Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Das Lied von Sigrdrifa (Sigrdrífumál)

Wie die Meisen schicksalhaft vorausgesagt haben, führt nun der weitere Weg von Sigurd zunächst zur Walküre Sigrdrifa, der „Sieg-Treiberin“. Den ersten Teil dieses Textes haben wir bereits im ersten Kapitel über „Das Wesen von Odin“ im Abschnitt „Walküren“ kennengelernt. So möchten wir nun im Fluss von Sigurds Geschichte die Deutung noch einmal zusammenfassen, nach Möglichkeit vertiefen und auch den zweiten Teil der Belehrung näher betrachten:

Sigurd („Sieg-Beschützer“) wandte sich südwärts zum Frankenland und ritt hinauf zum Hindarfjall (zum „Berg der Hirschkühe“). Auf dem Berg sah er ein großes Licht, als würde ein Feuer brennen, und sein Schein leuchtete bis zum Himmel empor. Als er näherkam, stand dort eine Schildburg, und über ihr ragte ein Banner empor. Sigurd ging in die Schildburg hinein und sah, dass dort ein Mann lag und in voller Rüstung schlief.

Zuerst nahm er ihm den Helm vom Kopf: Da sah er, dass es eine Frau war. Die Brünne (ihr Panzerhemd) war so fest, als wäre sie ans Fleisch gewachsen. Da durchschnitt er mit seinem Schwert Gram die Brünne, vom Kopf abwärts, und danach auch an beiden Armen. Dann nahm er ihr die Brünne ab. Sie aber erwachte, setzte sich auf, sah Sigurd an und sprach:

1. Was zerschnitt mir die Brünne? Warum wurde ich aus dem Schlaf geweckt? Wer befreite mich von den düsteren Fesseln?

Sigurd antwortete: Sigmunds Sohn! Soeben zerschnitt dir Sigurds Schwert das Leichenfleisch des Raben.

Das Frankenland erinnert etymologisch an ein „Land der Mutigen oder Freien“ westlich des Rheins als Fluss des Lebens. Es wird im Helgi-Lied auch als Reich von König Sigmund beschrieben, also von Sigurds Vater, und damit wäre es auch sein Erbe. Südwärts meint wohl die Reise von Dänemark ins Frankenland, erinnert aber symbolisch auch an die Geistseite im Weltenbaum, die zum Licht führt, das zum Himmel von Gimle emporstrebt. Ähnlich kann man auch die beiden Seiten des Rheins als Geist- und Naturseite vom Fluss des Lebens betrachten, wobei das Frankenland auf der Geistseite liegt. So ist es zunächst mehr eine geistige Reise zum „Berg der Hirschkühe“.

Den Hirsch haben wir in Walhall als Symbol des Kampfgeistes kennengelernt, von dessen Geweih die Flüsse der gegensätzlichen Eigenschaften in die Welt fließen. Entsprechend könnten die Hirschkühe die weibliche Naturseite dieses Geschehens darstellen: die Umstände, Bedingungen und Ursachen des Lebens, wie sie auch in den Walküren personifiziert erscheinen. Bezüglich des Berges könnte man symbolisch an die Alpen denken, dem Quellgebiet des Rheins als Fluss des Lebens. Und der Gipfel des Berges erinnert an den Übergang zwischen Erde und Himmel, zwischen körperlicher und geistiger Welt.

Dort findet Sigurd eine schlafende Walküre, die offenbar darauf wartet, von ihm geweckt zu werden. Zuerst durchdringt Sigurd die Schildburg. Die Symbolik der Schilde haben wir bereits auf dem Dach von Walhall kennengelernt, um einen Bewusstseinsraum zu begrenzen. Dieser Raum kann soweit begrenzt werden, dass sich darin kaum noch etwas bewegen kann, was wir dann „Schlaf“ nennen. In diesem Bewusstseinsraum sieht er zunächst einen Mann bzw. Geist in voller Rüstung, die symbolisch an die Kampfrüstung des begrifflichen Verstandes erinnert, sozusagen das „tote Fleisch der dunklen Raben bzw. Gedanken“. Unter dem Helm, der an den Ägis-Helm der Lebensform erinnert, entdeckt er allerdings ein weibliches Wesen der Natur, das unter diesem Helm an die innere Seele der Natur erinnert.

Die Brünne erinnert als Panzerhemd an die äußere materielle Natur, die der Seele gleichsam angewachsen ist. Diese durchschnitt Sigurd mit seinem Schwert der Weisheit und dringt damit zum lebensfähigen Wesen vor, das daraufhin im Spiel von Geist und Natur erwacht, zu sprechen und zu wirken beginnt. Denn es ist der Geist, der lebendig macht…

2. Sigrdrifa sprach: Lang schlief ich, lang verweilte ich im Schlaf, lang ist das Leiden der Menschen. Odin bewirkte es, dass ich die Schlafrunen nicht durchbrechen konnte.

Sigurd setzte sich nieder und fragte nach ihrem Namen. Da nahm sie ein mit Met gefülltes Horn und gab ihm einen Trank der Erinnerung.

In diesem Einschlafen und Erwecken der Walküre liegt eine wunderbare Symbolik: Denn so sorgt die Gottheit dafür, dass in der Natur die Ursachen angesammelter Probleme verborgen schlafen, bis sie zur rechten Zeit vom Geist geweckt werden, damit sie sich im Leben auswirken und lösen können. Daher begegnen uns auch im eigenen Leben manche angesammelten Probleme erst in einem gewissen Alter, wenn zugleich genügend Weisheit und Kraft vorhanden sind, um sie zu lösen. Und ja, dieses Problemlösen kann ein langer Leidensweg über viele Generationen sein.

So setzt sich nun auch Sigurd nieder, und neigt sich dem ungelösten Problem in der Natur zu. Als ganzheitliche Vernunft, die inzwischen auch das gereinigte Wesen von Regin und Fafnir als menschlichen Verstand und Ego in sich vereint hatte, fragt er nun nach dem Namen des Problems. Als erste Antwort erhält er ein mit Met gefülltes Horn als Erinnerungstrank. Wundervoll! Auch das ist starke Symbolik: Das Horn erinnert an Heimdalls Rufhorn und somit an das heimleuchtende Bewusstsein auf dem Weg zum großen Ziel der Schöpfung. Den Met haben wir bereits als Göttertrank der Ganzheit kennengelernt. In dieser Ganzheit kann sich der Geist an das große Ziel des Sieges erinnern. Und die Erinnerung spricht:

3. Sie sprach: Heil dem Tag! Heil den Söhnen des Tages! Heil der Nacht und ihrer Verwandten! Seht hier auf uns mit ungetrübten Augen, und gebt uns Sitzenden Sieg!

