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Auf unserer geistigen Reise durch die Wunderwelt der altnordischen Mystik sind wir nun schon weit gekommen. Langsam geht es auf Ragnarök zu, dem großen Showdown mit Happy End und Happy Begin. Dazu möchten wir uns die in der Edda beschriebenen kosmologischen Vorstellungen etwas näher anschauen und ergründen, wie man sich damals die Welt im Großen und Kleinen vorstellte. Heutzutage arbeiten wir mit Formeln und wissenschaftlichen Modellen, die man lange studieren muss und auch nur schwer wieder aus dem Kopf bekommt. Offensichtlich verwendete man damals lieber bekannte Symbole aus dem alltäglichen Leben, um die Prinzipien, die man im Kleinen beobachten und erfahren konnte, auch auf das Große und Ganze abzubilden. Wir möchten mit dem Lied von Wafthrudnir beginnen.
1. Odin: Rate mir nun, Frigg (Odins Ehefrau), da es mich zu fahren lockt, Wafthrudnir (den „mächtig Verstrickenden“) aufzusuchen. Große Wissbegierde habe ich, mich in altem (ursprünglichen) Wissen mit dem allweisen Riesen zu vergleichen.
2. Frigg: Daheim behalten möchte ich den Heervater im Hof der Götter, denn keinen Riesen weiß ich so stark, wie es Wafthrudnir ist.
3. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden (mächtig Wissenden). Nun will ich wissen, wie Wafthrudnirs Anwesen beschaffen ist.
In diesem Lied wird erneut deutlich, dass unsere Vorstellungen von der Welt vor allem aus Wissen bestehen. Auch wenn wir an feste Materie glauben, sollten wir uns immer mal wieder an den Spruch der Bibel erinnern: „Am Anfang war das Wort.“ Oder an moderne Physiker wie Anton Zeilinger: „Information ist der Urstoff des Universums - Wirklichkeit und Information sind dasselbe.“ Oder an Hans-Peter Dürr: „Materie ist geronnener Geist, dem nichts mehr einfällt.“ Oder an Konstantin Wecker, der in Erinnerung an Hans-Peter Dürr singt: „Du magst es greifen, du begreifst es nicht. Denn was du siehst, ist nur gefror‘nes Licht.“ So kommen wir schließlich wieder zum Licht des Bewusstseins und unserem Wissen als Grundlage von allem in der Welt.
Daher spricht nun sogar Odin von seiner „großen Wissbegierde“. Wie kann ein ganzheitlicher Gott wissbegierig sein? Ist er nicht allwissend? Ja, das ist er sicherlich. Und gerade Odin ist sich immer bewusst, dass diese ganze Schöpfung vom Mimir-Verstand aus seinem eigenen Auge geschöpft wird, während er mit seinem anderen Auge zuschaut. Nun gibt es aber auch viele Geschöpfe, wie wir selbst, die sich in der Schöpfung noch nicht als ein Ganzes erkennen und in der Trennung leben. Für sie verkörpert Odin die Wissbegierde, die sich symbolisch auch als ein Adler zeigt, der sich aus dem Weltenbaum erheben kann. Für sie hing er neun lange Nächte am Weltenbaum, um die Runenmagie zu erlernen. Und für sie zieht er durch die Welt und fordert sie im Kampf des Wissens heraus, um ganzheitliche Weisheit zu finden und sich schließlich wieder selbst im Ganzen zu erkennen. Ja, das ist die wundervolle „Macht des Wissens“, um riesige Welten voller Geschöpfe hervorzubringen, aber auch wieder aufzulösen und die Wahrheit zu erkennen, die hinter allem steht.
So bestehen auch die Berg- und Frostriesen aus Wissen, das sich als begrifflicher Verstand verhärtet und verkörpert hat, ein erstarrtes und gefrorenes Licht des Bewusstseins. Und wie Thor mit seinem Hammer gegen sie ankämpft, damit die Schöpfung lebendig bleibt, so kämpft nun auch Odin auf seine Weise gegen erstarrte Begriffe und Meinungen an. Darin kann man einerseits den Weg des Handelns und andererseits den Weg des Erkennens sehen, die doch schließlich wieder eins sind, so dass es auch über Thor ein ähnliches Lied vom Zwerg Allwiss gibt.
Doch Frigg, Odins Ehefrau, in der wir die Seele der Schöpfung sehen können, war davon zunächst nicht begeistert. Warum? Nun, wenn ein Gott mit einem Geschöpf kämpft, dann besteht natürlich immer die Gefahr, dass das Geschöpf in uns siegt und die Vorstellung und der Glaube an eine Gottheit verlorengeht. Wie vielen Menschen wurde schon göttliches Wissen nahegebracht? Doch ihr Verstand weigerte sich, verhärtete sich in Opposition, und der Schaden war größer als der Nutzen. Daher bittet nun auch Frigg, dass der Verstand nützlich sei und Odin heil und ganz bleibe:
4. Frigg: Fahr heil und komm heil wieder! Heil dir auf den Wegen! Der Verstand nütze dir, Menschenvater, wenn du Worte mit dem Riesen wechseln wirst.
