Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Die nordische Nibelungensage der Edda

Eine Zusammenfassung der nordischen Überlieferung von Sigurd und den Nibelungen gibt uns Snorri Sturluson in seinem Skaldenbuch, wo er zahlreiche Umschreibungen, sogenannte „Kennings“, für das Gold erklärt. Aus geistiger Sicht kann man darin über die vielfältigen Formen nachdenken, die das Gold der Wahrheit annehmen kann:

32. Wie soll man Gold umschreiben? — Indem man es das Feuer Ägirs (des Meeres) nennt oder das Laub von Glasir (ein „glänzender“ Baum in Asgard mit goldenen Blättern), das Haar von Sif, das Stirnband von Fulla, die Tränen von Freya, die Mundrede, Stimme und Worte der Riesen, die Tropfen von Draupnir sowie Regen oder Schauer von Draupnir und den Augen Freyas (die goldenen Tränen, die sie um Odr, ihren Mann als Lebensgeist und Vernunft weint), die Otterbuße und das Lösegeld der Asen, die Saat der Fyrisfelder (das von Hrolf Kraki auf der Flucht ausgestreute Gold), das Hügeldach Hölgis (sein Grabhügel aus abwechselnden Schichten von Gold, Silber und Erde), das Feuer aller Gewässer und der Hand (des Geistes), wie auch Steine, Klippen oder Glanz der Hand (der Natur).

Ab Absatz 39 erzählt Snorri zunächst kurzgefasst und nur mit wenigen Änderungen, was wir in den drei letzten Liedern bereits gelesen haben. Wer möchte, kann es als Erinnerung noch einmal lesen:

39. Aus welchem Grund wird das Gold Otterbuße genannt? — Es wird erzählt, dass die Asen Odin, Loki und Hönir aufbrachen, um die Welt zu erforschen. Sie gelangten an einen Fluss und gingen an ihm entlang bis zu einem Wasserfall. Dort war ein Otter, der im Wasserfall einen Lachs gefangen hatte, den er mit blinzelnden Augen (unachtsam dösend) aß. Da hob Loki einen Stein auf, warf ihn nach dem Otter und traf ihn am Kopf. Loki rühmte seine Jagdbeute, denn er hatte mit einem einzigen Schlag einen Otter und einen Lachs erjagt. Daraufhin nahmen sie Lachs und Otter mit sich.

So kamen sie zu einem Gehöft und gingen hinein. Der Bauer, der dort wohnte, wurde Hreidmar („Nest-Ruhm“) genannt. Er war sehr stark und überaus zauberkundig. Die Asen baten um ein Nachtlager und sagten, sie hätten genügend Nahrung dabei, und zeigten dem Bauer ihre Beute. Aber als Hreidmar den Otter sah, rief er seine Söhne, Fafnir („Umklammerung/Greif“) und Regin („Berater, mächtig Wissender“), und sagte, dass ihr Bruder Otter („Inspiration, Vernunft“) erschlagen worden sei und auch, wer dies getan habe. Da gingen Vater und Söhne sofort auf die Asen los, ergriffen sie, banden sie (nahmen Odins Speer und Lokis Schuhe in Gewahrsam) und sagten, dass dieser Otter ein Sohn Hreidmars gewesen war.

Die Asen boten ein Lösegeld für ihr Leben, so viel, wie Hreidmar selbst fordern wollte. So wurde es mit ihm vereinbart und durch Eide bekräftigt. Daraufhin wurde der Otter gehäutet. Hreidmar nahm den Otterbalg und sagte zu ihnen, sie sollten den Balg mit rotem Gold füllen und ganz umhüllen. Das sollte ihre Versöhnung sein.

Da sandte Odin Loki nach Schwarzalbenheim, und er kam zu dem Zwerg, der Andwari heißt („Gegenwärtigkeit, Achtsamkeit“). Er war als Fisch im Wasser, und Loki ergriff ihn mit den Händen. Er forderte von ihm als Lösegeld für sein Leben das ganze Gold, das er in seinem Felsen hatte. Und als sie in den Stein kamen, holte der Zwerg das gesamte Gold hervor, das er besaß. Das war ein sehr großer Schatz. Doch er verbarg schnell einen kleinen Goldring in seiner Hand. Loki sah es und forderte ihn auf, den Ring herauszugeben. Der Zwerg bat, ihm den Ring nicht wegzunehmen, denn er könne mit diesem Ring sein Gold wieder vermehren, wenn er ihn behalten dürfe. Doch Loki erwiderte, er solle nicht einen Pfennig zurückbehalten, nahm ihm den Ring und ging hinaus. Daraufhin sprach der Zwerg, dass der Ring jedem den Tod bringen solle, der ihn besäße. Loki sagte, dies erscheine ihm gut, und sprach, diese Prophezeiung gelte, vorausgesetzt, er selbst bringe sie denen zu Ohren, die den Ring in Besitz nehmen.

Hier zeigen sich einige Änderungen gegenüber dem „Lied von Regin“. Dort fing Loki den Zwerg Anwari als Hecht im Wasserfall mit dem Netz der Ran. Dagegen hebt Snorri hier die Rolle von Loki in der Weitergabe der Prophezeiung hervor, dass dieser goldene Ring (der Erneuerung) jeden den Tod bringt, der ihn besitzen will. Aus geistiger Sicht macht dies auch Sinn, denn Loki sorgt nun als Gegenwirkung zum egoistischen Besitzstreben dafür, dass uns die Vergänglichkeit jeglichen Besitzes „zu Ohren“ kommt, und wir daraus lernen können. So kann man darin einen Fluch, aber auch einen Segen sehen.

Er ging fort, kam zu Hreidmar und zeigte Odin das Gold. Als dieser den Ring sah, erschien er ihm schön, und er nahm ihn vom Schatz. Das übrige Gold übergab er Hreidmar. Der füllte den Otterbalg so dicht, wie er konnte, und stellte ihn auf, als er voll war. Danach kam Odin, um den Balg mit Gold zu umhüllen, und bat Hreidmar, er solle prüfen, ob er auch ganz umhüllt sei. Doch der schaute ihn ganz genau an und erblickte noch ein Barthaar. Er verlangte, es zu bedecken, sonst gelte der Frieden nicht. Da zog Odin den Ring hervor, bedeckte das Barthaar damit und sagte, nun seien sie von der Otterbuße befreit.

Doch als Odin seinen Speer ergriffen hatte und Loki seine Schuhe, und sie sich nicht länger fürchten mussten, da sagte Loki, es solle gelten, was Andwari gesprochen habe: Dieser Ring und das Gold sollten ihrem Besitzer den Tod bringen, und das solle von nun an wirken. — Darum heißt das Gold Otterbuße und der Asen Lösegeld.

40. Was ist weiter über das Gold zu erzählen? — Nachdem Hreidmar das Gold als Sohnesbuße empfangen hatte, forderten Fafnir und Regin davon ihren Anteil als Bruderbuße. Doch Hreidmar gönnte ihnen keinen einzigen Pfennig vom Gold. Da fassten die Brüder den unheilvollen Beschluss, ihren Vater um des Goldes willen zu töten. Als das geschehen war, verlangte Regin, dass Fafnir das Gold mit ihm in zwei Hälften teilen sollte. Doch Fafnir erwiderte, es sei kaum zu erwarten, dass er das Gold mit seinem Bruder teilen werde, nachdem er seinen Vater um des Goldes willen getötet habe. Und er forderte Regin auf, fortzugehen, sonst werde es ihm wie Hreidmar ergehen.

Fafnir nahm den Helm, den Hreidmar besessen hatte, und setzte ihn sich auf den Kopf. Er wurde Ägis-Helm genannt, und alle Lebewesen fürchten sich, wenn sie ihn sehen. Auch nahm er sich das Schwert, das Hrotti („Gewalt“) heißt. Regin besaß dagegen das Schwert namens Refill („Wandbehang, Gewebe“). Er floh davon, aber Fafnir zog hinauf zur Gnitaheide („Geröll-Heide“) und machte sich dort ein Lager. Er nahm die Gestalt einer Schlange (bzw. eines Drachens) an und legte sich auf das Gold.

Regin jedoch fuhr zu König Hjalprek („hilfreicher Herrscher“) nach Thjod („Menschenvolk“) und wurde dessen Schmied. Dort nahm er Sigurd in Pflege, den Sohn von Sigmund, dem Sohn von Wölsung, und der Hjördis („Schwert-Dise“), der Tochter von Eylimi („Heilzweig“).

Sigurd war unter allen Heerkönigen der hervorragendste an Herkunft, Kraft und Mut. Regin erzählte ihm, wo Fafnir auf dem Gold lag, und reizte ihn, das Gold zu gewinnen. Dann schmiedete Regin das Schwert, das Gram („Grimm“) heißt. Es war so scharf, dass Sigurd es in fließendes Wasser hielt und eine Wollflocke in zwei Teile schnitt, die in der Strömung gegen die Schneide trieb. Daraufhin spaltete Sigurd mit diesem Schwert Regins Amboss von oben bis zum Holzboden.

Danach zogen Sigurd und Regin zur Gnitaheide. Dort grub Sigurd auf dem Weg Fafnirs eine Grube aus und setzte sich hinein. Und als Fafnir zum Wasser kroch und über die Grube kam, da stieß Sigurd das Schwert durch ihn hindurch, und das wurde sein Tod.

Da trat Regin hinzu und sagte, er habe seinen Bruder getötet, und er bot ihm als Versöhnung an, er solle Fafnirs Herz nehmen und am Feuer braten. Aber Regin beugte sich nieder, trank Fafnirs Blut und legte sich schlafen.

Als Sigurd das Herz briet und meinte, es werde wohl durchgebraten sein, da berührte er es mit dem Finger, um zu prüfen, wie hart es sei. Aber als der Saft aus dem Herzen auf den Finger lief, verbrannte er sich und er steckte sich den Finger in den Mund. Als das Herzblut auf seine Zunge kam, da verstand er die Sprache der Vögel und begriff, was die Meisen sagten, die im Baum saßen.

Die Erste sprach: Dort sitzt Sigurd, mit Blut befleckt, und brät Fafnirs Herz am Feuer. Weise schien mir der Spender der Ringe, wenn er selbst den glänzenden Lebensmuskel äße.

Und die zweite Meise sprach: Dort liegt Regin, beratschlagt sich, und will den Jüngling verraten, der ihm vertraut. Aus Zorn sinnt er üble Gedanken, der Schmied des Unheils will seinen Bruder rächen.

Da ging Sigurd zu Regin und erschlug ihn. Danach ging er zu seinem Pferd, das Grani heißt, und ritt, bis er zu Fafnirs Lager kam. Da nahm er das Gold, verschnürte es zu Traglasten, band es auf Granis Rücken, stieg selbst auf und ritt seines Weges.

Nun ist erzählt, nach welcher Geschichte das Gold „Lager oder Wohnstätte Fafnirs“, „Metall der Gnitaheide“ oder „Last Granis“ genannt wird.

41. Dann ritt Sigurd dorthin, wo er auf einem Berg ein Haus fand. Darin schlief eine Frau, und diese trug Helm und Brünne. Er nahm das Schwert und schnitt ihr die Brünne ab. Da erwachte sie und nannte sich Hild („Kampf“). Sie wird auch Brynhild genannt und war eine Walküre.

