Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Das Lied von Thrym und des Hammers Heimholung

Dieses wundervolle Lied wird gern als humorvolle Komödie gelesen. Auch darin kann man einen Wert sehen, der die Genialität solcher Werke unterstreicht, so dass sie auf mehreren Ebenen zu verstehen sind. Wir empfehlen, den relativ kurzen Text zunächst im Ganzen zu lesen:

1. Wütend war damals Wing-Thor, als er erwachte und seinen Hammer vermisste. Er schüttelte seinen Bart, raufte sich das Haar, und überall suchte Jörds Sohn (Sohn der Erde).

2. Dann sprach er zu zuallererst die Worte: „Höre, Loki, was ich nun sage, und was noch keiner auf der Erde noch im Himmel weiß: Der Ase (Gott) wurde seines Hammers beraubt!“

3. Da gingen sie zur schönen Wohnstätte der Freya (nach Folkwang, „Volks-Feld“). Und Thor sprach sogleich die Worte: „Willst du mir, Freya, dein Federkleid leihen, damit ich meinen Hammer wiederfinden kann?“

4. Freya antwortete: „Ich will es dir gern geben, auch wenn es aus Gold wäre. Du sollst es haben, selbst wenn es aus Silber wäre.“

5. Damit flog Loki, und das Federkleid rauschte, bis er aus Asgard herauskam und Riesenheim erreichte.

6. Thrym („Lärm“) saß als Herr der Riesen auf einem Berg, schmückte seine Hunde mit goldenen Halsbändern und striegelte die Mähnen seiner Pferde.

7. Da fragte Thrym: „Wie geht es den Asen (Göttern)? Wie steht es mit den Alben (Zwergen)? Warum bist du allein nach Riesenheim gekommen?“

Loki antwortete: „Übel geht’s den Asen. Schlecht steht’s mit den Alben. Hast du den Hammer von Hlorridi (Thor als „Lärm-Reiter“) versteckt?“

8. Thrym sprach: „Ich habe Thors Hammer acht Rasten (Meilen) unter der Erde versteckt. Ihn holt keiner zurück, außer man brächte mir Freya als Frau.“

9. Da flog Loki, und das Federhemd rauschte, bis er aus Riesenheim herauskam und Asgard (Ása garða) erreichte. Dort traf er Thor mitten in der Burg (miðra garða), und dieser sprach sogleich die Worte:

10. „Hast du Meldung von der Mühe? Lass aus der Höhe ausführliche Kunde hören! Denn oft vergisst der Sitzende die Botschaft, und der Liegende bringt Lüge vor.“

11. Loki antwortete: „Ich habe Mühe und Meldung: Thrym hat deinen Hammer, der Herr der Riesen. Und ihn holt keiner zurück, außer man brächte ihm Freya als Frau.“

12. Da gingen sie, die schöne Freya zu treffen, und sogleich sprach Thor die Worte: „Lege dir, Freya, das Gewand einer Braut an! Wir beide müssen nach Riesenheim fahren.“

13. Doch Freya wurde wütend und fauchte, dass der ganze Saal der Asen erbebte. Ihr strahlender Brising-Halsschmuck fiel herab, und sie rief: „Du kennst mich wohl als mannstoll, dass ich mit dir nach Riesenheim fahre!“

14. Schnell versammelten sich alle Asen zum Thing, und alle Asinnen zum Gespräch. Die mächtigen Götter berieten darüber, wie sie Thors Hammer zurückbekämen.

15. Da sprach Heimdall, der Hellste der Asen, der viel vorauswusste, nicht weniger als die Wanen: „Legen wir doch Thor das Gewand der Braut an. Und er trage den großen Brising-Halsschmuck!

16. Lassen wir an seinem Gürtel die Schlüssel klingen und Frauenkleider über seine Knie fallen. Auf seiner Brust sollen prächtige Juwelen glänzen, und geschickt richten wir seinen Kopfschmuck (und Brautschleier)!“

17. Darauf sprach Thor, der kraftvolle Ase: „Mich werden die Asen unmännlich nennen, wenn ich mir das Brautgewand anlegen lasse.“

18. Doch Loki, der Sohn der Laufey („des Laubes“), erwiderte: „Schweig, Thor, mit solchen Worten! Bald werden die Riesen Asgard bewohnen, wenn du deinen Hammer nicht wiederholst.“

19. Da legten sie Thor das Brautgewand an und den großen Brising-Halsschmuck. Sie ließen an seinem Gürtel die Schlüssel klingen und Frauenkleider über seine Knie fallen. Auf seiner Brust glänzten prächtige Juwelen, und geschickt richteten sie seinen Kopfschmuck (und Brautschleier).

20. Dann sagte Loki, der Sohn der Laufey: „Auch ich werde als Magd bei dir sein. So werden wir beide nach Riesenheim fahren.“

21. Schnell waren die Böcke heimgetrieben und an die Deichseln geschirrt. Sie mussten so schnell laufen, dass Felsen brachen und die Erde in Flammen brannte, als Odins Sohn nach Riesenheim fuhr.

22. Da sprach Thrym, der Herr der Riesen: „Steht auf, ihr Riesen, und schmückt die Bänke! Dann bringt mir Freya zur Frau, Njörds Tochter, aus Noatun!

23. Goldgehörnte Kühe sollen hier im Hof wandeln, auch ganz schwarze Ochsen, dem Riesen zur Freude! Viel habe ich an Schätzen, viel an Schmuck, nur Freya fehlt mir noch, so denke ich.“

24. Bald brach der Abend an, und vor die Riesen wurde das Bier gebracht. Thor, Sifs Ehemann, aß allein einen Ochsen, acht Lachse, alle Leckerbissen für die Frauen, und trank drei Fässer Met.

25. Da sprach Thrym, der Herr der Riesen: „Wo sah man Bräute gieriger schlingen? Nie sah ich eine Braut mehr essen, noch eine Jungfrau mehr Met trinken.“

26. Doch neben ihm saß die kluge Magd, die auf die Rede des Riesen antwortete: „Acht Nächte lang fastete Freya, so sehr sehnte sie sich nach Riesenheim.“

27. Da schielte der Riese unter den Brautschleier, lüstern nach einem Kuss. Doch weit wie der Saal sprang er zurück: „Wie schrecklich glühen die Augen Freyas?! Mir scheint, aus ihren Augen lodert Feuer.“

28. Doch neben ihm saß die kluge Magd, die auf die Rede des Riesen antwortete: „Acht Nächte schlief Freya nicht, so sehr sehnte sie sich nach Riesenheim.“

29. Herein kam die arme Schwester der Riesen, die ein Brautgeschenk zu fordern wagte: „Gib mir von deinen Händen die roten (goldenen) Ringe, wenn du meine Liebe erlangen willst, meine Liebe, meine ganze Gunst.“

30. Da sprach Thrym, der Herr der Riesen: „Bringt den Hammer herein, die Braut zu weihen! Legt Mjölnir in den Schoß der Jungfrau, und weiht uns zusammen durch die Hand der Wár (Ehegöttin)!“

31. Hlorridi (Thor) lachte das Herz in der Brust, als der Hartherzige (Hartgemute) den Hammer erblickte. Zuerst zerschlug er Thrym, den Herrn der Riesen, und zerschmetterte die gesamte Familie des Riesen (die hier versammelt war).

32. Dann schlug er die alte Schwester der Riesen, die ein Brautgeschenk gefordert hatte. Sie bekam Schläge statt der Schillinge (aus Gold) und Hiebe des Hammers statt der vielen Ringe.

So kam Odins Sohn wieder an den Hammer.
(Thrymskvida nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Wir möchten nun den wundervollen Text wieder aus geistiger Sicht betrachten, um die vielen Symbole zu deuten und die Tiefe der Geschichte zu ergründen. Los geht’s:

1. Wütend war damals Wing-Thor, als er erwachte und seinen Hammer vermisste. Er schüttelte seinen Bart, raufte sich das Haar, und überall suchte Jörds Sohn (Sohn der Erde).

2. Dann sprach er zu zuallererst die Worte: „Höre, Loki, was ich nun sage, und was noch keiner auf der Erde noch im Himmel weiß: Der Ase (Gott) wurde seines Hammers beraubt!“

Der Name Wing lässt sich als „Schwingen“ im Sinne des Hammerschwingens deuten, aber auch als „Weihe“ (nach E. Pettit), wie der Hammer auch am Ende dieses Liedes in beide Richtungen gebraucht wird. Doch zunächst finden wir gleich zu Beginn einen erstaunlichen Kontrast zu dem Amulett, das im letzten Abschnitt beschrieben wurde. Denn hier zeigt sich Thor weder besonders wachsam noch untrennbar mit dem Hammer vereint. Und das ist gut und lehrreich, denn ein Gott kann natürlich jede Form annehmen, auch wenn unser Verstand versucht, ihn in eine bestimmte Form zu zwängen. Doch was wäre das für ein Gott, der dem Zwang unseres Verstandes unterliegt? Ein erstarrter Gott, von Frostriesen überwältigt?

3. Da gingen sie zur schönen Wohnstätte der Freya (nach Folkwang, „Volks-Feld“). Und Thor sprach sogleich die Worte: „Willst du mir, Freya, dein Federkleid leihen, damit ich meinen Hammer wiederfinden kann?“

4. Freya antwortete: „Ich will es dir gern geben, auch wenn es aus Gold wäre. Du sollst es haben, selbst wenn es aus Silber wäre.“

Freya ist die Tochter des Wanen-Gottes Njörd und somit ein Kind der göttlichen Natur. Sie verkörpert in der Natur vor allem die göttliche Schönheit und Liebe. Ihr Federkleid ist wohl das Falkengewand, das sie Loki in den Geschichten öfters leiht, damit er nach Jötunheim in das körperliche Reich der Riesen fliegen kann. Symbolisch könnte man darin sehen, dass die Natur dem Geist eine körperliche Form verleiht, damit er in der materiellen Welt wirken und als Loki gegenwirken kann. Die Federn erinnern an etwas sehr Leichtes, was noch nicht schwerfällig erstarrt ist, wie wir auch den Traum des Fliegens kennen, um uns in den Himmel zu erheben. Freya gibt dieses Körperkleid gern, selbst wenn es aus Gold und Silber wäre. Das Gold erinnert an die Wahrheit, und das Silber an den Verstand, ähnlich wie Sonne und Mond. Ja, daraus sind wohl im Grunde alle Kleider in der Natur gemacht, wie der Mimir-Verstand die Schöpfung aus Odins Auge schöpft. Und mit diesem Federkleid fliegt Loki nach Jötunheim:

5. Damit flog Loki, und das Federkleid rauschte, bis er aus Asgard herauskam und Riesenheim erreichte.

6. Thrym („Lärm“) saß als Herr der Riesen auf einem Berg, schmückte seine Hunde mit goldenen Halsbändern und striegelte die Mähnen seiner Pferde.

Das Reich von Thrym haben wir als Thrymheim bereits kennengelernt. Sein Name erinnert an „Getöse, Lärm oder Kampflärm“ und damit an die lärmende Verstandeswelt der Verkörperung in der Natur. Wie auch Skadi als Wintergöttin und Frau von Njörd in Thrymheim lebt, und sich Njörd über den Lärm der Wölfe dort beschwert hat. So ist auch unsere Welt voller Kampflärm: Laute Maschinen, Autos und Flugzeuge, wie auch der Lärm der Gedanken in unseren Köpfen, die dann im Herbst des Lebens gewöhnlich zu tobenden Stürmen werden. Damit steht diese Welt von Thyrm im Gegensatz zum Reich von Widar, Odins Sohn als Gott des Schweigens und schweigenden Kämpfer im Wald der Vorstellungen.

Entsprechend sitzt auch Thyrm als Bergriese auf dem Berg der versteinerten Materie. Seine Hunde erinnern an die Wach- und Jagdhunde der Gedanken als gezähmte Wölfe, die er mit dem Gold der Wahrheit binden und schmücken will. Und seine Pferde erinnern an die Körperlichkeit, die er pflegt, liebt und verschönern will.

7. Da fragte Thrym: „Wie geht es den Asen (Göttern)? Wie steht es mit den Alben (Zwergen)? Warum bist du allein nach Riesenheim gekommen?“

Loki antwortete: „Übel geht’s den Asen. Schlecht steht’s mit den Alben. Hast du den Hammer von Hlorridi (Thor als „Lärm-Reiter“) versteckt?“

Hier finden wir einen interessanten Bezug, dass mit dem Verlust des Hammers nicht nur die Asen in ihrer geistigen Wirkung von der Erstarrung bedroht sind, sondern auch die Alben als Natur-Geister in ihrer Funktion der schöpferisch-lebendigen Gestaltung.

Und warum ist Loki allein nach Riesenheim gekommen? Auch in dieser Geschichte sind Thor und Loki eng miteinander verbunden und im göttlichen Sinne auch vereint. Denn zu jeder Wirkung gehört natürlich eine Gegenwirkung. Doch der Riese sieht nur Loki allein und nicht, dass mit ihm auch Thor auf ihn zukommt, um den Raub des Hammers zu rächen. Entsprechend wird Thor von Loki als Hlorridi bezeichnet, als „Lärm-Reiter“, und kündigt damit dessen Wirkung an.

8. Thrym sprach: „Ich habe Thors Hammer acht Rasten (Meilen) unter der Erde versteckt. Ihn holt keiner zurück, außer man brächte mir Freya als Frau.“

Hier offenbart nun der Riese den Grund, warum er den Hammer gestohlen hatte. Er will Freya gewinnen. Ähnliches wurde in der Geschichte vom Burgbau in Asgard berichtet, als der Baumeister Freya zum Lohn forderte. Was verspricht sich der Riese davon? Muss er nicht Thors Zorn fürchten? Hier könnten wir uns gut vorstellen, dass der Riese glaubte, durch die Heirat mit einer Göttin ebenfalls unsterblich zu werden, so dass er dann auch Thors Hammer nicht mehr fürchten muss. Wie also die Götter durch die Heirat mit Riesentöchtern sterbliche Verkörperungen wurden, um einen lebendigen Schöpfungszyklus zu verkörpern, so versucht nun der Riese durch die Heirat mit einer Gottestochter eine unsterbliche Verkörperung zu werden.

Dazu versteck er den Hammer der Gestaltung und Umgestaltung tief in der Erde, wo er ihn vor den Göttern sicher wähnt. So versuchte er, sich mit materieller Körperlichkeit wie mit einer Rüstung vor dem Hammerschlag zu schützen, ähnlich wie Skrymir den versteinerten Berg über seinen Kopf hielt. Dadurch entstehen die materiellen Schutzmauern der Körperlichkeit um den Kopf herum als Sitz für den körperlich-sinnlichen Verstand. So erscheint auch uns die Materie oft viel zuverlässiger als der Geist, was dann unser „Riesenverstand“ ist.

In dieser Hinsicht erinnert dieser „Riesenverstand“, der dann zur „Riesenbegierde“ wird, auch an die Geschichte vom Frostriesen Thjasi, der die Göttin Idun der Jugend und Unsterblichkeit mit ihren goldenen Äpfeln der Wahrheit von den Göttern forderte. Auch dort leiht sich Loki das Falkengewand von Freya und fliegt nach Riesenheim, nordwärst in das Reich der Natur, um Idun den Göttern zurückzuholen. Mit dieser Geschichte von Thjasi und Skadi haben wir das Kapitel über das Wesen von Loki begonnen. Ähnlich sorgt er nun auch hier für eine Lösung:

9. Da flog Loki, und das Federhemd rauschte, bis er aus Riesenheim herauskam und Asgard (Ása garða) erreichte. Dort traf er Thor mitten in der Burg (miðra garða), und dieser sprach sogleich die Worte:

10. „Hast du Meldung von der Mühe? Lass aus der Höhe ausführliche Kunde hören! Denn oft vergisst der Sitzende die Botschaft, und der Liegende bringt Lüge vor.“

11. Loki antwortete: „Ich habe Mühe und Meldung: Thrym hat deinen Hammer, der Herr der Riesen. Und ihn holt keiner zurück, außer man brächte ihm Freya als Frau.“

Auch das ist interessante Symbolik: Zuerst wird die Burgmauer als „garða“ zwischen Asgard und Riesenheim angesprochen, über die Loki hinwegfliegen kann. Praktisch ist das vor allem die Materie, die zwischen Geist und Natur trennt. Ja, darüber kann sich unser Verstand erheben, wenn er seine träge Schwerfälligkeit ablegt, und aus der Höhe die Welt „überschaut“, um wahrhafte Botschaft zu melden. Doch sobald er wieder in der Welt sitzt, vergisst er sie, und wenn er liegt, fällt er noch weiter in die Traumwelt. Hier können wir uns wieder an die verschiedenen Bewusstseinsebenen erinnern, die man in der Welt erfahren kann.

Ähnlich wissen wir auch, wieviel Mühe es macht, diese Welt zu verstehen und die vielen Zusammenhänge zwischen den Geschehnissen zu erkennen. Das ist die Welt der schönen Freya, der schönen Natur, deren Anmut und Liebe wir alle mehr oder weniger begehren. Doch wird sie sich uns hingeben? Laut „Gylfis Illusion“ §35 hat sie bereits einen Ehemann, der sie aber verlassen hat:

Freya ist einem Mann vermählt, der Odr heißt („Lebensgeist, Inspiration“). Deren Tochter heißt Hnoss („Schatz“): Sie ist so schön, dass nach ihrem Namen alles bezeichnet wird, was schön und kostbar ist. Odr zog fort auf ferne Wege, und Freya weint ihm nach, und ihre Tränen sind rotes Gold.

So ist die Natur mit dem inspirierenden Geist verheiratet, der lebendig macht. Doch warum scheint er sie zu verlassen, sodass der Natur eine materielle Erstarrung droht? Kann sie diesen Geist überhaupt in einer Form finden, die nicht vergänglich wäre? Man sagt, seitdem wandert sie durch die Welt und ist auf der Suche nach ihm. Dabei weint sie ihre Tränen aus dem roten Gold der wahren Liebe. Das ist eine wundervolle Vision, wie die Schönheit und Liebe der äußerlichen Natur dazu da ist, den unvergänglichen Geist des Lebens wiederzufinden. Ob sie ihn in Riesenheim finden kann?