5. Da fuhr Odin, um das Redegeschick dieses allweisen Riesen zu erproben. Zur Halle kam er, die der Vater von Imr („Glut, Streit“) besaß. Sogleich ging Ygg (Odin) hinein.
6. Odin: Heil dir, Wafthrudnir („mächtig Verstrickender“)! Nun bin ich in die Halle gekommen, um dich selbst zu sehen. Dies will ich vor allem wissen, ob du klug und allweise bist, Riese.
7. Wafthrudnir: Was ist das für ein Mann, der in meinem Saal das Wort an mich richtet? Heraus kommst du nimmer aus unseren Hallen, wenn du nicht der Klügere bist.
8. Odin: Gagnrad („Gegenrater, Siegrater“) heiße ich. Nun bin ich von der Reise durstig in deinen Saal gekommen. Ich bin lang gereist, bedürftig der Einladung und deiner Aufnahme, Riese.
9. Wafthrudnir: Warum sprichst du dann, Gagnrad, von der Vorhalle her? Komm auf einen Platz in der Halle! Dort wird es sich zeigen, wer mehr weiß, der Gast oder der alte Thul (Redner).
Wunderbar! Der Allvater kommt nicht als tyrannischer Herrscher, sondern erscheint demütig als Gast bzw. „Besucher“, der nach langer Reise im Schöpfungsfluss der Einladung und Aufnahme bedürftig ist. So kommt nun Odin in die Bewusstseinshalle, die sich Wafthrudnir als „mächtig Verstrickender“ mit seiner schöpferischen Macht des Verstandes erbaut hat. Wie geschah das? Ein solcher Verstand ist fähig, vielfältige Verbindungen zwischen gedanklichen Begriffen zu erkennen. Damit kann er sich ein großes Netz stricken, in das er sich auch selbst verstrickt, um sich eine persönliche Identität zu erschaffen. Das bin Ich! Und schließlich verhärten sich die Begriffe förmlich zu Steinen, mit denen er sich sogar eine vermeintlich feste Körperburg mauern kann, die er dann verteidigen will. Sozusagen aus „gefrorenem Licht“ oder „Wasser des Lebens“, so dass man von „Frost- und Bergriesen“ spricht.
Ihm nähert sich der ganzheitliche Gott nur vorsichtig und spricht „zunächst von der Vorhalle her“, also mehr aus der äußeren Welt. Dazu nimmt er wie üblich einen Namen und eine Gestalt an, die ihm unter den gegebenen Umständen nützlich erscheinen. Wie sonst könnte der Verstand einen ganzheitlichen Gott erkennen, der selbst formlos ist und alles in sich vereint? So wird Wafthrudnir neugierig und fragt, wer dieser Mann ist. Ja, er fordert ihn regelrecht heraus bzw. herein. Doch dieser bleibt natürlich vorsichtig, um nicht gleich „mit der Tür ins Haus zu fallen“ und mehr Schaden als Nutzen zu verursachen:
10. Odin: Ein besitzloser Mann, der zu einem Reichen kommt, rede Nützliches oder schweige. Große Geschwätzigkeit, so glaube ich, führt zu Schlechtem, wenn man zu einem Kaltrippigen (Frostriesen-Verstand) kommt.
11. Wafthrudnir: So sage mir, Gagnrad, da du von der Vorhalle dein Geschick erproben willst, wie das Pferd heißt, das jeden Tag über die Menschen zieht.
12. Odin: Skinfaxi („Lichtpferd, Leuchtmähne“) heißt es, das am strahlenden Tag über die Menschen zieht. Das beste Pferd scheint es den Hreidgoten („reitenden Goten“ bzw. Menschen), und immer strahlt die Mähne vom Pferd.
13. Wafthrudnir: Sage mir, Gagnrad, da du von der Vorhalle dein Geschick erproben willst, wie das Ross heißt, das von Osten her die Nacht über die herrlich Ratenden (mächtig Wissenden) zieht.
14. Odin: Hrimfaxi („Dunkelpferd, Frostmähne“) heißt es, das jede Nacht über die herrlich Ratenden zieht. Schaumtropfen verliert es jeden Morgen, und davon kommt der Tau in die Täler.