Hier beginnt nun die nordische Version der Nibelungengeschichte im verhängnisvollen Spiel zwischen den beiden Familien von Gjuki und Budli. Damit ändert sich gewissermaßen auch das symbolische Spielbrett vom Lebensbaum mit den neun Welten zur Umgebung des Rheins als Fluss des Lebens. Das Quellgebiet kann man sich im Süden in den Alpen vorstellen, wo nun auch die Zwerge von Albheim als Naturgeister der Gestaltung zu Hause sind. Dort könnte man auch den „Berg der Hirschkühe“ sehen, wo Sigrdrifa erweckt wurde. Die Mündung des Flusses führt in die Nordsee zurück ins Meer der Ursachen. Dazwischen liegt Burgund als „Kampf-Burg“, das hier das Menschenreich von Gjuki ist, ähnlich wie Midgard. Die beiden Seiten des Rheins kann man symbolisch wiederum als Geist und Natur betrachten, ähnlich den beiden Seiten im Lebens- und Weltenbaum. Westlich liegt das Franken-Reich von Sigmund, wo nun Gudrun und Sigurd als Vernunft herrschen sollten. Östlich liegt das Hunnen-Reich von Budli, wo Brynhild und Gunnar als Verstand unter Führung der Vernunft herrschen sollten.

Sigurd ritt von dort weiter und kam zu dem König, der Gjuki hieß (der „Begabte und Gebende“). Dessen Frau hieß Grimhild (die „unter dem Helm kämpft“). Ihre Kinder waren Gunnar („Kämpfer“), Högni („Hüter der Abgrenzung“), Gudrun („Gott-Rune“) und Gudny („Gott-Neu“). Gotthormr („Gott-Ehrer“) war Gjukis Stiefsohn. Dort verweilte Sigurd lange Zeit. Gudrun, Gjukis Tochter, wurde seine Frau. Gunnar und Högni schworen mit Sigurd Blutsbrüderschaft.

Danach zogen Sigurd und die Söhne Gjukis zu Atli, dem Sohn von Budli („Gerichtsdiener“), um für Gunnar um seine Schwester Brynhild zu werben. Sie wohnte auf dem Hindarfjall („Berg der Hirschkühe“), und um ihre Halle war ein Feuerwall. Denn sie hatte das Gelübde abgelegt, nur den Mann zu heiraten, der es wagte, durch den Feuerwall zu reiten.

Da ritten Sigurd und die Gjukis, die auch Niflungen (Nibelungen) genannt werden, hinauf auf den Berg, und Gunnar sollte durch den Feuerwall reiten. Er hatte das Pferd, das Goti („Gote“) heißt, aber dieses Pferd wagte nicht, in das Feuer zu laufen. Darauf tauschten Sigurd und Gunnar ihre Gestalten und Namen, denn Grani wollte unter keinem anderen Mann gehen als unter Sigurd. Der saß auf und ritt durch den Feuerwall.

Noch an diesem Abend hielt er mit Brynhild Hochzeit. Als sie sich aber ins Bett legten, zog er das Schwert Gram aus der Scheide und legte es zwischen sie. Nachdem er am Morgen aufgestanden war und sich angekleidet hatte, gab er Brynhild als Brautgabe den Goldring, den Loki von Andwari genommen hatte, und nahm von ihrer Hand einen anderen Ring zum Andenken. Dann stieg Sigurd auf sein Pferd und ritt zu seinen Gefährten. Gunnar und er wechselten wieder die Gestalt, und sie zogen mit Brynhild heim zu Gjuki. Sigurd hatte mit Gudrun zwei Kinder, Sigmund („Sieg-Beschützer“) und Swanhild („Schwan-Kämpferin“).

Die deutsche Version der Nibelungensage haben wir bereits auf unserer Internetseite „Die geistige Botschaft unserer alten Märchen“ ausführlich untersucht und gedeutet. Der zugrunde liegende Sagenstoff scheint damals weit gewandert zu sein. So ist es verständlich, dass die Namen entsprechend angepasst wurden. Schwerer lässt sich erklären, warum sich auch die Handlung an vielen Stellen so stark verändert hat, denn bereits die Frage nach dem ursprünglichen Kern der Sage ist unklar.

Was man aber auch hier wiederfinden kann, ist die geistige Botschaft, die ursprünglich wohl das Wichtigste an dieser Sage war, so dass sie auch in den letzten drei Liedern über Regin, Fafnir und Sigrdrifa auf geniale Weise aus Sicht des altnordischen Weltbildes dargelegt wurde. Leider sind ab hier in den alten Handschriften offenbar mehrere Lieder über Sigurds und Gunnars Hochzeit sowie über den Tod von Sigurd verlorengegangen, so dass wir uns zunächst auf Nacherzählungen stützen müssen, wie diese hier von Snorri.

Aus geistiger Sicht finden wir auch hier einen genialen Anfang. In der Familie von Gjuki und Grimhild kann man wiederum das innere Wesen eines vernunftbegabten Menschen erkennen. Dieser Mensch erinnert im Prinzip an Hreidmar mit seinen drei Söhnen und zwei Töchtern. Darauf aufbauend wird nun offenbar dieselbe geistige Struktur auf einer anderen Bewusstseinsebene dargestellt und mit der überlieferten Nibelungengeschichte verbunden.

Grimhild wird hier zur Ehefrau von Gjuki, des „Begabten und Gebenden“. Damit ist offenbar ein „vernunftbegabter“ Mensch gemeint, nämlich mit Gotthormr begabt. Sein Name lässt sich als „Gott-Ehrer“ deuten und als ganzheitliche Vernunft betrachten, ähnlich wie Otter ein Sohn von Hreidmar war. Er wird als Stiefsohn bezeichnet, und man könnte sich symbolisch Gott selbst als Vater vorstellen, der ihn mit Grimhild gezeugt hatte, so dass daraus ein „vernunftbegabter“ Mensch entstand, der zumindest die Anlage zur ganzheitlichen Vernunft in sich hat.

Grimhild wäre dann die Allseele und damit im Grunde auch die Allmutter der Natur. Ihr Name lässt sich als „Masken-Kämpferin“ oder als „die unter dem Helm Kämpfende“ verstehen. So wirkt sie als Seele und Prinzip der Verursachung unter der Maske beziehungsweise dem Helm der vergänglichen Lebensformen. Ähnlich wurde aus männlicher bzw. geistiger Sicht auch Grimnir als der „Maskierte“ beschrieben, hintern dem sich der Allvater und Schöpfergott verbarg.

Eine ähnliche Bedeutung wie Grimhild hat offenbar auch Gudrun als „Gott-Rune“ und „göttliches Geheimnis“, die dann die Seele des vernunftbegabten Menschen ist und als ganzheitliche Seele wie ihre Mutter erkannt werden sollte. Daher ist es folgerichtig, dass sich Sigurd als ganzheitliche Vernunft mit ihr vermählt und vereint. Dazu hatte ihm Sigrdrifa auch die Geheimnisse der Runen offenbart. So zeugte Sigurd mit Gudrun wiederum ein Kinderpaar, nämlich erneut einen Sigmund als „Sieg-Beschützer“, der den Weg der Einherier fortführen soll, und eine Swanhild als „Schwan-Kämpferin“, die an die reinweißen Schwäne auf dem Schicksalsbrunnen erinnert, wo die Götter Gericht halten. Darin könnte man ein reines und göttliches Schicksal erkennen, welches man mit Vernunft annehmen und sich mit wahrer Liebe auswirken lassen kann. Mit dieser reinen Bewusstheit hätte wohl auch Otter den Lachs verzehren sollen.

So finden wir in Gotthormr, Sigurd und Sigmund drei Aspekte der ganzheitlichen Vernunft im Menschen, die man als Anlage, Wirksamkeit und Fortführung der Vernunft verstehen kann. Warum drei? Einerseits entsteht damit wieder ein „Wirkungsdreieck“. Andererseits kann man etwas Ganzheitliches nicht anders verstehen, weil es keine begreifbaren Grenzen hat. Daher wurde auch in den Göttergeschichten die eine ganzheitliche Gottheit durch die verschiedenen Aspekte der Götter erklärt.

Die zweite Tochter von Grimhild und Gjuki heißt Gudny. Ihr Name lässt sich als „Gott-Neu“ deuten und erinnert an den goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration in der äußeren Natur. Sie wird in den überlieferten Texten nicht weiter beschrieben. Im „Ersten Gudrunlied“ erscheint an ihrer Stelle eine Gullrönd als „Goldrand“, deren Name an die äußeren Formen des Goldes der Wahrheit erinnert. So könnte sie symbolisch die äußere körperliche Natur des Gjuki-Menschen bedeuten.

Die beiden Söhne von Gjuki und Grimhild werden hier Gunnar und Högni genannt und erinnern natürlich an Gunther und Hagen in der deutschen Nibelungensage. Man kann sie auch hier wiederum als Verstand und Ego deuten, die sich vor allem um das körperlich-formhafte Wesen des Menschen kümmern sollen. Darin gleichen sie den Brüdern Regin und Fafnir. Dass sie mit Sigurd zunächst die Treue der Blutsbrüderschaft schwören, ist ein gutes Zeichen. Denn solange sich der Ego-Verstand mit der Vernunft als Einheit betrachtet und sich ganzheitlich führen lässt, ist der Mensch auf dem heilsamen Weg der Einherier.

Auch die Hochzeit von Gunnar und Brynhild wird hier auf geniale Weise beschrieben: Der Verstand kann die äußere Natur nur mithilfe der ganzheitlichen Vernunft erobern, durchdringen und sich mit ihr vereinen. Denn erst die vernünftige Sicht des ganzheitlichen Lebens kann die scheinbar undurchdringliche Energiehülle der materiellen Natur überwinden und zu ihrem wahren und lebensfähigen Wesen vordringen. Dabei kann man erkennen, dass es vor allem der Verstand ist, der mit seiner Macht des Wissens bzw. der Information die begrifflichen Formen der vielfältigen Natur hervorbringt.

Dafür übergibt Sigurd den goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration an Brynhild als äußere Natur und empfängt von ihrer Hand ebenfalls einen Ring, den man als Ring der Einheit betrachten kann. Wunderbar! So kann man in der Einheit die Vielfalt und in der Vielfalt die Einheit erkennen. Damit befindet sich auch der menschliche Verstand auf dem heilsamen Weg zur Einheit und neigt sich mehr der ganzheitlichen Vernunft als dem trennenden Ego zu.

Der Ort dieser Hochzeit wurde wiederum an die Quelle vom Fluss des Lebens auf den „Berg der Hirschkühe“ gelegt, wo die äußerlichen Formen entstehen und wo Sigurd bereits Sigrdrifa gefunden und erweckt hatte. Auch dass die Vernunft in der Hochzeitsnacht das scharfe Schwert der Weisheit zwischen sich und die äußere Natur legt, ergibt Sinn, denn die reine Vernunft ist nicht dafür bestimmt, die äußere Natur unmittelbar zu befruchten. Diese Wirksamkeit ist die Aufgabe des begrifflichen Verstandes, der sich um die körperlich-begriffliche Außenwelt kümmert.

Die Edda beschreibt allerdings nirgendwo ein Kind von Gunnar und Brynhild. Es wäre aus geistiger Sicht erstaunlich, wenn gerade diese Ehe zwischen Verstand und äußerer Natur unfruchtbar geblieben wäre, zumal die Göttergeschichten den Mimir-Verstand am Brunnen der Schöpfung sehen. In der deutschen Nibelungensage haben Gunther und Brünhild einen Sohn namens Siegfried, der den späteren Untergang der Nibelungen überlebt. Snorri beschreibt dagegen nach dem Untergang der Gjukis eine Tochter namens Aslaug, um die Entwicklung des Menschengeschlechtes in einem neuen Sagenkreis fortzusetzen.

Ihr Name lässt sich von den „Asen“ ableiten und könnte „Gottgeweihte“ bedeuten. Im neuen Sagenkreis wird sie zwar als Tochter von Brynhild und Sigurd beschrieben, aber in der vorliegenden Geschichte kann eigentlich nur Gunnar mit Brynhild ein Kind gezeugt haben. Daher erlauben wird uns, hier in Aslaug eine Tochter von Gunnar und Brynhild zu sehen und im Stammbaum als mögliche Fortsetzung der Menschengeschichte einzubauen.

