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Loki gilt als eine der rätselhaftesten Figuren der nordischen Mythologie. Doch so rätselhaft ist er gar nicht, sondern nur sehr widersprüchlich. Und darin sehen auch wir sein Wesen, nämlich als Geist des Widerspruchs, und sogar als göttlicher Geist des Widerspruchs, denn er wird in der Edda deutlich als Ase bezeichnet und damit zu den Göttern gezählt. Was bedeutet das? Nun, sobald die Götterwesen wirksam in die Schöpfung eingreifen, muss es zu dieser Wirkung natürlich auch eine Gegenwirkung geben. Das ist die weltliche Logik, und diese können wir uns personifiziert als Loki vorstellen.
Die genaue Bedeutung seines Namens ist wie üblich umstritten. Im englischen Wikipedia wird zurzeit die germanische Wurzel „luk“ bevorzugt, für alles, was mit Schlinge, Knoten, Schlaufe und Verschluss zu tun hat. Das passt relativ gut, denn Loki schließt sozusagen alle Wirkungen der Götter wieder ab und neutralisiert sie im Großen und Ganzen. Dies muss auch so sein, wenn wir die Götterschar wie ein ganzheitliches Wesen betrachten, denn die Ganzheit muss im Großen und Ganzen neutral bleiben. Das Einzige, was die Götter tun können, ist das Hinauszögern der Gegenwirkung in Zeit und Raum. Dazu möchten wir uns einige Geschichten anschauen, die das Wesen von Loki verdeutlichen.
Zuerst die bereits angesprochene Geschichte von Ägir sowie Thjasi und Skadi, mit der das Skalden-Buch beginnt:
Ein Mann wurde Ägir oder Hler genannt (zwei Namen für „Meer“). Er wohnte auf der Insel, die jetzt Hlesey heißt („Insel des Hler“, heute vermutlich Läsö). Der war außerordentlich zauberkundig. Er unternahm eine Reise nach Asgard („Garten der Götter“), aber die Asen wussten von seiner Fahrt. Wohl wurde er gastlich aufgenommen, doch viele Dinge spielte man ihm mit Sinnestäuschungen vor. Und am Abend, als man trinken wollte, ließ Odin Schwerter in die Halle bringen. Die strahlten so, dass es davon leuchtete, und es gab kein anderes Licht, während man beim Trunk saß. Dann schritten die Asen zu ihrem Festmahl, und die zwölf, die Richter sein sollten, setzten sich auf ihre Hochsitze. So wurden sie genannt: Thor, Njörd, Freyr, Tyr, Heimdall, Bragi, Widar, Wali, Uller, Hönir, Forseti und Loki. So auch die Asinnen: Frigg, Freya, Gefjun, Idun, Gerda, Sigyn, Fulla und Nanna. Ägir erschien es prächtig, was es dort zu sehen gab. Die ganze Wandtäfelung war mit herrlichen Schilden gedeckt. Man schenkte Met aus, und viel wurde getrunken.
Ägir, der auch Gymir genannt wird, haben wir im „Lied von Grimnir“ bereits als „aufgetauten“ Frostriesen Ymir kennengelernt, der ein Freund und Gastgeber der Götter wurde. Er ist sozusagen ein Meerriese als ein ganzheitliches Wasserwesen, in dem wir den Inbegriff eines Lebewesens sehen können. Damit verkörpert er das bewegliche, veränderliche und schöpferische Leben, so dass er natürlich zum Freund der Götter wird. Wenn dieses Lebewesen „zauberkundig“ wird und den Zauber von Geist und Natur erkennt, dann kommt er auch nach Asgard in den „Garten der Götter“, womit hier vor allem Walhall beschrieben wird.
Dort „spielte man ihm viele Dinge mit Sinnestäuschungen vor“. Betrügen ihn die Götter? Nein, denn er ist immer noch ein Lebewesen. Zwar keine völlig verhärtete bzw. gefrostete Materie mehr, aber auch noch kein reines Bewusstsein, sondern ein „flüssiges Wesen“ zwischen Lichtheit und Dunkelheit im Fluss der Schöpfung. Hier kann man die Welt nur indirekt über die Sinne wahrnehmen, und die täuschen uns natürlich.
So wird dieser „Bewusstseinsraum“ auch von „Schwertern erleuchtet, die Odin in die Halle bringen ließ.“ Die geistige Symbolik des Schwertes haben wir in der Sagenwelt der Nibelungen vielfältig kennengelernt. Die Schneide dient der Trennung und Unterscheidung, und die Spitze der Einheit und Weisheit. So spricht man auch im Zen-Buddhismus vom „Schwert, das tötet und lebendig macht“. Das ist die Waffe unseres Verstandes, mit der wir die Welt erkennen und darin kämpfen. Dass gerade Odin diese Schwerter in die Halle bringt, ist eine weitere wunderbare Symbolik. Denn auch diese Schwerter sind reines Bewusstsein, reines Licht, wie es sich zwischen den Augen von Odin reflektiert. Daran erinnert dann auch der „Trank“ in Walhall, der Götter-Met der Ganzheit, der je nach Betrachtung auch ein Wein der „Illusions- und Schöpferkraft“ oder ein Bier für den Rausch und die Schläfrigkeit sein kann.
In diesem „Licht der Schwerter“ erkennt nun auch Ägir den Gerichtskreis der zwölf Götter mit unterschiedlichen Eigenschaften und Aufgaben. Interessanterweise fehlt in diesem Kreis Odin selbst, den man entweder in Forseti als „Vorsitzender“ oder im ganzen Kreis wiedererfinden kann. Dazu werden auch acht Göttinnen genannt. Wie die Zahl Zwölf auf die geistige Ganzheit hindeutet, so könnte man in dieser Acht die natürliche Vielfalt wiederfinden, die sich dann als Götter und Göttinnen wieder vereinen.
Schließlich werden noch die Schild-Wände dieser Bewusstseins-Halle erwähnt, deren Symbolik wir bereits in der Beschreibung von Walhall betrachtet haben.
Agir am nächsten saß Bragi (der Gott der Poeten und Dichter), und beide tranken miteinander und unterhielten sich. Bragi erzählte Ägir von den vielen Begebenheiten, die die Asen erlebt hatten. Er begann mit einer Geschichte, nach der drei Asen von daheim aufbrachen: Odin, Loki und Hönir. Sie zogen über Gebirge und durch Einöden, und um Essbares stand es schlecht. Aber als sie in ein Tal hinunterkamen, sahen sie eine Ochsenherde, nahmen einen Ochsen und bereiteten ihn in einer Kochgrube zu. Und als sie meinten, nun müsse er gar sein, rissen sie die Grube auf, aber er war noch nicht durch. Beim zweiten Mal, als sie die Grube öffneten, war schon eine Weile vergangen, und er war immer noch nicht gekocht. Sie sprachen untereinander darüber, wie dies zugehen könne. Da hörten sie aus der Eiche über sich die Worte, dass derjenige, der dort saß, bewirke, dass es in der Grube nicht koche. Sie sahen hinauf, und dort hockte ein Adler, der nicht gerade klein war. Der sprach: „Wollt ihr mir meinen Teil am Ochsen geben, dann wird er in der Grube gar werden.“ Dem stimmten sie zu.

Darauf ließ er sich vom Baum herabgleiten, setzte sich auf die Grube und nahm sich sofort als erster zwei Ochsenkeulen und die beiden Schulterstücke. Das erzürnte Loki, und er griff nach einer großen Stange. Die schwang er mit ganzer Kraft und schlug sie nach dem Körper des Adlers. Der wich dem Schlag aus und flog auf. Doch die Stange steckte im Steiß des Adlers, und am anderen Ende hielt sich Loki fest. Der Adler flog nur so hoch, dass Lokis Füße Geröll, Steine und Bäume mitrissen. Er glaubte, seine Arme würden ihm aus den Achseln gerissen. Er schrie und bat den Adler inständig um Frieden, aber der meinte, Loki werde niemals freikommen, wenn er ihm nicht gelobe, Idun (die „Erneuernde und Verjüngende“) mit ihren (goldenen) Äpfeln aus Asgard herauszubringen. Und Loki versprach es. Darauf kam er frei und kehrte zu seinen Begleitern zurück.
So erzählen nun die Götter dem „Lebewesen“ die Geschichten des Lebens, mit all den symbolischen Umständen, in denen sich die Lebewesen selbst wiedererkennen können. Die große Geschichte beginnt, als Odin, Loki und Hönir von „daheim in die Welt aufbrachen“. Das heißt, aus der ganzheitlichen Gottheit „brechen sie auf“ in Wirkung, Gegenwirkung und Vernunft als heilendem Geist.
Doch wovon kann sich dieser dreifache Geist in der körperlichen Welt ernähren? Dafür muss körperliche Nahrung gekocht werden, ähnlich wie der Eber Sährimnir in Walhall oder was wir im Körper Verdauung oder in der Erde Verwesung nennen. Sie muss also wieder in Energie und schließlich auch in Bewusstsein verwandelt werden, damit der Geist in der Natur wirken kann. Und wer versucht, diesen Prozess zu verhindern? Da sitzt wieder ein Adler als Greifvogel und Symbol der Begierde im Lebensbaum, der die Körperlichkeit festhalten will. Interessanterweise wird hier von einer Eiche gesprochen. So streiten sich die Gelehrten schon lange Zeit, ob Yggdrasil eine Esche, Eiche oder Eibe sei. Und in der Sagenwelt der Nibelungen haben wir vor allem die Linde als Symbol des Lebensbaums gefunden. Es ist eben ein ganzheitlicher Baum als Symbol für alle Bäume und im weitesten Sinne für alle Lebewesen.