Warum kommt Gott von außen? Dazu schreibt auch Meister Eckhart: Denn darin liegt ein großes Übel, dass der Mensch sich Gott in die Ferne rückt. Denn, ob der Mensch nun in der Ferne oder in der Nähe wandle: Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe; und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür. (Meister Eckhart, Reden der Unterweisung)
So beginnt nun der wissbegierige Verstand zuerst nach den Erscheinungen in der äußeren Welt zu fragen, die er im Spiel der Gegensätze sieht. Der wunderlichste Gegensatz ist wohl zwischen Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Erscheinen und Verschwinden, denn zwischen ihnen existiert unsere Welt. Und wie der Frostriesen-Verstand nach begrifflichen Namen fragt, so antwortet auch Odin mit symbolischen Namen, die bereits deutlich machen, dass es hier um die Verstandeswelt aus „Gylfis Illusion“ geht, die „Illusion der schäumenden Welle“. Dort heißt es, dass die Nacht die Tochter eines Dunkel-Riesen war und von ihr der Tag geboren wurde. Die beiden Pferde für Tag und Nacht erinnern dann an die Verkörperungen von Sonne und Mond, und ihre Wagen könnte man als das tägliche Himmelblau und den nächtlichen Sternenhimmel betrachten. So stellt sich wohl Wafthrudnir seine Welt vor, und Odin scheint diese Vorstellung zunächst zu bestätigen, um sein Vertrauen zu gewinnen.
In „Gylfis Illusion“ wird aber auch die Rolle der Götter betont: So war der Vater des Tages ein Ase als göttliche Morgenröte, und Pferd und Wagen für Tag und Nacht wurden vom Allvater gegeben. Ähnlich doppeldeutig sind die Ratenden im Text. Das altnordische Wort „regin“ wird in der Edda gewöhnlich auf die Götter bezogen. Doch hier sind offenbar alle Wesen gemeint, die durch ihr Wissen schöpferisch gestaltende Macht besitzen und in der Welt von Tag und Nacht leben.
In dieser Hinsicht wird wohl auch von Odin der Tau in den Tälern angesprochen. Der Morgentau am Ende der Nacht war für die Menschen damals sicherlich ein großes Wunder, wo plötzlich die Wassertropfen und sogar der Reif herkamen, die dann die Sonne wieder verschwinden ließ. Auch darin kann man ein magisches Runengeheimnis sehen, um über geistige Prinzipien nachzudenken, die sich darin widerspiegeln.
15. Wafthrudnir: Sage mir, Gagnrad, da du von der Vorhalle dein Geschick erproben willst, wie der Fluss heißt, der zwischen den Söhnen der Riesen und den Göttern das Land teilt.
16. Odin: Ifing („Wellenfluss, Eibenfluss“?) heißt der Fluss, der zwischen den Söhnen der Riesen und den Göttern das Land teilt. Frei wird er für alle Zeiten fließen, und nie gibt es Eis auf dem Fluss.
17. Wafthrudnir: Sage mir, Gagnrad, da du von der Vorhalle dein Geschick erproben willst, wie das Feld heißt, auf dem es zum Kampf zwischen Surt (dem Feuerriesen Surtur) und den milden (gnädigen) Göttern kommt.
18. Odin: Wigrid („Kampfwelle, Kampfreiter“) heißt das Feld, auf dem es zum Kampf zwischen Surt und den milden Göttern kommt. Hundert Meilen misst es in jede Richtung. Dies ist ihnen als Feld bestimmt.
19. Wafthrudnir: Klug bist du, Gast, komm auf die Bank des Riesen! Lass uns zusammen auf dem Sitz sprechen! Um den Kopf wollen wir in der Halle mit Klugheit wetten, Gast.
So fragt nun der begriffliche Verstand von Wafthrudnir weiter nach Gegensätzen, um sich darin zu verstricken. Was ist das für ein Fluss, der die Welt zwischen den Söhnen der geistigen Götter und körperlichen Riesen teilt? Der „Eibenfluss“ erinnert an den Lebensbaum und Fluss des Lebens mit seinen beiden Ufern von Geist und Natur. Er wird immer fließen, wenn auch in Wellen. Denn dafür sorgen die Götter als ganzheitliche Wesen auf beiden Seiten des Flusses, dass er niemals völlig erstarrt. Dafür steht symbolisch auch Odins Sohn Wali als Gott des Lebensprinzips, der ledig bleibt und sogar Ragnarök überlebt.
Doch der körperliche Riese sieht natürlich ein Ende seines Lebens. So fragt er nun auch nach dem Feld von Ragnarök, wo die Götter ihr Ende finden. Odin gibt diesem Feld einen mystischen Namen, der mehr auf ein Wesen hindeutet, das auf dem Kampf der Gegensätze reitet. Womit vermutlich der weltliche Verstand gemeint ist. Auch die Größe ist vermutlich mehr symbolisch gemeint, und die Hundert deuten auf die 100% der Ganzheit hin. Das heißt, dieses Feld ist überall, in allen Welten, in der ganzen Schöpfung des Verstandes.
