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Nachdem wir so viel von den Göttern geschrieben haben und wie sie mit der Zeit immer menschlicher geworden waren, möchten wir nun in den Heldenliedern der Edda auch nach den Menschen suchen, die dem Ideal der Einherier folgten und mit der Zeit immer göttlicher wurden. Das Hauptproblem auf diesem Weg wurde im letzten Kapitel im letzten Vers der Völuspa angedeutet, nämlich der Ego-Drache und die Hass-Schlange als Prinzipien der Abgrenzung und Trennung. Damit möchten wir nun unsere Reise in die geistige Welt der Edda fortsetzen und uns zunächst anschauen, wie der Drache Fafnir entstehen konnte, den Sigurd später besiegte.
Diese Geschichte haben wir bereits im Kapitel über „Das Wesen von Loki“ in der „Geschichte der Otter-Buße“ als Zusammenfassung aus dem Skaldenbuch kenngelernt. Zur Erinnerung und weiteren Vertiefung der Deutung möchten wir uns nun das „Regin-Lied“ anschauen, auf das sich das Skaldenbuch stützte:
Sigurd ging zum Gestüt Hjalpreks („hilfreicher Herrscher“) und wählte sich dort ein Pferd, das seitdem Grani genannt wurde (das „Graue, Bärtige“). Auch Regin, der Sohn Hreidmars („Nest-Ruhm“), war zu Hjalprek gekommen. Er war kunstfertiger als jeder andere Mann und ein Zwerg an Wuchs. Klug war er, grimmig und zauberkundig.
Der Name von König Hjalprek kann als „hilfreicher Herrscher“ gedeutet werden. Die Wölsung-Sage berichtet, dass er in Dänemark herrschte, das wir symbolisch schon öfter als Reich der Göttersöhne gedeutet haben. Weiterhin erzählt die Sage: Als König Sigmund („Sieg-Beschützer“) in der Schlacht gefallen war, ging seine schwangere Ehefrau Hjördis („Schwert-Dise, Schwert-Göttin“) zu König Hjalprek und gebar dort Sigurd, den berühmten Erben von Sigmund, dessen Name ebenso „Sieg-Beschützer“ bedeutet. Danach wurde Hjördis mit Alf verheiratet, einem Sohn von König Hjalprek, dessen Name symbolisch an die Alfen bzw. Zwerge als Naturgeister erinnert, die zur körperlichen Gestaltung von den Göttern geschaffen wurden. So wuchs der Knabe Sigurd am Königshof Hjalpreks auf, und Regin wurde dort sein Ziehvater und Lehrer.
Symbolisch empfängt er damit aus dem Gestüt Hjalpreks im Reich der Göttersöhne seine Körperlichkeit, um sich in der körperlichen Welt zu bewegen, wie auch Odin auf Sleipnir reitet. So wurde Sigurd ein außergewöhnlich herausragender Held. Dazu erzählt die Wölsung-Sage weiter:
Regin sprach zu Sigurd: „Wunderlich ist es, dass du der Pferdeknecht der Könige werden willst und wie die Landstreicher einhergehen.“ Sigurd antwortete: „Das ist nicht der Fall, denn ich entscheide über alles mit ihnen (den Königen), und mir steht zur Verfügung, was ich haben will.“ Darauf sprach Regin: „Dann bitte Hjalprek, dir ein Pferd zu geben.“ Sigurd antwortete: „Das wird sogleich geschehen, wenn ich will.“
Sigurd ging zu den Königen. Da fragte ihn der König: „Was willst du von uns haben?“ Sigurd antwortete: „Ein Pferd möchte ich mir zur Unterhaltung haben.“ Der König sprach: „Wähle dir selbst ein Pferd und was du sonst haben willst von unserem Reichtum.“
Tags darauf begab sich Sigurd in den Wald und begegnete einem alten Mann mit langem Bart, der ihm unbekannt war. Dieser fragte, wohin Sigurd sich begeben wollte. Der antwortete: „Ein Pferd will ich wählen, gib mir einen guten Rat dazu.“ Er sprach: „Lass uns hingehen und sie nach dem Fluss treiben, der Busiltjörn heißt („wildes Gewässer“).“ Sie trieben die Pferde in die Tiefe des Flusses hinein, aber alle schwammen schnell ans Land außer einem Hengst - den nahm Sigurd. Er war grau an Farbe und jung von Jahren, groß von Wuchs und zu den besten Hoffnungen berechtigend. Noch niemand hatte seinen Rücken bestiegen. Der bärtige Mann sprach: „Dieser Hengst stammt von Sleipnir ab, und er soll sorgfältig erzogen werden, denn er wird besser werden als alle anderen Pferde.“ Daraufhin verschwand der Mann. Sigurd nannte den Hengst Grani (das „Graue, Bärtige“), und er ist der beste Hengst gewesen. Es war aber Odin, der zu ihm gekommen war.