Der gierige Adler will natürlich die besten und größten Stücke haben. Hier wird nun Loki als Gegenwirkung aktiv. Und die Geschichte wird so absurd, dass man eigentlich nur an eine symbolische Deutung denken kann. Denn die Begierde lässt natürlich die Gegenwirkung nicht wieder los, weil sie immer noch mehr haben will, und hier sogar die Göttin Idun der Jugend und Unsterblichkeit mit ihren goldenen Äpfeln als wahre und unvergängliche Früchte. Ja, auch heute denken noch viele Menschen daran, ihren Körper ewig jung und sogar unsterblich machen zu können, und das scheint ihnen der Weg aus dem Leiden zu sein, um den Tod und jede Angst zu vermeiden.
Nun könnte uns hier der Verstand sagen: „Es ist doch Loki, der leidet, und nicht der gierige Adler.“ Ja, über diese wunderbare Symbolik kann man tief nachdenken. Im Grunde ist es natürlich die Gottheit, die alles trägt, auch alle Bewusstseinszustände des Leidens als das „Anstoßen an körperliche Materie, wie Geröll, Steine und Bäume“. Doch hier darf man die „große Stange“ nicht vergessen, mit der alles miteinander verbunden ist. So kann auch die Begierde nicht frei von der ganzheitlichen bzw. göttlichen Gegenwirkung sein. Und entsprechend geht die Geschichte weiter:
Mehr ist von ihrer Fahrt nicht zu erzählen, bis sie heimkehrten. Aber zur festgesetzten Zeit lockte Loki Idun aus Asgard in einen Wald. Er sagte, er habe Äpfel gefunden, die ihr wertvoll erscheinen müssten, und bat sie, ihre Äpfel mitzubringen und sie mit diesen zu vergleichen. Dort kam dann der Riese Thjasi („Eisiger“) in Adlergestalt, ergriff Idun und flog mit ihr davon nach Thrymheim („Heim des Kampflärms“) auf seinen Hof.
So entpuppt sich nun der Adler als Frostriese Thjasi, der mit seiner Begierde in der Welt unsterblich werden will. Doch was passiert, wenn in unserer Welt des Kampflärms von Begierde und Hass eine körperliche Form unsterblich wird? Dann geht natürlich die Wahrheit verloren, und damit auch das Bewusstsein für die wahre Essenz der unsterblichen Götter:
Aber den Asen erging es wegen Iduns Verschwinden schlecht, sie wurden bald grau und alt. Da hielten sie ein Thing (eine Versammlung) ab, und jeder fragte den anderen, was er als Letztes von ihr wisse. Zuletzt hatte man sie jedoch gesehen, als sie mit Loki Asgard verließ. Darauf wurde Loki ergriffen und vor die Versammlung geschleppt. Ihm wurde Tod oder Folter angedroht. Nachdem er Angst bekam, versprach er, nach Idun in Riesenheim zu suchen, wenn Freya ihm das Falkengewand leihen würde, das sie besitze. Und als er es hatte, flog er nordwärts nach Riesenheim und kam eines Tages zum Riesen Thjasi. Der ruderte gerade (zum Fischfang) auf dem Meer, aber Idun war zu Hause. Loki verwandelte sie in eine Nuss, nahm sie in seine Klauen und flog, so schnell er konnte, davon.
Was bedeutet das, wenn Loki von den Göttern mit Tod und Folter bedroht wird und er Angst bekommt? Auch darin können wir das Spiel von Wirkung und Gegenwirkung wiederfinden. Denn Leiden, Tod und Angst sind wohl in unserer Welt die größte Gegenwirkung gegen die Begierde des Festhaltens und Habenwollens. Manche sagen, sie sind sogar der größte Segen der Götter: „Wen Gott liebt, den lässt er leiden.“ Und damit kommt auch hier die Welt wieder in Ordnung:
Aber als Thjasi heimkehrte und Idun vermisste, nahm er Adlergestalt an, flog Loki hinterher und erhob sich wie ein Adler. Und als die Asen sahen, dass der Falke mit der Nuss heranflog und der Adler ebenso, da liefen sie hinaus vor Asgard und brachten Arme voller Hobelspäne dorthin. Als der Falke über die Burg flog, ließ er sich hinter dem Burgwall nieder. Die Asen jedoch entfachten in den Spänen ein Feuer, und der Adler konnte seinen Flug nicht mehr bremsen, als der Falke verschwunden war. Die Flammen schlugen in sein Gefieder, und er musste landen. Da waren die Asen zur Stelle und erschlugen den Riesen Thjasi hinter dem Asengitter. Das war ein weithin berühmter Totschlag.
So geschieht nun, was geschehen soll, ähnlich wie in der Geschichte von Suttung. Die Begierde erhebt sich bis zu den Göttern, um die Unvergänglichkeit zu erreichen. Dort wird sie natürlich verbrannt, denn in der Ganzheit kann keine Begierde bestehen. Und auch das Wesen des gierigen Frostriesens kann hier nicht überleben, sondern trifft auf seine Gegenwirkung als den Feuer-Tod, das heißt, er schmilzt und löst sich auf, um wieder zu fließen. Wichtig ist, dass diese Botschaft auch in der Welt bekannt und „berühmt“ wird, sonst wäre kein Lernen möglich.
Aber Skadi („Schaden“ oder „Verlust“), die Tochter Thjasis, ergriff Helm, Brünne und alle Kriegswaffen und zog nach Asgard, um den Tod ihres Vaters zu rächen. Die Asen boten ihr Frieden und Bußen an. Zuerst sollte sie sich einen Mann von ihnen erwählen, und zwar nach den Füßen, ohne mehr zu sehen. Sie erblickte die sehr schönen Füße eines Mannes und sprach: „Den wähle ich, so wenig Hässliches kann nur Balder haben.“ Aber es war Njörd von Noatun. In ihrem Friedensvertrag hatten sie auch vereinbart, dass die Asen etwas bewirken sollten, von dem sie meinte, sie könnten es nicht, nämlich sie zum Lachen zu bringen. Da machte Loki dies: Er band einen Strick um den Bart einer Ziege und das andere Ende um seine Hoden. Sie zogen abwechselnd daran, und beide schrien laut. Dann ließ sich Loki in Skadis Schoß fallen, und da lachte sie. So wurde zwischen ihr und den Asen Frieden geschlossen. Man erzählt, Odin leistete ihr Wiedergutmachung, indem er Thjasis Augen nahm, sie an den Himmel warf und daraus zwei Sterne machte. (Skáldskaparmál §1 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Nun ist der Tod natürlich keine wahre Lösung, denn es bleibt ein „Schaden und Verlust“ zurück. Entsprechend erscheint nun Skadi, die Tochter des Berg- und Frostriesens, in der wir aus geistiger Sicht wieder die Seele der Natur als Prinzip der Verursachung sehen können. Denn sie bleibt übrig, wenn das Verkörperte sich auflöst. Und solange es noch Ursachen gibt, wird es auch einen Kampf um Wirkungen geben. Doch die Götter kämpfen natürlich nicht gegen diese Seele der Natur, sondern verbünden und verheiraten sich mit ihr, denn es ist ja der Götter Wunsch, dass sich die Ursachen im Großen und Ganzen auswirken. Deswegen ist auch der Tod keine wahre Lösung.
Nun wünscht sich die Seele der Natur nichts sehnlicher, als das reine und göttliche Licht des Bewusstseins, nämlich Balder als Gott des Lichtes. Doch sie sieht natürlich nur die Füße der Götter, mit denen sie sich in der äußerlichen Welt bewegen können. Entsprechend wählt sie auch einen Naturgott der Wanen, und das ist dann Njörd, der Gott des Meeres, Windes und Feuers. So verheiratet sich die verursachende Seele wieder mit dem wirkenden Geist der Natur.
Und wie findet sie ihre Lebensfreude wieder? Auch dazu wird wieder eine wunderliche und rätselhafte, aber sehr tiefe Symbolik für das Wesen von Loki beschrieben: Die Ziege erinnert uns an Heidrun vom Dach von Walhall, dem „Geheimnis des Weidelandes“, die den süßen Met als Göttertrank der Ganzheit spendet. Und der Hoden von Loki erinnert an den Samen der Zeugung aus dem Meer der Ursachen für die vielfältigen Lebewesen, die entstehen wollen. Wie also die Götter allgemein zur Ganzheit und geistigen Einheit wirken, so wirkt Loki dagegen zur natürlichen Vielfalt in der Einheit. Entsprechend lässt er sich dann auch „in Skadis Schoß fallen“, und das ist natürlich eine große Freude für die Seele, die Vielfalt zu gebären.
Doch „aller guten Dinge sind drei“: So sorgt schließlich auch Odin dafür, dass die Augen des Frostriesens als Symbol für das Bewusstsein als Sterne an den Himmel geheftet werden, was der Unvergänglichkeit bereits sehr nahekommt. Zumindest wissen wir heute, dass manche Sterne fast so alt wie das ganze Universum sind.