12. Da gingen sie, die schöne Freya zu treffen, und sogleich sprach Thor die Worte: „Lege dir, Freya, das Gewand einer Braut an! Wir beide müssen nach Riesenheim fahren.“

13. Doch Freya wurde wütend und fauchte, dass der ganze Saal der Asen erbebte. Ihr strahlender Brising-Halsschmuck fiel herab, und sie rief: „Du kennst mich wohl als mannstoll, dass ich mit dir nach Riesenheim fahre!“

Nun, offenbar sucht sie ihren Mann nicht in Riesenheim, sondern wird wütend und verliert dabei sogar ihre Schönheit und Liebe. Dafür ist der „strahlende Brising-Halsschmuck“ zwischen Kopf und Körper als Geist und Natur ein schönes Symbol. Dieser Schmuck wird auch Brisingamen genannt und erinnert an einen feurigen Glanz natürlicher Schönheit, der allen in die Augen sticht. Es heißt, er wurde von vier Zwergen der Naturgeister geschaffen. Diese Geschichte wird in einem späteren Werk des 14. Jahrhunderts namens „Sörla tháttr“ erzählt:
Danach beobachtete die Göttin Freya die vier Zwerge Álfrigg, Dvalin, Berlingr und Grérr in einem Felsen dabei, wie sie ein goldenes Halsband schmiedeten. Freya bot den Zwergen Gold und Silber für den Schmuck an, doch diese waren daran nicht interessiert. Sie erklärten, dass ein jeder seinen Anteil am Halsband an Freya übertrage, wenn sie mit ihm eine Nacht das Lager teilen würde. Freya erklärte sich dazu bereit und erwarb auf diese Weise den kostbaren Halsschmuck. (Quelle: Wikipedia)

Symbolisch erinnern uns diese vier Zwerge an die vier Elemente der Natur und deren Schönheit. Mit ihnen musste sich Freya vereinen, um ihre äußerlich verführerische Schönheit zu gewinnen. Doch damit will und darf sie in diesem Fall den Göttern nicht helfen. Was nun?

14. Schnell versammelten sich alle Asen zum Thing, und alle Asinnen zum Gespräch. Die mächtigen Götter berieten darüber, wie sie Thors Hammer zurückbekämen.

15. Da sprach Heimdall, der Hellste der Asen, der viel vorauswusste, nicht weniger als die Wanen: „Legen wir doch Thor das Gewand der Braut an. Und er trage den großen Brising-Halsschmuck!

16. Lassen wir an seinem Gürtel die Schlüssel klingen und Frauenkleider über seine Knie fallen. Auf seiner Brust sollen prächtige Juwelen glänzen, und geschickt richten wir seinen Kopfschmuck (und Brautschleier)!“

Hier hat nun auch Heimdall seinen Auftritt als weitsichtiges Bewusstsein, das sowohl das Reich des Geistes als auch der Natur im Licht aller Farben überschauen kann. So sieht er deutlich, wie die Geschichte weitergehen muss, wenn sich Freya nicht als Braut für den Riesen hingibt: Dann muss der Geist die Rolle der Natur spielen, weil er jede Form annehmen kann. Denn Freya gibt deutlich zu verstehen, dass sie zwar gern das Kleid verleiht, aber tragen muss es der Geist, und im Grunde sogar der göttliche Geist. Denn sie weiß, dass dieses Kleid nur aus „Gold und Silber“ besteht, aus dem Geist der Wahrheit und des Verstandes. Daher soll nun Thor auch das Brautkleid der weiblichen Natur und den Schmuck der natürlichen Schönheit tragen. Starke Botschaft!

Die Schlüssel am Gürtel galten damals als Insignien herrschaftlicher Frauen, erinnern uns aber auch symbolisch an die Schlüssel der Natur, die uns die Tore zum göttlichen Geist öffnen können. Kopfschmuck und Brautschleier sind ebenfalls starke Symbole für die äußerliche Natur, mit denen sie ihr geistiges Wesen verhüllt, und vor allem auch ihr göttliches und ganzheitliches Wesen: Die geistige Einheit in der natürlichen Vielfalt. Ja, in dieser Verhüllung liegt das „Geschick“ der Götter.

17. Darauf sprach Thor, der kraftvolle Ase: „Mich werden die Asen unmännlich nennen, wenn ich mir das Brautgewand anlegen lasse.“

18. Doch Loki, der Sohn der Laufey („des Laubes“), erwiderte: „Schweig, Thor, mit solchen Worten! Bald werden die Riesen Asgard bewohnen, wenn du deinen Hammer nicht wiederholst.“

Verliert Thor damit sein männliches Wesen des Geistes, wenn er sich ein weibliches Kleid der Natur anlegen lässt? Auch hier hat Loki wieder recht, denn das sind Worte und Begriffe unseres Verstandes, der nur in Gegensätzen denken kann. Es ist schwer für ihn, sich vorzustellen, wie sich Geist und Natur vereinen und verwandeln können, Einheit und Vielfalt, Formlosigkeit und Formhaftigkeit, Subjekt und Objekt. Doch dahin sollte er sich erheben, vom trennenden Verstand zur ganzheitlichen Vernunft, damit der Geist nicht erstarrt und die Berg- und Frostriesen Asgard bewohnen, wenn die Macht der Verwandlung und Umgestaltung fehlt.

19. Da legten sie Thor das Brautgewand an und den großen Brising-Halsschmuck. Sie ließen an seinem Gürtel die Schlüssel klingen und Frauenkleider über seine Knie fallen. Auf seiner Brust glänzten prächtige Juwelen, und geschickt richteten sie seinen Kopfschmuck (und Brautschleier).

20. Dann sagte Loki, der Sohn der Laufey: „Auch ich werde als Magd bei dir sein. So werden wir beide nach Riesenheim fahren.“

21. Schnell waren die Böcke heimgetrieben und an die Deichseln geschirrt. Sie mussten so schnell laufen, dass Felsen brachen und die Erde in Flammen brannte, als Odins Sohn nach Riesenheim fuhr.

Damit wird das Ziel der Reise noch einmal verdeutlicht: Das Zerbrechen der Felsen erinnert an das Zerschlagen der Frost- und Bergriesen, und die Flammen aus der Erde an den göttlichen Geist, der aus der trägen Materie wieder lebendig erweckt werden soll. Thor selbst ist ja der geistige und göttliche Sohn von Mutter Erde, von Odin mit Jörd gezeugt.

22. Da sprach Thrym, der Herr der Riesen: „Steht auf, ihr Riesen, und schmückt die Bänke! Dann bringt mir Freya zur Frau, Njörds Tochter, aus Noatun!

23. Goldgehörnte Kühe sollen hier im Hof wandeln, auch ganz schwarze Ochsen, dem Riesen zur Freude! Viel habe ich an Schätzen, viel an Schmuck, nur Freya fehlt mir noch, so denke ich.“

Die Kühe und Ochsen erinnern uns symbolisch an das Wesen der körperlichen Riesen: Ihr Geist ist dunkel, kastriert und unfruchtbar. Aber ihre Natur-Körper schmücken sie mit vergoldeten Hörnern, die den Anschein von Wahrheit erwecken und ihrem Kampf dienen sollen. Sie sammeln Schätze und Schmuck in der Natur, schmücken ihren Hof mit lebendigen Wesen, aber das unvergänglich-göttliche Wesen der Natur fehlt ihnen. Zumindest denken sie das…

24. Bald brach der Abend an, und vor die Riesen wurde das Bier gebracht. Thor, Sifs Ehemann, aß allein einen Ochsen, acht Lachse, alle Leckerbissen für die Frauen, und trank drei Fässer Met.

Hier begegnet uns die Symbolik der Getränke wieder, über die wir schon oft gesprochen haben: Die umnachteten körperlichen Wesen trinken das Wasser des Lebens als berauschendes und einschläferndes Bier. Die Göttersöhne trinken es als süßen Met und Göttertrank der Ganzheit. Und von Odin wissen wir, dass der Allvater das Wasser des Lebens nur als edlen Wein der „Illusions- und Schöpferkraft“ trinkt. So sind sicherlich auch die Speisen symbolisch gemeint, die Thor mit Leichtigkeit verzehrt: Der Ochse erinnert wieder an den sturköpfigen Geist der verkörperten Wesen. Den Lachs haben wir bereits im letzten Kapitel über Loki als ein klassisches Symbol für die Rückkehr zur Quelle und Erneuerung kennengelernt. Denn am Ende seines Lebens im Meer schwimmt er unermüdlich seinen Geburtsfluss hinauf, bis zur Quelle, wo er geboren wurde, um sich dort zu paaren und fortzupflanzen. Dann stirbt er, um seinen Körper als Nahrung für weiteres Wachstum zu opfern. Entsprechend erinnert auch die Acht an den Ring der zyklischen Erneuerung. Denn nach der Acht folgt die Neun als Zahl der Erneuerung, die dann wieder die Eins ist. So erneuert sich auch alles, was ein Gott verzehrt, sogar die süßen Leckerbissen für die weiblichen Wesen der Natur.

25. Da sprach Thrym, der Herr der Riesen: „Wo sah man Bräute gieriger schlingen? Nie sah ich eine Braut mehr essen, noch eine Jungfrau mehr Met trinken.“

26. Doch neben ihm saß die kluge Magd, die auf die Rede des Riesen antwortete: „Acht Nächte lang fastete Freya, so sehr sehnte sie sich nach Riesenheim.“

27. Da schielte der Riese unter den Brautschleier, lüstern nach einem Kuss. Doch weit wie der Saal sprang er zurück: „Wie schrecklich glühen die Augen Freyas?! Mir scheint, aus ihren Augen lodert Feuer.“

28. Doch neben ihm saß die kluge Magd, die auf die Rede des Riesen antwortete: „Acht Nächte schlief Freya nicht, so sehr sehnte sie sich nach Riesenheim.“

Aber dieses, sich beständig erneuernde Wesen der Natur, sehen wir als körperliche Wesen nur selten, vor allem nicht an uns selbst. Denn gewöhnlich suchen wir in der Natur das Gewinnen und fürchten das Verlieren, vor allem das Verlieren des eigenen Körpers. Was für ein Wesen erwartet also der körperliche Riese von der göttlichen Freya? Auch hier lügt Loki nicht, sondern spricht von den „acht Nächten“ in denen sich die göttliche Natur für die Verkörperung aufgeopfert hat. Doch nun sehnt sie sich nach der „neunten Nacht“ der Erneuerung. Und dahinter steht natürlich der göttliche Geist, der die ganze Schöpfung trägt und lebendig erhält.

29. Herein kam die arme Schwester der Riesen, die ein Brautgeschenk zu fordern wagte: „Gib mir von deinen Händen die roten (goldenen) Ringe, wenn du meine Liebe erlangen willst, meine Liebe, meine ganze Gunst.“

Wer ist die arme Schwester der reichen Riesen? Aus geistiger Sicht können wir an die arme Seele der körperlich Reichen denken, die trotz allem äußerlichen Reichtum eine innere Armut haben, weil ihr Reichtum vergänglich ist und ihnen das Unvergängliche fehlt.

Was verlangt diese Seele der Riesen? Sie fordert, dass die Natur gibt, und nur dann ist sie bereit, die Natur zu lieben und zu achten. Und was versteht sie unter den roten bzw. goldenen Ringen? Die Wahrheit einzelner Ringe, die unabhängig und beständig sein können? Die Bindung der Liebe, die zur Begierde wird?

Und wie die innerliche Seele, so begehrt auch der äußerliche Riese danach, die Natur zu besitzen. So lässt er nun den Hammer aus den Tiefen der Erde holen, der nur noch sein Eigentum segnen, aber nichts mehr zerstören soll. Und dafür soll ihm Freya als göttliche Natur ihr Eheversprechen geben:

30. Da sprach Thrym, der Herr der Riesen: „Bringt den Hammer herein, die Braut zu weihen! Legt Mjölnir in den Schoß der Jungfrau, und weiht uns zusammen durch die Hand der Wár (Ehegöttin)!“

Warum legt er den Hammer in den Schoß der Jungfrau? Vielleicht war es ein alter Ritus für die Fruchtbarkeit der Ehe als Symbol der Erneuerung, dessen wahre Bedeutung dem Riesen nicht mehr bewusst war. Zumindest wird Wár in „Gylfis Illusion“ §35 auch als Neunte Göttin bezeichnet:

Die Neunte ist Wár. Sie hört die Eide und Verträge, welche Männer und Frauen zusammen schließen. Deshalb heißen sie auch Treueschwüre (várar). Sie straft diejenigen, die sie brechen.

Ja, diese Verbindung und Vereinigung von Mann und Frau als Geist und Natur ist sicherlich überaus wichtig für eine lebendige Schöpfung. Doch wie kann es lebendige Fruchtbarkeit ohne Vergänglichkeit geben? Werden ohne Vergehen? Dem Riesen war wohl nicht bewusst, wer hinter dem Schleier der Natur steht und dass Mjölnir auch „Zermalmer“ bedeutet:

31. Hlorridi (Thor) lachte das Herz in der Brust, als der Hartherzige (Hartgemute) den Hammer erblickte. Zuerst zerschlug er Thrym, den Herrn der Riesen, und zerschmetterte die gesamte Familie des Riesen (die hier versammelt war).

32. Dann schlug er die alte Schwester der Riesen, die ein Brautgeschenk gefordert hatte. Sie bekam Schläge statt der Schillinge (aus Gold) und Hiebe des Hammers statt der vielen Ringe.

So kam Odins Sohn wieder an den Hammer.
(Thrymskvida nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Auf diese Weise reitet nun Hlorridi auf dem „Lärm“ des Riesenverstandes, und die neunte Nacht wird zur Nacht der Erneuerung und Umgestaltung. Damit zeigt sich der göttliche Geist hinter den äußerlichen Formen der Natur:

Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
(„Eins und Alles“, Goethe)

Wichtig ist natürlich, dass er nicht nur die äußerlichen Formen der Riesen zerschlägt, sondern auch innerlich die alte Seele der Riesen trifft. Damit bekommt sie auch ihr „Brautgeschenk“.

Ja, das klingt hartherzig und erbarmungslos für einen Gott. Und doch lacht sein Herz, sein inneres, beständiges und unvergängliches Wesen, das sich nicht von äußerlichen Formen bestimmen und beherrschen lässt. Nur so kommt die Macht des Hammers wieder in göttliche Hände, wo sie sicherlich am dienlichsten für die ganze Schöpfung ist.

Gott nimmt nichts,
Ohne Besseres zu geben.

Zusammenfassend kann man sich mit dieser Geschichte vorstellen, wie der Berg- und Frostriese in der Natur riesenhaft wachsen und viel Eigentum gewinnen konnte. Nun fehlt nur noch das Ewige und Beständige. Dazu versuchte er, den Hammer der Gestaltung und Umgestaltung in feste, formhafte Materie zu bannen und zu binden, um seine Verkörperung unvergänglich zu erhalten. So will er sich nicht im Kreis der Welten und im Ring der Erneuerung bewegen, sondern in Jötunheim ewig verharren. Trotzdem will er auch leben, wachsen und fruchtbar wirken, wie er es in seinem Hof der Natur sieht:

Das heißt, er muss sich mit der Natur verbinden und kann diesen Hammer nicht ewig unterdrücken. Daher versucht er, sich mit der göttlichen Natur in Gestalt der Göttin Freya durch ein Eheversprechen zu verbinden, so dass sie ihm ewige Treue schwört und ihn niemals verlassen wird. Auf dieses Versprechen hin will er ihr den Hammer in den Schoß legen, damit sie als Natur fruchtbar bleibt und das Leben erhält, aber ihn selbst als ihren Herrn nie zerschlagen wird. Doch sein Plan geht nicht auf, denn Freya gibt sich ihm für dieses ewige Eheversprechen nicht hin. Auch die mögliche Trennung von Thor und Hammer war nur eine Illusion in Raum und Zeit, ebenso wie die göttliche Unachtsamkeit als er den Hammer rauben konnte. Entsprechend entpuppte sich dann das, was er als göttliche Natur sah, als göttlicher Geist, sobald er den Hammer wieder freigab.

Denn zwischen Geist und Natur gibt es bereits ein Eheversprechen, um sich gegenseitig lebendig zu erhalten, solange die Schöpfung besteht. Und dazu gehören nun einmal die körperliche Gestaltung und Umgestaltung, das Werden und Vergehen, Geburt und Tod. - Eine wahrlich wunderbare Komödie des Lebens und eine lehrreiche Geschichte, um über das göttliche Wesen von Geist und Natur tiefgründig nachzudenken, sowie über das Festhalten am eigenen Körper zu meditieren.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
(Goethe, „Selige Sehnsucht“)

Die Geschichte von Thor und Hrungnirs Kampf

Eine weitere Geschichte, um das tiefgründige Wesen von Thor zu verdeutlichen, finden wir im Skaldenbuch §17:

Thor war (mit seinem Wagen) ostwärts gefahren, um Unholde (Riesen) zu schlagen. Odin aber ritt mit Sleipnir nach Riesenheim und kam zu dem Riesen, der Hrungnir hieß („Lärmer“). Dieser fragte sich, wer dieser Mann mit dem Goldhelm sei, der durch Luft und Wasser reite. Und er sagte ihm, dass er ein wunderbares Pferd habe. Daraufhin meinte Odin, er wolle um seinen Kopf wetten, dass es in Riesenheim kein ebenbürtiges Pferd gebe. Hrungnir erwiderte, dies sei zwar ein gutes Pferd, aber er behaupte, er habe ein viel schnelleres namens Gullfaxi („Goldmähne“). Dabei wurde er zornig, sprang auf sein Pferd und galoppierte Odin hinterher, um ihm die Prahlerei heimzuzahlen. Doch Odin ritt so schnell, dass er schon auf einer weiten Anhöhe war. Und Hrungnir hatte einen so großen Riesenzorn, dass er es nicht bemerkte, wie er bereits hinter die Asen-Mauer gelangt war.