4. Heil den Asen, Heil den Asinnen! Heil der vielfach nützlichen Erde! Gebt uns beiden Ruhmreichen heilsame Worte, Gedanken und Handlungen, solange wir leben!

Das große Ziel ist also das Heil, die Heilung aller Wunden der Trennung in der Einheit, Ganzheit und Gottheit. Heil allen Wesen des Tages und der Nacht, des Lichtes und der Dunkelheit, des Geistes und der Natur! Heil allen Aspekten der Götter und Göttinnen in der ganzheitlichen Gottheit! Heil der nützlichen Vielfalt der Natur in der geistigen Einheit! Heil allen Worten, Gedanken und Taten, damit sie heilsam wirken, solange es Leben gibt!

Ja, darin liegt wohl das große Ziel der Schöpfung. Und dafür vereinen sich hier Geist und Natur als Sigurd und Sigrdrifa, gleichsam in einer mystischen Hochzeit, um diesen großen Sieg zu verwirklichen. Wunderbar!

Sie nannte sich Sigrdrifa („Sieg-Treiberin“) und war eine Walküre. Sie erzählte, dass zwei Könige gegeneinander gekämpft hatten. Der eine hieß Hjalm-Gunnar („Helm-Kämpfer“). Er war damals alt und der größte Kriegsmann, und Odin hatte ihm den Sieg versprochen. Der andere hieß Agnar („Schwert-Kämpfer“), der Bruder der Auda (der „Reichen, Wohlhabenden“), den niemand in Schutz nehmen wollte. Sigrdrifa fällte Hjalm-Gunnar in der Schlacht. Aber Odin stach sie aus Rache dafür mit einem Schlafdorn und bestimmte, dass sie fortan in keiner Schlacht mehr den Sieg entscheiden, sondern sich vermählen solle. — „Doch ich sagte ihm, dass ich dagegen das Gelübde ablegte, mich mit keinem Mann zu vermählen, der sich fürchten könne.“

So nennt sich nun die Natur „Sieg-Treiberin“ und sorgt als Walküre für die schicksalhaften Umstände im Kampf der Lebewesen. Dazu vereint sie sich wieder mit Sigurd, der ganzheitlichen Vernunft als „Sieg-Beschützer“. Denn das große geistige Ziel sollte niemals vergessen werden, was in den vielfältigen Formen der Natur leicht passieren kann.

Um das zu verdeutlichen, wird hier eine kurze Geschichte erzählt, über die man viel nachdenken kann. Der „Helm-Kämpfer“ erinnert an einen Mann bzw. Geist unter dem Helm der Lebensform, der wohl als Einzelkämpfer körperlich alt, aber auch mächtig geworden war, was dann vor allem an geistige Macht erinnert. So war er offenbar bereit dafür, im Kampf als Einherier gewählt und nach Walhall erhoben zu werden. Doch die natürlichen Umstände ließen ihn wieder fallen, und wählten dagegen Agnar zum Sieger, der als „Schwert-Kämpfer“ symbolisch an Sigmund erinnert, den Bruder von Signy, welcher im Prinzip bereits ein Einherier war. Und Sigurd setzte nun den Weg seines Vaters fort.

Doch warum wollte Odin den Einzelkämpfer Hjalm-Gunnar zum Sieger erwählen? Darin kann man das große geistige Ziel der Schöpfung erkennen, nämlich die Einzelkämpfer aus ihrer Trennung herauszuführen und wieder zu Einheriern im Heer der Einheit zu machen. Ähnlich heißt es auch in der Bibel: »So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. (Hes. 33.11

Vielleicht war das auch der Grund, warum Odin im Kampf zwischen Sigmund und Lyngwi, Lyngwi siegen und Sigmund fallen ließ. Denn Einherier vergehen nicht im Tod. So setzte Sigurd diesen Kampf später fort und siegte auf einer ganzheitlichen Ebene, auf der es kein Verlieren und keine Verlierer mehr gibt, weder geistig noch körperlich. Nur so können auch die Einzelkämpfer nach Walhall kommen und Einherier werden. Und in dieser Hinsicht spricht Gangleri in „Gylfis Illusion“ §38 zum Walvater: „Du sagst, dass alle Männer, die seit Anfang der Welt im Kampf gefallen sind, nun zu Odin nach Walhall gekommen sind.“

Ein ähnliches Thema wird auch im „Lied von Grimnir“ behandelt. Dort förderte Odin als Allvater zunächst Geirröd, und Frigg als Allmutter kümmerte sich um Agnar, der vielleicht nicht zufällig den gleichen Namen trägt. Auch diesen kann man später als Einherier erkennen, der im goldenen Ring der Regeneration als Geirröds Sohn neu geboren wurde, wiederum Agnar hieß und die Belehrung zur ganzheitlichen Sicht von Odin selbst empfing.

Die Gerechtigkeit Gottes ist kein einfaches Thema, solange unser Verstand in der Trennung verhaftet ist und Einzelkämpfer sieht, die „gegeneinander“ kämpfen, wie es auch oben im Text von den zwei Königen heißt. Vielleicht sollte man besser „miteinander“ schreiben.

Wie auch immer! Praktisch ist es endlos, nach den genauen Ursachen zu suchen, warum Sigrdrifa schlafen gelegt wurde. Denn im Netz der Ran ist natürlich alles mit allem verbunden. Entscheidend ist, dass sie als dienende Walküre nicht dem Geist Odins folgte, sodass ihr bestimmt wurde, sich wieder mit einem solchen Geist zu vereinen. Und wie sie es als Walküre gelobt hatte, kann dies nur ein ganzheitlicher Geist sein, der keinen Verlust fürchtet. Dieser erscheint nun in Sigurd als ganzheitliche Vernunft, um sie wieder aufzuwecken und im Leben wirksam werden zu lassen.

Sigurd sprach und bat sie, ihn die Weisheit aller Welten zu lehren, da sie deren Zeichen und Botschaften kenne.

So bittet nun Sigurd auch das Wesen der Natur um Belehrung, nachdem er im „Lied von Regin“ bereits vom Geist Odins und im „Lied von Fafnir“ von den Vögeln als innere Seele der Natur belehrt worden war. Damit erscheinen drei Stufen der Belehrung: Geist, Seele und Natur. Darin spiegeln sich im Prinzip auch die drei Brunnen des Welten- und Lebensbaums wider, aus denen die vielfältigen Geschöpfe lernen können, die geistige Einheit zu erkennen und den großen Sieg zu verwirklichen.