Denn hinter allem steht die große Frage: Was ist eigentlich der Unterscheid zwischen ganzheitlicher Vernunft und begrifflichem Verstand, zwischen Sigurd und Gunnar? Die äußerliche Gestaltwandlung, die zwischen Verstand und Vernunft beschrieben wird, kann man sich wieder unter dem Ägis-Helm der Lebensform vorstellen, wie in der deutschen Nibelungensage Siegfrieds Tarnkappe verwendet wird. Eine solche Verwandlung ist auch aus geistiger Sicht denkbar, denn beide sind im Grunde reines und formloses Bewusstsein, das verschiedene Formen annehmen kann. Daher konnte Sigurd im „Lied von Fafnir“ auch das gereinigte Wesen von Regin und Fafnir in sich aufnehmen.

So erinnern schließlich die beiden Pferde von Gunnar und Sigurd auch an zwei Arten der Verkörperungen: Entweder als verstand-geführter Einzelkämpfer oder als vernunft-geführter Einherier, der sich vor dem Feuer der Vernichtung nicht fürchtet. Der Name „Goti“ erinnert an die Goten als „gottbegabte“ Menschen, die ihre Begabung nutzen sollten, um Einherier zu werden. Sie werden auch „Nibelungen“ genannt, die „Nebelwesen“, die nach dem nordischen Weltbild körperlich in Niflheim aus dem Brunnen der Schlangen geboren werden. Während Grani aus Dänemark, dem Reich der Göttersöhne kommt und direkt von Sleipnir abstammt, dem Pferd Odins.

So gab es wohl in diesem vernunftbegabten Gjuki-Menschen eine wahrhaft goldene Zeit, die einige Jahre andauerte. Über solche heilsamen Zeiten wird gewöhnlich nicht viel berichtet, weil sie unserem Verstand zu wenig interessante Nahrung bieten. Doch dann brach wieder jene „mächtige Streitigkeit“ hervor, die Sigrdrifa angekündigt hatte, und stellte die Wahrhaftigkeit des Menschen auf die Probe:

Es geschah einmal, dass Brynhild und Gudrun zum Wasser gingen, um ihre Haare zu waschen. Als sie zum Fluss kamen, watete Brynhild vom Ufer aus hinein und sagte, sie wolle ihren Kopf nicht mit dem Wasser in Berührung bringen, das aus Gudruns Haar fließe, denn sie habe einen mutigeren und höher gesinnten Ehemann. Daraufhin ging Gudrun hinter ihr in den Fluss und antwortete, sie müsse nun ihr Haar weiter oben im Fluss waschen, weil sie den Mann zum Gemahl habe, dem weder Gunnar noch irgendein anderer in der Welt an Mut und hohem Sinn gleichkomme. Denn er habe Fafnir und Regin erschlagen und das Erbe der beiden erworben.

Darauf erwiderte Brynhild: „Mehr ist es wert, dass Gunnar durch den Feuerwall ritt, als es Sigurd nicht wagte.“ Da lachte Gudrun und sprach: „Glaubst du wirklich, dass Gunnar durch den Feuerwall ritt? Ich meine, dass derjenige zu dir ins Bett kam, der mir diesen Goldring schenkte. Aber der Goldring, den du an der Hand trägst und als Brautgabe empfangen hast, der wird Andwaris Gabe genannt, und ich glaube nicht, dass Gunnar ihn auf der Gnitaheide („Geröll-Heide“) gewann.“ Daraufhin schwieg Brynhild und ging heim.

Auch dies ist wieder eine geniale Symbolik, über die man viel nachdenken kann. Aus geistiger Sicht geht es hier um den Unterschied zwischen innerer und äußerer Natur, zwischen Einheit und Vielfalt. In der deutschen Nibelungensage eskalierte dieser Streit zwischen Kriemhild und Brünhild vor einer Kirche an der Frage, wer vor dem versammelten Volk das Vortrittsrecht habe. Das ist eine höchst wunderliche Frage vor einem Gotteshaus, das doch ein Tempel der Ganzheit und Einheit sein sollte.

Ähnlich eskaliert auch hier der Streit zwischen Gudrun und Brynhild. Die Haare haben wir schon öfters als Symbol der Gedanken kennengelernt, die aus dem Kopf wachsen und im Fluss der Schöpfung gereinigt werden können. Dafür sorgt sowohl die innere als auch die äußere Natur. Doch welche von beiden ist mächtiger und mit einem höheren Geist verbunden? Fließen die Gedanken aus der Einheit in die Vielfalt oder aus der Vielfalt in die Einheit?

Für Sigurd als ganzheitliche Vernunft ist diese Frage klar. Er erkennt Gudrun, Grimhild und Brynhild als verschiedene Aspekte derselben Ganzheit, die er bereits in Sigrdrifa entdeckt hatte. Ähnlich heißt es auch im buddhistischen Herz-Sutra:

Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.
Leerheit ist nichts anderes als Form,
Form ist nichts anderes als Leerheit.

Doch für den unterscheidenden Verstand ist diese Frage nur schwer zu beantworten. Denn sobald die äußere Natur den Vorrang beansprucht, antwortet die innere Natur mit dem Gegenanspruch. Das ist auch der gewöhnliche Weg unseres Verstandes, der zuerst in der Vielfalt der äußeren Formen aufwächst und sich dann zur Erkenntnis der inneren Einheit entwickeln kann. Entsprechend wird nun auch Gunnar durch Brynhild herausgefordert, ob er sich der ganzheitlichen Vernunft oder dem trennenden Ego zuneigt:

Danach stachelte sie Gunnar und Högni dazu an, Sigurd zu töten. Weil sie ihm aber durch Eide verbunden waren, hetzten sie ihren Bruder Gotthormr auf, Sigurd zu töten. Er durchbohrte ihn mit dem Schwert, während er schlief. Als Sigurd die Wunde empfing, warf er das Schwert Gram nach ihm, und das durchschnitt Gotthormr in der Mitte. So starben Sigurd und auch sein dreijähriger Sohn, der Sigmund hieß und den sie erschlugen. Danach durchbohrte sich Brynhild mit dem Schwert, und sie wurde gemeinsam mit Sigurd verbrannt. Aber Gunnar und Högni nahmen sich darauf Fafnirs Erbe und Andwaris Gabe, und sie herrschten über die Länder.

So zeigt Brynhild nun, wie wahrhaftig die Eide des Ego-Verstandes sind, wie es auch Sigrdrifa vorausgesagt hatte. Der Ego-Verstand fühlt sich von der ganzheitlichen Vernunft bedroht, will sie töten und sich nicht länger von ihr führen lassen. Gunnar und Högni können diese Tat jedoch nicht selbst vollbringen, denn das Teil kann die Ganzheit nicht töten. Deshalb hetzen sie ihren Bruder Gotthormr auf. Das heißt, sie verkehren die „Gott-Ehre“ der Vernunft, mit welcher der Mensch begabt wurde, in Gudormr als „Gott-Schlange“, wie es dann auch im nachfolgenden Fragment des Sigurd-Liedes noch ausführlicher beschrieben wird.

Dass Sigurd im Schlaf getötet wird, erinnert wiederum an das „Lied von Regin“, in dem Otter wegen seiner schläfrigen Unachtsamkeit vom göttlichen Loki erschlagen wurde. So kann sich die ganzheitliche Vernunft im Grunde nur selbst töten, wenn sie sich ihrer Ganzheit nicht mehr bewusst ist. Und eigentlich stirbt sie gar nicht, sondern verschwindet nur aus dem Bewusstseinsraum des Menschen, ebenso wie Gotthormr durch Sigurds Schwert.

Für diese Unachtsamkeit des Menschen hinsichtlich der Ganzheit und Gottheit ist vor allem der begriffliche Ego-Verstand verantwortlich. Und im Grunde ist es das trennende Ego, dass die vernünftige Sicht eines ganzheitlichen Lebens tötet, den Menschen zum Einzelkämpfer macht und sich damit schließlich auch selbst tötet.

Dass Gunnar und Högni auch den dreijährigen Sigmund töten, zeigt ihre Verantwortung besonders deutlich. Offenbar fürchten sie, dass der Sohn später den Vater rächen könnte, wie es Sigrdrifa vorausgesagt hatte, und damit die Vernunft erneut lebendig werden kann. So töten sie nicht nur die gegenwärtige Wirksamkeit der Vernunft in Sigurd, sondern auch ihre mögliche Fortführung in Sigmund.

Damit hatte offenbar auch Brynhild als ein Aspekt von Sigrdrifa ihre Aufgabe erfüllt. Sie tötet sich selbst und lässt sich zusammen mit Sigurd, Sigmund und Gotthormr, den drei Aspekten der Vernunft, auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wie es die Wölsung-Sage ausführlicher berichtet. Das ergibt Sinn, denn ohne ganzheitliche Vernunft verschwindet sogleich das Leben aus der äußeren Natur. Wie leider auch unsere moderne Naturwissenschaft die äußere Natur des Universums zu 99,999999… Prozent als tot betrachtet (Quelle: Harald Lesch) und kein ganzheitliches Leben erkennen kann. Schade!

Die Rolle von Högni als menschliches Ego bleibt allerdings auch in den anderen überlieferten Liedern der Edda schwer zu durchschauen — ähnlich wie bei jedem Menschen. Anfangs scheint Högni sogar die Interessen Sigurds zu vertreten und rät von der tödlichen Tat ab. Dann sagt er aber auch klar zu Gudrun: „Wir haben Sigurd mit dem Schwert getötet.“ Was Gunnar selbst nicht auszusprechen wagt.

Hier wird deutlich, dass es vor allem der Verstand ist, der das Ego im Menschen bildet, stärkt oder schwächt. Solange Gunnar der ganzheitlichen Vernunft folgt, bleibt auch Högni in die heilsame Ordnung eingebunden. Sobald sich aber Gunnar von Sigurd abwendet, tritt Högni als trennende Macht des Egos hervor. Die symbolische Verbindung zwischen Högni und dem Ego-Drachen Fafnir wird schließlich noch deutlicher, als auch ihm am Ende das Herz aus dem Leib geschnitten wird.

Entsprechend nehmen Gunnar und Högni nun Sigurds Goldschatz in Besitz, Fafnirs Erbe, das von Andwari als „Gegen-Wärtigkeit“ gegeben wurde. Hier kann man wieder an das reine Bewusstsein als Gold der Wahrheit denken, das jede Form annehmen kann. Doch was wird daraus, wenn es der Ego-Verstand ohne ganzheitliche Vernunft besitzen und nutzen will? Wird es Segen oder Fluch für den vernunftlosen Menschen sein?

König Atli („Väterchen“, aber auch der „Schreckliche“), Budlis Sohn und Brynhilds Bruder, erhielt daraufhin Gudrun zur Frau, die Sigurd gehabt hatte, und sie bekamen Kinder (Erp und Eitil). König Atli lud dann Gunnar und Högni zu sich ein, und sie folgten dieser Einladung. Aber bevor sie von zu Hause aufbrachen, verbargen sie das Gold des Fafnir-Erbes im Rhein, und dieses Gold hat man seitdem nicht wiedergefunden.

Aber König Atli hielt dort ein Heer bereit und kämpfte gegen Gunnar und Högni, bis sie gefangengenommen wurden. König Atli ließ Högni bei lebendigem Leib das Herz herausschneiden. Das wurde sein Tod. Gunnar ließ er in einen Schlangenhof werfen. Ihm wurde aber heimlich eine Harfe gegeben, und er spielte sie mit den Zehen, weil seine Hände gebunden waren. Er spielte die Harfe so, dass alle Schlangen einschliefen, außer einer Natter. Diese kroch zu ihm und biss ihn unterhalb des Brustbeins, dass sie mit dem Kopf in die Brusthöhle stieß. Dort hing sie an seine Leber, bis er daran starb.

Gunnar und Högni werden Niflungen und Gjukis genannt. Deshalb wird das Gold auch „Schatz der Niflungen“ oder „Erbe der Niflungen“ genannt.

