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Solche Räume, Welten und Ebenen des Bewusstseins kann jeder Mensch erfahren. Gewöhnlich kennen wir das wache Tagesbewusstsein und das Schlaf- und Traumbewusstsein bis zum Tiefschlaf. Außergewöhnliche Erfahrungen werden von Meditationen, Drogentrips und noch intensiver von sogenannten Nahtoderlebnissen berichtet, die zeigen, wie sich das Bewusstsein in kürzester Zeit völlig verändern kann. Wir möchten dafür ein Beispiel geben:
„Beispielsweise berichtet (der Kardiologe und Nahtodforscher) Pim van Lommel von einer jungen Mutter, die nach einem Kaiserschnitt eine lebensbedrohliche Darmperforation erlitt, infolge derer sie zunächst eine von tiefer Liebe durchdrungene und horizonterweiternde Nahtoderfahrung gemacht hatte. Zurück in ihrem künstlich am Leben erhaltenen Körper, fand sie sich aber auf der Intensivstation nicht mehr zurecht, obwohl sie sich während ihres Nahtoderlebnisses bewusst zur Rückkehr in die diesseitige Welt entschieden hatte. Sie begann deshalb den Beatmungsschlauch (zum Tubus) durchzubeißen und unternahm damit einen Suizidversuch. Aber nun erlebte sie den vorhin noch sanften Strudel, der sie getragen hatte, als einen stahlharten, kalten Trichter. In panischer Angst wurde ihr bewusst, dass sie diesmal in einer anderen „Schicht“ war und dass sie selbst eine Mauer errichtet hatte. Die Patientin beschrieb die unheimliche Angst während dieses zweiten Nahtoderlebnisses, von Gott verlassen worden zu sein - und zwar nicht als Folge des zurückliegenden Lebens, sondern als Folge der eigenen Auflehnung gegenüber dem jetzigen Leiden, als Folge der lieblosen Gemütsstimmung, welche sie in den Suizidversuch getrieben hatte.“ (Quelle: Werner Huemer)
Diese beiden Nahtoderfahrungen beschreibt die Frau ausführlich, soweit sie es in Worte fassen konnte, im Buch von Pim van Lommel „Consciousness Beyond Life“. Dort schreibt sie beispielsweise zur ersten Erfahrung:
„Immer schneller werdend, sah ich jedes einzelne Zimmer im Krankenhaus, einschließlich der Patienten und des Personals, sowie die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von allem, was an mir vorbeirauschte. Ich wusste es! Ich hatte oft gedacht: Was, wenn das Leben wie ein Traum ist und man, genau wie aus einem Traum, auch aus dem Leben erwachen kann? Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was vor mir lag und dass ich erkennen sollte, dass das Leben ein Kreislauf ist, genau wie der Schlaf ein Kreislauf im Leben ist. Und mehr noch: Dies wiederum war ein Kreislauf in einer Dimension, die mein Verständnis weit überstieg… Allmählich entwickelte sich um mich herum ein Sehsinn, wie eine Kugel, zu der ich selbst gehörte. Ich schien im Omniversum gelandet zu sein, denn unter mir formte sich ein weiteres Bild; tatsächlich formte es sich um mich herum und durch mich hindurch. Ich fühlte mich weiterhin beschützt, von jemandem, nicht von etwas… Ich schien durch ein Lichtspektrum aufzusteigen, und ich erkannte Farben nicht mit den Augen, sondern mit den Sinnen. Die Farben wurden heller, wärmer und leuchtender und vermischten sich dann, als bildeten sie eine einzige große Nabelschnur… Ich schien Geburten auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Dimensionen zu erleben. Aufsteigen, absteigen, Orte betreten oder verlassen - ich konnte den Unterschied nicht mehr erkennen, und es spielte auch keine Rolle mehr… Ich spürte eine Hierarchie der Regionen oder Atmosphären, die ich im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen Sinne durchschritt. Jede „Schicht“ hatte ihre eigene Atmosphäre mit klaren Grenzen und Beschränkungen. „Aha“, blitzte es mir durch den Kopf, „Atmosphäre“, und ich verstand, dass jede „Ebene“, die ich durchschritt, Teile von mir selbst und von anderen enthielt… Ich hoffte, zum Wesentlichen zu gelangen, zur reinsten Form des Bewusstseins… Eins zu sein mit diesem allumfassenden Bewusstsein. Hier gehörte ich hin! Dies war nicht länger die Dimension der Erde oder anderer Sphären, dies war mehr! Dies war der Anfang und das Ende, dies war der Ursprung… Und ich würde alles wissen und verstehen, sobald ich eins mit diesem Ganzen geworden wäre. Alles!“
Davon können wir vieles in den bisherigen Beschreibungen der nordischen Mystik wiederfinden, sogar die farbige Regenbogenbrücke von Heimdall. Doch danach kam die zweite Erfahrung:
„Mit einem heftigen und schmerzhaften Ruck kehrte ich in einen unbeweglichen Körper zurück. Er war voller Schläuche und an Maschinen angeschlossen, die ihn am Leben hielten… Das liebevolle Lächeln und die Ruhe, von der ich gekommen war, waren offensichtlich verschwunden, und ich war nicht dankbar. Was für eine träge, harte Realität war das! Ich wusste nicht, wie viele Stunden oder Tage ich dort gelegen hatte, frustriert in dem Körper, den ich nicht wiederbeleben konnte, bis ich beschloss, dass es sinnlos war. Mir war nicht bewusst, dass es mein „Ich“ war, das diese überstürzte Entscheidung traf, anstatt auf die Erfahrung zu vertrauen, die ich in der Einheit dieses wundervollen Bewusstseins gemacht hatte. Ich wurde wütend und fühlte mich verraten… Ich wollte in diesen Himmel zurückkehren und ahnte nicht, dass ein einziger, liebevoller Gedanke mich als Teil wieder zum Ganzen machen würde. Ich glaubte, der einzige Weg zurück führe über den Tod… Aber das war nicht gut. Es war weder ein guter Gedanke noch eine gute Tat, nicht liebevoll gegenüber der Natur, Gott, Allah, Jahwe, der Quelle, gegenüber irgendjemandem auf Erden, der sein Bestes für mich tat, und vor allem nicht liebevoll gegenüber mir selbst.
Diesmal sah ich nichts: keine Farben, keine Wärme. Der sanfte Wirbel wirkte nun wie ein harter, kalter Trichter. Ich war verwirrt. Wohin sollte ich gehen, was geschah? Der Kontakt zu allem Irdischen verschwand abrupt, und das war alles andere als ein sanfter Übergang. Panik überkam mich. Ich verstand nicht, was geschah und was zu tun war, außer dass es verdammt ernst war und ich mich nun in einer anderen „Schicht“ der Atmosphäre befand als beim letzten Mal. In der Ferne, sehr weit weg, sah ich einen winzigen Lichtpunkt. Das Ende der Dunkelheit? Sollte ich dorthin gehen? Wollte ich dorthin gehen? Ich sah mich um: alles war schwarz - schwarz, still, kalt und einsam. Ich war völlig allein. Allein mit meinen Gedanken und Gefühlen. Der Ausdruck „gottverlassen“ ergab jetzt Sinn für mich, oder wie auch immer man das Allumfassende nennen mag. Es war nicht so, als wäre das Allumfassende nicht dagewesen, aber ich hatte es gewissermaßen blockiert. Ich hatte eine Mauer zwischen mir und meinem Herzen, zwischen mir und dem Vertrauen, zwischen mir und der Dankbarkeit errichtet. Und vor allem zwischen mir und der Liebe. Der Liebe des Herzens, die ein klares Bewusstsein, Frieden, Gesundheit - kurzum, alles - ermöglicht. Meine Mauer warf einen Schatten auf mich, sodass ich das Licht nicht sehen konnte. Liebe und das höhere Bewusstsein sind im Licht, denn sie sind das Licht. Und um das zu erkennen, musste ich diese Mauer einreißen. Angst! Ich war voller Angst. Ich glaube, es gibt keine größere Mauer als die Angst, außer vielleicht die Wut, die auch noch da war. Wie konnte ich diesem Elend entkommen?“
Diese zweite Erfahrung beschreibt dann, was geschieht, wenn sich das Bewusstsein mit einem Körper identifiziert und vom ganzheitlichen Licht trennt. Dann fällt es in die Dunkelheit, weil es an Bewusstheit verliert, sich selbst begrenzt und damit eine Mauer um sich herum errichtet. Die allumfassende Liebe wird zum Spiel der Gegensätze von Begierde und Hass, zwischen Bewusstseinszuständen, die wir entweder haben oder weghaben wollen. Der Einherier, der im Heer der Einheit für den Willen Gottes kämpft, wird zum eigenwilligen Einzelkämpfer, was wir dann auch Ego nennen. So wird dann auch die Angst eine wesentliche Erfahrung in der abgetrennten Ego-Blase des Bewusstseins, denn nur in der Trennung kann man etwas Gewinnen und Verlieren, eine Erfahrung, welche die Einherier zu überwinden lernen. Wer kann nun helfen? Wer kann diese Mauer einreißen? Welcher Geist kann diese Brünne, diesen Brustpanzer um das Herz der Liebe durchschneiden?
„Warum half mir niemand? Ich wurde immer ängstlicher und fühlte nichts als Schmerz, Qual, Trauer und Einsamkeit. Die Reue verstärkte sich, und ich begriff, dass ich einen großen Fehler begangen hatte. Warum hatte ich nur so wenig Vertrauen und Geduld gehabt? Ich schämte mich zutiefst vor all dem Licht, zu dem ich gehörte und von dem ich mich gleichzeitig abgewandt hatte… Ich war niemandem und nichts mehr nütze, indem ich mich so isolierte, und spürte sofort den Schmerz… Plötzlich kam mein Vater [der zuvor verstorben war] wie ein riesiger Schatten um die Ecke. Er blickte nicht auf. Er bewegte sich feierlich. Ich spürte, dass er sich in dieser Dunkelheit auskannte. Seine Füße berührten nie den Boden, als ginge oder schwebte er in Zeitlupe, und doch ging er in einem recht gleichmäßigen Tempo vor mir her… Er war nur gekommen, um mir alles zu erklären. Es fühlte sich an, wie seine letzte Pflicht als Vater, bevor er zum Licht gehen konnte. Ich musste jetzt alles verstehen. Und wieder lag die Entscheidung bei mir… Direkt vor meinen Augen verschwand er im überwältigenden Licht. Welch eine Kraft! Welch eine Liebe! Noch ein Schritt, und ich wäre bei ihm. Bei ihm und bei vielen anderen. Er war angekommen. Er hatte endlich Frieden gefunden. Nun wusste ich, dass ein Teil von ihm, ein Teil seiner Energie, der mich all die Jahre nach seinem Tod begleitet hatte, gegangen war. Dank ihm konnte ich weitermachen und umkehren… Ich hatte keine Zeit, die beiden Möglichkeiten abzuwägen. Ich fühlte mich, als würde ich ersticken. Ich musste mich entscheiden. Ich hatte den schwierigsten Teil meiner beiden Nahtoderfahrungen erreicht, und die Entscheidung, diesmal in meinen Körper auf der Erde zurückzukehren, fühlte sich tatsächlich wie Sterben an. Die Entscheidung, rückwärts zu gehen und so schnell wie möglich zurückzukehren, erschien mir unerklärlich. Es war die schmerzhaftere der beiden Möglichkeiten, und ich wusste, dass ich große Schmerzen erleiden würde. Vor mir war alles gut, voller Liebe, Wärme, Ehrlichkeit, Wissen, alles, was ich mir hier auf Erden immer gewünscht hatte. Warum also in diese Hölle zurückkehren, wenn ich mit Sicherheit wusste, dass ich das, was ich vor mir sah, niemals auf Erden haben würde? Doch eigentlich ging es nicht ums Haben, sondern ums Sein. Ich selbst sollte voller Liebe, Ehrlichkeit, Wärme und Bewusstsein sein, ohne es von jemand anderem oder etwas anderem zu wollen oder zu erhalten.“
Hier zeigt sich nun die Aufgabe unseres Lebens als körperliche Geschöpfe, nämlich den Geist der Trennung auszuwirken und zu heilen, um in jeder Form des Bewusstseins das reine Licht des ganzheitlichen und göttlichen Bewusstseins wiederzufinden. Das ist sozusagen die „Wirklichkeit“ als Botschafterin der „Ursächlichkeit“.
„Plötzlich war ich wieder in meinem Körper, orientierungslos und diesmal mit einer Maske über Mund und Nase. Jemand beugte sich über mich und beatmete mich manuell. Ich hatte Schmerzen und sehnte mich danach, zurückzukehren, aber ich wusste auch, dass ich mich nicht allein fühlen musste, solange ich die Verbindung zu Liebe und Dankbarkeit aufrechterhielt. Seltsamerweise war auch diese schmerzhafte Entscheidung von bewusster Liebe motiviert. Liebe zur Schöpfung, zum Wesen allen Seins und zum Bewusstsein sowie Liebe zu mir selbst, denn die Entscheidung aufzugeben widersprach der Natur und der Schöpfung; mit anderen Worten, sie widersprach mir.