Hier ist nun Thor wieder Richtung Osten unterwegs, um die Frost- und Bergriesen zu zerschlagen. Auch Odin reitet in ähnliche Richtung auf seinem achtbeinigen Pferd, in dem wir symbolisch die ganze körperliche Schöpfung sehen können. Und damit ist er natürlich auch in Jötunheim unterwegs. Hier erkennt ihn der Riese Hrungnir, dessen Name wieder an „Lärm“ erinnert und damit eine ähnliche Bedeutung wie Thrym hat. Sein Pferd „Goldmähne“ ist vermutlich wieder ein Symbol für dessen Körperlichkeit, die er mit goldenen Haaren schmückt. Diese erinnern an Gedanken, die der Wahrheit entsprechen sollen. Und mit diesem Körper meint der Riese, der ganzen Schöpfung überlegen zu sein. Das ist wunderbar, denn so wetteifert er mit der gesamten Schöpfung, misst sich mit dem Schöpfergott selbst, und merkt gar nicht, wie er dabei über die Mauer der Materie gelangt und aus der körperlichen Welt in die geistige und sogar göttliche Welt von Asgard und Walhall kommt. War das vielleicht Odins Absicht, seine Herausforderung und der Sinn der ganzen Schöpfung? Hat er dafür sein Auge verpfändet und bietet nun sogar seinen Kopf dafür?

Das ist eine großartige Vision, wie sich Odin und Thor im Kampf um eine lebendige Schöpfung ergänzen, und wie das große Ziel vor allem in einer geistigen Lösung liegt. Wird nun der Riese Hrungnir zu einem Einherier in Walhall?

Als er zum Hallentor kam, luden ihn die Asen zum Trank ein. Er ging in die Halle und verlangte etwas zu trinken. Da wurden die Schalen genommen, aus denen Thor zu trinken pflegte, und Hrungnir leerte jede. Doch als er betrunken wurde, sparte er nicht mit überheblichen Worten. Er behauptete, er werde Walhall hochheben und nach Riesenheim bringen, aber Asgard werde er versenken und alle Götter erschlagen. Nur Freya und Sif wolle er mit sich heimnehmen. Freya allein wagte darauf noch, ihm einzuschenken, und er wollte das ganze Bier der Asen trinken.

Nun, er war wohl noch nicht so weit. Er bekam zwar den Göttertrank aus den gleichen Gefäßen, aus denen auch Thor trank, doch für ihn wurde er nicht zum Met der Einherier, sondern berauschendes Bier. So bleibt er in seinem Wahn des Einzelkämpfers, der überheblich meint, sich über alles stellen zu müssen, um siegreich zu sein. Entsprechend begehrt er auch, ähnlich wie Thrym, nach der Göttin Freya, und will sogar noch Sif besitzen, die Ehefrau von Thor. Dahinter steht wohl der Wunsch, als Riese alle Welten zu beherrschen. Das ist der „Riesen-Lärm“ überheblicher Gedanken eines egoistischen Einzelkämpfers. Und doch ist es Freya, die göttliche Natur der Namen und Formen, die ihm dieses Bier einschenkt. Wer sonst? Auch wenn der göttliche Geist hinter ihr steht:

Als die Asen seiner Prahlereien überdrüssig waren, riefen sie Thor. Sofort kam er in die Halle, schwang den Hammer in der Luft und war furchtbar wütend. Er fragte, wer es geraten habe, dass neunmalkluge Riesen hier trinken dürften, wer Hrungnir in Walhall Frieden gewähre, und warum Freya ihm einschenke, wie auf einem Asen-Festmahl. Da antwortete Hrungnir und blickte Thor mit unfreundlichen Augen an. Er sagte, Odin habe ihn zum Trank eingeladen und ihm Frieden gewährt. Dazu meinte Thor, dass Hrungnir diese Einladung bereuen werde, bevor er hinauskomme. Dieser entgegnete, Asen-Thor habe wenig Nutzen daran, wenn er ihn hier unbewaffnet erschlage. Es sei eine größere Mutprobe, wenn er es wage, mit ihm an der Landesgrenze in Grjotunagardar zu kämpfen (dem „Garten der Steine und Felsen“). Dazu sagte er noch: „Es war eine große Dummheit, dass ich meinen Schild und den Wetzstein daheimgelassen habe. Denn hätte ich meine Waffen hier, könnten wir sogleich den Zweikampf bestreiten. Andernfalls werfe ich dir Neid und Feigheit vor, wenn du mich als Unbewaffneten töten willst.“

So muss nun der Riese wegen seines überheblichen und arroganten Wesens auf Thor treffen, der es nicht verstehen kann, wie so ein Wesen nach Walhall in die göttliche Halle gelangen konnte. Und warum wird der Riese diese Einladung bereuen? Eben weil er an seiner egoistischen Überheblichkeit festhalten will. Diesen starren Geist will er sich hier in Walhall nicht zerschlagen lassen. Daher will er wieder hinaus in sein Riesenheim der Verkörperung, in den „Garten der Steine und Felsen“, denn dort glaubt er, seine Waffen zu haben, um sich gegen Thors Hammer zu beschützen und zu wehren.

Thor wollte um nichts den Zweikampf vermeiden, zu dem er herausgefordert worden war. Denn nie zuvor hatte ihm das jemand (und gleich gar kein Riese) angeboten. Darauf ging Hrungnir seinen Weg und beeilte sich sehr, nach Riesenheim zu gelangen. Dort wurde seine Fahrt unter den Riesen schnell bekannt und ebenso, dass ein Zweikampf mit Thor vereinbart worden war. Ihnen schien viel auf dem Spiel zu stehen, je nachdem, wer den Sieg errang. Sie befürchteten das Schlimmste von Thor, wenn Hrungnir verlor, denn dieser war der stärkste von ihnen. Da schufen die Riesen in Grjotunagardar einen Mann aus Lehm, und der war neun Rasten (Meilen) hoch und drei unter den Armen breit. Sie bekamen jedoch kein so großes Herz, wie es für ihn angemessen war, bis sie es von einer Stute nahmen. Doch dieses blieb nicht standhaft, als Thor kam. Hrungnir hatte bekanntlich ein Herz aus hartem Stein, das dreieckig war, wie seitdem geritzte Figuren (Runenzeichen) gemacht werden, die „Hrungnirs Herz“ heißen. Aus Stein war auch sein Kopf, ebenso sein Schild, breit und dick. Diesen Schild hielt er vor sich, als er in Grjotunagardar (dem „Garten der Steine und Felsen“) stand und Thor erwartete. Einen Wetzstein hatte er als Waffe, den er um die Schulter trug, und fürchterlich sah er aus. Ihm zur Seite stand der Lehmriese, der Mökkurkalfi („Nebel-Kalb“) genannt wurde, und ganz ängstlich war. Es wird sogar erzählt, dass er Wasser lassen musste, als er Thor sah.

Nun überschlagen sich wieder die Symbole: Hrungnir kehrt in seine Welt der Verkröperung zurück, und um sich zu verteidigen, bauen sie sich dort eine Riesenmenschen aus Lehm, wie auch wir irdische Körper haben. Er bekommt sogar ein lebendiges Pferdeherz. Seine Höhe von neun Rasten könnte seine Fähigkeit zur lebendigen Erneuerung andeuten, wie auch die neun Welten, in denen er lebt. Seine Breite von drei Rasten erinnert an die drei Brunnen oder auch drei Zeiten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aus denen er lebt.

Doch wie können die Berg- und Frostriesen so einen Menschen schaffen? Ja, das ist nun einmal ihr Wesen der Verkörperung. Dazu fließt in Jötunheim der Mimir-Brunnen, wo Mimir aus dem Auge Odin die Schöpfung schöpft. Nur ein lebendiges Herz als Symbol der Seele können sie nicht schaffen. Das müssen sie sich von einem anderen Lebewesen nehmen. Dafür steht dann auch das Symbol des Nebel-Kalbes, das von der Mutter geboren wird, aus dem Wasser des Lebens, welches dann zum körperlich-verdunkelnden Nebel in der Natur wird, was wiederum an Nifelheim erinnert.

All dies sind Symbole einer irdischen Körperlichkeit, die mehr oder weniger lebendig oder erstarrt ist. Das Steinherz und der Steinkopf von Hrungnir deuten auf seine körperliche Erstarrung als „Materialist“ hin, weshalb er auch in Walhall kein lebendiger Einherier werden konnte. Da hilft wohl nur noch das Zerschlagen.

Schwer zu deuten ist der Wetzstein oder Schleifstein, den er als Waffe trägt. Im Kapitel über das Wesen von Odin haben wir bereits die Geschichte von Suttung und dem Dichter-Met behandelt. Odin selbst zog dort einen Wetzstein von seinem Gürtel, um die Sensen der neun Knechte zu schärfen, die sich daraufhin im Kampf um den Wetzstein mit ihren scharfen Sensen selbst umbrachten. Was uns damals an die weltlichen Geisteskräfte erinnerte, die natürlich schweigen müssen, damit der göttliche Met der ganzheitlichen Inspiration gewonnen werden kann.

Dieser Wetzstein ist nun immer noch in der Welt und erinnert uns in dieser Geschichte an den körperlichen Verstand, mit dem wir unsere Sinne und Gedanken schärfen, damit sie alles unterscheiden können. Das ist sicherlich für das körperliche Leben auch nützlich und sinnvoll. Daher gibt es hier auch die Quelle von Mimir, den wir ebenfalls als ein Wesen des Verstandes kennengelernt haben. So dreht sich diese ganze Geschichte offenbar um den Verstand in der körperlichen Schöpfung. Doch sollte dieser Verstand nicht übermäßig erstarren, was wohl bei Hrungnir geschehen war, weshalb auch sein Kopf und Herz zu Stein geworden waren.

Das dreieckige Zeichen seines Steinherzens erinnert uns an das hinabstrebende Dreieckssymbol für das alchemistische Erdelement, wie ein erstarrtes Herz ⁠♡, das auf einem Schild steht und nicht ins Innere dringen kann. Im Gegensatz dazu wirkt das aufstrebende Dreieck △ des Feuerelements. Und dieses Feuer kommt nun als göttlicher Geist aus der Erde, denn Thor ist auch ein Sohn der Erde (Jörd):

Der kam mit Thjalfi zum Zweikampf. Thjalfi eilte dorthin, wo Hrungnir stand, und sagte zu ihm: „Da stehst du unvorsichtiger Riese und hältst den Schild vor dich, aber Thor hat dich erblickt. Er kommt unten durch die Erde, und von unten wird er zu dir kommen.“ Da schob sich Hrungnir den Schild unter die Füße und stand darauf, aber fasste mit beiden Händen den Wetzstein.


Hrungnir als „Materialist“

Als nächstes sah er Blitze und hörte laute Donnerschläge. Dann erblickte er Thor in Asenwut. Er kam ungestüm hervor, schwang den Hammer und warf ihn über eine weite Strecke auf Hrungnir. Der hob mit beiden Händen den Wetzstein und schleuderte ihn entgegen. Er traf den Hammer im Flug und brach entzwei. Ein Teil fiel auf die Erde, und daraus sind alle Wetzsteinberge entstanden. Der andere fuhr in Thors Kopf, so dass er zur Erde stürzte. Aber der Hammer Mjölnir traf mitten in Hrungnirs Schädel und zerschmetterte ihn in viele kleine Stücke. Dabei fiel der Riese vornüber so auf Thor, dass sein Bein auf dessen Hals lag. Gleichzeitig griff Thjalfi Mökkurkalfi an, und dieser fiel wenig ruhmreich.

Hier kommt nun Thjalfi wieder ins Spiel, der Bauernsohn, der einen Knochen von Thors Ziegenböcken zerbrochen und das Mark verspeist hatte. Auch in ihm können wir den Verstand sehen, vor allem den menschlichen, der sich jedoch zum göttlichen Dienst verpflichtet hat und mit seiner Schwester Röskva zum Diener von Thor wurde. Entsprechend ist er auch sehr beweglich, eilt heran und offenbart dem Riesen höhere Weisheit. Nämlich, dass seine Zerstörung nicht vom Himmel kommt, sondern von der Erde, aus seiner eigenen Körperlichkeit, die er festhalten und verteidigen will. Doch auch das konnte Hrungnir nicht geistig verstehen, um aus seinem Wahn zu erwachen, sondern nur körperlich und reagierte entsprechend. Sonst hätte er wohl erkannt, dass die Zerstörung aus dem Körper selbst kommt, weil von Natur aus alles Entstandene wieder vergehen muss.

So warf nun der Riese seinen ganzen Verstand gegen den Hammer der Umgestaltung, die sich im Flug trafen. Der Hammer zerteile diesen Verstand. Ein Teil blieb in der Welt der Verkörperung und sorgt dort für viele weitere Wetzsteine. Der andere kehrt in die Gottheit zurück. Und das ist ein wunderbares Symbol, dass der körperliche Verstand sogar in den Kopf eines Gottes eindringen kann, was wir später noch näher betrachten werden. Darüber hinaus verfehlt natürlich Thors Hammer sein Ziel nicht, sondern zerschlägt den Steinkopf des Riesen in viele kleine Stücke, die nun wieder lebendig und fruchtbar werden können. Wie auch fruchtbare Erde aus winzigen Steinchen und den Resten von Lebewesen besteht.

Und wie Thor mit den Berg- und Frostriesen kämpft und das Prinzip der körperlichen Erstarrung zerschlägt, so kämpft nun Thjalfi als menschlicher Verstand mit dem menschlichen Lehmkörper, den die Riesen geschaffen haben. Doch weil er bereits dem Göttlichen dient, ist dieser Kampf relativ einfach und schnell vorüber, so dass dieses „Kalb aus Nebelheim“ auch fallen muss. Doch das geschah, wie es heißt, mit wenig Ruhm. Was uns vermutlich daran erinnern soll, dass eine solche Vorstellung des Sieges oder sogar des Tötens für den menschlichen Verstand kein wahrer Gewinn ist.

Danach lief Thjalfi zu Thor und wollte Hrungnirs Bein von ihm heben, was ihm nicht gelang. Alle Asen kamen hinzu, als sie erfuhren, dass Thor gestürzt war. Sie wollten das Bein von ihm nehmen, brachten es aber nicht fertig. Da trat Magni („Macht“) vor, der Sohn von Thor und Jarnsaxa („Eisenschwert“). Er war damals drei Tage alt, doch warf Hrungnirs Bein von Thor und sprach: „Der Vater litt üblen Kummer, weil ich so spät kam. Ich glaube, diesen Riesen hätte ich mit meiner Faust zur Hel befördert, wenn ich ihn getroffen hätte.“ Da stand Thor auf (von der Erde), freute sich über seinen Sohn und sagte: „Du wirst bedeutend sein. Dazu will ich dir das Pferd Gullfaxi („Goldmähne“) geben, das Hrungnir gehört hat.“

So geschieht in diesem Kampf noch etwas sehr Wunderliches: Der körperliche Riese fällt auf Thor, und sein Bein lag auf dessen Hals. So sagt auch unser Verstand: Wenn Thor gegen die Körperlichkeit kämpft, dann muss er natürlich mit ihr verbunden sein, wie Wirkung und Gegenwirkung. Sonst könnte er nicht auf sie wirken. Und damit wird auch Thor an die Körperlichkeit gebunden. Wer kann ihn davon wieder befreien? Der menschliche Verstand selbst kann es offenbar nicht. Auch die verschiedenen Asen bzw. Götter, die wir mit unserem Verstand trennen und oft sogar körperlich sehen, bringen es nicht fertig. Aber Magni konnte es, die göttliche „Macht“ des Vaters, die von der Riesin Jarnsaxa geboren wurde, dem „Eisenschwert“ für den körperlichen Kampf, das mit dem göttlichen Geist zum berühmten „Schwert der Weisheit“ wird. Und warum konnte er es? Er war nur drei Tage alt. Was wohl bedeuten soll, dass er noch keinen weltlichen Verstand hatte, der Geist und Natur unterscheidet. Damit konnte er seinen Vater leicht von der Körperlichkeit befreien und hätte auch mit einem Schlag den versteinerten Riesen ins Nichts aufgelöst. Ähnlich sagt auch Christus: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Matth. 18.3)“ In dieser Hinsicht ist vielleicht auch Magni ein Wesen, das immer jünger wird und sich seiner Quelle nähert, weshalb er sogar Ragnarök überlebt.

Das ist wiederum eine wunderbare Vision, dass der Sohn den Vater befreit, denn dafür werden die Kinder in der Schöpfung geboren, um die Probleme ihrer Vorfahren zu lösen. Da freute sich auch Thor, dass ihn sein Sohn von der Bindung an die Körperlichkeit befreit hatte und schenkte ihm zum Dank das Pferd des Riesens, das doch auch wieder ein Symbol der Körperlichkeit ist. Ähnlich schenkte Loki das Pferd Sleipnir dem Allvater Odin. Und wie Odin dieses Geschenkes würdig war, in dem wir die gesamte körperliche Schöpfung sehen können, so war es sicherlich auch Magni, der im nächsten Schöpfungszyklus für eine lebendige Schöpfung sorgen wird. Oder sollte er jetzt noch nicht auf der körperlichen Schöpfung reiten?

Darauf sprach Odin und meinte, dass Thor falsch handle, wenn er dieses edle Pferd dem Sohn einer Riesin gebe und nicht seinem Vater (Odin als Allvater?).

Das ist nun wieder ein wunderlicher Satz. Kann ein Gott falsch handeln? Auch hier geht es sicherlich wieder um die Frage des körperlichen Verstandes, der nun auch in den Kopf von Thor eingedrungen war. Denn nur so konnte er von Odin solche Worte hören, die den Vater vom Sohn trennen, und schließlich sogar den Allvater von seiner körperlichen Schöpfung, den Geist von der Natur. Vater und Sohn sind doch in Wahrheit eins, wie auch Christus sagte. Wie bekommt nun Thor diesen weltlich-körperlichen Verstand wieder aus seinem Kopf?

