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In „Gylfis Illusion“ wird ab §49 folgende Geschichte über den wunderlichen Tod von Balder berichtet, dem Gott des Lichtes, in der natürlich auch Loki seine Rolle spielte:
Da fragte Gangleri: Haben sich noch andere Abenteuer mit den Asen ereignet?
Der Hohe antwortete: Es muss auch von der Begebenheit erzählt werden, die den Asen sehr übel erschien. Der Anfang dieser Geschichte ist, dass Balder, der Gute, heftige und für sein Leben Gefahr androhende Träume hatte. Als er den Asen von diesen Träumen erzählte, hielten sie gemeinsam Rat, und es wurde beschlossen, gegenüber Balder eine Friedenszusicherung für alle Arten der Gefahr zu verlangen. So nahm Frigg Eide darüber ab, dass Feuer und Wasser Balder verschonen sollten, ebenso Eisen und alle Metallarten, Steine, die Erde, sowie die Bäume und alle Krankheiten, die Tiere, die Vögel, sowie das Gift und die Schlangen. Als dies beschlossen und bekannt wurde, geschah es zur Unterhaltung Balders und der Asen, dass er sich vor die Versammlung stellen sollte. Und von allen anderen sollten manche auf ihn schießen, andere nach ihm schlagen, wieder andere Steine werfen. Was auch gemacht wurde, doch nichts schadete ihm, und das schien allen ein großer Vorteil.
Was bedeutet es, wenn ein Gott von seinem Tod träumt? Ein Gott ist ein ganzheitliches Wesen, und so kann sein Tod auch nur ein Traum im Sinne einer Illusion sein. Und sterben kann natürlich nur eine Form von ihm, die in diesem Traum erscheint.
Nun dreht sich diese Geschichte des Träumens und Sterbens sicherlich nicht ohne Grund um Balder, den Gott des Lichtes. Das Licht ist in unserer Welt eine äußerst wunderliche Erscheinung. Darüber hat auch die moderne Wissenschaft erstaunliche Erkenntnisse gewonnen: Nicht nur, dass man Licht einfrieren und in Materie verwandeln kann, sondern auch, dass die Lichtgeschwindigkeit die schnellste Bewegung im Universum ist. Das Licht selbst sei sogar unendlich schnell und damit überall gleichzeitig. Nur durch Beobachtung erscheint eine endliche Geschwindigkeit. In dieser Hinsicht hat das Licht auch eine gewisse Ewigkeit, solange es nicht durch einen Beobachter in Raum und Zeit gebunden wird, was uns wieder an die beiden Augen Odins erinnert. Sobald also Licht gesehen wird, wird es vergänglich, und doch wandelt es sich nur.
So hat man vermutlich schon immer über die Ewigkeit des Lichtes nachgedacht, wodurch logischerweise auch die ewige Dunkelheit angenommen werden muss. Denn wären beide nicht ewig, dann müssten sie im Laufe der endlosen Zeit bereits vergangen sein. Und zwischen diesen beiden Extremen von Lichtheit und Dunkelheit kann man diese Welt und alle Formen sehen, die im Licht erscheinen und scheinbar wieder verschwinden. Denn in reiner Lichtheit könnte man nichts sehen, genauso wie in reiner Dunkelheit.
Ja, darüber wurde schon viel nachgedacht, und daraus sind wohl auch solche wundervollen Geschichten entstanden, die zum weiteren Nachdenken anregen sollen. Also: Was geschieht nun, wenn das Licht als Form unsterblich sein will, sozusagen als Photon im Reich der Wirkung? Dann müsste man allen Dingen in der Welt sagen, dass sie das Photon nicht verletzen dürfen, damit es nicht stirbt. Diese Aufgabe übernimmt nun in dieser Geschichte Frigg, die Ehefrau von Odin, in der wir hier die Seele der Natur sehen können, die im Reich der Verursachung für die nötigen „Eide“ sorgt. Und die Form des Lichtes im göttlichen bzw. ganzheitlichen Sinne wäre dann die gesamte Schöpfung, die wohl nun in ihrer Entwicklung auf einem Höhepunkt angekommen ist und beginnt, von ihrem Untergang zu träumen. Der Wunsch der Götter ist es natürlich, die Schöpfung weiterhin lebendig zu erhalten, was ihnen auch zu gelingen scheint. Doch zu dieser Wirkung von Odin gibt es natürlich die Gegenwirkung von Loki, die mit dem Anspruch der Götter regelrecht herausgefordert wird:
Das sah Loki, Laufeys Sohn, dem nicht gefiel, dass Balder unverletzbar war. Er ging nach Fensalir („Sumpf- bzw. Wasserhalle“) zu Frigg und nahm die Gestalt einer Frau an. Da fragte Frigg, ob diese Frau wisse, was die Asen auf der Thingversammlung täten. Sie sagte, dass alle auf Balder schössen und dass ihn nichts verletzte. Dazu meinte Frigg: „Weder Waffen noch Bäume werden ihm ein Leid zufügen. Von ihnen allen habe ich Eide genommen.“ Die Frau fragte: „Haben alle Dinge geschworen, Balder zu verschonen?“ Darauf antwortete Frigg: „Westlich von Walhall wächst ein Baumspross, der wird Mistelzweig genannt. Er schien mir zu jung, um von ihm den Eid zu fordern.“ Sofort brach die Frau auf. Und Loki ergriff den Mistelzweig, riss ihn ab und ging zum Thing. Dort stand Hödur weit außerhalb des Versammlungskreises, denn er war blind. Da fragte ihn Loki: „Warum schießt du nicht auf Balder?“ Er antwortete: „Weil ich nicht sehe, wo er steht, und zum anderen, weil ich keine Waffe habe.“ Loki meinte: „Mach es doch so, wie die anderen, und erweise Balder die Ehre wie sie. Ich werde dich dorthin weisen, wo er steht. Wirf diesen Zweig nach ihm!“ Hödur nahm den Mistelzweig und schoss ihn nach Lokis Anweisung auf Balder. Das Geschoss durchbohrte diesen, und er stürzte tot auf die Erde. Deshalb entstand das größte Leid unter Göttern wie unter Menschen.
Als Seele der Natur und Prinzip der Verursachung finden wir nun Frigg in der Halle Fensalir, die man als „Wasserhalle“ im Sinne vom Meer der Ursachen deuten kann. Darin kann man natürlich auch eine „Sumpfhalle“ sehen, wie auch der Fenris-Wolf als „Sumpf-Wolf“ übersetzt werden kann. Denn in diesem Wasser des Lebens versinkt irgendwann jedes körperliche Geschöpf, um daraus wieder geboren zu werden, auch wenn der „Sumpf“ als Halle einer so hohen Göttin nicht besonders würdig erscheint. Dazu musste sich natürlich auch Loki als männlicher Geist in eine weibliche Seele verwandeln, um in diesem Meer der Ursachen sowohl die Ursache für die Unverletzbarkeit von Balder zu finden, als auch die Ursache für seine Verletzbarkeit. Dann kehrt er von dort zurück und verwandelt sich wieder in den männlichen Geist der Wirkung.

Das Werkzeug dafür ist hier ein Mistelzweig, der „westlich von Walhall wächst“, wo die Sonne untergeht, also in unserer vergänglichen Welt im Baum des Lebens. Die Mistel ist ein altes und sehr mystisches Symbol, denn sie hat ihre Wurzeln nicht in der Erde, sondern wächst sozusagen im Baum des Lebens zwischen Himmel und Erde, wie zwischen Geist und Natur. So ist sie relativ „ungebunden“, auch bezüglich der Eide und Verantwortung, und das war vielleicht der Grund, warum sie der Frigg zu jung, unmündig und schwach erschien. Doch gerade in der Ungebundenheit liegt oft die größte Stärke, und auch die Voraussetzung für eine lebendige Welt. Denn eine vollständig gebundene Welt wäre tot.
Der Handelnde ist Hödur. Balder, Hermodr und Hödur gelten als die drei Söhne von Odin und Frigg. In ihnen kann man auch die Wesen von Odin, Hönir und Loki widergespiegelt finden. Balder ist der strahlende Gott der Lichtheit, Hödur hingegen der blinde Gott der Dunkelheit, und zwischen ihnen besteht unsere sichtbare Welt, in der Hermodr als kämpfender Verstand und Götterbote herrscht und an Hönir als Vernunft und Weisheit erinnert. Diesbezüglich bilden hier auch Odin und Balder ein Paar, sowie Loki und Hödur das Gegenpaar, das heißt, die Wirkung der Lichtheit sowie die Gegenwirkung der Dunkelheit, und dazwischen sollten Vernunft und Verstand in der Schöpfung vermitteln, heilen und herrschen. Doch die göttliche Vernunft begann wohl zu erstarren, wenn sie zur „Unterhaltung“ auf Formen schießt, und so fällt zuerst Balder, das göttliche Licht:
Als Balder niedergefallen war, konnten alle Asen kein Wort mehr sagen und die Hände nicht erheben, um ihn anzufassen, und sie sahen sich an. Alle waren darüber einer Meinung, wer dies getan habe, aber niemand konnte ihn rächen, denn dort war eine große Friedensstätte. Und als die Asen zu sprechen versuchten, da war es doch eher, dass sie in Tränen ausbrachen. Darum konnte keiner gegenüber dem anderen seinen Schmerz in Worte fassen. Aber Odin erlitt diesen Verlust am übelsten unter ihnen, denn er wusste am meisten davon, welch großer Schaden und Verlust den Asen durch Balders Tod entstanden war.
Wie kann es sein, dass göttliche Vernunft erstarrt? Denn auch der angesprochene „große Frieden“ in der Thingversammlung ist offenbar mehr erstarrt als lebendig. Nun, göttliche Vernunft ist ganzheitliche Vernunft und muss natürlich von allen Wesen in der Schöpfung getragen werden, auch von uns Menschen. Daher kann sich zunächst jeder selbst fragen, inwieweit die Vernunft als ganzheitliches Bewusstsein in ihm lebendig oder erstarrt ist. Die größte Macht der Erstarrung haben wir in der letzten Geschichte als Ego-Schlange der Trennung und deren Begierde des Festhaltenwollens kennengelernt. Ja, das Festhaltenwollen ist ein wunderliches Spiel: Denn die Wahrheit kann man nicht festhalten, sondern nur sein. Daher muss man sie auch nicht festhalten, weil sie nicht verlorengehen kann. Verlieren kann man nur die gebildeten Formen der Wahrheit, die wie in einem Traum entstehen und vergehen. Diese kann man eine Weile in Zeit und Raum festhalten, doch sie sollten nicht als Illusion erstarren, wie die Frost- und Bergriesen. Und die größte Gegenmacht gegen diese Erstarrung ist wohl in der Welt das schmerzliche Leiden, wie es auch von Loki als Gegenwirkung in der Schöpfung verkörpert und hier von den anderen Göttern erfahren wird.
Doch wie können wir nun mit Vernunft und Verstand dieses reine Licht des Bewusstseins wieder lebendig machen?
Als die Götter wieder zur Besinnung kamen, da sprach Frigg und fragte, wer unter den Asen sei, der all ihre Zuneigung und Gunst gewinnen wolle, indem er auf den Helweg reite und versuche, Balder zu finden und Hel ein Lösegeld zu bieten, wenn sie Balder nach Asgard heimziehen lasse. Und es war derjenige mit Namen Hermodr („Heermut“ als Götterbote), der Tapfere, ein Sohn Odins, der sich zu dieser Reise bereitfand. Man nahm Sleipnir („das Dahingleitende“), Odins Pferd, und führte es vor. Hermodr bestieg es und brach auf.
Hier kommt nun das dritte Geistpaar als Hönir und Hermodr zwischen den beiden anderen Paaren ins Spiel. Hönir bleibt auch in dieser Geschichte wieder ungenannt, ist aber sicherlich als ganzheitliche Vernunft immer noch anwesend, auch wenn sie langsam erstarrt. Dafür wird nun Hermodr als göttlicher Verstand und Götterbote aktiv und soll versuchen, Balder vom Tod aus der Hel und von der Hel zu erlösen. Und dieser Wunsch kam wieder von Frigg als Seele der Natur. Doch kann der Verstand das erreichen? Was könnte das Lösegeld dafür sein?
