)
So finden wir in diesem Stammbaum von Tyr auch einen wunderbaren Familien- und Wirkungskreis wieder, der sich um Hrod als Seele und Ruhm des Sieges dreht und auf das gerechte göttliche Ziel der Schöpfung gerichtet ist.
Der Name von Tyrs Ehefrau ist in der Edda ebenfalls nicht überliefert, aber einige Forscher (wie Jacob Grimm) vermuten Zisa, als Göttin des Herbstes. Das macht auch Sinn, denn der Herbst erinnert an den dritten Lebensabschnitt, in dem der Mensch den ruhmreichen Sieg erreichen sollte, bevor der frostige Winter kommt. Auch hier spielt natürlich Loki seine Rolle, die wir im nachfolgenden Lied von Lokis Spottreden kennenlernen werden. - In dieser Hinsicht können wir in Tyr das große Ziel der Schöpfung sehen, den gerechten und göttlichen Sieg im Leben, den auch die Einherier verkörpern.
10. Der Übelgesinnte kam spät (abends) zurück, der hartmutige Hymir, heim von der Jagd. Er ging hinein in den Saal. Des Mannes Wangenbart war gefroren und klirrte wie Eiszapfen.
11. Seine Frau sprach: „Heil dir, Hymir, mit freundlichem Sinn! Der Sohn ist in deinen Saal gekommen, derjenige, den wir erwarteten vom weiten Weg. Ihm folgte Hrods (des Riesen-Ruhms?) Feind, der Freund der Menschen, der Weorr (Thor) heißt.
12. Du siehst, wo sie unter dem Giebel des Saals sitzen. So schützen sie sich, und eine Säule steht davor.“ Die Säule zersprang vor dem Blick des Riesen, bevor auch der Balken in zwei Teile zerbrach.
13. Acht (Kessel) fielen herab, aber nur einer von ihnen, ein hart gehämmerter Kessel, fiel heil vom Balken. Hervor kamen sie, und der alte Riese verfolgte mit den Blicken seinen Feind (Thor).
Hier kommt nun wieder geballte Symbolik: Der gefrorene Bart des Riesen erinnert an die erstarrten Gedanken seines Verstandes. Seine Geliebte freut sich, dass ihr lang erwarteter Sohn wieder in die Halle als Welt oder Bewusstseinsraum der Verkörperung zurückgekehrt ist und damit der gerechte göttliche Sieg in Sicht ist. Die acht Kessel auf dem Dachbalken seiner Halle können uns an die acht Welten über der Säule bzw. dem Stamm des Weltenbaums erinnern. Der Säule wäre dann symbolisch die neunte der Welten als Jötunheim und Welt der Riesen. Doch nun erkennt der Riese hinter dieser Säule den eigenen göttlichen Sohn. So könnte man sich vorstellen, wie damit seine Welt der Verkörperung im Stamm des Weltenbaums zusammenbricht und damit auch alle anderen Welten zerbrechen, die sich darauf stützten, außer einer, und damit ist wohl Asgard als Götterwelt gemeint.

Damit wird erneut deutlich, wie Verkörperung und Verstand eng zusammenhängen und dass es nur eine Frage der Blickrichtung oder Sichtweise ist, welche Welt wir sehen. Doch wie sehr sich der Berg- und Frostriese über seinen göttlichen Sohn freut, der den Sieg verheißt, so fürchtet er gleichzeitig die Wirkung, die ihm in Gestalt von Thor folgt, nämlich das seine materielle Körperlichkeit und damit auch seine Vorstellung von Beständigkeit bedroht ist. Entsprechend wird Thor als Feind für den Siegesruhm der Berg- und Frostriesen und als Freund der wachsenden Menschen bezeichnet.
14. Ihm sagte die Ahnung nichts Gutes, als er den Sorgendorn der Riesenfrauen (die durch Thor ihre Männer verlieren) in die Vorhalle kommen sah. Dort wurden drei Stiere geholt, und der Riese gebot, sie sogleich zu kochen.
15. Da köpften sie jeden und brachten sie zum Feuer. Und bevor Sifs Ehemann (Thor) schlafen ging, aß er allein zwei ganze Ochsen von Hymir auf.
16. Dem ergrauten Freund Hrungnirs (ein Riese als „Lärmer“) schien das Mahl Hlorridis (Thor als „Lärm-Reiter“) wohl sehr groß und er sprach: „Wir drei werden morgen Abend vom Fischfang leben müssen.“
Nachdem der Saal bzw. die Halle des Riesen zumindest teilweise zusammengebrochen war, ziehen sich alle Beteiligten in die „Vorhalle“ zurück, wo der Riesenkessel steht und sich der Verstand für die Welt der Verkörperung ernährt. Bezüglich des Weltenbaumes geht es in Richtung Wurzel. Dort sollen drei Stiere über dem Feuer des Geistes gekocht werden. In den drei Stieren könnten wir symbolisch die drei Quellen für den Weltenbaum erkennen, oder auch die drei Grundprinzipien von Begierde, Hass und Unwissenheit, über die wir schon viel gesprochen haben. Die beiden Götter schlugen ihnen die Stierköpfe ab, die an den Sitz des Verstandes mit den Hörnern der kämpfenden Gegensätze und Unterscheidungen erinnern. Denn nur ohne diese Köpfe kann die Verkörperung wieder wandelbar werden und sogar zu ganzheitlicher Götternahrung. So konnte auch Thor allein zwei von ihnen verzehren, vielleicht die Brunnen der Geburt und des Schicksals, oder auch Begierde und Hass, nachdem sie ihre Gegensätzlichkeit verloren hatten. Vom dritten Ochsen ernähren sich dann Tyr, seine Mutter und der Riese, vom Mimir-Brunnen der Schöpfung bzw. der Unwissenheit und Illusion des Verstandes. Damit bleibt der altersgraue Riese ein Freund des Verstandes mit seinem kämpfenden Gedankenlärm, und natürlich unerfüllt und hungrig.
17. Weorr (Thor) sagte (am nächsten Morgen), er wolle mit aufs Meer rudern, wenn der kühne Riese Köder gäbe. Hymir sprach: „Geh zur wilden Herde, wenn du deinem Mut vertraust, Vernichter der Berg-Dänen (Bergriesen), um Köder zu suchen!
18. Dir sollte es doch leichtfallen, einen Köder vom Ochsen zu beschaffen.“ Eilig ging der Bursche (Thor im Vergleich zum Riesen) zum Wald, dorthin, wo ein ganz schwarzer Ochse stand.
19. Der Feind der Riesen riss vom Stier den hohen Sitz der beiden Hörner ab (dessen Kopf). Im Boot sprach Hymir: „Dein Werk (des Ruderns) dünkt dem Herrn des Bootes viel übler, als wenn du ruhig sitzt.“
20. Der Herr der Böcke (Thor) bat den Nachkommen der Affen (Hymir), das Wellenross noch weiter hinaus zu bringen. Aber der Riese zeigte wenig Lust, weiter zu rudern.
21. Der berühmte Hymir, der kühne, zog allein zwei gewaltige Wale auf einmal an der Angel herauf. Aber hinten im Heck machte sich Weorr (Thor), der Odin-Spross, mit Geschick eine Angelschnur.
22. An der Angel befestigte der Beschützer der Menschen, der die Schlange (zu Ragnarök) allein totschlägt, den Kopf des Ochsen. Und nach der Angel schnappte sie (die Midgardschlange), der Hass der Götter, die am Grund alle Länder umschließt.
23. Tapfer zog der starke Thor die giftglänzende Schlange herauf zum Schiffsrand. Den Hammer schlug er auf das bergeshohe, schuppenbewehrte Haupt, dem gar furchtbaren, von oben, dem Geburts-Bruder des (Fenrir-) Wolfs.
24. Wölfe heulten, der Felsengrund krachte und die ganze alte Erde erbebte. Dann versank der Fischfang wieder im Meer.
Diese Symbolik haben wir bereits ausführlich in der Geschichte über Thors Fischfang aus der Prosa-Edda von „Gylfis-Illusion“ §48 kennengelernt. Nach den 900 Köpfen der Großmutter und den drei Köpfen der Ochsennahrung wird schließlich noch von einem Kopf gesprochen, von einem schwarzen Ochsen. Dieser erinnert an die „Verfinsterung“ der Unwissenheit, was auch der Name „Hymir“ andeuten dürfte. Hymir angelt aus dem Meer des Lebens zwei Wale, die an die „Wal“ der gefallenen Geschöpfe erinnern, die in der Trennung existieren, auch wenn sie riesengroß werden. Doch Thor angelt mit dem Ochsenkopf der Unwissenheit - denn nur daran beißt sie an - die Schlange als das Grundprinzip der Trennung, worauf sich ganz Midgard gründet, sowie die gesamte Welt der Schöpfung. Sogar an diesem Grundprinzip kann Thors Kraft rütteln, und zu Ragnarök zerschlägt er auch diese Schlange, wie er es dem Riesen hier andeutet. Damit erschüttert er dessen beständige Welt noch weiter, sodass der Felsengrund der Materie bricht, die uralte Erde bebt, und die hungrigen Wölfe der Vergänglichkeit heulen.
Mit dieser Demonstration ihrer Kräfte beginnt nun ein Kräftemessen zwischen Hymir und Thor, zwischen Körperlichkeit und Göttlichkeit oder auch Natur und Geist.
25. Betrübt war der Riese, als sie zurückruderten, sodass Hymir lange nichts sagte. Schließlich legte er die Ruder nieder und sprach:
26. „Wir sollten die Arbeit teilen. Bringe die Wale heim zum Hof oder ziehe unseren Wasserbock (unser Boot) an Land!“
27. Hlorridi (Thor) ging, ergriff den Steven und hob das Meerross unausgeschöpft heraus. Mit Rudern und Schöpfgefäßen trug er allein das Riesenboot durch die Schlucht der Berge bis zum Hof.
28. Doch der Riese, immer voll Trotzgier, stritt weiter mit Thor um die Körperkraft. Er sagte, dass kein Mann wirklich stark sei, auch wenn er kräftig rudern könne, außer er zerbreche diesen Kelch.
29. Als Hlorridi (Thor) ihn in den Händen hielt, ließ er sogleich den harten Stein mit dem Kristallkelch zersplittern. Denn noch im Sitzen schlug er ihn durch die Säulen. Trotzdem kam er danach wieder heil zu Hymir.
30. Schließlich gab ihm die treffliche Geliebte (von Hymir) einen großen freundschaftlichen Rat, den sie wusste: „Schlag ihn gegen den Schädel Hymirs, des vom Essen trägen Riesen, denn dieser ist härter als jeder Kelch.“
31. Der Kühne erhob sich halb, der Böcke Herr, und erfüllte sich ganz mit Asenkraft. Heil blieb dem Mann der Helmsitz (Schädel) oben, aber der runde Bierbringer zerbrach daran.
Das Boot erinnert symbolisch ebenfalls an den Körper, der auf dem Meer des Lebens schwimmt und vor allem von der Gotteskraft bewegt und getragen wird. Ähnlich wie der Kessel, so ist auch der Kelch ein verkörpertes „Gefäß“, mit dem der Verstand etwas „fassen“ und begreifen kann. Und was der Verstand einmal gefasst hat, das kann auch nur am Verstand wieder zerbrechen. Eben darum geht es wohl in diesen Liedern zu den Spottreden der Götter, um das Zerbrechen der körperlich erstarrten Vorstellungen von den Dingen der Welt. Nur so kann man schließlich die geistige Einheit in der natürlichen Vielfalt finden und erkennen, dass alles vergängliche Formen sind, die das formlose Bewusstsein annehmen kann. Doch bis zu dieser Einsicht werden wir immer wieder glauben, etwas Wertvolles verlieren zu können:
32. Und Hymir sprach: „Viel Kostbares weiß ich mir verloren, da ich den Kelch zerbrochen vor meinen Füssen sehe.“ Der alte Mann sprach weiter: „Ich werde nie wieder sagen können: »Du bist mit Bier bereitet.«
33. Nun mögt ihr versuchen, ob ihr auch das Bierschiff (den Braukessel) hinaus auf unseren Hof tragen könnt!“ Tyr versuchte zweimal, ihn zu bewegen. Doch beide Male stand der Kessel unbeweglich.
34. Der Vater von Modi („Mut“, Thor) erfasste ihn am Rand und stampfte über den Flur den Saal hinaus. Sifs Ehemann hatte sich den Kessel auf den Kopf gehoben und an seinen Fersen klirrten die Ringe (Henkel).
Hier zeigt sich nun die List, von der Tyr anfangs gesprochen hat. Denn Hymir würde diesen Kessel niemals freiwillig herausgeben. Doch im Spiel des Kräftemessens fordert er schließlich die Götter selbst dazu auf. Und wie Thor das Boot des Riesens trug, so trägt er nun dessen Kessel, und es scheint, als wäre er selbst zu diesem Kessel geworden, der sich nun wieder lebendig bewegen kann. Das ist eine wunderbare Symbolik, über die man viel nachdenken kann…
Und doch betrachtet der Riese den Kessel immer noch als sein Eigentum. Er will ihn verteidigen, aber zerstört sich damit nur selbst, zusammen mit seiner ganzen Familie an versteinerten Vorstellungen:
35. Sie gingen eine Weile, bis Odins Sohn sich einmal umschaute. Da sah er aus den Bergen mit Hymir von Osten her eine vielköpfige Riesenschar kommen.
36. Er hob sich den großen Kessel von den Schultern, schleuderte ihnen (den Hammer) Mjöllnir entgegen, den schlagfertigen, und zerschlug die Lavawale (Bergriesen) alle.
37. Dann fuhren sie nicht lange, bis ein Bock Hlorridis (von Thors Wagen) halbtot liegenblieb. Das Zugtier der Deichsel war lahm am Bein, und daran war der hinterlistige Loki schuld.
38. Aber ihr habt gehört, denn jeder von den Götterkundigen kann darüber genauere Auskunft geben, welche Buße er vom Lavabewohner bekam, als er seine beiden Kinder dafür gab.
39. So kam der Kraftmächtige zum Thing (der Versammlung) der Götter, und er hatte den Kessel, den Hymir besaß. Und die heiligen Götter werden wohl bei Ägir das Bier mit Gift gewürzt trinken.