(Wölsung Saga, Kapitel 13 nach Paul Herrmann)
Regin übernahm Sigurds Erziehung und Unterweisung und liebte ihn sehr. Er erzählte ihm von seinen Vorfahren und den Ereignissen, wie einst Odin, Hönir und Loki zu Andwaris Wasserfall gekommen waren, in dem es viele Fische gab. Ein Zwerg, der Andwari hieß (der „Gegenwärtige, Achtsame“), hielt sich lange Zeit in diesem Wasserfall in der Gestalt eines Hechts auf und verschaffte sich dort seine Nahrung.
Regin sprach weiter: Otter hieß unser Bruder. Er ging oft in der Gestalt eines Otters in den Wasserfall. Einst hatte er einen Lachs gefangen, saß am Flussufer und aß blinzelnd (unachtsam dösend). Da erschlug ihn Loki mit einem Stein. Die Asen meinten, viel Glück gehabt zu haben, und zogen dem Otter den Balg (das Fell) ab.
Hier erzählt nun Regin die Geschichte von seinem Vater Hreidmar und seinen Brüdern Otter und Fafnir. Der Name Hreidmar lässt sich als „Nest-Ruhm“ deuten, sozusagen ein irdisches Wesen, das sich ein Nest einrichtet, um ruhmreich zu wirken. Im Skaldenbuch wird er als ein „starker und zauberkundiger Bauer in seinem Gehöft“ beschrieben. So erinnert er uns symbolisch an einen körperlichen Menschen, der in der irdischen Schöpfung lebt, dient und arbeitet. Seine „Zauberkunde“ verweist auf jene Macht des Bewusstseins, die sich mit körperlichen Formen identifizieren und dadurch Illusionen hervorbringen kann.
Seine drei Söhne Fafnir, Regin und Otter kann man als geistige Wesen in diesem Menschen betrachten, die wir als Ego, Verstand und Vernunft deuten möchten. Die Bedeutung des Namens Regin haben wir bereits als „mächtig Wissenden“ oder „Macht des Wissens“ im Sinne des schöpferischen Verstandes kennengelernt. Fafnir lässt sich als „Umklammerung“ oder „Greif“ deuten und wird damit später zum Ego-Drachen. Otter (altnordisch „Otr“) haben wir im Hinblick auf „Odr“ als göttlichen Lebensgeist und damit auch als ganzheitliche Vernunft gedeutet, die der Mensch von den Göttern empfangen hat. Entsprechend heißt es in der Völuspa, Vers 18, als das erste Menschenpaar belebt wurde: „Odin gab ihnen Seele (Lebensatem), Hönir gab Vernunft (Odr) und Lodurr gab Blut und gutes Aussehen.“
So kann man sich diese ganze Geschichte im Prinzip in einem Menschen vorstellen, wie sich Ego, Verstand und Vernunft in ihm verhalten und entwickeln können. Der Wasserfall erinnert an das Wasser des Lebens im Fluss der Schöpfung. Darin lebt Andwari, der „Gegen-Wärtige“, in dem wir das Bewusstsein erkennen können, dass dort wie ein Hecht seine Nahrung jagt. Und als Zwerg erinnert er an die Gestaltungskraft der Naturgeister.
So sucht auch der Otter als Lebensgeist im Menschen seine Nahrung im Fluss der Schöpfung, sollte aber als ganzheitliche Vernunft leben und achtsam sein, wie es dem Ziel der Gottheit und damit auch der gesamten Schöpfung entspricht. Entsprechend erscheinen nun auch die Götter Hönir, Odin und Loki als göttliche Vernunft, Wirkung und Gegenwirkung. Über dieses „Wirkungs-Dreieck“ haben wir schon viel geschrieben, um die Schöpfung zur ganzheitlichen Vernunft zu entwickeln.