Währenddessen versuchen die Götter, Balders Leichnam bzw. Form im Meer der Ursachen zu „bestatten“:
Aber die Asen nahmen den Leichnam Balders und brachten ihn zum Meer. Hringhorni („Ring-Horn“ mit einem „Kreis am Bug/Steuer“) hieß sein Schiff, es war das größte aller Schiffe. Die Götter wollten es zu Wasser lassen und darauf Balder verbrennen, aber das Schiff rührte sich nicht. Darauf wurde nach Riesenheim zu der Riesin gesandt, die Hyrrokkin hieß („Feuer-Zorn“). Als sie kam, ritt sie auf einem Wolf und hatte eine Giftschlange als Zügel. Sie stieg von ihrem Reittier, und Odin rief nach vier Berserkern (todesmutigen Helden), die darauf aufpassen sollten. Aber sie konnten es nicht eher halten, bis sie es niederwarfen. Derweil ging Hyrrokkin zum Vordersteven des Schiffes und stieß es mit dem ersten Ruck so an, dass Feuer von den Schiffsrollen schoss und das ganze Land bebte. Das erzürnte Thor. Er griff nach dem Hammer und hätte ihr den Schädel zerschlagen, hätten nicht alle Götter um Frieden für sie gebeten. Danach wurde Balders Leichnam auf das Schiff getragen. Als dies aber seine Frau Nanna („Mutter/Wagemutige“) sah, Neps Tochter, brach ihr vor Kummer das Herz, und sie starb. Sie wurde ebenfalls auf den Scheiterhaufen gebracht, und den entzündete man. Thor stand davor und weihte ihn mit Mjölnir (seinem Hammer „Zermalmer“). Aber ein Zwerg, der Lit genannt wird („farbige Gestaltung“), lief ihm vor die Füße. Thor trat mit seinem Fuß nach ihm und stieß ihn ins Feuer, wo er verbrannte.
Balders Schiff Hringhorni erinnert als „Ring-Horn“ an den Ring der Erneuerung, so dass alles, was im Meer der Ursachen vergeht, auch wieder neu entstehen kann. Doch dieses Schiff konnten die Götter nicht mehr bewegen. Das ist eine wunderbare Symbolik, über die man viel nachdenken kann. Auch darin kann man wieder die Erstarrung der göttlichen Vernunft erkennen und wie die Götter ihre Kraft verlieren, sodass nun sogar eine Frau der Riesen stärker ist und sie deren Hilfe erbitten. Sie kommt als „Feuer-Zorn“ auf dem Wolf der Vergänglichkeit geritten, den sie mit der feuerspeienden Ego-Schlange zügelt, um mit ihrem Zorn die Vergänglichkeit zu unterdrücken. Doch sogar diesen gezähmten Wolf können die Götter nur noch mit äußerster Mühe eine Weile beherrschen, indem sie ihn ebenfalls „niederwerfen“ und unterdrücken. Diese Riesin kann das Schiff mit einem kurzen Ruck bewegen, und zwar so kraftvoll und feurig, dass es eine große Schande für die Götter war und damit die ganze Welt erbebte. Das erzürnte vor allem Thor, der als Stärkster der Asen gilt und sich dafür mit seinem Hammer rächen wollte. Aber auch diese Freiheit hatte er nicht mehr, so dass er seinen Zorn an einem Zwerg auslassen musste. Dass er dann Balders Leichnam und das Schiff der Erneuerung mit seinem Hammer weiht, macht wiederum Sinn, denn damit zermalmt er verfestigte Formen, damit sie sich wieder erneuern können.
In Nanna, der Ehefrau von Balder, könnten wir Mutter Natur sehen. Wie Frigg die Seele der Natur darstellt, so könnte hier Nanna für die äußere Natur stehen, die nun mit dem scheinbaren Tod des Lichtes ebenfalls eine tote Natur wird. Denn wenn das Licht des Geistes tot ist, dann ist auch das Licht der Natur tot. Der gemeinsame Sohn von Nanna und Balder heißt Forseti, der „Vorsitzende“ als Gott der Gerechtigkeit, in dem man den Sinn der gesamten Schöpfung sehen kann. Doch er wird in dieser Geschichte nicht erwähnt, wirkt aber sicherlich auch im Sinne von Loki mit. Dafür wird ihr Vater Nep erwähnt, der über Altnordisch „napr“ an „kalt“ erinnert, und damit an den Frostriesen Ymir, der zu einer lebendigen Natur wieder „aufgetaut“ wurde. Doch nun setzt erneut die allgemeine Erstarrung ein, gegen die zunächst eine „Feuerbestattung“ im Wasser des Lebens helfen soll:
Zu dieser Feuerbestattung kam Volk aus vielen Geschlechtern: Zuerst ist von Odin zu erzählen, dass mit ihm Frigg kam und Walküren, sowie seine Raben. Freyr kam in seinem Wagen mit dem Eber, der Gullinborsti („Goldmähne“) oder Slidrugtanni („Scharfer Zahn/Schreck-Hauer“) heißt. Heimdall (der „Heimleuchtende“) ritt auf dem Pferd namens Gulltop („Goldschopf“), und Freya fuhr mit ihrem Katzengespann. Dazu kamen auch viele Frost- und Bergriesen. Odin legte auf den Scheiterhaufen den Goldring, der Draupnir („Tröpfler“) heißt. Der besaß die Eigenschaft, dass jede neunte Nacht acht gleich schwere Goldringe von ihm abtropften. Auch Balders Pferd wurde mit seinem ganzen Zaumzeug auf den Holzstapel geführt.
Wer nimmt nun Anteil an dieser „Feuerbestattung“? Zuerst natürlich Odin als Allvater, der mit dem Wesen von Balder am nächsten verwandt ist. Mit ihm kommen Frigg als Seele der Natur und die Walküren als seine Dienerinnen, die den gefallenen Geschöpfen helfen sollen, zu denen nun auch der Leichnam von Balder gehört. Dazu gehören auch seine beiden Raben Hugin und Munin als Gedanken und Gedächtnis, denn diese ganze Geschichte ist natürlich ein Spiel von Gedanken und Gedächtnis. Zu ihnen gesellen sich Freyr als Sommergott und Freya als Liebesgöttin, die wohl mit Balder am meisten verloren haben. Interessanterweise kommen auch die Frost- und Bergriesen aus dem Makrokosmos, deren natürliches Wesen es ist, die Formen des Lichtes festzuhalten, weshalb sie auch deren Verlust zutiefst bedauern. Gut ist, dass auch Heimdall als göttliches Bewusstsein kommt, um Balder den Heimweg aus der Dunkelheit zu erleuchten, von der er getötet wurde.
Was fehlt, sind die Zwerge aus dem Mikrokosmos, die Thor verstoßen hat, und natürlich Hönir als göttliche Vernunft, wie auch Loki als Gegenspieler zu Odin. Auch der blinde Hödur wird nicht mehr angesprochen, der sich wohl mittlerweile verzogen hat, doch darüber werden wir später noch nachdenken.
Höchst interessant ist, dass Odin den Ring Draupnir mit ins Feuer wirft, der ein wichtiges Symbol der Erneuerung ist. Einerseits gibt er damit die Macht der Erneuerung aus seiner göttlichen Hand. Andererseits könnte er damit versuchen, diesen Ring Balder mit auf den Weg zu geben, um sich selber wieder zu erneuern. Doch das wäre wieder eine Erneuerung in der Trennung und nicht mehr in der Ganzheit des Schöpfergottes, was offenbar nicht funktionieren kann, wie wir noch lesen werden.
Schließlich wird noch gesagt, dass Balders Pferd mit allem Zaumzeug auf den Scheiterhaufen geführt wurde, was noch einmal deutlich daran erinnert, dass es hier um den Tod und die Bestattung einer körperlich gebundenen Form des Lichtgottes geht.
Aber von Hermodr ist zu erzählen, dass er neun Nächte lang durch dunkle und tiefe Täler ritt, sodass er nichts sah, bis er zum Fluss Gjöll (dem Totenfluss „Widerhall“) kam und auf die Gjöll-Brücke ritt. Sie ist mit leuchtendem Gold gedeckt. Modgud („Mut-Göttin“) wird die Jungfrau genannt, die die Brücke bewacht. Sie fragte ihn nach seinem Namen und nach seiner Herkunft und sprach: „Am Tag zuvor sind hier fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten. Aber unter dir allein ertönt die Brücke noch mehr, und du hast nicht das Aussehen toter Männer. Warum reitest du hier auf dem Helweg?“ Er antwortete: „Ich will zu Hel reiten, um Balder zu suchen. Oder hast du ihn vielleicht auf dem Helweg gesehen?“ Sie sagte: „Er ist hier über die Gjöll-Brücke geritten, und hinunter nach Norden verläuft der Helweg.“
Über den Namen Gjöll als Bezeichnung für den Totenfluss kann man sich sehr wundern. Denn Gjöll bedeutet auch Kampflärm und Geschrei, während man hier tote Stille erwartet, wo die toten Männer bzw. Geister über die Brücke reiten. Da aber die „neun Nächte“ nach der Dunkelheit bereits an die Erneuerung erinnern, ist es wohl besser, den Fluss „Widerhall“ zu nennen. Damit fließt er zwischen den beiden Ufern von Leben und Tod und muss nicht unbedingt in der Hel als dunkle Höhle des Bewusstseins enden, sondern kann auch wieder zurückkehren. Die große Frage ist, ob man den Mut hat, ins Leben zurückzukehren. Deshalb wird die Brücke zwischen Leben und Tod auch von der „Mut-Göttin“ bewacht. Und diesen „Mut“ haben vor allem die Einherier, die im Heer der Einheit für die Gottheit kämpfen, so dass auch ihr Leben im Großen und Ganzen nicht verlorengehen kann und in der Hel bei der Totengöttin enden muss. In dieser Hinsicht wird hier wieder eine wundervolle Symbolik beschrieben.
Diesen Mut hat natürlich auch Hermodr als „Heermut“ und Götterbote. So reitet er als ganzheitliches Wesen den Helweg mit Sleipnir, dem Pferd Odins, um natürlich auch zurückzukehren. Daher ertönte wohl die Brücke auch so laut, als würde die ganze Schöpfung darüber reiten.
Da ritt Hermodr, bis er zum Helgitter kam. Dann stieg er vom Pferd und zog den Sattelgurt fest, stieg wieder auf und gab ihm die Sporen. Und das Pferd sprang so kräftig über das Gitter, dass es ihm nirgends näherkam. Darauf ritt Hermodr zu der Halle hin, stieg ab und ging hinein. Dort sah er Balder, seinen Bruder, auf einem Ehrenplatz sitzen, und bei ihm blieb er die ganze Nacht. Aber beim Morgengrauen verlangte Hermodr von Hel, Balder solle mit ihm heimreiten, und er berichtete, wie groß die Trauer unter den Asen sei. Hel antwortete: „Man solle prüfen, ob Balder wirklich so beliebt war, wie man es erzählt. Wenn alle lebenden und toten Dinge in der Welt um ihn weinen, dann soll er zu den Asen zurückkehren. Er bleibt jedoch bei Hel, sobald irgendjemand Einspruch erhebt oder ihn nicht beweinen will.“ Da erhob sich Hermodr, und Balder geleitete ihn aus der Halle. Er nahm den Ring Draupnir und sandte ihn Odin als Erinnerung. So schickte auch Nanna der Frigg ein Kleid und noch andere Geschenke, und der Fulla einen Fingerring aus Gold. Danach ritt Hermodr seinen Weg zurück, kam nach Asgard und erzählte alle Begebenheiten, die er gesehen und gehört hatte.