Damit finden wir in den drei Gaben an Skadi auch die drei Götter vom Anfang der Geschichte wieder: Die erste Gabe der Hochzeit mit Njörd käme dann von Hönir als Vernunft und heilendem Geist. Die zweite Gabe der Freude an der lebendigen Vielfalt der Natur kam von Loki. Und die dritte Gabe der Unvergänglichkeit der Augen des Bewusstseins schenkte Odin. Eine wundervolle Geschichte! Doch sie geht noch weiter, aber in einem anderen Buch, nämlich in „Gylfis Illusion“ §23 in der Beschreibung von Njörd:
Ein dritter Ase ist der, den man Njörd nennt. Er lebt im Himmel an dem Ort namens Noatun (Schiffsplatz, Meer). Er bestimmt den Lauf des Windes und regelt Meer und Feuer. Ihn ruft man bei Seefahrten und Fischfang an. Er ist so reich und mit Erfolg gesegnet, dass er den Menschen aus der Fülle an Land und Vermögen etwas geben kann. Darum wird er auch angerufen. Njörd stammt nicht aus dem Geschlecht der Asen. Er wuchs in Wanenheim auf, aber die Wanen gaben ihn den Göttern als Geisel und nahmen im Austausch den, der Hönir heißt. Er war Teil der Friedensvereinbarung zwischen Göttern und Wanen. Njörd hat die Frau mit Namen Skadi, die Tochter des Riesen Thjasi. Doch Skadi will die Wohnstatt haben, die ihrem Vater gehört hatte. Sie liegt in den Bergen an dem Ort, der Thrymheim heißt („Heim des Kampflärms“). Njörd will jedoch nahe am Meer leben. Sie einigten sich darauf, neun Tage in Thrymheim zu verbringen und danach die anderen neun in Noatun. Doch als Njörd vom Gebirge nach Noatun zurückkam, sprach er folgendes:
„Leid sind mir die Berge, ich war nicht lange dort, nur neun Tage. Das (laute) Geheul der Wölfe erschien mir übel im Vergleich zum Gesang der Schwäne.“
Darauf antwortete Skadi:
„Und ich konnte am Meeresstrand wegen des Geschreis der Vögel nicht schlafen. Die Möwe weckte mich jeden Morgen, wenn sie vom Meer kam.“
Dann reiste sie hinauf ins Gebirge und wohnte in Thrymheim. Sie ist viel auf Schneeschuhen mit dem Bogen unterwegs und jagt Tiere. Sie heißt Schneeschuh-Göttin oder Ski-Diese (Schicksalsfrau), wie es hier gesagt wird:
Thrymheim heißt es, wo Thjasi wohnte, der übermächtige Riese. Aber nun bewohnt Skadi, die strahlende Braut der Götter, den alten Hof des Vaters.
Njörd aus Noatun bekam später zwei Kinder: Das eine hieß Freyr (als Sommergott) und die Tochter Freya (als Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin). Sie waren von schönem Äußeren und mächtig. Freyr ist der vornehmste unter den Asen. Er bestimmt über Regen und Sonnenschein und damit über die Fruchtbarkeit der Erde. Es ist günstig, ihn um gute Ernte und Frieden anzurufen. Zudem bestimmt er den Reichtum der Menschen. Freya ist die angesehenste der Asinnen… Ihr gefallen die Liebeslieder, und es ist nützlich, sie in Liebesdingen anzurufen. (Gylfaginnîng §23/24 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
So wird Skadi als Tochter des Berg- und Frostriesens zur Wintergöttin und bewohnt immer noch gern die eisigen Berge, wo die Wölfe vor Hunger heulen. Ihre Ehe mit Njörd wird damit zum Wellenspiel von Winter und Sommer, die scheinbar getrennt leben und doch verheiratet sind. So erscheint ein Wellenspiel zwischen Erstarren und Fließen vom Wasser des Lebens, und daran erinnert auch die Neun als Zahl der Erneuerung. Dabei sorgt sie als Wintergöttin und Seele der natürlichen Verursachung dafür, dass das Leben über die frostige Winterzeit bewahrt bleibt und wird zur Mutter von Freyr und Freya als Sommergott und Göttin der sinnlichen Liebe und Fruchtbarkeit. Auch darin findet man das Spiel von Wirkung und Gegenwirkung wieder, so dass wohl der göttliche Fall von Loki in den Schoß von Skadi nicht wirkungslos blieb. Denn logischerweise ist Loki als Gott ganzheitlich überall anwesend und wirkt schließlich im Sinne der ganzheitlichen Gottheit.

(siehe auch Stammbaum-Edda PDF)
Dazu wird in „Gylfis Illusion“ ab §33 über Loki berichtet:
Zu den Asen wird auch derjenige gezählt, den manche Verleumder der Asen, Urheber der Hinterlist und Schande aller Götter und Menschen nennen. So wird Loki (der „Schlingel“ bzw. „Verwobene“) oder Lopt (der „Luftige“ bzw. „Unbegreifbare“) genannt, der Sohn des Riesen Farbauti („feindlicher Schläger“). Seine Mutter heißt Laufey („Laub“) oder Nal („Nadel“). Seine Brüder sind Byleist („Wogenschlag“) und Helblindi (der „Hel nicht sieht“, auch ein Göttername Odins). Loki ist hübsch und von gefälligem Äußeren, hat jedoch einen schlechten Charakter und ist in seinem Benehmen unberechenbar. An Schlauheit übertrifft er alle anderen, aber auch in allen Arten von Betrug. Er bereitete den Asen fortwährend Schwierigkeiten, aber oft löste er sie mit List. Seine Frau heißt Sigyn („Siegesbringerin“), und ihr gemeinsamer Sohn ist Nari oder Narfi (der „Verengende und Begrenzende“).
Wie kann man nun den göttlichen Geist des Widerspruchs beschreiben, ohne daraus einen Bösewicht, Teufel oder Dämon zu machen? Jede Wirkung braucht nun einmal eine Gegenwirkung im Großen und Ganzen, sonst würde alles sogleich umfallen, und nichts könnte bestehen. Jeder Fluss braucht zwei Ufer, sonst kann er nicht fließen. Daher könnte es in der Schöpfung ohne Vergehen kein Entstehen geben, ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Tod kein Leben, ohne Böses kein Gutes, ohne Nacht kein Tag. Das liegt am Wesen der Schöpfung, dem Mimir-Verstand. Wie auch Herman Hesse in seinem Buch „Siddharta“ schreibt:
Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: Eine Wahrheit lässt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit.
So wurde auch Loki als geformtes Wesen unseres Verstandes als Sohn eines Riesen und einer Riesin vom Makrokosmos im Aufgang der Welt geboren, ähnlich wie Odin. Der Name seines Vaters erinnert bereits an sein feindliches Wesen als Gegenwirkung, und die Mutter erinnert an das Laub der Vergänglichkeit und den Schmerz der Nadel, deren Leiden Loki auch als Gott verkörpert. Sein Bruder Helblindi deutet dazu eine nahe Verwandtschaft mit Odin an, dem wirkenden Schöpfergott. So heißt es dann auch in „Lokis Spottreden“ (Vers 9):
Loki sprach: „Erinnerst du dich daran, Odin, dass wir in Urtagen gemeinsam das Blut mischten? Du gelobtest, dich nimmer am Bier zu laben, wenn es nicht uns beiden gebracht wird.“
Seine Frau Sigyn erinnert als „Siegesbringerin“ an die Walküre Sigrdrifa als „Sieg-Treiberin“, die sich ähnlich wie Loki gegen Odins Willen gestellt hatte und doch schließlich zum Sieg der Gottheit wirkte. Ihr Sohn Nari oder Narfi als der „Verengende und Begrenzende“, scheint ebenfalls gegen das göttliche Licht der Ganzheit zu wirken, doch das ist für das körperliche Leben in der Schöpfung notwendig. Denn ohne Begrenzung gäbe es kein körperliches Leben. In dieser Hinsicht deutet er bereits das Wesen der weiteren drei Kinder von Loki an:
Aber Loki hatte noch mehr Kinder. Angrboda („Sorgen-Botin, Angstquelle“) hieß eine Riesin in Riesenheim, und mit ihr hatte Loki drei Kinder: Eines war der Fenriswolf, das zweite Jörmungand („Riesenschlange“), das ist die Midgardschlange, das dritte schließlich Hel (die Totengöttin). Aber die Götter wussten davon, dass diese drei Geschwister in Riesenheim aufwuchsen. Und sie erfuhren durch Weissagungen, dass ihnen von den Geschwistern großes Unglück widerfahren würde, und es schien allen, von ihnen nur das Schlechteste erwarten zu können, zuerst wegen der mütterlichen, aber noch mehr wegen der väterlichen Eigenschaften. Da sandte Allvater die Götter aus, um diese Kinder zu ergreifen und sie mitzubringen. Als sie zu ihm kamen, warf er die Schlange in das tiefe Meer, das sich um das ganze Land (Midgard) erstreckt. Aber die Schlange wuchs so sehr, dass sie mitten im Meer um alle Länder herumliegt und sich in den eigenen Schwanz beißt.