(Hymiskviða nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
Die Lava als flüssiges Gestein ist auch ein gutes Symbol für das Wasser des Lebens, wie es sich verkörpern, abkühlen und erstarren kann. Auf der Rückfahrt gab es noch ein Hindernis, für das Loki verantwortlich gemacht wurde. Denn für jede Wirkung der Götter muss es natürlich eine göttliche Gegenwirkung geben. Durch diesen „göttlichen Fehler“ kommt der Mensch wieder ins Spiel, der „Lavabewohner“ des beweglichen Körpers, dessen Verstand noch nicht zum Stein eines Berg- und Frostriesen erstarrt ist, zu einem „Materialisten“. Diesbezüglich wird die Geschichte von Thor im Riesenland aus „Gylfis Täuschung“ §44 angesprochen, die wir bereits ausführlich behandelt haben. Die beiden Kinder, die nun helfen, den Kessel zur Versammlung der Götter am Schicksalsbrunnen zu bringen, wären dann Thjalfi und seine Schwester Röskva. Wir haben sie symbolisch als Verstand und Seele eines erwachenden Menschen gedeutet, der den Göttern dient und sich damit zum Einherier entwickelt. Dazu sind wohl auch wir aufgefordert, während wir solche wundervollen Geschichten lesen. Zumindest können wir darüber nachdenken, ob uns vielleicht auch ein solcher Kessel des Körpers und Verstandes vom Vater des gerechten und göttlichen Sieges gegeben wurde, um darin den Göttertrank der Ganzheit zu brauen, die Gottheit in uns einzuladen und jegliche Trennung zu überwinden.
So gelangt der große Kessel schließlich zu Ägir, dem Meer des Lebens. Denn das Ziel der Götter ist eine lebendige Schöpfung, und dafür sorgt vor allem Thor in der Menschenwelt. Das „mit Gift gewürzte Bier“ erinnert an die alte Tradition, alkoholischen Getränken Rauschgifte wie Bilsenkraut beizumischen. Damit sollte das Bier vermutlich nicht nur sättigen und schläfrig machen, sondern auch das Bewusstsein im rituellen Gebrauch erweitern. Denn wie wir wissen, ist es oft nur eine Frage der Dosis, ob ein Gift heilsam oder schädlich wirkt. Somit wird auch der Bierrausch zu einem Symbol für unseren Verstand, der uns träge, süchtig und krank machen kann, aber auch aufwecken, helfen und heilen. In dieser Hinsicht soll das Gift im Bier wohl auch an Loki erinnern, der dann im folgenden Lied seine Rolle spielt, um im Bierrausch den körperlich-unterscheidenden Verstand anzugreifen.
So haben wir hier erneut ein wundervoll tiefgründiges Lied gefunden, dessen Besonderheit auch in seiner Gestaltung zum Ausdruck kommt. Deutlich erkennbar ist die wachsende Skaldenkunst, die Snorri in seinem Skaldenbuch beschreibt und lobt. Edward Pettit schreibt dazu in seinem Vorwort zum Lied:
Der Stil des Gedichts ist bemerkenswert, da Hymiskviða von allen Edda-Gedichten die meisten Gemeinsamkeiten mit altnordischen Skaldendichtungen aufweist: Zahlreiche Kenningar und Variationen finden sich, und es gibt einige ungewöhnliche Syntaxelemente. Der Dichter verwendet zudem viele einzigartige Wörter. Zusammengenommen könnten diese Merkmale auf das Werk eines Skalden, der Edda-Verse überarbeitet hat, oder einfach auf das eines originellen Dichters hindeuten, der mit beiden poetischen Traditionen vertraut war.
So gab es offenbar eine Zeit, als die Skaldendichter versuchten, ihre göttliche Inspiration immer vollkommener auszudrücken. Zunächst natürlich im harmonischen Klang der Worte. Aber auch in der künstlerischen Gestaltung, sodass der Text immer mehr zu einem Gerüst wurde, das die Hörer oder Leser dann selbst mit Inhalt füllen sollten, indem sie sich an die alten Geschichten erinnerten, nachdachten, kreativ wurden, Zusammenhänge fanden und den Handlungsfluss mitgestalteten, um auch die Tiefe zu ergründen. Denn „Vollkommenheit“ kann es natürlich nicht nur in der äußeren Form geben. Vollkommenheit muss alle Beteiligten als harmonische Ganzheit vereinen, den Hörer und das Gehörte, den Leser und das Gelesene, Wahrnehmung und Form, Geist und Natur. Dazu wurden wohl auch die sogenannten „Kennings“ als künstlerische Umschreibung gewohnter Begriffe verwendet, um die Gewohnheit des begrifflichen Verstandes zu durchbrechen, der zur Erstarrung neigt und sich an Namen und Formen festhalten will. Und genau darum geht es vermutlich auch im folgenden Lied:
Von Ägir und den Göttern
Ägir, der mit einem anderen Namen Gymir hieß, hatte den Asen Bier bereitet, nachdem er den großen Kessel erhalten hatte, wie es eben erzählt wurde. Zu diesem Gastmahl kamen Odin mit seiner Frau Frigg. Thor kam nicht, denn er war auf einer Fahrt in den Osten. Sif war dort, Thors Ehefrau, sowie Bragi („Göttliche Inspiration“, Gott der Poeten und Dichter) mit seiner Frau Idun (die „Erneuernde und Verjüngende“, Göttin der Jugend und Unsterblichkeit mit den goldenen Äpfeln). Auch Tyr (Gott des gerechten Sieges) war dort, der Einhändige, denn der Fenriswolf hatte ihm eine Hand abgebissen, als dieser gefesselt wurde. Auch Njörd (Gott des Meeres, Windes und Feuers) mit seiner Frau Skadi („Schaden, Verlust“, Wintergöttin), (und ihren Kindern) Freyr und Freya (Liebesgöttin und Sommergott), sowie Odins Sohn Widar (Gott des Schweigens und schweigender Kämpfer im Wald der Vorstellungen). Loki war dort und Freyrs Diener Byggvir mit seiner Frau Beyla (die Naturgeister „Gerste“ und „Gülle“). So waren viele der Asen und Alben dort.
Hier bekommt nun Ägir noch einen anderen Namen. Gymir erinnert an den aufgetauten Frostriesen Ymir, den die Götter mit ihrem geistigen Feuer wieder flüssig, fließend und lebendig gemacht haben. Dadurch konnte das Wasser des Lebens aus dem „Big Freeze“ wieder in die Quelle zum „Big-Bang“ des Urknalls fließen, in den Brunnen von „Mimir“. Damit schließt sich nun ein großer Kreis zu Mimir, der als Verstand die Schöpfung aus dem Auge Odins schöpft, aus dem Bewusstsein selbst. In diesem großen Kreis können wir Ägir als ein ganzheitliches Lebewesen sehen, die ganze Menschheit und auch den Menschen selbst, sofern er sich im Großen und Ganzen wiederfindet. Auf diese Weise kann jeder Mensch ein Meer-Riese im Meer des Lebens sein. Und welche wichtige Rolle der Verstand mit seinen Vorstellungen und Gestaltungen hier spielt, darum dreht sich diese wunderbare Geschichte.

Auch die Struktur des Stammbaums von Ägir ist interessant. In Aurboda können wir die innerliche Natur als Botschafterin sehen, und in der beschützenden Gerda die Seele der Natur. Ihr Bruder, der verkörperte Riese Beli als „Brüller“, wurde bereits von Freyr besiegt, so dass Ägir davon frei war und schweigen konnte. Seine Frau Ran wäre dann als „Raub und Mangel“ ein Antrieb des Lebens und Grundprinzip der äußerlichen Natur, der Wellen und Welten auf dem Meer des Lebens. Mit ihnen zeugt Odin als All- und Walvater den Göttersohn Heimdall, ein Bewusstsein, das alle Lebewesen wieder in ihre wahre Heimat führen kann, zum ganzheitlichen Bewusstsein, zum Gold der Wahrheit.
Wenn sich der Mensch zu dieser Ganzheit entwickelt, dann beginnen sich alle Trennungen und Unterscheidungen des begrifflichen Verstandes aufzulösen. So erscheint auch die ganze Götterwelt in Ägir selbst, und er ist herausgefordert, diese Wesen entsprechend zu ernähren, damit sie lebendig bleiben. So erkennt er in sich selbst Odin als Allvater und Schöpfer mit der Seele der Schöpfung, wie auch Bragi als göttliche Inspiration und Idun als Göttin der Erneuerung und ewiger Jugend. Daher wurde Ägir im letzten Lied auch „heiter wie ein Kind“ genannt. Doch er erkennt nicht nur die geistige Seite in sich, sondern auch die ganze Natur, wie Njörd mit Skadi und ihren Kindern, aus denen die Vielfalt der Natur entsteht. Und daraus wächst auch die Gerste für das Bier, die natürlich in der Erde ihre Düngung und Nahrung braucht. Besonders wichtig ist auch Tyr, der Gott des gerechten und göttlichen Sieges, als großes Ziel, wie auch Widar, der Gott des Schweigens, denn dafür muss natürlich der begriffliche Verstand schweigsam werden und der Gedankenlärm verschwinden. Nur Thor war noch im äußerlichen Reich der Verkörperung unterwegs, denn die Ganzheit war noch nicht vollkommen, so dass immer noch körperliche Erstarrung drohte. Und um dieses große göttliche Ziel zu erreichen, ist natürlich auch Loki da, vielleicht sogar der wichtigste der Götter in diesem Entwicklungsprozess:
Ägir hatte zwei Diener, Fimafengr und Eldir („Schnell-Begreifer“ und „Feuerschürer“). Leuchtendes Gold diente dort statt Feuerlicht. Das Bier brachte sich selbst dar. Und eine heilige Friedensstätte war dort. Die Anwesenden lobten sehr, wie gut Ägirs Dienstmänner waren. Doch Loki konnte das nicht mit anhören und erschlug Fimafengr („Schnell-Begreifer“). Daraufhin schüttelten die Asen ihre Schilde und schrien auf Loki ein. Sie trieben ihn fort in den Wald, und sie selbst gingen trinken.
So erscheint zunächst eine heile Welt in Ägir. Das leuchtende Gold erinnert an das ewige Licht der Wahrheit, anstatt dem Feuerlicht vergänglicher Flammen. Alles geschieht vor den Göttern wie von selbst, und der Sieg-Frieden scheint erreicht zu sein, die Heilung aller kämpfenden Gegensätze. Alle loben die Diener von Ägir, die den Göttertrank gebraut haben. Was fehlt nun noch zur Vollkommenheit und höchsten Erfüllung?
Tja, was passiert, wenn jemand diesen Zustand ankratzt, nicht einmal von außen, sondern von innen? Und das ist offenbar möglich, weil es immer noch ein vergänglicher Zustand des begrifflichen Verstandes ist, der diesen allzu schnell begreifen und festhalten will. Eben dafür ist Loki da und erschlägt diesen „Schnell-Begreifer“. Und das ist wahrlich ein großer göttlicher Segen, um den Verstand von seinem Festhaltenwollen zu befreien. Doch die begrifflichen Götterbilder wehren sich mit ihren Schutzschilden der Abgrenzung und jagen Loki selbst wie einen Feind hinaus in den Wald der Vorstellungen einer äußeren Welt. Das heißt, der Kessel des Verstandes und damit auch die Welt von Asgard ist immer noch nicht zerbrochen, wie im letzten Lied angedeutet wurde, und scheint ein beständiges Gefäß zu sein. Und das ist wohl eine der größten Herausforderungen auf dem Weg. Welche Namen und Formen haben Götter, welche Waffen, Kräfte und Fähigkeiten? Welche Trennung und Unterscheidung kann es für ein ganzheitliches Wesen geben?
So ist es gut, dass Loki zurückkehrt und am Hallentor auf den anderen Diener von Ägir trifft, dem er freundschaftlicher begegnet. Entsprechend erinnert Eldir, der „Feuerschürer“, an einen heilsamen Geist, der symbolisch als Koch bei Ägir arbeitet und für das Kochen und Zubereiten verdaulicher Nahrung sorgt.
Doch Loki kehrte bald zurück, traf draußen auf Eldir („Feuerschürer“) und sprach zu ihm:
1. „Sage mir, Eldir, bevor du einen Schritt weitergehst: Was reden da drinnen die Söhne der Sieggötter beim Bier?“
2. Eldir: „Die Söhne der Sieggötter reden von ihren Waffen, ihrer Kampfkraft und Fähigkeit. Doch keiner von den Asen und Alben, die da drinnen sind, ist dir ein Freund in der Rede.“
3. Loki: „Ich werde in Ägirs Halle hineingehen, um das Gelage anzusehen. Schimpf und Schande bringe ich den Söhnen der Asen. So mische ich ihnen Gift in den Met.“
4. Eldir: „Wisse, wenn du hineingehst in Ägirs Hallen, um das Gelage anzusehen, und Schimpf und Schande auf die heilsam Ratenden schüttest, dann werden sie diese an dir abwischen.“
5. Loki: „Wisse, Eldir, wenn wir gemeinsam mit scharfen Worten streiten werden: Ich werde reich an Antworten sein, so viel du auch sagst.“
Die „Söhne der Götter“ deuten bereits an, dass geborene, gestaltete und damit auch vergängliche Wesen gemeint sind. Doch in diesem Spiel der Trennung sieht Loki noch den Met als Göttertrank der Ganzheit, wo die anderen berauschendes Bier trinken. Und dahinein mischt er sich sozusagen selbst als Gegengift, um daraus wieder reinen Met zu machen. Doch dieses Gegengift soll sicherlich nicht schaden, denn dann wäre Loki nicht göttlich, sondern es soll helfen und das Bewusstsein von Ägir erweitern. Dazu kommt es natürlich auf die Dosis an, und Eldir warnt vor noch größerer Trennung und Gegenreaktion, denn als Koch kennt er dieses Geheimnis. Im letzten Vers wird bereits auf die Ganzheit hingewiesen, denn es scheint, als ob Eldir für die ganze Halle von Ägir mit allen Anwesenden steht. In dieser Hinsicht erinnert er auch an Andhrimnir, den Koch von Walhall als „Anti-Verkörperung“, der dort täglich die Nahrung der Einherier kocht.
Dann ging Loki in die Halle hinein. Doch als die Anwesenden sahen, wer hereingekommen war, verstummten sie alle.
6. Loki: „Durstig kam ich, Loptr (der „Luftige“, schwer zu begreifende), einen weiten Weg zu dieser Halle, um die Asen zu bitten, mir einen trefflichen Trunk des Mets zu geben.