Aufgrund dieser Antworten ahnt der Riese offenbar, dass er nicht mit einem gewöhnlichen Gast spricht. So lädt er ihn in seine Halle ein, vermutlich sogar auf den Hochsitz bzw. Thron an seine Seite. Aber dort kann natürlich nur ein König sitzen. So geht nun die Wette um den Kopf bzw. Verstand, das heißt, um die allgemeine Riesenfrage nach der „Übermacht“: Wer hat Macht über wen oder was? Herrscht der Geist über den Körper? Oder der Körper über den Geist? Und wie der Riese zuvor den Gott in der Außenwelt befragt hatte, so befragt nun der Gott aus der Innenwelt den Riesen. Hier können wir uns gut vorstellen, wie im reifen Alter eines Menschen plötzlich Fragen auftauchen, die seine gewohnte Vorstellungswelt hinterfragen:
20. Odin: Sage das als Erstes, wenn dein Verstand etwas taugt und du, Wafthrudnir, es weißt: Woher kamen ursprünglich die Erde und der Himmel darüber, weiser Riese?
21. Wafthrudnir: Aus Ymirs Fleisch (dem „Zwitter“ als „Eis-Riese des erstarrten Universums“) wurde die Erde geschaffen, und aus den Knochen die Berge, der Himmel aus dem Schädel des eiskalten Riesen, aber aus dem Blut das Meer.
22. Odin: Sage das als Zweites, wenn dein Verstand etwas taugt und du, Wafthrudnir, es weißt: Woher kam der Mond, sodass er über die Menschen zieht, und auch die Sonne?
23. Wafthrudnir: Mundilfari (der „Zeitbewegte“) heißt er, der des Mondes Vater und auch der Sonne ist. Den Himmel sollen sie jeden Tag umkreisen, den Menschen zur Jahresberechnung.
24. Odin: Sage das als Drittes, da man dich klug heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Woher kamen der Tag, der über das Volk zieht, und die Nacht mit dem Neumond?
25. Wafthrudnir: Delling („Morgenröte“) heißt der Vater von Dagr (Tag), aber Nott (Nacht) wurde Nörfi (dem „Dunkel-Riesen“) geboren. Vollmond und Neumond schufen die herrlichen Ratenden (mächtig Wissenden), den Menschen zur Jahresberechnung.
26. Odin: Sage das als Viertes, da man dich weise heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Woher kamen der Winter und der warme Sommer ursprünglich zu den weisen Ratenden.
27. Wafthrudnir: Windswal (der „Windkalte“) heißt der Vater des Winters, aber Swasud (der „Milde“) des Sommers.
So beginnt nun Odin, die Verstandeswelt des körperlichen Riesen zu hinterfragen. Zuerst fragt er nach dem Ursprung der äußerlichen Schöpfung. Der Riese sieht hier natürlich wieder einen körperlichen Riesen, aus dem alles entstanden ist. So wird es auch in „Gylfis Illusion“ erzählt. Aber dort wird auch gesagt: „Er (Gott und Allvater) schuf Himmel, Erde und Luft, sowie alles, was dazugehört.“ Hier zeigt sich das wunderliche am Verstand: Er kann alles aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Ist es nun eine geistige oder körperliche Schöpfung?
Ähnlich fragt dann Odin nach dem Ursprung von Sonne und Mond, Tag und Nacht, sowie Sommer und Winter im Spiel der weltlichen Gegensätze. Auch hier kann man „Gylfis Illusion“ so verstehen, dass alles von Ymir abstammt, aber auch von Mimir aus dem Auge Odins. So steht dort zum Beispiel zur Sonne: „Die Götter hatten sie geschaffen, damit sie die Welt erleuchte, bestehend aus den Funken, die aus Muspelheim aufflogen.“
28. Odin: Sage das als Fünftes, da man dich weise heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Wer war der Älteste der Asen oder von Ymirs Verwandten in Urtagen?
29. Wafthrudnir: Unzählige Jahre bevor die Erde erschaffen wurde, da wurde Bergelmir („Berg-Schreier“) geboren. Thrudgelmir („Kraft-Schreier“) war dessen Vater, Aurgelmir („Schlamm-Schreier“) der Großvater.
30. Odin: Sage das als Sechstes, da man dich klug heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Woher kam ursprünglich Aurgelmir zu der Riesen Söhne, oh weiser Riese.
31. Wafthrudnir: Aus dem Eliwagar spritzten Gifttropfen und wuchsen, bis daraus ein Riese (Aurgelmir bzw. Ymir) wurde. Unsere Familien entstanden dort alle zusammen, darum sind sie immer zutiefst schrecklich.