Und Sigrdrifa sprach:

5. Bier bring ich dir, du Apfelbaum versammelter Brünnen (im Kampf), mit Macht gemischt und mächtigem Ruhm, voller Zauberlieder und heilsamer Runen, mit guten Zaubersprüchen und Liebesrunen.

Hier spricht Sigrdrifa nun nicht mehr als die innere, ganzheitliche Seele der Natur und Erinnerung, die das Horn mit dem Met als Göttertrank der Ganzheit reichte, sondern als die äußere, vielfältige Natur, die das stärkende, aber auch berauschende Bier bringt. So wurde auch von den Walküren in Walhall berichtet, dass sie den Einheriern Bier reichen. Denn alle Formen der vielfältigen Natur sind für den Geist natürlich ein Rauschgetränk der Zauberei und Illusion, ähnlich einem Traum, in dem Geschöpfe entstehen und vergehen.

Und doch hat die berauschende Vielfalt dieser Formen ihren Sinn und Nutzen in der Schöpfung, denn in ihnen kann man die sogenannten „Runen“ erkennen. Das Wort bedeutet „Raunen, Geheimnis und Zauberzeichen“. So kann man in allen Formen der Schöpfung magische Zeichen und Botschaften erkennen und das tiefe Geheimnis ihrer Zauberkraft ergründen. Wie auch Odin selbst die große Bedeutung und Macht der Runen als Zeichen der Natur erkannte, als er neun Nächte am Weltenbaum hing und tief in den Mimir-Brunnen der Verstandesschöpfung schaute, in sein eigenes Auge des Bewusstseins.

So liegt in diesen Runen nichts anderes als das Gold der Wahrheit verborgen, und der Weg dahin ist die Liebesrune der wahre Liebe jenseits von Begierde und Hass. Daher wird auch Sigurd im Kampf der versammelten Brünnen bzw. Körper als Apfelbaum bezeichnet, der die goldenen Äpfel von Idun als ewige Früchte gewähren kann.

6. Siegrunen musst du kennen, wenn du Sieg haben willst, und auf den Griff des Schwertes ritzen: Einige auf die Spitze, einige auf die Schneide, und nennen musst du zweimal Tyr (die T-Rune für den „Gott des gerechten Sieges“).

Die wichtigste Waffe im Kampf ist natürlich das Schwert der Weisheit. Darin liegt das Geheimnis des Sieges im Fluss der Schöpfung. Der Schwertgriff erinnert an die Begriffe des Verstandes, die Schneide an dessen Macht zur Unterscheidung und die Spitze an dessen Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und in Richtung geistiger Einheit zu wirken. Auf all diesen Teilen und Funktionen des Verstandes soll man die Siegrune der ganzheitlichen Vernunft als „Sieg-Beschützer“ einprägen, um den gerechten Sieg der Ganzheit zu verwirklichen. „Gerecht“ bedeutet dabei, dass schließlich alle gewinnen, und es weder Verlierer noch Verlust gibt. Und dies gilt zweifach, sowohl innerlich als auch äußerlich, geistig und körperlich.

7. Bierrunen musst du kennen, wenn du nicht willst, dass dich die Frau eines anderen in deinem Vertrauen täuscht. Auf das Horn sollst du sie ritzen, und auf den Handrücken und auf den Fingernagel die Not-Rune zeichnen (die N-Rune für den Zwang des Schicksals).

8. Das Gefäß musst du segnen, um dich vor Unheil zu schützen, und Lauch ins Getränk geben: Dann weiß ich, dass dir der Met niemals mit Unheil gemischt wird.

Hier kann man über die „Rausch-Rune“ als Geheimnis der Illusion und Zauberei der äußeren Formenvielfalt nachdenken. Wer sich dieses Geheimnisses bewusst ist, lässt sich von den natürlichen Formen, die scheinbar anderen Wesen gehören, in seinem Vertrauen zur Ganzheit und Gottheit nicht täuschen. Mit diesem Runen-Geheimnis soll man das Trinkhorn prägen, aus dem man mit dem Wasser des Lebens sowohl den Met der geistigen Einheit als auch das Bier der natürlichen Vielfalt trinkt.

Der Handrücken erinnert an den Antrieb zum Handeln, und der Fingernagel an die Anhaftung an körperlicher Festigkeit, wie wir dieses Nagel-Symbol bereits beim Totenschiff Naglfari kennengelernt haben. Darauf soll man die Not- oder Schicksals-Rune prägen und sich bewusst werden, dass körperliche Verfestigung und körperliches Handeln in dieser Welt durch das karmisch angesammelte Schicksal bedingt sind. Aufgrund der Gesetze von Ursache und Wirkung muss man diesem Schicksal unausweichlich begegnen.

Mit dieser Einsicht kann man das körperliche Gefäß mit Ganzheit segnen und vor Unheil schützen. Der Lauch könnte als Zwiebelgewächs an die Ursachen erinnern, die im Wasser des Lebens wachsen und sich als äußerliche Formen auswirken wollen. Doch innerlich sind sie leer und formlos, wie der hohle Zwiebellauch, ein formhafter Zauber aus dem formlosen Bewusstsein.

9. Geburtsrunen musst du kennen, wenn du entbinden und das Kind von der Frau lösen willst. Auf die Handflächen sollst du sie ritzen, um die (Hand-) Gelenke ziehen und dann die Disen (Schicksalsfrauen) um Hilfe bitten.

Für diese Einsicht sollte man auch das Geheimnis der Geburt erkennen, dass man als körperliches Lebewesen in dieser Welt dafür da ist, angesammelte Ursachen zu „entbinden“. Dann können sie wie Kinder in der Natur wachsen, sich auswirken und sich schließlich auch von ihren Bindungen lösen und befreien. Im Gegensatz zum Handrücken als Antrieb zum Handeln, soll man diese Rune auf die Handfläche prägen, womit vermutlich das Ziel des körperlichen Handelns gemeint ist. Die Gelenke erinnern an die bewegliche Lebendigkeit und die Disen an die Walküren, die für die schicksalhaften Umstände und Bedingungen im Lebenskampf sorgen.

10. Brandungsrunen sollst du ritzen, wenn du die Segelrosse (Segelschiffe) auf dem Wasser geborgen haben willst. Auf den Steven sollst du sie ritzen und auf das Blatt des Steuerruders und mit Feuer in das Ruder brennen. Keine Brandungswelle ist dann so steil und keine Woge so dunkel, dass du nicht heil vom Meer heimkehrst.