7. Warum schweigt ihr so, hochmütige Götter, dass ihr nicht sprechen wollt? Sitz und Platz weist mir zum Trinkgelage, oder schickt mich weg von hier!“
8. Bragi: „Sitz und Platz weisen dir die Asen niemals beim Gelage. Denn die Asen wissen, wem von den Wesen sie ein freundschaftliches Gelage gewähren sollen.“
9. Loki: „Erinnerst du dich daran, Odin, dass wir in Urtagen gemeinsam das Blut mischten? Du gelobtest, niemals Bier zu trinken, außer es würde uns beiden dargebracht.“
Der Erste, der Loki den reinen Met der Ganzheit verwehrt ist Bragi. Das macht auch Sinn, denn er ist der göttliche Dichter und Erzähler der Göttergeschichten und erschafft damit auch die Götterbilder mit all ihren Unterscheidungen. So spricht er nun auch im Namen der Götter und kennt das gegensätzliche Wesen von Loki, dem er ja selbst eine Gestalt gegeben hat. Auch Ägir hat von Bragi die Göttergeschichten vernommen, als er Asgard besuchte, wie es am Anfang des Skaldenbuches heißt:
Ägir unternahm eine Reise nach Asgard, aber die Asen wussten von seiner Fahrt. Wohl wurde er gastlich aufgenommen, doch viele Dinge spielte man ihm mit Sinnestäuschungen vor… Man schenkte Met aus, und viel wurde getrunken. Ägir am nächsten saß Bragi, und beide tranken miteinander und unterhielten sich. Bragi erzählte Ägir von den vielen Begebenheiten, die die Asen erlebt hatten…
Solche Göttergeschichten sind sicherlich sehr heilsam, doch wie bekommt man schließlich die vielen unterschiedlichen Gestalten wieder aus dem Kopf?
Um die Blinden zu locken, entließ der Buddha, spielerisch nur, Worte aus seinem goldenen Mund. Seither sind Himmel und Erde voll verfänglichem Dornengestrüpp.
(Daiō Kokushi, Zen-Meister um 1300)
Dazu wendet sich nun Loki an Odin selbst, den Allvater, der wieder für die Ganzheit sorgen sollte. Denn alle Geschöpfe werden ursprünglich aus dem Auge von Odin geschöpft und bestehen damit aus dem gleichen Blut als Wasser des Lebens. Besonders stark ist der letzte Satz. Denn Odin selbst trinkt eigentlich nur Wein im Sinne der reinen Illusions- und Schöpferkraft, deren er sich vollkommen bewusst ist. Wenn Odin Bier trinkt, dann geht es in den Rausch der Unbewusstheit, und Loki muss entgegenwirken, wie es nun auch geschieht.
10. Odin: „Erhebe dich nun, Widar, und lass den Vater des (Fenris-) Wolfs beim Gelage sitzen, damit uns Loki keine Schmähworte in Ägirs Halle sage.“
Da stand Widar auf und schenkte Loki ein. Doch bevor dieser trank, sprach er zu den Asen:
11. „Heil den Asen, heil den Asinnen und allen hochheiligen Göttern! Außer dem einen Asen, der hier drinnen sitzt, Bragi, auf der Bank.“
12. Bragi: „Pferd und Schwert gebe ich dir von meinem Besitz, und dazu büßt dir Bragi mit einem Ring, damit du den Asen keine Feindschaft zeigst. Mach die Götter nicht zornig auf dich!“
13. Loki: „Pferd und Armringe, beides wirst du immer entbehren, Bragi. Von den Asen und Alben, die hier drinnen sind, bist du im Kampf am feigsten und am furchtsamsten vor Geschossen.“
14. Bragi: „Ich weiß, wenn ich draußen wäre, so wie ich hinein in Ägirs Halle gekommen bin, deinen Kopf trüge ich in meiner Hand. Das gäbe ich dir für diese Lüge.“
15. Loki: „Kühn bist du auf dem Sitz, doch du wirst es so nicht tun, Bragi, Bankschmücker. Geh kämpfen, wenn du wütend bist! Der Tapfere zögert nicht.“
So wird nun Widar von Odin aufgefordert, Loki mit allen Anwesenden zu versöhnen und ihn zum Trinkgelage einzuladen. Als Gott des Schweigens ist er wohl auch der Einzige, der dies vollbringen könnte. Denn nur, wenn der unterscheidende Verstand schweigt, kann dieser göttliche Frieden bewahrt werden. Loki ist auch bereit dazu und wünscht das Heil aller Anwesenden, außer für Bragi, der ihn ja selbst nicht versöhnen wollte. Was bedeutet das? Ist Bragi nun selbst herausgefordert, den Frieden der Ganzheit zu schaffen?
Zumindest versucht er es, aber nicht mit Schweigen. Und zu beachten ist, dass er dazu von Loki auch nicht aufgefordert wird, wie alle nachfolgenden Sprecher. Doch Bragi will ihm Pferd und Schwert aus seinem Besitz geben. Damit ist wohl körperliche Gestaltung und Unterscheidung gemeint, über die er als Geschichtenerzähler die Macht zu haben glaubt. Dazu noch einen Armring als Buße, um seine Taten im Ring der göttlichen Ganzheit zu rechtfertigen. Doch Loki antwortet, dass er darüber keine Macht habe, sondern nur ein Geschichtenerzähler auf der Bank ist, wo man zusammensitzt, um Met und Bier zu trinken. Ist das eine Lüge von Loki? Wer besitzt diese Macht? Hat der Erzähler diese Macht, oder vor allem der Hörer?
16. Idun: „Ich bitte dich, Bragi: Die Verwandtschaft unter Kindern und allen Wunschsöhnen fordert es, dass du Loki keine Schmähworte in Ägirs Halle sagst.“
17. Loki: „Schweig, Idun! Dich nenne ich von allen Frauen die Mannstollste, seit du deine Arme, die strahlendweiß gewaschenen, um deines Bruders Mörder legtest.“
18. Idun: „Zu Loki sage ich keine Schmähworte in Ägirs Halle. Bragi beruhige ich, den Biererregten. Ich will nicht, dass ihr zornig gegeneinander kämpft.“
19. Gefjun (die „Gebende“): „Warum sollt ihr beiden Asen hier drinnen mit bösen Reden streiten? Lopt (Loki der „Luftige“, schwer zu begreifende) weiß doch, dass er scherzt und ihn alle Götter lieben.“
20. Loki: „Schweig, Gefjun! Den werde ich nun erwähnen, der dich zur Liebeslust verführte: Der weiße Bursche, der dir Schmuck gab, und du legtest die Schenkel um ihn.“
Loki fordert nun immer wieder Schweigen ein. Daher ist auch Widar der Einzige, den er hier nicht angreift, denn: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Zunächst können die weiblichen Wesen der Natur ihren Mund nicht halten, und dafür ist auch die Natur da, um sich auszusprechen und auszuwirken, doch immer auch mit dem großen Ziel des Friedens.
Loki reagiert, indem er ihnen Untreue vorwirft, mittels Anspielungen auf unklare und fragliche Geschichten, die sie aber auch nicht abweisen können. Auch damit wird der Verstand angekratzt. Denn was ist Wahrheit in den Göttergeschichten? Und doch deuten sie stets auf die Wahrheit hin. Daher könnte es hier mehr um die grundsätzliche Frage gehen: Was ist der Sinn der Treue in der Ehe zwischen Mann und Frau bzw. Geist und Natur? Warum ist es nicht heilsam, von einem Partner zum anderen zu springen? Auch hier geht es natürlich darum, die Ganzheit wiederzufinden, den ganzheitlichen Geist und die ganzheitliche Seele der vielfältigen Natur. Denn nur so können sich beide zur Vollkommenheit und höchsten Erfüllung vereinen. Doch wie könnte es diese Treue geben, solange man sich als ein getrenntes Wesen betrachtet? Dann wird das Bewusstsein immer „fremdgehen“…
21. Odin: „Verrückt bist du, Loki, und von Sinnen, wenn du dir Gefjun in Zorn bringst. Denn der Welt Schicksale, mein ich, weiß sie alle ebenso genau wie ich.“
22. Loki: „Schweig, Odin! Du konntest nie den Kampf unter den Männern entscheiden. Oft hast du dem Schlechteren den Sieg gegeben, obwohl du es nicht solltest.“
23. Odin: „Wisse, wenn ich dem Schlechteren den Sieg gab, obwohl ich es nicht sollte, da warst du acht Winter unter der Erde. Du warst eine Milchkuh und eine Frau, und du hast dort geboren, und das halte ich für eine unmännliche Art.“
24. Loki: „Aber du, so sagt man, zaubertest auf Samsey und triebst Hexerei wie die Seherinnen. In Gestalt eines Zauberers zogst du durch das Menschenvolk, und das halte ich für eine unmännliche Art.“
Nun hängt sich sogar Odin in diesen Streit und kann nicht schweigen. Ja, auch das kann sich der Verstand im Bierrausch vorstellen, so dass jeder Begriff von Ganzheit und Gottheit verlorengeht. Und offenbar ist das in diesem Entwicklungsstadium auch wichtig.
So wirft ihm Odin vor, dass er „verrückt und von Sinnen“ ist, und das bedeutet wohl, dass auch Loki nicht mehr mit den Sinnen erkennt und den Verstand verloren hat. Kann man sich damit den Zorn von der Seele der Natur zuziehen, die als Prinzip der Verursachung das Schicksal kennt?
So scheinen sich nun Odin und Loki über allen Verstand hinaus zu streiten, ob sie Mann oder Frau sind, Geist oder Natur. Wo soll das hinführen?
25. Frigg: „Von euren Schicksalen solltet ihr nie den Menschen erzählen, was ihr beiden Asen in Urtagen getan habt. Diese alten Geschichten sollten die Lebewesen stets meiden.“
Ja, Frigg hat wohl Recht, denn mit solchen Schöpfungsgeschichten sollte man immer vorsichtig sein. Damit schafft man oft ein Fundament aus Illusion, auf dem dann unsere Welt stehen soll. Und keiner darf es ankratzen, weil dann die ganze Welt einzustürzen droht. Daher ist es auch so schwer für unseren Verstand, die Ganzheit wiederzuerkennen, weil er auf dem Prinzip der Trennung aufbaut, sozusagen ein Verstandes-Konstrukt als Babel-Turm, der zu Gott in den Himmel wachsen will.
Doch wer sagt das? Wieder nur der Verstand? Schweig!
26. Loki: „Schweig, Frigg! Du bist Fjörgyns (eines Riesen) Tochter, und bist immer mannstoll gewesen, seit du Odins Frau wurdest und We und Wili beide in die Arme nahmst.“
27. Frigg: „Wisse, wenn ich hier drinnen in Ägirs Halle einen Sohn wie Balder hätte, kämst du von den Asen-Söhnen nicht hinaus. Er würde dich Wütenden erschlagen.“
28. Loki: „Immer noch willst du, Frigg, dass ich mehr von meinen Unheiltaten erzähle: Ich bewirkte es, dass du nie mehr Balder zu den Sälen reiten siehst.“
Der Vorwurf von Loki bezieht sich auf die beiden Brüder von Odin, We und Wili als „Weihe“ und „Wille“, die natürlich bei einem Gott immer mit dabei sind, wenn dieser umarmt wird. Auch dabei kann man eigentlich nur an die ganzheitliche Seele der Natur denken, die einen Gott überhaupt umarmen könnte.
Bezüglich der Antwort von Frigg, können wir ihr wieder Recht geben. Sie spricht das Hauptproblem der ganzen Geschichte an. Denn wäre Balder als Gott der Lichtheit hier bewusst anwesend, dann würden alle vom Met der göttlichen Ganzheit trinken, im reinen Licht des Bewusstseins. Über den Untergang von Balder ins dunkle Totenreich haben wir bereits ausführlich gesprochen. Auch hier hatte Loki nur für das Gegenmittel gesorgt, als die Götter begannen, nach unsterblichen Formen zu greifen. So wurden die Götter vergängliche Gestalten des schöpferischen Verstandes. Es ging auf Ragnarök zu, und man kann sich gut vorstellen, dass die formhaften Götter damit auch zu Biertrinkern wurden. Entsprechend erscheint auch die „Unheiltat“ von Loki nur als Unheil, wenn man ihn getrennt betrachtet.
29. Freya: „Verrückt bist du, Loki, wenn du deine schlimmen Unheiltaten erzählst. Ich meine, Frigg weiß alle Schicksale, auch wenn sie selbst nicht davon redet.“
30. Loki: „Schweig, Freya! Dich kenn ich ganz genau, dir fehlt kein Laster. Von den Asen und Alben, die hier drinnen sind, ist jeder dein Geliebter gewesen.“
31. Freya: „Falsch ist deine Zunge. Ich meine, dass sie dir später nichts Gutes heraufbeschwören wird. Zornig sind dir die Asen und Asinnen, betrübt wirst du heimziehen.“
32. Loki: „Schweig, Freya! Du bist eine Hexe und stark mit Unheil vermischt, seit dich bei deinem Bruder (Freyr) die heilsam Ratenden überraschten, und da musstest du, Freya, furzen.“
33. Njörd: „Es ist wenig schlimm, wenn sich Frauen einen Ehemann nehmen, einen Geliebten oder beides. Doch es ist ein Wunder, dass der unmännliche Ase hier hereingekommen konnte, der sogar Kinder geboren hat.“
34. Loki: „Schweig, Njörd! Du wurdest aus dem Osten als Geisel zu den Göttern geschickt. Hymirs (der Riesen) Töchter hatten dich als Urintopf und pinkelten dir in den Mund.“
35. Njörd: „Dies ist mir Trost, dass ich vor langer Zeit als Geisel zu den Göttern geschickt wurde. Da zeugte ich einen Sohn (Freyr, Gott des Sommers und der Fruchtbarkeit), den niemand hasst, und der als Beschützer der Asen gilt.“
36. Loki: „Hör nun auf, Njörd, und halt dich maßvoll! Ich will es nicht länger verschweigen: Mit deiner Schwester zeugtest du einen solchen (lobenswerten) Sohn, und das ist trotzdem nicht übler als die Erwartung [und doch war das besser als etwas zu erwarten].“
Njörd ist der Wanen-Gott des Meeres, Windes und Feuers. Als Gott der Natur sieht er natürlich kein großes Problem in der Vielfalt der Beziehungen. Und doch hängt er immer noch an der Unterscheidung zwischen Mann und Frau, Geist und Natur. So kritisiert er ähnlich wie Odin, dass Loki sogar in die Rolle von Frauen schlüpfen und Kinder gebären kann, wie das achtbeinige Ross Sleipnir, auf dem Odin reitet.