So treibt nun Odin das Fragespiel vorsichtig immer weiter bis zum Ursprung von Allem, darin auch die Frage nach der Wahrheit liegt, nach dem was war, bevor etwas wurde. Doch der Verstand des Riesen hängt hartnäckig an der körperlichen Schöpfung, wo er sich etwas Greifbares vorstellen kann. Der Eliwagar wird in „Gylfis Illusion“ als ein Fluss der Flüsse beschrieben, der sich von seinem Ursprung entfernt und immer mehr vereist und erstarrt, so dass daraus der Frostriese Ymir wurde, den die Frostriesen auch Aurgelmir nennen, den „auftauenden Ymir“. Das Gift bzw. Unheil wäre die Trennung vom Ursprung und damit vom Leben, so dass daraus auch schreckliches Leiden entsteht. Die Endung Gelmir lässt sich als „Schreien, Brüllen oder Lärmen“ deuten und scheint zunächst nicht zu einem erstarrten Frostriesen zu passen. Gemeint ist wohl das innere Potential an mächtigem Wissen, dass natürlich danach drängt, irgendwann wieder aufzutauen und sich auszusprechen bzw. auszuwirken. Manche Forscher deuten Gelmir auch als „Gerste“, die an den karmischen Samen erinnert, der sich auswachsen und auswirken will.
So weiß auch unsere moderne Wissenschaft, wieviel Macht und Kraft in der Materie steckt, so dass man daraus schrecklichste Atombomben bauen konnte. Auch das war ein „lauter Schrei“, der durch unsere Welt ging.
32. Odin: Sage das als Siebentes, da man dich klug heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Wie zeugte er Kinder, der kühne Riese, wo er doch kein Liebesspiel mit einer Riesin hatte?
33. Wafthrudnir: Unter dem Arm wuchsen - so sagt man - dem Frostriesen gemeinsam Mädchen und Junge. Dann zeugte der eine Fuß mit dem anderen Fuß des weisen Riesen einen sechsköpfigen Sohn.
34. Odin: Sage das als Achtes, da man dich weise heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Wessen erinnerst du dich zuerst, und was weißt du an Ältestem? Du bist doch allweise, Riese.
35. Wafthrudnir: Unzählige Jahre bevor die Erde erschaffen wurde, da wurde Bergelmir geboren. Daran erinnere ich mich als Erstes, dass dieser kluge Riese auf ein Schiff (oder einen Mahlkasten) gelegt wurde.
Wenn ein Körper als Ymir der Ursprung ist, woher kommen dann Mann und Frau? Hier stellt sich der Verstand des Riesen eine Trennung wie in Adam und Eva vor. Symbolisch könnten wir an den Weltenbaum denken, wie er eine rechte und linke Hälfte als Geist und Natur hat. Die beiden Füße wären dann der Schicksals- und Geburtsbrunnen, zwischen denen im Schöpfungsbrunnen ein sechsköpfiger Sohn gezeugt und geboren wird. Das müsste dann Thrudgelmir als Sohn von Aurgelmir bzw. Ymir sein, sozusagen ein lebendiger und damit kraftvoller Gelmir. Die sechs Köpfe erinnern an die fünf Sinne mit dem Denken. Doch auch in ihm könnte man symbolisch den lebendigen Weltenbaum wiedererkennen: Die oberen sechs Welten als seine Köpfe, Muspelheim und Niflheim als seine Arme, sein Körper wäre der Stamm von Jötunheim, und seine Füße bzw. Wurzeln, auf denen er steht, wären die beiden Brunnen von Schicksal und Geburt. Daraus wurde dann Bergelmir, die materielle Schöpfung, aus der auch die Erde entstand, die wie ein Schiff im Meer des Lebens bzw. Meer der Ursachen schwimmt. Bezüglich des Mahlkastens könnte man auch an die Mühle Grotti denken oder an Thors Hammer als Zermalmer, damit die Schöpfung lebendig bleibt.

Aber weiter kann sich der Verstand des körperlichen Riesen nicht zurückerinnern. Und so beginnt nun Odin, mit seiner neunten Frage vorsichtig nach etwas Unsichtbarem zu fragen:
36. Odin: Sage das als Neuntes, da man dich klug heißt, und du, Wafthrudnir, es weißt: Woher kommt der Wind, sodass er über das Wasser weht? Doch nie sieht man ihn selbst.
37. Wafthrudnir: Hräswelg („Leichen-Verschlinger“) heißt er, der am (nördlichen) Himmelsrand sitzt, ein Riese in Adlergestalt. Von seinen Flügeln - so sagt man - kommt der Wind über alle Wesen.
Auch hier antwortet der Riese wieder mit einer Vorstellung aus „Gylfis Illusion“ von einem Riesen in Adlergestalt. Gemeint ist wohl die Begierde, die sich auch in der Wissbegierde zeigt, die den Wind des Geistes erregt, wenn sie versucht, sich aus der begrenzten Welt wieder in die Ganzheit zu erheben. Dies ist zwar das große Ziel, aber als körperlich abgetrenntes Wesen, das nur die körperliche Schöpfung sieht, bleibt es unmöglich. Daher fragt nun Odin vorsichtig weiter nach dem Ursprung der Götter:
38. Odin: Sage das als Zehntes, da du der Götter ganzes Geschick kennst, Wafthrudnir: Woher kam Njörd zu den Söhnen der Asen? Tempel und Altäre hat er in großer Zahl, und doch wurde er nicht den Asen geboren.