Doch die menschliche Vernunft „blinzelte“, wurde unachtsam und war sich ihrer Göttlichkeit nicht mehr bewusst, als sie sich vom Lachs als Symbol für die Geschöpfe ernährte, die sich im Fluss der Schöpfung immer wieder regenerieren. Sie vergaß bei ihrer formhaften Ernährung im Fluss der Schöpfung die göttliche Ganzheit um sich herum und fiel in die Tierhaftigkeit, die hier symbolisch als Otter erscheint. Daraufhin erfüllte Loki als notwendige Gegenwirkung seine Aufgabe „zum Glück der Götter“ und erschlug diese gefallene Vernunft, die durch Unachtsamkeit degeneriert war, mit einem Stein als Symbol für ihre Erstarrung. Nun ist sie im Prozess des Lebens herausgefordert, sich selbst wieder zu erkennen und zu ihrem wahren Wesen zurückzufinden. In dieser „Selbsterkenntnis“ wird später Sigurd als heranwachsende Vernunft die Hauptrolle spielen.
Dann „zogen sie dem Otter den Balg ab“. Das könnte bedeuten, sie befreiten die Vernunft von ihrer äußerlich-tierhaften Form, und vermutlich verzehrten sie gemeinsam das innere Wesen, um es in die Ganzheit zurückzuführen und als Sigurd erneut hervorzubringen.
Am selben Abend nahmen sie Nachtquartier bei Hreidmar und zeigten ihre Beute. Da nahmen wir sie gefangen und legten ihnen als Auslösung für ihr Leben auf, den Otterbalg mit Gold zu füllen und ihn außen mit rotem Gold zu bedecken. Da sandten sie Loki, das Gold zu beschaffen. Er kam zu Ran („Raub, Mangel“, Ehefrau von Ägir), erhielt ihr Netz und ging zu Andwaris Wasserfall. Dort warf er das Netz vor den Hecht, und dieser schwamm hinein.
Wunder! Wie kann man Götter gefangen nehmen? Ja, mit dem Verlust der ganzheitlichen Vernunft, kann der Mensch auch keine reinen Götter mehr erkennen. Er sieht sie nun durch Schuld gebunden und fordert zu Recht eine Wiedergutmachung von ihnen, um sich von ihrer Schuld zu befreien. Und dazu gibt es das alte Sprichwort: „Gott nimmt nichts, ohne etwas Besseres dafür zu geben.“ Dieses Bessere ist das Gold als Symbol der Wahrheit, denn dies ist das wahre Wesen der ganzheitlichen Vernunft.
Auch hier ist wieder Loki als Gegenwirkung gefordert. Wo findet man das Gold der Wahrheit? Natürlich bei Andwari, der „Gegenwärtigkeit“ im Wasser des Lebens. Hier kann man wieder an das reine Bewusstsein denken, wie auch unsere moderne Wissenschaft weiß: „Information ist der Urstoff des Universums.“ Entsprechend wird auch im Skaldenbuch das Gold „Feuer des Wassers, Meeres oder Flusses“ sowie „Feuer, Licht oder Glanz Ägirs, der Ran oder der Töchter Ägirs“ genannt.
Wie kann man nun diese „Gegenwärtigkeit“ einfangen, um an das Gold zu kommen? Dazu ist das Netz der Ran ein wundervolles Symbol. Ran bedeutet „Raub“, auch im Sinne von „Mangel“, und erinnert an die treibende Kraft in der Natur, an eine ständige Angst vor Verlust und ein ständiges Gefühl der Unvollkommenheit. So ist sie die Ehefrau von Ägir, dem Meerriesen im Wasser des Lebens, den wir als allgemeines Symbol für die Lebewesen kennengerlernt haben. Ran und Ägir haben zusammen neun Töchter, die man als neun Wellen oder auch neun Welten betrachten kann. Mit diesen neun Töchtern zeugte Odin Heimdall, das heimleuchtende Bewusstsein, das alles wieder in seine wahre Heimat ruft und führt. Starke Symbolik!
Das Netz der Ran wäre demnach ein „Netz des Raubes“, und das heißt: Mit diesem Netz der Natur wird im Meer des Lebens alles eingefangen, was uns scheinbar geraubt wurde, sodass nichts verloren gehen kann. Denn alles ist mit allem in einem ganzheitlichen Netz verbunden. So wird nun auch der Zwerg Andwari mit diesem unfehlbaren Netz gefangen, das gegenwärtige Bewusstsein, das sich im Wasser des Lebens als Hecht und „Raub-Fisch“ verkörpert hatte.
1. Da sprach Loki: Was ist das für ein Fisch, der in der Flut schwimmt und sich nicht vor Schaden zu schützen weiß? Löse deinen Kopf aus der Hel und finde mir das Feuer der Quelle!