(siehe auch Stammbaum-Edda PDF)
Wie Odin, so hat auch Loki mehrere Frauen, zumindest zwei, mit denen er Kinder zeugte. Er konnte sich sogar in eine Stute verwandeln und gebar dem Hengst Svadilfari das achtbeinige Pferd Sleipnir, das „Dahingleitende“, das er Odin schenkte, in dem man sogar das lebendig-fließende Wesen der Schöpfung sehen kann, auf dem dann Odin reitet. Doch im obigen Text wird nun berichtet, dass er mit einer Riesin drei Kinder zeugte, die den Göttern große Sorgen machen. Vor allem Odin als Schöpfergott, denn alle drei Kinder wirken gegen die entstehende Schöpfung, nämlich als Gegenwirkung der Auflösung. So kann man in ihnen die drei Prinzipien von Vergänglichkeit, Abtrennung und Tod erkennen.
Am schwersten ist wohl die Midgardschlange zu verstehen, die unsere Menschenwelt als Midgard bzw. Mittelgarten umschließt und von allen anderen Welten abtrennt. So umschließt dieses Schlangenprinzip der Abtrennung unsere Welt und durchdringt auch alle Wesen, die darin geboren werden. Und darin liegt ein großes Gift verborgen, das nur schwer zu erkennen ist. Dies ist vor allem der Egoismus als ein trennendes Bewusstsein, das uns von anderen abtrennt und damit auch von der Ganzheit und Gottheit, so dass wir vergängliche Wesen werden, die mit der Geburt in Midgard beginnen und mit dem Tod enden. In dieser Hinsicht erinnert die Midgardschlange auch an die biblische Schlange im Paradiesgarten, aus der dann der dämonische Teufel wurde. Dieses giftige Wesen der Trennung könnte man als Grundproblem der ganzen Schöpfung betrachten. Und so ist wohl auch die ganze Schöpfung nur dafür da, dieses Grundproblem zu lösen, wofür auch die Einherier in Walhall kämpfen. In der Sagenwelt der Nibelungen haben wir dieses Schlangenwesen der Trennung oft als Drachen wiedergefunden, und vor allem der Endkampf in der Beowulf-Sage erinnert sehr an das Wesen der Midgardschlange.

Der „Selbst-Verschlinger“
Die Symbolik einer Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, ist als Ouroboros sehr alt und deutet eigentlich auf ein selbsterhaltendes Wesen hin, sozusagen ein Perpetuum Mobile, wie man das ganze Universum oder die Gottheit als ein solches betrachten kann. Doch um diese göttliche Ganzheit geht es hier offenbar nicht, sonst wäre es kein Unglück für die Götter, sondern es geht vor allem um das Ego, das sich selber einschließt und in der Trennung als ein Ganzes und Eigenständiges betrachtet. Ähnlich verwendet auch Jacob Böhme dieses Symbol als ein „Feuerrad des eigenen Wesens in einer Schlangengestalt“ in seiner Schrift „Gespräch einer erleuchteten und unerleuchteten Seele“ von 1624.
So sorgt nun Loki dafür, dass sich dieses Problem der Abtrennung in der Schöpfung verkörpert, denn nur so kann es sich auswirken und gelöst werden. Und Odin sorgt dafür, dass dieses giftige Wesen in Raum und Zeit gezügelt und ins „tiefe Meer“ des Lebens bzw. der Ursachen zurückgedrängt wird, und nicht gleich die ganze Schöpfung überwältigt. Vermutlich wird hier auch auf die natürliche Eigenschaft der Schlangen als wechselwarme Tiere angespielt, so dass sie im kalten Wasser im „tiefen Meer“ immer träger werden.
Wenn man es dann irgendwann schafft, dem Schlangen-Drachen den gefräßigen Kopf abzuschlagen, dann kehrt sich die Sichtrichtung wieder zur Quelle um, sozusagen gegen den „Uhrzeigersinn“ der Zeit. Dann wird daraus der berühmte Zen-Kreis, der offen ist, so dass sich auch der Adler zum Göttlichen und ganzheitlichen erheben kann, wenn die eigenwillige Begierde zur ganzheitlichen Liebe wird. Dann wird sozusagen aus dem „Selbst-Verschlinger“ ein „Selbst-Gebärer“, aus dem Einzelkämpfer ein Einherier. Und damit erinnert dieser Kreis an den Ring Draupnir, den „Tröpfler“, den wir später als Symbol der zyklischen Erneuerung noch ausführlicher betrachten werden.

Der „Selbst-Gebärer“
Hel („die Verbergende bzw. Höhle“) verbannte er nach Niflheim (in die „Nebelwelt“) und gab ihr von dort die Herrschaft über die neun Welten (der Schöpfung). Denn sie sollte alle Wohnstätten mit denen teilen, die zu ihr geschickt wurden, und das sind die Menschen, die an einer Krankheit und an Altersschwäche sterben. Sie besitzt dort einen großen Hof, und ihre Zäune sind außergewöhnlich hoch, mit großen Gittertüren. Eljudnir (Elend, Eiskälte) heißt ihre Halle, Hunger ihre Schüssel, Begierde ihr Messer, Ganglati (Trägheit) heißt ihr Knecht, Ganglöt (Faulheit) ihre Magd, Fallgefahr ist die Türschwelle, über die man eintritt, Krankenlager heißt das Bett, funkelnder Schaden ihr Bettvorhang. Zu einer Hälfte ist sie schwarz, aber zur anderen von Fleischfarbe; deshalb ist sie leicht zu erkennen und eher düster blickend und grimmig.
Gleiches gilt für den Tod, wenn sich die abgetrennte Bewusstseinsblase noch weiter verengt und begrenzt. Daher verbannt auch Odin den Tod in eine Nebelwelt, wie in eine Traumwelt, damit er nicht alles Leben in der göttlichen Schöpfung überwältigen kann. Diesbezüglich wird Odin auch Helblindi genannt, der „Tod und Hel nicht sieht“, denn er sieht immer und überall nur sein eigenes Auge des ewigen Bewusstseins als ewiges Leben. Daher wird auch nur ein Bewusstsein in den Tod zur Hel „geschickt“, das nicht als Einherier im Kampf um die Ganzheit bzw. Gottheit in Odins Auge fällt, sondern als Einzelkämpfer an sich selber stirbt, an seinem eigenen, abgetrennten Körper, mit dem es sich im Leben völlig identifiziert hat. Und wenn sich dann dieser Körper auflöst, verschwindet natürlich auch das Bewusstsein, das nur in diesem Körper leben wollte, wie in eine dunkle Nebelwelt, in eine scheinbare Sackgasse des Todes ohne Wiederkehr. Es glaubt „Ich bin jetzt tot“, und kann sich nicht vorstellen, daraus wieder zu entkommen, und will es vielleicht auch in seiner Trägheit gar nicht. Und eben dieser Wille wird dann zum „Zaun und Gitter“ der Totenhöhle.
Ja, auch diese Form kann das Bewusstsein annehmen, das jede Form annehmen kann. Und das wäre vielleicht sogar gut und schön als ewige Ruhe, wenn es keine ungelösten Probleme mehr gäbe, die gelöst werden wollen und unter denen das Bewusstsein in „Hunger und Begierde“ leiden muss. Und das größte Problem ist natürlich immer noch die Abtrennung, die man früher „Todsünde“ nannte, als die Trennung von der Gottheit. So könnte man zumindest über Hel nachdenken, die selbst nur halbtot ist, zur Hälfte totes Dunkel und zur anderen Hälfte lebendiges Licht, und nur für Egos grimmig und düster blickt.
Den Wolf (Fenris als „Sumpfiger“) behielten die Asen bei sich, und nur Tyr (der „Gott des gerechten Sieges“) hatte den Mut, zu ihm zu gehen und ihn zu füttern. Aber als die Götter sahen, wie viel er jeden Tag wuchs, und als alle Weissagungen sagten, er werde ihnen Verderben bringen, da fassten die Asen den Entschluss, eine überaus starke Fessel zu machen, die sie Löding („Wachstum“) nannten. Sie brachten sie zum Wolf und luden ihn ein, seine Kraft an ihr zu messen. Aber ihm schien dies keine schwierige Aufgabe zu sein, und er ließ sie machen, was sie wollten. Und beim ersten Mal, als er dagegentrat, riss die Fessel. So befreite er sich von Löding. Als nächstes schufen die Asen eine zweite Fessel von doppelter Stärke, die nannten sie Dromi („Trägheit“). Wieder baten sie den Wolf, sich an ihr zu versuchen, und sie erklärten ihm, er werde wegen seiner Stärke sehr berühmt werden, wenn solch ein dickes Schmiedewerk ihn nicht halten könne. Und der Wolf überlegte, dass diese Bande doch sehr stark seien, aber er dachte auch daran, dass seine Kraft gewachsen war, seitdem er Löding zerbrochen hatte. Es kam ihm in den Sinn, dass er sich auf dieses Risiko einlassen müsse, wenn er berühmt werden wolle. So ließ er sich die Fessel anlegen. Als die Asen erklärten, sie seien fertig, schüttelte sich der Wolf und schlug die Fessel auf die Erde. Er strengte sich gewaltig an, stemmte sich dagegen, und die Kette riss, so dass ihre Teile weit umherflogen. So befreite er sich von Dromi. Seitdem ist es üblich zu sagen, man befreie sich von Löding oder reiße sich von Dromi los, wenn jemand eine Sache heftig betreibt.