Hier wird nun wunderbar erzählt, wie das Pferd der Schöpfung voller Kraft sogar über das Helgitter springen kann. Doch der Verstand muss seinen Sattel festgurten, um dabei nicht abgeworfen zu werden. Dort trifft er seinen Bruder Balder wieder und bleibt die ganze Nacht. Im Morgengrauen wollte er mit ihm heimreiten. Darüber kann man viel nachdenken: Wie kann in der dunklen Hel die Nacht enden und ein Morgen dämmern? Das geschieht wohl nur im Verstand von Hermodr, damit er in die Welt zurückkehren kann. Für die Hel selbst ist es vermutlich erst am Ende der Schöpfung möglich, wenn sich alles wieder in reines Licht verwandelt. Und dann kann auch Balder wieder zu den Göttern zurückkehren, wenn kein Wesen mehr die Dunkelheit wünscht und begehrt. Nur dann kann es einen Gott der Lichtheit geben, ein ganzheitliches Licht. Und das ist auch die Bedingung, welche die Totengöttin stellt.
So muss Hermodr zunächst ohne Balder zurückkehren. Dazu gibt Balder den Ring der Erneuerung als Erinnerung an Odin zurück, denn dieser nützt ihm hier in der Dunkelheit nichts, weil sich hier natürlich nichts erneuern kann, solange die Nacht nicht endet. Doch für Odin als Allvater der Schöpfung ist er in der Welt nützlich. Ähnlich kann man auch über die Geschenke von Nanna nachdenken: In der dunklen Höhle des Bewusstseins ist weder ein Kleid nützlich, noch irgendwelche Geschenke oder Schmuck. Aber in der Welt zwischen Lichtheit und Dunkelheit sind sie nützlich. Und so sendet die tote Natur ein totes Kleid für die Seele der Natur, wie wir heute auch die äußere Natur als etwas Totes betrachten. Zumindest glauben das unsere Physiker (z.B. Harald Lesch), dass dieses Universum zu 99,99999…999% tot ist. Und Fulla, Friggs Dienerin der „Fülle“ in der Natur, bekommt von ihr einen goldenen Fingerring, vermutlich, um die Fülle und Vielfalt in der Natur mit der ganzheitlichen Wahrheit zu bewahren und zu beschützen.
Sofort entsandten die Asen in alle Welt Boten, die bitten sollten, Balder von Hel zu erweinen (um mit ihren Tränen den Gott des Lichtes aus dem Totenreich zu befreien). Dies taten alle Menschen und anderen Lebewesen und die Erde, sowie die Steine, Bäume und jedes Metall, wie du auch gesehen haben wirst, dass diese Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen.
So finden wir hier erneut einen Anspruch auf absolute Vollkommenheit in den äußeren Formen, was wohl geschieht, wenn man die innere Vollkommenheit als ganzheitliche Wahrheit nicht mehr überall erkennen kann. Damit wiederholt sich im Prinzip die vorhergehende Geschichte von Hreidmar und der Otter-Buße im Großen der Schöpfung, in der wir bereits erkannt haben, dass eine formhafte Vollkommenheit nicht mehr lebendig sein kann.
Das „Weinen“ aller Wesen ist ebenfalls eine wunderbare Symbolik. Einerseits erschien es damals sicherlich noch als Wunder, dass an kühlen Dingen die warme Luft kondensiert und Tautropfen wie Tränen erscheinen. Andererseits kann man hier wieder daran denken, dass jede Form „gefrorenes Licht“ ist, das in der geistigen Wärme der Liebe wieder auftauen und „lebendiges Wasser“ werden kann, ja, sogar reines und formloses Bewusstsein. Und wenn das alle Formen tun würden, gäbe es wieder einen ewigen Gott der Lichtheit. Aber auch kein Leben mehr in Raum und Zeit zwischen Dunkelheit und Lichtheit. Und dafür muss nun wieder Loki wirksam werden:
Doch als die Boten heimkehrten und ihre Botschaften gut erfüllt hatten, entdeckten sie noch eine Höhle, in der eine Riesin saß. Sie nannte sich Thökk („Dank/Dunkel“). Auch diese baten sie, Balder von Hel zu erweinen. Doch sie sagte:
„Thökk wird mit trockenen Tränen Balders Leichenfahrt beweinen. Weder vom lebenden noch vom toten Sohn des Alten hatte ich einen Nutzen. So behalte Hel, was sie hat.“
Man meint, dass dies Loki, Laufeys Sohn, gewesen war, der den Asen am Übelsten mitgespielt hat. (Gylfaginnîng §49 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Damit endet hier diese Geschichte vom Tod Balders. Der Name Thökk ist ein interessantes Wortspiel zwischen „Dankbarkeit“ und altnordisch „Døkkr“ für „Dunkelheit“. Ja, wir sollten der Dunkelheit dankbar sein, denn nur so gibt es unser Leben zwischen Licht und Dunkel, in dem wir lernen können, uns selbst als Vollkommenheit in allen Formen wiederzuerkennen. So können wir auch in dieser Riesin das Paar von Hödur und Loki wiederfinden, in dem sich Loki erneut als Frau verwandelt hat, so dass daraus ein typisches Paar von Geist und Natur erscheint.
Denkwürdig ist auch der Spruch von Thökk. Denn ein ewiges Wesen erfährt natürlich keinerlei Nutzen, denn es verändert sich nicht, weil die Ewigkeit jenseits von Zeit und Raum ist. Für ein solches Wesen ist alles vollkommen, so, wie es ist. Daher gibt es wohl auch nur zwei Wesen, die nicht „auftauen“ und lebendige Wasser-Tränen im Fluss der Schöpfung weinen können. Das ist die ewige Lichtheit und die ewige Dunkelheit. Zwischen diesen beiden ewigen Ufern fließt die lebendige Schöpfung in Raum und Zeit dahin. Doch was passiert, wenn diese Ufer nicht mehr ewig sind und sich scheinbar auflösen? Dann hat wohl die Schöpfung ihren Höhepunkt erreicht, sozusagen den Vollmond nach einer heller werdenden Monatshälfte, und dann kommt die dunkler werdende Zeit bis zum Neumond. Denn wenn sich symbolisch gesehen die Ufer der Schöpfung auflösen, dann geht natürlich die Ordnung verloren, und der ganze Fluss löst sich langsam auf, kann nicht mehr fließen, und wird wieder ein uferloses Meer, ein grenzenloses Meer der Ursachen. Was natürlich wiederum nur eine Frage des Bewusstseins ist, inwieweit man sich der Ewigkeit bewusst ist.
Ein Problem ist allerdings noch offen: Wenn Balder als Gott der Lichtheit stirbt, dann muss logischerweise auch Hödur als Gott der Dunkelheit sterben, sonst würde sogleich die ganze Welt von Dunkelheit überwältigt werden. Und das deutet auch Thökk als „Riesin“ an, das heißt als natürliche Übermacht im Makrokosmos. So fehlt hier in der Geschichte eine wesentliche Fortsetzung, nämlich der Tod von Hödur durch Wali, dem Sohn von Odin. Dazu gibt es in anderen Quellen der Edda entsprechende Hinweise. Eine Quelle ist die Weissagung der Wala in der Völuspa, in der es heißt:
31. Ich sah Balder, dem blutenden Gott, Odins Kind, das Schicksal bestimmt: Gewachsen war, über dem Feld hoch, schmal und sehr schön, der Mistelzweig.
32. Aus diesem Holz, das dünn schien, wurde das gefährliche Harmgeschoss, und Hödur schoss es. Doch Odins Sohn, Balders Halbbruder (Wali), war schnell geboren, und begann, eine Nacht alt, zu töten.
33. Er wusch nicht die Hände und kämmte nicht das Haar, ehe er Balders Todesschützen (Hödur) zum Scheiterhaufen trug. Aber Frigg beweinte in Fensalir die Not Walhalls. Wisst ihr‘s zu deuten?
Und im Lied von „Balders Träume“, das wir noch genauer betrachten werden, steht:
10. Odin sprach: Schweig nicht, Seherin, ich will dich fragen, bis alles erkannt ist. Ich will noch wissen: Wer wird wegen der Schreckenstat an Hödur Rache üben und Balders Töter auf den Scheiterhaufen bringen?
11. Die Seherin sprach: Rinda („Beschützerin“) gebärt Wali in den Westsälen, und dieser Sohn Odins wird, eine Nacht alt, kämpfen. Die Hände wäscht er nicht, und kämmt nicht das Haar, ehe er Balders Feindschützen (Hödur) zum Scheiterhaufen trägt. Unter Zwang sprach ich, doch nun will ich schweigen.
Warum Snorri Sturluson diese wichtige Geschichte hier ausgelassen hat, ist unklar. Vielleicht ist hier ein Stück verlorengegangen. Zumindest gibt es keine Geschichte über die Tat selbst, und man kann sich symbolisch vorstellen, dass dieser Tod von Hödur natürlich nur in der unbeschreiblichen Dunkelheit und nicht im Licht des Verstandes geschehen kann. Und zwar einfach dadurch, dass Wali von Odin als Allvater gezeugt und von Rinda als Beschützerin der Schöpfung geboren wurde. So können wir in Wali das wahre Lebensprinzip sehen, das schließlich auch Ragnarök überlebt. So ist es auch ein ewiges Lebensprinzip, und damit bleiben auch Lichtheit und Dunkelheit ewig erhalten. Zumindest schreibt Snorri selbst zum Ende von Ragnarök und der Neuschöpfung in „Gylfis Illusion“ §53:
Widar und Wali leben, weil ihnen weder das Meer noch Surts Flammen geschadet haben… Dann kommen Balder und Hödur aus dem Reich von Hel. Sie alle setzen sich zusammen und unterhalten sich. Sie erinnern sich ihres geheimen Wissens, und erzählen von den Geschehnissen, die einstmals gewesen waren, von der Midgardschlange und vom Fenris-Wolf.
So beginnt nach Ragnarök wieder eine neue lebendige Schöpfung in göttlicher Ordnung zwischen den beiden ewigen Ufern von Lichtheit und Dunkelheit als Balder und Hödur, in denen man auch die beiden Augen von Odin erkennen kann. Interessant ist hier auch das Spiel der Namen von Wal, Wali und Wala als Geschöpfe, Lebensprinzip und Wahrsagerin. So wollen wir dann auch „Balders Träume“ betrachten, in der auch eine Wahrsagerin erscheint. Doch zunächst schauen wir uns den Ring der Erneuerung genauer an.
Im obigen Text heißt es:
Odin legte auf den Scheiterhaufen den Goldring, der Draupnir heißt. Der besaß die Eigenschaft, dass jede neunte Nacht acht gleich schwere Goldringe von ihm abtropften.
Der Name Draupnir bedeutet „Tröpfler“ und ist ein wunderbares Symbol für die zyklische Erneuerung und Regeneration in der Schöpfung. Die Nacht erinnert an das Nacht-Bewusstsein der Illusion in der Schöpfung, die Neun an die symbolische Zahl der Erneuerung, die Acht an das Acht-Bewusstsein der Achtsamkeit als Gold der Wahrheit, die war, bevor etwas wurde.
Wie könnten wir uns das „Abtropfen“ vorstellen? Zunächst wäre eine lineare Erneuerung denkbar, ähnlich dem Kreis einer Uhr, die vor allem an den zeitlichen Fluss in der Schöpfung erinnert, an den zyklischen Prozess des Entstehens und Vergehens. Dann wäre jeder Ring „gleich schwer und groß“, und der erste Ring opfert sich für acht weitere Ringe. So opfert sich der Anfang für das Ende, und das Ende wiederum für den Anfang:

Wenn man jedoch das „gleich schwer“ als „gleich wichtig“ deutet, dann könnte man den neunten Ring auch in acht kleinere Ringe „abtropfen“ lassen. Ähnlich, wie der Eis-Riese Ymir auftaut und das „gefrorene Licht“ als Wasser des Lebens abtropft. Und jeder Tropfen ist ein Goldring der Wahrheit, der in eine Form gebunden wurde. Dann würde ungefähr folgendes Bild entstehen:

Wenn man dann dieses Spiel mit jedem Ring weitertreibt, entsteht eine Art Fraktal daraus, so dass sich in jedem Ring das Ganze wiederholt. Auch das ist ein wunderbares Symbol für die Schöpfung und erinnert insbesondere an deren Ausbreitung im Raum. Dabei opfert sich das Ganze für die Teile, und jedes Teil opfert sich wiederum für das Ganze. So können unendlich viele Geschöpfe entstehen, und jedes Geschöpf hat die Macht zur Erneuerung und kann sich auch im Ganzen wiederfinden.