Warum nun Gudrun König Atli heiratete, darüber hat man aus menschlicher Sicht viel nachgedacht und verschiedenste Geschichten erzählt. Aus geistiger Sicht geschieht dies eigentlich von selbst, nachdem der Mensch seine ganzheitliche Vernunft getötet hat. Denn dann kann er nicht mehr in der geistigen Einheit leben, sondern nur noch in der natürlichen Vielfalt auf der Naturseite des Lebensflusses. Entsprechend verbindet sich auch seine innere Seele als Prinzip der Verursachung mit der äußeren Natur. Und man kann sich vorstellen, wie Gudrun dadurch mehr vom Wesen ihrer Schwester Gudny annimmt, von der „göttlichen Erneuerung“ im goldenen Ring der natürlichen Regeneration.

Für die äußere Natur steht symbolisch die Familie von Budli im Hunnen-Reich. Der Name Budli lässt sich als „Gerichtsdiener“ deuten, was gut zur Aufgabe der äußeren Natur mit ihren Gesetzen von Ursache und Wirkung passt. So dient sie dem göttlichen Gericht, das die Götter täglich am Schicksalsbrunnen halten.

Budlis geistiger Sohn ist Atli. Sein Name kann als „Väterchen“ gedeutet werden, aber auch als „Schrecklicher“, wie er dem unvernünftigen Einzelkämpfer als feindlicher Geist der Natur erscheint — ein schrecklicher Vater, der doch eigentlich wohlwollend ist und seine Kinder mit göttlicher Gerechtigkeit erziehen will.

So müssen nun Högni und Gunnar als Ego-Verstand der menschlichen Seele in die äußere Natur folgen, die mit Brynhild für den menschlichen Verstand ihr Leben verloren hatte. Dadurch verbergen sie auch das Gold der Wahrheit als „Rheingold“ im Fluss des Lebens und müssen es dort zurücklassen, wo es der Mensch irgendwann wiederfinden kann. Der Geist dieser Natur empfängt sie entsprechend feindlich, und sie werden gefangen und gebunden, wie es schließlich jedem Einzelkämpfer in der Natur geht, um von seinem Wahn gereinigt zu werden.

Dazu wird dem Ego das Herz herausgeschnitten, sodass es das Wichtigste und Wesentlichste verliert, nämlich sein vermeintliches Eigentum, von dem das Ego lebt. So stirbt Högni, ähnlich wie Fafnir als Ego-Drache starb.

Der gebundene Verstand wird in der äußeren Natur in einen „Schlangenhof“ (Ormgarð) geworfen. Die Schlangen erinnern an die Gedanken der Trennung, mit denen er nun in seiner Welt der Gegensätze leben muss. Er hat nicht mehr die Freiheit, sie endgültig besiegen zu können, denn sein „Sieg-Beschützer“ ist tot. Die Harfe, die ihm „heimlich gegeben“ wurde, deutet wiederum auf eine göttliche Begabung. Sie erinnert an die Fähigkeit des Verstandes, seine Gedanken durch Ordnung und Harmonie zu beruhigen und gleichsam einzuschläfern. Aber ohne ganzheitliche Vernunft kann er sie nicht endgültig überwinden. Eine Natter bleibt jedoch immer wach, und damit könnte er selbst als unterscheidender Verstand gemeint sein, so dass er sich schließlich auch selbst seine Leber als Sitz der Lebenskraft zerstört und am Schlangengift der Trennung stirbt.

Damit stirbt der unvernünftige Mensch als verkörperter Ego-Verstand, doch seine Seele geht als Gudrun in der göttlichen Ganzheit weiter ihren Weg, denn das Problem ist noch lange nicht gelöst:

Wenig später tötete Gudrun ihre beiden Söhne und ließ aus ihren Schädeln mit Gold und Silber Trinkgefäße machen. Dann wurde die Totenfeier für die Niflungen abgehalten. Auf diesem Festmahl ließ Gudrun König Atli mit diesen Gefäßen Met einschenken, und der war mit dem Blut der Jungen gemischt. Ihre Herzen aber ließ sie braten und dem König zu essen geben. Und als dies geschehen war, sagte sie es ihm selbst mit vielen unschönen Worten.

Es fehlte nicht an berauschenden Getränken, sodass das meiste Volk, das dort saß, in Schlaf fiel. In dieser Nacht ging sie zum König, als er schlief, und mit ihr ein Sohn Högnis. Sie erschlugen ihn, und das war sein Tod. Daraufhin steckten sie die Halle in Brand, und alle, die darin waren, verbrannten.

Nun wird es dunkle Nacht, und der menschliche Einzelkämpfer geht den Weg des Todes aus Niflheim nach Niflhel. Alles scheint im finsteren Tod zu versinken. Eben zu dieser Totenfeier wurde wohl der Ego-Verstand von Atli eingeladen. Dazu tötet nun Gudrun als Seele der Verursachung sogar noch ihre beiden Söhne, die sie Atli geboren hatte, denn zum lebendigen Wirkungsdreieck fehlte offenbar noch der dritte.

Was bedeuten diese beiden männlichen bzw. geistigen Wesen? In anderen Quellen werden sie Erp und Eitil genannt. Die etymologische Bedeutung ist, wie so oft, nicht eindeutig. Man könnte an „Dunkel“ und „Hart“ denken, was wieder an das Formlose und Formhafte als die geistigen Prinzipien der formlosen Einheit und formhaften Vielfalt erinnert. Auch hier könnte man an die Verbindung von Gudrun mit ihrer Schwester Gudny in der äußeren Natur denken. In dieser Hinsicht hätte Gudrun Erp geboren und Gudny Eitil.

Entsprechend entstehen aus ihren Schädeln als Sitz des Verstandes auch zwei getrennte Trinkgefäße, mit dem Gold der formlosen Wahrheit und dem Silber der vielfältigen Formen geschmückt. Beide Gefäße enthalten den Met als Göttertrank der Ganzheit, aber jeweils vermischt mit dem Wesen der formlosen Einheit oder formhaften Vielfalt. König Atli trinkt aus beiden Gefäßen des Verstandes und isst auch die gebratenen Herzen als das Wesen seiner Söhne. Ähnlich hatte Sigurd das Herz Fafnirs gegessen und vom Blut Regins und Fafnirs getrunken. Doch hier ist wohl eine andere Bedeutung gemeint: Das Wesen der Söhne kehrt in den Vater zurück, und damit gibt es keine weitere Entwicklung mehr, sodass König Atli einschläft oder zumindest antriebslos wird. Sicherlich war diese Botschaft von Gudrun nicht schön, aber folgerichtig im Sinne der Verursachung. Denn ohne den ganzheitlichen Lebensgeist der Vernunft erstarren Einheit und Vielfalt zu bloßen Gegensätzen, die keine neue lebendige Entwicklung mehr hervorbringen können.

Ja, auf der menschlichen Ebene erscheint diese Symbolik ausgesprochen grausam. Daher wird Gudrun in vielen weiterführenden Liedern und Texten oft als grimmig-grausame Rächerin dargestellt, während Högni, in dem das eigentliche Übel des trennenden Egos liegt, gern als mutiger und standhafter Held verherrlicht wird. Doch im Grunde erfüllt Gudrun damit nur ihre Aufgabe als Seele der Verursachung. Das geschieht nicht aus eigenwilliger Bosheit, sondern als natürlich-notwendige Folge, wenn der Mensch mit seinem Ego-Verstand die göttliche Vernunft tötet, mit der er begabt wurde. Darin liegt die wirkliche Grausamkeit…

Nun kann man sich gut vorstellen, wie die beiden Trinkgefäße des Verstandes getrennt durch den Saal wandern. Aus dem Silbergefäß wird das berauschende Bier getrunken, wodurch das „meiste Volk in den Schlaf“ der traumhaften Illusion und Unbewusstheit fällt. Wer dagegen nur aus dem Goldgefäß trinkt und die formlose Einheit erkennt, bleibt zwar wach, aber kümmert sich nicht mehr um die vielfältigen Formen der Welt und sieht keinen Grund, das vernichtende Feuer zu verhindern. Hier kann man über die beiden Extreme von geistigem Nihilismus und materialistischen Eternalismus nachdenken. Zwischen beiden kreist der goldene Ring der Erneuerung, sofern man das Große und Ganze im lebendigen Licht der Vernunft betrachten kann. Andernfalls wird es Nacht…

In dieser „Nacht“ wird nun auch Atli getötet, der offenbar als Ehemann von Gudrun seine Aufgabe erfüllt hatte. Für den tödlichen Geist wird symbolisch der Sohn von Högni verwendet, womit vermutlich Högnis Herz und Wesen gemeint ist. Denn der trennende Ego-Geist ist natürlich auch ein tödlicher Geist. Dieser Sohn wird in anderen Quellen „Niflung“ genannt, was „Nebelwesen“ bedeutet. Und das ist auch der vernebelte Geist, der von Niflheim aus dem Schlangenbrunnen der Geburt nach Niflhel geht, um dort im Tod zu enden.

Entsprechend endet diese „Totenfeier“ für Geist und Körper des Nifl-Menschen mit einem gewaltigen Scheiterhaufen, in dem der ganze Saal als Bewusstseinsraum mitsamt seinem Inhalt verbrennt. So hat nun die Seele sowohl die geistige Einheit von Sigurd als auch die natürliche Vielfalt von Atli verloren. Ein verständlicher Grund, auch sich selbst zu vernichten und im Meer des Lebens versinken zu wollen:

Danach begab sie sich zum Meer, sprang ins Wasser und wollte sich töten. Doch sie wurde über den Fjord getrieben und kam in das Land, das König Jonak gehörte. Als er sie sah, nahm er sie zu sich und heiratete sie. Sie hatten drei Söhne, die Sörli, Hamdir und Erp genannt wurden. Sie alle hatten rabenschwarzes Haar, wie Gunnar, Högni und die anderen Niflungen.

Hier wird nun klar, dass die Seele der Verursachung nicht lange im Meer des Lebens untergehen kann, weil es auch ein Meer der Ursachen ist. Schon bald taucht sie wieder auf, um die angesammelten Probleme zu lösen, und wird in ein neues Land im Reich der Natur getrieben.

Die neuen Namen sind wiederum schwer zu deuten. Jonak könnte an einen „jungen Mann“ oder „jungen Kämpfer“ erinnern, also an einen neuen Menschengeist, der sich wieder mit der Seele der Verursachung verbindet. Aus geistiger Sicht könnte man an einen Nachkommen von Budli im Hunnen-Reich auf der Naturseite des Rheins als Fluss des Lebens denken. Ihre drei Söhne Sörli, Hamdir und Erp lassen sich sinngemäß als „in kleine Rüstung Gehüllter“, „Diener der Hülle“ und „Dunkler“ deuten. Damit erinnern sie erneut an die geistigen Kräfte von Högni, Gunnar und Gotthormr als Ego, Verstand und die noch dunkle Vernunft.

Auf diese Weise erscheint erneut ein lebendiges Wirkungsdreieck. Und man kann sich vorstellen, wie Erp, der scheinbar zur toten, formlosen Einheit wurde, als menschliche Begabung zur Vernunft wieder lebendig wird. So lebt hier im Prinzip auch Sigurds Sohn Sigmund weiter, denn wahre Vernunft ist unsterblich. Ähnlich erwachen auch Ego und Verstand aus dem Tod, wenn auch immer noch verdunkelt. Denn alle drei hatten „rabenschwarzes Haar“, das an die verdunkelten und vernebelten Gedanken der Niflungen erinnert. Doch es gibt auch einen Lichtblick des vernünftigen Schicksals:

Dort wuchs auch Swanhild auf, die Tochter des jungen Sigurd, und sie war die schönste aller Frauen. Davon erfuhr König Jörmunrek („allumfassender Herrscher“, Ermenrich), der Mächtige. Dieser entsandte seinen Sohn Randwer („Schildkämpfer“), um sie für ihn zu werben. Und als er zu Jonak kam, wurde ihm Swanhild anvertraut, um sie zu König Jörmunrek zu bringen.