Danach fürchteten die Asen, dass sie den Wolf nicht fesseln könnten. Deshalb sandte Allvater einen Boten Freyrs mit Namen Skirnir („der Strahlende“) hinunter nach Schwarzalbenheim zu den Zwergen und ließ sie die Fessel schmieden, die Gleipnir („Verursachung“) heißt. Sie wurde aus sechserlei Dingen gemacht: Aus dem Lärm der Katzenpfoten und dem Bart der Frau, aus den Wurzeln des Felsens und den Sehnen des Bären, aus dem Atem des Fisches und dem Speichel des Vogels. Und wenn du diese Begebenheit noch nicht kennst, dann kannst du hier sofort ein wahres Beispiel finden, dass du nicht belogen wirst. Du wirst festgestellt haben, dass die Frau keinen Bart hat, dass durch den Gang einer Katze kein Lärm entsteht, und wie unter dem Felsen keine Wurzeln sind. Aber wahrlich ist alles, das ich dir erzählt habe, gleich wahr, auch wenn darunter einige Dinge sind, die du nicht überprüfen kannst.
Eine weitere mächtige Gegenwirkung in den neun Welten der Schöpfung ist die Vergänglichkeit. Denn alles, was entsteht, muss natürlich auch wieder vergehen. Dafür haben wir bereits in der Beschreibung von Odin den hungrigen Wolf als Symbol kennengelernt, der von den Göttern gezügelt wird, damit die Schöpfung nicht gleich wieder verschlungen wird, sondern ein Lernprozess möglich ist. Mit diesem Problem kämpft übrigens auch unsere moderne Wissenschaft, und fragt sich: Warum haben sich im Urknall nicht alle Teilchen und Antiteilchen als Wirkung und Gegenwirkung sogleich wieder aufgelöst? Warum blieben einige übrig, die wir heute als die Materie unseres Universums kennen? Wer hält ihre Antiteilchen zurück? Wer bindet und zügelt sie, solange das Universum existiert? (siehe auch Wikipedia: CP-Verletzung)
Ähnlich stand wohl auch früher schon die große Frage: Wie kann man den Prozess der Vergänglichkeit zügeln und den hungrigen Wolf binden? Der Inbegriff dieser Wölfe ist als Allverschlinger der Fenrir oder Fenris-Wolf, der schließlich zu Ragnarök sogar Odin verschlingen wird, zumindest unsere Vorstellung von ihm. Seinen Namen Fenrir kann man von „fen“ für Sumpf ableiten, also ein ewiger Sumpf, in dem alles wieder versinken kann.
Wie kann man diesen Wolf zügeln und binden? Zuerst könnte man versuchen, das lebendige Wachstum zu verstärken. Doch mit dem Wachstum wächst natürlich auch die Vergänglichkeit, so dass der Wolf noch stärker wird. Ein weiterer Versuch ist die Trägheit, um das Vergehen zu bremsen, wie es die Berg- und Frostriesen in Form von erstarrter Materie versuchen. Damit hat der Wolf schon mehr zu kämpfen. Der dritte Versuch ist dann der genialste, nämlich eine Fessel aus Dingen zu machen, die noch nicht da sind, sozusagen aus „Ur-Sachen“. Denn diese verstärkt sich selbst, je mehr man sie nicht haben will. Und erst, wenn nichts Neues mehr entstehen kann, verliert diese Fessel ihre Kraft, denn dann ist auch diese Schöpfung überlebt und am Ende. So könnte man sagen: Die Verursachung macht die Schöpfung dauerhaft, weil sie die Zeit streckt, ohne sie anzuhalten. Und Ragnarök als Ende der Schöpfung wäre dann eine Art „Zusammenbruch“ der Verursachung.
Wow, darüber kann man lange nachdenken, und dahinter steht wieder die Seele der Natur als Prinzip der Verursachung, und im Grunde das formlose Bewusstsein, das jede Form annehmen kann. Das ist dann auch das Unvergängliche, das man in der Vergänglichkeit wiederfinden kann, der Sinn und Zweck der ganzen Schöpfung, die Wahrheit selbst, die war, bevor etwas wurde.
Genial ist auch die Symbolik, wie die Götter zu dieser Fessel kommen: Skirnir, der „Strahlende“, geht als Licht des Bewusstseins und Bote von Freyr als Gott des Sommers und des Lebens in den Mikrokosmos zu den Naturgeistern der Zwerge, also in die dunkle Welt der Materie. Dorthin sind auch unsere modernen Naturwissenschaftler gegangen und haben in der Kernphysik eine wundervolle Quelle von allem gefunden. Ulrich Warnke spricht diesbezüglich vom „Meer der Möglichkeiten“, Hans-Peter Dürr sagt „Materie ist geronnener Geist, dem nichts mehr einfällt“, Anton Zeilinger sagt „Information ist der Urstoff des Universums - Wirklichkeit und Information sind dasselbe“, und wir sprechen in dieser Hinsicht gern vom „Meer der Ursachen“ und vom „formlosen Bewusstsein, das jede Form annehmen kann“.
Dazu sagte Gangleri (“der Wanderer“): Ich kann gewiss erkennen, dass dies wahr ist. Ich kann es ja sehen, was du als Beispiel genommen hast. Aber wie wurde die Fessel geschmiedet?
Der Hohe antwortete: Das kann ich dir wohl sagen. Sie wurde glatt und geschmeidig wie ein Seidenband, aber so fest und stark, wie du gleich hören wirst. Als die Fessel den Asen gebracht wurde, dankten sie dem Boten für seine Mühe. Dann fuhren sie hinaus auf das Gewässer, das Amswartnir („dunkle Meer“ der Ursachen) heißt, und auf die Insel namens Lyngwi („Heideland“ als Weideland für die Lebewesen). Sie hießen den Wolf dazukommen, zeigten ihm das Seidenband und forderten ihn auf, es zu zerreißen. Sie sagten, es sei etwas stärker, als es bei Dingen dieser Dicke wahrscheinlich sei, denn jeder gab es dem anderen weiter, und jeder versuchte es mit seiner Körperkraft, doch es riss nicht. Und dann sagten sie, der Wolf werde es zerreißen. Darauf antwortete er: „Mit diesem Band scheint es mir so zu sein, dass ich keinen Ruhm damit erwerben kann, selbst wenn ich es in Stücke reiße. Wenn es aber mit Geschick und List gemacht wurde, so dass es nur so dünn erscheint, dann kommt dieses Band nicht an meine Beine.“ Dazu sagten die Asen: „Du wirst dieses schmale Seidenband schnell in Stücke reißen, denn du hast vorher die starke Eisenkette zerbrochen. Wenn es dir aber nicht gelingt, dieses Band zu zerreißen, dann wirst du uns Göttern keine Furcht mehr einjagen können, und wir werden dich losbinden.“ Der Wolf sagte: „Wenn ihr mich so fesselt, dass ich mich nicht selbst befreien kann, dann handelt ihr auf eine Weise, nach der mir kaum eure Hilfe zuteilwerden wird. Deshalb bin ich nicht darauf erpicht, mir dieses Band anlegen zu lassen. Doch ehe ihr mir mangelnden Mut vorwerft, lege doch einer von euch seine Hand als Pfand in mein Maul, damit es ehrlich zugeht.“ Aber jeder der Asen sah den anderen an, und es schien jetzt zwei Probleme zu geben. Niemand wollte seine Hand vorstrecken, bis schließlich Tyr (der „Gott des gerechten Sieges“) seine rechte Hand ausstreckte und sie dem Wolf ins Maul legte. Und als dieser zog, wurde das Band fest und noch härter. Denn je mehr er sich zu befreien versuchte, umso fester war das Band. Da lachten alle außer Tyr, denn er verlor seine Hand.
So wurde der Wolf der Vergänglichkeit mit der Fessel Gleipnir gebunden, mit der Macht der Verursachung. Und dafür verlor der „Gott des gerechten Sieges“ eine Hand als Opfer. Was bedeutet das? Einerseits kann man in diesem Verlust eine „göttliche Asymmetrie“ sehen, die für eine Dauerhaftigkeit der Schöpfung notwendig ist, wie auch die moderne Physik weiß. Denn in perfekter Symmetrie würde sich alles sogleich wieder aufheben und nichts könnte in Zeit und Raum existieren. Dafür ist eine kleine Asymmetrie nötig, wie sie auch im Urknall angenommen wird. Andererseits verliert er auch die „rechte Hand“ als Symbol der Gerechtigkeit, weil die Götter ihr Versprechen nicht einhielten, den Wolf wieder loszubinden, und im Prinzip auch gar nicht einhalten konnten. Denn wer könnte diese Fessel der Verursachung lösen, wenn sie einmal angelegt ist? Wie gerecht und wahrhaftig ist also diese Schöpfung? Hier kann man wieder über den Wein der „Illusions- und Schöpferkraft“ nachdenken, den Odin als Schöpfergott trinkt. Denn ein Gott kann natürlich als ganzheitliches Wesen in Wahrheit nichts verlieren, nicht einmal seine Hand. In diesem Sinne kann die Asymmetrie wie auch die Bindung der Vergänglichkeit nur eine Illusion sein, die aber im Spiel von Wirkung und Gegenwirkung notwendig ist, um die Erfahrung der körperlichen Schöpfung in Zeit und Raum hervorzubringen, auf einer Insel im Meer der Ursachen, wo die Lebewesen ihr Weideland finden sollen.