Alles blieb tagelang dunkel, und in den Momenten, in denen ich mir meines Koma-Zustandes bewusst war, wusste ich, dass meine erste Erfahrung eine natürliche war und dass meine sogenannte negative Erfahrung eine unnatürliche war, die aus Lieblosigkeit entsprang. Die letzte Nahtoderfahrung lehrte mich jedoch am meisten über Liebe und bewusste Entscheidungen, denn ich musste bis in die Zehenspitzen spüren, was freier Wille, Glaube und Liebe bewirken können und dass ich, ungeachtet meines schrecklichen Zustands, immer nur einen Gedanken von der Quelle entfernt bin. Zu keinem Zeitpunkt während meiner Nahtoderfahrung hatte ich das Gefühl, dass mich jemand anderes zu irgendetwas zwang. Ich traf alle Entscheidungen selbst. Das machte die entscheidende Wahl, zu bleiben oder zurückzukehren, so unglaublich schwer. Ich werde niemals in der Lage sein, jemandem zu zeigen oder zu vermitteln, was ich während meiner Nahtoderfahrung wahrgenommen hatte oder wo ich war. Ich kann nur beschreiben, was ich fühlte, was ich mir vorstellte und was es für mich bedeutete. Mit anderen Worten: was ich erlebt habe…
Während meiner reinen Wahrnehmung innerhalb der Quelle hatte ich auch keine Meinung. Ich hatte nicht einmal ein „Ich“. Eine Meinung ist an das Ego gebunden, und das Ego an den Körper. Ohne all das gab es nur objektives Bewusstsein…
Als ich nach meinen Nahtoderfahrungen das Krankenhaus verließ, begann die Suche. Was ich wahrgenommen hatte, musste doch hier auf der Erde bekannt sein… Wo sollte ich suchen, an wen konnte ich mich wenden? Wo trafen sich Wissenschaft und Spiritualität? Was ist Materie, und was ist Realität? Ich lebte praktisch in der Bibliothek und in Buchhandlungen. Ich erkannte alles Mögliche wieder, aber nichts davon fühlte sich wie das wahre Leben an. Die größte Wahrheit für mich war dort! Dort, wo ich immer wieder mit einer Geschwindigkeit erwachte, die weit über der Lichtgeschwindigkeit lag. Ein reines Leben auf spiritueller Ebene, eine Energie, die auf und durch die Erde strömt, durch alles hindurch! … Jeden Tag bin ich froh, dass ich den schwierigen Weg gewählt und diese Höhen und Tiefen durchlebt habe. An eine Wand in meinem Wohnzimmer habe ich kalligraphiert: “What you think matters; in fact, it forms matter” („Was du denkst, ist gewichtig; tatsächlich formt es die Materie.“) Als tägliche Erinnerung an die Möglichkeiten, die das Leben bietet. Und ob sich die Erfahrungen positiv oder negativ anfühlen, hängt von der Absicht meines Herzens ab.“
(Quelle: Pim van Lommel „Consciousness Beyond Life“, 2010, im 10. Kapitel „A Comprehensive NDE: Monique Hennequin“)
Dieser Kampf zwischen dem Geist der Trennung und dem Geist der Ganzheit, zwischen Ego und Vernunft, zwischen Dämon und Gott, zwischen Hölle und Himmel oder im weitesten Sinn zwischen Dunkelheit und Licht spiegelt wohl den grundsätzlichen Kampf in Walhall wider und damit auch in Midgard unserer Menschenwelt. Wir können diesen Kampf überall in der Schöpfung finden, und er wird wohl andauern, solange die Schöpfung besteht, das heißt, bis das Problem der Trennung gelöst und der große Sieg erreicht ist. So wird es auch in der folgenden Geschichte aus dem Skalden-Buch der Edda beschrieben:
Ein König, der Högni genannt wurde, hatte eine Tochter, die Hilde („Kämpferin“) hieß. Diese raubte ein König namens Hedin, Hiarrandis Sohn. Damals war König Högni zu einer Versammlung mit anderen Herrschern gefahren. Aber als er erfuhr, dass in seinem Reich geheert worden war und dass man seine Tochter entführt hatte, da zog er mit seinem Heer los, um Hedin zu suchen. Er hörte von ihm, er sei nordwärts längs der Küste gefahren. Als König Högni jedoch nach Norwegen kam, erfuhr er, dass Hedin westwärts über das Meer gesegelt sei. Da segelte er ihm bis zu den Orkneys nach, und er kam zu der Insel, die Haey heißt („hohe bzw. herausragende Insel“, heute Hoy). Dort lag Hedin mit seinem Heer.
Hilde traf sich mit ihrem Vater und bot ihm in Hedins Namen einen Halsring zur Versöhnung an. Aber andererseits sagte sie, dieser sei bereit zu kämpfen und Högni dürfe nicht erwarten, dass er nachgebe. Högni antwortete seiner Tochter schroff. Als sie zu Hedin kam, sagte sie ihm, Högni wolle keine Verständigung, und sie empfahl ihm, sich für die Schlacht zu rüsten. Dies taten beide Seiten, sie gingen auf die Insel und ordneten die Schlachtreihen. Da rief Hedin seinen Schwiegervater Högni und bot ihm Frieden und viel Gold als Buße. Darauf antwortete der: „Zu spät botest du es an, wenn du einen Vergleich schließen willst. Denn jetzt habe ich mein Schwert Dainsleif („Erbe des Todes“) gezogen, das die Zwerge schufen und das den Männern Tod bringen wird, jedes Mal, wenn es gezogen wird. Niemals geht ein Schlag daneben, und keine Wunde schließt sich, die es verursachte.“ Hedin sagte: „Du rühmst dich eines Schwertes, aber nicht des Sieges. Nur das Schwert nenne ich gut, das seinem Herrn treu ist.“
Dann schlugen sie die Schlacht, die „Kampf der Hjadninge“ genannt wird (vermutlich „Kampf der Fallenden bzw. vergänglichen Geschöpfe“), und sie kämpften den ganzen Tag. Am Abend gingen die Könige zu den Schiffen. Aber Hilde ging in der Nacht auf das Schlachtfeld und erweckte mit Zauberkunst alle die, welche gefallen waren. Und am nächsten Tag gingen die Könige zum Kampfplatz und kämpften miteinander und mit ihnen alle diejenigen, die am Tag vorher getötet worden waren. So verlief die Schlacht einen Tag nach dem anderen: Alle, die fielen, und alle Waffen, die auf dem Schlachtfeld lagen, wurden, ebenso wie Schilde, zu Stein. Aber wenn der Tag anbrach, erhoben sich alle gefallenen Männer und kämpften, und alle Waffen wurden neu. So wird in den Gedichten gesagt, dass die Hjadninge dies bis zum Ragnarök erdulden müssen.
(Skáldskaparmál §49 nach Arnulf Krause)
Diese Geschichte über die Könige Högni und Hedin erinnert uns an die Hageling-Sage über die Könige Hagen und Hettel. In unserer Interpretation zu dieser Sage haben wir Hagen in der Rolle des eigenwilligen Egos und Hettel als wachsende Vernunft kennengelernt. So könnte man auch hier in Högni den typischen Einzelkämpfer und in Hedin den übenden Einherier sehen, einen Geist der Trennung, und einen Geist auf dem Weg zur Ganzheit.
In der Hageling-Sage war Hagen mit einer Hilde verheiratet, die er wie eine Schicksalsnorne oder Meerjungfrau auf einer Insel gefunden hatte, wohin ihn schon im Kindesalter ein übermächtiger „Greif“ entführt hatte. Diese Hilde gebar ihm eine schöne Tochter, die ebenfalls „Hilde“ genannt wurde, die „Kämpfende“, die wir dann als seine körperliche Seele gedeutet haben, welche ein Ego natürlich niemals freigeben will. Deshalb wollte er sie nur einem Mann in die Ehe geben, der ihn im Kampf besiegen konnte. Doch wer kann schon ein Ego besiegen? Viele Freier starben im Kampf, und bald traute sich niemand mehr, um Hilde zu werben. König Hettel ließ sie schließlich durch drei seiner Gefolgsleute entführen, in denen wir Schicksal, Verstand und Weisheit erkennen konnten. Hagen verfolgte die Entführer, und es kam zum großen Kampf. Doch anders als in der obigen Geschichte kam es schließlich zur Versöhnung, denn Hilde konnte ihren Vater durch ihre Liebe beruhigen, wie auch König Hettel. So heirateten Hilde und Hettel als Seele und Vernunft. Doch auch hier war das Grundproblem noch nicht gelöst und wurde an die nächste Generation weitervererbt. So gebar Hilde eine Tochter namens Gudrun, deren Schicksal man dann in der Gudrun-Sage nachlesen kann. Darin können wir im Prinzip das Wesen der Walküre als Dreiheit von Mutter, Tochter und Enkeltochter wiederfinden, sozusagen als Brünhild, Kriemhild und Gudrun bzw. Natur, Seele und Gott-Rune, was uns aus männlich-geistiger Sicht auch an die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligen Geist erinnert.
Entsprechend heiraten in der obigen Geschichte auch Hedin und Hilde als ganzheitliche Vernunft und ganzheitliche Seele der Natur. Doch der Kampf mit dem Ego, der die Seele für sich persönlich beansprucht, dauert nicht nur drei Generationen, sondern bis zum Ende der Schöpfung oder universalen Erlösung. Das Ego kämpft mit dem Schwert „Erbe des Todes“, in dem wir auch die „Erbsünde“ oder „Todsünde“ der Trennung von Gott und dem ewigen Leben erkennen können. Die Vernunft kann darin keinen wahren Sieg sehen und lobt dagegen das Schwert, das „seinem Herrn treu ist“. Dieses erinnert an das „Erbe Gottes“ als ganzheitliche Vernunft, die Gott-Rune oder auch der Heilige Geist. So kämpfen die Könige als Geschöpfe auf ihrer Insel in Midgard den „ganzen Tag“, werden morgens geboren und kehren abends auf ihr „Schiff“ als Welle auf dem Meer der Ursachen zurück. Alle Gefallenen in diesem Kampf werden von der Seele der Natur aus der toten bzw. verhärteten Körperlichkeit wieder zum Leben erweckt, wie auch alle ihre Waffen und Schilde, in einem langen Zyklus der Erneuerung über viele Generationen, bis das Problem gelöst und der große Sieg-Frieden erreicht ist.

Damit wird auf wunderbare Weise noch tiefgründiger das Wesen der Walküren beschrieben, nicht nur als Umstände und Bedingungen in der Natur, sondern auch als belebende Seele der Natur. Denn wie die Walküre als „Sieg-Treiberin“ von der Sigurd-Vernunft aus der verhärteten und versteinerten Materie erweckt wurde, so erweckt nun wiederum die Walküre als „Kämpferin“ und „Seele der Natur“ die versteinerte Materie im Licht der Morgenröte zum Leben. Denn alles ist Bewusstsein auf verschiedenen Ebenen, mehr oder weniger eng begrenzt und eingeschlossen, mehr oder weniger verdunkelt und verhüllt, mehr oder weniger frei beweglich und lebendig. Das heißt: Was wir „Leben“ nennen, ist die Liebe zwischen Seele und Vernunft. Und damit treibt uns das Leben zum Sieg der Vernunft.
Als ganzheitlicher Allvater der Götter und im Grunde der ganzen Schöpfung hat Odin natürlich viele Frauen, in denen wir symbolisch die Vielfalt der Natur erkennen können. So vereinen sich Geist und Natur als Einheit und Vielfalt zu einer lebendigen Welt. Diese Frauen werden vor allem als Töchter der Riesen bezeichnet, die uns als Berg- und Frostriesen an die Verhärtung und Materialisierung des Bewusstseins erinnern. Und wie die Liebesheirat zwischen Sigurd und Sigrdrifa als Vernunft und Seele der Natur, so heiratet auch Odin die Riesentöchter, um mit göttlichem Geist die erstarrte Natur wieder lebendig zu machen, um eine lebendige Schöpfung zu zeugen und zu gebären, vom Geist gezeugt und von der Natur geboren.
Durch die Heirat mit Odin als Göttervater werden dann die Riesentöchter auch „Göttinnen“ genannt. In den symbolischen Geschichten wird vor allem Frigg hervorgehoben, als Himmelskönigin und Schutzgöttin der Ehe, des Lebens, der Mutterschaft, des Herdfeuers und der Häuslichkeit, womit wohl im weitesten Sinn die lebendige Körperlichkeit gemeint ist. Es heißt, sie gebar Odin vor allem drei Söhne, nämlich die Götter Balder, Hödur und Hermodr, in denen man die Götter des Lichtes, der Dunkelheit und der Botschaft sehen kann. Als Götter sind sie ganzheitlich-geistige Wesen, und als Söhne Odins bilden sie eine untrennbare Einheit, über die man viel nachdenken kann. Denn zwischen Lichtheit und Dunkelheit erscheint diese ganze Schöpfung mit ihrer göttlichen Botschaft. Es heißt auch, dass die Walküren in manchen Mythen als Töchter von Odin und Frigg genannt werden, was im Prinzip sinnvoll wäre. Doch in der Edda konnten wir dazu nichts finden. Dort werden sie als „Odins Mägde“ (Óðins meyjar) bezeichnet.
Zwei weitere Ehefrauen wurden bereits oben im Text genannt: Zum einen Jörd als „Erde“, die zur Mutter von Thor wurde, der gegen die übermächtigen Riesen kämpft und damit auch gegen die Berg- und Frostriesen, damit Mutter Erde nicht erstarrt, sondern lebendig und fruchtbar bleibt. Zum anderen wurde Rinda genannt, die Mutter von Wali, der gegen die Verdunklung kämpft und den Tod Balders rächt, auf den wir später noch eingehen. So werden Jörd und Rinda auch als „fruchtbar-sommerliche Erde“ und „frostig-winterliche Erde“ gedeutet, was vor allem in den nordischen Ländern eine wichtige Rolle im Leben spielt.
Als weitere Ehefrau wird die Riesin Grid genannt, die freundlicherweise Thor in seinem Kampf half, als ihn der Frostriese Geirröd erschlagen wollte. Mit ihr zeugte Odin den Sohn Widar, der „schweigsame Ase“ oder „Gott des Schweigens“, dessen Name man auch als „Kämpfer des Waldes“ deuten kann. Er gehört neben Hödur und Wali zu den drei Söhnen Odins, die den Weltuntergang Ragnarök überleben, weil er den allesverschlingenden Fenriswolf besiegt:
Der Wolf verschlingt Odin, was dessen Tod ist. Aber gleich darauf stürmt Widar gegen den Wolf und setzt ihm den Fuß in den Unterkiefer. An diesem Fuß trägt er den Schuh, zu dem man alle Zeiten hindurch sammelt, die Lederstreifen nämlich, welche die Menschen von ihren Schuhen schneiden, wo die Zehen und Fersen sitzen. Darum soll jeder diese Streifen wegwerfen, der darauf bedacht ist, den Asen zu Hilfe zu kommen. Mit der Hand packt Widar dann den Oberkiefer des Wolfes und reißt ihm den Rachen entzwei. Das bringt dem Wolf den Tod. (Gylfaginnîng §51 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Weitere Frauen werden nur angedeutet, wie die neun Schwestern als Mütter von Heimdall oder Gunnlöd in der Geschichte von Suttung und dem Dichter-Met, als sich Odin als Bölverkr verkleidete. Man könnte vermuten, dass aus dieser Ehe Bragi als Gott der Dichtkunst und intuitiven Weisheit geboren wurde, was wir auch in unserem Stammbaum angenommen haben. Doch dazu schweigt die Edda. Unklar ist auch die Abstammung von Tyr, dem Gott des gerechten Sieges. Einerseits wird er als Sohn von Odin bezeichnet, und andererseits als Sohn des Riesen Hymir. Für die gemeinsame Mutter gibt es nur Vermutungen. Sie wird als „Frille“ bezeichnet, also als Kebsweib oder Nebenfrau. Später wurde sie auch „Hrod“ oder „Hrodr“ für „Ruhm“ genannt. Moralisch kann man hier an „Ehebruch“ denken, weshalb wohl dieses Thema in der Edda nur vorsichtig angedeutet wird. Doch aus geistiger Sicht ist Odin die „Ehe“ selbst. Denn als göttlicher Geist ist er überall ganzheitlich anwesend. So verlobt und verheiratet, verbindet und vereint alle Teile, vor allem die Trennung von Geist und Natur, so dass auch Tyr ein „gerechter Sieg“ ist.

siehe auch Stammbaum-Edda PDF
Zu Odin und Frigg, sozusagen als Allvater und Allmutter, gibt es eine tiefsinnige Geschichte, die wir uns im Weiteren anschauen wollen. Mit etwas Phantasie können wir darin Högni und Hedin aus der obigen Geschichte als Geirröd und Agnar wiederfinden und sogar das Schwert, das seinem Herrn nicht treu ist. Denn König Geirröd stürzt am Ende der Geschichte in sein eigenes Schwert und stirbt.