Da meinte Jarl Bikki (des Königs Berater), dass es besser wäre, wenn Randwer Swanhild zur Frau bekäme, denn beide seien jung, Jörmunrek aber sei alt. Dieser Rat gefiel den jungen Leuten gut. Dies berichtet Bikki dem König. Daraufhin ließ Jörmunrek seinen Sohn ergreifen und zum Galgen führen. Randwer nahm seinen Falken, riss ihm alle Federn aus und bat darum, ihn seinem Vater zu senden. Dann wurde er gehängt.

Als Jörmunrek den Falken sah, erkannte er, dass seine Macht zu Ende ging, weil er alt und ohne Sohn war, so wie der Vogel ohne Federn nicht fliegen konnte. Als dann der König aus einem Wald von der Jagd kam, erblickte er Swanhild, wie sie beim Bleichen (Waschen und Kämmen) ihrer Haare saß. Da ritten sie über ihr hinweg und traten sie unter den Pferdehufen zu Tode.

Hier finden wir nun eine Kurzfassung der alten deutschen Sage von Kaiser Ermenrich wieder, die wir auf unseren Märchenseiten bereits ausführlich kennengelernt und interpretiert haben. Entsprechend kann man in König Jörmunrek als „allumfassenden Herrscher“ erneut die Vernunft eines Sigurds wiederfinden, die als Kaiser ganzheitlich herrschen sollte. So wäre es für den Menschen heilsam gewesen, wenn sich Jörmunrek mit Swanhild als das reine Schicksal verbunden hätte, um dieses anzunehmen und in seinem Reich auswirken und heilen zu lassen. In seinem Sohn Randwer als „Schildkämpfer“ könnte man entsprechend einen Sigmund als „Sieg-Beschützer“ wiederfinden, der den Weg der Einherier fortsetzen sollte. In dieser Hinsicht erscheinen hier in Erp, Jörmunrek und Randwer erneut die drei Aspekte der ganzheitlichen Vernunft als Erbanlage, Wirksamkeit und Fortführung.

Was wäre das für ein heilsames Leben, wenn der Mensch sein Schicksal und damit auch seine Seele der ganzheitlichen Vernunft anvertrauen könnte, der Gottheit selbst! Dann würde der Verstand im Heer der Einheit dienen und das Ego ein ganzheitliches Selbst sein. Nach der Selbsterkenntnis wäre dies der große Weg der Selbstverwirklichung, den die Yogis, Mönche und Einherier bereits seit langer Zeit gehen. Doch unser Mensch ist wohl noch nicht so weit, und erneut erscheinen die alten Hindernisse:

In Bikki kann man die beiden kaiserlichen Berater Sibich und Ribestein aus der deutschen Sage wiederfinden, die im Menschen als Ego und Verstand unter der Herrschaft der Vernunft in der körperlichen Welt dienen sollten. Doch aus Eifersucht wollten sie selbst die Herrschaft übernehmen und begannen, das in sie gesetzte Vertrauen für eigenen Interessen zu missbrauchen. In ähnlicher Weise intrigiert hier auch Bikki: Er verführt Randwer dazu, nach dem Schicksal seines Vaters zu greifen, und erklärt dem Vater anschließend, sein Sohn habe ihn mit Swanhild betrogen. So erweckt er den Anschein, auch die Seele des reinen Schicksals habe ihre Reinheit verloren.

Damit wird erneut aufgezeigt, wie der Ego-Verstand die Vernunft nicht unmittelbar töten kann. Doch sobald sich die ganzheitliche Vernunft vom trennenden Ego-Verstand beherrschen lässt, zerstört sie sich selbst. Denn damit verliert sie ihre Ganzheit und nimmt das Wesen des Ego-Verstandes an. So sorgt dieser erneut dafür, dass die menschliche Vernunft ruiniert wird und ihre eigene Nachkommenschaft tötet. Damit verliert der Mensch sein Wesen als Einherier und wird zum Einzelkämpfer.

So reitet er dann im Wald seiner Vorstellungen auf die Jagd und zerstört durch die Anhaftung an seine Körperlichkeit auch seine Seele des reinen und göttlichen Schicksals, die doch die Haare bzw. Gedanken reinigen sollte. Das heißt, er will nun das persönliche und vermeintlich feindliche Schicksal mit körperlicher Gewalt bezwingen und abtöten. Wie wir auch heute noch die großen Probleme der Menschen vor allem körperlich mit viel Technik, Chemie und Energie lösen wollen, was doch vor allem ein Verdrängen ist und offensichtlich die menschliche Vernunft zerstört.

Der Falke ist als Symbol in der deutschen Sage ein Habicht, dessen Name an das „Hab-Ich“ erinnert, das auf diesem Weg schließlich alles verliert, was es gewinnen wollte, wenn der Mensch die ganzheitliche Vernunft zerstört, mit der begabt wurde.

An dieser Stelle könnte man viel über die Symbolik der Stiefkinder nachdenken. Auch Gudrun brachte ihre Tochter Swanhild mit in die neue Ehe, und aus geistiger Sicht möglicherweise sogar ihren Sohn Erp, dessen Wesen ähnlich wie Sigmund und Sigurd im Grunde unsterblich ist. Stiefkinder spielen in vielen alten Sagen und Märchen höchst bedeutsame Rollen, oft als unschuldige, reine und tugendhafte, zugleich aber auch leidende Wesen. Denken wir nur an Schneewittchen, Aschenputtel oder die Goldmarie bei Frau Holle. So war es wohl auch früher im weltlichen Leben keine Seltenheit, dass Stiefkinder mit in die Ehe kamen, denn die Menschen starben oft frühzeitig an Krankheiten oder in Kriegen. Heute entstehen solche „Patchworkfamilien“ vor allem durch Trennungen und Scheidungen. Unter den Kindern kann sich dabei eine besondere Dynamik der Zugehörigkeit, Identifikation und Geltung entwickeln. Eine heilsame Lösung solcher Konflikte lag wohl schon immer darin, vor allem in den Stiefkindern „gottgegebene“ Kinder zu sehen. Entsprechend finden wir sie auch mehrfach in den Geschichten der Edda. So brachte Hjördis den neugeborenen Sigurd in ihre Ehe mit Alf. Gotthormr war Gjukis Stiefsohn, und auch Erp spielt in einigen Fassungen eine solche Rolle. So wäre auch Randwer nach der Hochzeit von König Jörmunrek mit Swanhild ein Stiefsohn geworden. In diesen Stiefsöhnen kann man symbolisch den gottgegebenen Geist der reinen Vernunft erkennen, wie nun auch in der Stieftochter Swanhild das gottgegebene reine Schicksal.

Doch die Vernunft von König Jörmunrek gerät erneut unter die Herrschaft des Ego-Verstandes. Indem er Randwer und Swanhild töten lässt, verwirft er das gottgegebene reine Schicksal und erzeugt sich zugleich ein neues, eigenwilliges und körperlich gebundenes Schicksal. Deshalb muss Gudrun als „göttliches Geheimnis“ und Seele der Verursachung wieder die Aufgabe der Vergeltung übernehmen, deren großes Ziel letztlich die Heilung ist. Denn ein solcher Geist sollte im Menschen nicht als König herrschen:

Als Gudrun davon erfuhr, trieb sie ihre Söhne zur Rache für Swanhild an. Als diese sich zur Fahrt rüsteten, gab sie ihnen so starke Brünnen und Helme, dass ihnen kein Eisen etwas anhaben konnte. Zudem gab sie ihnen den Rat, wenn sie zu König Jörmunrek kämen, sollten sie in der Nacht zu ihm gehen, während er schläft. Sörli und Hamdir sollten ihm die Hände und Füße abschlagen, Erp jedoch den Kopf.

So treibt nun die Seele als Prinzip der Verursachung die drei geistigen Kräfte von Ego, Verstand und Vernunft an, um das Problem des durch die Körperlichkeit verdrängten Schicksals zu lösen. Dazu gibt sie ihnen Helme und Brünnen als symbolischen Schutz für ihr inneres Wesen und ihre äußere Form. Das ihnen „kein Eisen etwas anhaben kann“, könnte bedeuten, dass kein Schwert diese geistigen Wesen zerschneiden und auch begrifflich noch weiter unterscheiden kann. Damit kann auch keine andere Waffe in sie eindringen, und so sind sie als „Elementarprinzipien“ unzerstörbar. Gemeinsam wäre diese Dreiheit fähig, den großen Sieg über den schlafenden König Jörmunrek zu erringen. In seinem Schlaf begegnet uns erneut die Symbolik der Unachtsamkeit, die bereits Otter, Sigurd und Gotthormr zum Verhängnis wurde.

In dieser Dreiheit als „Wirkungsdreieck“ hat jede Kraft ihre besondere Aufgabe, die hier durch Fuß, Hand und Kopf symbolisiert wird. Der Fuß erinnert mit Sörli an das Ego, das durch persönliche Abgrenzung dafür sorgt, dass der Mensch wie jedes andere Lebewesen einen Entwicklungsweg durch Zeit und Raum gehen kann. Die Hand erinnert mit Hamdir an den Verstand, der das wirksame Handeln des Lebewesens ermöglicht. Der Kopf sollte mit Erp als göttliche Vernunft und ganzheitliche Sicht über alles herrschen — am besten erleuchtet, wie es der Heiligenschein der Heiligen versinnbildlicht. Kurz gesagt: Der Kopf erkennt und führt, die Hand handelt und wirkt, und der Fuß wandert und trägt diese Wirkung durch Zeit und Raum.

Nun kann man sich vorstellen, dass sie die Aufgabe haben, eben diese drei geistigen Grundprinzipien von ihrer Anhaftung an die erstarrende Körperlichkeit zu befreien, in die König Jörmunrek durch seinen trügerischen Ego-Verstand gefallen war. Indem sie ihm Kopf, Hände und Füße abschlagen, sollen Vernunft, Verstand und Ego aus ihrer Bindung an diese erstarrte Verkörperung gelöst werden. Damit würden sie zugleich sich selbst befreien und den großen Sieg in der Ganzheit wiederfinden.

Das ist eine überaus erstaunliche Botschaft, wie Vernunft, Verstand und Ego vereint sich selbst von der körperlichen Bindung erlösen und befreien können. Aber:

Als sie unterwegs waren, fragten sie Erp, welche Hilfe sie von ihm hätten, wenn sie König Jörmunrek träfen. Er antwortete, er werde ihnen helfen, wie die Hand dem Fuß hilft. Sie meinten, das sei überhaupt nichts wert, wenn sich der Fuß auf die Hand stütze. Und weil sie auch zornig auf ihre Mutter waren, die sie mit hasserfüllten (zur Rache rufenden) Worten auf den Weg gebracht hatte, wollten sie etwas tun, das ihr am schlimmsten schien. So erschlugen sie Erp (mit einem Stein), denn ihn liebte sie am meisten.

Hier wird nun das große Problem im Menschen angesprochen, wie schwer es dem Ego-Verstand fällt, den wahren Nutzen der ganzheitlichen Sicht der Vernunft zu erkennen. Denn die Vernunft scheint nichts zu tun. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, sich der Ganzheit und Einheit bewusst zu sein und mit dieser ganzheitlichen Sicht zu führen. Gerade deshalb hat sie es auch in unserer heutigen Welt so schwer, in der vor allem der trennende Ego-Verstand regiert. Für ihn scheint sie im täglichen Lebenskampf keinen erkennbaren Nutzen zu haben.