Wer ist dieser Fisch im Fluss des Lebens? Hat er sich selbst erkannt? Oder betrachtet er sich als eine körperliche Form, die verletzbar und sterblich ist? Loki sagt: „Erlöse deinen Kopf des Verstandes mit seiner Vorstellung von Tod aus der Hel und finde mir das Feuer der Quelle!“ Das „Feuer der Quelle“ kann man hier als eine starke Umschreibung für das Gold der Wahrheit betrachten, das im Ursprung vom Fluss der Schöpfung zu finden ist: Sozusagen die „Wahr-Heit“, die ganzheitlich war, bevor etwas wurde.
Auch über das „finde mir“ kann man viel nachdenken. Er soll das Gold der Wahrheit für den Gott finden. Hat Gott nicht selbst die Wahrheit in grenzenloser Fülle? Ja, er ist sogar die Wahrheit selbst. Doch ihm geht es darum, dass die Geschöpfe diese Wahrheit in der Quelle wiederfinden, wohin uns auch Heimdall ruft. Und diese Wahrheit kann man nicht in der Trennung für sich selber finden und besitzen, sondern nur in der Ganzheit und Gottheit. Daher heißt es „finde mir“ und nicht „gib mir“. Denn was könnte man einem Gott geben?
2. Andwari: Andwari heiß ich, Oinn („Furcht“) hieß mein Vater. Manchen Wasserfall habe ich durchwandert. Eine elende Norne bestimmte mir in Urtagen, dass ich im Wasser waten (und wandern) sollte.
Ähnlich würde wohl auch ich auf die Frage antworten: „Wer bist du?“ Denn ich identifiziere mich mit meinem Namen und meiner Abstammung von Eltern, die ebenfalls Verlust und Tod fürchteten. Und natürlich hänge ich an meiner Lebensgeschichte, die mir gewöhnlich so elend und unbefriedigend erscheint, dass ich den Sinn meines Lebens darin sehe, die schicksalhaften Umstände im Fluss des Lebens nach meinen Vorstellungen zu verändern. Doch das ist wohl noch nicht das Gold der Wahrheit, das Loki meint. Daher fragt er weiter:
3. Loki: Sage mir, Andwari, wenn du dein Leben in den Sälen der Menschen bewahren willst: Welche Strafe erhalten die Menschensöhne, wenn sie sich mit Worten verletzen?
4. Andwari: Schwere Strafen erhalten die Menschensöhne, die im Wadgelmir waten (im Fluss „Wate-Geschrei“). Die Folgen der unwahren Worte, die einer über den anderen lügt, müssen noch lange erlitten werden.
Diese beiden kurzen Verse werden gern überlesen, denn sie scheinen zur oberflächlichen Geschichte nichts beizutragen und wurden auch in der Wölsung-Sage weggelassen. Doch aus geistiger Sicht kann man in ihnen den Schlüssel zum Gold der Wahrheit finden und damit auch zum tiefgeistigen Weltbild, das in der Edda beschrieben wird.
Wie kann sich das „gegenwärtige Bewusstsein“ das ewige Leben bewahren? Indem man das Wesen der Worte und Begriffe durchschaut, mit denen der Verstandes-Schmied arbeitet. Daher spielt die „Schöpfung durch das Wort“ in diesem Weltbild der Edda eine zentrale Rolle, und entsprechend haben wir den Mimir-Brunnen am Stamm des Lebens- und Weltenbaums als Verstandes-Schöpfung kennengelernt. Auch Hwergelmir als “Kessel-Schreier” und Geburtsbrunnen für verkörperte Lebewesen erinnert an das „Aussprechen“ von schöpferischen Worten. Darüber hinaus wird auch in der Schöpfungsgeschichte von drei „Gelmirs“ bzw. „Schreiern“ gesprochen, nämlich Bergelmir, Thrudgelmir und Aurgelmir. Einen weiteren finden wir nun als Wadgelmir, der an den wilden Fluss der Schöpfung erinnert, den es durchzuwaten gilt.
Was ist dieses wunderliche Wesen der Worte oder moderner „Informationen“, die „in Formen“ verborgen sind und diese „formatieren“? Darin kann man den Ursprung der gesamten Schöpfung wie auch von sich selbst erkennen und somit das Gold der Wahrheit finden, das alle Formen annehmen kann. Wer diese Wahrheit nicht kennt, der verwendet die Worte als Begriffe dieser Welt und versucht, sie festzuhalten und daran anzuhaften. So werden sie zu Illusionen und Lügen in einer Welt der Trennung und Abgrenzung.