Loki wehrt sich und wirft Njörd eben diese Trennung vor, sodass ihn die Riesentöchter als Urintopf verwenden, womit vermutlich gemeint ist, dass alle weiblichen bzw. natürlichen Verkörperungen wieder in den männlichen Geist der Elemente zurückfließen. Um diese Trennung zwischen Geist und Natur wurde in Urzeiten der große Krieg zwischen den Asen und Wanen geführt, der nicht entschieden werden konnte. So kam es zu einem Friedensschluss, in dem sich Natur und Geist gegenseitig als Götter in der Ganzheit anerkannten. Dafür wurden „Geiseln“ ausgetauscht und Njörd in den Rang der Götter erhoben. Über die Schwester, die er als Wane zur Frau hatte, haben wir bereits im Abschnitt über Thors Familie näher nachgedacht. Demnach wäre dieser erste Sohn Ullr, der Gott des Winters, den Loki mehr als den Sommergott lobt, denn er beschützt die Götter über die Winterzeit der Erstarrung. Dazu wird auch im letzten Vers die Erwartung angesprochen. Was erwartet ein Gott vom Sommer der Natur? Dazu meldet sich folgerichtig Tyr als Gott des gerechten Sieges zu Wort:
37. Tyr: „Freyr ist der Beste aller kühnen Reiter in den Höfen der Asen. Kein Mädchen betrübt er, noch eines Mannes Frau, und jeden befreit er von Fesseln.“
38. Loki: „Schweig, Tyr! Du konntest nie Gutes zwischen zweien (Frieden zwischen Gegensätzen) schaffen. Deine rechte Hand werde ich erwähnen, die dir der Fenris-Wolf abbiss.“
39. Tyr: „Der Hand bin ich beraubt, du aber des Hrodswitnir (Fenris-Wolfs). So ist der Schaden für uns schmerzliches Leiden. Denn auch der Wolf hat es nicht gut, der in Fesseln Ragnarök erwarten muss.“
40. Loki: „Schweig, Tyr! Das geschah deiner Frau, dass sie einen Sohn von mir bekam. Weder Elle noch Pfennig (Unterarm noch den kleinsten Gewinn) bekamst du jemals für diesen Schaden, Armseliger.“
Hier geht es nun um den Sieg und Gewinn in der Schöpfung. Dafür lobt Tyr den Sommergott als Befreier von der winterlichen Bindung und wird symbolisch auch gern mit Zisa verheiratet, der Göttin des Herbstes, die nach dem Sommer die Ernte symbolisiert.
Was ist das für ein gerechter Sieg, den Tyr verkörpert? Seine rechte Hand hat er dem Wolf der Vergänglichkeit geopfert, um ihn einige Zeit zu binden, damit die Schöpfung nicht sofort wieder vergeht und ein Lernen möglich ist. Loki wirft ihm vor, dass er mit einer Hand nur einseitig kämpfen und wirken kann, so dass es ihm nie gelingt, Gegensätze auszugleichen, wie Loki es hier versucht. Doch Tyr antwortet gut, denn er sieht sich bereits in Verbindung mit Loki, der sozusagen zu seiner rechten Hand für den Sieg wurde, wie auch seine rechte Hand in den Fenris-Wolf eingegangen ist. Und Loki bestätigt diese Verbindung, denn auch er zeugte mit Tyrs Frau sozusagen einen Gegensohn oder Gegengewinn zur herbstlichen Erntezeit. Um diesen Ausgleich der Gegensätze geht es in dieser ganzen Geschichte und wohl auch in der ganzen Schöpfung. Nur das kann ein gerechter, göttlicher und ganzheitlicher Sieg sein. Daher ist dieser Sieg nichts Greifbares oder Formhaftes.
41. Freyr: „Den Wolf sehe ich vor der Flussmündung liegen, bis die Ratenden (Götter) untergehen. Demnächst wirst auch du gefesselt, außer du schweigst jetzt, Schadensschmied.“
42. Loki: „Mit Gold ließest du Gymirs Tochter (deine Ehefrau Gerda als „Beschützerin“) erkaufen und vergabst dabei dein Schwert. Doch wenn Muspells Söhne (aus dem Feuer von Muspelheim) durch den Myrkvid („dunklen Wald“ von Nebelheim) reiten, dann weißt du nicht, Armseliger, wie du kämpfen sollst.“
Folgerichtig meldet sich der Sommergott zu Wort und bestätigt, dass der Fenris-Wolf gebunden wurde, um den Fluss der Schöpfung anzustauen. Darin kann man das Grundprinzip der Schöpfung sehen, wie Wirkung und Gegenwirkung in Zeit und Raum gebunden werden, um ein fruchtbar lebendiges Wachstum zu ermöglichen und sich auszuwirken. Und solange die Wirkung nicht schweigt, kann logischerweise auch Loki nicht schweigen. So antwortet er und bezeichnet Freyr ebenso wie Tyr als „Armseligen“, der noch arm an der ganzheitlichen Seele ist, weil er sich als getrenntes Wesen betrachtet. Er hatte zwar die Tochter von Gymir und damit auch von Ägir geheiratet, in der wir die Seele der Natur sehen können, aber verlor dabei offenbar das Gold der Wahrheit und sein Schwert, um dafür zu kämpfen.
So meldet sich nun nach dem Sommergott der Fruchtbarkeit dessen Diener zu Wort, die herbstliche Ernte als „Gerste“:
43. Byggvir: „Wisse, wenn ich Herkunft hätte wie Ingunar-Freyr (Yngvi-Freyr als „Gott-Freyr“) und solchen reichen Sitz, kleiner als Mark zermalmte ich die Schmähkrähe und zerschlüge sie ganz in Stücke.“
44. Loki: „Was ist das Kleine da, das ich schwänzeln (am Halm schwanken) sehe und das schnappkundig schnappt (nach Wachstum begehrt)? In den Ohren Freyrs wirst du immer (ein Lobgesang) sein und unter den Mühlsteinen schnattern.“
45. Byggvir: „Byggvir („Gerste“) heiß ich, und hurtig (wachsend) nennen mich alle Götter und Menschen. Darauf bin ich hier stolz, dass Hropts (Odins) Söhne alle zusammen Bier trinken (aus Gerste gebraut).“
46. Loki: „Schweig, Byggvir! Du hast es nie verstanden, das Mahl bei den Männern (gerecht) auszuteilen. Und dich könnte man nicht im Stroh der Bänke finden, während die Männer kämpften.“
Nun versucht sich, die Frucht und Ernte des Sommers gegen ihre Vergänglichkeit zu verteidigen. Die Gerste erinnert an den Karma-Samen, der im Frühling gesät wird, im Sommer wächst und im Herbst geerntet wird. Dann dient das Stroh als Lager von Tier und Mensch, und die neuen Samen dienen als Nahrung über den Winter, und was nicht verdaut wurde, wird im Frühjahr erneut gesät. Aus diesen karmischen Samen kann man auch das Bier brauen, das die weltlichen Wesen berauscht, und nun sogar die Göttersöhne. Man kann sie aber auch zwischen Mühlsteinen zermahlen und als Brot verzehren und verdauen. Daran erinnert das Mühlenlied von Frodis Frieden, das wir uns später noch anschauen werden.
Im letzten Vers könnte Loki andeuten, dass karmischer Samen den Geist niemals ganzheitlich ernähren kann. So wurde daraus auch nie der Götter-Met gebraut, den man symbolisch aus dem Nektar der Blüten gewinnt, sondern das Bier, das berauscht und schläfrig macht. So sorgt dann die Gerste auch mehr für das Strohlager als für den Kampf des göttlichen Geistes.
47. Heimdall: „Betrunken bist du, Loki, sodass du deinen Verstand verlierst! Warum beherrschst du dich nicht, Loki? Denn unmäßiges Trinken bewirkt bei jedem, dass er sein Geschwätz nicht zurückhalten kann.“
48. Loki: „Schweig, Heimdall! Dir wurde in Urtagen ein schlimmes Leben gegeben. Mit schmutzigem Rücken musst du stets sein und wachen als Wächter der Götter.“
Heimdall als „heimleuchtendes Bewusstsein“ ist natürlich immer und überall mit dabei und wirft nun auch Loki Trunkenheit vor, weil er hier seine Gegenreaktionen nicht mehr zu beherrschen scheint. Damit hat er sicherlich Recht, denn aus der Sicht des reinen Bewusstseins ist natürlich jede Reaktion auch eine Illusion im Bierrausch, in den sich nun Loki „einmischt“. Daraufhin fordert er auch Heimdall zum Schweigen auf, denn nur dann wäre Heimdall ein reines Bewusstsein und könnte als allbewusster Wächter der Gottheit dienen. Dazu wirft er ihm auch die Unreinheit vor, die er sich in der Schöpfung sozusagen auf den Rücken geladen hat. Ja, darüber kann man viel nachdenken: Wie kann reines Bewusstsein unrein werden? Und wie kann ein Gott in den Bierrausch der Illusion fallen? Beides ist eigentlich unmöglich. Dazu meldet sich nun nach Frühling, Sommer und Herbst die Göttin des Winters zu Wort:
49. Skadi: „Heiter ist es dir, Loki. Doch du wirst nicht lange so spielen mit loser Zunge. Denn die Götter werden dich mit den Därmen deines reifkalten Sohnes (des getöteten Nari als „Begrenzung“) auf spitzem Felsen fesseln.“
50. Loki: „Wisse, wenn mich auch die Götter mit den Därmen meines reifkalten Sohnes auf spitzem Felsen fesseln: Ich war Erster und Letzter, als wir (deinen Vater) Thjasi (den „Eisigen“) packten und sein Leben nahmen.“
51: Skadi: „Wisse, wenn du Erster und Letzter warst, als ihr Thjasi gepackt und sein Leben genommen habt: Von meinen Wohnsitzen und Feldern sollen dir immer kalte Ratschläge kommen.“
52. Loki: „Wärmer in Worten warst du zu Laufeys Sohn (Loki), als du mich in dein Bett bitten ließest. Auch so etwas müssen wir erwähnen, wenn wir unsere Fehler genau aufzählen wollen.“
Die zukünftige Geschichte von der Bindung mit den Därmen und dem Leiden von Loki wird am Ende dieses Liedes im Prosa-Teil noch ausführlicher angesprochen. Loki selbst antwortet auf diese schicksalhafte Vorhersehung, in dem er auf den Anfang dieser Leidensgeschichte hinweist, die wir auch am Anfang unseres Kapitels über das Wesen von Loki behandelt haben. Da war es der Frostriese Thjasi, der Vater von Skadi, der in Adlergestalt den Leidensweg von Loki beginnen ließ. Dieser wurde dann in Asgard im Feuer erschlagen und sein Leben verwandelt. Ja, von „töten“ sollte man hier nicht sprechen, denn Götter töten eigentlich nicht. So wird auch im Vers 50 von „fjǫrlag“ im Sinne von „Schicksal oder Lebensbestimmung“ gesprochen. Und diese Geschichte von Thjasi wird auch Ägir gleich zu Anfang im Skaldenbuch erzählt, als er Asgard besuchte.
Skadi, die Tochter und Seele von Thjasi, bedeutet „Schaden oder Verlust“, den die Götter wieder gutmachen wollten, indem Skadi mit einem Gott ihrer Wahl verheiratet wurde. Sie wählte Njörd, und als Seele des Frostriesen wurde sie zur Wintergöttin. Als Göttin gebar sie dann Freyr als Sommergott. Darauf spielt vermutlich auch Loki an, dass er als Geist der Gegenwirkung bei dieser Zeugung natürlich mit dabei war. Ja, das ist das wunderliche Spiel der Gegensätze in der Schöpfung, und dafür sind die kleinen „Fehler“ wichtig, ohne die kein Leben möglich wäre.
Da trat Sif vor und schenkte Loki Met in einen Reifkelch und sprach:
53. „Heil dir nun, Loki! Nimm den Reifkelch an, voll alten Mets, damit du wenigstens mich bei den Söhnen der Asen als Einzige fehlerfrei sein lässt.“
Er nahm das Trinkhorn an und trank davon:
54. „Die Einzige wärst du, wenn du so wärst, achtsam und abweisend gegen einen (jeden anderen) Mann. Einen kenn ich, zumindest glaube ich, ihn zu kennen, einen Ehebrecher sogar gegen Hlorridi (Thor als „Lärm-Reiter“), und das war dieser fehlerkluge Loki.“
Gleiches gilt im Prinzip für Sif als Ehefrau von Thor. Sif bedeutet „Sippe oder Verwandtschaft“ und erinnert ebenfalls an die ganzheitliche Seele der Natur, die gemeinsam mit Thor das Leben in der Menschenwelt von Midgard beschützt. Sie ist sich ihrer Ganzheitlichkeit offenbar bewusst und bietet Loki Met statt Bier an, aber immer noch in einem „Reifkelch“ als Frost-Verkörperung. Loki trinkt davon, aber wirft Skadi trotzdem Untreue und Ehebruch vor. Dazu spielt er vermutlich auf ihren unehelichen Sohn Ullr an. Denn auch hier war sicherlich der Geist der Gegenwirkung mit dabei, wenn die Beschützerin des Lebens einen Wintergott gebiert. Woher kommen solche Gegensätze in der Schöpfung?
55. Beyla: „Alle Berge erbeben, und ich denke, Hlorridi (Thor) ist auf der Fahrt nach Hause. Er wird den zur Ruhe bringen, der hier alle Götter und Menschen verleumdet.“
56. Loki: „Schweig, Beyla („Gülle“)! Du bist Byggvirs (der „Gerste“) Frau und stark mit Unheil vermischt. Kein größeres Schandmal kam zu den Söhnen der Asen. Ganz bist du, Milchmagd, mit Kot und Urin verunreinigt.“
Beyla erinnert an die Düngung der Erde für das Wachstum der karmischen Samen. Sie besteht sozusagen aus den unverdauten Resten, die neues Wachstum düngen. In diesem Sinne etwas Unreines und Unvollkommenes, wenn sie getrennt betrachtet wird. Doch im Großen und Ganzen ist sie es, die nun Thor als Beschützer von Midgard ruft, um dieses Spiel der Gegensätze zu heilen.
So kommt Thor wie gerufen und erschüttert alles Erstarrte. Damit schließt sich der Geschichtenkreis zum Harbard-Lied. Denn dort verwehrte ihm der Fährmann die Rückkehr in die Götterwelt und schickte ihn nach Midgard in die Menschenwelt, wo er seine Ehefrau treffen und das Unheil heilen sollte.