Nur, wenn man einem Geschöpf diesen Ring der Erneuerung wegnimmt, dann erscheint die Vorstellung von Tod im Sinne eines Endes. Ähnlich geschah es in der Geschichte von der „Otter-Buße“, als Loki dem Zwerg Andwari („Gegenwärtigkeit/Achtsamkeit“) diesen Ring wegnahm, so dass damit auch der „Fluch des Todes“ in die Welt kam. Eine ähnliche Rolle könnte auch der „Ring der Nibelungen“ in der langen Geschichte von Sigurd, Brynhild und Gudrun spielen.
Bezüglich der Fraktal-Vorstellung sind diese Ringe natürlich auch eng mit den Zwergen als Naturgeister im Mikrokosmos verbunden, die in der natürlichen Schöpfung der Vielfalt wesentlich für die Erneuerung und Regeneration sorgen. Denn die schrittweise Zerteilung in immer kleinere Wesen ist auch ein grundlegendes Naturprinzip. Denken wir nur an die Ebenen von Universum, Galaxien, Sterne, Planeten, Ökosysteme, Körper, Organe, Zellen, Moleküle, Atome und Elementarteilchen. Entsprechend beruht auch das lebendig-körperliche Wachstum in unserem Körper vor allem auf Zellteilung und Vervielfältigung, wie in einer komplexen molekularen Fabrik im Mikrokosmos, wo unzählige kleine Zwerge arbeiten. Daher wird der Zwerg Ivaldi sicherlich nicht zufällig auch als Vater von Idun betrachtet, der Göttin der Erneuerung und Verjüngung. Und in der langen Liste der vielen Zwerge gibt es sogar einen mit dem Namen „Draupnir“. Zudem wurde der Goldring auch von Zwergen geschaffen. Und dazu wird im Skaldenbuch §35 folgende Geschichte erzählt:
Loki, Laufeys Sohn, hatte aus Bosheit Sif (der Ehefrau von Thor) alle Haare abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, packte er Loki und wollte ihm jeden Knochen brechen, bis er gelobte, er werde von den Schwarzelben (den Zwergen in der Erde bzw. Materie) erreichen, dass sie für Sif Haare aus Gold machten. Und das sollte wie anderes Haar wachsen. Danach ging Loki zu den Zwergen, die Ivaldis Söhne heißen. Sie schufen das Haar und das Schiff Skidbladnir und den Speer, der dann Odin gehörte und der Gungnir heißt.
Die Haare haben wir schon oft als Symbol der Gedanken kennengelernt, die mehr oder weniger geordnet oder wild aus unseren Köpfen wachsen. In Bezug auf Sif als Ehefrau von Thor können wir darin die schöpferischen Gedanken von Mutter Natur sehen, die doch eigentlich dem Geist zugehören sollten. Vielleicht war das auch der Grund, warum Loki sie abgeschnitten hatte, der auch in dieser Geschichte wieder seine wesentliche Rolle spielt. Unter dem Druck des Leidens sorgt er dann dafür, dass die kleinen Naturgeister einen lebendigen Ersatz dafür schaffen, und das sogar aus dem Gold der Wahrheit. Und damit entstehen nicht nur goldene Haare, die als kreative Gedanken lebendig wachsen können, sondern noch zwei weitere Symbole für das natürliche Wachstum in der Schöpfung, die wir bereits im Kapitel über „das Wesen von Odin“ kennengelernt haben: Das Schiff Skidbladnir, dessen Name „aus dünnen Planken zusammengefügt“ bedeutet, und das uns an die lebendige Körperlichkeit erinnert, die auf dem Meer der Ursachen schwimmt und im Wind des Geistes segelt. Dieser Organismus wurde von den Zwergen im Mikrokosmos aus unzähligen kleinen und „dünnhäutigen“ Teilchen zusammengefügt. Dazu ist natürlich auch der Speer Gungnir nötig, der „Schwankende und Wellende“, der uns an die „Wellen“ der Wirkungen auf dem Meer der Ursachen erinnert, und damit auch an den „Willen“ des Allvaters Odin. Zusammengefasst könnte man zu dieser Dreiheit sagen: Schöpfungswort - Geschöpfe - Schöpferwillen
Zumindest fand Loki diese Schöpfung der Zwerge vorzüglich, denn nun stand auch das geistige Wesen der Naturgeister dahinter. Und von ihrem Werk war Loki so sehr überzeugt, dass er sogar um seinen Kopf wettete, dass die Naturgeister nichts Besseres hervorbringen könnten.
Loki wettete mit dem Zwerg namens Brokk („Fragment, Teil“) um seinen Kopf, dass dessen Bruder Sindri („Sinter, Verhärtung“ bzw. Verkörperung) keine drei ebenso guten Kostbarkeiten herstellen könne, wie diese es waren. Und als sie zur Schmiede kamen, legte Sindri eine Schweinshaut in die Esse (das Schmiedefeuer) und forderte Brokk auf, den Blasebalg zu bedienen. Er sollte nicht eher aufhören, bis er herausnehmen konnte, was er hineingelegt hatte. Aber sobald er aus der Schmiede gegangen war, wo jener noch arbeitete, setzte sich ihm eine Fliege auf die Hand und kitzelte. Aber er bediente weiter den Blasebalg, bis es der Schmied aus der Esse nahm. Es war ein Eber mit goldenen Borsten (der Gullinborsti heißt).
Als Nächstes legte er Gold in die Esse und bat ihn, den Blasebalg zu bedienen, und nicht eher damit aufzuhören, bis er zurückkomme. Er ging fort, aber die Fliege kam, setzte sich auf seinen Hals und kitzelte nun doppelt so stark wie vorher. Er blies jedoch weiter, bis der Schmied den Goldring aus der Esse nahm, der Draupnir heißt.
Dann legte er Eisen hinein, meinte, er solle weiter blasen, und sagte, Unbrauchbares werde entstehen, wenn das Blasen nachlasse. Da setzte sich ihm die Fliege zwischen die Augen und stach in die Augenlider. Aber als das Blut ins Auge tropfte, so dass er nichts mehr sah, griff er, so schnell er konnte, mit der Hand danach und wischte die Fliege weg, während er den Blasebalg niederlegte. Da kam der Schmied und sagte, beinahe wäre alles verdorben und unbrauchbar geworden, was in der Esse ist. Dann nahm er einen Hammer aus dem Feuer (der Mjölnir („Zermalmer“) heißt). Alle Gegenstände übergab er seinem Bruder Brokk und hieß ihn, damit nach Asgard zu gehen und die Wette einzulösen.

Der Zwerg Brokk erinnert uns als „Fragment / Teil“ wieder an das fraktale Prinzip der Natur. Und Loki zweifelt offenbar daran, dass auch ein Teil solche ganzheitlichen Werke schaffen kann, wie die ganze Zwergen-Schar von Ivaldis Söhnen. Dazu wird nun auch der kleine „Natur-Geist“ noch einmal getrennt, nämlich in Brokk als Geist, der für den Wind der Wirkung sorgt, und dessen Bruder Sindri als Natur, der sich als Schmied um die Verhärtung und Verkörperung im Feuer kümmert, das vom Geist angefacht wird. Wichtig ist wohl, dass der Geist dabei achtsam und zielgerichtet arbeitet und sich nicht ablenken lässt. Doch für diese Ablenkung sorgt vermutlich wieder Loki in Form einer kleinen, leidigen Fliege, die als kleine Störung in der Schöpfung erscheint, welche natürlich prinzipiell nötig ist, damit die Schöpfung lebendig bestehen und fließen kann. Diesbezüglich finden wir Loki auch hier wieder als Verkörperung des Leidens auf verschiedenen Ebenen. Durch diese Ablenkung ist dann auch der Hammer von Thor nicht vollkommen geworden, um die übermächtige Erstarrung in der Schöpfung völlig zu zertrümmern. Dagegen kann man den Goldring Draupnir, den Ring der Erneuerung und Regeneration, als vollkommen betrachten, wie auch den Eber Gullinborsti, den man als Lichtsymbol der freien Beweglichkeit in der Schöpfung deuten kann. Diese drei Werke könnte man zusammenfassen als: Lichtwesen - Erneuerung - Veränderung
Vorzüglich ist auch der Prozess beschrieben: Die Natur gibt das Material als Verursachung ins Schmiedefeuer. Der Geist arbeitet mit dem Wind der Wirkung. Und die Natur nimmt das Produkt aus dem Feuer und gebiert es. So erinnert uns dieser Schmied auch an den Verstandesschmied der Begriffe, wie er oben als Regin bezeichnet wurde und wie wir ihn als Mimer oder Wieland in vielen anderen Sagen wiederfinden, oder sogar als Mimir, der aus dem Auge Odins die Schöpfung schöpft. In diesem Sinne ist die Grundlage der weiblichen Natur im Makrokosmos auch ein männlicher Geist im Mikrokosmos.
Als dort Brokk und Loki diese Dinge vorzeigten, setzten sich die Asen auf ihre Gerichtsstühle. Und das sollte als Urteil gelten, was Odin, Thor und Freyr sagten. Loki gab Odin den Speer Gungnir, Thor das Haar, das Sif bekommen sollte, und Freyr (das Schiff) Skidbladnir. Er erklärte zu allen Gegenständen, dass der Speer beim Stoß niemals ende; das Haar wachse sofort an, wenn es auf Sifs Kopf komme; und Skidbladnir habe sogleich Fahrtwind, wenn das Segel in die Luft komme, wohin es auch fahren solle. Aber man könne es wie ein Tuch zusammenfalten und in der Tasche tragen, wenn man es wolle.
Darauf zeigte Brokk seine Kostbarkeiten vor: Er übergab Odin den Ring (Draupnir) und erklärte, in jeder neunten Nacht würden acht gleichschwere Ringe von ihm abtropfen. Freyr gab er den Eber (Gullinborsti) und sagte, er könne schneller als jedes Pferd Tag und Nacht durch Luft und Wasser laufen. Und niemals werde es des Nachts oder in Dunkelheim so düster, dass es dort, wo er sei, kein ausreichendes Licht gebe, denn die Borsten leuchteten. Dann gab er Thor den Hammer (Mjölnir) und meinte, er könne mit ihm so kräftig zuschlagen, wie er wolle, was immer vor ihm sei, der Hammer werde nicht versagen. Und wenn er ihn auf etwas werfe, werde er nie sein Ziel verfehlen. Aber niemals werde er so weit fliegen, dass er nicht zurück zu seiner Hand finde. Falls er es wolle, sei er so klein, dass er ihn unter sein Hemd stecken könne. Ein Fehler sei allerdings, dass der Schaft etwas kurz geraten war.
Odin bekommt den Speer Gungnir und den Ring Draupnir, denn er ist der Allvater als Wille, Geist und Gesetz der Schöpfung und deren zyklischer Erneuerung. Thor erhält die goldenen Haare für seine Ehefrau Sif als schöpferisches Wachstum in der Natur, sowie den Hammer Mjölnir, um gegen die Erstarrung in der Natur zu kämpfen und Midgard zu beschützen. Freyr erhält das Schiff Skidbladnir der Körperlichkeit und den Eber Gullinborsti als Lichtwesen, um als Gott des fruchtbaren Frühlings und Sommers das Licht des Bewusstseins in der körperlichen Schöpfung fruchtbar, lebendig und beweglich werden zu lassen.
Ihr Urteil lautete, dass der Hammer der Beste aller Gegenstände sei und den größten Schutz vor den Frostriesen biete. Sie entschieden, dass der Zwerg die Wette gewonnen habe.