Die Erkenntnisse der bisherigen Runen werden nun praktisch auch zur Schutz-Rune für das Körperschiff auf den Wellen im Meer des Lebens, das dort im Wind des Geistes segelt. Mit diesem Schutz als „Sieg-Beschützer“ geht man nicht unter und fällt nicht wieder in die Dunkelheit, sondern kann heil ins Licht heimkehren, in den Himmel nach Gimle.

11. Zweigrunen musst du kennen, wenn du ein Heiler sein und Wunden behandeln willst. Auf die Rinde sollst du sie ritzen und auf den Stamm des Baumes, dessen Zweige sich nach Osten neigen.

Auch das Geheimnis der Zweige sollte man erkennen, wie sie sich im Baum des Lebens scheinbar verzweigen und voneinander trennen, von den schwachen Zweigen körperlicher Lebewesen bis hin zu den starken Ästen der großen Welten. Wer darin das Geheimnis der Ganzheit erkennt, wird ein wahrer Heiler und kann die Wunden der Trennung heilen. Denn alles, was in die Trennung fällt, neigt sich im Prinzip nach Osten, nach Jötunheim, zur Erstarrung und Verholzung.

12. Rechtsprechrunen musst du kennen, wenn du nicht willst, dass dir jemand aus Hass Leid zufügt. Du sollst sie winden, verweben und alle zusammenfügen auf jenem Thing (jener Versammlung), wohin die Menschen zu einem vollkommenen (gerechten) Urteil gehen.

Auch das Geheimnis der Gerechtigkeit liegt in der ganzheitlichen Sicht der Vernunft. Ein egoistischer Einzelkämpfer, der in der Trennung lebt und dessen Verstand nicht von ganzheitlicher Vernunft geführt wird, kann daher niemals wahre Gerechtigkeit üben, weil er alles nach seinen eigenwilligen Interessen beurteilt.

In diesem Vers wird besonders deutlich, wie im Laufe dieser drei Lieder immer intensiver die Grundlagen für eine vernünftige Lösung der großen menschlichen Probleme gelegt werden, die später unter anderem im Streit zwischen Gudrun und Brynhild schicksalhaft hervorbrechen (wie in der deutschen Nibelungensage zwischen Kriemhild und Brünhild).

13. Gedankenrunen musst du kennen, wenn du an Einsicht klüger als jeder andere Mensch sein willst. Hropt (der „Aussprechende“, Odin) ersann, ritzte und deutete sie aus jener Flüssigkeit, die aus dem Kopf Heiddraupnirs („Lichttröpfler“) und aus dem Horn Hoddrofnirs („Schatzöffner“) tropfte.

Was ist das Runengeheimnis der Gedanken, auf die sich der Verstand stützt? Hier kann man wieder an das formlose Bewusstsein denken, das jede Form annehmen kann. Dafür gab Odin als Allvater und Schöpfergott sein Auge zum Pfand, um mit diesem Auge des Bewusstseins die Schöpfung aus dem Wasser des Lebens und Meer der Ursachen hervorzubringen. Entsprechend erinnert der Kopf an Mimirs Brunnen als Quelle und das Horn an Heimdall, den „Heimrufenden“, als Ziel der Schöpfung. Zwischen ihnen tropft und fließt der Gedankenstrom der Verstandesschöpfung im goldenen Draupnir-Ring der Regeneration, um schließlich zum Ursprung zurückzukehren und den Goldschatz der Wahrheit wiederzufinden.

14. Auf dem Felsen stand er mit der Schneide Brimirs (Ymirs, dem Eis-Riesen) und trug einen Helm auf dem Kopf. Da sprach Mimirs Kopf weisheitsvoll das erste Wort und verkündete die Zeichen der Wahrheit.

Der beständige Felsen, auf dem der Allvater und Schöpfergott steht, erinnert an den Stein der Weisen als Fundament der unvergänglichen Wahrheit. Die Schneide Brimirs könnte die Unterscheidung der Gegensätze bedeuten, die aus dem Eis-Riesen auftauen, sozusagen aus dem eingefrorenen Meer der Ursachen. Und mit dem Helm könnte der Ägis- oder Verstandeshelm der Lebensform gemeint sein, den im Grunde der Schöpfer selbst als Gottheit trägt. Damit begann die Schöpfung durch das Wort. Aus dem formlosen Bewusstsein erscheinen durch die Mach des Wissens die vielfältigen Formen und Zeichen, um darin die Wahrheit wiederzufinden, das reine und unvergängliche Bewusstsein.

15. Auf dem Schild, sagte er (der Mimir-Verstand), seien sie geritzt, der vor dem leuchtenden Gott (der Sonne) steht, auf Arwaks Ohr und auf Alsvinns Huf (der beiden Sonnenpferde „Frühwach“ und „Allweise“), wie auch auf jenem Rad, das sich unter Hrungnirs Wagen dreht, auf Sleipnirs Zähnen und auf den Bändern des Schlittens.

Dieses Geheimnis der schöpferischen Gedanken sollte unser Verstand auf dem Schild vor der Sonne erkennen. Ohne diesen Filter würde alles sogleich von ihrem Feuer verbrannt und in ihrem hellen Licht verschwinden. Daher scheint sich die Sonne zu bewegen, geht auf und unter, Tag für Tag und Leben für Leben, und in ihrem Licht erscheinen durch den Gedankenfilter die Formen dieser Welt mit all unserem Wissen.

Hrungnirs Wagen erinnert an den materiellen Körper des Bergriesen Hrungnir, den wir in der dazugehörigen Geschichte als typischen Materialisten kennengelernt haben. Er wollte sich gegen Thors Angriff mit seinem Schild schützen, indem er sich selbst darauf stellte. So ist auch die Vorstellung von beständiger Materie, um die körperliche Form vor Vergänglichkeit zu schützen, natürlich ein Gedankenkonstrukt. Wer dieses Geheimnis ergründet, der erkennt, dass sich auch dieser Schutzschild wie ein Rad im goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration dreht. Denn alles fließt, und alles wandelt sich.

So lebt der Mensch zwischen Himmel und Erde, zwischen heller Sonne und dunkler Materie, wie zwischen zwei gewaltigen Schilden, auf denen er mit seinem Verstand die Gedankenrunen erkennen soll.

Sleipnir ist das achtbeinige Pferd, auf dem Odin reitet und das damit die gesamte Schöpfung symbolisiert. Dessen Zähne, mit denen die Nahrung zerkaut wird, erinnern einerseits an die Verarbeitung von angesammelten Problemen und andererseits an die Vergänglichkeit, die natürlich auch ein Gedankenkonstrukt ist, dessen Geheimnis man ergründen kann, um darin das Unvergängliche zu finden.