Thor fuhr heim nach Thrudwang („Kraft-Feld“), und der Stein steckte noch in seinem Kopf. Er ging zu der Seherin, die Groa („Wachstum“) hieß, die Frau des tapferen Aurwandill („Aurora-Wanderer“). Sie sang ihre Zauberlieder über Thor, damit sich der Stein löse. Aber als er das merkte und ihm Hoffnung schien, dass sie den Stein entfernen werde, da wollte er sie für ihre Heilung belohnen und erfreuen. Er erzählte ihr davon, wie er im Norden die Eliwagar (als „Eisfluss“) durchwatet habe. Auf seinem Rücken hatte er in einem Korb Aurwandill vom Norden aus Riesenheim getragen. Zum Zeichen fügte er hinzu, dass eine seiner Zehen herausragte und erfroren war. Die habe Thor abgebrochen und hinauf an den Himmel geworfen. Daraus wurde der Stern, der Aurwandillsta heißt („Aurwandils Zehe“). Er sagte, es dauere nicht mehr lang, bis Aurwandill heimkehre. Da freute sich Groa so sehr darüber, dass ihr keine Zauberlieder mehr einfielen, und der Wetzstein lockerte sich nicht und blieb in Thors Kopf.

Nachdem Thjalfi seinen Auftritt in dieser Geschichte hatte, fehlt natürlich auch seine Schwester Röskva, die wir hier als Seele der Natur symbolisch in Groa wiederfinden können. Ihr Name bedeutet „Wachsen, Grünen und Gedeihen“, und damit sorgt sie für den Fluss von Ursache und Wirkung in der Natur. Und warum? Um ihren Ehemann wiederzufinden, den wandernden Geist als erwachendes Licht des Bewusstseins. Ähnlich haben wir auch von Freya gelesen, dass sie ihren Ehemann Odr als Lebensgeist sucht und wiederfinden möchte. Und ähnlich suchen auch wir unseren Geist in der Natur, in der Welt der Namen und Formen, um uns als ganzheitliche Quelle wiederzufinden und heimzukommen. Daher wirkt die Seele der Natur auch als Heilerin, um alles Zertrennte und Zerbrochene wieder zu heilen und ganz zu machen. Dafür dienen ihre „Zaubersprüche“ im Spiel der natürlichen Illusionen, die wir von Odin bereits als Runensprüche zur Heilung kennengelernt haben.

Das große Ziel der Heilung kann man vor allem in der Ganzheit von Geist und Natur sehen. So dient sie nun auch Thor, um den körperlich versteinerten Verstand in seinem Kopf wieder aufzulösen. Darüber freut sich Thor so sehr, dass er ihr offenbart, wie ihr langgesuchter Ehemann bald heimkehren wird. Er selbst sorgt ja für das Leben in der Schöpfung und holt unermüdlich den Lebensgeist aus der frostigen Welt der Natur, wo er zu erstarren droht, in unsere Menschenwelt zurück, nach Midgard als Mitte zwischen Geist und Natur, zwischen Süden und Norden. Dass er diesen „Wanderer im aufgehenden Licht“ in einem Korb trägt, erinnert wiederum an ein kleines Kind, ähnlich wie Magni. Und das ist wunderbar. Denn wie die Natur alt wird und mit ihrem Fluss der Formen zurück ins Meer der Ursachen fließt, so sollte der Geist wieder jung werden und zu seiner Quelle heimkehren, wo dann beide wieder vereint sind und alle Trennung überwunden ist.

Der Fluss vergeht,
Die Quelle bleibt.

Die abgefrorene Zehe erinnert an den letzten kleinen Rest erstarrter Körperlichkeit, die ihm Thor abbricht und als ein ewiges Licht an den Himmel setzte. So wurde daraus ein sichtbares Zeichen des unsichtbaren Geistes. Hier könnte man an den Morgenstern denken, der die aufgehende Sonne des Geistes ankündigt, womit er seinem Namen als „Aurora-Wanderer“ alle Ehre machen würde. Entsprechend gilt auch der Morgenstern als ein starkes Symbol für Hoffnung, Erneuerung und geistiges Erwachen. Und als Thor offenbarte, dass dies nicht mehr lange dauern wird, sah sich die Seele der Natur am Ziel ihrer Wünsche. Wozu jetzt noch Zauberlieder zur Heilung singen?

Das ist gut! Denn welchen Grund gäbe es, einen Gott zu heilen? Auch das kann wiederum nur ein Konstrukt des Verstandes sein. Vielleicht ist es sogar sehr nützlich, wenn nur eine Hälfte des Verstandes in unserem Körper ist und für das körperliche Wohlergehen sorgt. Und die andere Hälfte bleibt in Gott und sorgt für das geistige Wohlergehen. Nur so kann sich auch unser Verstand zum Göttlichen erheben und zur ganzheitlichen Vernunft eines Einheriers werden. Entsprechend sind diese beiden Teile des Verstandes in Wirklichkeit gar nicht getrennt, was auch der letzte Satz dieser Geschichte bestätigt:

Daher ist es nicht ratsam, einen Wetzstein quer über den Fußboden zu werfen, weil sich dann der Stein in Thors Kopf bewegt.
(Skáldskaparmál §17 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)

Damit könnte gemeint sein: Wir sollen unseren körperlichen Verstand zur friedlich-lebendigen Ruhe bringen und nicht wütend kreuz und quer über den Grund und Boden umherwerfen, auf dem wir stehen. Denn dadurch kommt auch unsere ganzheitliche Vernunft ins Wanken, die doch zum „Stein der Weisen“ werden sollte, dem unbeweglichen und unvergänglichen Grund von allem. Daran erinnert auch das Schweigen der Groa. Ähnlich wie Widar, der Gott des Schweigens, als schweigsamer Kämpfer im Wald der Vorstellungen, der mit Magni zusammen ebenfalls Ragnarök überlebt.

So ist der Verstand ein großes Thema, über das wir bereits in unseren Märchen-Interpretationen viel nachgedacht haben und noch mehr im Sagenkreis der Nibelungen. Der Verstand erkennt und verbindet Ursachen und Wirkungen. Er verbindet und ordnet unsere Gedanken, Gefühle und Erfahrungen. Er arbeitet mit unserem Gedächtnis und formt es. Der Verstand ist der Bewusstseinsraum für unsere Begriffswelt, unseren Glauben, unsere Weltanschauung und unsere Identität. Dabei wirkt er auf verschiedenen Ebenen. Zur Unterscheidung haben wir von schöpferischem, körperlichem, egoistischem, weisem oder auch vernünftigem Verstand gesprochen. Nun kommen noch verschiedene Zustände dazu, zwischen denen er erfahrbar ist: Er kann versteinert, erstarrt oder gleichsam tot sein, oder aber lebendig und beweglich. Ebenso kann er aufgeregt und wütend sein oder ruhig und friedlich. Mit dieser Vielfalt ist der Verstand ein Grundprinzip der gesamten Schöpfung, und für die Lebewesen das wichtigste Werkzeug. Mit seiner Vorstellungskraft kann er sich in alle denkbaren Welten neigen, wie auch in die neun Welten der Edda. Entsprechend kann sich der Verstand mehr zur Trennung oder zur Ganzheit neigen und uns zur Bindung oder Befreiung dienen. Was er jedoch nicht kann, ist die Erkenntnis des Absoluten und Unabhängigen, denn er kann nur relativ und abhängig erkennen. Für diese höchste Erkenntnis muss er schweigen und still sein, aber keine festerstarrte Stille des Todes, sondern eine freibewegliche Stille des Lebens, so frei und still wie das Licht selbst. Ja, und auch diese komplizierte Beschreibung ist natürlich ein Konstrukt des unterscheidenden Verstandes. Die ganzheitliche Vernunft würde einfach sagen: Alles ist und bleibt reines Bewusstsein.

Das Lied von Groas Erweckung (Gróugaldr)

Wir möchten noch etwas bei diesem Thema verweilen, wie sich Geist und Natur suchen und finden, und welche Rolle der menschliche Verstand dabei spielt. Dazu gibt es zwei Lieder, die mit Groa verbunden sind. Das erste Lied beginnt, dass der Sohn von Groa seine tote Mutter erweckt und um Hilfe bittet:

1. Sohn: Erwache, Groa („Wachstum“)! Erwache, gute Frau! Ich wecke dich vor den Toren der Toten. Wenn du dich dessen erinnerst, dass du deinen Sohn aufgefordert hast, zum Grabhügel zu kommen.

2. Groa: Was bekümmert jetzt meinen einzigen Sohn? In welches Unheil bist du jetzt geraten, dass du die Mutter rufst, die zur Erde gegangen und aus den Menschenheimen gezogen ist?

3. Sohn: Ein schlimmes Spielbrett schob mir die unglückskluge Frau zu, die meinen Vater umarmte (seine Stiefmutter). Da gebietet sie mir, was man als unzugänglich kennt, zu Menglöd (der „Juwelen-Freude“) zu gelangen.

Die Anrede als „einziger Sohn“ deutet bereits an, dass es hier darum geht, sich in der Ganzheit wiederzuerkennen, als geistige Einheit in der Vielfalt der Natur. So können wir in diesem Sohn auch die ganze Menschheit sehen, die von Geist und Natur in Midgard geboren wurde. Doch Mutter Natur scheint gestorben zu sein, wie auch viele Menschen sehen, dass ihre leibliche Mutter stirbt. Ähnlich sieht auch unsere Naturwissenschaft vor allem ein totes Universum, in dem das Leben nur eine minimale Randerscheinung ist, so winzig, dass man es kaum in Zahlen ausdrücken kann. So hat sich der Geist eine Verstandeswelt geschaffen, ähnlich wie in Riesenheim, die zumindest teilweise lebendig sein soll und wird sozusagen von einer „Stiefmutter“ als Natur umarmt. Und diese gebietet uns, die Erfüllung im Leben zu finden, nämlich die schöne und wünschenswerte Menglöd der „Juwelen-Freude“. Sie wird auch gern mit der schönen Freya und ihrem Brising-Schmuck verglichen, die sich die Berg- und Frostriesen so sehr wünschen.

Doch irgendwann vertraut der Menschensohn dieser Stiefmutter nicht mehr und erkennt, dass sie Unerreichbares gebietet. Dann fürchtet er sein Verderben unter ihrer Führung, schaut in die Natur nach Nifelhel und erinnert sich an die wahre Mutter Natur, die dort zu sterben scheint, wie ihm seine Stiefmutter auch selbst diesen Weg des Todes gebietet. Und das Wunder geschieht: Sie erwacht an diesem Tor zum Tod und spricht zu ihm:

4. Groa: Lang ist die Fahrt, lang sind die Fahrwege, lang ist des Menschen Verlangen. Wenn es geschieht, dass du deinen Wunsch bekommst, dann lässt Skuld (die Schicksalsnorne für karmische Schuld) gutem Geschick den Lauf.

5. Sohn: Sing mir Zaubersprüche, die gut (und heilsam) sind! Beschütze, Mutter, deinen Sohn! Ich fürchte, auf den Wegen umzukommen. Ich halte mich für einen zu jungen Mann.

Ja, unsere Reise in dieser Welt ist schon lang, und wir alle haben schon lange Wege zurückgelegt. Seit Millionen von Jahren gibt es menschliche Wesen, und seit vielen Milliarden Jahren unser Universum. So lange ist der Mensch schon auf der Suche, um seine Wünsche zu erfüllen - ein langes Verlangen. Doch die Stiefmutter sagt mir, dass ich ein Einzelkämpfer bin, der erst ein paar Jahrzehnte lebt und in ein paar Jahrzehnten sterben muss, um dann für immer in der Dunkelheit des Todes zu verschwinden. So halte ich mich für „einen jungen Menschen“, dem es an Erfahrung und Fähigkeit mangelt, und fürchte, auf dem Weg umzukommen. Doch die wahre Mutter Natur hilft mir, wenn ich sie darum bitte, mit heilsamen Zaubersprüchen, denn die ganze Natur ist zauberhaft, ein Zauber des Bewusstseins:

6. Groa: Den sing ich dir als ersten, den man höchst nützlich (und heilsam) nennt. Den sang Rinda („Schutz“) der Ran („Raub/Mangel“): Dass du über die Schulter schiebst, was dir übel erscheint. Lass dich selbst von dir selbst führen! (Vertraue dir selbst!)

Rinda ist als „Schutz“ die Ehefrau von Odin, dem Allvater, und hat ihm Wali geboren, das Lebensprinzip. Ran ist als „Mangel“ die Ehefrau von Ägir, dem Meer des Lebens, und hat ihm die neun Wellen als Töchter geboren, die uns auch an die neun Welten erinnern. Und diesen Mangel an Erfüllung im Meer des Lebens gilt es nun unter dem Schutz des Lebensprinzips zu beheben. Dazu sollen wir alles Üble und Unheilsame hinter uns lassen und uns selbst vertrauen, als Lebewesen dem Leben selbst, und nicht der Stiefmutter.

7. Den sing ich dir als zweiten, wenn du auf den Wegen freudlos wandern musst: Urds Riegel (des Schicksals Umstände) mögen dich auf allen Wegen beschützen, wenn du bedrängt wirst.

Am Urd-Brunnen haben die Götter ihre Gerichtsstätte und bestimmen entsprechend den Ursachen die Umstände und Bedingungen, die uns im Leben begegnen. In diesem Sinne kann man ihnen vertrauen. Das erinnert uns wieder an die Worte des christlichen Mystikers Meister Eckhart über den göttlichen Willen:
„So steht es auch mit dem, dem Gottes Wille gefällt: Alles, was ihm Gott zuteilt, sei‘s Krankheit oder Armut oder was es auch sei, das hat er lieber als irgendetwas anderes, eben weil Gott es will. Darum schmeckt es ihm besser als irgendetwas anderes. Nun sagt ihr gern: Woher weiß ich denn, ob es Gottes Wille ist? Ich antworte: Wäre es nicht Gottes Wille, dann wäre es auch nicht einen Augenblick lang; Es muss (vielmehr) stets sein Wille sein… (Predigt 46)“

8. Den sing ich dir als dritten, wenn mächtige Flüsse dich bedrohen: Horn und Rud (die weltlichen Flüsse Hrönn und Hrid?), die zur Hel (zum Tod) sich wenden, mögen auf immer von dir weichen.

Im Lied von Grimnir werden ab Vers 26 zwei Arten der weltlichen Flüsse beschrieben, die aus der Quelle Hwergelmir strömen, der Quelle der Geburt unter Nifelheim. Die einen fließen um den Sitz der Götter herum und erinnern an die Lebensflüsse der Einherier. Die anderen stürzen hinab zur Hel und erinnern an die Wege der Einzelkämpfer. Vermutlich sind hier im Text Hrönn und Hrid gemeint, die in den dunklen bzw. geistigen Tod stürzen.

9. Den sing ich dir als vierten, wenn dich gerüstete Feinde auf dem Galgenweg (bzw. Todesweg) bedrängen: Ihre Stimmung wende sich dir zu, und dein Sinn kehre sich ihnen zur Versöhnung.

Dieser Zauberspruch erinnert uns an das Gebot von Christus: „Liebt eure Feinde! Segnet, die euch fluchen. Tut wohl denen, die euch hassen. Bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Matth. 5.44)“ Ja, solchen Zauber der Heilung kann uns auch die Natur lehren, wenn man sie achtsam beobachtet.

10. Den sing ich dir als fünften, wenn dir eine Fessel um die Glieder gelegt wird: Leifnirs Feuer werde ich dir über die Schenkel sprechen, und so springt das Band von den Gliedern.

Leifnirs Feuer könnte eine Umschreibung für Gold sein. Zumindest gilt Leifnir als ein Seekönig, und im Skaldenbuch §33 lehrt Snorri: Gold nennt man das „Feuer des Meeres“ oder das „Feuer der Seekönige“. Und wenn wir das Gold als Symbol der Wahrheit betrachten, dann macht auch der Zauberspruch Sinn, denn die Wahrheit befreit, während uns die Illusion bindet, vor allem körperlich. So verbrennt die Wahrheit jede Illusion der Bindung und gewährt die Freiheit. Auch das kann uns Mutter Natur lehren.

11. Den sing ich dir als sechsten, wenn du aufs Meer kommst, stürmischer, als es Menschen kennen: Wind und Wasser mögen sich dir im Boot vereinen und stets friedliche Fahrt geben.

Der Wind erinnert uns symbolisch an den wirkenden Geist, der auf dem Meer des Lebens so stürmisch werden kann, dass es alle unsere Vorstellungen übertrifft. Das Wasser wäre dann aus symbolischer Sicht das Bewusstsein als ewiges Wasser des Lebens. So lehrt uns nun Mutter Natur, Geist und Bewusstsein in unserem Boot der Körperlichkeit wieder mit ihr zu vereinen, um den wahren Frieden zu finden, den vollkommenen Frieden der Ganzheit, den ewigen Frieden der Gottheit.

12. Den sing ich dir als siebten, wenn dich Frost heimsucht im hohen Gebirge: Leichenkälte möge dein Fleisch nicht töten, und stets bleibe der Leib an den Gliedern unversehrt.

Hier geht es nun um die Erstarrung vom Wasser des Lebens im Reich der Frost- und Bergriesen. Auch das kann man von Mutter Natur lernen: Solange der Geist lebendig ist, wird auch die Körperlichkeit lebendig bleiben und sich immer wieder erneuern. Daher kann es auch in der göttlichen Ganzheit kein Verlieren geben.

13. Den sing ich dir als achten, wenn dich draußen auf dem Nebelweg die Nacht überfällt: Dass dir eine christliche tote Frau keinen Schaden zufügen kann.