König Hraudung („Vergänglichkeit“) hatte zwei Söhne: Der eine hieß Agnar, der andere Geirröd. Agnar war zehn Jahre, Geirröd acht Jahre alt. Sie ruderten beide in einem Boot mit ihren Angelschnüren zum Fang kleiner Fische. Der Wind trieb sie auf das Meer hinaus. Im Nachtdunkel strandeten sie an einem Land, gingen hinauf und trafen einen Hüttenbauern (ein armer Bauer ohne großen Besitz), bei dem sie überwinterten. Die Alte zog Agnar auf, der Greis aber Geirröd. Im Frühjahr gab ihnen der Alte ein Schiff. Als er und die Frau sie an den Strand begleiteten, da sprach der Alte mit Geirröd allein. Sie hatten Fahrtwind und kamen zum Schiffsplatz ihres Vaters. Geirröd war vorn im Schiff. Er sprang an Land, stieß das Schiff hinaus und sprach: „Fahr dahin, wo dich die Unholde haben!“ Das Schiff trieb hinaus. Geirröd aber ging hinauf zum Hof. Mit Freude begrüßte man ihn. Sein Vater war schon gestorben. Da wurde Geirröd zum König eingesetzt, und er wurde ein berühmter Mann.
Odin und Frigg saßen in Hlidskjalf („Hochsitz des Weitblicks“) und sahen über die ganze Welt. Odin sprach: „Siehst du Agnar, deinen Ziehsohn, wie er in der Höhle mit einer Riesin Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Ziehsohn, ist König und herrscht jetzt im Land.“ Frigg erwiderte: „Er geizt so mit dem Mahl, dass er seine Gäste quält, wenn ihm dünkt, es kämen zu viele.“ Odin sagte, dass dies die größte Lüge sei. Darum wetteten sie.
Frigg schickte ihre Dienerin Fulla („Fülle“) zu Geirröd. Sie bat den König, vorsichtig zu sein, dass ein zauberkundiger Mann, der ins Land gekommen sei, ihn nicht behexe. Sie nannte als Kennzeichen, dass kein Hund so bissig sei, ihn anzuspringen. Es war aber eine sehr große Lüge, dass Geirröd derart mit dem Mahl geize. Dennoch ließ er den Mann ergreifen, den die Hunde nicht angreifen wollten. Er trug einen blauen Umhang und nannte sich Grimnir („Maskierter“). Mehr sagte er nicht von sich, obwohl er gefragt wurde. Da ließ ihn der König martern, damit er rede, und setzte ihn zwischen zwei Feuer. Dort saß er acht Nächte.

König Geirröd hatte einen Sohn, zehn Jahre alt, und der hieß nach seinem Bruder Agnar. Agnar ging zu Grimnir und gab ihm ein volles Horn zu trinken. Er sagte, dass der König schlecht handle, indem er ihn unschuldig martern lasse. Grimnir trank daraus.
Das ist nun eine typische „Göttergeschichte“, in der unsere gewöhnlichen Begriffe von Raum und Zeit dahinschwinden. Lebensjahre, Tag und Nacht, Sommer und Winter haben fast nur noch symbolische Bedeutung. Selbst die Unterschiede zwischen den Personen verschwimmen und man spürt schließlich, dass es eigentlich nur ein Wesen gibt, das wie Grimnir verschiedene Masken trägt, und auch nur eine Zeit als die ewige Gegenwart. So trägt auch Geirröd sicherlich nicht zufällig den Namen jenes Frostriesen, der Thor töten wollte. Die Etymologie seines Namens ist unklar, und man könnte an einen „blutgeröteten Speer“ denken. Symbolisch können wir darin Högni alias Hagen als eigenwilligen Einzelkämpfer bzw. Ego wiederfinden, der als abgetrenntes Wesen schließlich sterben muss. Ähnlich trägt auch Agnar den gleichen Namen wie jener Agnar, den Sigrdrifa zum Einherier gewählt hatte. Er wäre dann auch hier der Einherier im Dienst der Ganzheit, der immer wiedergeboren wird. Beide sind Brüder als Geschöpfe und Söhne der „Vergänglichkeit“, des Königs, der über alle Geschöpfe herrscht. Zuerst versuchen sie im Meer der Ursachen „kleine Fische zu angeln“, um sich davon zu ernähren. Dabei fallen sie in die Nacht und Winterzeit der Verkörperung. Die uralten Zieheltern in diesem „Land“ der Körperlichkeit kann man als Geist und Natur erkennen, und damit auch als Odin und Frigg. So ist die Bezeichnung „Hütten-Bauer“ auch für Odin sehr treffend, denn als Schöpfergott baut und bewohnt er natürlich alle Hütten bzw. Körper der Geschöpfe, ohne sie jedoch als sein Eigentum zu betrachten, weil er sich stets seiner beiden Augen bewusst ist, zwischen denen die Schöpfung entsteht, was man dann auch „Gottesbewusstsein“ nennt.
Warum sich Odin Geirröd und Frigg Agnar zum Ziehsohn wählt, darüber kann man viel nachdenken. Ein Ansatz wäre, dass sich der Einzelkämpfer zunächst im Geist der Einheit üben muss, damit er ein Einherier werden kann. Dagegen üben sich die Einherier in der Natur der Vielfalt, um den Geist der Einheit darin zu verwirklichen, damit Geist und Natur wieder eins werden. So könnten wir uns auch vorstellen, dass der Alte, als er mit Geirröd allein sprach, ihn dazu anspornte, im Menschenreich König zu werden. Damit meinte er natürlich die ganzheitliche Vernunft, die dort als König herrschen sollte. Doch das verstand das Ego nicht und glaubte, wenn er König sein soll, dann darf es keinen anderen König geben. So versuchte er, seinen älteren Bruder zu töten. Das ist der typische Kampf in der Ego-Welt der Trennung und Gegensätze. Und so wurde er zum König im „Land der Vergänglichkeit“. Doch tief im Inneren bereute er wohl seine Tat und nannte seinen Sohn „Agnar“, in Erinnerung an seinen Bruder.
So schaut nun Odin als Geist der Einheit über die Welt und sieht, wie Geirröd im „Land der Vergänglichkeit“ die Herrschaft übernommen hat und wie Agnar in der Riesenhöhle mit einer Riesin Kinder zeugte. Auch Odin zeugte mit den Riesinnen seine Kinder und überlebt in ihnen sogar Ragnarök. So könnte man auch hier Agnar sehen, wie er im ewigen Zyklus der Erneuerung sich selbst als Einherier in der Riesenhöhle des Makrokosmos zeugt und gebiert, und damit auch als Sohn von Geirröd.
Als nun Geist und Natur auf die beiden blickten, wurde Geirröd von Frigg als Egoist getadelt. Doch Odin sagte, dass „dies die größte Lüge sei“. Was bedeutet das? Aus Sicht der natürlichen Vielfalt hat die Natur sicherlich recht, wenn sie Geirröd den eigenwilligen Ego-Weg gehen sieht. Aber aus geistiger Sicht der Einheit ist es die größte Lüge, wenn man nicht überall das reine Bewusstsein sehen kann, jenseits jeglicher Trennung durch unterschiedliche Formen. Denn alles ist Bewusstsein, auch das größte Ego. Wer hat nun recht? Das ist ein typisches Problem, mit dem wohl jedes Ego kämpfen muss. So kommen sie beide zu ihm: Die Natur als Fülle der Formen, und der Geist als Zauberer, der alles wieder im Nichts verschwinden lassen kann. Diesen Zauberer bellen die Hunde natürlich nicht an, die den Besitz an Fülle bewachen sollen. Denn die Hunde sind die gezähmten Wölfe der Vergänglichkeit, die Odin selbst gezähmt hat, weshalb sie ihn auch als Herrn anerkennen. Dazu wird auch der blaue bzw. dunkle Umhang des Zauberers gern als Zeichen des Todes bezüglich der Vergänglichkeit gedeutet.
Dann fragt ihn der König, wer sich hinter dem Namen „Grimnir“ als „Maskierter“ verbirg? Ähnlich würden wir heute fragen, wer sich hinter jemandem verbirgt, der sich „Person“ nennt. Denn Person kommt von lateinisch „persona“ und bedeutet auch nur „die Maske eines Schauspielers“. Doch er bekommt keine Antwort auf seine Frage. Warum nicht? Odin hätte ihm sicherlich gern geantwortet. Aber wie könnte ein Ego als Bewusstsein der Trennung den göttlichen Geist der Einheit verstehen? Daraufhin versucht das Ego, diesen Geist in seine Welt der Trennung und Gegensätze zu zwingen und setzt ihn zwischen zwei Feuer. Darin könnte man die leidenschaftlichen Feuer von Begierde und Hass erkennen, wie auch alle anderen Gegensätze von Geburt und Tod, Gewinnen und Verlieren oder Mein und Dein, die in einem Ego-Bewusstsein bedrohlich und marternd brennen.
Dort sitzt nun dieser göttliche Geist, wie er in allen Geschöpfen sitzt, und zwar „acht Nächte“, die uns symbolisch an das umnachtete Bewusstsein und an die begrenzte Länge des körperlichen Lebens erinnern. Danach kommt die neunte Nacht als Zahl der Erneuerung. So wurde auch zu Beginn der Geschichte Geirröd die Zahl Acht und Agnar die Zahl Zehn zugeordnet, sozusagen unter und über dem Geist der zyklischen Erneuerung. Entsprechend ist nun auch Agnar als Sohn von Geirröd zehn Jahre alt. Eine Zahl, in der sich symbolisch Alles und Nichts als Eins und Null zur Ganzheit vereinen. Daher kann Agnar auch zwischen die beiden Feuer gehen, Begierde und Hass wieder zur ganzheitlichen Liebe vereinen und dem eingeschlossenen Geist das „volle Horn“ mit dem Wasser des Lebens reichen, das berühmte „Füllhorn“, das auch ein Symbol der ewigen Erneuerung ist. Da begann, der Umhang von Grimnir als die Verhüllung des göttlichen Geistes zu verbrennen, und die äußerliche Maske fiel. Für Geirröd war dies der körperliche Tod, und für Agnar die geistige Wiedergeburt, so dass er nun das göttliche Wesen in der ganzen Schöpfung erkennen konnte. Und das wird nun im Folgenden auf wunderbare Weise beschrieben:
Da war das Feuer so weit gekommen, dass der Umhang von Grimnir brannte. Und er sagte:
1. Heiß bist du, eilige Flamme, und viel zu groß, geh fort von mir, Feuer! Der Pelz brennt, auch wenn ich ihn hochhebe, der Umhang verbrennt mir.
2. Acht Nächte saß ich hier zwischen den Feuern, sodass mir niemand Speise anbot, außer allein Agnar, Geirröds Sohn, der allein das Land der Goten beherrschen soll.
3. Heil sei dir, Agnar, weil dir der Gott der Menschen Heil gebietet: Für einen Trank wirst du niemals einen besseren Lohn bekommen.
4. Das Land ist heilig, das ich liegen sehe, nahe den Asen und Alben: In Thrudheim (Kraftheim) soll Thor sein, bis die Ratenden (Götter) untergehen.
So wird Agnar das Land der gotischen bzw. heldenhaften Menschen verheißen, das heilsame Land nahe den Göttern und Alben bzw. Elfen als Zwerge oder Naturgeister, die den Göttern im Mikrokosmos helfen. Dort soll Thor während der ganzen Schöpfung sein, der die Berg- und Frostriesen zurückdrängt und damit die lebendige Schöpfung bewahrt. Damit schließt sich auch der Kreis zur Geschichte vom Frostriesen Geirröd, der von Thor besiegt wurde, wie auch das Geirröd-Ego in dieser Welt nicht herrschen soll, sondern die Agnar-Vernunft.
Im Folgenden werden die Höfe und Hallen von Asgard beschrieben, dem „Göttergarten“ oder geistigen Reich der Götter, wie man sie sich damals vorstellte und wie sie nun Agnar im Großen und Ganzen von Midgard aus erkennen kann. Wir haben sie bereits als Bewusstseinsräume kennengelernt, die ineinanderfließen und eigentlich nur ein Raum zwischen den Augen Odins sind.
5. Ydalir (Tal der Eiben) heißt es, wo sich Ullr (Wintergott) eine Halle erbaut hat.
Albenheim (Reich der Naturgeister) gaben die Götter dem Freyr (Sommergott) in Urtagen als Zahngabe (Geschenk für ein Kind anlässlich seines ersten Zahns).
6. Der Hof ist der dritte, wo die freundlich Ratenden (Götter) die Hallen mit Silber deckten; Walaskjalf (Sitz bzw. Reich der Gefallenen) heißt er, den sich der Ase (Odin) in Urtagen erbaute.
7. Sökkwabekk (Bank der Gesunkenen) heißt der vierte, wo kühlende Wellen darüber rauschen. Dort trinken Odin und Saga (Frigg? bzw. Göttersagen) alle Tage heiter aus goldenen Bechern.
8. Gladsheim (Glanzheim) heißt der fünfte, wo sich Walhall (Halle der Gefallenen) goldglänzend weit erstreckt. Dort wählt sich Hropt (Odin) jeden Tag waffengetötete Männer.
Auch hier kann man sich die Hallen ineinander fließend vorstellen, vom geistigen Makrokosmos bis zum Mikrokosmos, von Walhall bis hinab ins Tal der Eiben des Wintergottes Ullr, der auch als Gott der Jagd gilt. Man sagt, Pfeil und Bogen wurden als tödliche Waffen aus dem Holz der Eibe gemacht, die ein sehr giftiger Baum ist und oft sogar als „Baum des Todes“ bezeichnet wird. Er ist aber auch immergrün, sehr langlebig und kann immer wieder neu austreiben, so dass er auch als heiliger Baum der Ewigkeit und Wiedergeburt verehrt wurde. Manche sehen sogar im Weltenbaum Yggdrasil eine Eibe.
Die Gefallenen und Gesunkenen erinnern wieder an die Geschöpfe, die aus dem reinen Licht des Bewusstseins als „gefrorenes Licht“ unter dem Einfluss der Frostriesen in die Schöpfung gefallen und gesunken sind, bis hinab ins Reich des Todes. Doch durch göttliche bzw. ganzheitliche Weisheit und Bewusstheit können sie sich wieder zum ewigen Leben erheben. So wird nun im folgenden auch Walhall ausführlicher beschrieben, wie wir diese Halle bereits weiter oben im Text kennengelernt haben und wie sie von Einheriern leicht zu erkennen ist:
9. Sehr leicht zu erkennen ist dem, der zu Odin kommt, das Anwesen, sobald er es sieht: Das Dach ist mit Speeren gefügt, die Halle ist mit Schilden gedeckt, und die Bänke sind mit Brünnen bestreut (bzw. mit gerüsteten Kämpfern belebt).
10. Sehr leicht zu erkennen ist dem, der zu Odin kommt, das Anwesen, sobald er es sieht: Ein Wolf hängt vor dem westlichen Tor, und über ihm schwebt ein Adler.