Ähnlich erinnert auch der Schlitten mit seinen Bändern an die Bindungen des Körpers im Winterreich der Erstarrung, die ebenfalls Gedankenkonstrukte sind, deren Geheimnis man entdecken kann, um die Befreiung und Erlösung davon zu finden.

16. Wie auch auf der Tatze des Bären und auf Bragis (des göttlichen Dichters) Zunge, auf den Klauen des Wolfs und auf dem Schnabel des Adlers, auf blutigen Flügeln und am Ende der Brücke, auf der Handlung zur Erlösung und auf der Fußspur zur Heilung.

Auch darauf soll man die Gedankenrunen und deren Geheimnis erkennen: Die Tatze des Bären erinnert an die tätige Schöpferkraft im Reich der Natur, Bragis Zunge an die Göttergeschichten im Reich des Geistes, die Klauen des Wolfs an die Macht der Vergänglichkeit, der Schnabel des Adlers an die hungrige Begierde im Lebensbaum, die blutigen Flügel an die Verwundungen im Lebenskampf, und das Ende der Brücke an den Tod als Übergang. Die Handlungen zur Erlösung erinnern an das ganzheitliche Handeln und die Fußspur zur Heilung an den Weg der Einherier zur ganzheitlichen Vernunft, um die Wunden der Trennung in der Einheit und Ganzheit zu heilen.

17. Wie auch auf Glas und auf Gold und auf dem Heil der Menschen, im Wein und im Bier und auf dem Sitz des Willens, auf Gungnirs Spitze (von Odins Speer) und auf Granis Brust (dem Pferd Sigurds), auf dem Nagel der Norne und auf dem Schnabel der Eule.

Durchsichtiges Glas, reines Gold und friedliches Heil erinnern an die wahren Werte der damaligen Menschen und sind auch gedankliche Begriffe für die Wahrheit. Wein und Bier sind Symbole für die Illusion- und Schöpferkraft im Wasser des Lebens. Der Sitz des Willens ist der gedankliche Verstand, und Gungnir, der „Wellende“, ist Odins Speer als göttlicher Wille. Seine Spitze symbolisiert die Einheit als Ziel des göttlichen Willens. Dieser Wille wirkt natürlich auch in Granis Brust, dem Körperpferd von Sigurd als „Sieg-Beschützer“. Der Nagel der Norne erinnert an den festgenagelten Zwang des Schicksals, und der Schnabel der Eule an das ergreifende Wesen der dunklen Nacht. Die Schnäbel von Adler und Eule als Raub- und Greifvögel des Tages und der Nacht könnten hier eine ähnliche Bedeutung haben, wie die Zähne von Sleipnir.

18. Alle Runen, die eingeritzt waren, wurden abgeschabt, mit heiligem Met vermischt und (wieder) auf weite Wege gesandt. Einige sind bei den Asen, einige bei den Alben, einige bei den weisen Wanen und einige haben die Menschen.

All diese magischen Zeichen auf den Formen der Natur sind natürlich vergänglich und verschwinden wieder, mit dem heiligen Met als Göttertrank der Ganzheit vermischt, um dann erneut im goldenen Ring der Erneuerung auf weiten Wegen zu erscheinen. So erscheinen sie in allen Welten: im geistigen Reich der heilsamen Götter und im natürlichen Reich der weisen Wanen, und dazwischen im Reich der Zwerge als Naturgeister der Gestaltung, sowie im Menschenreich von Midgard. Das Reich der Riesen fehlt in dieser Aufzählung, vermutlich, weil es so sehr zur Erstarrung neigt.

Die weisen Wanen erinnern an die Geschichte vom Wanenkrieg zwischen Geist und Natur als Einheit und Vielfalt am Anfang der Schöpfung, der in einem friedlichen Austausch von göttlicher Weisheit endete, so dass man nun in der geistigen Einheit die natürliche Vielfalt und in der natürlichen Vielfalt die geistige Einheit erkennen kann.

19. Das sind die Buchrunen, das sind die Geburtsrunen und alle Bierrunen und trefflichen Machtrunen. Wer sie unverfälscht und unverdorben zu seinem Heil verwenden kann, der nutze sie, wenn er sie gelernt hat, bis die Ratenden (mächtig Wissenden) untergehen.

So kann man die Zeichen und Botschaften der Natur wie ein Buch lesen, um deren Geheimnis zu ergründen. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Wahrheit und die Heilung aller Wunden der Trennung in der Einheit und Ganzheit. Ja, diese Möglichkeit des Lernens sollte man nutzen, solange die Schöpfung durch die Macht des Wissens besteht.

20. Und Sigrdrifa sprach weiter: Nun musst du wählen, da dir Wahl angeboten wird, du Baum scharfer Waffen: Sprechen oder Schweigen — erwäge es selbst in deinem Geist! Alles Unheil ist vorbestimmt (bzw. verursacht).

21. Sigurd antwortete: Ich werde nicht fliehen, auch wenn du weißt, dass mir der Tod bestimmt ist. Ich bin nicht zur Feigheit geboren. All deine liebevollen Ratschläge will ich annehmen, solange ich lebe.

Hier zeigt sich Sigrdrifa wieder als Walküre und stellt dem Verstand, der zum „Baum scharfer Waffen“ herangewachsen ist, die schicksalhaften Umstände zur Wahl. Denn sobald irgendwelches Wissen aus dem Meer der Ursachen in unser Bewusstsein kommt, beginnen die Ursachen, sich natürlich auszuwirken. Das ist die gewaltige Macht des Wissens.

Unsere Freiheit liegt nun darin, ob wir davor fliehen und somit die Wirkungen wieder verdrängen, oder ob wir sie annehmen und sich auswirken lassen. Das gelingt sicherlich am besten mit dem heilenden Geist der ganzheitlichen Vernunft, der die wahre Liebe kennt und alle „Ratschläge“ der Natur als Liebesbriefe lesen kann, um das schicksalhaft angesammelte Unheil zu heilen. Und dies ist möglich, wenn sich Geist und Natur in wahrer Liebe vereint haben.

22. Sigrdrifa sprach: Als Erstes rate ich dir, dass du gegenüber deinen Verwandten schuldlos bleibst. Übe nicht sogleich Rache, auch wenn sie sich schuldig machen. Denn man sagt, das nützt den Toten.

Das Verstandeskonzept der Schuld ist natürlich eine starke Quelle der Trennung und damit auch des Unheils in der Welt. Daraus entsteht schließlich auch die Vorstellung des Todes als Trennung vom Leben. Daher heißt es im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Das ist zugleich die Sicht der ganzheitlichen Vernunft, mit der man alle Geschöpfe als „seine Verwandten“ erkennen kann. Wer diese Verwandtschaft in der Einheit erkennt, muss Schuld nicht mehr durch Rache vergelten, sondern kann ihre Ursachen vergeben, sich auswirken und schließlich heilen lassen.