39. Wafthrudnir: In Wanaheim erschufen ihn weise Ratende (mächtig Wissende) und gaben ihn als Geisel den Göttern. Am Ende der Welt wird er wieder zu den weisen Wanen heimkehren.
Hier spielt Odin auf den großen Krieg zwischen den Asen und Wanen als Geist und Natur zu Beginn der Schöpfung an, in dem es keine Entscheidung gab und sich beide Seiten friedlich einigten und als ganzheitliche Götter anerkannten. Dazu wurden symbolisch „Geiseln“ ausgetauscht, und der Wane Njörd wurde ein Ase. Doch auch hier kann sich der Riese nicht vorstellen, dass beide Seiten vom gleichen göttlichen Wesen sind, sondern beharrt auf seiner Unterscheidung, so dass am Ende der Welt Njörd wieder ein Wane wird. Daher fragt nun Odin nach dem Lauf des Lebens:
40. Odin: Sage das als Elftes, wo sich die Männer im Hof jeden Tag im Kampf üben: Was tun die Einherier beim Heervater, bis die Ratenden untergehen?
41. Wafthrudnir: Alle Einherier schlagen (fällen) sich jeden Tag in Odins Hof. Sie wählen die Gefallenen und reiten vom Kampf heim. Dann sitzen sie umso versöhnter zusammen.
42. Odin: Sage das als Zwölftes, da du der Götter ganzes Geschick kennst, Wafthrudnir: Was ist die sichere Wahrheit von den Geheimnissen der Riesen und aller Götter, allkluger Riese?
43. Wafthrudnir: Von den Geheimnissen der Riesen und aller Götter kann ich die sichere Wahrheit sagen, denn jede Welt habe ich aufgesucht: Durch neun Welten kam ich bis nach Niflhel hinunter, dort sterben die Wesen in der Hel (dunklen Höhle bzw. Hölle).
Die Einherier sind ein typisches Beispiel für die Regeneration des Lebens. So heißt es in „Gylfis Illusion“, dass sie jeden Tag in Odins Hof, der Schöpfung des Allvaters, miteinander kämpfen und alle fallen. Das heißt, es gibt keine Sieger, und das ist genial, denn damit gibt es auch keine Verlierer und keinen Verlust des Lebens. So wählen sie sich selbst als Gefallene zum Leben, um dann noch versöhnter beisammenzusitzen. Davon spricht zwar der Verstand des körperlichen Riesen, wie er es aus „Gylfis Illusion“ gehört hat, aber verstehen kann er es offenbar nicht.
Denn als Odin nachfragt, spricht er vom Tod als Ende des Lebens in Niflhel, der neunten Welt. Ja, so denkt wohl jedes körperliche Wesen, das als Einzelkämpfer lebt und nicht im göttlichen Heer der Einheit. Es glaubt, das Sicherste im Leben sei der Tod, denn alles, was geboren wird, muss wieder sterben, und alles was entsteht, muss wieder vergehen. Daher fragt Odin immer beharrlicher nach dem Ursprung von Allem. Was ist es, das immer bleibt und niemals vergeht?
Damit schließt sich ein Kreis von zwölf Fragen, und es folgen bis zum Höhepunkt noch weitere sechs essentielle Fragen, die alle mit dem Refrain aus Vers 3 beginnen, mit dem Odin zu seinem „Besuch“ aufgebrochen war:
44. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden (mächtig Wissenden). Wer von den Wesen lebt, wenn der berüchtigte Fimbulwinter (der „große Winter“ zu Ragnarök) bei den Wesen vorbei ist?
45. Wafthrudnir: Lif und Lifthrasir („Leben und Lebensdrang“), denn sie werden sich im Wald von Hoddmimir („Hort-Mimir“) verbergen. Morgentau haben sie als Speise, und daraus gehen wieder die Generationen hervor.
Auch hier wiederholt der Riese die Worte aus „Gylfis Illusion“, wie das Leben als Weiblich und Männlich bzw. Natur und Geist sogar Ragnarök übersteht. Dies geschieht in einem geistigen Wald der Vorstellungen, der dann wieder zu Mimirs Brunnen wird, dem Meer der Ursachen. Doch der Verstand trennt dann diesen Mimir-Brunnen der Schöpfung wieder in einen Urd-Brunnen des Schicksals für die geistige Schöpfung und einen Hwergelmir-Brunnen der Geburt für die körperliche Schöpfung. Im Letzteren finden wir wiederum einen „Kessel“-Gelmir, den „Schrei oder Lärm“ der Verkörperung oder der „Gerste“, welche dann in der Mühle der Welt zu „Frodis Frieden“ zermahlen oder zu „Ägirs Bier“ gebraut wird.