Die Speere, die das Dach zusammenfügen, erinnern uns an den Speer Odins, den wir als Symbol der wirkenden Wellen auf dem Meer der Ursachen kennengelernt haben und damit auch an die herrschenden Naturgesetze von Ursache und Wirkung, die im Bewusstseinsraum der Schöpfung alles gestalten und formen. Die Schilde bilden das Dach und die Grenzen dieser Halle als Bewusstseinsraum und erinnern damit an ein Symbol der Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit des Kämpfers in der Schöpfung.
Vor dem westlichen Tor, wo die Sonne untergeht, wartet der hungrige Wolf der Vergänglichkeit. Und zwar in der irdischen Welt, wo die Vergänglichkeit gezügelt ist, damit in Raum und Zeit überhaupt etwas entstehen kann. Der Adler, der über dem Wolf schwebt, erinnert uns an den Adler Odins, den wir oben in der Geschichte von Kvasir und Suttung als Symbol kennengelernt haben. Dort versinnbildlicht er, dass sich das Ego aus der körperlichen Vergänglichkeit erheben und vielleicht sogar die geistige Unvergänglichkeit in der Gottheit erreichen kann, wie wir es auch von Geirröd hoffen.
In dieser Beschreibung von Walhall werden nun weitere Höfe und Hallen genannt, vermutlich vor dem westlichen Tor im Naturreich der Riesen und Wanen:
11. Thrymheim (Heim des Kampflärms) heißt der sechste, wo der übermächtige Riese Thjasi (Eisiger) wohnte. Aber nun bewohnt Skadi (Dunkle, Wintergöttin) als strahlende Götterbraut (von Njörd) den alten Hof des Vaters.
Dieser Mythos wird ausführlich im Skalden-Buch der Edda §1 erzählt. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung zwischen dem Frostriesen Thjasi und den Göttern. Nachdem Thjasi die Göttin Idun (die „Erneuernde und Verjüngende“) entführt hatte, wurde er schließlich von den Asen erschlagen, nachdem er sich in Adlergestalt zu ihnen erhoben hatte (ähnlich wie Suttung). Skadi, Thjasis Tochter, durfte sich als Buße für die Tötung ihres Vaters unter den Göttern einen Ehemann aussuchen, doch sie konnte nur die Füße der Götter sehen. Sie entschied sich für die schönsten und hoffte auf Balder, den Lichtgott, doch sie wählte den Wanen Njörd. - In Gylfis Illusion §23 wird dann weiter berichtet: Sie konnten beide gemeinsam nicht lange an einem Ort (in der Natur) wohnen, denn Skadi liebte die Berge, und Njörd das Meer. So vereinbarten sie, jeweils neun Nächte an einem Ort zu verbringen, doch auch diese Lösung war nicht erfolgreich. Skadi störte sich am Geschrei der Meeresvögel, und Njörd am Wolfsgeheul. So ging Skadi zurück nach Thrymheim. - Diese Geschichte werden wir später im Kapitel zu Loki noch ausführlicher behandeln, denn sie beschreibt trefflich, wie in der Natur im Kampf der Gegensätze das Spiel der Trennung durch das Festhaltenwollen von Vergänglichem entsteht.
12. Breidablik (Weit- und Breitglanz) ist der siebte. Dort hat sich Balder (Lichtgott) eine Halle errichtet, auf dem Land, wo ich die wenigsten Fluchrunen liegen weiß.
13. Himinbjörg (Himmelsburg) ist der achte. Dort beherrscht Heimdall (Heimleuchtender), so sagt man, die heiligen Höfe. Dort trinkt dieser Wächter der Götter im friedlichen Haus fröhlich den guten Met.
14. Folkwang (Volks-Feld) ist der neunte, und dort entscheidet Freya (Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin) über die Sitze im Saal. Die Hälfte der Gefallenen wählt sie jeden Tag, die andere Hälfte gehört Odin.
Auch der Übersetzer Wilhelm Jordan weist an dieser Stelle darauf hin, dass es hier nicht um die halbe Anzahl der Gefallenen geht, sondern um die Hälfte von jedem. So könnte man sich vorstellen: Das geistige Wesen gehört Odin in Walhall, und den körperlichen Anteil wählt sich Freya im Reich der Natur.
15. Glitnir (Glänzender) ist der zehnte. Er wird von Gold gestützt und ist ebenso mit Silber gedeckt. Forseti (Vorsitzender) wohnt dort die meiste Zeit und schlichtet allen Streit.
Das Gold erinnert uns an die Wahrheit, und das Silber an den Verstand. Dazu steht in Gylfis Illusion §32:
Forseti heißt der Sohn Balders und Nanna, der Tochter Neps. Er wohnt im Himmel im Saal Glitnir. Alle, die sich in Rechtsstreitigkeiten an ihn wenden, gehen versöhnt nach Hause. Das ist die beste Gerichtsstätte unter Göttern und Menschen.
16. Noatun (Schiffsplatz, Meer) ist der elfte, und dort hat sich Njörd (Gott des Meeres, Windes und Feuers) eine Halle erbaut. Der Männer Fürst, der makellose, beherrscht einen hoch errichteten Tempel.
17. Busch wächst, hohes Gras und auch Wald in Widars Land (dem Gott des Schweigens und Kämpfer des Waldes). Dort spricht der Junge vom Rücken des Pferds, kühn, den Vater zu rächen.
Das Wesen von Widar als Sohn von Odin und Grid ist schwer zu verstehen. Er gehört neben Hödur und Wali zu den drei Söhnen Odins, die den Weltuntergang Ragnarök überleben, weil er den allesverschlingenden Fenriswolf besiegt. So könnten wir in ihm das wahre Lebensprinzip sehen, das friedliche Leben als Sieg-Frieden über alle feindlichen Gegensätze, was auch die asketischen Einsiedler im stillen Wald suchen, um den „Kampflärm in Thrymheim“ zu beruhigen. Diese friedliche Versöhnung der Gegensätze ist wohl auch das große Ziel der geistigen Wiedergeburt von Agnar und die göttliche Erkenntnis der Bewusstseinsräume.
Vergleicht man die beiden Listen symbolisch miteinander, kann man erkennen, dass die Beschreibungen von Breidablik und Himinbjörg irgendwie nicht in den Fluss passen. Wenn man sie jedoch ans Ende der Liste verschiebt und eine Tabelle von unten nach oben aufbaut, erscheint folgende Struktur:
👁️ Gottheit - Einheit 👁️ | |||
12 | Himinbjörg (Himmelsburg) / Heimdall (Heimleuchtender) Wächter der Götter | Breidablik (Weit- und Breitglanz) reines und heiliges Land / Balder (Lichtgott) | 11 |
5 | Gladsheim (Glanzheim) / Walhall (Halle der Gefallenen) / Odin als Walvater | Widars Land (Gott des Schweigens und Kämpfer des Waldes) | 10 |
4 | Sökkwabekk (Bank der Gesunkenen), wo kühlende Wellen rauschen / Odin und Saga (Frigg? bzw. Göttersagen) | Noatun (Schiffsplatz, Meer) / Njörd (Gott des Meeres, Windes und Feuers) und Skadi (Naturgeschichten der Vielfalt) | 9 |
3 | Walaskjalf (Sitz/Reich der Gefallenen) mit Silber gedeckt / freundlich ratende Götter / Ase (Odin) | Glitnir (Glänzender) mit Silber gedeckt / beste Gerichtsstätte unter Göttern und Menschen / Forseti (Vorsitzender) | 8 |
2 | Albenheim (Heim der Naturgeister) / Freyr (Sommergott) | Folkwang (Volks-Feld) / Freya (Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin) | 7 |
1 | Ydalir (Tal der Eiben) / Ullr (Wintergott) | Thrymheim (Heim des Kampflärms) / Skadi (Dunkle, Wintergöttin) | 6 |
Asen 👁️ Geist | Wanen 👁️ Natur | ||
Dann ergeben die beiden Listen sowohl in sich selbst als auch gegeneinander wesentlich mehr Sinn. Man kann darin deutlich den Entwicklungsprozess der Erkenntnis vom Niederen zum Höheren sehen, wie sich das Bewusstsein eines Einheriers aus dem Reich der Trennung zur Ganzheit erweitert, aus der winterlich-frostigen Dunkelheit zur lebendigen Lichtheit, aus der Trennung von Geist und Natur als Männlich und Weiblich zur geistigen Einheit und Gottheit in der natürlichen Vielfalt. Dann kann man auch die symbolische Acht von Geirröd als Gerichtsstätte wiederfinden, wo er dann von seinem eigenen Schwert gerichtet wird. Und die symbolische Zehn von Agnar verweist auf das Land von Widar als friedliebender Herrscher, sodass er auch das leidenschaftliche Feuer der Gegensätze beruhigen konnte, zwischen denen der ganzheitliche bzw. göttliche Geist eingeschlossen war. Darüber schließen dann Balder und Heimdall als Elf und Zwölf den großen Kreis zwischen Natur und Geist, körperlicher und geistiger Welt, Vielfalt und Einheit, Vergänglichkeit und Ewigkeit, zur höchsten Gottheit.
Und weiter geht es mit der Beschreibung von Walhall:
18. Andhrimnir (der Koch als „Gegen-Verhärtung bzw. Verkörperung“) lässt in Eldhrimnir (dem Kessel als „Feuer-Verkörperung“) Sährimnir (den Eber als „See- bzw. Wasser-Verkörperung“) kochen, das beste Fleisch, doch nur wenige wissen, was die Einherier essen (die im Heer der Einheit kämpfen).
In der Schöpfung ernährt sich das Bewusstsein von Verkörperung, doch dazu muss sich die Verkörperung wieder in Bewusstsein verwandeln. Dafür sorgt der Koch der Erkenntnis und im besten Fall sogar der Selbsterkenntnis in unserem Kessel bzw. Gefäß des lebendigen Körpers, den der Feuer-Geist lebendig macht, um den Kochprozess zu ermöglichen. Das ist sozusagen unsere Körperwärme für die „chemische Küche“ in allen Körperzellen. Wir wissen ja, wie wichtig das Wasser dafür ist, und wir wissen auch, dass der Wasserstoff ein Grundelement der gesamten Materie im Universum ist. Für diesen Kochprozess müssen natürlich die übermächtigen Frostriesen zurückgehalten werden, die aber auch ihre Aufgabe in der Schöpfung haben, im endlosen Werden und Vergehen, im ewigen Erneuern. Denn wie es in „Gylfis Illusion“ heißt, wird der Eber jeden Tag gekocht, ernährt alle Einherier in Walhall und ist am Abend wieder verkörpert und unversehrt. So wissen nur wenige, was jene essen, die sich nicht von „anderen“ ernähren.
19. Geri und Freki (Odins Wölfe „Begierde und Gefräßigkeit“) füttert der kampfgewohnte herrliche Heervater, aber der kampfberühmte Odin lebt immer nur von Wein.
Dieses Spiel der Verkörperung ist vor allem ein Kampf der Gewohnheit. Dessen ist sich Odin als Walvater aller Kämpfer bewusst und weiß, dass alle körperliche Nahrung eine vergängliche Nahrung der gewohnten „Begierde und Gefräßigkeit“ ist. Entsprechend haben wir die Wölfe als Symbol der unersättlichen Vergänglichkeit kennengelernt. Und als kampfberühmter Allvater der Götter und der ganzen Schöpfung ist er sich auch bewusst, dass er selbst nur vom „geistigen Wein“ lebt, den wir als Symbol für die Illusions- und Schöpferkraft gedeutet haben. Er lebt also vom Bewusstsein selbst, das durch seine beiden Augen symbolisiert wird, zwischen denen sich als Geist und Natur die gesamte Schöpfung entfaltet.
20. Hugin und Munin (Odins Raben „Gedanke und Gedächtnis“) überfliegen jeden Tag die gewaltige Erde. Ich sorge mich um Hugin (Gedanke), dass er nicht zurückkommt. Doch noch mehr fürchte ich um Munin (Gedächtnis).
So fliegen zwischen diesen beiden Augen die schwarzen Raben von Gedanken und Gedächtnis als verdunkeltes Bewusstsein des gewöhnlichen Verstandes „über die gewaltige Erde“ bzw. „Macht der Verkörperung“. Und daran versuchen wir festzuhalten, und sogar Odin selbst, um die Wölfe der Vergänglichkeit zu zügeln, damit sie nicht gleich alles auffressen, was entsteht. Das hat wohl auch seinen Sinn, denn sonst hätten wir keine Zeit und keinen Raum, um daraus irgendetwas zu lernen, das Unvergängliche im Vergänglichen wiederzufinden und uns schließlich vielleicht sogar selbst in allem wiederzuerkennen.
21. Der Thund braust („Donner“, auch ein Name Odins), der Fisch des Thjodvitnirs (Volkswolfs oder Volkswissender) erfreut sich in der Flut. Die Flussströmung scheint der Schar der Gefallenen (Einherier) zum Durchwaten zu stark.
Hier können wir an den Fluss der Schöpfung und des Lebens durch Raum und Zeit denken. Darin erfreut sich der Wolf der Vergänglichkeit oder auch das Wissen des Volkes, wie man „vitnir“ als „Wolf“ oder „Wissender“ übersetzen kann. Das bedeutet im Grunde das gleiche, denn unser Verstandeswissen, an dem wir uns so gern festhalten wollen, ist auch das Vergängliche, was im Fluss der Schöpfung entsteht und vergeht. Das Einzige, was unvergänglich ist, ist wohl die Quelle dieses Flusses. So können auch die Einherier als Geschöpfe nicht durch die Flussströmung waten, also den Fluss verlassen, sondern folgen dem Fluss, aber mit der ganzheitlichen Erkenntnis, dass er natürlich irgendwann wieder zur Quelle zurückkehren muss.
22. Walgrind (Tor der Gefallenen) heißt das Tor, das auf dem Feld steht, das heiligste der heiligen Tore. Uralt ist dieses Tor, aber nur wenige wissen, wie es verschlossen wird.
Jeder Fluss hat ein Gefälle und zwei Ufer, sonst könnte er nicht fließen. So fällt auch der Fluss des Lebens aus der Quelle, und wer darin mitfließt, wird zu einem fallenden Geschöpf im Strom der Gestaltung und Umgestaltung zwischen den Ufern von Geist und Natur. Das sieht man auch gut in der obigen Tabelle der Höfe und Hallen. Und man kann sich gut vorstellen, wie der Fluss immer breiter und seine Strömung immer stärker wird, je weiter er sich von seiner Quelle entfernt. Das Tor des Flusses wäre dann die Quelle, und die heiligste der heiligen Quellen ist die ganzheitliche Quelle der Schöpfung und des Lebens, die Gottheit selbst. Doch wie kann man verhindern, dass man aus dieser Quelle ausfließt, herausfällt und ein „Gefallener“ wird? Ja, dafür muss man ein Auge opfern, um die Schöpfung bewusst fließen zu lassen und selbst bewusst die Quelle zu bleiben, die ewige Quelle als reines Bewusstsein.
23. Fünfhundert und vierzig Tore sind - wie ich meine - in Walhall. Achthundert Einherier gehen zugleich durch jedes Tor, wenn sie ausziehen, um gegen den Wolf zu kämpfen.