So könnte man auch sagen: Die Götter handeln, als wären sie begrenzt, damit eine begrenzte Welt entstehen kann. Diese Begrenzung ist damit eine freiwillige Selbstverhüllung der Gottheit und Ganzheit. Denn jede Form, die das Bewusstsein annimmt, ist eine Begrenzung.
Interessant ist auch der Stolz des Wolfes, an den die Götter appellieren, damit er die Fessel „freiwillig“ bzw. eigenwillig anlegt. Darin klingt das Ego-Wesen der Midgardschlange an, denn alle drei Kinder von Loki sind natürlich als Vergänglichkeit, Abtrennung und Tod eng miteinander verwandt und verbunden.
Als die Asen sahen, dass der Wolf vollständig gefesselt war, nahmen sie den Strick, der an der Fessel befestigt war und Gelgja („Stange“ als Verbindung) genannt wurde. Sie zogen ihn durch eine dicke Steinplatte namens Gjöll (wie der gleichnamige Totenfluss), und befestigten diese tief unten in der Erde. Dazu nahmen sie einen großen Stein, der Thwiti („Schleuderstein“) heißt, warfen ihn noch tiefer in die Erde und benutzten ihn als Pflock für das Seil. Der Wolf riss sein Maul weit auf, gebärdete sich heftig und wollte sie beißen. Da steckten sie ihm ein Schwert ins Maul, der Griff berührte den unteren Gaumen, die Spitze den oberen. Das ist seine Gaumensperre. Er heulte fürchterlich, und Geifer lief aus seinem Maul. Das ist der Fluss, der Wan heißt („Erwartung, Hoffnung“ bzw. Hunger). Dort bleibt der Wolf bis Ragnarök.
Schließlich steht noch die Frage: Woran kann man die Gleipnir-Fessel binden? Die Beschreibung klingt sehr kompliziert und kann eigentlich nur symbolisch gemeint sein. So können wir hier an den berühmten „Stein der Weisen“ denken, der als unvergänglicher Grundstein von allem gilt. Dieser deckt den Totenfluss zu, und alles baut auf ihn auf und ist mit ihm verbunden. Darin kann man wieder ein Symbol für das formlose Bewusstsein sehen, das alle vergänglichen Formen annehmen kann, aber selbst unvergänglich ist.
Zum Schluss wird noch eine weitere Lösung für das Problem der Vergänglichkeit angedeutet, nämlich das Schwert der Weisheit, von dem wir bereits gesprochen haben. Seine Spitze symbolisiert die „Einheit“, und der Griff wäre dann ein „Begriff der Einheit“. Mit diesen beiden kann man natürlich auch den hungrigen Rachen des Wolfes blockieren, denn in der Einheit kann es logischerweise keine Vergänglichkeit geben. Wohin sollte dann etwas vergehen? Und doch ist damit sein Hunger nicht gestillt, denn alles, was in der Vielfalt der Formen entsteht, muss wieder vergehen. Auch das gehört zur Einheit, und ist auch Ragnarök, das „Schicksal der Götter“.
Dazu sagte Gangleri (“der Wanderer“): Außerordentlich üble Kinder bekam Loki, aber alle diese Geschwister sind von großer Bedeutung. Doch warum töteten die Asen den Wolf nicht, da sie von ihm doch nur Schlechtes zu erwarten hatten?
Der Hohe antwortete: So hoch schätzten die Götter ihr Heiligtum und die Friedensstätte, dass sie diese nicht mit dem Blut des Wolfes beflecken wollten, obwohl die Weissagungen prophezeien, er werde Odin töten.
(Gylfaginnîng §33/34 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Das „Tötenwollen“ kann natürlich für alle drei Geschwister keine göttliche bzw. ganzheitliche Lösung sein, denn das Töten ist ein Trennen vom Leben, und damit würde man die Prinzipien von Vergänglichkeit, Abtrennung und Tod nur noch weiter verstärken. So würde ein solcher Versuch den Göttern ihr heiliges, friedliebendes und ganzheitliches Wesen rauben, und es wären keine Götter mehr.
Diese Geschichte wird in der Edda zweimal erzählt. Eine Version steht im „Reginlied“ der Heldenlieder. Wir möchten hier zunächst die andere, kürzere Fassung aus dem Skalden-Buch §39 betrachten:
Es wird erzählt, dass die Asen Odin, Loki und Hönir aufbrachen, um die Welt zu erforschen. Sie gelangten an einen Fluss und gingen an ihm entlang bis zu einem Wasserfall. Dort war ein Otter, und der hatte im Wasserfall einen Lachs gefangen, den er mit fast geschlossenen Augen aß. Da hob Loki einen Stein auf, warf ihn nach dem Otter und traf ihn am Kopf. Loki rühmte seine Jagdbeute, denn er hatte mit einem Schlag einen Otter und einen Lachs erjagt. Darauf nahmen sie Lachs und Otter mit sich. So kamen sie zu einem Gehöft und gingen hinein. Der Bauer, der dort wohnte, wurde Hreidmar („Nest-Ruhm“) genannt, er war sehr stark und überaus zauberkundig. Die Asen baten um ein Nachtlager und sagten, sie hätten ausreichende Nahrung dabei, und sie zeigten dem Bauer ihre Beute. Aber als Hreidmar den Otter sah, rief er seine Söhne, Fafnir („Umklammerung/Greif“) und Regin („Berater“), und sagte, dass ihr Bruder Otter („Inspiration/Lebensgeist“) erschlagen worden sei und auch, wer das getan habe. Dann gingen Vater und Söhne sofort auf die Asen los, ergriffen sie, fesselten sie (nahmen Odins Speer und Lokis Schuhe in Gewahrsam) und erzählten von diesem Otter, er sei ein Sohn Hreidmars gewesen. Die Asen boten Lösegeld, so viel, wie Hreidmar selbst fordern wollte. Und so wurde es mit ihm vereinbart, und die Eide wurden gesprochen. Daraufhin wurde der Otter gehäutet. Hreidmar nahm seinen Balg und sagte dazu, sie sollten ihn mit rotem Gold füllen und ganz umhüllen. Das sollte ihre Versöhnung sein.
Auch diese Geschichte beginnt wieder mit den drei Göttern Odin, Loki und Hönir als Wirkung, Gegenwirkung und Heilung durch Vernunft, die aus der Gottheit „aufbrechen“. Denn Bewegung kann es nur in der scheinbaren Trennung geben. Ähnlich findet man auch in der indischen Mythologie die drei Götter Brahma, Shiva und Vishnu zur Schöpfung, Auflösung und Bewahrung. Und es heißt, sie „brechen auf, um die Welt zu erforschen“. Was wollen Götter in der Welt erforschen? Sich selbst? Nun, Götter sind ganzheitliche Wesen und natürlich überall anwesend. So helfen sie auch uns in dieser Welt, die Essenz zu erforschen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und so kommen sie zum Fluss des Lebens und gehen ihn mit uns „entlang zum Wasserfall“. Denn jeder Fluss muss ein Gefälle haben, und die Geschöpfe, die darin mitschwimmen, sind die „Gefallenen“ in Walhall, der „Halle der Gefallenen“ in der Welt der Schöpfung. So wird auch Odin als Schöpfergott „Walvater“ genannt, „Vater der Gefallenen“.
Interessanterweise scheint auch in dieser Geschichte Hönir keine Rolle zu spielen. Doch vielleicht täuscht das, und er ist die Geschichte selbst oder zumindest das Feld, in der die Geschichte sich spielt? Die beginnt damit, dass Loki einem Otter den Kopf zerschlug, der im Wasserfall einen Lachs gefangen hatte und unachtsam verzehren wollte. Der Otter heißt im Altnordischen „Otr“ und erinnert damit an „Óðr“ für Inspiration und Lebensgeist, von dem auch der Name „Odin“ als „Lebensgeist der Schöpfung“ abgeleitet werden kann. Damit erscheint Loki wieder als Gegenwirkung zu Odin und scheint den Otter zu töten, dem Odin das Leben gegeben hat. Und doch ist es eigentlich nichts Totes, sondern die Nahrung der Götter. Wie auch der Lachs mit seinem roten Fleisch bereits an das rote Gold als Symbol der lebendigen Wahrheit erinnert. Dazu ist er ein klassisches Symbol für die Rückkehr zur Quelle, denn am Ende seines Lebens im Meer schwimmt er unermüdlich seinen Geburtsfluss hinauf, zur Quelle, wo er geboren wurde, um sich dort zu paaren und fortzupflanzen. Dann stirbt er gewöhnlich, um seinen Körper als Nahrung für weiteres Wachstum zu opfern.
Der Bauer Hreidmar erinnert uns in seinem „Gehöft“ an die Körperlichkeit, und mit seiner „Zauberkunde“ an die damit verbundene Illusion des Bewusstseins, das sich mit einem Körper identifiziert. So erbitten die Götter, die für „ausreichende Nahrung“ sorgen, auch ein „Nachtlager“ bei ihm, in der weltlichen Nacht der Unwissenheit. In seinen drei Söhnen Fafnir, Regin und Otter können wir das Wesen der drei Götter Loki, Odin und Hönir wiedererkennen. Sie sind jedoch aus der Ganzheit in die Trennung gefallen, und werden damit menschlich zu Ego, Verstand und Vernunft, die in jedem Menschen und im Prinzip auch in jedem Geschöpf mehr oder weniger ausgeprägt anwesend sind.