In diesem Mimir-Brunnen überleben „Lif und Lifthrasir“, die Lebewesen aus Natur und Geist. Sie ernähren sich vom göttlichen Morgentau, vom Wasser des ewigen Lebens, dass sich durch den Einfluss der Nacht wieder kondensiert und kristallisiert. Und daraus entstehen erneut die Generationen aller Wesen. Doch hat der Riese diese Bedeutung auch tiefgründig verstanden? So folgt eine Kontrollfrage:
46. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden. Woher kommt die Sonne wieder an den klaren Himmel, nachdem sie der Fenrir-Wolf verschlungen hat?
47. Wafthrudnir: Eine Tochter gebärt Albenglanz (die Sonne), bevor Fenrir sie packt. Sie soll die Wege der Mutter reiten, wenn die Ratenden sterben.
Offenbar fehlt es immer noch an Tiefe, denn die körperliche Sonne kann sich Wafthrudnir wieder nur in einer körperlichen Schöpfung vorstellen, und nicht in einer geistigen, wie es ebenfalls in „Gylfis Illusion“ heißt: „Die Götter hatten sie geschaffen, damit sie die Welt erleuchte, bestehend aus den Funken, die aus Muspelheim aufflogen.“
48. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden. Wer sind die Mädchen (Jungfrauen), die über das Meer ziehen, kluggesinnt fahren?
49. Wafthrudnir: Drei mächtige Ströme fallen von den Mädchen Mögthrasirs (dem „Söhne-Drang“) über das Gehöft (der Schöpfung). Sie allein sind die Schutzgeister in der Welt, obwohl sie bei den Riesen aufwuchsen.
Hier sind vermutlich die drei Schicksalsnornen gemeint: Urd, Skuld und Verdandi als allgemeines Schicksal, persönliche Schuld und persönliches Verdienst, die aus dem Meer der Ursachen kommen und über die Schöpfung bestimmen. Damit sind sie drei Aspekte der reinen Seele der Natur als Prinzip der Verursachung, und ihr Vater drängt nach Söhnen als geistige Wirkungen.
So fragte nun Odin direkt nach dem Urd-Brunnen der geistigen Schöpfung. Doch auch diese Schicksalskräfte zum Schutz der Schöpfung ordnete der Verstand von Wafthrudnir dem körperlichen Riesenvolk zu. Das ist natürlich nicht grundsätzlich falsch, aber bringt ihn nicht weiter ins tiefere Verständnis.
50. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden. Welche Asen walten über das Erbe der Götter, wenn Surts Flamme erlischt (und der Feuerriese Surtur zu Ragnarök alles verbrannt hat)?
51. Wafthrudnir: Widar und Wali (Odins Söhne „Stille“ und „Leben“) walten des Heiligtums der Götter, nachdem Surts Flamme erlosch. Und Modi und Magni (Thors Söhne „Mut“ und „Macht“) werden Mjölnir schwingen, um Wignirs (Thors) Kampf weiterzuführen.
52. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden. Was wird aus Odin zum Lebensende, wenn die Ratenden (mächtig Wissenden) untergehen?
53. Wafthrudnir: Der (Fenris-) Wolf wird den Allvater verschlingen. Das wird Widar (der Gott des Schweigens) rächen. Die feindlichen Kiefer wird er im Kampf gegen den (Fenris-) Wolf auseinanderreißen.
Ja, es ist ein weiter Weg für unseren Verstand, um bis zum Ursprung vorzudringen. Und doch ist es der große Weg, und der Allvater der Schöpfung fragt beharrlich immer wieder danach. Was bleibt, wenn die gesamte Schöpfung verbrannt wird und sich alle Gestaltungen auflösen? Auch hier stützt sich der Verstandes-Riese wieder auf „Gylfis Illusion“. Darin wird berichtet, wie die Grundprinzipien der Schöpfung auch Ragnarök überleben. Am schwersten zu verstehen ist wohl Widar, der „Gott des Schweigens und schweigende Kämpfer im Wald“ der Vorstellungen, wie er im Skaldenbuch bezeichnet wird. Das Sprichwort sagt: „Schweigen ist Gold, Reden ist Silber.“ Daher kommt Widar dem Gold der Wahrheit am nächsten, dem formlosen Bewusstsein, das jede Form annehmen kann, so dass es die beständige Grundlage von allem ist, der berühmte „Stein der Weisen“. Daher muss schließlich auch jede Form von Odin und die gesamte Schöpfung des Allvaters vom Wolf der Vergänglichkeit verschlungen werden. Denn alles, was entsteht, muss wieder vergehen. Nur einer kann diesen Wolf besiegen, und das ist wiederum Widar, das stille formlose Bewusstsein selbst, das Auge Odins. Er kann den Rachen des Wolfes so weit auseinanderreißen, dass sich wieder ein weiter Bewusstseinsraum für eine neue Schöpfung öffnet. Starke Symbolik!