In der Vielfalt der Natur werden dann aus dem einen Tor viele Tore und auch viele Flüsse, wie wir noch lesen werden. Oben, in der ausführlichen Beschreibung von Walhall, haben wir darin die weltlichen Tage gedeutet, in denen die weltliche bzw. natürliche Sonne aufgeht, um in der körperlichen Welt im Fluss der Schöpfung für das Leben gegen den Wolf der Vergänglichkeit zu kämpfen. Für die Zahl 540 konnten wir keine schlüssige Deutung finden. Sinnvoll wäre die Zahl 360 als 12x30 Tage im Jahreskreis, aber die 540 ist 18x30, also noch ein halbes Jahr mehr. Die 8x10x10 Einherier erinnern uns hier an Geirröd und die beiden Agnars, denen die 8 und 10 zugeordnet wurden.
24. Fünfhundert und vierzig Räume, so denk ich mir Bilskirnir („Blitzglanz“, der Hof von Thor) im Ganzen. Von den Häusern, die ich überdacht weiß, kenn ich das meines Sohnes als das größte.
So führen diese 540 Tore aus Walhall in 540 Räume der Welt von Thor als Sohn des Allvaters Odin und der Erde Jörd. Es ist also eine körperliche Welt des vergänglichen Glanzes bzw. Lichtes. Denn jedes körperliche Lebenslicht ist aus göttlicher Sicht nur ein kurzer Blitz zwischen Geburt und Tod. Thor kämpft in dieser Welt vor allem gegen die übermächtigen Berg- und Frostriesen, um die Lebendigkeit der Schöpfung zu bewahren. Und die Einherier kämpfen vereint im Heer der geistigen Einheit gegen den Wolf der Vergänglichkeit, um die beständige Erneuerung in der Schöpfung zu bewahren.
25. Heidrun heißt die Ziege, die auf der Halle Heervaters steht und von Lärads Zweigen frisst. Die Gefäße soll sie mit reinem Met füllen, und dieser Trank kann nicht versiegen.
Die „Rune der Heide“ oder das „Geheimnis des Weidelandes“ aller Geschöpfe steht als „Licht-Rune“ auf dem Dach von Walhall und erinnert an das Bewusstseinsfeld, von dem sich alle Geschöpfe ernähren. Aus geistig-symbolischer Sicht müsste man sich diese Ziege nach innen gerichtet vorstellen. Denn dort ernährt sie sich von den Zweigen vom Baum des Lebens, der als „Lärad“ auch ein Baum des Lernens ist, wenn man an das altnordische „læra“ denkt, das sich mit „lernen und lehren“ übersetzen lässt. Entsprechend versorgt sie auch die Einherier in Walhall mit dem reinen Met als unversiegbarem Göttertrank der Ganzheit. Damit könnte man diesen Vers so deuten: Auf Walhall, der Halle des Allvaters, gründet sich das geheime bzw. unsichtbare Bewusstseinsfeld, von dem sich die Einherier als Ganzheit ernähren.
26. Eikthyrnir („Eichen-Dorniger“) heißt der Hirsch, der auf der Halle Heervaters steht und von Lärads Zweigen frisst. Von seinem Horngeweih tropft es nach Hwergelmir („sprudelnde, siedende Quelle“), und von dort nehmen alle Flüsse ihren Weg.
Das Horn-Geweih erinnert uns mit seinen dornigen Verzweigungen an ein Symbol des weltlichen Kampfes der Gegensätze, und die Eiche an die Standfestigkeit und Ausdauer in diesem Kampf. Auch der Kampf ernährt sich natürlich vom Baum des Lebens und Lernens, und von seinen dornigen Verzweigungen tropft sozusagen der „männliche Kampfgeist“ in das Wasser des Lebens zum Urbrunnen hinab, der dann zur Quelle der Schöpfung wird. Daraus entspringen die Flüsse der Welt und des Lebens, also alles, was fließt, sich verändert, bewegt und verwandelt. So werden im Folgenden viele Flussnamen aufgezählt, die schwer zu deuten sind. Im Prinzip erinnern sie an die Vielfalt natürlicher Eigenschaften im Kampfspiel der Gegensätze, wie Langsam, Breit, Wild, Eilig, Wütend, Kalt, Kämpferisch, Brausend, Alternd, Anschwellend, Versiegend, Wellenreich, Reißend und so weiter. Eine ausführliche Liste mit Deutungsversuchen findet man in Wikipedia unter „Liste der Flüsse im Lied Grímnismál“.
27. Sid und Wid, Sökin und Eikin, Swöl und Gunnthro, Fjörm und Fimbulthul, Rin und Rennandi, Gipul und Göpul, Gömul und Geirwimul, diese fließen um den Sitz der Götter, wie auch Thyn und Win, Thöll und Höll, Grad und Gunnthorin.
28. Wina heißt einer, der zweite Wegswinn, der dritte Thjodnuma, Nyt und Nöt, Nönn und Hrönn, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Wid und Wan, Wönd und Strönd, Gjöll und Leipt, diese strömen nahe der Menschen, aber von dort stürzen sie zur Hel (Verborgenheit/Hölle).
Ähnlich wie die beiden Arten der Höfe und Hallen der Bewusstseinsräume, so erkennt Agnar auch hier Flüsse, die mehr im geistigen Reich der Götter fließen und einfach in ihre Quelle zurückkehren, sowie andere, die mehr in der natürlichen Welt der Menschen fließen und in die Unterwelt der Hölle bzw. der Hel fallen, die oft als „Totengöttin“ bezeichnet wird.
Doch wie kehrt ein Fluss zur Quelle zurück? Hier kann man über das Meer der Ursachen nachdenken, in dem alle Flüsse der Wirkungen enden und daraus auch wieder entstehen, wie die Wellen auf einem Meer. Manche Ursachen verweilen länger in diesem Meer und bleiben unsichtbar, weil man ihre Wirkungen nicht sieht. Hier kann man von Unterbewusstsein sprechen oder auch von der Unterwelt der Hölle oder dunklen Höhle des Bewusstseins. Man sollte sich allerdings bei solchen Beschreibungen immer bewusst sein, dass dies eine menschliche Sicht auf die Welt ist, die man zwar wie Agnar im Großen und Ganzen unvermittelt erkennen kann, aber sich schwer in Worte fassen lässt, weil sie über den gewöhnlich begrenzten Verstand hinausgeht, der nur in Gegensätzen denken kann. So weiß man auch von Nahtodererlebnissen, dass man solche intensiven Erfahrungen nur oberflächlich und unvollkommen auf symbolische Weise beschreiben kann.
29. Körmt und Örmt und die beiden Kerlauge muss Thor durchwaten, jeden Tag, wenn er zur Esche Yggdrasil richten geht, denn die Asenbrücke (Regenbogenbrücke zwischen Asgard und Midgard) steht ganz in Flammen und die heiligen Wasser kochen.
Wenn man die „beiden Kerlauge“ als einen Fluss betrachtet, dann wären es insgesamt zweimal zwanzig Flüsse: Zwanzig fließen mehr im geistigen Götterreich, und die anderen zwanzig mehr im körperlichen Naturreich, wo auch Thor seinen Hof hat. Dort hält er jeden Tag im Jahreskreis zusammen mit den anderen Göttern am Weltenbaum Gericht, um die Weltordnung zu bewahren. Dazu muss er die Flüsse Körmt, Örmt und Kerlauge durchwaten. Auch ihre etymologische Bedeutung ist unklar. Körmt könnte man von „karmr“ im Sinne von Eingrenzung oder Beschränkung ableiten, und damit erinnert er an den Fluss des begrenzten Bewusstseins. Örmt lässt sich von „ormr“ für „Schlange“ ableiten und erinnert an den Fluss des eigenwilligen Egos. Kerlauge bedeutet „Kesselbäder“, die an die angestauten Teiche im Fluss der lebendigen Verkörperungen erinnern, in denen das Bewusstsein als Brücke zwischen allen Welten wieder weichgekocht wird, ähnlich dem Eber Sährimnir. Alle drei Flüsse muss Thor natürlich durchwaten und verlassen, um seine Aufgabe als göttlicher Richter gemeinsam mit allen anderen Göttern zu erfüllen. Denn nur wer frei und unabhängig ist, kann auch gerecht richten.
Doch warum wird von zwei Kerlauge-Flüssen gesprochen? Hier könnte man daran denken, dass nicht alle Flüsse der Verkörperung nach Hel führen. Manche „fließen auch um den Sitz der Götter“, wie es oben heißt, denen die Einherier und natürlich die Götter selbst folgen, wenn sie in die körperliche Welt kommen. So könnte auch der Kerlauge praktisch nur ein Fluss sein, der wie zwei erscheint, je nachdem, in welche Richtung man in diesem Fluss der Verkörperung schaut, ob zur ewigen Quelle oder in die Richtung der Vergänglichkeit, die dann in die Dunkelheit führt. Entsprechend sind dann die Flammen der Regenbogenbrücke entweder ein Feuer der heilsamen Liebe oder ein Feuer der leidenschaftlichen Begierde. In dieser Hinsicht schließt sich auch der Kreis der Flüsse wieder zum Göttlichen, ähnlich wie der Kreis der Höfe und Hallen.
So ist auch das „Wasser heilig“, heilsam und ganzheitlich, aus dem alle Flüsse bestehen, denn es ist das Wasser des Lebens, das in der Schöpfung zwischen den Augen Odins fließt und in der Essenz formloses Bewusstsein ist, das jede Form annehmen kann. Und wer sich dessen bewusst wird, für den fließt kein Fluss mehr in die unbewusste Dunkelheit.
30. Glad und Gyllir, Glär und Skeidbrimir, Silfrintopp und Sinir, Gisl und Falhofnir, Gulltopp und Lettfeti, diese Pferde reiten die Asen jeden Tag, wenn sie zur Esche Yggdrasil richten gehen.
Während Thor zu Fuß geht, reiten die Asen auf Pferden zum Gerichtstag, den man im Nordischen auch „Thing“ nennt. Dieser Begriff wurde zu unserem deutschen „Ding“ als eine Sache, ein Gegenstand oder eine Angelegenheit, was bereits auf unsere körperliche Welt hinweist. So kann man auch in den Pferden Symbole der Körperlichkeit sehen, auf denen die Götter dann in der körperlichen Welt reiten. Ihre zehn Namen sind wieder schwer zu deuten und erinnern an Leuchtend, Strahlend, Glänzend, Blitzschnell, Silbermähne, Goldschopf oder Leichtfüßig. Zusammen mit Thor wären es dann elf Asen, deren Namen hier nicht weiter genannt werden. Doch eigentlich sollten es zwölf sein, um den Gerichtskreis vollständig zu machen, wie wir heute noch die „Zwölf Geschworenen“ im Rechtssystem kennen. Der Zwölfte müsste dann Odin sein, dessen Pferd Sleipnir in der Liste der Pferdenamen fehlt. Dafür taucht hier der Baum Yggdrasil auf, dessen Namen man auch als „Pferd des Yggr“ deuten kann. Und „Yggr“ ist ein Name für Odin, wie er selbst weiter unten im Text noch erklärt. So wäre also der Lebens- und Weltenbaum Yggdrasil symbolisch das Pferd Odins, so dass er hier auch anwesend ist. Das macht natürlich Sinn, wenn man Odin als Allvater und Schöpfergott von allem betrachtet, was zwischen seinen beiden Augen erscheint.
Nun ist die große Frage: Was richten die Götter jeden Tag am Lebens- und Weltenbaum? Am einfachsten könnte man sagen: Sie sorgen für die Ordnung der ganzen Welt, und das beständig jeden Tag, solange die Schöpfung wie ein kosmischer Organismus existiert. Dazu gehören wohl auch die herrschenden Naturgesetze, wie sich Ursachen und Wirkungen verbinden. Im Mikrokosmos sind es symbolisch die Zwerge der Naturgeister, die den Göttern dienen, um den Makrokosmos zu beleben. So sorgt der „Thing“ der Götter für alle Dinge und damit für die „Be-Dingungen“ in der Natur, die wir auch als Walküren kennengelernt haben. Auf diese Weise kann der Lebens- und Weltenbaum als kosmischer Organismus und „Pferd Odins“ zu einem Baum des Lernens werden. Das „jeden Tag“ erinnert vor allem an unser gewöhnliches Tagesbewusstsein in der äußeren Welt. Denn im nächtlichen Traumbewusstsein können wir erfahrungsgemäß auch für eigene Naturgesetze sorgen.
Warum geschieht das? Warum können wir nicht auch im Tagesbewusstsein unsere eigenen Naturgesetze leben? Darin liegt wohl gerade der Sinn der ganzen Schöpfung, den Eigenwillen zu überwinden und vom egoistischen Einzelkämpfer zum ganzheitlichen Einherier zu werden, aus der Trennung heraus wieder in die Ganzheit zu kommen, aus der Begierde in die Liebe, aus der Bindung in die Freiheit. Friedrich Schiller schrieb dazu treffend:
Des Gesetzes strenge Fessel bindet
Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,
Mit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät.
31. Drei Wurzeln ziehen sich nach drei Seiten hin unter der Esche Yggdrasil: Hel wohnt unter einer, unter der zweiten die Frostriesen, unter der dritten die Menschenwesen.
Nun wird der Welten- und Lebensbaum Yggdrasil näher beschrieben, von der dreifachen Wurzel beginnend. Die Drei ist eine typische Zahl der Wirkkräfte in der Natur, die ähnlich einem Fluss zwei Grenzen als Gegensätze haben und eine Wirkrichtung. Daraus entsteht das typische Dreieckssymbol. Wären es nur zwei Gegensätze, würde die Kraft endlos hin- und herschwingen, und nichts könnte entstehen. So finden wir auch an der Wurzel die Gegensätze zwischen Hel und den Frostriesen sowie als Wirkrichtung die Menschen und sonstige Lebewesen. So schwankt die Verkörperung zwischen der natürlichen Verhärtung als Materie und der geistigen Vernichtung als Unbewusstheit, zwischen dem Entstehen und Vergehen, während das Leben nach oben zum göttlichen Licht strebt.