Durch den Tod der menschlichen Vernunft aufgrund von Unachtsamkeit bei der Ernährung geschieht nun das, was am Ende des letzten Kapitels bezüglich der Frage von Gangleri angedeutet wurde: Die Götter werden „ergriffen und gebunden“ und müssen sich im Menschen wieder „freikaufen“. Das „Lösegeld“ für ihr Leben ist natürlich das Gold der Wahrheit, das den Tod der Vernunft „aufwiegt“. Was sonst könnte die Vernunft wieder lebendig machen? Daher geht es auch um „rotes Gold“, dessen Farbe an das Blut als Lebenssaft erinnert, und damit um „lebendige Wahrheit“. Wo findet man dieses rote Gold?
Da sandte Odin Loki nach Schwarzalbenheim, und er kam zu dem Zwerg, der Andwari heißt („Gegenwärtigkeit/Achtsamkeit“). Er war als Fisch im Wasser, und Loki ergriff ihn. Er forderte von ihm als Lösegeld das ganze Gold, das er in seinem Felsen hatte. Und als sie in den Stein kamen, holte der Zwerg das gesamte Gold hervor, das er besaß. Das war ein sehr großer Schatz. Doch er verbarg schnell einen kleinen Goldring in seiner Hand. Loki sah es, und er forderte ihn auf, den Ring sofort herzugeben. Der Zwerg bat, ihm den Ring nicht wegzunehmen, denn er könne mit diesem Ring sein Gold wieder vermehren, wenn er ihn behalten dürfe. Doch Loki erwiderte, er solle nicht einen Pfennig zurückbehalten, nahm ihm den Ring und ging hinaus. Daraufhin sprach der Zwerg, dass der Ring jedem den Tod bringen solle, der ihn besitze. Loki sagte, dies erscheine ihm gut, und sprach, diese Prophezeiung gelte, vorausgesetzt, er selbst bringe sie dem zu Ohren, der den Ring in Besitz nehme.
Wo findet man nun dieses rote Gold als lebendige Wahrheit? Ähnlich wie Skirnir, der „Strahlende“, in der letzten Geschichte als Licht des Bewusstseins und Bote von Freyr in den Mikrokosmos zu den Naturgeistern der Zwerge geschickt wurde, so wird hier Loki nach Schwarzalbenheim geschickt, also in die dunkle Welt der Materie, wo man die lebendige Wahrheit als Quelle und Grund der ganzen Schöpfung finden kann. Der Naturgeist heißt hier Andwari als „Gegenwärtigkeit und Achtsamkeit“, der als Fisch im Wasser des Lebens schwimmt und das rote Gold aus dem „Stein der Materie“ oder auch „Stein der Weisen“ hervorholen kann.
Schüler: Wer predigt die Weisheit des Buddha?
Nanyang: Mauern und Steine.
Schüler: Wie können die uns etwas lehren? Sie leben und fühlen doch nicht.
Nanyang: Das besagt nicht, dass niemand sie hört.
Schüler: Wer hört sie denn?
Nanyang: Alle Weisen hören sie.
(Zen-Buddhismus)
Andwari gab das Gold gern, möchte aber einen kleinen Ring in seiner Hand behalten, mit dem er das Gold wieder vermehren kann. Dieser Ring erinnert uns erneut an die Bedeutung von Draupnir, dem „Tröpfler“, von dem in jeder neunten Nacht acht gleichschwere Ringe abtropfen. Solange er der Ganzheit und Gottheit gehört, können wir darin den Ring der Erneuerung des „Selbst-Gebärers“ sehen, das Wesen der Einherier als unvergängliches Bewusstsein, das auf die Quelle gerichtet ist, aus der alles immer wieder neu entsteht, und zwar in jedem Moment. Wird er aber egoistisch „in Besitz genommen“, dann wird er zum „Selbst-Verschlinger“, wie wir oben die Midgardschlange kennengelernt haben: Nämlich ein vergängliches Bewusstsein eines Einzelkämpfers, das begierig auf den Fluss der Vergänglichkeit gerichtet ist, um das Vergängliche festzuhalten. Und Loki sorgt nun dafür, dass uns dies „zu Ohren kommt“ und bewusst werden kann:
Er ging fort, kam zu Hreidmar und zeigte Odin das Gold. Als der den Ring sah, erschien er ihm schön, und er nahm ihn vom Schatz. Das übrige Gold bot er Hreidmar an. Der füllte den Otterbalg so dicht, wie er konnte, und stellte ihn auf, als er voll war. Danach kam Odin, um den Balg mit Gold zu umhüllen, und bat Hreidmar, er solle prüfen, ob er auch ganz umhüllt sei. Doch der schaute ihn ganz genau an und erblickte noch ein Barthaar. Er verlangte, es zu bedecken, sonst gelte der Frieden nicht. Da holte Odin den Ring hervor, bedeckte das Barthaar damit und sagte, nun seien sie von der Otterbuße befreit. Doch als Odin seinen Speer ergriffen hatte und Loki seine Schuhe, und sie sich nicht länger fürchten mussten, da sagte Loki, es solle gelten, was Andwari gesprochen habe: Dieser Ring und das Gold sollten ihrem Besitzer den Tod bringen, und das solle von nun an wirken. Darum heißt das Gold Otterbuße und der Asen Lösegeld.
Warum nimmt Odin diesen Ring? Ja, dieser Ring der dauerhaften Erneuerung gehört eigentlich nur Odin als Allvater und Schöpfergott, der ihn tragen sollte. Dann wäre wohl auch diese Geschichte sogleich gut ausgegangen, und sogar Andwari hätte den Ring in der Ganzheit wiederbekommen, denn er dient ja als Naturgeist im Mikrokosmos der Gottheit. Doch Hreidmar verlangt von Odin die Vollkommenheit einer Form, die doch ein abgetrennt existierender Körper niemals besitzen kann. Und Odin gibt sie ihm sogar, doch damit gleichzeitig den Tod, der natürlich in der Vollkommenheit zur Körperlichkeit dazugehört. So erinnert uns das Barthaar einerseits an die winzige Asymmetrie bzw. Unvollkommenheit, die in der körperlichen Schöpfung nötig ist, damit sie zeitweilig bestehen kann. Denn nur Unvollkommenes kann in Zeit und Raum existieren. Andererseits erinnert das Barthaar symbolisch an einen ausgesprochenen Gedanken oder ein Gefühl bezüglich der Außenwelt, das vergoldet, also wahrhaftig werden soll, was auch für die Vernunft nicht funktioniert. Denn ein Wort, Gedanke oder Gefühl ist eine Form und damit eine Erfahrung, die zwar auf die Wahrheit hinweisen kann, aber selbst nicht die Wahrheit ist. So wird dann zwar der Otter als Vernunft mit dem roten Gold der lebendigen Wahrheit aufgewogen, kann aber in Hreidmars Familie bzw. Körper nicht wieder lebendig werden. Damit war es vorbei mit dem „Nest-Ruhm“, und dafür sorgen dann seine beiden anderen Söhne als Ego und Verstand, wie wir noch lesen werden.
Doch die Götter wurden von ihrer Schuld befreit. Odin erhält seinen Speer als Seele der Verursachung in der Schöpfung zurück, und Loki seine Schuhe zur Beweglichkeit in der äußeren Welt. Sodann zeigt sich Loki auch selbst als Gegenwirkung zur körperlichen Schöpfung und gibt Hreidmar das wirksame Wissen von seinem Tod. Das ist eine wunderbare Symbolik, denn das Wissen ist natürlich eine Grundlage der gesamten Schöpfung. Wie auch die Bibel sagt: „Im Anfang war das Wort.“ Oder die moderne Wissenschaft: „Information ist der Urstoff des Universums.“ Und so kann man auch das „Bewusstsein“ als „bewegtes Wissen im Sein“ als Grundlage der Schöpfung und „Stein der Weisen“ verstehen.
Nachdem Hreidmar das Gold als Sohnesbuße empfangen hatte, verlangten Fafnir und Regin davon ihren Anteil als Bruderbuße. Doch Hreidmar gönnte ihnen keinen Pfennig vom Gold. Da fassten die Brüder den üblen Beschluss, ihren Vater wegen des Goldes zu töten. Als das geschehen war, verlangte Regin, dass Fafnir das Gold mit ihm in zwei Hälften teilen sollte. Doch Fafnir erwiderte, es sei kaum zu erwarten, dass er das Gold mit seinem Bruder teilen werde, da er seinen Vater um des Goldes willen getötet habe. Und er befahl Regin wegzugehen, sonst werde es ihm wie Hreidmar ergehen. Fafnir nahm den Helm, den Hreidmar besessen hatte, und setzte ihn sich auf den Kopf. So wurde er „Schreckenshelm“ genannt, weil alle Lebewesen erschraken, die ihn sahen. Und er nahm sich das Schwert, das Hrotti („Übeltäter“) heißt. Regin besaß dagegen das Schwert namens Refill („Wandbehang/Gewebe“). Er floh davon, aber Fafnir zog hinauf zur Gnitaheide („Geröll-Heide“, vermutlich in die Berge) und machte sich dort ein Lager. Er nahm die Gestalt einer Schlange an und legte sich auf das Gold. Regin jedoch fuhr zu König Hjalprek („helfende Kraft“) nach Thjod („Menschenvolk“) und wurde dessen Schmied. Dort übernahm er die Pflege Sigurds (altnordisch „Sieg-Beschützer“), des Sohns von Sigmund (altdeutsch „Sieg-Beschützer“)…
(Skáldskaparmál §39/40 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Wem gehört nun die lebendige Wahrheit, wenn die ganzheitliche Vernunft tot ist? Der Körperlichkeit, dem Ego oder dem Verstand? Zuerst beansprucht der Körper die ganze Wahrheit, und wegen dieses Anspruchs muss er auch sterben, getötet von seinem eigenen Ego. Doch das Ego stirbt nicht mit dem Körper, sondern beansprucht nun das ganze Gold der Wahrheit für sich, sogar unabhängig vom Verstand. Dazu zieht es sich in die Materie zurück und will dort das Gold der Wahrheit festhalten, sozusagen in der „Geröll-Heide“, wo die Steine wachsen. Und je stärker diese Begierde des Festhaltens wird, desto mehr wird dann ein Berg- und Frostriese daraus, wie wir ihn in Ymir oder Thjasi bereits kennengelernt haben. Denn die Materie scheint in unserer Welt immer noch das Beständigste zu sein. So weiß auch die moderne Wissenschaft, dass manche Atome so alt wie das gesamte Universum sind.