Über diesen Vers haben schon viele Gelehrte gerätselt. Manche vermuten bezüglich der toten Christenfrau religiöse Hasspropaganda, andere einen Schreibfehler. Praktisch geht es um den Nebelweg draußen in der äußeren Welt von Nifelheim, wo uns das Nacht-Bewusstsein überfällt und wie in einem Traum die Sinne vernebelt. In dieser Hinsicht erinnert die „tote Frau“ wieder an eine tote Natur. Gibt es in der Natur überhaupt einen echten Tod, der uns Schaden zufügen kann? Und umso mehr aus christlicher Sicht? Christus sagte doch: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Auch das kann uns Mutter Natur lehren, dass sich in der Natur alle Formen immer nur verwandeln und es ihr nicht darum geht, uns zu schaden, sondern heilsam zu helfen.

14. Den sing ich dir als neunten, wenn du mit dem waffenberühmten Riesen Worte wechselst: Wortgewandtheit und Weisheit sei dir für Mund und Herz genügend gegeben!

Dieser letzte Zauberspruch spricht noch einmal direkt unseren Verstand an, um der natürlichen Verkörperung mit innerer Weisheit und äußerer Wortgewandtheit zu begegnen. Davon handelt dann das nachfolgende Lied von Fjölswid, wie man die Erfüllung im Leben finden kann, wenn das Äußere wieder mit dem Inneren harmonisiert und Geist und Natur vereint werden.

Damit sind es schließlich auch neun Sprüche von Mutter Natur, die uns an ihren Ring der Erneuerung und Regeneration erinnern: „Siehe, ich mache alles neu!“

15. Nun geh niemals dorthin, wo Verderben scheint! Kein Unheil stehe deinen Wünschen im Weg! Auf grundfestem Stein stand ich im Tor (auf der Schwelle), während ich dir die Zaubersprüche sang.

So gibt es verschiedene Wege, die unser Verstand gehen kann. Der heilsamste Weg führt in die göttliche Ganzheit. Denn dort steht unserem Wunsch nach höchster Erfüllung kein Unheil mehr im Weg, da es dort keine Trennung mehr gibt, die geheilt werden müsste. Dort steht auch Mutter Natur auf felsenfestem Grund, sozusagen auf dem „Stein der Weisen“, dem ewigen Bewusstsein. Und da steht sie noch heute, wenn wir sie auf der Schwelle zwischen Leben und Tod erwecken, befragen und ihre Zaubersprüche hören. Wunderbar!

16. Nimm mit dir, Sohn, der Mutter Worte und bewahre sie im Herzen: Genügend Heil sollst du immer haben, solang du dich meiner Worte erinnerst.
(Gróugaldr nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Schließlich können wir fragen: Woher weiß das Mutter Natur? Warum wird sie als Seherin (Völva) bezeichnet? Nun, die Natur besteht aus Wissen, und damit auch aus Bewusstsein. Entsprechend sagen selbst moderne Wissenschaftler wie Anton Zeilinger: „Information ist der Urstoff des Universums - Wirklichkeit und Information sind dasselbe.“ Und durch das Prinzip der Verursachung in der Natur, das wir auch gern „Seele der Natur“ nennen, kann sie sogar aus der Vergangenheit in die Zukunft sehen und als „Seherin“ bezeichnet werden. Das ist eine wunderbare Vision, dass die Natur nicht nur das Sichtbare ist, sondern auch das Sehende, wie sie auch aus dem Auge von Odin geschöpft wird und im Grunde aus Bewusstsein besteht.

Aber die geformte und entstandene Natur neigt zu Erstarrung und Abkühlung, wie auch unsere moderne Wissenschaft weiß, dass sich unser Universum seit dem Urknall bereits auf -270°C abgekühlt hat und sich damit nur noch 2.7° über dem absoluten Nullpunkt der völligen Erstarrung befindet. Also ein gigantischer Frostriese! Dagegen wirkt nun der Geist mit seinem Feuer aus Muspelheim. Denn es ist der Geist, der lebendig macht. Und dieser Geist wirkt auch in uns Menschen, damit wir die Natur erwecken und die Verkörperung beseelen. Darin liegt wohl unsere Aufgabe und Verantwortung im Leben. So begeben wir uns nun als Sohn der Natur auf die große Suche nach dem wahren Reichtum des Lebens, der „Juwelen-Freude“ höchster Erfüllung:

Das Lied von Fjölswid (Vielklug)

Auch hier empfehlen wir, dieses wunderbar tiefgründige Lied zunächst im Ganzen zu lesen, bevor wir es mit unseren Gedanken zerpflücken:

1. Außerhalb seines Hofes sah er einen zum Sitz des Riesenvolks heraufkommen.

Fjölswid: Feuchte (neblige und wässrige) Wege geh wieder zurück! Hier findest du keine Zuflucht, Schutzsuchender [oder: keine Herberge, Hungerleider]!

2. Sohn: Was ist das für ein Riese, der in den Vorhöfen steht und um das gefährliche Feuer schweift?

Fjölswid: Wen suchst du, oder für wen bist du auf der Suche? Oder was willst du wissen, Freundloser?

3. Sohn: Was ist das für ein Riese, der im Vorhof steht und Wanderern die Gastfreundschaft verwehrt?

Fjölswid: Ohne ehrliche (und wahrhafte) Worte hast du als Mensch gelebt. So geh von hier nach Hause!

4. Fjölswid („Vielwissender“) heiß ich, und ich habe klugen Verstand. Doch bin ich nicht freigebig mit meiner Speise. Hinein in den Hof kommst du hier nie. Nun zieh deines Wegs, (gefräßiger) Wolf!

5. Sohn: Zur Augenfreude treibt es jeden zurück, wo er Liebes zu sehen bekommt. Die Zäune scheinen mir um goldene Säle zu glänzen. Hier wäre ich mit der Heimstatt zufrieden.

6. Fjölswid: Sag mir: Wem bist du, Bursche, geboren, und welcher Menschen Sohn bist du?

Sohn: Windkald („Windkalt“) heiß ich, Warkald („Frühlingskalt“) hieß mein Vater, dessen Vater war Fjölkald („Vielkalt“).

7. Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wer herrscht hier und hat die Gewalt über Eigentum und Goldsäle?

8. Fjölswid: Menglöd („Juwelen-Freude“) heißt sie, und ihre Mutter zeugte sie mit dem Sohn von Swafrthorinn (dem „Schlaf-Mutigen“). Sie herrscht hier und hat die Gewalt über Eigentum und Goldsäle.

9. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt dieses Gitter? Nie haben Menschen bei den Göttern gefährlicheres Unheil gesehen.

10. Fjölswid: Thrymgjöll („Lärm-Widerhall“) heißt es, und das haben drei Söhne von Solblindi („Sonnenblind“) geschaffen. Eine feste Fessel wird es jedem Wanderer, der es vom Tor hebt.

11. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Wall? Nie haben Menschen bei den Göttern gefährlicheres Unheil gesehen.

12. Fjölswid: Gastropnir („Gast-Rufer“) heißt er, und ich habe ihn aus den Gliedern von Leirbrimir (dem „Lehmriesen“) gemacht. Ich habe ihn so gestützt, dass er immer stehen wird, solang die Welt besteht.

13. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißen die Hunde? Nie haben Menschen bei den Göttern gefährlicheres Unheil gesehen.

14. Fjölswid: Gif („Gier“) heißt der eine, und Geri („Gefräßiger“) der andre, wenn du das wissen willst. Elf Wachen müssen sie halten, bis die Ratenden (Götter) untergehen.

15. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob einer unter den Menschen ist, der hineinkommen kann, während die Kampfkühnen (Hunde) schlafen?

16. Fjölswid: Genauer Wechselschlaf war ihnen streng befohlen, seit ihnen die Wache zugewiesen war. Der eine schläft nachts, und der andere am Tag. Und niemand gelangt hinein, wenn er kommt.

17. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob es irgendeine Speise gibt, die man ihnen gibt und hineinläuft, während sie essen?

18. Fjölswid: Zwei Flügelbraten liegen an Widofnirs Gliedern (dem Hahn „Weit-Rufer“), wenn du das wissen willst. Das ist die Speise, die man ihnen gibt und hineinläuft, während sie essen.

19. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet über alle Länder?

20. Fjölswid: Mimameid („Mimirs Baum“, Yggdrasil) heißt er. Aber niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst. Auch wie er fällt, weiß niemand, denn ihn fällt weder Feuer noch Eisen.

21. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wofür wächst dieser berühmte Baum, wenn ihn weder Feuer noch Eisen fällen können?

22. Fjölswid: Mit seinen Früchten soll man für frost-kränkliche Frauen Feuer machen. Heraustreiben sollen sie, was innen ist. Diese Bedeutung hat er bei den Menschen.

23. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Hahn, der im hohen Baum sitzt und ganz von Gold glänzt?

24. Fjölswid: Widofnir („Weit-Rufer“) heißt er, und er sitzt, im Wind glänzend, auf den Zweigen Mimameids (dem „Mimir-Baum“ Yggdrasil). Mit Leiden bedrängt er entsetzlich (die Riesen) Surt und Sinmara. [Oder: Er wird bedrängt mit entsetzlichem Leiden von Surt und Sinmara („Feuerriese“ und „großer Albtraum“).]

25. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob’s keine unter den Waffen gibt, die Widofnir zu Hels Sitz sinken lassen könnte?

26. Fjölswid: Läwateinn („Schadenszweig“) heißt sie, und Loptu (Loki) brach sie listig vor dem Totengitter. In eiserner Truhe liegt sie nun bei Sinmara, und neun Njard-Schlösser sichern sie.

27. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob der zurückkommt, der auszieht und den Zweig holen will?

28. Fjölswid: Zurück wird er kommen, der auszieht und den Zweig holen will, wenn er das mitbringt, was nur wenige haben, das Geheimnis des Wasserglanzes.

29. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Gibt es wirklich etwas so Kostbares, das Menschen haben können, und worüber sich die bleiche Riesin (Sinmara) freut?

30. Fjölswid: Die glänzende Sichel (eine Schwanzfeder des Hahns) musst du zur Truhe tragen, die, welche in Widofnirs Schweif sitzt. Gib sie Sinmara, so wird sie sich bereit erklären, die Waffe für den Kampf zu leihen.

31. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Saal, der vom untrüglichen Feuerwall umgeben ist?

32. Fjölswid: Lyr („Feuer-Haus“?) heißt er, und er wird sich lange wie auf der Spitze eines Speeres bewegen. Von diesem Haus des Reichtums werden die Menschen durch alle Zeiten nur Gerüchtkunde haben.

33. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wer hat das geschaffen von den Asen-Söhnen, was ich innerhalb des Hofes sah?

34. Fjölswid: Uni und Iri, Ori und Bari, Warr und Wegdrasill, Darri und Uri, Delling, Atward, Lidskjalf und Loki.

35. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Berg, auf dem ich die Braut (Menglöd), die hochberühmte, verweilen sehe?

36. Fjölswid: Lyfjaberg („Heilmittelberg“) heißt er, und der ist schon lange den Kranken und Verwundeten Trost gewesen. Gesund wird jede Frau, auch wenn sie eine schwere Krankheit hat, wenn sie ihn erklimmt.

37. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißen die Mädchen, die vor Menglöds Knien friedlich gemeinsam sitzen [oder singen]?

38. Fjölswid: Hlif heißt eine, die andre Hlifthrasa, die dritte Thjodwarta, sowie Björt und Bleik, Blid und Frid, Eir und Aurboda.

39. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob sie die beschützen, die ihnen opfern, wenn es dessen bedarf?

40. Fjölswid: Sie helfen, wenn man ihnen opfert am altar-heiligen Platz. Keine noch so große Gefahr kommt zu der Menschen Söhne, jeden retten sie aus Nöten.

41. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Gibt es einen Mann, der in Menglöds trautem Arm schlafen darf?

42. Fjölswid: Keiner ist unter den Männern, der in Menglöds trautem Arm schlafen darf, außer Swipdag allein: Ihm war die sonnenglänzende Braut als Frau versprochen.

43. Sohn: Mach die Türen auf, lass die Tore weit: Hier kannst du Swipdag sehn! Geh doch erkunden, ob Menglöd meine Liebe haben will!

44. Fjölswid: Hör, Menglöd: Hier ist ein Mann gekommen, geh den Gast ansehen! Die Hunde freuen sich, das Haus öffnet sich: Ich glaube, dass es Swipdag ist.

45. Menglöd: Kluge Raben sollen dir am hohen Galgen die Augen ausreißen, wenn du lügst, dass hierher von fern der Jüngling zu meinem Hof gekommen ist!

46. Woher kommst du? Wo warst du so lange? Wie nennt dich die Familie? Abstammung und Name muss ich als Kennzeichen wissen, wenn ich dir als Frau versprochen war.

47. Sohn: Swipdag („augenblicklicher Tag“) heiße ich, Solbjart („Sonnenglanz“) hieß mein Vater. Von dort wanderte ich windkalte Wege. Urds (des Schicksals) Wort trotzt kein Mann, auch wenn es mit Makel behaftet scheint.

48. Menglöd: Willkommen seist du! Mein Wunsch hat sich erfüllt: Folgen soll dem Gruß der Kuss! Des Geliebten Anblick wird die meisten erfreuen, wer Liebe zum anderen hat.

49. Lang saß ich auf dem Lyfjaberg („Heilmittelberg“) und wartete auf dich Tag um Tag: Nun geschah es, worauf ich gewartet habe, dass du gekommen bist, Jüngling, in meinen Hof.

50. Swipdag: Begehren hatte ich nach deiner Liebe, und du nach der Erinnerung an die meine: Nun ist es wahr, dass wir verbringen werden Leben und Alter gemeinsam.
(Fjǫlsvinnsmál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Wunderbar! Das Lied hat eine erstaunliche Tiefe, und wir sind uns bewusst, dass auch wir nur einige Gedanken dazu niederschreiben können, um vielleicht zum weiteren Nachdenken und Meditieren anzuregen. Los geht’s:

Groas Sohn begibt sich nun, nachdem er die Offenbarung seiner wahren Mutter-Natur vernommen hatte, als Menschensohn auf die große Suche nach dem wahren Reichtum des Lebens, der „Juwelen-Freude“ höchster Erfüllung. Und Fjölswid, ein vielwissender Riese, sieht ihn in seinem Reich ankommen:

1. Außerhalb seines Hofes sah er einen zum Sitz des Riesenvolks heraufkommen.

Fjölswid: Feuchte (neblige und wässrige) Wege geh wieder zurück! Hier findest du keine Zuflucht, Schutzsuchender [oder: keine Herberge, Hungerleider]!

2. Sohn: Was ist das für ein Riese, der in den Vorhöfen steht und um das gefährliche Feuer schweift?

Fjölswid: Wen suchst du, oder für wen bist du auf der Suche? Oder was willst du wissen, Freundloser?

3. Sohn: Was ist das für ein Riese, der im Vorhof steht und Wanderern die Gastfreundschaft verwehrt?

Fjölswid: Ohne ehrliche (und wahrhafte) Worte hast du als Mensch gelebt. So geh von hier nach Hause!

4. Fjölswid („Vielwissender“) heiß ich, und ich habe klugen Verstand. Doch bin ich nicht freigebig mit meiner Speise. Hinein in den Hof kommst du hier nie. Nun zieh deines Wegs, (gefräßiger) Wolf!

Was ist der „Sitz des Riesenvolkes“? Hier können wir an die Verkörperung denken. Und der Wächter wäre dann der körperliche Verstand, der mit seinem vielfältigen Wissen den Körper verteidigt und keinen bedrohlichen Geist hereinlässt. Doch gerade dort, im Inneren der Körperlichkeit ist auch das, was der Mensch auf seinen nebligen Wegen im Fluss des Lebens sucht. Nämlich die Seele der Natur, die tiefe Sehnsucht unserer Liebe, um unsere Erfüllung und Vollkommenheit wiederzufinden. Um aus der Trennung heraus wieder in die Ganzheit von Geist und Natur zu kommen. Um uns selbst in reiner Liebe zu finden und die Angst zu überwinden, irgendetwas verlieren zu können. Doch als gefräßiger Wolf kommt man da nicht hin. Hier hilft nur der vernünftige Verstand der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, vor allem zu sich selbst:

5. Sohn: Zur Augenfreude treibt es jeden zurück, wo er Liebes zu sehen bekommt. Die Zäune scheinen mir um goldene Säle zu glänzen. Hier wäre ich mit der Heimstatt zufrieden.

Die goldenen Säle oder Hallen erinnern uns an Bewusstseinsräume der Wahrheit, die hinter den Mauern und Zäunen der körperlichen Hüllen zu finden sind. Und es ist wohl gut, in dieser Richtung nach Zufriedenheit zu suchen.

6. Fjölswid: Sag mir: Wem bist du, Bursche, geboren, und welcher Menschen Sohn bist du?

Sohn: Windkald („Windkalt“) heiß ich, Warkald („Frühlingskalt“) hieß mein Vater, dessen Vater war Fjölkald („Vielkalt“).

Hier erkennt und offenbart sich nun der vernünftige Verstand ehrlicherweise im Menschenkörper als ein erkalteter Geist, ein gefrorenes Licht des Bewusstseins, das seit dem Urknall immer weiter abgekühlt ist. Ja, diese Ehrlichkeit zu sich selbst ist wohl nötig, um diesen Weg der Verkörperung des kalten Windes umzukehren, vom vielkalten Winter über den kalten Frühling zum warmen Sommerlicht hin. Damit beginnt nun der vernünftige Verstand, sich im Zwiegespräch durch den körperlichen Verstand „durchzufragen“:

7. Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wer herrscht hier und hat die Gewalt über Eigentum und Goldsäle?

8. Fjölswid: Menglöd („Juwelen-Freude“) heißt sie, und ihre Mutter zeugte sie mit dem Sohn von Swafrthorinn (dem „Schlaf-Mutigen“). Sie herrscht hier und hat die Gewalt über Eigentum und Goldsäle.

Wenn wir bei Menglöd an die Seele der Natur denken, die durch Verursachung in der Körperlichkeit herrscht, dann sollte sie natürlich auch eine göttliche Abstammung haben. Kann man in Swafrthorinn Odin wiederfinden? Zumindest ist Swafnir als „Herr des Schlafes“ ein Beiname von Odin. Und Wilhelm Jordan schreibt: Überliefert, aber unsicher, ist für svafr die Bedeutung Zücker, Schwenker; svaf ist Speer. Somit wäre der Name zu erklären: Der Schwenkkühne oder der kühne Speerschwinger, wohl Odin als Werfer des Speers Gungnir.

9. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt dieses Gitter? Nie haben Menschen bei den Göttern gefährlicheres Unheil gesehen.

Der letzte Satz deutet an, dass der Menschensohn hier im Inneren der Körperlichkeit nach einem göttlichen Reich Ausschau hält, wo die Götter wohnen. Und das Gitter der Körperhülle erscheint ihm diesbezüglich als sehr gefährliches Unheil, im Sinne einer Trennung, die geheilt werden sollte.

10. Fjölswid: Thrymgjöll („Lärm-Widerhall“) heißt es, und das haben drei Söhne von Solblindi („Sonnenblind“) geschaffen. Eine feste Fessel wird es jedem Wanderer, der es vom Tor hebt.

Was ist das für ein Gitter, das jedes wandernde Lebewesen bindet, wenn es dagegen ankämpft? Hier können wir wieder über die Illusion nachdenken, die umso fester wird, je mehr man dagegen kämpft. Denn jeder Kampflärm des Verstandes hallt davon vervielfacht wider. So gleicht dieses Gitter einem klebrigen Spinnennetz, in dem man sich mit jeder Bewegung mehr verstrickt. Vor allem gilt dies für das „Ego-Gitter“ von Mein und Dein, mit dem sich eine Person an den Toren ihrer körperlichen Mauern abtrennen und verteidigen will.

Wer hat dieses Widerhall-Gitter geschaffen? Solblindi könnte als Gegensatz zu Helblindi stehen, einem Beinamen von Odin. Und die Gegenwirkung zu Odin erinnert wieder an Loki, der auch drei Söhne hat, die an diesem Gitter stark beteiligt sind. Nämlich die Midgardschlange als Selbst-Verschlinger, der Fenris-Wolf als All-Verschlinger und Nari als Begrenzer. So besteht auch das Gitter im Prinzip aus verschlungen Schlangen der Begrenzung, die vom „Schlingel“ gezeugt wurden. In dieser Hinsicht hat auch Loki mit dafür gesorgt, die Burgmauer um Asgard zu errichten, die eine ähnliche Bedeutung hat, wie hier das Gitter und der Wall:

11. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Wall? Nie haben Menschen bei den Göttern gefährlicheres Unheil gesehen.

12. Fjölswid: Gastropnir („Gast-Rufer“) heißt er, und ich habe ihn aus den Gliedern von Leirbrimir (dem „Lehmriesen“) gemacht. Ich habe ihn so gestützt, dass er immer stehen wird, solang die Welt besteht.

Der Wall (garð) erinnert an die Mauer der Materie, die den Geist als Gast ruft, um sich zu beleben. Und diese Materie kann sehr beständig erscheinen. Wir wissen ja, dass manche Atome schon fast so alt wie das gesamte Universum sind. Und verfestigt und gestützt wird die Materie natürlich vom körperlichen Verstand selbst, wie nun auch Fjölswid zugibt. Das ist möglich, denn: „Information ist der Urstoff der Materie“. Doch gegen die Einsicht, dass der Verstand die aufgebaute und verhärtete Mauer auch wieder abbauen und beleben kann, wehrt er sich gewöhnlich hartnäckig, und wird sich damit selbst zum größten Hindernis.

So wird nun immer deutlicher, dass es hier um die Trennung zwischen dem körperlichen und göttlichen Reich geht, zwischen Natur und Geist, und dass dieser Grenzwall in Wirklichkeit vor allem um den Menschensohn herum besteht. Entsprechend wirkt auch der Riese Fjölswid als körperlicher Verstand mit seinem vielfältigen Wissen mehr gegen das Verlassen der Körperburg. Und damit verwehrt er den Eintritt in das göttliche Reich der Ganzheit.

So kommt deutlich zum Ausdruck, dass es vor allem der Verstand selber ist, der diese Körperburg nicht verlassen kann, weil er sich im Gitter der Tore verstrickt, was uns auch an die Körpertore der Sinne erinnert. Und ein zweiter Grund ist, weil er selber die feste Mauer der Materie beständig gemacht hat, die nicht vergehen wird, solange die Welt besteht. Das deutet bereits eine hoffnungslose Situation für unseren Verstand an, und dazu kommen nun noch die Wachhunde der Körperburg:

13. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißen die Hunde? Nie haben Menschen bei den Göttern gefährlicheres Unheil gesehen.

14. Fjölswid: Gif („Gier“) heißt der eine, und Geri („Gefräßiger“) der andre, wenn du das wissen willst. Elf Wachen müssen sie halten, bis die Ratenden (Götter) untergehen.

Die beiden Hunde erinnern an die beiden Wölfe von Odin. Dazu heißt es: Die Speise, die auf Odins Tisch steht, gibt er seinen beiden Wölfen, welche Geri und Freki („Begierde und Gefräßigkeit“) heißen. Er selbst braucht keine Speise. So wirken diese Wölfe symbolisch als weltliche Vergänglichkeit, die Odin zumindest soweit gezähmt hat, dass sie nicht sogleich alles verschlingen, was in der Schöpfung entsteht, wie es der Fenris-Wolf begehrt. Denn sonst wäre kein Lernen möglich.

Diese Wölfe haben wir dann mit unserem Verstand auf wunderbare Weise noch soweit “domestiziert” und verwandelt, dass sie uns in der Körperburg als Wach- und Jagdhunde dienen. Und das ist möglich, denn auch diese Wölfe und Hunde sind im Grunde Geschöpfe des Verstandes aus dem Mimir-Brunnen. Und mit ähnlicher Bedeutung können wir auch den Wachhund Garm für das Totenreich finden.

So bewachen nun die beiden Hunde mit ihrer natürlichen Gier und Gefräßigkeit die Körperlichkeit im Schöpfungszyklus. Entsprechend erinnern die “elf Wachen” an den Uhrenkreis der zwölf Stunden oder den Jahreskreis der zwölf Monate. Sodass die Zwölf für das Ende und die Eins für den Neuanfang steht, ähnlich wie die Neun im Draupnir-Ring der Erneuerung. Das heißt: Die domestizierten Hunde wachen, bis sie zu Ragnarök ihr wildes Wesen wieder zeigen und in ihrer gefräßigen Gier alle Geschöpfe verschlingen.

Aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht könnte man bezüglich dieser Gier im Prinzip an die Kernkräfte, den Elektromagnetismus und die Gravitation denken, die alle Materie zusammenhalten.

15. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob einer unter den Menschen ist, der hineinkommen kann, während die Kampfkühnen (Hunde) schlafen?

16. Fjölswid: Genauer Wechselschlaf war ihnen streng befohlen, seit ihnen die Wache zugewiesen war. Der eine schläft nachts, und der andere am Tag. Und niemand gelangt hinein, wenn er kommt.

Damit kommen wir an dieser hungrigen Gier nicht vorbei, ob wir uns ihrer bewusst sind oder nicht, ja, nicht einmal im nächtlichen Traum, um wieder in die Ganzheit „hineinzukommen“ und wahre Erfüllung zu finden. Doch der vernünftige Verstand gibt noch nicht auf. Es muss doch eine Lösung geben:

17. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob es irgendeine Speise gibt, die man ihnen gibt und hineinläuft, während sie essen?

18. Fjölswid: Zwei Flügelbraten liegen an Widofnirs Gliedern (dem Hahn „Weit-Rufer“), wenn du das wissen willst. Das ist die Speise, die man ihnen gibt und hineinläuft, während sie essen.

Womit könnte man diese hungrige Gier sättigen, und wenn es nur für einen Augenblick wäre, um aus der abgetrennten Körperlichkeit wieder in die Ganzheit und Gottheit hineinzukommen? Der rufende Hahn erinnert uns symbolisch an den Adler, der oben im Gipfel des Weltenbaums sitzt, wo auch die äußere Gestaltung wirkt. Diesen Adler haben wir bereits als ein Symbol der rufenden Begierde kennengelernt, die aber auch ihren Sinn hat. Denn als König der Vögel soll uns diese Begierde in das göttliche Reich „rufen“, um Erfüllung zu finden. Wie es auch dem Riesen Suttung geschah, als sich Odin in einen Adler verwandelte, sich mit dem Dichter-Met nach Asgard erhob und Suttung in Adler-Gestalt nachfolgte.

Und dieses Flügelpaar soll man nun als Braten den beiden Hunden geben. So kann man sich vorstellen, wie die Gier die Gier verschlingt und kurze Zeit beruhigt ist. Hier merkt der menschliche Verstand noch nicht, welche gefährliche Tücke dahintersteckt, sondern fragt sich, wie er an diesen Braten gelangen kann.

19. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet über alle Länder?

20. Fjölswid: Mimameid („Mimirs Baum“, Yggdrasil) heißt er. Aber niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst. Auch wie er fällt, weiß niemand, denn ihn fällt weder Feuer noch Eisen.

Die erste und umfassendste Lösung wäre, den ganzen Weltenbaum zu fällen. Doch an die Wurzeln kommt der Verstand nicht heran, mit eiserner Gewalt kann er den Stamm nicht fällen und mit seinem Feuer dessen Substanz nicht verbrennen. Aber vielleicht kann er seinen Sinn vernichten? So fragt er sich: Wofür ist der Baum da?

21. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wofür wächst dieser berühmte Baum, wenn ihn weder Feuer noch Eisen fällen können?

22. Fjölswid: Mit seinen Früchten soll man für frost-kränkliche Frauen Feuer machen. Heraustreiben sollen sie, was innen ist. Diese Bedeutung hat er bei den Menschen.

Die Früchte vom Weltenbaum des Lebens sind wohl die Lebewesen. Und die frost-kränklichen Frauen erinnern an die Frauen und Töchter der Frostriesen, an die abgekühlte und zur frostigen Erstarrung neigenden Natur, die das Feuer des Lebens heilen soll. In dieser Hinsicht kann man auch die Edda-Symbolik verstehen, wenn die Töchter der Frost- und Bergreisen von den Göttern und ihren Söhnen zur Heilung geheiratet werden. Und warum? Um die innerlichen Ursachen, die angesammelt wurden, herauszutreiben, äußerlich auszuwirken und das Karma zu verbrennen. Diese Bedeutung hat der Weltenbaum des Lebens für uns Menschen. Deshalb sollte er auch nicht gefällt werden, denn damit würden wir allen Sinn im Leben verlieren. Und in dieser Hinsicht ist es auch ein „Mimir-Baum“, ein Schöpfungsbaum des Verstandes, der sich zur Vernunft wenden und der Gottheit dienen soll.

23. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Hahn, der im hohen Baum sitzt und ganz von Gold glänzt?

24. Fjölswid: Widofnir („Weit-Rufer“) heißt er, und er sitzt, im Wind glänzend, auf den Zweigen Mimameids (dem „Mimir-Baum“ Yggdrasil). Mit Leiden bedrängt er entsetzlich (die Riesen) Surt und Sinmara. [Oder: Er wird bedrängt mit entsetzlichem Leiden von Surt und Sinmara („Feuerriese“ und „großer Albtraum“).]

Nachdem der Verstand den Sinn des Weltenbaums verstanden hat, scheint er nun zu zweifeln, ob es wirklich der richtige Hahn ist, der oben im hohen Baum sitzt, zumal er nun mit dem Gold der Wahrheit im Wind glänzt. Der Wind erinnert an den Wind des Geistes, der uns nach oben in den Gipfel des Baumes zieht, besonders auf die geistige Seite nach Lichtalbheim, wo auch Gimle zu finden ist, das glänzend-lichtvolle Tor zum Himmel. Dazu lässt der Hahn jeden Morgen seinen Weckruf erklingen, damit wir aus dem Traum unseres Nacht-Bewusstseins erwachen können.

Für den letzten Satz im Vers bevorzugen wir die Lesart in eckigen Klammern. Surt ist vermutlich der Feuerriese, zu dem es in „Gylfis Illusion“ §4 heißt: Surt wird der genannt, der an der Landesgrenze (zu Muspelheim) Wache hält. Er hat ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er losziehen, heeren und alle Götter besiegen. Verbrennen wird er die ganze Welt mit Feuer. Sinmara könnte „großer Albtraum“ bedeuten, im Sinne der weltlichen Illusion des Verstandes, wodurch auch die Begierde des Hahns bzw. Adlers entsetzliches Leiden werden kann, das sogar den ganzen Baum bedroht. Aufgrund dieses Leidens sieht der Menschensohn wohl immer noch einen Grund, diesen weitrufenden Hahn zu töten und an die gierigen Hunde zu verfüttern, um das große Ziel seiner Liebe und Erfüllung zu finden:

25. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob’s keine unter den Waffen gibt, die Widofnir zu Hels Sitz sinken lassen könnte?

26. Fjölswid: Läwateinn („Schadenszweig“) heißt sie, und Loptu (Loki) brach sie listig vor dem Totengitter. In eiserner Truhe liegt sie nun bei Sinmara, und neun Njard-Schlösser sichern sie.

Der Schadenszweig erinnert an den Mistelzweig, den Loki westlich von Walhall brach, wo die Sonne untergeht. Diesen gab er dem blinden Hödur, dem Gott der Dunkelheit, um damit Balder, den Gott der Lichtheit, in die Dunkelheit der Hel zu senden. Seitdem geistert diese listige Waffe in unserem weltlichen Verstand herum, und wir glauben, dass man das göttliche Licht verdunkeln oder sogar töten kann. Das ist wirklich ein „großer Albtraum“, der zum Glück noch in eiserner Truhe mit neun Schlössern gesichert und verschlossen liegt. Njard erinnert hier an Njörd, den Gott der Natur. Und dort wurde im Mikrokosmos von den gestaltenden Zwergen der goldene Ring Draupnir geschaffen, der auch neun Schlössern gleicht, die sich in der Natur nicht alle gleichzeitig öffnen lassen. Dadurch bewahrt er das göttliche Licht des Lebens in der Welt.

Will der Menschenverstand nun wirklich das goldene Licht töten, um die hungrige Gier zu bezwingen und Erfüllung zu finden? Ober tötet er sich damit nur selbst?

27. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob der zurückkommt, der auszieht und den Zweig holen will?

28. Fjölswid: Zurück wird er kommen, der auszieht und den Zweig holen will, wenn er das mitbringt, was nur wenige haben, das Geheimnis des Wasserglanzes.

Wer kann aus diesem „großen Albtraum“ von Sinmara zurückkehren? Ja, dazu braucht man das Geheimnis vom Licht des Bewusstseins im Wasser des Lebens. Denn dieses Licht vergeht nicht und kennt keinen Tod. Doch praktisch sind sich dessen nur wenige bewusst.

29. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Gibt es wirklich etwas so Kostbares, das Menschen haben können, und worüber sich die bleiche Riesin (Sinmara) freut?

30. Fjölswid: Die glänzende Sichel (eine Schwanzfeder des Hahns) musst du zur Truhe tragen, die, welche in Widofnirs Schweif sitzt. Gib sie Sinmara, so wird sie sich bereit erklären, die Waffe für den Kampf zu leihen.

Dieser Vers wird allgemein so gedeutet, dass sich hier „die Katze in den Schwanz beißt“, sozusagen ein unlösbarer Teufelskreis des vielwissenden Verstandes. Denn wer dem Hahn die Schwanzfeder herausreißen kann, der muss ihn bereits überwältigt haben. Damit hört nun auch der Menschensohn auf, in dieser Richtung weiter zu fragen, um die Begierde zu besiegen. Und das ist gut so, Gott sei Dank! Denn jetzt zeigt sich wieder der vernünftige Verstand, der immer mehr das Wesen des körperlichen Verstandes erkennt und sieht, dass sich dieser immer nur im Kreis dreht und keine wahre Lösung der weltlichen Probleme finden kann.

Symbolisch können wir in der glänzenden Sichel der buntschimmernden Hahnenfeder auch die Regenbogenbrücke von Heimdall wiederfinden, die das Götter- und Menschenreich verbindet. Diese Brücke des Bewusstseins dem „großen Albtraum“ von Sinmara zu schenken, wäre wohl das Dümmste, was man tun kann, auch wenn das Licht des Bewusstseins natürlich jede Truhe öffnet. Denn dann könnte diese Brücke nicht mehr ins Götterreich führen, und die Menschenwelt wäre durch die Midgardschlange völlig abgetrennt, was im Grunde wieder ein Ding der Unmöglichkeit ist.

So finden wir mit dieser Deutung der Hahnenfeder erneut eine symbolische Verbindung zwischen Hahn und Adler, so dass dieser auch in den Geschichten von Suttung und Thjasi als Brücke nach Asgard dienen konnte. Dazu ist die Feder auch selbst ein schönes Symbol für das Bewusstsein, wie es sich in die sichtbaren Farben und Formen auffächert, doch selbst ganz leicht ist und das Fliegen im Reich der Luft und des Windes ermöglicht. Wie auch Freya ihr schönes Federkleid verleiht, mit dem man durch die Welten fliegen kann.

Kurze Zusammenfassung: So hat der Menschensohn bisher drei Grundprinzipien der Körperlichkeit erkannt: Das Gitter der Verschlungenheit, in das man sich immer mehr verschlingt, wenn man es aufheben will. Den Wall der Materie, die der körperliche Verstand selber erschafft, so dass der Wall erst am Ende der Schöpfung und des Verstandes vergeht, wenn der Feuerriese Sutr alles verbrennt. Und als drittes die Hunde der hungrigen Gier, welche sich selbst erhält und mit Begierde nicht zu töten ist. Diese drei Grundprinzipien erinnern uns wieder an Hass, Unwissenheit und Begierde, die wir symbolisch bereits als Schlange, Eichhörnchen und Adler in der Beschreibung von Yggdrasil erkannt haben und die auch im Buddhismus die Achse des Lebensrades bilden, um das sich alle Welten drehen. Dort werden sie als Schlange, Schwein und Hahn symbolisiert. Nun finden wir hier sogar den Hahn wieder. Wunderbar!