So fragt nun Odin nach sich selbst:
54. Odin: Viel zog ich herum, viel versuchte ich, viel erprobte ich die Ratenden. Was sagte Odin selbst, ehe er den Scheiterhaufen bestieg, dem Sohn ins Ohr?
55. Wafthrudnir: Kein Wesen weiß, was du in Urtagen dem Sohn ins Ohr sagtest. Mit todgeweihtem Mund sprach ich mein altes Wissen, auch von Ragnarök. Mit Odin erprobte ich nun mein Redegeschick. Du wirst stets der Weiseste sein.
(Vafþrúðnismál nach Arnulf Krause, Karl Simrock und Edward Pettit)
Damit endet das Lied von Wafthrudnir so plötzlich wie ein Zen-Koan mit einem Durchbruch der Intuition. Darüber kann man viel nachdenken. Die übliche Deutung besagt, dass es sich hier um den Scheiterhaufen für Odins Sohn Balder handelt, dem Gott der Lichtheit, der mit der Waffe Lokis von seinem eigenen Bruder Hödur, dem Gott der Dunkelheit, getötet wurde. Auch diese Geschichte wird in „Gylfis Illusion“ erzählt. Doch sie berichtet nicht, ob Odin seinem Sohn auf dem Scheiterhaufen etwas ins Ohr flüsterte. Sie berichtet nur, dass er den Goldring Draupnir mit ins Feuer gab, den Ring der Erneuerung und Regeneration, den dann Balder aus dem Totenreich der Hel wieder zurücksandte, und zwar mit seinem Bruder Hermodr als „Botschafter“. Ja, in dieser tiefsinnigen Symbolik kann man das Wesen des Lebens erkennen. Doch Odin selbst?
Wir vermuten, dass hier der Scheiterhaufen von Odin selbst gemeint ist, wie er zu Ragnarök als Allvater mit der gesamten Schöpfung im Feuer von Surtur verbrennt. Seine letzte Botschaft flüstert er dann als Vermächtnis und Beginn der neuen Schöpfung seinem Sohn Widar ins Ohr, sozusagen im Ursprung der Urtage. Doch was kann man einem Gott der Stille ins Ohr flüstern, sodass es niemand hört? Hier könnte man nun über das wahre Wesen von Odin selbst nachdenken, das stille und formlose Bewusstsein, das sich überall in der Schöpfung ausspricht, damit sich die Wesen in ihm selbst wiedererkennen. Es geht also um die berühmte Selbsterkenntnis. Wie es im letzten Vers so schön heißt: Der Mund ist totgeweiht, aber nicht der Redner und der Hörer. In der ganzen Schöpfung spricht das Wissen bzw. Bewusstsein mit sich selbst, das eine Auge von Odin mit dem anderen, als Gottbewusstsein und Selbstbewusstsein. Wie man es auch immer nennen will, denn begreifen kann man es nicht. Sogar in „Gylfis Illusion“ wird von diesem göttlichen Bewusstsein erzählt. Und mit dieser Erkenntnis verschwindet Wafthrudnir, der „mächtig Verstrickende“, als körperlicher Verstand samt seinem eigenen Wissen. Das Lied von Wafthrudnir ist zu Ende, doch die Wahrheit bleibt.
Wunderbar! Wer bin Ich? Ja, so etwas können Menschen erfahren. Sogar C. G. Jung, der berühmte Psychiater und der Begründer der modernen analytischen Psychologie, schreibt in seinen „Erinnerungen“:
Über das Problem der Beziehung von Selbst und Ich hatte ich schon einmal geträumt. In jenem früheren Traum befand ich mich auf der Wanderschaft. Auf einer kleinen Straße ging ich durch eine hügelige Landschaft, die Sonne schien, und ich hatte einen weiten Ausblick ringsum. Da kam ich an eine kleine Wegkapelle. Die Tür war angelehnt, und ich ging hinein. Zu meinem Erstaunen befand sich auf dem Altar kein Muttergottesbild und auch kein Crucifix, sondern nur ein Arrangement aus herrlichen Blumen. Dann aber sah ich, dass vor dem Altar, auf dem Boden, mir zugewandt, ein Yogin saß - im Lotussitz und in tiefer Versenkung. Als ich ihn näher anschaute, erkannte ich, dass er mein Gesicht hatte. Ich erschrak zutiefst und erwachte an dem Gedanken: Ach so, das ist der, der mich meditiert. Er hat einen Traum, und das bin ich. Ich wusste, dass wenn er erwacht, ich nicht mehr sein werde.
(C. G. Jung, Erinnerungen, S.326)
In diesem „Erwachen“ kann man das Ziel der gesamten Schöpfung erkennen, das Ziel der Wissbegierde, des Verstandes, der Weisheit und auch das Ziel von „Gylfis Illusion“. Und nachdem wir in Bruchstücken so viel davon gesprochen haben, möchten wir im Folgenden diesen Edda-Text noch einmal im Ganzen näher betrachten.