Wunderbarerweise wird gerade der unvollkommene Hammer von den Göttern als das beste Werk der Zwerge erkannt. Dass sein Stiel etwas zu kurz war, könnte auf seine eingeschränkte Reichweite hindeuten. Weshalb Thor nun auch so viel mit dem Hammer unterwegs ist, um die übermächtigen Berg- und Frostriesen zu besiegen. Und so ist wohl auch die kleine Unvollkommenheit das Vollkommenste und Beste an der gesamten Schöpfung. Denn nur dadurch kann sich etwas entwickeln und lebendig bewegen, eben weil es noch nicht vollkommen ist. Und nur dadurch können wir in der Unvollkommenheit das Vollkommene wiederfinden, in der Vergänglichkeit das Unvergängliche, in der Vielfalt die Einheit, im Teil das Ganze.
So verlor Loki seine Wette, doch sorgte gleichzeitig selbst als kleine, leidige Fliege für die nötige Unvollkommenheit in der Schöpfung. Damit macht er sich auch selbst unvollkommen, obwohl er ein göttliches und ganzheitliches Wesen ist, und verliert durch diese Wette seinen ganzheitlichen Kopf an den Zwerg Brokk als „Teil und Fragment“. So opfert sich das Ganze für das Teil, was uns wieder an das Draupnir-Fraktal erinnert. Oh ja, darüber kann man viel nachdenken.
Daraufhin bot Loki an, seinen Kopf (mit Lösegeld) auszulösen. Doch der Zwerg sagte, darauf könne er nicht hoffen. „Dann nimm mich!“, rief Loki. Als er ihn jedoch ergreifen wollte, war er schon weit entfernt. Denn Loki trug Schuhe, mit denen er durch Luft und Wasser lief. Da bat der Zwerg Thor, er möge Loki ergreifen, was er auch tat. Nun wollte ihm der Zwerg seinen Kopf abschlagen, doch Loki sprach, er könne den Kopf, aber nicht den Hals haben. Darauf nahm er Schuhband (starken Faden) und Messer und wollte ein Loch durch Lokis Lippen stechen und den Mund zunähen. Aber das Messer stach nicht ein. Er meinte, jetzt wäre eine Nadel (Schuster-Ahle) seines Bruders besser. So schnell wie er es aussprach, war die Nadel da und stach durch die Lippen. So nähte er sie zusammen, aber Loki zerriss die Löcher. Das Band, mit dem Lokis Mund zusammengebunden worden war, heißt Wartari („Riemen, Bindung“).
(Skáldskaparmál §35 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
So bekommt nun das kleine Fragment als Teil die Macht über das Große und Ganze, also auch über das Göttliche. Wunderbar! Loki bietet zunächst an, sich freizukaufen. Womit? Vielleicht wieder mit dem roten Gold der lebendigen Wahrheit, wie in der „Otter-Buße“. Doch der Zwerg geht nicht darauf ein, sondern will ihn „ergreifen“ und in diesem Sinne auch das Leben und die Beweglichkeit nehmen. Aber wie kann man einen Gott als ein ganzheitliches Wesen ergreifen? Hier finden wir erneut das Symbol der Schuhe für die Beweglichkeit von Loki in der äußerlichen Welt wieder, das bereits in der Geschichte von der „Otter-Buße“ angesprochen wurde. Und die große Frage wird dann mit der Botschaft gelöst: Nur ein Gott kann ein ganzheitliches Wesen ergreifen. Und dafür sorgt nun Thor als Beschützer der göttlichen Ordnung, entsprechend den Vorstellungen von Gerechtigkeit in Midgard zwischen der Zwergen- und Riesenwelt.
Doch nun will der Zwerg Lokis Kopf abschlagen. Das ist wieder Symbolik vom Feinsten: Wie kann man von einem Gott als Ganzheit einen Teil abtrennen? Hier argumentiert Loki völlig richtig, auch wenn es oft als List oder sogar Betrug gedeutet wird: „Dir gehört der Kopf, aber nicht der Hals als Übergang zum Körper.“ Das heißt: „Dir gehört der Teil, aber nicht die Verbindung zum Ganzen.“ Und das ist göttliche Weisheit, die Loki zum Zwerg Brokk als „Teil und Fragment“ spricht, wie nun auch zu uns als Mensch. Denn die Ganzheit kann man nicht ergreifen, um „darüber“ zu herrschen, sondern nur sein. Man kann allerdings über einen Teil in der Ganzheit herrschen, wenn sich das Bewusstsein formhaft damit identifiziert.
Gut, offenbar hat der Zwerg das verstanden und versucht nun, über den Kopf von Loki zu herrschen. Interessanterweise mit den gleichen Werkzeugen, mit denen auch die „Schuhe“ der körperlichen Beweglichkeit hergestellt werden, nämlich mit „Schuhband und Messer“ als Prinzipien der Bindung und Trennung. Ja, nur dadurch ist körperliche Beweglichkeit möglich. Doch das Messer der Trennung funktioniert an Loki als ganzheitlich-geistigem Wesen natürlich nicht, nicht einmal, um ein Loch hineinzustechen. Dafür muss sich Brokk als Teil des Geistes wieder an seinen Bruder als Teil der Natur wenden. Denn nur in der Natur funktionieren Stiche und Bindung, weil hier die Gesetze von Ursache und Wirkung gelten. Das funktioniert dann auch an Loki, weil er als ganzheitliches Wesen auch die Natur verkörpert. Und doch ist die Natur nur eine Vorstellung des geistigen Verstandes und des ausgesprochenen Schöpfungswortes, wie es so schön heißt: „So schnell wie er es aussprach, war die Nadel da.“
Damit steht nun die Frage: Warum will er den Mund von Loki zunähen? Hier können wir einerseits daran denken, dass er damit das Aussprechen des Schöpfungswortes von Loki „unterbinden“ will, damit Loki nicht mehr in die Schöpfung „hineinreden“ kann, wie auch in das Werk der Zwerge. Andererseits könnte er ihn damit auch einfach verhungern lassen, um das Problem der Gegenwirkung zu vernichten. Doch beides funktioniert natürlich nicht lange, denn in der Natur gibt es nichts, das so fest und haltbar ist, dass eine Bindung beständig und verlässlich sein könnte. Und es funktioniert auch nicht an Loki, weil er selbst die Gegenwirkung dazu ist und sich von einem Teil der Schöpfung nicht binden lässt. Er kann nur von der Ganzheit selbst gebunden werden, also von Gott, wie er auch in dieser Geschichte nur von einem Gott „ergriffen“ werden konnte. Und von dieser göttlichen Bindung wird Loki auch später eingeholt, darüber wir noch ausführlich berichten werden.
So beginnt nun diese symbolhafte Geschichte mit der Trennung von Sifs Haaren und endet mit der Bindung, die ebenfalls durch Loki in die Welt kam, wie der letzte Satz bekräftigt und wie bereits der Name von Loki als „Schlingel“ an die Schlingen der Bindung erinnert. Damit schließt sich wieder der Gedankenkreis zu Draupnir als Fraktal, in dem Trennung und Bindung eine wesentliche Rolle spielen: Die Trennung als das Abtropfen, und die Bindung als die Ringe selbst. Doch sobald man darin wieder eine Ganzheit sehen kann, verschwinden Trennung, Teile und Bindung, und Draupnir besteht wieder als ein Ganzes und Göttliches. Und das ist wohl auch das große Ziel, denn Trennung und Bindung sind natürlich wesentliche Ursachen für das Leiden in der Welt, wie auch das Wesen von Loki eng mit dem Leiden verbunden ist.
Doch nun wollen wir uns wieder Balder zuwenden und seinen Träumen vom Tod, wie vielleicht auch Bindung und Trennung nur Träume sind.
Nun können wir uns fragen: Wie kann das göttliche Licht träumen? Wie erscheint im Licht Information und Wissen? Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das Licht ein Träger von Information. Information ist Unterschied, und Unterschied setzt einen relativen Bezug voraus. So ist Information das, was alles „formiert“, formt und gestaltet. Das Wissen wäre dann das Verbinden von Informationen, und die Verbindung aller Informationen könnte man als ganzheitliche Weisheit bezeichnen. Daran erinnert in der deutschen Sprache auch der Zusammenhang zwischen „Weiß“ und „Weisheit“, wie auch die Summe aller Lichtfarben ein weißes Licht ergibt.

Wichtig ist, dass Information immer nur relativ existieren kann. Es gibt also keine absolute Information. Und in diesem Sinne ist die Information auch frei, wie das reine Bewusstsein, das jede Form annehmen kann. So sind auch unsere Träume viel freier als die Wahrnehmung in der Außenwelt. Doch selbst hier ist der Unterschied nur relativ, weshalb manche auch die Wirklichkeit unserer Welt mit einem Traum vergleichen.
In dieser Hinsicht kann man sich nun vorstellen, wie Balder als Gott der Lichtheit und Bruder von Hödur als Gott der Dunkelheit auch träumen kann, wenn man beide Götter in der Gottheit bzw. Ganzheit gemeinsam betrachtet. Denn nur wenn Licht auf Dunkelheit trifft, können relative Bilder, Formen, Begriffe und damit auch die gesamte Schöpfung erscheinen. So steht dann zwischen diesen Brüdern Hermodr als dritter Bruder und göttlicher Botschafter, um der Schöpfung auch Sinn und Flussrichtung zu geben.
Auf diese Weise kann Licht zu Etwas werden, wie auch die Bibel beginnt: „Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Damit schied Gott das Licht von der Finsternis… (1.Mose 1.3)“
Doch warum hat Balder als Gott keine guten Träume mehr, sondern „böse“ und träumt sogar von seinem Tod, so dass dann auch die ganze Schöpfung anfängt zu sterben und damit Ragnarök näher rückt? Mit dieser Frage beginnt nun das „Wegtamslied“ über Balders Träume:
1. Schnell waren die Asen alle beim Thing versammelt, und die Asinnen alle beim Gespräch, und die mächtigen Götter berieten darüber, warum Balder böse Träume hätte.
(Er schlief so schlecht, als umschlängen ihn Fesseln. Des Schlafes Erquickung schlug in Qual um. An Wahrsager wandten sich da die Mächtigen und forschten, ob es Furchtbares vorbedeute. Die Befragten versetzten: „Früh zu sterben ist das Los des liebsten der Lieblinge Ullers (des Wintergottes).“ Furcht erfasste Frigg und Swafnir (der „Herr des Schlafes“, Odin) und die anderen Asen. Sie wurden einig, an sämtliche Wesen Gesandte mit der Bitte zu senden, den Balder nicht zu schaden. Und jedes gelobte, ihn nicht zu verletzen, und in Eid nahm alle Odins Gemahlin. Doch dem Walvater dünkte die Bürgschaft dürftig: Ihm schienen die schützenden Nornen zu scheiden. So berief er die Asen und forderte Rat. Doch aus unschlichtbaren Reden reifte kein Beschluss.)
Die Verse in Klammern stammen aus den Übersetzungen von Wilhelm Jordan und Karl Simrock, die sich auf eine neuere Quelle beziehen, wo diese Verse eingefügt wurden, um an die Geschichte von Balders Tod zu erinnern. Interessant ist, dass Odin hier Swafnir als „Herr des Schlafes“ genannt wird, und damit auch „Herr der Träume“. Auch dass die Götter sich in ihrem Ratschluss nicht mehr einigen können, was bereits den Bruch der Ganzheit und die Erstarrung der ganzheitlichen Vernunft andeutet. So begibt sich nun Odin selbst in die Traumwelt nach Nebel-Heim:
2. Da stand Odin auf, der Geschlechter Gaut („Volkserhalter“), und legte Sleipnir den Sattel auf. Dann ritt er von dort hinunter nach Niflhel („Nebel-Höhle“), und begegnete einem Hund (Garm, der „Bellende“), der aus der Hel kam.
3. Der war vorn an der Brust blutig, und bellte lange des Zaubers Vater an. Weiter ritt Odin, der Erdweg dröhnte, und er kam zum hohen Haus der Hel.