Das sind die drei Hauptwurzeln des Welten- und Lebensbaums, aus denen er Kraft und Lebenssaft zieht. Im Buddhismus würde man hier von Begierde, Hass und Unwissenheit als Achse vom Lebensrad sprechen. Die Begierde des Festhaltenwollens der Frostriesen als körperliche Verhärtung, der Hass des Weghabenwollens als Verdrängung ins Unterbewusstsein, und die Unwissenheit als Trennung von der Gottheit. Doch woher kommt der Lebenssaft, den die drei Wurzeln aufsaugen? Hier können wir wieder an das Meer der Ursachen mit dem Wasser des Lebens denken, aus dem alles entsteht und wieder darin vergeht. Eine nähere Beschreibung der Quellen für diese prinzipiellen Wurzeln finden wir im Edda-Text von „Gylfis Illusion“ §15:
Die Esche ist der größte und beste aller Bäume. Ihre Äste breiten sich über die ganze Welt aus und erstrecken sich über den Himmel. Drei Wurzeln richten den Baum auf, die sich weit ausdehnen: Eine zu den Asen, die zweite zu den Frostriesen, dort wo einst Ginnungagap (der gähnende Abgrund) war. Die dritte steht über Niflheim (Nebel- und Dunkelwelt), und unter dieser Wurzel liegt Hwergelmir (siedende Quelle), und Nidhöggr (Hass-Schläger/Hass-Schlange) nagt an ihr von unten. Aber unter der Wurzel, die zu den Frostriesen hinzieht, ist die Quelle Mimirs, in der Klugheit und Verstand verborgen sind. Mimir heißt der, dem sie gehört. Er ist voller Weisheit, denn er trinkt mit dem Horn Gjallarhorn (das Horn Heimdalls) aus dieser Quelle. Dorthin kam Allvater und erbat sich einen Trunk aus ihr. Aber er bekam nichts, bevor er sein Auge als Pfand gab. - Die dritte (bzw. erstgenannte) Wurzel der Esche zieht zum Himmel, und unter ihr ist eine Quelle, die sehr heilig ist. Sie heißt Urdbrunnen (Schicksalsquelle). Dort haben die Götter ihre Gerichtsstätte. An jedem Tag reiten die Asen über Bifröst (Lichtbrücke) zu jenem Ort. Darum heißt sie auch Asenbrücke. Die Pferde der Asen haben diese Namen: Sleipnir ist das beste; es gehört Odin und hat acht Beine. Die anderen sind Glad, Gyllir, Gien, Skeidbrimir, Silfrintop, Sinir, Gisl, Falhofnir, Gulltop und Lettfeti. Balders Pferd war mit ihm verbrannt worden, und Thor geht zu Fuß zum Gerichtsplatz, wobei er (drei oder vier) Flüsse durchwatet.
Hier zeigt sich nun wieder der begriffliche Verstand der „Gylfi-Illusion“, der zu drei Wurzeln natürlich auch drei Quellen benötigt. Damit wird die relativ einfache Sicht von Agnar gleich wieder komplizierter, doch die Gedanken können arbeiten, und man könnte sich die drei Quellen so vorstellen:
Die Quelle Mimirs wäre die Quelle der körperlichen Schöpfung, die vor allem das Wesen der Frostriesen zur Verkörperung ernährt. Das ist im Prinzip unser „Verstand“, der alles festhalten und begreifen will. Also unsere „Standpunkte“, die sich mit der Kraft der Begierde gegen den Fluss der Veränderung stemmen.
Die siedende Quelle Hwergelmir des Kampfgeistes, der vom Horngeweih des Walhall-Hirsches tropft, wird hier mit Nifelheim und Hel verbunden. Damit wäre es die Quelle für die kämpfenden Lebewesen, die hier körperlich geboren werden und in Hel sterben. Zumindest heißt es oben ab Vers 26, dass die Hälfte der Flüsse aus dieser Quelle zur Hel fließen, und die andere Hälfte um den Sitz der Götter. Hier kann man an die prinzipielle Trennung zwischen Natur und Geist denken. Und je nachdem, welcher Richtung der Kampfgeist folgt, erscheinen die Wege der Einzelkämpfer oder der Einherier im Dienst der Götter. Der eine Weg führt in die dunkle Unbewusstheit des Todes, und der andere zur göttlichen bzw. ganzheitlichen Bewusstheit des ewigen Lebens.
Die dritte Quelle wäre dann der Urdbrunnen als „Schicksalsquelle“. Darin können wir den Brunnen der Ursachen sehen, die sich in uns Menschen und anderen Lebewesen verwirklichen wollen. Man könnte auch von der „Seele der Lebewesen“ sprechen. Hier halten dann auch die Götter ihr Gericht und verbinden die Ursachen mit den Wirkungen, was wir dann „Schicksal“ nennen, was uns geschickt wird oder wohin wir geschickt werden. Ähnlich dem lateinischen „Fatum“ als Götterspruch zur göttlichen Heilung, wie diese Quelle auch im Text als „sehr heilig“ bezeichnet wird. Damit sind vor allem die Bedingungen und Umstände gemeint, auf die wir im Fluss des Lebens treffen. Wie wir jedoch darauf reagieren und damit umgehen, dazu hat unser Geist immer eine gewisse Freiheit. Je mehr wir uns an eigenwillige Körperlichkeit binden, umso geringer ist diese Freiheit. Je geistiger und ganzheitlicher wir leben, umso größer ist die Freiheit. Und die größte Freiheit liegt darin, alles „Geschickte“ liebevoll annehmen zu können. Dann endet jeder Kampf im großen Sieg-Frieden. Doch ein eigenwilliges Ego kann das nicht verstehen, weil es Freiheit mit Zügellosigkeit, Liebe mit Begierde und Kampf mit Hass verwechselt. Entsprechend erklärt auch der christliche Mystiker Meister Eckhart zum göttlichen Willen:
„So steht es auch mit dem, dem Gottes Wille gefällt: Alles, was ihm Gott zuteilt, sei‘s Krankheit oder Armut oder was es auch sei, das hat er lieber als irgendetwas anderes, eben weil Gott es will. Darum schmeckt es ihm besser als irgendetwas anderes. Nun sagt ihr gern: Woher weiß ich denn, ob es Gottes Wille ist? Ich antworte: Wäre es nicht Gottes Wille, dann wäre es auch nicht einen Augenblick lang; Es muss (vielmehr) stets sein Wille sein… (Predigt 46)“
32. Ratatosk (Nagezahn) heißt das Eichhörnchen, das an der Esche Yggdrasil herumspringt (auf- und abrennt). Die Worte des Adlers trägt es von oben herab und sagt sie unten Nidhöggr (Hass-Schläger/Hass-Schlange).
Hier finden wir nun wieder drei lebendige Kräfte als Symbole: Den Adler könnte man als Wesen aus der Wurzel der Frostriesen betrachten, sozusagen die Begierde als Greifvogel oben in der Krone, die den Baum verkörpert und verfestigt. Die Schlange Nidhöggr wäre dann ein Wesen aus der Hel-Wurzel (der körperlichen Geburt) und steht für den Hass als „Totschläger“ und „Giftschlange“ der Gegensätze, die sich im Hass bekämpfen und töten wollen. So wird diese Schlange auch gern als Drache bezeichnet, der an den Ego-Drachen erinnert, der alles töten muss, was ihn bedroht. Und das Eichhörnchen wäre dann unser weltliches Wissen, das nur in Gegensätzen denken kann und damit auch zwischen Begierde und Hass hin- und herspringt.
Das ist eine wundervolle Symbolik, über die man viel nachdenken kann. Dazu hat sie auch große Ähnlichkeit mit der buddhistischen Symbolik für die Achse des Lebensrades. Dort wird die Begierde als ein Hahn, der Hass gleichfalls als eine Schlange und die Unwissenheit als ein Schwein symbolisiert. Um diese Achse dreht sich das große Rad des Lebens, und darin fließt die gesamte lebendige Schöpfung.
Panta rhei - Alles fließt
(Lehre von Heraklit)
Entsprechend wurden ab Vers 26 zuerst die zweimal zwanzig Flüsse aus Hwergelmir beschrieben. Dann haben wir die beiden Kerlauge als Fluss der Verkörperung gefunden, die Thor durchwaten muss. Und nun das Eichhörnchen, wie es als Fluss des weltlichen Wissens zwischen Begierde und Hass hin- und herspringt, oder auch als Fluss des Lebens und „Nagezahn“ der Zeit zwischen Entstehen und Vergehen hin- und herfließt, zwischen Geburt und Tod. Oder der Fluss findet das ewige Leben um die göttliche Quelle herum.
Den Adler als Greifvogel der Begierde, der aus Mimirs Quelle die Schöpfung zwischen Odins Augen hervorbringt, haben wir oben in der Geschichte von Suttung auch als eine Gestalt von Odin selbst kennengelernt. So kann uns die Begierde bis zu den Göttern erheben und sogar bis zur Quelle des ewigen Lebens, je mehr sie sich in Liebe verwandelt. So auch das weltliche Wissen, je mehr es vernünftige Weisheit wird, und auch der Kampf, umso weniger er mit Hass geführt wird. Damit kommt unser Bewusstsein immer mehr in die Mitte und Ausgeglichenheit, in den Sieg-Frieden der Ganzheit und Gottheit.
33. Vier Hirsche sind es auch, die mit gebogenen Hälsen an den Trieben (des Baumes) nagen: Dain und Dwalin, Duneyr und Durathror.
Damit wurden nun zusammen mit Eikthyrnir, dem „Eichen-Dornigen“, insgesamt fünf Hirsche als „Kampfgeister“ oder „verzehrende Lebenskräfte“ beschrieben, die uns zunächst an die fünf Sinne erinnern, die sich von den äußerlichen Trieben, Blättern, Knospen, Blüten und Früchten des Baumes ernähren und aus denen unsere körperlichen Erfahrungen fließen. Die Namen der vier weiteren Hirsche lassen sich wieder nur schwer deuten und erinnern symbolisch mehr an Bewusstseinszustände, wie der „Tötende“, „Betäubende“, „Lärmende“ und „Schlaf-Eber“, der aus dem Schlaf und Traum wachrüttelt. Darin kann man wieder zwei Richtungen finden, entweder in die Dunkelheit des Todes oder ins Licht des Lebens, in die Höhle der Hel als Totengöttin oder in die Ganzheit von Odin als Lebensgott, sozusagen in die Unterbewusstheit oder Überbewusstheit. Bezüglich der Natur könnte man auch an die vier Jahreszeiten mit dem Winter- und Sommerhalbjahr denken, oder an die vier Winde aus den vier Himmelsrichtungen.
So haben diese Hirsche eine wesentliche Funktion im Kreislauf der Natur. Sie verzehren das Gewachsene und sorgen durch ihre Verdauung für neues Wachstum. Was sie nehmen, geht nicht verloren, sondern kehrt verwandelt zurück.
34. Mehr Schlangen liegen unter der Esche Yggdrasil, als es jeder törichte Mensch glaubt: Goin und Moin (in der Erde und im Moor), sie sind Grafwitnirs (Grab-Wolfs) Söhne, Grabak und Grafwöllud (Graurücken bzw. alter Wolf und Feld-Gräber), Ofnir und Swafnir (Übertreiber und Schlafbringer bzw. Tötender). Ich meine, dass sie immer an den Trieben des Baumes nagen.
In der äußerlichen Natur könnte man hier zuerst an die vielen Würmer, Bakterien und Pilze denken, die überall in der Erde für die Zersetzung organischer Substanzen sorgen, wie die Blätter, die im Herbst vom Baum fallen, oder die Körper abgestorbener Pflanzen und Tiere. Doch diese Würmer sehen auch „törichte Menschen“, denn das ist der offensichtliche Kreislauf in der äußerlichen Natur. Was sie nicht sehen und damit eine Frage des Glaubens ist, sind die innerlichen und mehr geistigen Würmer und Schlangen, die in jedem Körper der Lebewesen für die Vergänglichkeit und den Tod sorgen. Damit sind es zunächst die Schlangen-Kräfte aus der Wurzel von Hel, der Totengöttin, welche an den Trieben des Lebensbaumes von innen her nagen. Sozusagen die Söhne vom Wolf der Vergänglichkeit, welche die Lebewesen altern lassen, benagen, töten und begraben, was den Göttern nicht geschieht.
Im Gegenteil, es sind die Götter, die diese Schlangen als Fluss, Schnur oder auch Band der Wirkungen aus dem Meer der Ursachen erzeugen, woraus dann die Umstände und Bedingungen der Lebewesen entstehen, von denen sie sich dann im Leben führen oder auch verführen lassen. Und darin besteht wieder die geistige Freiheit aller Lebewesen, wohin sie sich in diesem Fluss richten, zur ewigen Ganzheit der Gottheit als Einherier oder zur Vergänglichkeit in die Hölle der Hel als Einzelkämpfer. Im letzteren Fall wird aus der Schlange der berühmte Drache, Dämon oder auch Teufel, der das Bewusstsein in eine Welt der Trennung verführt, in Gut und Böse, Mein und Dein, Leben und Tod, Gewinn und Verlust.
Solche symbolischen Schlangen gibt es in vielen Kulturen, wie die biblische Schlange am Baum von Gut und Böse, der Lindwurm der germanischen Sagen oder die Nagas in der asiatischen Mythologie. Daraus wird dann auch der berühmte Ego-Drache, der in vielen alten Sagen von mutigen Rittern bekämpft wird, um die Jungfrau als reine Seele zu befreien. In unseren Interpretationen zur Sagenwelt der Nibelungen haben wir dafür viele Beispiele gefunden und bereits viel darüber nachgedacht.

Adam und Eva, 15. Jahrhundert, Paris, Louvre
So kann der Fluss unserer Lebenserfahrung zur Giftschlange bis zum feuerspeienden Drachen werden, oder auch zum nagenden Eichhörnchen und Helfer auf dem Weg zur ewigen Quelle, zur Ganzheit und Gottheit. Dazu gibt es auch in den indischen Mythen wunderbare Geschichten von Nagas, die den Menschen auf ihrem Weg helfen, wie zum Beispiel die Geschichte von Hritadhwaja im Markandeya-Purana ab Kapitel 20.
35. Die Esche Yggdrasil erduldet Mühsal, mehr als die Menschen wissen: Der Hirsch weidet oben, ringsherum verwest es, und unten nagt Nidhöggr.

Ja, die wenigstens Menschen sind sich all der Probleme im Baum des Lebens bewusst. Zumindest kennen wir die äußerliche und innerliche Vergänglichkeit, sozusagen in der Krone und an der Wurzel, sowie den allgemeinen Prozess der „Verwesung“ aller „Lebewesen“. Körperlich und stofflich können wir hier den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens in der Natur gut erkennen, doch geistig tun wir uns schwer damit und glauben gern an die Vernichtung des Lebens und den Sturz aus dem Licht des Lebens in die Dunkelheit des Todes. Um diesen Kreislauf der geistigen Erneuerung zu verdeutlichen, werden nun im folgenden Vers die Walküren genannt, welche die Gefallenen aus dem Tod wieder zum Leben erwählen, sozusagen die Sigrdrifas als „Sieg-Treiberinnen“:
36. Hrist und Mist sollen mir (Grimnir bzw. Odin) das Horn reichen; Skeggjöld und Skögul, Hild und Thrud, Hlökk und Herfjötur, Göll und Geirölul, Randgrid und Radgrid und Reginleif - Sie bringen den Einheriern Bier.
Ihre Namen lassen sich wie üblich nur schwer übersetzen. Man könnte sie als Schütteln/Rütteln, Wolke/Nebel, Axt-Zeitalter, Erschüttern, Kampf, Kraft, Lärm, Heer-Fessel, Tumult, Speer-Lärm, Schild-Schutz, Rat-Schutz und Götter-Erbe deuten. Wir haben sie bereits als natürliche Bedingungen kennengelernt, die den Göttern und vor allem Odin in Walhall, der Welthalle der Kämpfer, dienen. Und je nachdem, wie unser Bewusstsein auf diese natürlichen Bedingungen und Umstände reagiert, so folgt es entweder dem Fluss „um den Sitz der Götter“ zur Ganzheit und Lichtheit oder dem Fluss zur Hel in die Trennung und Dunkelheit.