Dass die Mutter Erp am meisten liebt und sich die beiden anderen Brüder sich gegen ihn verschwören und ihn töten, erinnert erneut an das Motiv des Stiefsohns und Halbbruders. Die Art seines Todes wird am Ende der Geschichte noch näher behandelt, denn eigentlich ist er ja unverletzlich und unsterblich, vor allem als ganzheitliche Vernunft. So kann man sich vorstellen, wie er von seinen Brüdern unter einem schweren Stein begraben und gebunden wird, wie auch König Jörmunrek von der Körperlichkeit gebunden wurde. Aus geistiger Sicht kann man an eine Verhärtung und Erstarrung des lebendigen Prinzips der Vernunft durch die begriffliche Macht des Verstandes denken. Dabei wird die Vernunft nicht wirklich vernichtet, sondern unter der Schwere der Körperlichkeit begraben und aus dem bewussten Leben verdrängt. Dafür ist in den Göttergeschichten auch Thor mit seinem Hammer unterwegs, um solche Verhärtungen und Erstarrungen wieder zu zerschlagen.

So geschieht nun auch hier etwas Außergewöhnliches:

Wenig später, als Sörli dahinschritt, glitt er mit einem Fuß aus und stützte sich mit der Hand ab. Da meinte er: „Nun hat die Hand den Fuß gestützt. Besser wäre es nun, wenn Erp noch leben würde.“ Und als sie in der Nacht zu König Jörmunrek kamen, wo er schlief, und ihm Hände und Füße abschlugen, da erwachte er und rief nach seinen Männern, damit sie aufwachten. Da sprach Hamdir: „Nun wäre auch der Kopf ab, wenn Erp noch leben würde.“ Die Gefolgsmänner sprangen auf und griffen sie an, konnten sie aber mit ihren Waffen nicht verwunden. Da rief Jörmunrek, man solle sie mit Steinen erschlagen. So geschah es. Dabei fielen Sörli und Hamdir. Und damit war auch das gesamte Geschlecht Gjukis mit all seinen Nachkommen tot.

Das Außergewöhnliche ist, dass der Ego-Verstand beginnt, das nützliche Wesen der Vernunft zu erkennen, und zwar vor allem durch ihren Verlust, wenn sie nicht mehr gegenwärtig ist. Die Brüder begreifen langsam, dass alles immer schon zusammengehört und nichts nur für sich selbst lebt. Sie erkennen, wie der Fuß die Hand braucht, und die Hand den Kopf. Ohne Vernunft konnten sie zwar Fuß und Hand als Kräfte des trügerischen Ego-Verstandes von der Verkörperung abschlagen, nicht aber den Kopf von seiner körperlichen Bindung befreien, um alles wieder ungebunden und frei in der Ganzheit zu erkennen. Nur dann könnte der Mensch auf die Geistseite des Rheins zurückkehren und im Franken-Reich der „Mutigen und Freien“ als allbewusster Herrscher leben.

Doch so ruft der körperlich gebundene Kopf noch im Sterben nach seinen Gefolgsmännern im Reich der Natur, unter denen man sich die Naturgesetze vorstellen könnte. Und die beiden Brüder enden so, wie sie zuvor (vermutlich) ihren Bruder Erp umgebracht haben: Sie werden von Steinen erschlagen, was an die materielle Verkörperung, Verhärtung und Erstarrung in der äußeren Natur erinnert. So bleiben alle drei an die Schwerfälligkeit dieser Natur mit ihren Gesetzen gebunden. Und wenn man diese als tot betrachtet, weil die Sicht des ganzheitlichen Lebens fehlt, dann erscheinen auch sie als tot - ebenso wie der gesamte Gjuki-Mensch. So endet der vernunftbegabte Mensch, wenn er seine Vernunft tötet: Er bleibt als Einzelkämpfer im Tod gefangen und kann sich nicht als Einherier nach Walhall erheben.

Und doch gibt es zwei Lichtblicke: Einerseits lebt Gudrun weiter, die ewige Seele der Natur als „göttliches Geheimnis“. Andererseits geht gewiss auch die erwachende Erkenntnis des trennenden Ego-Verstandes vom Nutzen der ganzheitlichen Vernunft im Meer der Ursachen nicht verloren. Und damit zeigt sich sogar noch ein dritter Lichtblick:

Deshalb wird die Brünne „Kleid oder Gewand Hamdirs und Sörlis“ genannt. Nach dem jungen Sigurd lebte eine Tochter, die Aslaug („Gottgeweihte“) hieß. Sie wurde bei Heimir (dem „Heimischen“) in den Hlym-Tälern („Schall oder Lärm“-Tälern) aufgezogen, und von ihr sind große Geschlechter entsprossen. Es wird auch erzählt, dass Sigmund, Wölsungs Sohn, so mächtig war, dass er Gift trank und es ihm nicht schadete. Sinfjötli, sein Sohn, und Sigurd aber hatten so harte Haut, dass ihnen kein Gift schadete, wenn es von außen auf ihre bloße Haut kam. Der Skalde Bragi hat so darüber gedichtet:

Am Angelhaken hing und wand
der Wölsungstrank-Aal sich im Bogen,
als Thor, der Lits Gefährten fand,
ihn aus der dunklen Flut gezogen.

(Skáldskaparmál §39-41 nach Arnulf Krause, Arthur Gilchrist Brodeur und altnordischer Quelle)

So wird nun die Brünne als äußerlich-materieller Panzer des Körpers auch „Kleid oder Gewand des Ego-Verstandes“ genannt, wenn die äußere Natur mit der Macht des Ego-Verstandes das Gold der Wahrheit durch Formhaftigkeit verhüllt, das reine Bewusstsein als Odins Auge.

Der dritte Lichtblick ist Aslaug, die „gottgeweihte“ Tochter von Brynhild, über die wir bereits gesprochen haben. Nach der bisherigen Geschichte kann man sich praktisch nur Gunnar als ihren Vater vorstellen. In anderen Geschichten spricht Brynhild von Sigurd, was Snorri auch hier andeutet, denn von ihm hatte sie den goldenen Ehering der Erneuerung und Regeneration erhalten. Dieser Ring, der an Draupnir erinnert, stammt von den Zwergen der Naturgeister und Gestaltungskräfte, und wir können uns gut vorstellen, wie er von der sterbenden Brynhild als äußere Natur an ihre Tochter weitergegeben wurde. In dieser Hinsicht wurde Aslaug auch mit dem ganzheitlichen Geist von Sigurd begabt und in diesem Sinne „gottgeweiht“. So überlebt sie den Untergang des Gjuki-Geschlechts und kann im Reich der Natur die großen Geschlechter der Menschen fortsetzen.

Dazu gibt es außerhalb der Edda die längere „Ragnar-Lodbrok-Sage“, wo die symbolische Harfe des Gunnar-Verstandes wieder auftaucht, die er mit seinem Fuß spielte, aber nicht ohne Kopf. Damit wird sogar eine ganzheitlich-geistige Vaterschaft von Vernunft, Verstand und Ego für die „gottgeweihte“ Aslaug angedeutet. So wird erzählt, wie Heimir das Kind in einer Harfe verbirgt und auf seiner Reise beschützt. Dies ist ein schönes Sinnbild dafür, wie die Gedankenharfe des Verstandes den Keim einer neuen Entwicklung bewahrt. Durch Aslaug wird das Erbe der Wölsungen in einem neuen Sagenkreis fortgeführt. Später gebiert sie Ragnar wieder einen Sigurd mit der „Schlange im Auge“, um ihre edle Abstammung zu bestätigen. (siehe Wikipedia Aslaug)

Das Gift erinnert an das Ego-Gift der Trennung, durch das die ganzheitliche Vernunft aus dem menschlichen Bewusstsein verdrängt werden kann, sobald sie sich davon beherrschen lässt. Sigmund war gegen dieses Gift innerlich geschützt und Sinfjötli und Sigurd äußerlich, was wiederum an den symbolischen Schutz von Helm und Brünne bezüglich der inneren und äußeren Natur erinnert. Entsprechend kann man sich vorstellen, wie Sigmund im äußeren und Sigurd im inneren Kampf getötet wurde. Dazu erinnert die harte Haut auch an die deutsche Sage von Siegfried, der durch sein Bad im Drachenblut eine unverletzbare Hornhaut erhielt — bis auf jene Stelle, die ein Lindenblatt bedeckt hatte.

Die Geschichte von Sinfjötli wird im Umkreis der Helgi-Lieder und ausführlicher in der Wölsung-Sage erzählt. Sein Name könnte sinnbildlich „Sehnen-Bindung“ bedeuten und erinnert an die Weiterführung des Schicksals. Er wurde von Sigmund mit seiner Zwillingsschwester Signy gezeugt, um den Tod ihres Vaters Wölsung zu rächen. Später reichte ihm seine Stiefmutter Borghild („Burg-Kämpferin“) ein Trinkhorn mit vergiftetem Bier. Während sein Vater Sigmund das Gift trinken konnte, ohne Schaden zu nehmen, starb Sinfjötli daran. Offenbar hatte er seine Aufgabe erfüllt. Sigmund brachte den Leichnam ans Meer. Dort erschien ein geheimnisvoller Fährmann, nahm Sinfjötli in sein Boot und verschwand mit ihm. Der Fährmann wird gern als Odin gedeutet, der Sinfjötli zu den Einheriern nach Walhall brachte.

Der abschließende Vers erinnert an die Geschichte von Thor, wie er die Midgardschlange aus dem Meer des Lebens angelt, die wir bereits als Symbol der Trennung kennengelernt haben. Damit wird noch einmal deutlich, dass es hier um das Schlangengift der Trennung geht, das die Einherier in dieser Welt trinken, um es innerlich zu verdauen und äußerlich auswirken zu lassen. Darin liegt wohl ihre große Aufgabe als Kämpfer im Heer der Einheit, um das angesammelte Grundproblem der Ego-Trennung zu lösen.

Zusammenfassung der bisherigen Heldengeschichte von Sigurd

Wir haben nun mehrere Geschichten kennengelernt, in denen man das grundsätzliche „Wirkungsdreieck“ von Ego, Verstand und Vernunft auf verschiedenen Bewusstseinsebenen und aus verschiedenen Perspektiven wiederfinden kann. Die Geschichten stützen sich auf unterschiedliche alte Sagen und wurden hier auf geniale Weise zusammengefügt. Kurzgefasst könnte man sie aus geistig-symbolischer Sicht wie folgt betrachten und darin ein Meisterwerk menschlicher Psychologie finden:

Am Anfang steht die Geschichte von Hreidmar, dem „Nest-Ruhm“, den man ähnlich dem biblischen Adam als einen „vernünftig-ganzheitlichen Menschen“ betrachten kann, der den Göttern noch begegnen konnte. Doch sein vernünftiger Lebensgeist wurde unachtsam und war sich im Fluss des Lebens bei seiner Ernährung der Ganzheit und Gottheit nicht mehr voll bewusst. Dadurch starb die ganzheitliche Vernunft, von göttlicher Kraft erschlagen, wie sich die Vernunft auch immer nur selbst töten kann, nämlich durch Unbewusstheit seiner selbst. Doch Gott nimmt nichts, ohne etwas Besseres zu geben:

So wurde aus Hreidmar ein „wahrheitsbegabter Mensch“, dem das Gold der Wahrheit gegeben wurde, das jede äußere Form annehmen kann, zusammen mit dem goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration. Doch er wollte diese Gabe persönlich besitzen. Deshalb wurde die Vernunft in ihm nicht wieder lebendig, sondern sein Ego-Verstand griff nach dem Gold der Wahrheit und tötete den wahrhaften Menschen, der nun in die Trennung von Männlich und Weiblich fiel, in Geist und Natur. Im Sterben bat er seine beiden Töchter als innere Seele und äußere Natur, an diesem Ego-Verstand des Geistes Rache zu nehmen, was wohl auch die Grundaufgabe der Natur mit ihren Gesetzen von Ursache und Wirkung ist.