Aber die Wahrheit bleibt, und alle Formen, die daraus entstehen, streben wieder zu ihrer Quelle zurück, nachdem sie das Karma ausgewirkt haben, das durch Worte, Gedanken und Taten angesammelt wurde. Und das kann ein langer Weg von Glück und Leid durch Zeit und Raum sein. Auf dieses Gold der Wahrheit schaut nun auch Loki, und sieht im Fluss der Schöpfung den langen Weg der Selbstverwirklichung des Menschen voraus, dem dieses Gold gegeben wird, um wieder ein vernünftiger Mensch zu werden.
Loki sah alles Gold, das Andwari besaß. Doch als der das Gold hervorgebracht hatte, behielt er einen Ring zurück. Diesen nahm ihm Loki ab.
So bringt nun der Zwerg das Gold der Wahrheit hervor. Dafür wurden wohl auch die Zwerge in der Schöpfungsgeschichte von den Göttern geschaffen bzw. erweckt, um als Naturgeister im Mikrokosmos der Gestaltung diese großartige Aufgabe zu erfüllen. Der goldene Ring erinnert uns an Draupnir, den Ring der Erneuerung und Regeneration in der Natur. Auch diesen haben die Zwerge geschmiedet und an Odin, den Allvater, übergeben. Diesen Ring für sich zu beanspruchen und festhalten zu wollen, ist ein tiefgründiges Problem, das in der nachfolgend langen Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen wird. Auch hier beginnt nun Loki, diesem Problem entgegenzuwirken, nimmt Andwari diesen zurückbehaltenen Ring ab und gibt ihn Odin zurück, wie wir noch lesen werden.
Da ging der Zwerg in den Stein hinein und sprach:
5. Dieses Gold, das Gust („Windhauch, Nebelhauch“) besaß, wird zwei Brüdern den Tod bringen und acht Edlen Streit. Mein Schatz wird niemand nützen.
So begibt sich nun der Zwerg in die Materie der Körperlichkeit und beginnt, mit der Kraft des Wortes zu wirken: Klar, das Gold der Wahrheit kann im Streit der Gegensätze jede Illusion der Dualität töten, und kein persönliches Ego bleibt übrig, das davon einen Nutzen haben könnte.
Praktisch kann man hier an die beiden Brüder Regin und Fafnir denken, wie auch an viele weitere Brüder und Verwandte, die in der langen Geschichte der königlichen Helden noch streiten und sterben werden.
Im Skaldenbuch wird dieser „Spruch“ des Zwerges, der oft auch als Fluch gedeutet wird, vor allem auf den goldenen Ring bezogen, der an Draupnir erinnert, den „Tröpfler“, von dem in jeder neunten Nacht acht gleichschwere Ringe abtropfen. Das könnten auch die „acht Edlen im Streit“ sein, vielleicht sogar die acht Welten um Midgard herum, dem Reich der Trennung, wo die sterblichen Geschöpfe leben. In dieser Hinsicht kann man diesen goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration als treibende Kraft für den Lebenskampf im Reich der Natur betrachten. Hier kann er auch zum Fluch werden, sobald man an einer bestimmten Form festhalten, sie besitzen und nicht wieder loslassen will. Und das geschieht, wenn das Wesen des Goldes nicht erkannt wird, aus dem dieser Ring besteht.
Die Asen reichten Hreidmar den Schatz, füllten damit den Otterbalg und stellten ihn auf die Füße. Dann sollten die Asen Gold darüber legen und ihn bedecken. Als dies geschehen war, trat Hreidmar vor und sah noch ein Barthaar hervorstehen. Er forderte, auch dieses zu bedecken. Da zog Odin den Ring Andwaranaut („Andwaris Gabe“) hervor und bedeckte das Haar.
So wird nun der Otter als Symbol der gefallenen Vernunft wieder auf die Füße der Wahrheit gestellt, mit dem Gold der Wahrheit aufgewogen, erfüllt und auch die äußerliche Form bedeckt. Damit wäre die wahrhafte Vernunft im Menschen eigentlich wiederhergestellt, und der Mensch könnte als ein vernünftiger Mensch leben, der mit ganzheitlicher Sicht als Einherier der Gottheit dient. Doch ganz so schnell geht es wohl nicht, denn auch der Mensch muss seinen Anteil dazu leisten und sein Bewusstsein ganzheitlich dafür hingeben.