In dieser Hinsicht lässt sich auch die nachfolgende lange Geschichte von Sigurd und Gudrun besser verstehen, in der sich die ungelösten Ursachen von Schuld, Täuschung, Begierde, Hass und Rache entfalten, und es durch gegenseitige Schuldzuweisungen zahlreiche Tote gibt. Auch die weiteren Ratschläge von Sigrdrifa kann man dort wiederfinden und bedenken:

23. Als Zweites rate ich dir, keinen Eid zu schwören, wenn er nicht wahr ist. Bittere Fesseln erwarten den Treuebrecher, denn leidvoll ist der Wolf (die Vergänglichkeit) der Eide.

Welchen Eid kann man in dieser Welt schwören, wenn man die Wahrheit nicht kennt? Solche Eide werden zu leidvollen Bindungen, wie etwa das Treugelübde gegenüber dem eigenen Körper. Wenn sie nicht der Wahrheit entsprechen, sind sie notwendigerweise vergänglich. Wer dennoch an ihnen anhaftet, erzeugt daraus großes Leiden, wird zu einem Treuebrecher und verbannt sich selbst aus der ganzheitlichen Wahrheit in die eigenwillige Trennung.

24. Als Drittes rate ich dir, dich auf dem Thing nicht mit einem törichten Mann zu streiten. Denn ein unvernünftiger Mensch spricht oft unheilsamere Worte, als ihm bewusst ist.

Eine weitere große Quelle des Unheils ist der Streit mit den Worten und Begriffen des Verstandes, vor allem auf dem Thing, wo es um Gerechtigkeit und ums „Rechthaben“ geht. Wenn sich die Vernunft auf diese Ebene herablässt, auf der sich egoistische Einzelkämpfer um ihr vermeintliches „Recht“ streiten, verliert sie leicht ihre ganzheitliche Sicht.

25. Alles bleibt mangelhaft, wenn du schweigst. Dann scheinst du mit Feigheit geboren oder mit Recht beschuldigt zu sein. Gefährlich ist das Gerede der Leute, wenn man sich keinen guten Ruf verschafft. Lass am folgenden Tag seinen Lebensatem fahren, und vergilt so den Leuten die Lüge!

Ja, solange die ganzheitliche Vernunft schweigt, bleibt alles mangelhaft, weil die Vollkommenheit nicht verwirklicht werden kann. Doch wie wirkt die Vernunft? Zunächst ist sie nur eine ganzheitliche Sicht als Selbsterkenntnis. Damit ist zwar der große Sieg jenseits von Zeit und Raum bereits erreicht, denn die Vernunft selbst ist dieser Sieg, wie auch Sigurd der „Sieg-Beschützer“ ist. Doch praktisch muss die Selbstverwirklichung in Zeit und Raum mit Hilfe des Verstandes folgen. Darin zeigt sich dann die Wirkung und Wirklichkeit der Vernunft in der Welt, die sich über viele Generationen hinziehen kann und nur schwer zu verstehen ist. Denn die ganzheitliche Vernunft wirkt nicht als Einzelkämpfer in einem begrenzten Körper, sondern im Großen und Ganzen als Einheit von Geist und Natur. Hier kann man an die großartigen Geschichten von Jesus, Buddha, Krishna oder vielen anderen Heiligen denken.

In dieser Hinsicht sollte man auch den letzten Satz verstehen: Die Vernunft darf angesichts der Lüge nicht schweigen, sondern muss sie durch die Wahrheit im Laufe der Zeit, der Tage und der Leben überwinden. Der „Lebensatem“ des Lügners bezeichnet dann vor allem den Geist, der die Lüge ausspricht. Diesen lässt die Vernunft den Weg der Heilung gehen, damit sich die Wahrheit in der Ganzheit verwirklichen und das Mangelhafte heilen kann. Auf diese Weise vergilt die Vernunft die Lügen der Leute. So müssen sie selbst in Raum und Zeit die Wirkungen ihrer Worte, Gedanken und Taten erfahren, denn sonst ist kein Lernprozess möglich.

26. Als Viertes rate ich dir: Wenn eine unheil- und schuldvolle Zauberin am Weg wohnt, ist es besser, weiterzugehen, als bei ihr Herberge zu suchen, selbst wenn dich die Nacht überfällt.

Hier kann man an das Prinzip der Verkörperung in der Natur denken, die auf dem Weg des Geistes wie ein Zauber der Illusion erscheint. In ihr wirken jedoch das Unheil im Sinne von Trennung, sowie die Schuld angesammelter Ursachen, die überwunden werden wollen. Daher ist es besser, sich im Körper nicht allzu fest einzurichten und an ihm anzuhaften, sondern den geistigen Weg der Einherier weiterzugehen, auch wenn die Nacht des Todes droht.

27. Die Kämpfenden brauchen die weitsichtigen Augen Fornjots (des „Urriesen“ der Natur), wo immer sie zornig kämpfen müssen. Denn oft sitzen unheilkundige Zauberinnen am Weg, die Schwert und Geist stumpf machen.

Ja, für diesen Weg braucht man die weitsichtigen Augen der ganzheitlichen Vernunft aus dem Urgrund der Natur, wo immer man mit Gegensätzen kämpfen muss. Die Zauberinnen auf beiden Seiten des Weges verkörpern das gegensätzliche Wissen, das den Geist träge und das Schwert der Weisheit stumpf machen kann, sobald man parteiisch wird und an einer Seite der Gegensätze anhaftet. Dann wird man zum parteiischen Einzelkämpfer und verlässt die Einheit der Einherier.

28. Als Fünftes rate ich dir: Auch wenn du schöne Bräute auf den Bänken siehst, lass nicht das Silber der Verwandtschaft über deinen Schlaf bestimmen! Locke keine Frauen zum Kuss an!

Lass dich auch von den schönen sinnlichen Formen der Natur nicht verführen! Daraus entstehen schnell Begierde und Anhaftung. Dies ist nicht das Gold der Wahrheit, sondern das Silber des reflektierenden Verstandes, das dich in den Traum der Illusion verstrickt.

29. Als Sechstes rate ich dir: Auch wenn unter Männern beim Bier feindselige Worte fallen, sollst du dich betrunken nicht mit streitsüchtigen Menschen streiten. Denn vielen raubt der Wein den Verstand.