Für diesen großen Sieg der Vernunft über den Ego-Verstand wurde Sigurd als „Sieg-Beschützer“ geboren. Er kam, sah und siegte, denn er verkörperte den Sieg selbst. Dazu wird beschrieben, wie er in sich selbst die Reinheit von Vernunft, Verstand, Ego und Körperlichkeit zusammen mit dem Goldschatz der Wahrheit vereinte. Damit war er wieder ein ganzheitlich-göttlicher Mensch, der nun ähnlich wie Christus auch allen anderen Menschen dazu verhelfen sollte. Dafür erweckte er Sigrdrifa, die „Sieg-Treiberin“ der Natur, die für die entsprechenden Umstände und Belehrungen über die Runengeheimnisse der Natur sorgte. So hat nun jeder Mensch die Möglichkeit, seine Seele wieder mit der ganzheitlichen Vernunft als „Sieg-Beschützer“ zu vereinen und dadurch die göttliche Ganzheit in sich zu verwirklichen.

Entsprechend wird die symbolische Geschichte mit Gjuki fortgesetzt, dem „vernunftbegabten Menschen“, der wiederum drei Söhne als die geistigen Kräfte von Ego, Verstand und gottgegebener Vernunft hatte, sowie zwei Töchter als innere Seele und äußere Natur. Damit die Vernunft wieder zum führenden Wesen des Menschen werde, verheiratete sich Sigurd mit dessen Seele Gudrun. Doch der Ego-Verstand wollte sich der Vernunft nicht unterordnen und von ihr führen lassen, sondern verdarb die gottgegebene Vernunft und tötete damit Sigurd und dessen Sohn Sigmund, der den Weg als Einherier fortsetzen sollte. Dadurch starb auch Gotthormr, die gottgegebene Vernunft des Menschen, und seine beiden Töchter Gudrun und Gudny als innere Seele und äußere Natur sind erneut herausgefordert, am untreuen Ego-Verstand Rache zu nehmen.

Dazu verbindet sich die Seele mit Atli als Geist der äußeren Natur. Ohne die vernünftige Sicht des ganzheitlichen Lebens erscheint diese nun als tote, materielle Natur, in der nur noch einzelne und voneinander abgegrenzte Lebewesen verstreut leben - gleichsam auf einer „Geröll-Heide“. Der Ego-Verstand muss der Seele zum Geist dieser scheinbar toten Natur folgen, wird dort selbst getötet, und in der großen Totenfeier stirbt auch Atli selbst als Geist dieser Natur mit seinen Söhnen. Damit scheint alles im Tod zu enden.

Doch die ewige Seele der Natur lebt weiter und taucht aus dem Meer der Ursachen wieder auf. Dabei bringt sie ihre Tochter Swanhild als ganzheitliches Schicksal mit, und aus geistiger Sicht auch ihren Sohn Erp als Erbanlage zur ganzheitlichen Vernunft. Darin zeigt sich, dass die Seele als Prinzip der Verursachung eine ganzheitliche Seele der Natur ist. So verbindet sie sich in der äußeren Natur erneut mit einem menschlichen Geist, und die Geschichte geht mit König Jonak weiter.

Wiederum werden Ego, Verstand und Vernunft „dunkelhaarig“ geboren, und das alte, ungelöste Problem kommt durch das ganzheitliche Schicksal in diesem „vernunftbegabten“ Menschen erneut hervor. Um ihm zu helfen erscheint König Jörmunrek mit seinem Sohn Randwer, in dem man symbolisch wieder Sigurd mit seinem Sohn Sigmund sehen könnte, der dessen Schicksal in Gestalt von Swanhild annehmen wollte. Aber auch er wird vom Ego-Verstand getäuscht und fällt in die Bindung der Körperlichkeit, was in dieser Welt immer wieder möglich ist. An der Körperlichkeit selbst ist eigentlich nichts Schlechtes, solange die Vernunft als ganzheitliche Sicht herrscht. Sobald jedoch der Ego-Verstand die Führung übernimmt, wird der Mensch von körperlicher Ego-Anhaftung überwältigt und versucht, sein Schicksal körperlich zu bekämpfen. So lässt Jörmunrek seinen Sohn hängen und Swanhild unter den Hufen seiner Pferde zertreten.

Nun ist Gudrun als Seele und Prinzip der Verursachung erneut gefordert, und sie schickt die geistigen und im Grunde unzerstörbaren Elementarprinzipien von Ego, Verstand und Vernunft in den Kampf gegen die körperliche Anhaftung von König Jörmunrek, damit sie gemeinsam ihre Reinheit, Freiheit und Ganzheit wiederfinden. Aber auch hier wiederholt sich das alte Problem: Der Ego-Verstand erkennt den wahren Nutzen der Vernunft nicht und tötet sie — zumindest scheinbar mit dem Stein der körperlichen Materie, hinter dem auch die begriffliche Erstarrung durch den Verstand steht. Und ohne Vernunft werden Ego und Verstand schließlich vom gleichen Tod eingeholt. So endet der vernunftbegabte Mensch wiederum im Tod, stirbt als abgetrennter Einzelkämpfer und kann sich nicht zum ganzheitlichen Einherier im Heer der Einheit erheben.

Doch es gibt Lichtblicke der vernünftigen Erfahrung und Erkenntnis, und die Entwicklung geht weiter, denn die Seele der Natur bleibt unsterblich, wie auch der göttliche Geist der Vernunft. Wie weit diese Entwicklung noch geht, um das Grundproblem der Trennung zu lösen, ist eine große Frage, die unser Verstand wohl niemals beantworten kann, solange er mit dem Ego in Zeit und Raum verbunden ist. Und wenn nicht, dann ist sie bereits beantwortet, und das Problem löst sich auf, wie der Nebel der Nibelungen… Wunderbar!

Vergleich zwischen nordischer und deutscher Nibelungensage

Vergleicht man diese nordische Überlieferung mit der deutschen Nibelungensage, dann begegnen uns trotz der erheblichen Unterschiede viele ähnliche Grundmotive. Die Namen, Verwandtschaftsverhältnisse und Handlungsabläufe wurden im Laufe der Überlieferung verändert und mit anderen Sagenkreisen verbunden. Doch aus geistig-symbolischer Sicht kann man in beiden Fassungen eine tiefgründige Darstellung des inneren menschlichen Wesens erkennen. In den einzelnen Figuren erscheinen männliche und weibliche Kräfte des Geistes und der Natur: Vor allem das grundlegend-geistige „Wirkungsdreieck“ von Ego, Verstand und Vernunft in Verbindung mit der weiblichen Dualität von innerer Seele und äußerer Natur. Und über allem steht die große Frage: Kann sich der Ego-Verstand auf dem Weg der Wahrheit von der ganzheitlichen Vernunft führen lassen, oder versucht er, eigenwillig über Mensch, Natur und Schicksal zu herrschen?

Dem nordischen Sigurd entspricht der deutsche Siegfried. Beide besiegen einen Drachen, gewinnen einen Goldschatz und finden das unvergängliche Wesen. Im nordischen Mythos tötet Sigurd Fafnir als Ego-Drachen, versteht nach dem Genuss seines Herzblutes die Sprache der Vögel und nimmt das Gold der Wahrheit zu sich. In der deutschen Sage badet Siegfried im Drachenblut und erhält eine Hornhaut, die ihn vor äußeren Waffen schützt. Ein Lindenblatt verhindert jedoch die vollständige Unverwundbarkeit. Damit bleibt eine kleine Stelle seiner körperlich-begrifflichen Form bestehen, durch die ihn der Ego-Verstand später töten kann.

Den Nibelungenschatz gewinnt Siegfried ebenfalls durch einen Streit unter Brüdern. Schilbung und Nibelung können sich über ihr väterliches Erbe nicht einigen und erinnern damit an Regin und Fafnir, die ihren Vater Hreidmar töten und anschließend selbst um das Gold kämpfen. Siegfried besiegt zudem den Zwerg Alberich und gewinnt dessen Tarnkappe. Diese lässt sich symbolisch mit dem Ägis-Helm Fafnirs vergleichen: Beide verleihen die Macht, die sichtbare Erscheinung des inneren Wesens zu verändern.

Doch während Sigurd den Goldschatz auf sein Pferd Grani lädt und auf diese Weise das Gold der Wahrheit mit seiner Körperlichkeit vereint, lässt Siegfried den Schatz im Nibelungenreich der äußeren Natur zurück, wo ihn Alberich als Naturgeist der Gestaltung weiterhin bewacht. Darin kann man eine große Bedeutung erkennen: Auch in der äußeren Natur liegt das Gold der Wahrheit. So vereint Siegfried die beiden Seiten des Rheins als Geist und Natur zum großen „Sieg-Frieden“. Erst nach seinem Tod lässt Kriemhild den Schatz in das Reich der Burgunden holen. Dadurch verliert die äußere Natur symbolisch das Gold der Wahrheit und verwandelt sich dann für den Ego-Verstand der Burgunden, die nun Nibelungen bzw. „Nebelwesen“ heißen, in das Reich ihres Todes. Ähnlich verliert in der nordischen Überlieferung mit Sigurds Tod auch Brynhild als äußere Natur ihr Leben.

Sigurds Kampf mit König Lyngwi, um den Tod seines Vaters zu rächen, könnte man in der deutschen Nibelungensage im Kampf gegen die Könige Lüdegast und Lüdeger aus dem Dänen- und Sachsenland wiederfinden. Siegfried besiegt beide Könige und nimmt sie gefangen. Doch anders als im gewöhnlichen Rachekampf tötet er sie nicht, sondern trägt dazu bei, den schrecklichen Krieg schließlich in einen dauerhaften Frieden zu verwandeln. Darin zeigt sich bereits das Wesen des „Sieg-Friedens“.

Im weiteren Verlauf ist besonders verwirrend, dass die nordische Gudrun die Rolle der deutschen Kriemhild übernimmt, während Gudruns Mutter Grimhild der deutschen Königin Ute entspricht. Deutlicher stimmen dagegen die Namen Gunnar und Gunther, Högni und Hagen sowie Brynhild und Brünhild überein. Auch hier kann man in der Königsfamilie das innere Wesen eines vernunftbegabten Menschen erkennen: Kriemhild verkörpert die innere Seele, Gunther den begrifflichen Verstand, und Hagen das abgrenzende Ego. Siegfried tritt als ganzheitliche Vernunft hinzu und verbindet sich mit der Seele Kriemhilds.

Brünhild erscheint dagegen als mächtige Königin der äußeren Natur. Sie wohnt nicht wie in der nordischen Sage auf dem „Berg der Hirschkühe“ hinter einem Feuerwall, sondern hinter einem Wasserwall im Meer auf Burg Isenstein, dem „Eisenstein“. Auch dieser Name erinnert, wie das Panzerhemd der Brünne, an eine erstarrte und schwer zu durchdringende Körperlichkeit. Brünhild besitzt übermenschliche Kräfte und will nur denjenigen heiraten, der sie in ihren tödlichen Kampfspielen besiegt. Der Gunther-Verstand kann die Liebe dieser äußeren Natur nicht aus eigener Kraft gewinnen. Dazu benötigt er Siegfried und dessen Tarnkappe, also die verborgene Allmacht der ganzheitlichen Vernunft. Denn nur unter ihrer Führung kann der Verstand die äußere Natur wirklich erobern, ihre Liebe gewinnen und sich mit ihr zu einer lebendigen Einheit verbinden. Ohne diese Vernunft bleibt ihm die Natur fremd und feindlich, und wird für ihn schließlich sogar tödlich.

Wie Sigurd und Gunnar tauschen damit auch Siegfried und Gunther sinnbildlich ihre Erscheinungen. Siegfried vollbringt unsichtbar jene Taten, die äußerlich Gunther zugeschrieben werden. Das bedeutet: Der Verstand kann sich mit der äußeren Natur nur mithilfe der ganzheitlichen Vernunft ehelich vereinen. Sobald er jedoch diesen Zusammenhang verschweigt und die Leistung der Vernunft als seine eigene ausgibt, entsteht eine Lüge, die später offenbar werden muss.