Warum bellt ihn der Wachhund des Totenreiches an? Im „Lied von Grimnir“ war es ein Zeichen von Odin, dass ihn der Wachhund von Geirröd nicht anging. Doch hier könnte man daran denken, dass Garm der Wachhund des Totenreiches ist und alle angreift, die noch das Blut des Lebens in sich haben. Dagegen sollte der Wachhund von Geirröd das Leben bewachen, wie auch Odin das Leben bewacht, der „Geschlechter Gaut“ als „Volkserhalter“, aber auch als „Vater der Illusions- und Schöpferkraft“. Letzteren Titel kann man auch als „Vater des Zaubergesangs“ im Sinne der Schöpfung aus dem Wort bzw. aus der Information deuten. So ist Odin immer noch ein Gott der lebendigen Schöpfung, weshalb er auch zum „östlichen Tor“ reitet, wo die Sonne aufgeht:
4. Da ritt Odin zum östlichen Tor, wo er das Grab der Seherin (Völva/Wala) wusste. Dort begann er, der Zauberkundigen Totenzauber zu sagen, bis sie unter Zwang aufstand und einer Leiche Worte sprach:
5. Wala: Was ist das für ein Wesen, mir unbekannt, das mir den beschwerlichen Weg auferlegt hat? Ich war mit Schnee beschneit, mit Regen beschlagen und mit Tau benetzt: Tot war ich lange.

Woraus geht die Sonne des Lebens auf? Der letzte Satz erinnert wieder an den Frostriesen Ymir, aus dem die lebendige Welt geschaffen bzw. aufgetaut wurde. Das ist wohl auch das, was wir „Grab und Tod“ nennen, wenn das Leben erstarrt. Wer zwingt es dann wieder ins Leben, auch wenn dies oft beschwerlich und mühevoll erscheint? Wer weckt die Erinnerung aus dem gefrorenen Meer der Ursachen? Wer erweckt die Zukunft aus dem Schicksalsbrunnen? Darf nicht jeder seinen eigenen Traum träumen? Wer zähmt die Wege? Wer zähmt die Geschöpfe?
6. Odin: Wegtam („Zähmer der Wege“) heiß ich, der Sohn Waltams (dem „Zähmer der Gefallenen“) bin ich. Sprich zu mir aus der Hel (der Unterwelt), dann erinnere ich mich im Heim (der Oberwelt): Für wen sind die Bänke mit Ringen belegt und der Boden so prächtig vergoldet?
Ja, dafür ist wohl diese ganze Schöpfung da, um das Bewusstsein aus dem Traum der Trennung zu wecken und sich selbst in der Ganzheit zu erkennen. Dafür gibt es in der Schöpfung eine gewisse Ordnung wie die Naturgesetze, damit in dieser „Wirklichkeit“ nicht jeder seinen eigenen Traum leben kann, sondern nur in der Gemeinsamkeit. Das ist die geistige Einheit in der natürlichen Vielfalt, an die man sich „erinnern“ kann. Und woran kann sich das erstarrte Leben der Körperlichkeit erinnern? An sich selbst? Dazu schaut das Bewusstseinsauge von Odin in die Halle der Toten, sieht aber keine Toten, sondern Ringe der ganzheitlichen Bindung und damit auch der zyklischen Erneuerung. So fragt er: „Für wen sind die Sitze auf den Bänken reserviert? Für wen ist der Boden dieser Halle vergoldet, so dass sie scheinbar auf dem Grund der Wahrheit steht?“
7. Wala: Hier steht für Balder der Met gebraut, ein reines Getränk, doch ein Schild liegt darüber, denn die Asensöhne sind in Ungewissheit. Unter Zwang sprach ich, nun will ich schweigen.
Wow! Sie erinnert sich an den Gott der Lichtheit, der den reinen Met der Ganzheit trinkt. Doch er ist mit einem Schild bedeckt. Den Schild haben wir bereits in Walhall als Symbol für die Begrenzung von Bewusstseinsräumen kennengelernt. Nun wurde der Raum noch weiter begrenzt, bis sogar tote Materie erscheinen kann. Und damit wird auch das Bewusstsein der Götter zur „Ungewissheit“ und Uneinigkeit, was die Ordnung der Schöpfung bedroht. Doch auch das soll erkannt und bewusst werden:
8. Odin: Schweig nicht, Seherin, ich will dich fragen, bis alles erkannt ist. Ich will noch wissen: Wer wird Balder zum Töter werden und Odins Sohn das Leben rauben?
9. Wala: Hödur bringt den Hochberühmten hierher. Er wird Balder zum Töter werden und Odins Sohn das Leben rauben. Unter Zwang sprach ich, nun will ich schweigen.
10. Odin: Schweig nicht, Seherin, ich will dich fragen, bis alles erkannt ist. Ich will noch wissen: Wer wird wegen der Schreckenstat an Hödur Rache üben und Balders Töter auf den Scheiterhaufen bringen?
11. Wala: Rinda („Beschützerin“) gebärt Wali in den Westsälen, und dieser Sohn Odins wird, eine Nacht alt, kämpfen. Die Hände wäscht er nicht, und kämmt nicht das Haar, ehe er Balders Feindschützen (Hödur) zum Scheiterhaufen trägt. Unter Zwang sprach ich, doch nun will ich schweigen.
So wird nun Wala gezwungen, sich an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern, um daraus die Zukunft zu schlussfolgern. Und sie erinnert sich, wie die Dunkelheit das Licht tötete, aber von der „Beschützerin“ eine Gegenkraft geboren wurde, nämlich Wali in den „Westsälen“, wo die Sonne untergeht. Er wurde natürlich von Odin gezeugt, und wir können in ihm das Prinzip der Lebenskraft erkennen. Denn offenbar reicht seine Geburt aus, und bereits in der Morgendämmerung seines ersten Tages tötet er den Töter der Lichtheit.
Doch offenbar erinnert sich Wala nicht gern, und will hier in der dunklen Nifelhel lieber tot sein und ihre Ruhe haben. Aber gegen diese Trägheit kämpft Odin weiter an:
12. Odin: Schweig nicht, Seherin, ich will dich fragen, bis alles erkannt ist. Ich will noch wissen: Wer sind die Frauen, die (um ihren Geliebten) weinen werden und ihre Halstücher gen Himmel werfen?
Über diese letzte Frage wurde bereits viel gegrübelt und hin- und hergedeutet. Denn sie entscheidet hier das weitere Gespräch. Karl Simrock schreibt: „Wie heißt das Weib, das nicht weinen will und himmelan werfen des Hauptes Schleier?“ Offenbar fühlt sich Wala hier ertappt und in ihrem Wesen erkannt, dass sie eigentlich tot sein will und nicht um das göttliche Licht trauert und weint. Sie will offenbar nicht trauern und sich in ihrer Trauer zum Himmel bzw. Göttlichen öffnen und ihren Schleier der Illusion lüften. So wird sie mit dieser Frage von Wegtam indirekt herausgefordert, Verantwortung in der ganzen Schöpfung zu übernehmen, was uns wiederum an das Wesen der Einherier erinnert.
13. Wala: Du bist nicht Wegtam, wie ich dachte, sondern du bist Odin, der alte Gaut.
Odin: Du bist keine Seherin (Wala), noch eine weise (wissende) Frau, sondern du bist die Mutter von drei Giganten.
14. Wala: Reite nun heim, Odin, und sei ruhmreich (und siegreich)! So komme kein Wesen mehr wieder zu mir (oder: So komme kein Mann mehr wieder zur Vernunft), bis Loki von seinen Fesseln loskommt und Ragnarök zerstörend erscheint.
(Wegtamslied nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
Was geschieht nun am Ende des Liedes? Die übliche Deutung ist, dass Wala nun beleidigt ist, wie ein kleines Kind eingeschnappt und nicht mehr reden will. Odin soll von hier verschwinden und bis zum Weltuntergang nicht wiederkommen.
Wir wollen jedoch versuchen, dies aus geistiger Sicht etwas tiefer zu deuten, und fragen: Vielleicht haben sich Odin und Wala nicht nur gegenseitig erkannt, sondern auch sich selbst im anderen? Wala erkennt in Wegtam, dem „Zähmer der Wege“, den Allvater Odin. Und Odin erkennt in Wala, der Seherin des weltlichen Wissens, die Allmutter und Seele der Natur als allgemeines Prinzip der Verursachung, das noch kein wirksames Wissen ist. Hier kann man zunächst an Angrboda als „Sorgen-Botin“ denken, der Frau von Loki, die den Fenris-Wolf, die Midgardschlange und Hel geboren hat. Aber auch an Frigg, Odins Frau, die Hödur, Hermodr und Balder geboren hat. Wilhelm Jordan denkt hier in seiner Übersetzung sogar an die drei Nornen am Schicksalsbrunnen. Ja, all diese Kinder kann man als „Giganten“ in der Schöpfung betrachten, als ganzheitlich mächtige Wesen. Und ihre Mütter sind aus göttlicher Sicht die ganzheitliche Seele der Natur als Allmutter.
Mutter | Drei Giganten | ||
Riesentöchter | Odin / Wirkung | Hönir / Heilung | Loki / Gegenwirkung |
Frigg | Balder | Hermodr | Hödur |
Wala / Karma | Urd / Schicksal | Verdandi / Werden | Skuld / Schuld |
Angrboda | Hel | Midgardschlange | Fenris-Wolf |
So erkennen sich Allvater und Allmutter und verschmelzen wieder miteinander zur ganzheitlichen Gottheit von Geist und Natur, Seher und Gesehenem, Subjekt und Objekt, Wahrnehmung und Wahrgenommenem, was man auch „Selbsterkenntnis“ nennen kann. Auch dann würde das Gespräch plötzlich enden, denn es gibt keine getrennten Wesen mehr, die einen Dialog führen. Entsprechend sagt Odin: „Ich will dich fragen, bis alles erkannt ist.“ Und diese Stille ist dann keine tote Stille in der Dunkelheit, sondern eine lebendige Stille in der Lichtheit, im ewigen Sieg-Frieden, die an Odins Sohn Widar erinnert, den Gott des Schweigens, der den Fenris-Wolf besiegt und Ragnarök überlebt.
Man könnte auch sagen: Die beiden Augen von Odin werden dann wieder ein Auge der „Einsicht“ oder des reinen Bewusstseins, das in sich nicht mehr gespalten und getrennt ist. Das Wunderbare an dieser „Selbsterkenntnis“ oder auch „Erleuchtung“ ist, dass sie als Höhepunkt nur einmal geschieht, so lange die Schöpfung besteht, und zwar völlig unabhängig, frei und jenseits der Schöpfung, aber auch nicht getrennt von ihr. Und das kann nur für ein ganzheitliches bzw. göttliches Wesen wie Odin geschehen, der die ganze Schöpfung in sich vereint. Daher könnte man im letzten Vers „Svá komit manna meirr aptr á vit“ auch übersetzen: „So komme kein Mann (Geist) mehr wieder zur (ganzheitlichen bzw. göttlichen) Vernunft.“ Ja, das kann sich unser Verstand nicht vorstellen, der nur in Gegensätzen denken kann. Aber nicht umsonst kann man darin das große Ziel der gesamten Schöpfung sehen, nämlich in der Vergänglichkeit das Unvergängliche zu finden, in der Vielfalt die Einheit und Gottheit. Vielleicht ist damit auch das „Heimreiten von Odin“ gemeint, das „Heimreiten des Schöpfergottes auf dem Pferd der Schöpfung“. Zumindest wäre das ein würdiger Schluss für dieses tiefsinnige Lied.
Aus Sicht der Schöpfung müsste man nun fragen, ob diese Vereinigung von Allvater und Allmutter unfruchtbar blieb? Als Antwort können wir uns gut vorstellen, dass durch diese Vereinigung nach Balders Tod Wali geboren wurde, der Gott des Lebens, und nach Hödurs Tod Widar, der Gott der Stille. Dann wären nach dem Tod von zwei ewigen Prinzipien auf dem Höhepunkt der Schöpfung wieder zwei neue ewige Prinzipien geboren worden, die dann auch Ragnarök überleben. In dieser Hinsicht könnte man Wala in den Müttern Rinda und Grid wiederfinden.