Da kam Thor hinzu und sprach:
57. „Schweig, streitender Wicht! Dir soll mein Krafthammer, Mjöllnir, die Rede rauben. Den Schulterfelsen (Starrkopf) schlag ich dir vom Hals, und dann ist dein Leben dahingefahren.“
58. Loki: „Jörds (der Erde) Sohn ist nun hier hereingekommen. Warum tobst du so, Thor? Das wagst du nicht, wenn du (zu Ragnarök) mit dem Fenris-Wolf kämpfen musst, der den Siegvater (Odin) völlig verschlingt.“
59. Thor: „Schweig, streitender Wicht! Dir soll mein Krafthammer, Mjöllnir, die Rede rauben. Hinauf werfe ich dich auf die Ostwege, dann sieht dich keiner mehr.“
60. Loki: „Von deinen Ostfahrten solltest du niemals den Leuten erzählen, seit du im Daumen des Fäustlings gekrümmt saßest, wie ein Einzelkämpfer, und da schienst du nicht Thor zu sein.“
61. Thor: „Schweig, streitender Wicht! Dir soll mein Krafthammer, Mjöllnir, die Rede rauben. Mit der rechten Hand schlag ich Hrungnirs (des „Lärm-Riesens“) Schläger auf dich, sodass dir jeder Knochen zerbricht.“
62. Loki: „Zu leben gedenk ich noch lange Zeit, auch wenn du mir mit dem Hammer drohst. Hart schienen dir Skrymirs (des „Großsprechers“) Riemen zu sein, und du konntest deine Nahrung nicht bekommen, und du wurdest heil (trotz göttlicher Vollkommenheit) vom Hunger verzehrt.“
63. Thor: „Schweig, streitender Wicht! Dir soll mein Krafthammer, Mjöllnir, die Rede rauben. Hrungnirs Schläger wird dich zur Hel bringen, unterhalb der Totengitter.“
So wechseln sich nun die Rollen. Thor fordert zum Schweigen auf und versucht, die Gegenwirkung zum Schweigen zu bringen. Daher wird er auch Hlorridi genannt, der „Lärm-Reiter“, der den Gedankenlärm des Verstandes zügeln und zum göttlichen Ziel heimführen soll. Doch Loki wehrt sich zunächst, indem er das Bild von Thor angreift, das in unserem Verstand im Laufe der vielen Geschichten über Thor entstanden ist. Besonders geht es um die Geschichte von Thor im Riesenland, wo auch handlungsmäßig der Menschenverstand als Thjalfi dabei war. Thor wehrt sich gegen diese Vorwürfe mit weiteren Verstandes-Argumenten, die zunächst nicht besonders tiefgründig klingen: Er will Loki köpfen, wie die Ochsen von Hymir. Er will ihn auf die Ostwege der Verkörperung werfen, wo sein göttliches Wesen verschwindet und wo er ihn wie Hrungnir zerschlagen kann. Und will ihn schließlich zur Hel ins Totenreich schicken. Doch gerade diese Verstandes-Argumente sind offenbar wirksam, und Loki zieht sich vor ihnen zurück und erkennt die Kraft von Thor an.
Warum? Einerseits haben wir im letzten Lied von Hymir gelernt, dass der Verstand nur am Verstand zerbrechen kann. Andererseits ist der Tod in der dunklen Hel ein Argument, über das der Verstand nicht hinauskommt, weil er dort alles verliert, was er festhalten will. So wird das „Totengitter“ eine Grenze und ein Ende des begrifflichen Verstandes. Damit kommt nun auch der Verstandeslärm in Ägir zum Schweigen, und Loki verabschiedet sich:
64. Loki: „Ich sprach vor den Asen, ich sprach vor den Söhnen der Asen, was der Sinn (das Herz) mir eingab. Aber vor dir allein werde ich hinausgehen, denn ich weiß, dass du zuschlägst.
65. Bier brautest du, Ägir, aber du wirst niemals mehr ein Trinkgelage geben. Dein ganzes Eigentum, das hier drinnen ist: Darüber züngle die Flamme und verbrenne dir den Rücken!“
(Lokasenna nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Ägir als Gymir
Wow! Ein Schluss wie ein Donnerschlag (Donar-Schlag)! Der Gedankenlärm schweigt, der Verstand ist beruhigt, der „Schnell-Begreifer“ besiegt, alles Eigentum verbrannt und der „Feuerschürer“ wacht. Ägir selbst sprach in der ganzen Geschichte kein Wort, ein schweigender Zeuge von allem, ein ewiges Meer des Bewusstseins. Wo sind die neun Welten und Wellen? Wo sind Mauern, Zäune und Trennung? Hymirs Braukessel löst sich im grenzenlosen Meer des Lebens auf. Feuer und Wasser werden wieder eins, zum Gold der Wahrheit. Der gerechte und göttliche Sieg?
Im Skaldenbuch steht über diese Geschichte noch Folgendes geschrieben:
32. Wie soll man Gold umschreiben? - Indem man es Feuer des Meeres und Laub Glasirs (eines Hains vor den Toren Walhalls bzw. des Weltenbaums) nennt, Haar der Sif, Stirnband Fullas (der „Fülle“) und Tränen der Freya, Mundzählung, Stimme und Rede der Riesen, Tropfen Draupnirs und Regen oder Schauer Draupnirs, Augen der Freya, Otterbuße, Buße der Asen, Saat der Fyrisfelder, Hügeldach Hölgis, Feuer aller Gewässer und des Armes, Stein, Schäre oder Glanz des Armes.
33. Warum wird Gold Feuer des Meeres (Ägirs) genannt? Das gibt die Geschichte wider, die vorher erzählt wurde, nämlich dass Ägir zum Gastmahl nach Asgard kam. Und als er für die Heimreise gerüstet war, da lud er Odin und alle Asen innerhalb von drei Monaten zu sich ein. Auf diese Fahrt begab sich zuerst Odin, dann Njörd, Freyr, Tyr, Bragi, Widar, Loki und auch die Asinnen Frigg, Freya, Gefjun, Skadi, Idun und Sif. Thor war nicht dabei. Er war in den Osten gezogen, um Riesen zu schlagen. Als sich die Götter auf ihren Sitzen niedergelassen hatten, ließ Ägir leuchtendes Gold auf den Fußboden schütten, das die Halle wie Feuer erhellte und beleuchtete. Es wurde auf seinem Gelage zur Beleuchtung benutzt, wie in Walhall die Schwerter als Feuer dienten (als Ägir damals in Asgard war).
Dort (in Ägirs Halle) stritt sich Loki mit allen Göttern, und er erschlug einen Knecht Ägirs, der Fimafeng („Schnell-Begreifer“) hieß. Ein anderer Knecht wurde Eldir („Feuerschürer“) genannt. Ran heißt Ägirs Frau, und sie haben neun Töchter, wie vorher geschrieben worden ist. Auf diesem Gelage trug sich alles von selbst auf, sowohl Speise als auch Bier und überhaupt alles, was zu einem Festmahl nötig ist. Da bemerkten die Asen, dass Ran das Netz besaß, mit dem sie alle Menschen einfing, die im Meer umkamen. So erzählt die Geschichte, woher es kommt, dass Gold „Feuer, Licht oder Glanz Ägirs, der Ran oder der Töchter Ägirs“ genannt wird. In diesen Kenningen setzt man es so zusammen, dass Gold „Feuer des Meeres“ und aller seiner Bezeichnungen genannt wird, so wie Ägir und Ran Namen nach der See haben. Daher wird Gold auch Feuer des Wassers oder Flusses und aller Flussbezeichnungen genannt…
(Skáldskaparmál §32/33 nach Arnulf Krause)
In diesem Text werden noch drei Monate erwähnt, zwischen Ägirs Besuch in Asgard und der Einladung der Götter in seine eigene Halle, in sich selbst. In diesen drei Mond- bzw. Verstandeszyklen können wir auch drei Lebensabschnitte sehen, ähnlich wie Frühling, Sommer und Herbst. Im Frühling war Ägir in Asgard. Im Sommer wurde seine Tochter bzw. Seele Gerda von Freyr geheiratet, dem Gott des Sommers und der Fruchtbarkeit. Und im Herbst fand dieses Trinkgelage statt, als Ernte und Sieg des Lebens.
Ein weiteres starkes Symbol ist das Netz der Ran als Mutter der neun Schwestern bzw. Welten. Das Netz erinnert an die Zusammenhänge im ganzen Universum, sodass durch Ursache und Wirkung alles miteinander verbunden ist und nichts getrennt existiert. Ran bedeutet „Raub“, und dieses Netz der Zusammenhänge sorgt dafür, das alles, was uns in der Welt der Vergänglichkeit scheinbar geraubt wird, nicht umkommt, sondern im Meer das Lebens erhalten bleibt. Wunderbar!
So könnte man in Ägir schließlich ein ganzheitliches Wesen erkennen, das im Leben das Höchste erreicht hat, sozusagen einen Heiligen, der in sich alles geheilt und vereint hat. Damit hatte auch Thor seine Aufgabe erfüllt und kehrt mit allen Anwesenden vereint in das Reich der Gottheit und Ganzheit zurück, das sie in Wahrheit nie verlassen hatten. Und das gebraute Bier verwandelt sich wie von selbst in reinen Met, ins Wasser des ewigen Lebens, in reines Bewusstsein, jenseits von Zeit und Raum.
Nun fragt vielleicht unser Verstand: „Was bedeutet das? Warum merke ich davon nichts?“ Nun, weil du noch in der Illusion der Trennung und getrennt von Ägir lebst. Aus deiner Sicht geht deine Welt weiter, und dort muss Loki auch weiterhin seine Aufgabe erfüllen. Er kehrt in den Fluss der Schöpfung zurück, die nun offenbar ihren Höhepunkt überschritten hat und auf Ragnarök zugeht, sozusagen wieder auf den Winter. Entsprechend endet auch dieses Lied von Ägir mit einem kurzen Prosa-Teil über den weiteren Leidensweg von Loki:
Von Loki
Aber danach versteckte sich Loki im Franangr-Wasserfall (der „schäumenden Schlucht“) in Lachsgestalt. Dort fingen ihn die Asen. Er wurde mit den Därmen seines Sohnes Nari („Verengung, Begrenzung“) gefesselt. Und sein anderer Sohn Narfi wurde in einen Wolf verwandelt (der seinen Bruder Nari zerriss). Skadi nahm eine Giftschlange und befestigte sie über dem Gesicht Lokis. Aus ihr tropfte Gift. Sigyn, die Frau Lokis, saß dort und hielt eine Schüssel unter das Gift. Und als die Schüssel voll war, trug sie das Gift weg. Aber währenddessen tropfte das Gift auf Loki. Dabei fuhr er so stark zusammen, dass davon die ganze Erde bebte. Das wird nun Erdbeben genannt.
(Lokasenna nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
Diese Geschichte haben wir bereits ausführlich am Ende des Kapitels über das Wesen von Loki im Abschnitt „Loki wird gebunden“ behandelt.
Was geschah nun im Sommer, nachdem Ägir alias Gymir bei den Asen in Asgard war? Wie gewann Freyr, der fruchtbare Sommergott, die Tochter von Gymir, die schöne Gerda, in der wir die Seele von Gymir sehen können? Dazu gibt es ein längeres Lied über „Skirnirs Fahrt“ und in „Gylfis Illusion“ einen zusammengefassten Prosa-Text, den wir uns zuerst anschauen möchten:
37. Gymir (Ägir bzw. „Meer“) hieß ein Mann, seine Frau war Aurboda („Erdbotin“). Sie stammte aus dem Geschlecht der Bergriesen, und ihre Tochter war Gerda („Beschützerin“), die schönste aller Frauen. Es geschah eines Tages, dass Freyr (der fruchtbare Sommergott) nach Hlidskjalf (Odins „Thron des Weitblicks“) gekommen war und über alle Welten sah. Aber als er sich nach Norden (in Richtung Natur) wandte, erblickte er auf einem Hof ein großes und schönes Haus. Zu diesem Gebäude schritt eine Frau. Und als sie die Hände hob, um die Tür vor sich zu öffnen, da ging von ihnen ein Strahlen über Luft und Wasser aus, und alle Welten wurden durch sie erleuchtet. So rächte sich Freyrs Hochmut, mit dem er sich auf dem einen heiligen Sitz niedergelassen hatte, indem er voller Kummer wegging. Als er heimkam, sprach er nicht, schlief nicht und trank nicht. Niemand wagte, ihn anzusprechen.
Hier finden wir nun eine wunderbare Beschreibung von Freyr, die unseren Verstand wiederum zutiefst herausfordert. Wie kam Freyr auf den Thron von Odin? Hatte Odin seinen Thron verlassen? Offenbar ist Freyr auch ein Aspekt von Odin. Und nur unser Verstand konstruiert hier eine Trennung, um schließlich wieder nach der Ganzheit zu suchen. Wohin schaut Freyr also vom göttlichen Thron des Weitblicks von Asgard aus? Er schaut nach Norden, in das Reich der Wanen-Natur, und erinnert sich dabei an seine Wurzeln. Und was sieht er dort?
Nur ein Blick auf unsere reine Seele, und wir sind verliebt!
Das ist die reine Seele der Körperlichkeit, der ganzen Natur und damit auch seine eigene, die er dort bei Gymir erblickt. Er sieht, wie sie die Tür zum Körperhaus öffnet und das Licht offenbart, das alle Welten auf dem Meer des Lebens erleuchtet. Wunderbar! Und die „Rache für diesen hohen Mut“ der Sicht war die natürliche Reaktion der Liebe. Doch solange es hier noch eine Trennung gibt, zeigt sich diese Liebe als Begierde nach einem Wunsch- oder Soll-Zustand. Entsprechend erscheinen Hass und Zorn im und zum Ist-Zustand, und die Kluft zwischen den beiden Zuständen wird zum weltlichen Wissen, zur Illusion der Unwissenheit bzw. Unweisheit. Darin finden wir wiederum die Achse des buddhistischen Lebensrades als Begierde, Hass und Unwissenheit, die zum Motor und Antrieb des weltlichen Lebens werden. Und schon bewegt sich etwas:
Da ließ Njörd (der Vater von Freyr) Skirnir, Freyrs Diener, zu sich rufen und befahl ihm, zu Freyr zu gehen. Er sollte ums Wort bitten und fragen, warum er so erzürnt sei, dass er mit niemandem spreche. Skirnir (der „Strahlende, Klärende“) sagte, er werde gehen, aber ungern, denn er erwarte eine üble Antwort von ihm. Als er zu Freyr kam, fragte er ihn, weshalb er so traurig sei und mit niemandem spreche. Da antwortete Freyr, er habe eine schöne Frau gesehen und sei ihretwegen so bedrückt, denn er könne nicht länger leben, wenn er sie nicht bekäme. „Und nun sollst du gehen, sie für mich um ihre Hand bitten und sie hierherbringen, ob ihr Vater will oder nicht. Ich werde es dir gut lohnen.“ Skirnir antwortete darauf, dass er diese Fahrt in seinem Auftrag machen werde, aber Freyr sollte ihm sein Schwert überlassen. Das war so gut, dass es von selbst kämpfte. Und Freyr zögerte nicht und gab ihm das Schwert.