In der nordischen Überlieferung wird diese Täuschung durch den Ring Andwaris enthüllt. In der deutschen Sage spielen Brünhilds Ring und Gürtel eine ähnliche Rolle. Siegfried nimmt ihr diese Zeichen ihrer natürlichen Macht ab und übergibt sie Kriemhild. Damit gelangen die Kräfte beziehungsweise Geheimnisse der äußeren Natur zur inneren Seele. Als Kriemhild diese Zeichen später vorzeigt, offenbart sich die Täuschung.

Der Streit zwischen Gudrun und Brynhild findet am Fluss statt, wo beide ihre Haare waschen. In der deutschen Sage streiten Kriemhild und Brünhild vor einer Kirche darüber, wer zuerst eintreten dürfe. Beide Orte besitzen eine ähnlich geistige Bedeutung: Der Fluss ist der Strom des Lebens, in dem die unterscheidenden Gedanken gereinigt werden sollen, und das Gotteshaus ist ein Tempel der Ganzheit und Einheit. Gerade an diesen Orten sollte die Frage nach dem Vorrang und damit nach der Trennung zwischen innerer Seele und äußerer Natur geklärt werden.

Doch in beiden Fassungen eskaliert dieser Streit, und der Verstand sucht die Lösung nicht gemeinsam mit der Vernunft, sondern wendet sich an das Ego. Dies tritt in der deutschen Sage in Hagen noch deutlicher hervor und unterstützt den Mord an der Vernunft. Hagen gewinnt Kriemhilds Vertrauen und bringt sie dazu, aus Liebe und Sorge Siegfrieds verwundbare Stelle zu kennzeichnen. So wird hier die Seele zum Mord missbraucht, wie in der nordischen Sage Gotthormr. Und schließlich tötet Hagen auch Siegfried mit dessen eigenem Speer, denn er selbst hat mit seinen Waffen keine Macht dazu, weil das Teil das Ganze nicht überwinden kann. Doch die tiefere Ursache, warum das trennende Ego die ganzheitliche Vernunft töten kann, liegt in der Abwendung des Verstandes von der Vernunft. Damit verliert der Mensch das Bewusstsein der Ganzheit und kann den Streit der weltlichen Gegensätze nicht mehr auf heilsame Weise lösen. Diese Unachtsamkeit zeigt sich sowohl in Kriemhild als auch in Siegfried, vor allem, als er unachtsam gegenüber seinen Waffen war. Diesbezüglich kann man auch an den Tod von Sieglinde denken, der Mutter von Siegfried.

Nach Siegfrieds Tod lässt Kriemhild den Nibelungenschatz aus dem von Alberich bewachten Reich der Natur nach Burgund holen. Dies erinnert an den Goldschatz, der nach Otters Tod von Loki beim Zwerg Andwari geholt und Hreidmar übergeben wurde. Kriemhild versucht zwar, das Gold durch großzügiges Schenken heilsam zu verwenden, doch auch hier kann die ganzheitliche Vernunft nicht wieder lebendig werden. Hagen fürchtet die Macht, die Kriemhild mithilfe des Schatzes gewinnen könnte, bringt ihn in seine Gewalt und entzieht ihn damit der Seele. Doch wie Fafnir kann auch er das Gold der Wahrheit nicht heilsam verwenden. Er versenkt es im Rhein und verbirgt damit die Wahrheit im Fluss des Lebens. Der Schatz bleibt zwar unvergänglich bestehen, ist aber für den vernunftlosen Menschen nicht mehr erreichbar.

Nun ist die innere Seele als Prinzip der Verursachung gefordert, das Problem auf andere Weise zu lösen. Das heißt, es löst sich eigentlich von selbst aufgrund der angesammelten Ursachen. So heiratet Kriemhild Etzel, wie Gudrun Atli. In beiden Fassungen gelangt die Seele damit in das Hunnenreich auf die Seite der äußeren Natur, die mit dem Tod der ganzheitlichen Vernunft ihre ganzheitliche Lebendigkeit verloren hatte und zu einem Reich des Todes wurde. Entsprechend stirbt in der nordischen Version Brynhild als Schwester von Atli, und in der deutschen Version kann man an den Tod von Helche denken, der gutmütigen Ehefrau von Etzel.

Über die Gemeinsamkeiten von Atli und Etzel kann man viel nachdenken. Der Name Etzel kann von mittelhochdeutsch „etze“ für Weideland abgeleitet werden und erinnert damit an ein Weideland im Reich der Natur, das nach den alten Sagen für viele große Helden sorgte. Walthari und sogar Hagen verbrachten dort einen Teil ihrer Jugend, Rüdiger diente Etzel als Markgraf, und Dietrich und Hildebrand fanden bei ihm Zuflucht vor Kaiser Ermenrich, den wir in der nordischen Sage als König Jörmunrek kennengelernt haben.

Die Königsburg von Etzel wird an der Donau beschrieben. In seiner Blütezeit, als Königin Helche lebte, erstreckte sich seine Herrschaft weit über den Rhein hinaus ins Franken-Reich. Doch mit dem Tod von Siegfried und der sterbenden Vernunft von Kaiser Ermenrich zog der Tod immer weitere Kreise. Etzels Söhne Erp und Ortwin starben in der Rabenschlacht, und daraufhin starb auch ihre Mutter Helche aus Kummer. Auch die vernünftigen Helden Dietrich und Hildebrand zogen sich nach der verlorenen Rabenschlacht als Alternative zum sinnlosen Tod auf dem Schlachtfeld aus der lebendigen Welt zur Königsburg von Etzel zurück.

So führte das Schicksal auch Kriemhild zu dieser Burg. Sie wurde Etzels zweite Ehefrau und gebar ihm einen Sohn namens Ortlieb. Wie die nordischen Gunnar und Högni, mussten dann auch Gunther und Hagen ihrer Seele als Prinzip der Verursachung in das Reich der äußeren Natur zu dieser Burg folgen. Damit verließen sie den Rhein als Fluss des Lebens, wo sie auch den Goldschatz zurückließen, und folgten der Donau, die nach Osten ins „Schwarze Meer“ fließt und für sie zum Fluss des Todes wurde. So starben sie beide in der Königsburg von Etzel mit all ihrem Gefolge der Nibelungen, sodass auch hier das prächtige Gastmahl zu ihrer Totenfeier wurde.

Eine Besonderheit liegt noch darin, dass Kriemhild vor allem den Tod von Hagen suchte, den sie als Hauptfeind erkannte. Daher sorgte Hagen schließlich auch für die Eskalation des Kampfes, indem er den kleinen Sohn von Kriemhild und Etzel vor aller Augen tötete. Doch Kriemhild gab Hagen immer wieder eine Chance, sich selbst für alle anderen Nibelungen zu opfern und durch Rückgabe des Goldschatzes sein Ego-Wesen aufzugeben. Aber er weigerte sich vehement als vermeintlicher Held.

So wurde die verbliebene Macht der Nibelungen schließlich vor allem durch Dietrich und Hildebrand mit ihrem Gefolge gebrochen, die in diesem letzten Kampf als ganzheitliche Vernunft und vernünftiger Verstand wieder wirksam und lebendig wurden. Zuletzt blieben nur Gunther und Hagen übrig, die von Dietrich selbst besiegt und gefangengenommen wurden. Aber Hagen weigerte sich weiterhin, das Versteck des Rheingolds preiszugeben, und ließ dadurch auch Gunther noch sterben. Kriemhild selbst ergriff schließlich Siegfrieds Schwert, das sich Hagen angeeignet hatte, und tötete ihn damit.

Diese unglaubliche Tat einer Frau konnte Hildebrand nicht verstehen und erschlug Kriemhild vor den Augen von König Etzel. Aus geistig-symbolischer Sicht könnte man darin sehen, wie der vernünftige Verstand aus Zwei wieder Eins macht, sodass der streitbare Gegensatz zwischen innerer und äußerer Natur verschwindet. Und wie in der nordischen Version Gudrun überlebt, so überlebt hier Brünhild, die am Rhein zurückgeblieben war.

Daher starb Kriemhild, nachdem sie das Ego besiegt und offenbar ihre Aufgabe erfüllt hatte. Im Gegensatz zum nordischen Atli bleibt König Etzel zwar am Leben, aber versinkt in diesem Reich des Todes in tiefe Trauer und Lethargie. In dieser Hinsicht erinnert er an König Barbarossa, den schlafenden König der Kyffhäusersage, dessen Kraft sich aus der lebendigen Welt zurückgezogen hat und auf ein neues Erwachen wartet. Vielleicht hat der Tod von Atli in der nordischen Überlieferung eine ähnliche Bedeutung.

In der deutschen Sage überleben von den Burgunden insbesondere die beiden Söhne von Siegfried und Gunther, die einst aus gegenseitiger Zuneigung nach dem jeweils anderen Vater benannt wurden und wiederum an Vernunft und Verstand erinnern. Ähnlich überleben auch Dietrich und Hildebrand als Vernunft und Verstand, die nach diesem grundlegenden Sieg über das Ego wieder in ihre Heimat der lebendigen Welt zurückkehren, wo sich nun das große Problem von Ermenrich wie von selbst klärt und löst, wie die Thidreks-Sage berichtet.

Mit ihnen überlebt auch Brünhild, und in der „Nibelungenklage“ wird berichtet, wie sie in Burgund vom Tod ihres Mannes Gunther und dem Untergang der übrigen Nibelungen erfährt. Sie bricht unter der Nachricht körperlich zusammen und bereut den damaligen Streit mit Kriemhild. Das heißt, sie versöhnt und vereint sich innerlich wieder mit ihr. Daraufhin wird sie wieder lebendig, beruft die Großen des Reiches ein und übernimmt zusammen mit den alten Ratsherren die Regierung und die Vormundschaft für ihren jungen Sohn Siegfried. Dieser wird zum König gekrönt und soll das burgundische Reich mit neuer Vernunft weiterführen.

In der nordischen Überlieferung kann man hier an Aslaug denken, die Tochter Brynhilds, welche später ebenfalls einen Sigurd zur Welt bringt und damit die Entwicklung in einem neuen Sagenkreis fortsetzt. So überlebt in beiden Fassungen ein Kind der äußeren Natur, durch das der Geist der Vernunft erneut in der Menschenwelt erscheinen kann.

Was man dagegen in der nordischen Überlieferung vermissen könnte, ist eine Gestalt des Verstandes, wie sie in Hildebrand als treuem Diener der Vernunft erscheint: ein vernünftiger und entsprechend wirkender Verstand, der sich durch viele alte deutsche Sagen zieht und Dietrich auf seinem langen Weg durch Herrschaft, Verbannung, Kampf und Heimkehr begleitet. Hier könnte man auch an den jungen Gunther denken, den Sohn des getöteten Siegfrieds, der dann vermutlich am unteren Rhein in Xanten herrschte, wo sein Vater geboren wurde und sein Großvater Siegmund noch lebte.

So zeigen beide Überlieferungen aus geistiger Sicht dieselbe Grundidee: Der Mensch ist mit der ganzheitlichen Vernunft begabt und könnte durch sie Ego, Verstand, Seele und Körperlichkeit zu einer lebendigen Ganzheit vereinen. Doch der Ego-Verstand will die Wahrheit persönlich abgegrenzt besitzen, schreibt sich die Wirksamkeit der Vernunft selbst zu und zerstört schließlich die ganzheitliche Führung, der er sich anvertrauen sollte. Daraufhin versinkt das Gold der Wahrheit im Fluss des Lebens, aber bleibt dort unvergänglich erhalten. Der Mensch kann es jederzeit wiederfinden, sobald er nicht länger danach greift, um es persönlich zu besitzen, sondern bereit ist, sich von seiner Wahrheit zur Ganzheit führen zu lassen. Die Frage ist nur, ob man dafür wieder einen Gott wie Loki braucht, der das verborgene Gold hervorholt, oder ob ein Sigurd genügt, der es erkennt, gewinnt und heilsam zu nutzen vermag…


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