Der Bierrausch erinnert wieder an die zauberhafte Illusion, in der man zwar die Vielfalt der Natur sieht, sich aber ihrer geistigen Einheit nicht bewusst ist. Daraus entsteht der Streit der Gegensätze und der Einzelkämpfer.

Hinter diesem Rausch steht jedoch der edle Wein, den wir bereits als Symbol der Illusions- und Schöpferkraft kennengelernt haben, und der auch die einzige Nahrung von Odin als Schöpfergott ist. Wer sich der darin wirkenden Ganzheit und Gottheit bewusst wird, für den verwandelt sich dieser Wein gleichsam in den Met als Göttertrank der geistigen Einheit. Wer diese jedoch nicht erkennt, erlebt den edlen Wein nur als Bierrausch, der den Verstand in die natürliche Vielfalt der Trennung und Gegensätze hineinzieht. Und darin verliert er sich dann auch selbst.

30. Streit und Bier haben schon vielen Männern seelisches Leiden gebracht: manchen den Tod, manchen großes Unheil. Vieles ist es, was die Menschen betrübt.

Ja, darin liegt die Quelle des männlichen bzw. geistigen Leidens durch die Seele der Natur. Daraus entstehen die Vorstellungen des Todes und des Unheils durch die Trennung in der Vielfalt der Natur. Durch solche Vorstellungen des Verstandes wird der Geist der Menschen betrübt und das reine Bewusstsein der geistigen Einheit getrübt.

Doch auch dieses Leiden gehört zum Weg des Lernens durch weltliche Erfahrung. Gerade darin kann der Mensch die Ursachen seiner Trennung erkennen und schließlich die Heilung in der Ganzheit wiederfinden.

31. Als Siebentes rate ich dir: Wenn du mit einem mutigen Mann in Streit gerätst, ist es besser zu kämpfen, als im Haus mit allem Reichtum zu verbrennen.

So soll man nun auch in der äußeren Welt kämpfen, sich dabei aber bewusst bleiben, dass es ein Kampf unter mutigen Männern und damit vor allem ein geistiger Kampf ist. Er wird mit dem Verstand ausgetragen, der am besten unter der Führung der ganzheitlichen Vernunft stehen sollte.

Das Ziel besteht nicht darin, sich in das Körperhaus zurückzuziehen und dort mit allem Reichtum verbrannt zu werden. Denn wie wir im vorherigen Lied gelesen haben, gehören zum Goldschatz der Wahrheit auch der goldene Ägis-Helm der Lebensform, die goldene Brünne der äußeren Gestaltung und das Schwert der Weisheit, mit denen man in der Welt als Einherier kämpfen sollte.

32. Als Achtes rate ich dir, dich vor Untaten zu hüten und Täuschung zu vermeiden. Verführe weder Jungfrauen noch Ehefrauen und reize sie nicht zur Lüsternheit!

Auch wenn man wie Sigurd nach seinen bisherigen Siegen die ganzheitliche Macht dazu hat, sollte man sich davor hüten, gegen die gesellschaftliche Ordnung zu verstoßen. Selbst wenn man erkannt hat, dass diese Welt durch die Macht der Illusion besteht, sollte man diese Macht nicht eigenwillig für persönliche Zwecke missbrauchen. Das ist nicht der Weg der Einherier.

33. Als Neuntes rate ich dir, die Toten zu bestatten, wo immer du sie auf Erden findest, seien es an Krankheit, im Meer oder durch Waffen gestorbene Menschen.

34. Ein Bad soll man denen bereiten, die gestorben sind, Hände und Kopf waschen, sie kämmen und trocknen, bevor sie in den Sarg kommen, und sie bitten, selig und heilsam zu schlafen.

Auch hier kann man zuerst daran denken, dass Sigurd auch weiterhin die gewöhnlichen Totenriten in der menschlichen Gesellschaft beachten soll. Darüber hinaus kann man nachdenken, wie die ganzheitliche Vernunft, die Geist und Natur als Einheit erkennt, mit den Toten umgehen sollte, die der Verstand in der irdischen Welt findet.

Die Natur sagt, man soll sie „bestatten“, das heißt, ihnen eine Stätte in der Welt geben. Im altnordischen Text steht hier „bjarga“, das wir bereits in Vers 9 als „bjargrúnar“ kennengelernt und dort im Sinne des Bergens und Entbindens mit „Geburtsrunen“ übersetzt haben. Das heißt also im Grunde: Die Vernunft soll die Toten nicht irgendwo vergehen und enden lassen, sondern im Ganzheitlichen bergen, retten und in den goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration zurückführen.

Dazu soll man die Gestorbenen reinigen, vor allem ihre Hände als Symbol ihrer Taten und die Köpfe als Symbol ihrer Gedanken, die dann auch gekämmt und getrocknet werden. Der Sarg erinnert hier manche Forscher an einen christlichen Einfluss des üblichen Sargbegräbnisses. Im altnordischen Quelltext steht dafür das Wort „kista“ für „Kiste“ oder „Kasten“. Ähnlich wird auch das Wort „lúðr“ im Sinne von „Mahlkasten“ oder „Totenlade“ verwendet, das gewöhnlich als „Schiff“ oder „Arche“ gedeutet wird (wie z.B. im „Lied von Wafthrudnir“, Vers 35). In dieser Hinsicht kann diese „Kiste“ auch an eine Schiffsbestattung erinnern, wie sie zum Tod von Balder beschrieben wurde.

Im Prinzip geht es natürlich darum, körperlich und geistig in den Kreislauf der Natur zurückzukehren, was man sich auch in einem begrabenen Sarg vorstellen kann. So ist der Tod kein endgültiges Ende, sondern ein Übergang, ein Schlaf, der selig und heilsam sein soll, damit man daraus gereinigt und mit neuer Kraft auf dem Weg der Heilung wieder erwachen kann — am besten als Einherier im Heer der Einheit.

35. Als Zehntes rate ich dir, niemals den Versprechen eines Wolfssprosses zu trauen, wenn du seinen Bruder erschlagen oder seinen Vater gefällt hast: Ein Wolf steckt im jungen Sohn, auch wenn man ihn mit Gold erfreut.

Auch hier kann man über die Vorstellung des Todes nachdenken und darüber, wie sich diese als „Wolf“ über die Generationen vererbt. Den Wolf haben wir bereits als Symbol der Vergänglichkeit kennengelernt. Das große Problem ist: Wer an den Tod als endgültiges Ende glaubt, wird immer wieder töten und meinen, damit auch seine Probleme beseitigen zu können. Solange dieses Konzept im Verstand festsitzt, nützt auch das ganze Gold der Wahrheit nichts. Hier kann man an den Anfang dieser drei tiefsinnigen Lieder denken, als die Götter den Tod von Otter mit dem Gold der Wahrheit aufwiegen wollten.