Interessanterweise scheint davon die Begierde die größte Herausforderung zu sein, um die der Verstand die weitesten Kreise dreht. Denn vor allem in der Begierde kann man auch einen höheren Sinn sehen, um die ganzheitliche Liebe und Erfüllung wiederzufinden. Und daher muss es natürlich auch Hass und Unwissenheit geben, ohne die logischerweise keine Begierde existieren kann. So treiben diese drei Grundprinzipien das Rad der Welten an, damit die Wesen lernen können.

Damit lernt nun auch hier der vernünftige Menschenverstand, dass es keinen Sinn macht, den Hass mit Hass zu bekämpfen, die Unwissenheit mit Unwissenheit und die Begierde mit Begierde. So macht es auch keinen Sinn, das Leben durch Töten zu bewahren, die Ruhe durch Lärm oder den Frieden durch Krieg. Aber was nun? Wie kommt man zur Erfüllung? Dazu wendet sich nun der Menschensohn vom Kampf in der äußerlichen Natur ab und schaut wieder in die göttliche Welt, über die körperlichen Grenzen hinaus:

31. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Saal, der vom untrüglichen Feuerwall umgeben ist?

32. Fjölswid: Lyr („Feuer-Haus“?) heißt er, und er wird sich lange wie auf der Spitze eines Speeres bewegen. Von diesem Haus des Reichtums werden die Menschen durch alle Zeiten nur Gerüchtkunde haben.

Was ist das für ein Saal, der von einem untrüglichen Feuerwall umgeben ist? Auch wir können hier nur eine Ahnung davon haben und an die Bewusstseinshalle der Wahrheit denken. Um da hineinzukommen, muss natürlich alles Vergängliche und Illusorische verbrannt werden. Dazu gehören auch Raum und Zeit, so dass sie zeitlos und raumlos in der Einheit besteht, und dafür ist die Speerspitze ein gutes Symbol. Hier können wir auch an den Speer Gungnir von Odin denken, den „Schwankenden“ oder „Wellenden“, der alles bewegt. Aus geistiger Sicht sprechen wir gern vom reinen und formlosen Bewusstsein, das jede Form annehmen kann und damit auch jeden Reichtum gewährt, aber das sich selbst nur indirekt wahrnehmen bzw. erahnen lässt. Das wäre dann auch die Wahrheit, nämlich das, was war, bevor etwas wurde.

So können wir uns gut vorstellen, wie der Menschensohn hier in Richtung Asgard und Lichtalbheim nach Gimle schaut, zum reinen Himmelslicht, das wie eine Sonne über dem Weltenbaum des Lebens scheint.

33. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wer hat das geschaffen von den Asen-Söhnen, was ich innerhalb des Hofes sah?

34. Fjölswid: Uni und Iri, Ori und Bari, Warr und Wegdrasill, Darri und Uri, Delling, Atward, Lidskjalf und Loki.

Der „Hof“ dieser Bewusstseinshalle erinnert wiederum an die Welt der Formen, die man in den neun Welten sehen und erfahren kann. Wer hat diese Formen geschaffen? Wer sind diese Göttersöhne? Es folgt eine Liste mit zwölf wunderlichen Namen, die demonstrativ mit Loki abgeschlossen wird. Manche erinnern an Zwerge, die als Naturgeister im Mikrokosmos die Natur gestalten. Doch ihre Namen lassen sich nur schwer deuten, und wir möchten uns auch nicht daran versuchen. Denn vielleicht geht es hier vor allem um die Zwölf als Zahl der Ganzheit, wie auch in den Edda-Texten oft vom Kreis der zwölf Götter im Sinne der Gottheit gesprochen wird. In dieser Hinsicht erinnern die ersten Elf symbolisch an die oben erwähnten „elf Wachen“ für die Schöpfung, und der Zwölfte wäre dann Loki als Gegenwirkung.

Dann wäre die Botschaft des Verses: Die Ganzheit bzw. Gottheit der Geist- und Naturgötter schafft die sichtbaren Formen im Hof des reinen Bewusstseins, sozusagen in allen neun Welten des Weltenbaumes. Und alle Unterscheidungen mit Namen und Begriffen sind vor allem Erfindungen des körperlichen des Verstandes, die man nicht als Wahrheit betrachten sollte. So versucht dieses Lied etwas sehr Großes und Heilsames, nämlich uns von den erstarrten Konzepten des begrifflichen Verstandes zu befreien. Vermutlich werden auch deshalb nur so wenig wie möglich wohlbekannte Namen verwendet, in die sich unser Verstand verbeißen kann, um sich daran festzuhalten. Ähnlich soll auch der Buddha gesagt haben: Als Floß, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten.

35. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißt der Berg, auf dem ich die Braut (Menglöd), die hochberühmte, verweilen sehe?

36. Fjölswid: Lyfjaberg („Heilmittelberg“) heißt er, und der ist schon lange den Kranken und Verwundeten Trost gewesen. Gesund wird jede Frau, auch wenn sie eine schwere Krankheit hat, wenn sie ihn erklimmt.

Nun scheint der Menschensohn seinen Blick nach Wanaheim in das Reich der materiellen Natur zu richten und sieht dort auf dem Gipfel das Ziel seiner Liebe und Erfüllung. Wofür ist dieser Berg an Materie da? Hier finden wir wieder eine starke Vision: Es ist ein Berg der Heilmittel, um die weiblichen bzw. natürlichen Wesen zu heilen. Was ist ihre lange Krankheit und Verwundung? Hier können wir über das Karma und vor allem die Sünde der Trennung nachdenken, die Trennung von Mann und Frau als Geist und Natur, und damit auch die Trennung von der Gottheit. Der Gipfel des Berges symbolisiert dann wieder die Heilung in der geistigen Einheit, die man in der natürlichen Vielfalt wiederfinden kann. Diese Einheit verkörpert auch die Seele der Natur, als ganzheitliches Prinzip der Verursachung in der Natur und damit auch Quelle aller Schönheit und allen Reichtums, die „Juwelen-Freude“ von Menglöd, die der Menschensohn in seinem tiefsten Wesen liebt und sucht.

37. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Wie heißen die Mädchen, die vor Menglöds Knien friedlich gemeinsam sitzen [oder singen]?

38. Fjölswid: Hlif heißt eine, die andre Hlifthrasa, die dritte Thjodwarta, sowie Björt und Bleik, Blid und Frid, Eir und Aurboda.

Wer sind die Dienerinnen der Seele, die friedlich vereint mit ihr das Lied der natürlichen Vielfalt singen? Ihre Namen könnte man deuten als Schutz, Riesenschutz, Volkshütung, Hellglanz, Glänzend/Hold, Fröhlichkeit/Freude, Schönheit/Liebreiz, Mitgefühl und Erdbotschaft. Letztere trägt als Aurboda den gleichen Namen wie eine Frau von Gymir, des Meer-Riesen, die zur Mutter von Gerda wurde, der „Beschützerin“. Gerda heiratet dann Freyr, den Sommergott, und gebiert ihm Fjolnir, die „Vielfalt“ der Natur.

Dazu werden hier wieder neun Namen genannt, die an den goldenen Ring der Erneuerung in der Natur erinnern. Man könnte also vermuten, dass sich bezüglich der Ganzheit die Zwölf mehr auf die geistige Einheit und die Neun auf die natürliche Vielfalt bezieht.

39. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Ob sie die beschützen, die ihnen opfern, wenn es dessen bedarf?

40. Fjölswid: Sie helfen, wenn man ihnen opfert am altar-heiligen Platz. Keine noch so große Gefahr kommt zu der Menschen Söhne, jeden retten sie aus Nöten.

Was für ein Opfer fordern sie? Auch das ist ein großes Thema, und dieses Opfergebot hat schon verrückteste Formen angenommen, wenn der tiefere Sinn nicht mehr bewusst ist. Aus geistiger Sicht denken wir vor allem an das Opfer, was uns am schwersten fällt, nämlich den eigenwilligen Egoismus zu opfern. Und wo? Natürlich an einem Ort der Heilung, wo die Ganzheit als Gottheit verehrt wird. Dann wird uns auch die Natur nicht mehr schaden, sondern auf dem Weg zur Ganzheit beschützen und heilsam aus jeder Not helfen.

41. Sohn: Sag mir das, Fjölswid, was ich dich fragen werde und was ich wissen will: Gibt es einen Mann, der in Menglöds trautem Arm schlafen darf?

42. Fjölswid: Keiner ist unter den Männern, der in Menglöds trautem Arm schlafen darf, außer Swipdag allein: Ihm war die sonnenglänzende Braut als Frau versprochen.

Das waren nun insgesamt achtzehn Fragen im Zwiegespräch, was sicherlich auch eine symbolische Zahl ist. Damit wurden für unseren Verstand vielfältige Wege erörtert, wie der Menschensohn an das Ziel und die Erfüllung seiner Liebe gelangen kann. Ja, auf all diesen Wegen kann der Mensch lehrreiche Erfahrungen sammeln. Doch die größte Erfahrung kommt nun zum Schluss, nämlich dass kein Mann bzw. Geist das Ziel erreichen kann, „außer Swipdag allein“. Wunderbar, dass uns der Verstand zu diesem Schluss führen kann! Und so geht es hier sicherlich nicht um irgendeinen persönlichen Namen, wie früher die Eltern untereinander ihre Töchter und Söhne in die Ehe versprochen haben, sondern um eine viel tiefere Botschaft.

Was bedeutet der Name Swipdag? „Dag“ lässt sich relativ klar mit „Tag“ übersetzen, im Sinne des Lichtes und Bewusstseins in der Welt. Doch über „Swip“ kann man viel nachdenken. Und das wurde auch schon ausführlich getan. Wilhelm Jordan schreibt: Für die Erklärung des Namens Svipdagr wird das althochdeutsche „suep“ und „swëb“ vorgeschlagen, oberste Luft, Äther, der leere, unbegrenzte Raum, auch ausgesagt vom uferfernen Wasser des Meeres, von der Mitte eines Stromes oder Sees, in welcher letzteren Bedeutung »Schweb« noch heute mundartlich die Mitte des Bodensees bezeichnet. Danach entweder: Ätherklarer, vollkommen durchsichtiger Tag oder Mittel- und Mittsommertag. Zu derselben Bedeutung gelangt man mit unserem mundartlichen »schwippen«, das ist überlaufend voll sein; Schwipptag also der Tag von höchster Fülle, der längste des Jahres. - Damit würde sich der Kreis zur Deutung der Namen Vielkalt, Frühlingskalt und Windkalt bezüglich der Naturphänomene schließen. Und der kalte Wind von Winter und Frühling wandelt sich zum Sommerbeginn.

Bezüglich der altnordischen Etymologie könnte man an „svipr“ für eine plötzliche Bewegung, Umkehr oder Augenblick denken. So spricht Rudolf Simeck in seinem Lexikon von einem „plötzlich hereinbrechenden Tag“. Aus geistiger Sicht können wir uns hier das reine Licht des Bewusstseins vorstellen, das spontan durch alle Formen hindurchbricht, so dass alles in diesem höchsten Licht oder ewigen Tag erscheint. Wie auch Christus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh. 8.12)“

In dieser Hinsicht ist Swipdag kein gewöhnlicher Name oder etwas, was man werden kann, sondern ein „Ich bin“ als Dasein selbst. So geht es hier wieder um die berühmte Selbsterkenntnis: Wer bin ich? Und dafür muss man im Grunde nichts tun, die Welt nicht verändern, irgendwohin gelangen oder irgendetwas bekommen. All diese Verstandes-Konstrukte, die bisher im Zwiegespräch diskutiert wurden, erübrigen sich durch diese große Erkenntnis: Ich selbst bin das reine Licht des Bewusstseins, der ewige Tag in jedem Augenblick. Und das bin ich „all-ein“ in der Ganzheit.

Wow! Plötzlich geschieht ein großes Wunder. Alle Hindernisse, die dem Verstand bisher unüberwindbar erschienen, lösen sich wie von selbst auf:

43. Sohn: Mach die Türen auf, lass die Tore weit: Hier kannst du Swipdag sehn! Geh doch erkunden, ob Menglöd meine Liebe haben will!

44. Fjölswid: Hör, Menglöd: Hier ist ein Mann gekommen, geh den Gast ansehen! Die Hunde freuen sich, das Haus öffnet sich: Ich glaube, dass es Swipdag ist.

45. Menglöd: Kluge Raben sollen dir am hohen Galgen die Augen ausreißen, wenn du lügst, dass hierher von fern der Jüngling zu meinem Hof gekommen ist!

Wunderbar! In der Ganzheit kann es keine Trennung geben, keine hungrige Gier, alle Tore öffnen sich und der Geist bleibt ewig jung. Durch Weisheit verschwinden die Mauern des Verstandes, durch Einsicht die Gitter der ego-sinnlichen Schlangen, und durch Liebe die begierigen Wachhunde der Gegensätze. So zieht sich nun auch Fjölswid zurück, der vielwissende Verstand der Körperlichkeit, und gibt dem vernünftigen Verstand den Weg frei. Entsprechend verschwindet auch die verstandesmäßige Stiefmutter-Natur, und Menglöd übernimmt als „Juwelen-Freude“ und ganzheitliche Seele der Natur das Gespräch. Wer war dieser Fjölswid? Auch dieser vielwissende Verstand, der nun seine Aufgabe auf wunderbare Weise erfüllt hatte, war natürlich ein göttlicher Geist der Weisheit, so dass wir seinen Namen im Lied von Grimnir (Vers 47) auch als einen Namen von Odin wiederfinden.

Aber Vorsicht! Wer sich hier nur selbst belügt und weiterhin an einer Vorstellung festhalten will, der wird dem Tod durch den Strick der Bindung begegnen, und die klugen Raben des gedanklichen Verstandes werden ihm die eingebildete Sicht rauben. Denn dann ist es noch kein reines und wahres Bewusstsein.

Doch auch in der Gottheit bleibt die Welt, wie sie ist, mit allen Namen und Formen der Natur in Raum und Zeit, denn nichts geht in der Ganzheit verloren. Und danach fragt nun auch die Seele der Natur:

46. Woher kommst du? Wo warst du so lange? Wie nennt dich die Familie? Abstammung und Name muss ich als Kennzeichen wissen, wenn ich dir als Frau versprochen war.

47. Sohn: Swipdag („augenblicklicher Tag“) heiße ich, Solbjart („Sonnenglanz“) hieß mein Vater. Von dort wanderte ich windkalte Wege. Urds (des Schicksals) Wort trotzt kein Mann, auch wenn es mit Makel behaftet scheint.

So offenbart sich nun für die Natur der Menschensohn als Sohn der Sonne und des Lichtes, von wo er ausgewandert war und als kalter Wind zum Sohn des dunklen Winters und kühlen Frühjahrs wurde. Doch auch dieser Weg war vom Schicksal der Verursachung und dem Gerichtsspruch der Götter bestimmt, die sich dazu am Urd-Brunnen versammeln. So führt er natürlich zum göttlichen Ziel:

48. Menglöd: Willkommen seist du! Mein Wunsch hat sich erfüllt: Folgen soll dem Gruß der Kuss! Des Geliebten Anblick wird die meisten erfreuen, wer Liebe zum anderen hat.

49. Lang saß ich auf dem Lyfjaberg („Heilmittelberg“) und wartete auf dich Tag um Tag: Nun geschah es, worauf ich gewartet habe, dass du gekommen bist, Jüngling, in meinen Hof.

So wird man nun zum geistigen Ehemann der natürlichen Seele in der großen mystischen Hochzeit. Nicht, weil man es geworden wäre, sondern weil man erkennt, das man es schon immer war und sein wird. Auf diese Selbsterkenntnis wartet die Seele der Natur, dafür erscheint auch die natürliche Stiefmutter und die Verkörperung des vielwissenden Verstandes, und dahin wirken alle Mittel in der Natur, um die leidige Trennung zu heilen. Ja, nur so kann man die Ganzheit von Geist und Natur in der Gottheit wiederfinden, indem man sich selbst als Wahrheit des reinen Bewusstseins in Allem erkennt. Dann wandelt sich die Begierde im Verstandesreich der begrifflichen Gegensätze wieder in die reine Liebe im ewigen Reich der Gottheit:

50. Swipdag: Begehren hatte ich nach deiner Liebe, und du nach der Erinnerung an die meine: Nun ist es wahr, dass wir verbringen werden Leben und Alter gemeinsam.
(Fjǫlsvinnsmál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)

Wunderbar! Die Wahrheit ist wiedergefunden, die Liebe siegt, Geist und Natur sind wieder vereint, und doch bleibt die Welt, wie sie ist. Die Formen der Natur entstehen, altern und vergehen im goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration. So kann nun die geistige Vernunft „in Menglöds trautem Arm schlafen“, in den Armen der natürlichen Seele, wie es der Menschensohn wünschte. Und wir ahnen sicherlich, dass er damit nicht nur den Tiefschlaf meint, sondern auch den fruchtbaren Traum für eine lebendige Schöpfung. Doch dabei ist er sich selbst seiner unvergänglichen Wahrheit stets bewusst. Damit bleibt die Seele der vielfältigen Natur ewig jung, wie auch der göttliche Geist der Einheit. Beide gehören ewig zusammen. Nur unser Verstand kann sie trennen, und verwandelt die Liebe in Begierde, so dass daraus auch Hass und Unwissenheit entstehen. Auf diesen „windkalten Wegen“ müssen wir umkehren, um die Ganzheit wiederzufinden. So wird der Menschensohn ein Gottessohn. Wundervoll!