Dazu ist auch das Ego als „Ich bin“ eine sehr wunderliche Geschichte: Einerseits kann es die größte lebendige Wahrheit sein, wie auch Christus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14.6)“ Und damit hat es auch den Anspruch auf das ganze rote Gold der lebendigen Wahrheit. Andererseits kann das „Ich“ die größte tödliche Lüge sein, wenn daraus in der Trennung eine Schlange, ein Drache, Teufel oder Dämon wird. Es ist also nur eine Frage, ob das „Ich bin“ in die Ganzheit oder in die Trennung schaut, wirkt und gerichtet ist. In der Trennung erscheint dann das zischende „Ich“ mit seinem giftigen Feueratem des Todes und der Vernichtung, denn es muss alles vernichten und töten, was ihm bedrohlich erscheint. Und das sind die „anderen Ichs“ und vor allem das ganzheitliche Bewusstsein der Vernunft.
So gibt es ein Ego, das die lebendige Wahrheit oder auch die Wahrheit des Lebens festhalten will. Doch was man festhalten will, muss man logischerweise wieder verlieren. Wie auch Christus sinngemäß sagt: „Wer sein Leben festhalten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen (als Ganzheit) verliert, der wird es finden, und im ewigen Leben bewahren.“ Deshalb kann man auch die Wahrheit nicht festhalten, sondern nur sein, was dann auch der Weg der Einherier ist.
Suche nicht die Wahrheit,
Habe nur keine Meinung.
(Seng-Ts´an, Zen-Weisheit)
Und wie geht dann die Ego-Geschichte weiter? Die Ego-Schlange Fafnir wird, ähnlich wie die Midgardschlange, zum innerlichen Wesen der Menschenwelt von Midgard. Und alles, was sich hier mit Materie verkörpert, hat nun automatisch auch die Ego-Schlange in sich. In jedem Atom ist der feuerspeiende Drache verborgen, den man ohne Vernunft nicht wecken sollte, wie uns die moderne Wissenschaft mit der Atomenergie deutlich gezeigt hat. Und der Regin-Verstand geht als Schmied in die Menschenwelt, wo Hjalprek, die helfende Kraft der Schöpfung, als König herrscht, und schmiedet dort die begrifflichen Rüstungen, Helme und Schmuckstücke. Wir können diesen Schmied unter anderen Namen, wie als Mimer oder Wieland, in vielen Sagen wiederfinden. Und schließlich heißt es, dass er dort die Pflege von Sigurd übernimmt, in dem wir die göttliche Vernunft wiedererkennen können, die natürlich in Wahrheit niemals sterben kann.
Was in dieser Version der Geschichte noch fehlt, ist die weibliche bzw. natürliche Seite. Dazu finden wir in der anderen Version des „Regin-Liedes“ noch zwei Töchter von Hreidmar namens Lyngheid und Lofnheid als „Kraut-Heide“ und „Gunst- oder Erlaubnis-Heide“, in denen man die äußere Natur und die innere Seele der Natur sehen kann. Sie werden dort nur kurz erwähnt, als Hreidmar stirbt und seine beiden Töchter ruft:
10. „Lyngheid und Lofnheid, wisset, dass mir das Leben genommen wurde! Vieles ist es, was nun die Not (das Schicksal) erzwingt.“
Lyngheid antwortete: „Selten wird die Schwester, auch wenn sie den Vater verliert, ihren Schmerz am Bruder rächen.“
11. Hreidmar sprach: „Wenn du keinen Sohn mit einem Fürsten bekommst, dann gebär eine Tochter, wolfsherzige Dise (Schicksalsfrau). Gib der Jungfrau einen Mann in großer Not (des Schicksals)! Dann kann ihr Sohn deinen Schmerz rächen.“ Und starb…
(Reginlied/Reginsmál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
Diese beiden „lebendigen Heiden“ stehen damit im Gegensatz zur „Geröll-Heide“ von Fafnir und erfüllen als Schicksalswesen der Verursachung ihre Aufgabe. Darin spiegelt sich symbolisch auch der Speer von Odin wider, sozusagen als verursachende Seele der Natur, die darum kämpft, alle verursachten Probleme wieder auszuwirken und zu lösen. Das geschieht natürlich immer im Zusammenspiel von Geist und Natur als Männlich und Weiblich und kann sich über viele Generationen hinziehen. Dazu werden im letzten Vers zwei Wege angedeutet, um das Schicksal der Geschichte fortzusetzen:
1. Weg: Lyngheid gebiert einen Sohn als Rächer. Diese Konstellation erinnert uns an die überlieferte Beowulf-Sage, die mit einem Drachenkampf endet, der sehr gut zu dieser Geschichte passt, weil dort das Gold aus der Drachenhöhle eines Berges wiedergewonnen wird. Der Sohn wäre dann Beowulf, der fleißige „Bienen-Wolf“ als Seelenkraft, von der „wolfsherzigen Schicksalsfrau“ geboren, und ihre Brüder wären Herebald („Heerführer“), Haethkyn („hitziger König“) und Hygelak („Spiel des Verstandes“), in denen man ebenfalls Vernunft, Ego und Verstand wiederfinden kann (siehe auch Stammbaum und Interpretation zur Beowulf-Sage in Kapitel 33). So kann man in diesem ersten Weg die Verursachung bzw. Geburt der Lösung sehen, wie Krishna, Buddha oder Jesus geboren wurden, und es von Jesus heißt: „Gleichwie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele. (Matth. 20.28)“ Entsprechend wird auch in der Beowulf-Sage beschrieben, wie die gemeinsame Halle der Kämpfer, die uns sehr an Walhall erinnert, von Beowulf wieder „funktionstüchtig“ gemacht wird, und er am Ende auch den Drachen der tödlichen Vernichtung besiegt und das rote Gold als lebendige Wahrheit hervorholt und aufzeigt, womit sich der Sinn seiner körperlichen Geburt erfüllt. Und die Geschichte endet damit, dass der Goldschatz mit Beowulf wieder im Felsengrab verborgen wird, um dann zum zweiten Weg der Auswirkung im Fluss des Lebens überzugehen:
2. Weg: Lyngheid gebiert Grimhild, deren Tochter Gudrun dann Sigurd heiratet, und in ihrem Sohn Sigmund kann man die Widergeburt des gleichnamigen Vaters von Sigurd sehen. Dies wird dann in der nordischen Edda-Version der weitverbreiteten Nibelungensage erzählt. Der Weg beginnt mit Sigurd als „Sieg-Beschützter“ und Ururenkel von Odin, der Fafnir und Regin besiegt, um den Vatermord zu rächen, und den Goldschatz gewinnt. Dann heiratet er Gudrun als „Gott-Rune“ und göttlichem Geheimnis der Natur, damit sich das Problem auswirken kann. Im Nibelungenlied heißt sie Kriemhild. Sigurd kann man dort in Siegfried wiederfinden, und Högni und Gunnar in Hagen und Gunther, die dort die Rolle von Ego und Verstand spielen, wiederum für den Tod der Vernunft als Siegfried und „Sieg-Frieden“ sorgen und den Goldschatz der lebendigen Wahrheit im Rhein versenken, im Fluss des Lebens, wo er noch heute liegt. Der Sohn von Siegfried und Kriemhild heißt hier Gunther und überlebt als „vernünftiger Verstand“. Im Vergleich dazu finden wir den Weg von Gudrun im Fluss der Auswirkung in der Edda-Version wesentlich verworrener, aber vielleicht klärt sich das irgendwann noch.
Diese zwei Wege von Verursachung und Auswirkung bilden dann natürlich wieder einen ewigen Kreis, und dieser Ring umschließt wohl nicht zufällig auch unsere mystische Reise durch die Sagenwelt der Nibelungen, in der wir ebenfalls versucht haben, die alten Sagen vor allem aus geistiger Sicht zu betrachten.
Ja, über diese Wege kann man noch viel nachdenken. Doch wir wollen nun wieder zum göttlichen Geist von Loki zurückkehren, der als schöpferische Gegenwirkung auch in dieser Geschichte wieder für viel Bewegung sorgte, damit sich die verdrängten Probleme aus dem Meer der Ursachen auswirken und lösen können, wie die Wellen im Wind des Geistes.