Wie kann nun der Trennungsschmerz überwunden werden, der Ursprung von allem Leiden? Dazu kommt ein wunderlicher Diener ins Spiel. Wer ist dieser Skirnir, der „Strahlende und Klärende“? Die klassische Deutung aus natürlicher Sicht sieht in ihm die Sonnenstrahlen der Sommersonne. Aus geistiger Sicht können wir vom reinen Licht des Bewusstseins sprechen, das natürlich der Diener von allem in der Welt ist, weil das formlose Bewusstsein jede Form annehmen und somit auch jeden Wunsch erfüllen kann. Doch warum geht dieser Diener ungern zu Freyr? Nun, solange wir im Zorn sind, können wir dieses reine Licht des Bewusstseins nicht sehen, weil wir es selbst abwehren und verdunkeln. Doch unser Vater schickt diesen Diener immer wieder zu uns, um uns zu helfen.
Ja, ihm können wir vertrauen und unser Herz ausschütten. Wir können ihn bitten, uns zu helfen, und er kann jeden Wunsch erfüllen. Doch was benötigt er dafür? Es ist unser Schwert, mit dem wir gewöhnlich kämpfen. Wer will das schon hergeben? Dafür gibt es wohl nur einen Grund, und das ist die Liebe zur reinen Seele. Nur dafür können wir unseren Ego-Verstand aufgeben und schließlich sogar jeden begrifflichen Verstand der Trennung. Dann wird dieses Schwert in den Händen des Dieners zum Schwert der Weisheit, das „von selbst kämpft“, weil es keinem Ego mehr gehört. Die Schneide symbolisiert die Unterscheidung, und die Spitze die Einheit. Damit geht nun Skirnir auf die Reise:
Dann begab sich Skirnir auf die Reise, warb für ihn um die Frau und erhielt ihr Heiratsversprechen. Neun Tage später wollte sie zu dem Ort kommen, der Barrey heißt („Kiefernwald, Gersteninsel, Weideinsel“), und mit Freyr Hochzeit halten. Skirnir überbrachte Freyr diese Nachricht, und der sprach dies:
Lang ist eine Nacht, lang sind zwei, wie kann ich drei ausdauern?
Oft schien mir ein Monat kürzer als eine halbe Nacht bis zur Hochzeit.
Das ist der Grund dafür, dass Freyr unbewaffnet war, als er mit Beli (dem „Brüller“ als Riesen-Bruder von Gerda) kämpfte und ihn mit dem Hirschgeweih tötete.
Dazu meinte Gangleri: Es ist erstaunlich, dass ein so mächtiger Mann wie Freyr sein Schwert weggeben wollte, ohne dass er ein zweites, gleich gutes besaß. Das wurde ihm zu großem Nachteil, als er mit dem kämpfte, der Beli heißt. Ich glaube, diese Gabe hat ihn da sehr gereut.
Darauf erwiderte der Hohe: Es hatte wenig Bedeutung, als er mit Beli zusammentraf. Freyr hätte ihn mit seiner Hand erschlagen können. Doch es wird so kommen, dass es Freyr übler erscheinen wird, sein Schwert zu missen, wenn (zu Ragnarök) die Söhne Muspells kommen, um alles zu verheeren.
(Gylfaginnîng §37 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Mit Barrey, dem Ort der Hochzeit, ist vermutlich Midgard gemeint, die Menschenwelt des natürlichen Wachstums und der Vielfalt. Die neun Tage erinnern an den Ring der Erneuerung und Regeneration, in dem man die ewige Seele der Natur finden kann, und vor allem zu Neumond, wenn der reflektierende Verstand schweigt.
Wer ist Beli als Bruder der Seele? Die klassische Deutung sieht in ihm den brüllenden Wintersturm, der vom Sommergott besiegt wird. Wir können in Beli das erstarrende Körperwesen sehen, sozusagen den Frostriesen in Gymir, der wie von selbst besiegt wird, sobald sich die Seele wieder mit einem göttlichen bzw. ganzheitlichen Geist vereint.
Daran erinnert auch der unbewaffnete Freyr im Kampf. Denn ein Gott braucht eigentlich gar keine Waffe im Kampf, weil er selbst die Waffe ist, vor allem als „Sommergott“. Das verästelte „Hirschgeweih“ würde dann an die lebendige Vielfalt des Wachstums erinnern, wie die Äste und Zweige vom Lebensbaum, die gegen die frostige Erstarrung des Lebens kämpfen. Entsprechend wurde dann nach der Ynglinga Saga (Kapitel 10) auch ein besonderes Kind namens Fjölnir von Freyr gezeugt und von Gerda geboren. Der Name lässt sich als „Vielwissend“ oder „Vielfältig“ deuten. In der Edda wird Fjölnir auch mehrfach als ein Name Odins genannt. Somit ist die Vielfalt der Natur sicherlich auch ein Aspekt Odins, womit sich wieder ein großer Kreis schließt. In gleicher Weise wird Odin auch Oski genannt, der „Wunscherfüller“, was an das Wesen von Skirnir erinnert.

Sehr symbolisch ist auch der Tod von Fjölnir, der im 11. Kapitel der Ynglinga Saga beschrieben wird, sofern man überhaupt von Tod sprechen kann. Er ertrinkt nämlich im Palast von König Frodi, der den großen Frieden gefunden hatte und mit ihm befreundet war, und zwar nach einem Trinkgelage in einem riesigen Met-Fass, weil er schlaftrunken und berauscht sein Gemach verfehlte. Damit erinnert uns diese Geschichte im Prinzip wiederum an das Trinkgelage von Ägir.
Schließlich kann man noch darüber nachdenken, warum Freyr das Schwert zu Ragnarök vermisst? Ja, es ist wohl nur ein „scheinbares Übel“, wie es im Text heißt. Denn praktisch verschwindet zu Ragnarök nur die äußerliche Form eines Gottes. Und das ist wohl auch wichtig, damit unser Verstand nicht allzu sehr daran anhaftet…
Soweit zur Kurzfassung. Um dieses Thema weiter zu vertiefen und das Wesen von Ägir als Gymir noch besser zu verstehen, möchten wir nun das Lied von Skirnirs Fahrt betrachten:
Skirnirs Fahrt
Freyr, Njörds Sohn, hatte sich in Hlidskjalf (Odins „Thron des Weitblicks“) gesetzt und sah auf alle Welten. Er sah nach Riesenheim und sah dort eine schöne Jungfrau, als sie vom Wohnhaus ihres Vaters zum Vorratshaus ging. Davon bekam er großen Liebeskummer.
Skirnir hieß der Diener Freyrs. Njörd befahl ihm, Freyr um ein Gespräch zu bitten. Da sprach Skadi (die Mutter von Freyr):
1. Steh nun auf, Skirnir, und geh, um von unserem Sohn ein Gespräch zu erbitten und das zu erfragen, wem der kluge Mann erzürnt ist.
2. Skirnir: Üble Worte erwarten mich bei eurem Sohn, wenn ich geh, um mit dem Mann zu sprechen und das zu erfragen, wem der kluge Mann erzürnt ist.
(Doch er ging zu Freyr und sprach:)
3. Sag, Freyr, Heerführer der Götter, was ich wissen will: Warum sitzt du allein in weiten Hallen, mein Herr, über Tage?
4. Freyr: Warum soll ich dir, junger Mann, den großen Kummer klagen? Denn der Albenstrahl (die Sonne über Lichtalbheim) scheint alle Tage, und dennoch nicht auf mein Verlangen.
5. Skirnir: Dein Verlangen halt ich nicht für so groß, dass du es mir als Mann nicht sagen könntest. Denn jung waren wir zusammen in Urtagen, wohl können wir zwei uns vertrauen.
Hier sind es Njörd und Skadi gemeinsam, die dem Diener befehlen. So kann man sich vorstellen, wie auch die Göttin des Winters den fruchtbaren Sommergott aus seiner Zurückgezogenheit aufwecken möchte, um seine innerste Sehnsucht zu erfüllen. Denn dafür hatte sie ihn geboren, wie auch Freya als Liebesgöttin.
Skrinir fragt ihn, „warum er allein in weiten Hallen sitzt“. Das Wort allein kann man in verschiedene Richtungen deuten. Für Freyr war es wohl noch nicht das „All-Eine“, sondern der große Kummer der Trennung oder Abgeschiedenheit in seinem Bewusstseinsraum, weil er seine Aufgabe noch nicht erfüllt hatte. Der Albenstrahl, der seinem Verlangen schon viele Tage nicht mehr diente, erinnert an das Licht der Naturgeister und somit auch an das Wesen von Skirnir als Licht des Bewusstseins. Warum diente es nicht mehr? Das Problem ist offenbar die Trennung, denn in der Trennung entstehen natürlich jede Menge Interessenkonflikte. Wenn jeder einen eigenen Willen hat, wem soll es dienen, und wem nicht?
So macht der letzte Satz deutlich, dass es im Ursprung keine Trennung gab, sondern alle Wesen in diesem Licht des Bewusstseins zusammen vereint waren. Sogar unsere moderne Wissenschaft kennt dieses reine Licht im Ursprung des Universums. Aus geistiger Sicht ist es vor allem der begriffliche Verstand, der die Trennung in der Schöpfung erschafft, und dadurch können sich natürlich nicht mehr alle Wünsche erfüllen. Das große Ziel ist wieder die Ganzheit und Gottheit, in der sich jeder Wunsch erfüllt, und dafür braucht man zuallererst Vertrauen.
6. Freyr: Auf Gymirs Hof sah ich eine mir begehrenswerte Jungfrau gehen. Ihre Arme glänzten, und davon die ganze Luft und das Meer.
7. Diese Jungfrau ist mir lieber als je einem jungen Mann seit Urtagen. Von den Asen und Alben will es (offenbar) keiner, dass wir zusammen sind.
8. Skirnir: Gib mir das Pferd, das mich durch die dunkle, gewisse Waberlohe (des Feuerwalls) trägt, und das Schwert, das von selbst gegen den Stamm der Riesen kämpft.
9. Freyr: Das Pferd gebe ich dir, das dich trägt durch die dunkle, gewisse Waberlohe, und das Schwert, das von selbst kämpfen wird, wenn der weise ist, der es hat.
10. Skirnir sprach zum Pferd: Dunkel ist es draußen. Ich nenne es Zeit für uns, über das feuchte Gebirge zu reisen, durch das Volk der Riesen. Wir beide schaffen es, oder uns beide fängt der übermächtige Riese.
Dem Vertrauen folgt dann die Hingabe. Hier gibt Freyr nicht nur das Schwert seines Verstandes hin, sondern auch sein Pferd der Körperlichkeit. Denn Körperlichkeit und Verstand machen das Licht des Bewusstseins wirksam und zu einem handlungsfähigen Diener. Ähnlich wollte auch Bragi im letzten Lied auch Pferd und Schwert dem Loki übergeben, um ihn als treuen Diener zu gewinnen. Doch nicht jede Verkörperung ist zu jedem Dienst fähig.
Daran erinnert uns hier symbolisch die dunkle, gewisse Waberlohe als eine schicksalhafte Entscheidung, wie ein unsichtbares Feuer, in dem alle Möglichkeiten verbrennen, die nicht dem Schicksal entsprechen. So können wir uns symbolisch vorstellen, dass der Weg von Asgard nach Riesenheim bzw. Jötunheim durch die Feuerwelt von Muspelheim führt, wo auch die Götter am Schicksalsbrunnen täglich ihr Gericht halten, um die schicksalhaften Umstände zu bestimmen. Eine ähnliche Waberlohe als Feuerwall und „wissender Wächter“ wird auch in manchen Sagen um Brünhild herum beschrieben, die nur Siegfried durchdringen konnte.
Schließlich spricht Skirnir mit dem Pferd, das heißt, der Verstand mit der Verkörperung. Die äußere Dunkelheit erinnert an die weltliche Unwissenheit, und der Verstand erkennt, dass es nun an der Zeit ist, diese zu überwinden. Das große Hindernis für beide ist der Feuerriese in Muspelheim, sowie der Bergriese in Jötunheim. Diese werden schließlich als Ägir wieder Eins, nämlich als Feuer im Wasser und Gold der Wahrheit, wie wir im letzten Lied erfahren haben. Doch der Weg ist noch weit:
Skirnir ritt nach Riesenheim zu Gymirs Hof. Dort waren bissige Hunde, und die waren ans Tor des Holzzaunes gebunden, der um Gerdas Halle war. Er ritt dahin, wo ein Viehhirte auf einem Hügel saß, und sprach zu ihm:
11. Sag, Hirte, der du auf dem Hügel sitzt und alle Wege bewachst: Wie komme ich ins Gespräch mit der Jungfrau trotz der Hunde Gymirs?
12. Der Hirte sprach: Bist du todgeweiht, oder bist du dahingegangen (schon tot)? Das Gespräch mit der guten Jungfrau Gymirs sollst du immer missen.
13. Skirnir: Entschlossenheit ist dem besser, der zu gehen bereit ist, als zu jammern. Bis auf einen halben Tag wurde mir das Alter bestimmt und das ganze Leben festgelegt.
Solche bissigen Wachhunde haben wir bereits im Lied von Fjölswid kennengelernt, die unsere Körperburg bewachen und verteidigen sollen. So verteidigt wohl jeder seinen Bewusstseinsraum, bis er sich selbst als Bewusstsein erkennt. Der Viehhirte erinnert an Gymirs Diener Fimafengr, dem „Schnell-Begreifer“, der sich nicht vorstellen kann, diese Hunde zu überwinden, und damit sogar den Tod, um mit der ewig jungen Seele zu sprechen. Skirnir argumentiert mit Entschlossenheit und Vertrauen in das göttliche Schicksal. Und schon wird er von Gerda erhört:
14. Gerda: Was ist das für ein Getön der Getöne, das ich jetzt in unseren Häusern tönen höre? Die Erde bebt, und der ganze Hof Gymirs erzittert.
15. Die Magd sprach: Ein Mann ist hier draußen, vom Rücken des Pferdes gestiegen. Das Ross lässt er auf der Wiese grasen.
16. Gerda: Bitte ihn hineinzugehen in unsere Halle und den trefflichen Met zu trinken! Doch mir ahnt dies, dass hier draußen der Totschläger meines Bruders ist.
Die Magd der Seele erinnert an die äußerliche Natur, wo Skirnir auch die Körperlichkeit zurücklässt und wo sie sich auf grüner Wiese ernähren kann. Er selbst kann als Verstand auf Wunsch der Seele ohne weitere Hindernisse in ihre Halle eingehen, in ihren Bewusstseinsraum. Und dort bittet sie ihn sogar, vom trefflichen Met zu trinken, vom Göttertrank der Ganzheit, was bereits auf ihr wahres Wesen als ganzheitliche Seele der Natur hindeutet. Dazu gehört gleichfalls die Ahnung, dass mit ihm auch der Totschläger ihres Bruders Beli kommt. Das Getön und Beben der Erde erinnerte sie vermutlich an Thor, der mit seinem Hammer gegen alle Frostriesen kämpft. So fragt sie den Ankömmling:
17. Wer bist du von den Alben, Asen-Söhnen oder weisen Wanen? Warum kamst du allein durch das lodernde Feuer, um unser Anwesen zu sehen?