Damit wäre nun der Höhepunkt der Schöpfung erreicht, sozusagen der Vollmond im Zyklus, und die Schöpfung baut sich in Zeit und Raum wieder ab, bis zu Ragnarök. Entsprechend nimmt die scheinbare Uneinigkeit unter den Göttern zu, besonders gegenüber Loki, die nun scheinbar ihre Rollen tauschen. Loki versucht nun, am Gipfel der Schöpfung am Leben festzuhalten, während die anderen Götter zum Ende der Schöpfung streben. Ja, das klingt für unseren menschlichen Verstand unvernünftig, ist wohl aber ganzheitliche und göttliche Vernunft. Denn alles was entsteht, muss natürlich auch wieder vergehen. Und doch muss das Leben erhalten bleiben.
Zum Sterben geboren,
Zum Leben bestimmt.
So wollen wir im folgenden Kapitel über die Fesseln von Loki nachdenken, wie und warum er gebunden wurde.
Solange die Schöpfung im Entstehen war, konnten die Götter in ihrer Wirkung mit Loki als Gegenwirkung relativ harmonisch zusammenleben, und er selbst wurde im Großen und Ganzen akzeptiert. Denn er gehört nun einmal zu den Göttern dazu, und offenbar war allen auch bewusst, dass jede Wirkung eine Gegenwirkung benötigt, damit eine lebendige Schöpfung funktionieren kann. Nur seine Kinder versuchte man in ihrer globalen Wirkung zu zügeln, damit die Schöpfung in Zeit und Raum bestehen konnte.
Doch nun ist offenbar der Höhepunkt der Schöpfung überschritten und deren Alterung und Auflösung beginnt. Ähnlich kann der Mensch auch selbst die Erfahrung im Leben machen. Es gibt eine Jugendzeit des Wachstums und eine Zeit des Alterns und Verfalls. In der Jungenzeit war das Altern erwünscht, doch später wird es zum Feind, denn gewöhnlich nehmen dann auch die Leiden zu. Und wie der Mensch gegen diesen Alterungsprozess um sein Leben kämpft, so könnte man sich vorstellen, dass nun auch Loki wieder gegen den Strom der Schöpfung kämpft und entsprechend leiden muss. Darüber wird in „Gylfis Illusion“ §50 folgende Geschichte erzählt:
Da sprach Gangleri: Sehr viel hat Loki bewirkt, als er zuerst verursachte, dass Balder starb, und danach, dass er nicht von Hel erlöst wurde. Wurde das irgendwie an ihm gerächt?
Der Hohe sagte: Es wurde ihm so vergolten, dass er es lange spüren wird. Als die Götter auf ihn so zornig geworden waren, wie man es erwarten konnte, lief er weg und verbarg sich auf einem Berg. Dort errichtete er ein Haus mit vier Türöffnungen, damit er nach allen Richtungen blicken konnte. Tagsüber gab er sich oft eine Lachsgestalt und versteckte sich an dem Ort, der Franangr-Wasserfall („schäumende Schlucht“) heißt.
So lesen wir zuerst, wie jeder Zorn zur Spaltung und Uneinigkeit führt. Danach folgt wieder geballte Symbolik: Der schäumende Wasserfall erinnert an den Fluss der Schöpfung, der nun immer mächtiger fällt und bereits dem Meer nahe ist, wo er wieder im Meer der Ursachen verschwindet. Der Berg erinnert uns an den Gipfel und Höhepunkt der Schöpfung, wo sich Loki ein Haus mit vier Türen erbaut, durch die er in alle Richtungen sehen und gehen kann. Das bedeutet wohl, dass er sich den „Überblick“ bewahren will und selbst für alles offen ist, zumindest in jede Richtung fliehen kann, um nicht gebunden zu werden. Das heißt, entweder zur Quelle zurück, ins Meer voran oder zu einem der Flussufer, die man symbolisch als Leben und Tod, Licht und Dunkel oder auch Geist und Natur deuten kann.
Noch stärker ist das Symbol der Lachsgestalt, die er „tagsüber“ im weltlichen Licht annimmt. Den Lachs haben wir bereits in der Geschichte von der „Otter-Buße“ kennengelernt, als Loki den Otter tötete, der im Wasserfall einen Lachs gefangen hatte und unachtsam fressen wollte. Sein rotes Fleisch erinnerte uns an das rote Gold als Symbol der lebendigen Wahrheit. Dazu ist er ein klassisches Symbol für die Rückkehr zur Quelle, denn am Ende seines Lebens im Meer schwimmt er unermüdlich seinen Geburtsfluss hinauf, bis zur Quelle, wo er geboren wurde, um sich dort zu paaren und fortzupflanzen. Dann stirbt er, um seinen Körper als Nahrung für weiteres Wachstum zu opfern. So können wir darin auch das wirkliche Wesen der lebendigen Schöpfung sehen, die danach strebt, wieder zur Quelle zurückzukehren, um dort ihren Körper für eine neue Schöpfung zu opfern.
So strebt zwar Loki „tagsüber“ zur Quelle zurück, doch geht selbst nicht zur Quelle, sondern baut sich zur „Übernachtung“ ein Haus über dem Wasserfall, um sich selbst zu begrenzen und körperlich festzuhalten. So lebt er nun dort, wo das Gefälle vom Fluss der Schöpfung am größten ist, und wo er auch als größte Gegenwirkung bleiben und sich nicht binden lassen will.
Da überlegte er, welche List sich die Asen ausdenken könnten, um ihn im Wasserfall zu fangen. Und als er im Haus saß, nahm er Leingarn und knüpfte die Knoten so, wie seitdem ein Netz gemacht wird. Und vor ihm brannte ein Feuer. Da sah er, dass es die Asen nicht mehr weit zu ihm hatten, denn Odin hatte von Hlidskialf („Hochsitz des Weitblicks“) gesehen, wo er war. Er sprang sofort auf und lief hinaus in den Fluss, aber das Netz warf er ins Feuer.
Nun wird es noch verzwickter: Loki denkt sich das Netz aus, mit dem er selbst in Lachsgestalt gefangen und gebunden werden könnte. Dahinter steht die große Frage: Wie kann ein göttlicher Mann bzw. Geist, der die Freiheit selbst ist, gebunden werden? Bindung gibt es eigentlich nur in der Natur durch die Gesetze von Ursache und Wirkung. Der Geist muss frei sein, und vor allem der göttliche und ganzheitliche, ansonsten gäbe es gar keine Freiheit. Der einzige Weg besteht also darin, dass er sich selbst bindet, denn auch diese Freiheit hat er natürlich. So nimmt er selbst die Formen von Wasser, Fluss, Lachs und Netz an. Damit kommt wieder die Natur ins Spiel. Ja, das ist das wundervolle Wesen von Loki, der auch weibliche bzw. natürliche Formen annehmen kann, so dass aus seiner Gegenwirkung wieder Verursachung wird. Daran kann man gut erkennen, dass Loki nicht nur eine destruktive Gegenwirkung in der Schöpfung ist, sondern auch eine zutiefst konstruktive.
So ist das Netz ein starkes Symbol für die Bindungen in der Natur, die aus vielen verknoteten Fäden bzw. „Bändern“ besteht, worin man auch die verflochtene Seele der Natur sehen kann. Vielleicht ist auch dieses Netz nur dazu da, um den Geist wieder einzufangen, der sich in Illusion verloren hat. Was uns wiederum an die „Selbsterkenntnis“ des Bewusstseins erinnert. So wird auch der Name von Loki in diese Richtung gedeutet und von der germanischen Wurzel „luk“ abgeleitet, für alles, was mit Schlinge, Knoten, Schlaufe und Verschluss zu tun hat. Diesbezüglich erinnert das Symbol des Netzes auch daran, dass abhängig von der Maschengröße nur bestimmte Wesen in Raum und Zeit gefangen werden.
Doch die Gedanken an ein solches Netz hat wiederum der Geist, und daran erkannte wohl auch Odin auf seinem Thron des Weitblicks, dass es eigentlich nur Loki sein konnte, der sich als göttlicher Geist seine eigene Bindung ausdenkt. Denn alle Gedanken werden von seinen beiden Raben Hugin und Munin natürlich auch zu ihm als Schöpfergott getragen, der dann für die Verwirklichung sorgt. Und wie er sich nun erhebt, um Loki zu ergreifen, so springt auch Loki gleichzeitig auf, um in den Fluss der Schöpfung zu fliehen. Also wieder Wirkung und Gegenwirkung.
Auch das Feuer, das vor Loki brennt, könnte ein Symbol des Geistes sein. So würde sich Odin als Geist im Feuer erheben, und Loki springt entsprechend ins Wasser, sozusagen als Gegenspiel von Feuer und Wasser, was auch eine Grundlage des körperlichen Lebens ist. Doch warum wirft er das ausgedachte Netz ins Feuer? Hier könnte man zuerst daran denken, dass er es dort verbrennen wollte, um davon nicht gebunden zu werden. Doch im Feuer des Geistes verbrennt natürlich nichts ohne Wirkung. Selbst jeder Gedanke hat irgendeine Wirkung. Daher könnten wird diese Symbolik auch tiefer betrachten und uns vorstellen, dass Loki damit den Geist im Feuer binden wollte. Und das scheint auch zu geschehen, denn es erscheint nicht Odin selbst im Haus von Loki, sondern Kvasir mit den anderen Asen. Kvasir haben wir bereits als göttlichen Verstand und weltliche Weisheit kennengelernt, und darin kann man eine gebundene Form der göttlichen Vernunft sehen:
Als die Asen zum Haus kamen, ging zuerst der hinein, der von allen der Klügste war und der Kvasir heißt. Als er im Feuer die Asche sah, wo das Netz verbrannt war, erkannte er, dies müsse ein Gerät zum Fischefangen gewesen sein, und er sagte es den Asen. Sofort schickten sie sich an und knüpften ein Netz nach dem, das sie in der Asche sahen und das Loki gemacht hatte. Und als das Netz fertig war, gingen die Asen zum Fluss und warfen es in den Wasserfall. Thor hielt das eine Netzende, alle übrigen Asen hielten das andere, und sie zogen das Netz. Aber Loki entwich und legte sich zwischen zwei Steine. Sie zogen das Netz über ihn, doch bemerkten, dass etwas Lebendiges davor in Bewegung war. Daher gingen sie ein zweites Mal hinauf zum Wasserfall und warfen das Netz aus. Sie banden daran etwas so Schweres, dass niemand darunter hindurchschlüpfen konnte. Da schwamm Loki davor, und als er sah, wie nah das Meer war, sprang er über die Netzleine und den Wasserfall hinauf.
So holt nun der kluge Kvasir als göttlicher Verstand den Gedanken an das Netz der Bindung wieder aus der „Asche des Feuers“, also aus dem, was im geistigen Feuer nicht verbrennt, ähnlich wie Mimir die Schöpfung aus dem Wasser vom Meer der Ursachen schöpft. Und die Götter verwirklichten den Gedanken und knüpften das Netz, an das sie sich dann selbst binden, um es im Fluss der Schöpfung zu gebrauchen. An einem Flussufer Thor, und an dem anderen Ufer die anderen Götter. Was sind die beiden Ufer vom Fluss der Schöpfung? Leben und Tod, Licht und Dunkel oder auch Geist und Natur.
Hier kann man nun über den Wandel von Thor nachdenken, der bisher mit seinem Hammer gegen die Berg- und Frostriesen gekämpft hatte, damit die Schöpfung nicht erstarrt. Doch nach dem Tod von Balder und seinem Mord am Zwerg Lit als „farbige Gestaltung“ scheint er nun am Ufer des Todes gegen das körperliche Leben im Fluss der Schöpfung zu kämpfen, und nicht mehr mit seinem Hammer, sondern mit einem Netz der Bindung. So ziehen die Götter das Netz interessanterweise auch nicht vom Meer her gegen die Strömung in Richtung Quelle und Wasserfall, wie man es erwarten würde, sondern mit der Strömung zum Meer und Ende des Flusses hin. Denn sie kämpfen nun nicht mehr um die lebendige Schöpfung, sondern gegen Loki, der gegen die Strömung schwimmt.