In diesem Sinne reichen die Walküren Hrist und Mist als Werden und Vergehen auch dem Schöpfergott das Schöpferhorn von Mimir mit dem Wein der Illusions- und Schöpferkraft. Und als Umstände in der Schöpfung am Baum des Lebens bringen sie den Einheriern das kräftigende, aber auch bittere, berauschende und einschläfernde Bier der weltlichen Weisheit. Dies verwandelt sich dann erst im Angesicht von Odin selbst in den süßen Met als Göttertrank, wenn sie sich bewusst werden, dass sie in Walhall im „Heer der Einheit“ kämpfen.
37. Arwak und Alswid (die zwei Pferde „Frühwach“ und „Allschnell“) sollen von hier ermattend die Sonne hinaufziehen. Aber unter ihren Schultern versteckten die freundlich Ratenden, die Asen, kühlendes Eisen.
Den Sonnenwagen kennen wohl alle alten Kulturen. Er ist ein wunderbares Sinnbild für die Bewegung des Bewusstseins als Licht der Welt, das scheinbar auf- und untergeht, im ewigen Werden und Vergehen. Hier wird die Sonne von zwei Pferden gezogen, das Erwachende bzw. Werdende und das immer Schnelle als die ewige Bewegung, die aber gemeinsam wieder ermatten und ermüden. Denn alles, was erwacht, muss natürlich auch wieder einschlafen, wie auch alles, was entsteht, wieder vergehen muss. Das ist das Feuer der Vergänglichkeit, ein Feuer der Verwesung und Auflösung. Und wie Odin die hungrigen Wölfe der Vergänglichkeit gezügelt hat, so haben sich auch hier die freundlichen Götter etwas einfallen lassen, um dieses Feuer zu zügeln, damit sich die Sonne scheinbar in Zeit und Raum bewegen kann und weder stehenbleibt noch unendlich schnell ist, damit sozusagen das Pferdepaar zwar ermüdet, aber nicht verbrennt. Diesbezüglich erinnert uns das „kühlende Eisen“ wieder an das „gefrorene Licht“ als Wesen der trägen Materie.
38. Swalin (Kühler) heißt der Schild, der vor der Sonne steht, vor der strahlenden Göttin. Berge und Brandung, so weiß ich, werden verbrennen, wenn er von dort herabfällt.
Solche „Schutzschilde“ hat auch unsere moderne Wissenschaft gefunden, wie zum Beispiel die Ozonschicht in der Stratosphäre gegen schädliche UV-Strahlung oder die Heliosphäre im Sonnensystem gegen kosmische Strahlung. Doch dieser Vers dreht sich wohl aus geistiger Sicht mehr um das Dreiecksspiel von Licht, Feuer und Dunkelheit. Dabei geht es entweder um das Feuer der Zerstörung und Vernichtung in Richtung Tod und Dunkelheit, oder um das Feuer der Reinigung und des heilsamen Geistes in Richtung Leben und Lichtheit. So kann auch das Feuer der Sonne das Leben entweder zerstören oder fördern. Und auch hier sorgen die Götter durch die Naturgesetze wieder für die nötigen Umstände, um das Leben auf der Erde in Midgard zu beschützen und zu fördern.
39. Sköll (Anhängen) heißt der Wolf, der die strahlende Göttin (Sonne) bis zum Schutz des Waldes verfolgt. Aber der andere heißt Hati (Hass), er ist ein Sohn von Hrodwitnir (dem Fenris-Wolf) und hetzt vor der strahlenden Frau des Himmels.
Hier finden wir zwei Wölfe: Der eine verfolgt die Sonne, und der andere hetzt ihr voraus. Aus natürlicher Sicht könnte man an die Sonnen- und Mondfinsternis denken: Der eine Wolf verzehrt die Sonne, und der andere auf dem gleichen Weg den Mond. Eine ähnliche Symbolik gibt es in der vedischen Astrologie mit Rahu und Ketu. So wird auch im Prosatext von „Gylfis Illusion“ §12 erklärt:
Das sind zwei Wölfe: Der eine, der die Sonne verfolgt, heißt Sköll. Sie fürchtet ihn, und er will sie ergreifen. Der andere heißt Hati, Hrodwitnirs Sohn, der läuft vor ihr her und will den Mond packen, was auch geschehen wird.
Aus geistiger Sicht können wir darin Begierde und Hass wiederfinden. Die Begierde erinnert an den gezähmten Wolf, der dann für die Menschen zum Jagd- und Wachhund wurde. Damit jagt er das weltliche Licht, um es zu ergreifen und festzuhalten. Doch diese Sonne flüchtet in den Wald, wo die vergänglichen Bäume der begrifflichen Vorstellungen wachsen, und wo sie dann auch untergeht. Der andere Wolf ist der Hass als natürlicher Gegensatz zur Begierde, der die Sonne untergehen lässt. So ist er ein typischer Sohn des Fenris-Wolfes, der als Prinzip der Vergänglichkeit zum Weltuntergang alles Vergängliche verschlingt. In dieser Hinsicht wird hier durch Begierde und Hass ein weiteres Prinzip der Bewegung in der irdischen Welt angedeutet, woraus dann die Erfahrung von Zeit und Raum entsteht. Vielleicht könnte man auch sagen: Die Begierde lässt die weltliche Sonne aufgehen, und der Hass lässt sie untergehen. Die Begierde ist das Habenwollen des Bewusstseins-Lichtes, und der Hass ist das Weghabenwollen und verursacht damit die Verdunklung. So lebt der Mensch mit Begierde und Hass in Midgard zwischen Lichtheit und Dunkelheit.
Wenn nun Begierde und Hass immer mächtiger, umfassender und schließlich übermächtig werden, so dass alles Begehrte festgehalten wird, nichts mehr fließen und sich verändern kann, und alles Gehasste in die Dunkelheit verdrängt wurde, dann kann man sich das Wesen der Berg- und Frostriesen vorstellen. Dann wird sogar die Zeit angehalten, und die lebendige Schöpfung erstarrt wie ein Felsenberg aus gefrorenem Licht bzw. Bewusstsein. Doch auch dieser Frostriese kann nicht ewig bestehen, muss irgendwann wieder schmelzen, und so stellte man sich eine neue Schöpfung aus Ymir vor:
40. Aus Ymirs Fleisch wurde die Erde geschaffen, und aus dem Blut das Meer, die Felsen aus den Knochen, die Bäume aus den Haaren, und aus dem Schädel der Himmel.
41. Aber aus seinen Wimpern schufen die freundlich Ratenden (Götter) den Menschensöhnen Midgard, und aus seinem Gehirn wurden alle überaus heftigen Wolken geschaffen.
Hier sind es wieder die freundlichen Götter als ganzheitlicher Geist, der die Schöpfung hervorbringt und mit den „stürmischen Wolken“ unserer Gedanken wieder beweglich und lebendig macht. Es ist ein „freundlicher Rat“ an unser Bewusstsein. Wozu? Vielleicht, um uns selbst als ewiges Leben in der ganzen Schöpfung wiederzuerkennen, wie sich auch Odin als Allvater in seinem eigenen Auge erkennt.
Dazu ist unsere Menschenwelt von Midgard nur ein kleiner Teil der Schöpfung, wie eine Wimper oder ein Wimpernschlag. Andere übersetzen hier das nordische Wort „brá“ auch mit Augenbraue oder Augenlid. Das Augenlid wäre auch eine interessante Symbolik, wie Midgard über dem Auge des Bewusstseins entsteht, wenn es sich schließt, aber verschwindet und nicht mehr gesehen wird, wenn es sich öffnet.
Ähnlich dem Frostriesen Ymir finden wir auch in den altindischen Schöpfungsmythen den Riesendämon Madhu als Verkörperung der natürlichen Trägheit, wie zum Beispiel das Harivamsha-Purana in Kapitel 3.13 erklärt. Er wird von den Göttern und vor allem von Vishnu, dem Gott der Erhaltung, verwandelt, um die lebendige Schöpfung hervorzubringen. So heißt es dann im Mahabharata:
Oh Vernichter von Madhu, das Firmament ist dein Haupt, Sonne und Mond sind deine Augen, die Winde sind dein Atem, und das Feuer ist deine Energie. Die Himmelsrichtungen sind deine Arme, der große Ozean ist dein Bauch, die Berge und Hügel sind deine Beine, und der Himmel ist deine Hüfte. Die Erde stellt deine Füße dar, und alle Pflanzen sind wie die Haare auf deinem Leib. (Mahabharata 3.201)
Der Name Ymir lässt sich mit „Zwitter“ übersetzen und erinnert sowohl an ein Doppelwesen von Mann und Frau oder Begierde und Hass, wie auch an ein homogenes Wesen als kosmischer Frostriese. Eine ähnliche Vorstellung kennt auch unsere moderne Wissenschaft als „Big Freeze“, das „große Einfrieren“ des Universums: Damit erreicht die Temperatur am Ende einen Wert, der überall genau gleich ist, so dass keine thermodynamische Arbeit mehr möglich ist, was dann im Wärmetod (bzw. Kältetod) des Universums endet… Was danach passieren könnte, ist rein spekulativ… (Wikipedia: Big Freeze)
Wo kommen nun die freundlichen Götter her, die den Frostriesen wieder lebendig machen und eine neue Schöpfung hervorbringen, einen neuen „Big Bang“? Hier könnte man sich vorstellen, dass Götter ganzheitliche Wesen sind, und die Ganzheit logischerweise nicht vergehen kann. Nur in der Trennung kann Energie scheinbar verbrennen und vergehen, doch in der Ganzheit geht nichts verloren. Das ist die „Gunst“ der Götter, die göttliche Liebe, die auch die größte Übermacht von Begierde und Hass überwinden kann:
42. Ullers (des Wintergottes) und aller Götter Gunst hat, wer zuerst ins Feuer greift. Denn die Welten werden den Söhnen der Asen sichtbar, wenn man die Kessel abhebt.
So kann uns nun die Gunst des Wintergottes daran erinnern, dass er das Leben auch im größten Frost bewahrt. Und diese göttliche Gunst des Lebens gewinnt, wer anstatt des Frostes, das Feuer ergreift, also anstatt der Formen der Natur, das Feuer des Geistes. So erinnert uns dieser Vers auch an die obige Symbolik von Vers 18, wie der Eber in Walhall gekocht wird: Der Frostriese Ymir wäre dann Sährimnir als See-Verkörperung vom Wasser des Lebens. Die Götter wären der Koch Andhrimnir, um den Frostriesen im Feuer des göttlichen Geistes wieder weich und beweglich zu kochen. Und den formhaften Verstand oder unsere Körperhülle könnte man als den Kessel Eldhrimnir betrachten, die Feuer-Verkörperung des Geistes. Wer dann diesen Kessel um den göttlichen Geist abheben und entfernen kann, der kann als Gottessohn in alle Welten schauen, weil das Bewusstsein nicht mehr abgetrennt und begrenzt ist. Ähnlich heißt es auch in der Bibel: „Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.“
So ging es wohl auch Agnar, der nun im Feuer die „Maske“ von Grimnir durchschaut und die ganze Welt in der Gottheit erkennt.
43. Iwaldis Söhne (die Zwerge) kamen in Urtagen, Skidbladnir zu schaffen, das beste Schiff, dem strahlenden Freyr (Sommergott), Njörds tüchtigem Sohn (Gott des Meeres, Windes und Feuers).
Wie ab Vers 5 die Liste der göttlichen Höfe und Hallen mit Uller als Wintergott beginnt und dann mit Freyr als Sommergott fortgesetzt wird, so folgt nun auch hier Freyr, wie auf jeden Winter ein Sommer folgt. Hier können wir an den Sommer des Lebens denken, eine Zeit des Wachstums, der Beweglichkeit und Fruchtbarkeit, nachdem das Wasser des Lebens aus dem Griff des Frostriesens befreit wurde. Das Schiff, das auf diesem Wasser schwimmt, erinnert uns an die Körper der Lebewesen, die auf den Wellen von Ursache und Wirkung im Wind des Geistes segeln. So sind sie auch ein echtes Zwergenwerk aus uralten Tagen, denn in jeder Körperzelle wirken im Mikrokosmos zahllose kleine Naturgeister. Der Name Skidbladnir bedeutet wörtlich „aus dünnen Planken zusammengefügt“. Das könnte einerseits eine Anspielung auf die Zerbrechlichkeit der lebendigen Körper sein, anderseits auch auf das filigrane Kunstwerk der Körperzellen. In „Gylfis Illusion“ §43 heißt es dazu:
Gangleri (der „Wanderer“) fragte: „Was gibt es von Skidbladnir zu sagen, dem Besten aller Schiffe? Ist nicht irgendein Schiff genauso gut?“ Der Hohe antwortete: „Skidbladnir ist das beste Schiff und mit höchster Kunstfertigkeit erbaut. Naglfar („Nagelschiff“ als Totenschiff) aber ist das größte Schiff und gehört (zu Ragnarök dem Feuerriesen) Muspell. Viele Zwerge, Söhne des Iwaldi („Ale- bzw. Bier-Kraft“), bauten Skidbladnir und gaben das Schiff Freyr. Es ist so groß, dass alle Asen samt ihren Waffen und Rüstungen darin Platz finden. Sobald das Segel gesetzt ist, hat es Fahrtwind, wohin man auch fahren will. Doch wenn man mit ihm nicht auf See sein soll, ist es aus so vielen Teilen und mit so großer Geschicklichkeit gemacht, dass er (Freyr) es wie ein Tuch zusammenfalten und in seiner Tasche tragen kann.“
Hier wird nun das Schiff der Lebewesen mit dem Schiff der Toten verglichen. Und es heißt, das Schiff der Lebewesen ist das Beste, doch das der Toten das Größte. Offenbar gab es schon damals viele, die am Ende ihres körperlichen Lebens den Tod und das Tote festhalten wollten (wie symbolisch ihre Nägel), also ihren materiellen Körper nicht loslassen konnten. Entsprechend wird in „Gylfis Illusion“ §10 das Wesen von Naglfari mit der Nacht verheiratet. Das erinnert uns wieder an den Weg in die Dunkelheit zur Totengöttin Hel, im Gegensatz zum Weg der Einherier zum göttlichen Licht des Allvaters Odin. So heißt es dann auch, dass in diesem besten Schiff der Lebewesen alle Götter mit allen göttlichen Kräften ihren Raum finden und der jeweilige Wille die Fahrtrichtung im Wind des Geistes bestimmt.