18. Skirnir: Ich bin keiner der Alben, der Asen-Söhne oder weisen Wanen. Doch kam ich allein durch das lodernde Feuer, um euer Anwesen zu sehen.
19. Elf Äpfel habe ich hier, ganz goldene, die werde ich dir geben, Gerda, um deine Liebe zu gewinnen, damit du Freyr sagst, dass er dir der Liebste aller Lebenden ist.
20. Gerda: Die elf Äpfel nehme ich niemals wegen der Zuneigung eines Mannes an. Damit werden wir beide, ich und Freyr, nie zusammenwohnen, solange unser Leben währt.
21. Skirnir: Dann gebe ich dir den Ring, der mit Odins jungem Sohn (Balder) verbrannt war. Acht gleichschwere sind es, die jede neunte Nacht abtropfen.
22. Gerda: Den Ring nehme ich nicht an, auch wenn er mit Odins jungem Sohn verbrannt war. Mir fehlt es im Hof Gymirs nicht an Gold und daran, Besitz des Vaters zu haben.
Wer ist Skirnir als Licht des Bewusstseins? Naturgeist, Gottessohn oder Geistnatur? Er kam durch das Schicksalsfeuer, um das „Anwesen“ zu sehen. Wunderbar! Damit ist er natürlich ein Aspekt von Odin, wenn nicht sogar Odin selbst, sodass er auch über Iduns goldene Äpfel der ewigen Jugend und den Ring Draupnir der Erneuerung und Regeneration verfügen kann. Doch was will die ewig junge Seele der Natur mit den goldenen Äpfeln als unvergängliche Früchte? Was will sie mit dem goldenen Ring der Erneuerung? Sie ist doch selbst das grundlegende Wesen dafür. Solche Gaben mögen unserem körperlichen Verstand als vermeintlicher Besitz gefallen, doch damit können wir die Liebe der reinen Seele nicht gewinnen. All diese Gaben hat Gerda bereits durch das Gold bzw. die Wahrheit von ihrem Vater Gymir, der das Meer des Lebens ist.
23. Skirnir: Siehst du dieses Schwert, Jungfrau, das schmale, schön verzierte, das ich hier in der Hand halte? Damit werde ich dir das Haupt vom Hals schlagen, wenn du mir keine Einwilligung zusagst.
24. Gerda: Ich werde niemals Zwang erdulden, wegen der Zuneigung eines Mannes. Doch ich glaube, wenn du und Gymir aufeinanderstoßt, des Kampfes nicht müde, dass euch zu kämpfen gelüstet.
25. Skirnir: Siehst du dieses Schwert, Jungfrau, das schmale, schön verzierte, das ich hier in der Hand halte? Vor dieser Schneide sinkt der alte Riese nieder, wird dein Vater todgeweiht.
Nun beginnt Skirnir, das Schwert des Verstandes zu schwingen und droht, ihr den Sturkopf abzuschlagen. Doch was kann man von einer ganzheitlichen Seele abschlagen? Sie verweist den Verstand auf den Kampf mit ihrem Vater, einen langen und ermüdenden Kampf gegen das Wasser des Lebens im Meer der Ursachen. Und ja, mit der Schneide der Unterscheidung glaubt der Verstand, im Meer des Lebens etwas töten zu können. Doch wie könnte er das ganze Meer töten? So versucht er nun, auf bessere Weise zu argumentieren, nicht mehr mit der Schneide, sondern mit der Spitze des Schwertes:
26. Mit dem Zähmungsstab schlage ich dich, und ich werde dich zähmen, Jungfrau, nach meinem Willen. Dorthin sollst du gehen, wo dich der Menschen Söhne nie mehr sehen (bzw. erkennen können).
27. Auf dem Adler-Hügel sollst du jeden Morgen sitzen, weggewandt von der Welt, schauend zur Hel (ins Totenreich). Speise sei dir mehr leid als einem Menschen die glänzende (Midgard-) Schlange unter den Wesen.
28. Zum seltsamen Anblick werdest du, wenn du herauskommst. Auf dich stiere Hrimnir (der Frostriese), auf dich starre jeder! Weit bekannter sollst du werden als der Wächter bei den Göttern (Heimdall), angegafft durch die Gitter!
29. Wutgeheul und Widerwille, Zwang und Ungeduld, so strömen dir Tränen des Kummers! Bleib hier sitzen, und ich werde dir schwere Mühsal und zweifachen Kummer vorhersagen.
30. Unholde sollen dich den ganzen Tag auf dem Hof der Riesen quälen. Zur Halle der Frostriesen sollst du jeden Tag schleichen ohne Wahl, schleichen und keine andere Wahl haben. Klage anstatt Freude sollst du haben, und mit Tränen den Kummer begleiten.
31. Mit einem dreiköpfigen Riesen sollst du immer das Dasein fristen oder mannlos bleiben. Dein Verlangen ergreife dich, dein Verzehren verzehre dich! Wie eine Distel sollst du sein, die am Ende zur Ernte niedergetreten wird.
Damit erreicht die Argumentation ihren Höhepunkt, der auch am weitesten ausformuliert wurde: Der magische Runenzauber. Odin selbst hat ihn erkannt, als er neun Nächte kopfüber am Weltenbaum hing. Daher kennt ihn auch Skirnir und deutet der Seele von Gymir den Weg an, den sie in der Trennung geht, wenn sie sich nicht mit dem göttlichen Geist vereint. Denn das ist es, was die Weisen in den Runen-Zeichen der Welt lesen und erkennen können.
32. Zum Wald ging ich und zum saftigen (lebendigen) Baum, um den Zauberzweig zu bekommen, und den Zauberzweig bekam ich.
33. Zornig ist dir Odin, zornig ist dir der Beste der Asen. Freyr soll dich hassen, frevelüble Jungfrau, denn du hast den Zauberzorn der Götter empfangen.
34. Hören sollen es die Berg- und Frostriesen, die Söhne Suttungs (des „Schweren“), und die Schar der Asen selbst, wie ich der Jungfrau verbiete, wie ich der Jungfrau verwehre der Männer Freude, der Männer Genuss.
35. Hrimgrimnir („Frost-Maskierter“) heißt der Riese, der dich haben soll, unterhalb der Totengitter. Dort geben dir Knechte an den Wurzeln des Baumes den Urin der Ziegen! Besseren Trank bekommst du niemals, Jungfrau, nach deinem Wunsch, Jungfrau, auf meinen Wunsch.
36. Einen Thurs (eine Riesen-Rune) ritze ich dir und drei Stäbe: Geilheit, Wahnsinn und Ungeduld. Und ich ritze sie auch wieder ab, wie ich sie einritzte, wenn es sein soll.
Die Thurs-Rune deutet auf das Schicksal der körperlichen Riesen hin, vor allem die Erstarrung als Berg- und Frostriesen, sozusagen die „angestarrte und angestierte Seele“. Die drei Stäbe erinnern an Begierde, Unwissenheit und Hass als Grundprinzipien von Trennung, nämlich Vergänglichkeit, Leiden und Tod. Dies soll vermutlich auch der „dreiköpfige Riese“ bedeuten, der ihr zuvor angedroht wurde. Das Wunderbare ist: Der Verstand kann diese Zeichen in das Holz des Lebensbaumes ritzen, in den Stamm von Jötunheim, aber auch wieder ausradieren und ausgleichen, wenn er die göttliche Liebe findet. Auch hier wird die kreative Rolle des Verstandes in der Schöpfung angedeutet. In dieser Hinsicht ritzt er die magischen Runen mit der Spitze des Schwertes, um in der Liebe die geistige Einheit zu erreichen und sein wahres Wesen wiederzufinden.
Daher wird ein solcher Runenzauber auch gern als Liebeszauber bezeichnet, obwohl er nicht besonders lieblich klingt, sondern eher nach schmerzlichem Kummer und Leiden. Doch gerade darin liegt wohl die größte Kraft in der Schöpfung, damit wir uns erheben und nach Liebe und Heilung suchen:
37. Gerda: Heil sei dir jetzt, lieber Bursche, und nimm den Reifkelch an, voll des alten Mets. Auch wenn ich gedacht hatte, dass ich niemals einen aus dem Wanenstamm lieben würde.
38. Skirnir: Meine Botschaft will ich ganz wissen, ehe ich von hier heimreite, wann du dich zum Treffen mit Njörds mächtigem Sohn einlassen wirst.
39. Gerda: Barri heißt ein Wald mit windstillem Ort, den wir beide kennen. Und dort wird Gerda nach neun Nächten Njörds Sohn die Liebe gewähren.
Darauf ritt Skirnir heim. Freyr stand draußen, begrüßte ihn und fragte nach Neuigkeiten:
40. Sage mir, Skirnir, bevor du den Sattel vom Pferd nimmst und einen Schritt weitergehst: Was hast du in Riesenheim von deinem oder meinem Wunsch erreicht?
41. Skirnir: Barri heißt ein Wald mit windstillem Ort, den wir beide kennen. Und dort wird Gerda nach neun Nächten Njörds Sohn die Liebe gewähren.
42. Freyr: Lang ist eine Nacht, lang sind zwei, wie kann ich drei ausdauern? Oft schien mir ein Monat kürzer als eine halbe Nacht bis zur Hochzeit.
(Skírnismál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
So erreicht Skirnir mit dem Schwert der Weisheit sein großes Ziel, und die Seele bietet dem Verstand den Met als Göttertrank der Ganzheit in einem Reifkelch an, die geistige Einheit in der körperlichen Vielfalt. Entsprechend erkennt sie auch, dass es nur ihre Gedanken waren, die der reinen Liebe zwischen Seele und Geist der Natur im Weg standen. Denn sie dachte, dass sie nur die Seele der verkörperten Frost- und Bergriesen war und immer sein müsse.
Daher treffen sich die beiden im Wald der Vorstellungen an einem windstillen Ort, wo die Gedanken schweigen, wo sozusagen Widar anwesend ist, der Gott des Schweigens und schweigende Kämpfer im Wald. Diesen Ort kennen sie beide, denn wo der unterscheidende Verstand schweigt, dort trifft sich natürlich alles wie von selbst. So kennen auch wir tief in uns diesen Ort der lebendigen Stille, des reinen Bewusstseins. Symbolisch erinnert er an eine Neumondnacht, wenn der reflektierende Verstand schweigt, die neunte Nacht im Zyklus der Erneuerung, und die letzte Nacht vor dem ewigen Hochzeitstag. Daher gibt es wohl auch in der Edda keine weitere begriffliche Geschichte für diese großartige Hochzeit zwischen göttlichem Geist und ganzheitlicher Seele der Natur.
Das Wichtigste ist aber, dass Gott den Menschen erschuf und ihm eine Seele gab, die leben soll und niemals sterben, auch wenn der Körper zu Erde verwest oder zu Asche verbrennt… (Gylfaginnîng §3 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Barri, der Name des Waldes, erinnert ähnlich wie Barrey etymologisch an ein „Gerstenfeld“, wo nun während des Sommers die Gerste wächst, aus der Gymir im Herbst seines Lebens das Bier brauen kann, um die Götter zum großen Trinkgelage einzuladen. So deutet dieser Wald auch auf Midgard hin, unsere Menschenwelt, wo dies alles geschehen, verstanden und erfahren werden kann. Denn hier keimen und wachsen die Samen des angesammelten Karmas in der Vielfalt der Natur, um sich in die verschiedenen Richtungen verschiedenster Welten auszuwirken. Und wie man diese Samen zwischen Mühlsteinen zermahlen und heilsamen Frieden erreichen kann, möchten wir uns nun im nächsten Text anschauen.
42. Warum wird Gold das „Mehl Frodis“ genannt? - Eine Geschichte erzählt, dass ein Sohn Odins Skjöld hieß („Schild“), von dem die Skjöldungen abstammen. Er hatte seinen Sitz und seine Herrschaft in den Ländern, die jetzt Dänemark heißen, damals aber Gotland genannt wurden. Skjöld hatte einen Sohn, der Fridleif („Erbfrieden“) hieß. Der herrschte nach ihm über die Länder. Fridleifs Sohn hieß Frodi (der „Weise“). Er übernahm die Königswürde von seinem Vater zu der Zeit, als Kaiser Augustus Frieden für die ganze Welt schuf. Damals wurde Christus geboren. Aber weil Frodi der mächtigste aller Könige im Norden war, wurde der Frieden in der ganzen nordischen Sprache nach ihm benannt, und man nannte ihn „Frodis Frieden“. Kein Mann verletzte den anderen, auch wenn er wegen des Totschlags an seinem Vater auf ihn stieß, oder wegen der Lösung oder Bindung eines Brudermordes. Es gab auch keinen Dieb oder Räuber, so dass ein Goldring lange auf der Jalangsheide (im Freien) liegen blieb. König Frodi erhielt von dem Herrscher, der Fjölnir („Vielfalt“) genannt wurde, eine Einladung nach Schweden. Dort besorgte er sich zwei Mägde, die Fenja und Menja hießen. Sie waren groß und stark. Denn in dieser Zeit gab es in Dänemark zwei so große Mühlsteine, dass niemand stark genug war, sie bewegen zu können. Doch diese Mühlsteine hatten die Eigenschaft, dass von der Mühle das gemahlen wurde, was man ihr zuvor sagte. Diese Mühle hieß Grotti („Mahlen“). Hengikjöpt („herabhängender Unterkiefer“, eine Beiname Odins) wurde der genannt, welcher König Frodi die Mühlsteine gab. Frodi ließ die Mägde zu der Mühle führen und befahl ihnen, Gold zu mahlen. Und das taten sie. Zuerst mahlten sie Gold, dann Frodis Frieden und Glück. Er gewährte ihnen keine längere Ruhepause oder Schlaf, als der Kuckuck schwieg (bis früh der Hahn krähte) oder man ein Gedicht sprechen konnte. Es wird erzählt, dass sie das Lied sangen, das Grottis Gesang („Mühlengesang“) genannt wird:
An dieser Geschichte aus dem Skaldenbuch kann man deutlich erkennen, wie sich der Stil der Symbolik wandelte. Wenn es bisher um relativ abstrakte Göttergestalten ging, so übernehmen nun zunehmend weltliche Könige die symbolischen Rollen. Diese kann man sich historisch vorstellen, und oft gibt es sogar historische Bezüge. Auch das ist ein Spiel des begrifflichen Verstandes, um die Symbolik noch greifbarer zu machen und die Geschichten noch mehr mit der äußerlich erlebten Welt zu verbinden. Ob das für die geistige Botschaft förderlich ist, ist schwer zu sagen. Zumindest gleicht nun der Stil mehr den Sagen, wie der Ynglinga-, Beowulf- oder Nibelungensage. So haben wir auch in der Beowulfsage einen Skjöld als Scyld, einen Halfdan als Healfdene oder eine Yrsa als Yrse kennengelernt, von denen noch die Rede sein wird.