36. Streit und Hass, glaube nicht, dass sie schlafen, und ebenso wenig der Kummer! Verstand und Waffen muss ein Fürst führen, der unter den Menschen der Erste sein soll.

Ja, so kann man auch Streit und Hass nicht einfach töten. Wenn überhaupt, dann schlafen sie nur kurz, wie auch der Kummer des angesammelten Leidens. Denn hinter ihnen stehen Ursachen, die sich auswirken wollen. Und das passiert am besten, ohne dabei immer neue Ursachen anzusammeln. Dafür sollten der Verstand und seine Waffen von der ganzheitlichen Vernunft geführt werden, die unter den Menschen die Erste sein soll. Ähnlich wird auch Sigurd in anderen Liedern als der Erste und Mächtigste unter den Menschen bezeichnet.

37. Als Elftes rate ich dir, dass du beim Unheil siehst, welchen Weg es nimmt. Ein langes Leben sehe ich für den Fürsten voraus, doch mächtige Streitigkeiten haben sich erhoben.
(Sigrdrífumál nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

Damit endet hier die Belehrung der Natur als „Sieg-Treiberin“. Und dafür ist wohl auch die Natur mit ihren Gesetzen von Ursache und Wirkung da, damit der Verstand in Raum und Zeit die Zusammenhänge erkennen kann, wie Unheil und auch Heil entstehen und welchen Weg sie nehmen. Dafür wird der „Sieg-Beschützer“ als Prinzip der ganzheitlichen Vernunft so lange leben, wie die Schöpfung lebt, auch wenn seine Verkörperungen vergänglich sind.

Gleichzeitig endet hier auch dieses Lied von Sigurd und Sigrdrifa. Wir können uns gut vorstellen, wie nach dieser Erweckung von Sigrdrifa als göttlicher Walküre und Wesen der ganzheitlichen Natur sowie durch ihre Vereinigung mit Sigurd als Wesen des ganzheitlichen Geistes gleichsam die natürlichen Umstände für die weitere Geschichte geboren wurden. Und darin erheben sich dann die „mächtigen Streitigkeiten“, um erkannt und gelöst zu werden.

Was in Sigrdrifa noch vereint war, trennt sich wieder als Vielfalt der Natur in viele körperliche Gestaltungen, die wir dann als Menschen in verschiedenen Familien über viele Generationen hinweg kennenlernen werden. Die beiden Hauptaspekte von Sigrdrifa als Wesen der Natur können wir in den anfangs beschriebenen Symbolen von Helm und Brünne bezüglich der inneren und äußeren Natur wiederfinden. Das Horn mit dem Met als Göttertrank der Ganzheit reichte vor allem die innere und ganzheitliche Seele der Natur, während die Runengeheimnisse und Ratschläge zum Handeln mehr von der äußeren, vielfältigen Natur erklärt wurden.

So ziehen sich diese Symbole von Helm und Brünne, die auch zum Goldschatz gehören, weiterhin durch die lange Geschichte. In der deutschen Nibelungensage kann man diese beiden Aspekte der Natur als Kriemhild und Brünhild wiederfinden, nämlich die „unter dem Helm kämpft“ und die „mit der Brünne kämpft“. Zwischen ihnen erhebt sich dann auch der mächtige Streit zwischen innerer und äußerer Natur, zwischen Einheit und Vielfalt. Und eine ähnliche Geschichte wird nun in der nordischen Überlieferung des Nibelungenstoffes zwischen Gudrun, der Tochter von Grimhild und Gjuki, und Brynhild, der Tochter Budlis, erzählt.

So haben die drei letzten Lieder auf geniale Weise die Voraussetzungen dargelegt, um die uralte Nibelungensage auch aus geistiger Sicht zu verstehen. Daher haben wir auch versucht, sie so ausführlich wie möglich zu deuten.

Leider ist gerade an dieser entscheidenden Stelle ein längerer Text in der Handschrift des Codex Regius verlorengegangen ist. Sie bricht nach dem Beginn des sechsten Rates ab, und danach fehlen acht Blätter. Die restlichen Ratschläge wurden aus anderen Handschriften ergänzt, die offenbar nur die Belehrung abgeschrieben hatten. Damit ist anzunehmen, dass diese Belehrung mit dem elften Rat endete. Das macht eigentlich auch Sinn, denn die Zwölf als Zahl der Ganzheit ist den Göttern vorenthalten. Die äußere Natur sollte stets etwas unvollkommen bleiben, damit eine Entwicklung möglich ist.

So ist vermutlich in der Handschrift nur ein kurzer Prosatext zum Abschluss verlorengegangen. Nach der Wölsung-Sage und Karl Simrock könnte man sich folgende Schlussprosa vorstellen:

Sigurd sprach: „Keine weisere Frau ist zu finden als du. Und das schwöre ich, dass ich dich haben will, denn du bist nach meinem Sinn.“ Sie antwortete: „Auch ich will dich und keinen anderen, selbst wenn ich unter allen Männern wählen könnte.“ Und dies beschlossen sie mit Eiden untereinander. (Völsunga saga §21 nach Karl Simrock, der sich in der Schlussprosa darauf bezieht)

Und diese Eide waren sicherlich wahrhaft. So kann man zum Abschluss noch die vieldiskutierte Frage stellen: Ist Sigrdrifa mit Brynhild identisch? Aus geistiger Sicht wäre zu antworten: Ja und nein. Sigrdrifa wird eindeutig als Walküre beschrieben, also ein göttliches Wesen der ganzheitlichen Natur. Damit kann sie natürlich auch äußerliche Formen annehmen und als Brynhild erscheinen. Gleichzeitig ist sie aber auch das Wesen von Grimhild und vor allem von Gudrun, der „Gott-Rune“. So sagt auch Brynhild selbst in „Brynhilds Helfahrt“, Vers 7: “In den widerhallenden Tälern nannten mich alle, die mich kannten: Hild unter dem Helm.“ — Mit dieser ganzheitlichen Sicht von Geist und Natur tut sich vor allem die Wölsung-Sage schwer. Sie versucht, die unterschiedlichen Lieder und Überlieferungen durch zahlreiche Veränderungen und Zusätze zu einer menschlich-weltlichen Lebensgeschichte zusammenzufügen, wobei viel geistige Tiefe verlorengeht. So macht sie aus Sigrdrifa durchgängig eine menschliche Brynhild und muss daher erzählerische Winkelzüge erfinden, wie Grimhilds Vergessenheitstrank für Sigurd, damit dieser dann ihre Tochter Gudrun heiratet.


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