In dieser Hinsicht können wir uns wieder an das große Ideal der Einherier erinnern, dass es nicht darum geht, aus dieser Schöpfung zu fliehen, weder in die Höhle der Dunkelheit, noch in den Himmel der Lichtheit, sondern im Heer der Einheit der Gottheit zu dienen. Auch diese Vision kann man im Buddhismus wiederfinden, wo es zum Beispiel heißt:

Mit gefalteten Händen bitte ich all jene, die die Absicht haben, ihren Eingang ins Nirwana zu zeigen und die Welt zu verlassen, für so viele Zeitalter, wie es in den Welten Teilchen gibt, hier zu verweilen, um allen im Daseinskreislauf Wandernden zu helfen und ihnen Glück zu bringen. (Sieben Zweige der Guten Lebensführung, Tsongkhapa, 1357-1419)

Die Geschichte von Thor und Geirröd

Wir möchten nun wieder zu Thor zurückkehren und zum Abschluss dieses Kapitels noch folgende Geschichte aus dem Skaldenbuch §18 betrachten:

Bragi sprach: Es verdient auch erzählt zu werden, wie Thor nach Geirrödsgard zog (zur „Burg von Geirröd“). Damals hatte er weder seinen Hammer Mjölnir noch den Kraftgürtel noch den Eisenhandschuh, und daran war Loki schuld, der mit ihm reiste.

Denn Loki war es widerfahren, dass er, als er einmal zum Vergnügen in Friggs (bzw. Freyas) Falkengewand umherflog, aus Neugier auch zu Geirröds Burg flog. Dort erblickte er eine große Halle, ließ sich auf ihr nieder und schaute durch ein Dachfenster hinein. Aber Geirröd („blutgeröteter Speer“?) erblickte ihn und befahl, den Vogel zu ergreifen und ihm zu bringen. Der Bote gelangte mühsam die Wand empor, so hoch war sie. Das schien Loki gut, dass er ihn nur mit Mühe erreichen konnte, und er wollte sich nicht bemühen aufzufliegen, bevor jener den ganzen beschwerlichen Weg bewältigt hatte. Und als der Mann ihm nahekam, breitete er die Flügel aus und wollte sich mit den Füßen abstoßen, aber die saßen fest. So wurde Loki ergriffen und zum Riesen Geirröd gebracht. Als dieser seine Augen sah, vermutete er, dass es ein Mann sein müsse, und er befahl Loki zu antworten. Doch der schwieg. Darauf sperrte Geirröd Loki in eine Kiste und ließ ihn darin drei Monate lang hungern. Als er ihn herausnahm und ihn zu sprechen aufforderte, sagte Loki, wer er war. Für seine Schonung musste er Geirröd schwören, Thor nach Geirröds Burg zu bringen, ohne dass er seinen Hammer und Kraftgürtel bei sich hätte.

Hier finden wir erneut Loki im Falkengewand, wie er sich von der Seele der Natur eine äußere Hülle leiht, die aus den leichten Federn als Formen des Bewusstseins besteht, die sich im bunten Licht auffächern. Damit fliegt er als göttliches Wesen vergnügt durch die Welt und schaut neugierig in die Körperburgen, ob er dort etwas bewirken kann. So erinnert er wieder an den Adler oder den Hahn mit den bunten Federn, der oben im Weltenbaum sitzt und uns ruft und herausfordert. Ähnlich sitzt er nun auf dem Dach der Körperburg von Geirröd und schaut durch das Dachfenster. Die Fenster der Körperburg erinnern symbolisch an die Sinne, mit denen die körperlichen Wesen in die Welt schauen können. Und das „Dachfenster“ schaut vor allem nach oben in die himmlische Welt der Götter. Doch Geirröd will sich offenbar nicht erheben, sondern versucht, das Gesehene zu sich herunterzuholen. Dazu schickt er seinen Boten, vermutlich seinen begrifflichen Verstand, um den Vogel zu ergreifen. Was natürlich mühsam ist, aber es gelingt.

Warum kleben Lokis Füße fest? Hier kann man wieder über die Verbindung von Wirkung und Gegenwirkung nachdenken. Entsprechend muss die Begierde des Ergreifenwollens natürlich eine Gegenwirkung verursachen, welches die Aufgabe von Loki ist. Die Richtung ist klar: Dem Ergreifenwollen folgt natürlich das Verlierenkönnen. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf: Geirröd ahnt den göttlichen Geist und begehrt, ihn zu bezwingen, um sich selber als Sieger zu betrachten, als Einzelkämpfer und nicht als Einherier im Dienst der Gottheit. Was Loki anbelangt, scheint dieser Sieg zunächst zu gelingen, aber seine größere Furcht gilt Thor, der eine allgemeine Bedrohung für die Berg- und Frostriesen darstellt. Dabei scheint er weniger Thor selbst, sondern vor allem seine Waffen zu fürchten. Loki sagt: Ok, dann bringe ich dir Thor ohne seinen Hammer und Kraftgürtel!

Der Name Geirröd ist uns bereits im Lied von Grimnir als König begegnet, der den „Maskierten“ bezwingen wollte. Denn er erkannte in Grimnir nicht die Gottheit, und so stürzte er sich schließlich in sein eigenes Schwert. Ähnlich geschieht es Geirröd hier. Die Etymologie seines Namens ist unklar. Man könnte an einen „blutgeröteten Speer“ denken. Symbolisch können wir darin den eigenwilligen Einzelkämpfer sehen, der sich als abgetrenntes Ego-Wesen schließlich selbst tötet.

Wie nun Loki Thor dazu bringt, ohne seine Waffen mit ihm zu reisen, bleibt unserer Phantasie überlassen. In den künstlerischen Versen, die nach dieser Geschichte verfasst wurden und im Skaldenbuch nachfolgen, spricht Loki von „grünen Wegen, die zu Geirröds Burg führen“. Das bedeutet vielleicht, dass dieser Kampf in der Natur von selbst wächst und grünt, wie es dann auch geschieht. Und daher muss Thor nicht vorsorgen. In diesen Versen wird auch Thjalfi erwähnt, der Thor und Loki begleitet, wie natürlich der Menschenverstand immer mit dabei sein muss, wenn wir solche Geschichten lesen.

Auf dem Weg dahin nahm Thor Herberge bei der Riesin, die Grid genannt wurde („Heimat, Versöhnung, Frieden“). Sie war die Mutter des schweigsamen Widars („Kämpfer des Waldes“, Gott des Schweigens). Sie erzählte ihm wahrheitsgemäß von Geirröd, er sei ein sehr kluger Riese, aber mit üblem Umgang. Dafür überließ sie ihm Kraftgürtel und Eisenhandschuhe, die sie besaß, sowie ihren Stab, der Gridarwöl hieß („Grids Stab“).

So kommt nun Thor aus dem geistigen Reich „auf grünenden Wegen“ in das Reich der Natur. Dort trifft er zuerst die Riesentochter Grid, Odins Ehefrau, die ihm als Allvater Widar geboren hat, den Gott des Schweigens und schweigenden Kämpfers im Wald der Vorstellungen. Dies ist eine wunderbare Vision, wie der göttliche Frieden in der Natur die lebendige Stille des Verstandes gebiert. Das ist im Grunde die größte Macht, um alle Hindernisse zu besiegen, die der Verstand aufgebaut hat, wie sie im vorhergehenden Lied von Fjölswid angedeutet wurden. Entsprechend nennt ihn die Edda „den Stärksten nach Thor“. Darin liegt auch die heilige Macht der schweigenden Asketen, der Zen-Mönche, der Stille im Klosterleben und der Waldeinsiedler.

So ist Grid auch die Mutter der wahrhaften Intuition, die das Wesen von Geirröd offenbart. Und als Mutter Natur gibt sie dem göttlichen Geist die nötigen Mittel. Den Kraftgürtel haben wir bereits als Symbol kennengelernt, um die ganzheitlichen Kräfte des göttlichen Geistes auf eine Wirkung in der Natur zu bündeln und zu konzentrieren. Die Eisenhandschuhe erinnern an den Schutz des göttlichen Geistes vor dem eigenen Handeln, denn ein Gott kann natürlich kein Karma im Sinne von Schuld oder Verdienst ansammeln. Und anstelle des Hammers gibt sie ihm ihren Stab des Friedens. Auch diese Vision ist wunderbar, dass diese Mittel von der Natur selbst kommen, die im Grunde Frieden, Versöhnung und Heilung sucht. In diesem Sinne sind es Heilmittel der Natur, die als Waffen auch den Göttern gehören, denn die Trennung zwischen Geist und Natur ist ja nur ein Verstandeskonstrukt, wie wir von Fjölswid gelernt haben.

Das heißt dann auch: Sobald Thor in der Natur erscheint, stehen ihm auch alle Mittel der Natur zur Verfügung. So werden wir schließlich noch lesen, wie er sogar seinen Hammer erhält.

Danach wanderte Thor zu dem Fluss namens Wimur („Wellender, Anschwellender“), einem überaus mächtigen Strom. Er legte sich den Kraftgürtel an und stemmte Grids Stab gegen die Strömung, Loki aber hielt sich am Gürtel fest. Als Thor in die Flussmitte kam, schwoll das Wasser so sehr an, dass es ihm bis zur Schulter reichte. Da sprach er:

„Wachse jetzt nicht, Wimur, während ich dich durchwaten muss zum Reich der Riesen! Du sollst wissen, wenn du wächst, wächst mir Asenkraft so hoch wie der Himmel.“

Dann sah er oben zwischen den Felswänden, wie Gjalp („Lärmende“), Geirröds Tochter, über beide Seiten quer im Fluss stand und dessen Anwachsen verursachte. Thor nahm aus dem Fluss einen großen Stein, warf ihn nach ihr und sprach: „An der Quelle soll man einen Fluss stauen.“ Er verfehlte nicht, wohin er geworfen hatte. Und in diesem Augenblick kam er dem Ufer nahe und ergriff einen Ebereschenzweig. So stieg er aus dem Fluss. Daher stammt der Ausdruck, die Eberesche sei Thors Rettung.

Der anschwellende Fluss Wimur erinnert uns wieder an den Fluss der Verkörperung. Eine ähnliche Deutung haben wir im Lied von Grimnir gefunden, wo im Vers 29 von Thor gesagt wird, dass er „täglich Flüsse durchwaten muss, wenn er zur Esche Yggdrasil richten geht“. Denn ein Gott sollte natürlich die Körperlichkeit überwinden können, um wahrhaft richten und Gerechtigkeit üben zu können, und nicht davon überwältigt werden. Dafür legt er auch seinen Kraftgürtel an, um durch den Fluss hindurchzugehen, und stemmt den Stab des Friedens gegen die Strömung. Es ist also eine friedliche Art des Kampfes, ohne Lärm und Gewalt, die auch Widar als Gott des Schweigens verkörpert. Und ist doch eine überaus mächtige Kraft, die Götterkraft, die bis zum stillen Himmel anwachsen kann. Wunderbar! Und an dieser höchst wirkungsvollen Kraft hält sich natürlich auch Loki als Gegenwirkung fest.

Doch Gjalp, in der wir den lärmenden Verstand sehen können, fürchtet diese göttliche Macht und versucht, sie im Fluss der Verkörperung untergehen zu lassen. Denn unser Verstand kann mit der Stille nichts anfangen, sondern sieht darin sein Ende und seinen Tod in der Dunkelheit. Darin liegt auch ein weiterer Grund, warum der Verstand in diesem Fluss körperliche Mauern errichtet, um ihn anzustauen und dessen Vergänglichkeit aufzuhalten. Diese Mauer des Verstandes haben wir als Materie im Lied von Fjölswid kennengelernt. Und eine ähnliche Mauer sieht nun Thor „oben zwischen Felswänden“. Warum oben? Dieser Fluss der Verkörperung ist natürlich kein gewöhnliches Wasser, dass nach unten fließt, sondern in der Schöpfung nach oben. Wie wir in unserem Bild von Yggdrasil auch Jötunheim als Reich der Verkörperung im Stamm des Weltenbaums finden, der das Wasser des Lebens aus der Quelle Mimir nach oben zieht.

Diese Mauer im Fluss zerschlägt dann Thor mit der Materie selbst, die im Fluss entsteht, indem er einen großen Stein wirft, der sein Ziel nicht verfehlt, und spricht: „An der Quelle soll man einen Fluss stauen.“ Das soll wohl heißen, dass es unsinnig ist, im Flusslauf nach Unvergänglichkeit zu streben. Denn Vergänglichkeit ist das Wesen eines Flusses. Unvergänglich kann nur die Quelle sein. In der Edda ist es der Mimir-Brunnen als Quelle der Schöpfung, für den Odin sein Auge verpfändet hat. Ja, mit dieser göttlichen Sicht der Weisheit kann man die Mauern und Grenzen des Verstandes und damit auch den Fluss der Verkörperung überwinden.

So stieg auch Thor aus diesem Fluss, mit Hilfe einer Eberesche. Das ist vor allem in der deutschen Übersetzung des altnordischen „reynir“ ein wunderbares Symbol. Die Esche erinnert an Yggdrasil, den Weltenbaum des Lebens, wie es auch im Lied von Grimnir heißt, dass er „täglich Flüsse durchwaten muss, wenn er zur Esche Yggdrasil richten geht“. Und der Eber erinnert an das Lichtwesen des Lebens, wie an den Eber Gullinborsti als Zugtier von Freyr oder Sährimnir, der täglich in Walhall gekocht wird und die Einherier ernährt. So sagt man: „Die Eberesche sei Thors Rettung.“ Muss ein Gott gerettet werden? Damit ist wohl vor allem gemeint, dass Thor die Eberesche rettet und für eine lebendige Schöpfung sorgt, die nicht in Körperlichkeit erstarrt bzw. „verholzt“.

Als er zu Geirröd kam, wurden die Gefährten zuerst in die Empfangshalle für Gäste gewiesen. Dort stand ein (thronartiger) Stuhl zum Sitzen, und darauf setzte sich Thor. Da bemerkte er, dass sich der Stuhl unter ihm hinauf zur Decke erhob. Er stieß den Stab Grids gegen die Dachbalken und ließ sich fest in den Stuhl drücken. Da gab es ein großes Krachen, und dem folgte lautes Geschrei. Unter dem Stuhl waren Geirröds Töchter Gjalp und Greip („Lärmend“ und „Greifend“) gewesen, beiden hatte er das Rückgrat gebrochen. Da sprach Thor:

„Damals übte ich Asenstärke in der Burg des Riesen, als Gjalp und Greip, Geirröds Töchter, mich zum Himmel hoben.“

So kommen nun Thor und Loki als Gottheit in die Körperburg, und Thor setzt sich auf den Thron, den er dort findet. Wie reagieren wir? Die Töchter können wir symbolisch als Geirröds natürliches Wesen sehen, obwohl ihre Namen mehr an männliche bzw. geistige Wesen erinnern, an den lärmenden Verstand und an die Begierde des Ergreifens. Damit verkörpern sie wohl auch den Boten, der zum Anfang der Geschichte Loki gefangen hatte. Und damit sind sie auch die Grundlage für den Thron, auf dem in der Körperburg gewöhnlich das Ego als eigenwilliger König sitzt. Doch nun setzt sich Thor auf diesen Thron. Was tun?

Die Symbolik des Hochhebens kann man in verschiedene Richtungen deuten: Zuerst könnte man vermuten, das Thor an der Decke zermalmt werden sollte, wie er sonst mit seinem Hammer auch die Körperlichkeit zermalmt. Man könnte sich auch vorstellen, dass sie Thor vom Thron stürzen wollten, um seinen Machtanspruch zu brechen. Eine dritte Möglichkeit, um einen Gott loszuwerden, besteht darin, ihn weit weg aus dieser Welt in den Himmel zu heben, wo man ihn als Ideal verehren kann, aber nicht mehr mit ihm leben muss. Das geschieht oft in den verschiedenen Religionen und entspricht dem gewöhnlichen Wesen unseres Verstandes.

Doch Thor lässt sich nicht vom Thron vertreiben, sondern drückt sich mit dem Stab des Friedens noch fester in den Sitz. Damit zerbricht er gleichzeitig das innere Wesen des körperlichen Riesen. Das heißt, es zerbricht sich eigentlich selber, weil es die göttliche Herrschaft nicht anerkennt, sondern übermächtig herrschen will. Und das ist wichtig, denn damit wird wiederum zuerst das innere Wesen zerbrochen, und erst danach zerschlägt Thor auch das äußere Wesen des Riesen, der übermächtig geworden war:

Darauf ließ Geirröd Thor in die Halle zum Wettkampf rufen. Die ganze Halle entlang loderten große Feuer. Aber als Thor Geirröd gegenüberstand, ergriff der mit einer Zange einen glühenden Eisenblock und schleuderte ihn auf Thor. Dieser jedoch griff mit den Eisenhandschuhen danach und schwang ihn in der Luft. Geirröd sprang hinter eine Eisensäule, um sich zu schützen. Thor schleuderte den Block zurück, und er durchschlug die Säule, Geirröd und die Wand und fuhr draußen in die Erde.
(Skáldskaparmál §18 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)

Die Feuer entlang der Halle erinnern an die geistigen Feuer der Leidenschaft und Begierde. Darin hatte Geirröd den Hammer geschmiedet, mit dem er nun Thor erschlagen wollte, weil er ihm als Bedrohung erschien. Doch einen Gott triff natürlich keine Schuld. So schützt er sich mit dem Eisenhandschuh, und wie von selbst kehrt der Hammer zurück und trifft sicher sein Ziel. Er zerschlägt Geirröd und seine Körperburg, und dann kehrt er wieder in die Erde zurück, in die Natur, aus der er zur Heilung gekommen war. Das ist das natürliche Spiel von Ursache, Wirkung und Gegenwirkung, denn auch Loki war hier immer mit dabei, wie auch unser Menschenverstand, der diese wunderbare Geschichte verstehen kann. Mögen wir sie mit Gottes Hilfe heilsam verstehen!

So haben wir versucht, das Wesen von Thor mit seinem Hammer aus geistiger Sicht tiefgründig und umfassend kennenzulernen, soweit man ein göttliches Wesen überhaupt verstehen und erkennen kann. Da es selbst keine Grenzen kennt, wird auch unser Verstand niemals alle Aspekte erfassen können, um sich irgendwann sicher zu fühlen. Dafür sorgt ja Thor selbst und zerschlägt auch unseren Verstand immer wieder, wenn er in begrifflichen und körperlichen Formen zu erstarren droht. Nur so kann diese Schöpfung lebendig bleiben. Gott sei Dank!


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