Die vorliegende Geschichte beginnt mit einem goldenen Zeitalter des Friedens, das uns an den goldenen Herbst von Ägir erinnert. Historisch wird an die lange Friedenszeit im römischen Reich erinnert, die mit Kaiser Augustus und der Geburt von Christus begann. So spricht er auch in der Bibel: »Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt… (Joh. 14.27)« Entsprechend erinnern Kaiser und Christus bereits an ein ganzheitliches Bewusstsein als Grundlage für den Frieden.
Das Reich von Dänemark haben wir auch in der Beowulfsage als ein Reich der Göttersöhne kennengelernt. Hier könnte man wieder an die Einherier denken, die der Gottheit im Heer der Einheit ganzheitlich dienen. Und in diesem Reich herrscht Frodi als Weisheit. Schweden steht dagegen mehr für das Reich der Einzelkämpfer, wo Fjölnir als König herrscht, das vielfältige Wissen der Unterscheidung und damit auch die Vielfalt der Natur.
Die zwei Mühlsteine in Dänemark, die der Allvater der Weisheit gegeben hatte, erinnern an zwei mächtige Prinzipien, die der Ganzheit bereits sehr nahe sind. Hier könnten wir an Geist und Natur denken, die zwei großen Seiten des Weltenbaumes. Zwischen diesen werden sozusagen alle karmischen Samen zermahlen, wie in einer „Problemlösungsmühle“ der weltlichen Schöpfung. Doch welche Kräfte können diese Mühle bewegen?
Dazu holt sich Frodi zwei Riesenkräfte aus dem Reich der Vielfalt und Trennung. Die Namen Fenja und Menja lassen sich nur schwer deuten. Fenja könnte an „Sumpf“ erinnern oder auch an den Fenris-Wolf der Vergänglichkeit. Ihr Gegensatz wäre dann Menja als das Entstehen, was man von altnordisch „menna“ für „Erziehung“ ableiten könnte. Damit erinnern diese beiden Riesenkräfte an das Werden und Vergehen in der Schöpfung, die natürlich alles bewegen.
Und was mahlt diese Mühle? Es heißt: „Das, was man ihr zuvor sagte.“ Auch hier wird wieder auf die große Rolle des Verstandes in der Schöpfung angespielt. Für die Weisheit, die über den begrifflichen Verstand hinausgegangen und zur ganzheitlichen Vernunft wurde, ist das „Mehl Frodis“ das Gold der Wahrheit, das alle Wünsche erfüllen und wahres Glück gewähren kann.
Und wann mahlt diese Mühle? Wenn das Bewusstsein nicht schläft oder eigene Geschichten dichtet und erzählt. Dann hört die Weisheit allein dem Mühlengesang zu. Und dieses Zuhören, ohne sich mit dem begrifflichen Verstand persönlich in die Welt zu verstricken, ist dann wohl der größte Frieden, den man hier erreichen kann.

Eine ähnlich symbolische Geschichte haben wir bereits am Anfang der Prosa-Edda von König Gylfi in Schweden kennengelernt. Dort war es die Göttin Gefjun, die „Reichtum Gebende“, die mit Hilfe von vier Ochsen aus Riesenheim das Herz von Gylfi aus Schweden nach Dänemark zog, wo es zur Insel „Seeland“ wurde. Daraufhin reiste Gylfi nach Asgard und hörte dort in Walhall von Bragi die heiligen Göttergeschichten.
So wollen auch wir nun hören, was die große Mühle vom Werden und Vergehen singt:
1. Nun sind zum Königshof zwei Voraussehende gekommen, Fenja und Menja. Sie dienen Frodi (dem „Weisen“), Fridleifs (des „Erbfriedens“) Sohn, die starken Jungfrauen, gehalten als Mägde.
2. Sie wurden zum Mühlstein gebracht und mussten die Steine zum Knirschen bringen. Er ließ keine von beiden ruhen noch froh sein, ehe er den Gesang der Mägde hörte.
3. Und sie sangen das Lied der ruhelosen Mühle: „Wir legen das Mahlwerk zurecht, wir treiben die Steine an.“ Er gebot den Mägden, immer weiter zu mahlen.
4. Sie ließen ertönen und laufen den sich fleißig drehenden Stein, während die meisten (anderen) Mägde von Frodi einschliefen. Da sang Menja dies, was beim Mahlen entstand:
5. Wir mahlen Frodis Reichtum, wir mahlen seinen Segen, wir mahlen ihm die Fülle in der Mühle des Glücks. Er sitze auf Reichtum, er schlafe auf Daunen, er erwache nach Wunsch, dann ist gut gemahlen.
6. Hier möge niemand dem anderen schaden, weder Unglück bereiten noch Totschlag bewirken, noch das scharfe Schwert schwingen, auch wenn er den Mörder seines Bruders gebunden fände.
7. Doch Frodi spricht nur: „Ihr sollt nicht schlafen, wenn die Kuckucke am Haus rufen (nachdem früh die Hähne am Haus krähten), und nicht länger, als ich ein Gedicht vortrage.“
8. Du warst, Frodi, nicht sehr klug, Vertrauensfreund der Männer, als du die Mägde erwarbst: Du wähltest nach Kraft und Aussehen und fragtest nicht nach der Herkunft.
Soweit, so gut. Bisher singt und mahlt vor allem Menja als Kraft des Entstehens in der Schöpfung. Doch sie beschwert sich bald, dass sie beide immer nur mahlen und als Mägde dienen müssen: Warum fragst du nicht nach unserer Herkunft? Warum verehrst du uns nicht und verliebst dich in uns, wie in deine Seele? Wir sind doch deine Seele als Prinzip der Verursachung, die deine Zukunft bestimmt, oder nicht? So erklärt nun Menja ihre riesenhafte Herkunft und Macht:
9. Stark waren Hrungnir („Lärmriese“) und sein Vater, doch Thjasi (der „Eisige“) war stärker als sie. Idi („Tätigkeit“) und Aurnir („Lehm, Trägheit“) sind unsere Verwandten (Väter?), die Brüder der Bergriesen, und von ihnen stammen wir.
10. Grotti käme nicht aus dem grauen Gestein, nicht käme der harte Fels aus der Erde, nicht mahlte die Magd der Bergriesen, wenn wir das (nicht) gewusst hätten.
11. Neun Winter waren wir Geschwister mit kräftigen Armen unter der Erde. Dann standen die Mädchen vor dem wichtigen Werk: Wir selbst bewegten den Felsen von der Stelle.
Die neun Winter erinnern an die Zeit des Eis-Riesens Ymir, als das Universum eingefroren und erstarrt war. Danach begann ein neuer Schöpfungszyklus, und die Mägde wurden tätig und bewegten die Materie. Die Namen ihrer Verwandten bzw. Väter als „Trägheit“ und „Tätigkeit“ deuten ebenfalls auf ihr Wesen hin. Dazu wird auch das Wissen betont, das die wesentliche Grundlage der gesamten Schöpfung ist. Doch sie glauben, dass sie es selbst getan haben, und darin liegt ihre Illusion, so dass sie auch keine göttlichen und ganzheitlichen Wesen sind, sondern den Einzelkämpfern in Schweden gleichen.
12. Wir wälzten Geröll durch das Reich der Riesen, so dass die Erde davon bebte. Dann schleuderten wir den Drehstein (Mühlstein), den schweren Rundstein, dass die Menschen ihn fanden.
13. Dann schritten wir zwei, zukunftsweise, durch Schweden zur Kriegerschar. Wir forderten Bären und brachen Schilde. Wir gingen der graugekleideten Schar (der Soldaten) entgegen.
14. Wir stürzten den Fürsten, wir stützten den anderen (seinen Gegner). Dem guten Gothorm („Gott-Schlange“) brachten wir Glück, und waren nicht zufrieden, ehe Knui („Faust“) fiel.
15. So hielten wir es viele Winter, so dass wir für die Kampflust bekannt waren. Da stachen wir mit scharfen Speeren Blut aus den Wunden und röteten die Klinge.
16. Nun sind wir zum Königshof gekommen, ohne Gnade, gehalten als Mägde. Der Sand nagt an den Fußsohlen und von oben die Kälte, wir drehen den Befrieder des Kampfes, traurig ist es bei Frodi.
So kämpften sie vor allem in Schweden, im Reich der Einzelkämpfer, im Reich der Trennung und Gegensätze, natürlich auf beiden Seiten. Die „Gott-Schlange“ erinnert an das Prinzip der Trennung in der Ganzheit, ähnlich der Symbolik des Drachens oder Teufels. Und die „Faust“ deutet auf das geballte Ego im Kampf hin. Doch nun müssen sie in Dänemark beide für den Frieden arbeiten. Das scheint nicht ihrem gegensätzlichen Wesen zu entsprechen. Und darin kann man den entscheidenden Unterschied zur reinen Seele der Natur erkennen.
So beginnt nun, vor allem Fenja als Trägheit und Vergänglichkeit zu singen:
17. Die Arme sollen ruhen, der Stein soll stehen! Genug habe ich gemahlen, ich höre mit der Arbeit auf. Sonst wird es keine Ruhe für die Arme geben, ehe es Frodi genug gemahlen scheint.
18. Hände sollen harte Mühlengriffe halten, (anstatt) blutgetränkte Waffen. Erwache, Frodi, erwache, Frodi, wenn du unseren Gesang hören willst und alte Geschichten.
19. Ein Feuer sehe ich östlich der Burg brennen, die Kriegsmeldung erwacht, und das wird Feuersignal genannt. Ein Heer zieht unaufhaltsam hierher, und der Hof des Königs wird brennen.
20. Du wirst Lejres Sitz (deinen Königshof) nicht halten, weder rote Goldringe noch den gewaltigen (Mühl-) Stein. Fassen wir den Steinschaft fester, Mägde, wir sind noch nicht im Blut der Gefallenen.
21. Des (Riesen-) Vaters Maid mahlt kräftig, weil sie den Fall zahlreicher Männer sieht. Große Stützen stürzen vom Mühlsteinkasten, eisenbewehrte, doch wir mahlen weiter.
22. Wir mahlen weiter: Yrsas (der „wilden Bärenkraft“) Sohn, der Verwandte von Halfdan („Halb-Däne“), wird Frodi rächen. Er wird ihr Sohn und Bruder heißen. Wir beide wissen es.
Der Halb-Däne erinnert an einen Göttersohn, der zur Hälfte ein Geschöpf geworden ist. Und wir können uns vorstellen, wie das Geschöpf mit Yrsa, seiner eigenen Tochter bzw. Seele, einen Sohn zeugte, der dadurch auch ein Bruder der Seele ist. Dieser Sohn und Bruder ist vor allem der eigene Körper mit dem Ego-Verstand, den wir noch als Mysing kennenlernen werden. Ja, auch darin liegt das Wissen von Menja und Fenja, vom Werden und Vergehen. Über dieses Thema haben wir in unserer Interpretation zum Urtext der Beowulfsage bereits ausführlicher nachgedacht.
23. Die Mägde mahlten, verwandten ihre ganze Kraft, die jungen waren in Riesenzorn. Die Schaftstangen wankten, der Mühlsteinkasten stürzte ein, der mächtige (Mühl-) Stein sprang entzwei.
24. Und die Braut der Bergriesen sprach die Worte: „Wir haben gemahlen, Frodi, doch nun hören wir auf. Die Magd hat lang genug gemahlen.“
So hört nun Frodi als Weisheit dem Mühlengesang in dieser Schöpfung zu, im ewigen Spiel des Werdens und Vergehens. Und er hört sogar zu, wie seine Gestalt vergeht:
Und bevor sie mit dem Lied aufhörten, mahlten sie ein Heer gegen Frodi, so dass in der Nacht der Seekönig dorthin kam, der Mysing („Maus-Mann“) genannt wurde. Er tötete Frodi und machte große Beute. Damit endete (legte sich) Frodis Frieden. Mysing nahm (die Mühle) Grotti und ebenso Fenja und Menja mit sich und befahl ihnen, Salz zu mahlen. Um Mitternacht fragten sie, ob Mysing nicht des Salzes überdrüssig sei. Aber er befahl ihnen, weiter zu mahlen. Sie mahlten noch eine kurze Weile, bis das Schiff sank. Dort entstand ein Strudel im Meer, wo das Wasser durch das Loch des Mühlsteins strömte. So wurde damals das Meer salzig.
(Mühlengesang, Skaldenbuch §42, nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Arthur Gilchrist Brodeur)
So erscheint nun Mysing in der Nacht, wenn das Bewusstsein nicht mehr vollkommen wach ist, sondern in den Traum der Illusion fällt. Die altnordische Bedeutung von Mysing ist „Maus-Mann“ oder „Mäuschen“, das nachts die Speisekammer plündert und sich von den Karma-Samen ernähren will. Wenn Snorri diesen Namen erfunden hat, wie manche Forscher annehmen, könnte er auch an englisch „My Song“ erinnern, für jemanden, der selber sein eigenwilliges Lied singt. Damit fällt er natürlich aus der ganzheitlichen Weisheit, tötet den Frodi-Frieden und eignet sich die Mühle mit den Riesenkräften persönlich an. Nun soll ihm die Mühle Salz statt Frieden mahlen.
Betrachtet man das Salz als Symbol der Kristallisation, wie es auch in der Alchemie üblich war, dann könnte man hier über die Verkörperung im Meer des Lebens nachdenken, und wie dieser Körper eine Weile wie ein Schiff getragen wird, doch nicht immer mehr werden kann, sondern wieder zermahlen wird und wie in einem Strudel im Meer der Ursachen untergeht. Dort löst sich die Kristallisation bzw. Verkörperung in der Ganzheit auf, so dass auch das ganze Meer salzig wird. Dabei geht jedoch nichts Wahres verloren, das Gold bleibt. Und wir können uns gut vorstellen, wie Ägir und Frodi als Meer der Weisheit und reines Bewusstsein immer noch friedlich zuhören und zuschauen. OM Shanti OM
Das Wichtigste ist aber, dass Gott den Menschen erschuf und ihm eine Seele gab, die leben soll und niemals sterben, auch wenn der Körper zu Erde verwest oder zu Asche verbrennt… (Gylfaginnîng §3 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Damit finden wir einen guten Übergang zum nächsten Kapitel über Ragnarök: Die große Auflösung der Schöpfung im göttlichen Schicksal.