Man kann sich also vorstellen: Quelle → Wasserfall → Netz → Loki/Fische → Meer
Damit gibt es nur noch zwei Möglichkeiten für die Fische bzw. Lebewesen im Fluss der Schöpfung: Entweder sie fliehen ins Meer der Ursachen zurück, wo dann auch der Fluss der Schöpfung endet. Oder sie lassen sich im Netz der Bindung fangen. Denn der Weg zurück zur Quelle ist nun verschlossen. Das ist sehr denkwürdig!
Loki versucht zweimal zu entkommen. Einmal passiv unter dem Netz, und einmal aktiv über das Netz. Doch beide Versuche werden von den Göttern erkannt und vereitelt. So kommt dann der dritte Versuch:
Nun sahen die Asen, wo er war, liefen wieder hinauf und verteilten ihre Schar an den beiden Ufern des Flusses. Thor jedoch stapfte die Flussmitte entlang, und so liefen sie hinaus zum Meer. Doch Loki sah zwei Möglichkeiten: Es war lebensgefährlich, sich in Richtung Meer zu bewegen, aber das andere war, wieder über das Netz zu springen. Und das tat er. So schnell wie möglich sprang er über die Leine. Thor griff nach ihm und packte ihn, doch er glitt ihm durch die Hände, sodass er ihn erst am Schwanz festhielt. Aus diesem Grund ist der Lachs hinten schmal.
So nimmt nun das Schicksal der Götter seinen Lauf. Thor selbst stellt sich in den Fluss der Schöpfung und wird damit ein vergängliches Lebewesen, ähnlich wie auch Loki die Lachsgestalt angenommen hat. Die anderen Götter werden getrennt und an den beiden Ufern verteilt. Loki erkennt die Gefahr für das körperlich wirkende Leben im Meer der Ursachen und versucht wieder, über das Netz zu springen, um der Bindung zu entkommen. Doch Thor versperrt nun auch die Flucht nach oben in Richtung Himmel und ergreift die Lachsgestalt von Loki. Aber nur mit Mühe konnte er das glitschige Lebewesen am Schwanz packen, sozusagen an dessen Ende und Hauptantrieb. Denn wie kann man das Leben festhalten? Vor allem dort, wo es sich bewegen will, und natürlich dort, wo es sein Ende hat. Daher nimmt das körperliche Leben zum Ende hin auch ab. Doch genau das ist sein Hauptantrieb, wie die Schwanzflosse eines Fisches, was wohl auch mit dem letzten Satz gemeint ist.

Nun war Loki ohne Gewährung seiner Sicherheit gefangen, und man ging mit ihm in eine Höhle. Dort nahmen sie drei flache Steine, stellten sie auf die Kanten und stießen in jeden Stein ein Loch. Dann wurden Lokis Söhne ergriffen, Wali und Nari oder Narfi (der „Verengende und Begrenzende“). Die Asen verwandelten Wali in einen Wolf, und der riss seinen Bruder Narfi in Stücke. Da nahmen sie seine Därme und fesselten Loki damit auf die drei scharfen Steine. Einer stand unter den Schultern, der zweite unter den Lenden, der dritte unter den Kniekehlen, und diese Fesseln wurden zu Eisen. Dann nahm Skadi (der „Schaden“ oder „Verlust“ als Wintergöttin) eine Giftschlange und befestigte sie so über ihm, dass das Gift aus der Schlange ihm ins Gesicht tropfte. Aber Sigyn, seine Frau, steht bei ihm und hält ein Becken unter die Gifttropfen. Ist dieses Gefäß voll, geht sie weg und schüttet das Gift aus. Derweil tropft es jedoch auf sein Gesicht. Dabei fährt er so stark zusammen, dass die ganze Erde bebt. Das nennt ihr Erdbeben. Dort liegt er in Fesseln bis zu Ragnarök.
(Gylfaginnîng §50 nach Arnulf Krause und Karl Simrock)
Und weiter geht es mit geballter Symbolik: Loki wird nun im Fluss der Schöpfung gefangen und in einer Höhle gebunden, die uns an die Unterwelt von Midgard erinnert, an das Unbewusste der Materie, und aus dem Wasserwesen wird ein Steinwesen. Dazu wird sein Sohn Wali in einen Wolf verwandelt, der seinen Bruder Narfi zerreißt. Das ist besonders denkwürdig: Bisher haben wir einen Wali als Sohn von Odin kennengelernt, der als Lebensprinzip von Rinda als „Beschützerin“ geboren wurde und mit seiner Geburt den Tod von Balder an Hödur als Gott der Dunkelheit gerächt hatte. Nun taucht plötzlich ein zweiter Wali auf, ein Sohn von Loki und Sigyn als „Siegesbringerin“. Hier kann man überlegen, ob damit das gleiche Lebensprinzip gemeint ist oder zwei unterschiedliche Prinzipien. Zumindest verwandeln die Asen diesen Wali in einen Wolf der Vergänglichkeit, die natürlich zum Lebensprinzip dazugehört, zumindest, wie wir das körperliche Leben als Werden und Vergehen kennen. Mit diesem Wolf töten sie dann einen anderen Sohn von Loki und Sigyn, nämlich Nari oder Narfi, der „Verengende und Begrenzende“. Damit töten sie im Grunde das Prinzip des körperlichen Lebens, das nur durch Begrenzung und Verengung des Bewusstseins eine Weile bestehen kann. Was dann bleibt, ist das Lebensprinzip selbst, das ewige und grenzenlose Leben des reinen Bewusstseins, das in seiner Essenz formlos ist.
Doch gerade dagegen wirkt Loki, der nun das körperliche Leben festhalten will. Ja, das ist das wunderliche Spiel der Gegensätze von Wirkung und Gegenwirkung in der Ganzheit der Schöpfung. Als die Schöpfung als körperliches Leben wachsen wollte, zeugte Loki als „Schlingel“ mit Angrboda, der „Sorgen- und Leidbringerin“, die drei mächtigen Kinder Hel, Jörmungand und Fenris, die dann als Totenhöhle bzw. Toten-Schlinge, Midgardschlange bzw. Selbst-Verschlinger und Fenriswolf bzw. All-Verschlinger erscheinen. Doch nun, als sich die körperliche Schöpfung wieder auflösen wollte, muss er natürlich wiederum dagegen ankämpfen, gegen den Strom schwimmen, und will das körperlich begrenzte Leben festhalten.
In dieser Hinsicht können wir uns gut vorstellen, dass mit Wali, dem Sohn von Loki, eigentlich der gleichnamige Sohn von Odin gemeint ist. Denn soweit wir wissen, wird er in der gesamten Edda nur an dieser Stelle erwähnt (siehe auch englisch Wikipedia: Vali). So bewirken nun wiederum die Götter mithilfe von Wali als Lebensprinzip, dass die lebendige Begrenzung der körperlichen Schöpfung vergeht. Das ist eine geniale Symbolik: Denn die Auflösung der Schöpfung bedeutet offenbar nichts anderes, als die körperlichen Begrenzungen aufzulösen.
So wird nun Loki von seinen eigenen Kindern gebunden, nämlich in der Totenhöhle von Hel unter der Midgardschlange, die das Gift der Selbst-Vernichtung als Speichel des Fenris-Wolfes herabtropfen lässt, das wir aus anderen Sagen auch von gift- und feuerspeienden Drachen kennen. Damit sind vermutlich auch die drei flachen Steine gemeint, die bisher am Grund vom Fluss der Schöpfung lagen. Sie werden nun in ihrer Festigkeit „durchlöchert“ und zum Gericht „aufgerichtet“. Dass sie als scharfe Steine unter Lokis Schultern, Lenden und Kniekehlen stehen, erinnert uns an die Bindung seiner Wirkkraft, Fortpflanzung und Beweglichkeit. Und diese Bindung geschieht durch seinen Sohn Narfi als „Verengung und Begrenzung“, dessen Därme als körperliche Kraftquelle sich nun zu Eisenketten verfestigen.

Loki als „Gegenwelle“
Damit erscheint nun das Bild der Höhle des schmerzhaften Leidens, die man früher auch „Hölle“ nannte. Und ja, Loki ist von Anfang an auch das Wesen des schmerzlichen Leidens in der Schöpfung, denn jede Gegenwirkung ist natürlich Leiden, wenn man nicht mit dem zufrieden sein kann, was da ist. Trotzdem ist Loki immer noch ein Asen-Gott, also ein ganzheitliches Wesen, so dass mit Loki auch die gesamte Schöpfung leidet. Dafür sorgt nun offenbar seine Ehefrau Sigyn, die das schmerzliche Gift in einem Becken auffängt, und wenn das Gefäß voll ist, ausschüttet. Wo fließt es hin? Es kann eigentlich nur wieder in den Fluss der Schöpfung fließen, so dass nun auch alle anderen Geschöpfe mit Loki leiden, vor allem die Alten, die im Winter ihres Lebens auf den körperlichen Tod zugehen. Daher kommt wohl hier auch Skadi als Wintergöttin ins Spiel, mit der wir unser Kapitel über Loki begonnen haben.
So ist nun jeder Tropfen von diesem Gift ein körperlicher Tod, dessen Leiden die ganze Erdenwelt in ihrer scheinbaren Beständigkeit erschüttert, im Kleinen wie im Großen. Bemerkenswert ist, dass bisher in der ganzen Edda noch nie so ein schmerzliches und qualvolles Leiden im Totenreich der Hel beschrieben wurde, wie jetzt für Loki. Es ist also vor allem ein göttliches Leiden, das seinen göttlichen Sinn in der Schöpfung hat, weshalb Sigyn auch „Siegbringerin“ bedeutet, im Gegensatz zu Angrboda als „Leidbringerin“. Denn am Ende steht natürlich der göttliche Sieg in der Schöpfung, wie es so schön heißt: „Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“
Zusammenfassend können wir uns folgendes Bild von der „Welle der Schöpfung“ vorstellen, zu der Loki sozusagen eine „Gegenwelle“ bildet. Wie auch im obigen Bild angedeutet wird, wenn man die drei spitzen Steine als Wendepunkte der Welle betrachtet, so dass Tal-Berg-Tal entsteht, oder Anfang-Mitte-Ende:

So könnte man nun sagen: Odin reitet auf der Welle der Schöpfung, auf Sleipnir, dem „Dahingleitenden“. Doch hier muss man vorsichtig sein, dass man nicht zum „schlauen Fuchs“ wird, wie auch eine berühmte Geschichte aus dem Zen-Buddhismus verdeutlicht:
Ein Fuchs wandte sich an Meister Pai-Chang und sprach: „Ich war einst ein Zen-Meister, und als mich ein Schüler fragte, ob ein Erleuchteter noch dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterliege, erwiderte ich: »Der Erleuchtete reitet auf den Wellen von Ursache und Wirkung.« Für diesen Fehler musste ich fünfhundert Leben lang als Fuchs leben. Bitte verhelft mir zur Einsicht.“ Pai-Chang antwortete: „Für den Erleuchteten gibt es nur die Welle von Ursache und Wirkung.“ Diese Worte verhalfen dem Besucher zur Erleuchtung, und sein Fuchsdasein war zu Ende. (Weisheit des Zen, Thimothy Freke)
Der Höhepunkt der Schöpfung wäre dann die „Selbsterkenntnis“ oder „Erleuchtung“ von Odin und Wala. Und die Auflösung der Schöpfung beginnt mit Balders und Hödurs Tod, wenn das Bewusstsein der ewigen Grenzen von Lichtheit und Dunkelheit verschwindet. Daher lösen sich dann auch alle körperlichen Begrenzungen auf und die weltlichen Gegensätze gleichen sich im Kampf aus. Entsprechend geht auch die Prosa-Edda von „Gylfis Illusion“ im nächsten Kapitel mit der Beschreibung von Ragnarök weiter. Wir wollen jedoch mit dem Weltuntergang noch etwas warten und uns zunächst das mystische Wesen von Thor mit den dazugehörigen Geschichten etwas näher anschauen.