Der nächste und letzte Satz ist sehr mystisch und wird gewöhnlich mit folgendem Sinn übersetzt: „Wenn man mit diesem Schiff nicht auf See sein will, kann man es wie ein Faltboot zusammenfalten und in seine Tasche stecken.“ Doch für das „will“ steht im nordischen Urtext „skal“, was eigentlich „soll“ im Sinne von Schicksal bedeutet und damit an den Ablauf der körperlichen Lebenszeit erinnert. Und der zweite Teil des Satzes bezieht sich im Urtext auf einen „er“, womit sicherlich der Eigentümer des Schiffes gemeint ist, also Freyr. Doch was ist die Tasche von Freyr? Wohin kann er die Körper der Lebewesen wie ein Tuch, das aus langen Fäden gewebt wurde, zusammenfalten? Hier kann man an die Schicksalsfäden der Seele denken, die in einem Samen eingefaltet werden können, den dann der Sämann in seine Tasche steckt, um ihn später auszusäen, damit er sich wieder entfalten kann. Im modernen Sinne kann man sich sogar die langen Fäden der Gene vorstellen, aus denen der lebendige Körper gewebt wird, der dann wieder im Wasser des Lebens auf dem Meer der Ursachen schwimmt. So vermutet man auch, dass die Etymologie von „Seele“ zum urgermanischen Wort „saiwalo“ führt, was ursprünglich „die zum See Gehörende“ bedeutet, da Germanen das Wasser als Wohnort der Seelen vor der Geburt und nach dem Tod sahen. In dieser Hinsicht könnte man auch die See als „Tasche von Freyr“ betrachten, das Wasser des Lebens, das auch an seinen Vater Njörd als Gott des Meeres, Windes und Feuers erinnert. Dies wäre zumindest eine würdige „Tasche“ für einen Naturgott als ganzheitliches Wesen, in der scheinbar etwas verschwinden und wieder hervorkommen kann.
Dazu sagte Gangleri: „Ein gutes Schiff ist Skidbladnir, doch es muss sehr viel Zauberkunst dabei gewesen sein, ehe es fertig war.“
Ja, dieses Schiff ist sicherlich ein gutes und nützliches Schiff, wenn es entsprechend gebraucht wird. Doch im Grunde besteht es aus „Zauberkunst“ im Sinne der Illusions- und Schöpferkraft des Allvaters. Und der größte Zauber liegt wohl darin, dass das eine Schiff wie viele Schiffe erscheint, die eine Seele wie viele Seelen.
So ein ganzheitliches Schiff können wir auch im Anfang dieser Geschichte finden, welches Odin als alter Hüttenbauer an Agnar und Geirröd im „Frühjahr“ des Lebens übergab. Doch Geirröd drängte sich als Ego auf dem Schiff nach vorn und stieß es zusammen mit Agnar als Vernunft wieder zurück ins Meer der Ursachen. Denn er wollte als König ein eigenes Schiff auf der körperlichen Insel haben.
44. Die Esche Yggdrasil ist der erste (höchste und beste) der Bäume, Skidbladnir der Schiffe, Odin der Asen, Sleipnir der Pferde, Bifröst der Brücken, Bragi („Gott der Poeten und Dichter“) der Skalden, Habrok der Habichte, und Garm der Hunde.
Bifröst haben wir bereits als Regenbogenbrücke und Licht des Bewusstseins kennengelernt, das natürlich die erste, höchste und beste Brücke zwischen allem ist, was man wahrnehmen kann. Neu ist hier Habrok, der „Höchste Rock“, in dem man ein ganzheitliches Kleid sehen kann, was wohl das Beste ist, was „Greifvögel“ ergreifen können. Und Garm, vermutlich der „Bellende“ oder „Knurrende“, ist der beste Wachhund als gezähmter und abgerichteter Wolf, denn er bewacht das Totenreich der Hel. Und das wünschen die Toten wohl auch, die dort den Tod und das Tote festhalten wollen, damit ihnen niemand etwas wegnehmen kann. Damit ist er auch der sicherste Wachhund, der bis zu Ragnarök seinen Dienst erfüllt.
45. Mein Gesicht habe ich nun vor den Söhnen der Sieggötter enthüllt, und damit wird sich die gewünschte Befreiung zeigen. Allen Asen (Göttlichen) soll das zukommen auf Ägirs Bänken, bei Ägirs Trank.
So legt nun Grimnir seine Maske ab und enthüllt sein göttliches Wesen. Warum sind Götter immer siegreich? Es sind ganzheitliche Wesen, und die Ganzheit kann natürlich niemals besiegt werden. Mit ihren Söhnen sind vermutlich Wesen wie Agnar gemeint, die von der Ganzheit geboren wurden und für die Ganzheit kämpfen, wie alle Einherier in Walhall. Das ist dann auch die Befreiung und Erlösung, die sie sich wünschen, wenn sie durch die Maske der äußerlichen Formen hindurchschauen können und die unvergängliche Essenz von allem erkennen. Denn dann werden sie von den vergänglichen Formen nicht mehr gebunden.
Der zweite Satz ist vermutlich ein Wortspiel von Æsir und Ægir, den Göttern und dem Meer. Ägir bedeutet „Meer“ und ist ein Riese des Meeres oder der See, ein guter Freund der Götter, der sie als Gastgeber bewirtet. Die Geschichte wird im „Hymirlied“ und dem anschließenden „Ägirs Trinkgelage“ beschrieben, wo er auch Gymir genannt wird. Die Tochter von Gymir war die schöne Gerda, die zur Ehefrau von Freyr wurde, womit sich auch hier der Kreis zu Freyr schließt.
So könnten wir in Ägir alias „Gymir“ den aufgetauten Frostriesen „Ymir“ wiederfinden, den die freundlichen Götter besiegt und wieder flüssig, fließend und lebendig gemacht haben. Dadurch konnte das Wasser des Lebens aus dem „Big Freeze“ wieder in die Quelle zum „Big-Bang“ des Urknalls fließen, in den Brunnen von „Mimir“. So wurde das „gefrorene Licht“ zumindest wieder flüssig zum Wasser des Lebens. Damit wandeln sich auch die Namen, und um dieses Spiel der Namen geht es auch im Folgenden:
46. Ich (Odin) hieß Grimr (der Maskierte), ich hieß Gangleri (der Wandernde), Herjan (der Heerführer) und Hjalmberi (der Helmträger), Thekk (der Beliebte) und Thridi (der Dritte), Thund (der Mächtige) und Ud (der Gönner), Helblindi (der Hel nicht sieht) und Har (der Hohe).
47. Sad (der Wahre) und Swipall (der Veränderliche) und Sanngetall (der Wahrheitsfinder), Herteit (der Heer-Frohe) und Hnikarr (der Erweckende), Bileyg (der Einäugige), Baleyg (der Feueräugige), Bölverkr (der Übeltäter), Fjölnir (der viel Wissende), Grimr und Grimnir (der Maskierte), Glapswid (der weise Verführer) und Fjölswid (der höchst Weise).
48. Sidhött (Langhut), Sidskegg (Langbart), Siegvater, Hnikud (Erreger), Allvater, Walvater, Atrid (Angreifer) und Farmatyr (der alles tragende Gott). Mit nur einem Namen habe ich mich nie genannt, seit ich unter die Völker ging.
49. Grimnir (Maskierter) nannten sie mich bei Geirröd (dem blutgeröteten Speer), aber Jalk (Hengst) bei Asmund (Gottes Hand / Schutz), und Kjalarr (Schlittenführer), als ich Schlitten zog; Thror (Gedeihlicher) beim Thing, Widurr (Wald) bei Kämpfen, Oski (Wunscherfüllender) und Omi (Hellhöriger), Jafnhar (der Gleichhohe) und Biflindi (der mit dem bemalten Schild), Göndlir (Zauberer) und Harbard (Graubart) bei den Göttern.
Viele der Namen lassen sich nur schwer übersetzen. Wir haben die passendsten aus geistiger Sicht in Klammern geschrieben. Gottesnamen waren wohl schon immer ein großes Problem für den begrifflichen Verstand. Wie kann man der Gottheit als Ganzheit einen Namen geben? Denn jeder Name scheint alle anderen Namen zu verneinen. So war es auch im alten Indien Brauch, den höchsten Göttern viele Namen zu geben, wie die 108 oder sogar 1008 Namen von Shiva, Vishnu oder Krishna (z.B. im Mahabharata 12.285). Das meint wohl auch das christliche Vaterunser mit „geheiligt werde dein Name“, also ein heiler, heilender und ganzheitlicher Name, um die Gottheit in allen Formen und allen Namen zu erkennen.
50. Swidurr (Speerwerfer) und Swidrir (Speerträger) hieß ich bei Sökkmimir (der Riese „in Mimir versunken“), und ich verbarg es dem uralten Riesen, dass ich allein zum Totschläger des berühmten Sohns von Midwidnir (Waldbewohner) geworden war.
Der Riese Sökkmimir, der „in der Schöpfung versunken war“, erinnert uns wieder an den Frostriesen Ymir, den Odin als göttlicher Allvater „allein“ besiegt und wieder in das Wasser des Lebens verwandelt hatte. Das Wort „Totschläger“ sollte man nicht missverstehen, denn eigentlich hat er den Tod getötet und die Schöpfung wieder lebendig gemacht. In diesem Prozess verbirgt sich der göttliche Allvater selbst in der Vielfalt der Schöpfung, und das große Ziel ist wohl, ihn überall zu erkennen. Das ist natürlich schwer, weil wir als „Waldbewohner“ gewöhnlich „den Wald vor lauter Bäume nicht sehen“.
51. Berauscht bist du, Geirröd! Du hast zu viel getrunken. Vielem bist du beraubt (Oder: Tief bist du gefallen), da du gegen meine Gefolgschaft bist, gegen alle Einherier und Odins Gunst.
Wo kommt nun plötzliche Geirröd in dieser Offenbarung her? War er etwas anwesend und hat zugeschaut, als Agnar dem gequälten Grimnir das labende Trinkhorn reichte? Das hätte sich wohl Agnar als Sohn von König Geirröd nicht getraut. So können wir uns hier daran erinnern, dass es eine göttlich-mystische Geschichte ist. Die drei Wesen von Geirröd, Agnar und Grimnir sind wohl in jedem Menschen immer anwesend. Die Frage ist nur, wessen man sich bewusst wird. So spricht natürlich die verhüllte Gottheit immer zu beiden, zum Einzelkämpfer und zum Einherier, doch sie hören Unterschiedliches.
52. Viel sagte ich dir, aber du erinnerst dich an wenig. Deine Freunde verraten (betrügen und täuschen) dich. Das Schwert meines Freundes sehe ich ganz in Blut getaucht liegen.
Damit wird nun Geirröd den Einheriern gegenübergestellt, sozusagen als Einzelkämpfer, der von der weltlichen Illusion berauscht und überwältigt wurde, die Ganzheit verloren hat und tief gefallen ist. Denn wer in der Trennung lebt, der verliert natürlich die Ganzheit und damit nicht nur Vieles, sondern schließlich auch Alles. Es fehlt ihm vor allem die Erinnerung, um sich in der natürlichen Vielfalt als geistige Einheit zu erkennen. Und dazu hat er sich offenbar die falschen Freunde erwählt. Sein wahrer Freund ist die Gottheit selbst, wie der letzte Satz andeutet. Doch durch seine Abkehr wird ihn sein eigenes Schwert töten. Hier schließt sich der Kreis zur vorhergehenden Geschichte von Högni und Hedin, in der Hedin sagte: „Du rühmst dich eines Schwertes, aber nicht des Sieges. Nur das Schwert nenne ich gut, das seinem Herrn treu ist.“
53. Den waffenmüden (kampfgeschwächten) Gefallenen (Geirröd) wird nun Ygg („der Schreckliche“) haben. Dein Leben weiß ich verloren. Feindlich sind die Disen (Schicksalsgöttinnen): Nun kannst du Odin sehen, komm zu mir, wenn du kannst!
Hier finden wir nun den Namen Ygg für den schrecklichen Aspekt von Odin wieder. Doch für wen ist die Gottheit schrecklich? Natürlich für die Einzelkämpfer, die in der Trennung leben wollen, denn für sie ist die Ganzheit eine feindliche Bedrohung ihrer gesamten Existenz. Interessanterweise wird auch der ganze Lebens- und Weltenbaum Yggdrasil genannt, das „Pferd von Ygg“ als Odins Pferd. So ist vielleicht dieser ganze Lebensbaum nur dafür da, die Einzelkämpfer zu erschrecken, damit sie aus ihrem Rausch der Illusion aufwachen können. Auch darin kann man die große Liebe Gottes und den Sinn der gesamten Schöpfung sehen. Wie man auch sagt: „Wen Gott liebt, den lässt er leiden.“
54. Odin heiß ich nun, Ygg („der Schreckliche“) hieß ich früher, Thund („der Mächtige“) hieß ich davor, Wak („der Wachende“) und Skilfing („der Beschützer“), Wafud („der Wellende“) und Hroptatyr („der rufende Gott“), Gaut („der Gote bzw. Göttliche“) und Jalk („Hengst“) bei den Göttern, Ofnir und Swafnir (die beiden Schlangen „Übertreiber und Schlafbringer bzw. Tötender“ am Grund von Yggdrasil): Ich kenne sie alle entstanden aus mir allein.“
König Geirröd saß und hatte das Schwert auf den Knien, gezogen bis zur Mitte. Als er aber hörte, dass Odin gekommen war, stand er auf und wollte Odin aus den Feuern holen. Doch das Schwert glitt ihm aus der Hand, und der Griff wies nach unten. Der König strauchelte und stürzte nach vorn, das Schwert durchstieß ihn, und er starb. Da verschwand Odin. Aber Agnar war dort noch lange König. (Grímnismál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
So werden auch hier die beiden prinzipiellen Wege angedeutet: Der eine führt in den Tod und zur Totengöttin Hel, weil sich der egoistische Einzelkämpfer mit seinem Schwert des Todes selber tötet, auch wenn er Gott verehren will, doch er erkennt ihn nicht. Wen verehrt er dann? Ähnlich heißt es auch oben in der Geschichte von Högni und Hedin, als Högni sprach: „Denn jetzt habe ich mein Schwert Dainsleif („Erbe des Todes“) gezogen, das die Zwerge schufen und das den Männern Tod bringen wird, jedes Mal, wenn es gezogen wird. Niemals geht ein Schlag daneben, und keine Wunde schließt sich, die es verursachte.“ Der andere Weg führt zur ganzheitlichen Erkenntnis des göttlichen Wesens der gesamten Schöpfung. Und das ist der wahre König, den wir auch „Vernunft“ nennen können, der eine „lange Zeit“ herrschen kann, vielleicht sogar über die lange Zeit der Schöpfung.
Und wenn wir hier immer noch zwei unterschiedliche Wesen sehen, dann hängen wir natürlich immer noch im egoischen Verstand der Trennung. Denn für die Gottheit sind es keine unterschiedlichen Wesen, die diese Wege gehen, weil keiner aus der Ganzheit fallen kann. Daher wird wohl Odin auch „Helblindi“ genannt, der „Hel nicht sieht“, zumindest nicht als Sackgasse des Todes.
Damit erweitert sich mit diesem „Lied von Grimnir“ auch unsere Sicht auf das Wesen der Einherier, die wir jetzt als „Kämpfer im Heer der geistigen Einheit und natürlichen Vielfalt“ erkennen können. Also keine geistigen Einzelkämpfer wie Geirröd, und auch keine natürliche Monotonie wie der Frostriese Ymir.