So erinnert nun das Haar, das Hreidmar noch sah, symbolisch an einen Gedanken, der aus dieser Wahrheit herausragen will. Damit ist wohl ein persönlicher Besitzanspruch Hreidmars gemeint, den nun Odin selbst mit dem Goldring der Regeneration bedeckt. Das heißt: Was Hreidmar festhalten will, muss vergehen und sich im Kreislauf der Natur durch Ursache und Wirkung verwandeln, wie in einer großen „Problemlösungsmühle“, bis dieses Problem der Anhaftung gelöst ist. Eben dazu dient Andwaranaut, die „Zwergen-Gabe“ als Gestaltungskraft der Natur.
6. Darauf sprach Loki: Das Gold ist dir nun gezahlt, und große Vergeltung hast du für meinen Kopf. Doch deinem Sohn wird es kein Glück schaffen. Es bringt euch beiden den Tod.
Auch gegen diesen Gedanken des Eigenbesitzes wirkt nun Loki und spricht: Ein solcher Mensch wird durch sein Ego sterben, das er wie einen Sohn großzieht, und das hier symbolisch als „Fafnir“ seine Rolle spielt, als „Greif und Umklammerung“. Dabei wäre doch dieses Gold der Wahrheit vollkommen fähig gewesen, den Kopf bzw. Verstand der Gottheit von jeder Schuld zu erlösen und zu befreien, was dann auch die eigene Befreiung und Erlösung bewirkt hätte.
7. Hreidmar: Gaben gabst du, doch gabst keine Liebesgaben, gabst nicht aus heiligem Sinn. Euer Leben hättet ihr verloren, wenn ich dieses Unheil vorher gewusst hätte.
Diese Reaktion ist nun typisch Mensch: „Gott liebt mich nicht! Er heilt mich nicht!“ — Nein, du liebst Gott nicht, sondern nur dich selber als egoistischen Einzelkämpfer, und nicht als Einherier im Dienst der Gottheit. Wie könnte Gott dich heilen, wenn du selbst nicht heil und ganzheitlich sein willst?
8. Loki: Noch übler ist, was ich zu wissen meine: Der Streit der Verwandten und Nachkommen wird nicht enden. Ich glaube, jene Herrscher sind noch ungeboren, denen dies zum Hass bestimmt ist.
Ja, solange der Egoismus in der Menschheit lebt und immer weiter vererbt wird, kann der Streit zwischen den Menschen nicht enden. Denn in der Trennung und Abgrenzung ist wahre Liebe nicht möglich, sondern nur Begierde und Hass aus Unwissenheit, weil die Wahrheit nicht erkannt wurde und die ganzheitliche Vernunft nicht herrscht.
9. Hreidmar: Das rote Gold denke ich zu besitzen, solange ich lebe. Deine Drohungen fürchte ich nicht. Nun geht zurück, von wo ihr gekommen seid!
So bleibt Hreidmar bei seinem egoistischen Besitzanspruch in Raum und Zeit und will das Gold nicht als Wahrheit erkennen, sondern als Begrifflichkeit besitzen. Die göttliche Vorhersage fürchtet er nicht, denn er glaubt wohl, für die weitere Entwicklung nach seinem körperlichen Tod nicht mehr verantwortlich zu sein. Aber gerade darin liegt die Illusion des getrennten Menschen. In Wirklichkeit wirkt alles, was im Bewusstsein nicht gelöst wurde, immer weiter: in den Nachkommen, in der Welt und im Strom der Schöpfung von Ursache und Wirkung. Doch das sieht Hreidmar nicht, und mit dieser Unwissenheit drängt er die ganzheitlichen Götter aus seiner Welt wieder heraus, um seinen Schatz ungestört als persönlichen Besitz genießen zu können.
Fafnir und Regin forderten von Hreidmar Verwandtenbuße für Otter, ihren Bruder. Doch er sagte nein dazu. Da tötete Fafnir den schlafenden Hreidmar, seinen Vater, mit dem Schwert.
So kann nun die ganzheitliche Vernunft in diesem Menschen durch seinen Besitzanspruch nicht wieder lebendig werden, auch wenn die Götter alles dafür getan haben. Dann wird der vernünftige Mensch durch sein eigenes Ego getötet, weil er in den Schlaf der Unachtsamkeit gefallen war und die Wahrheit nicht mehr erkennen konnte und wollte. So verwandelt er sich in ein egohaftes Tierwesen, das wir später noch als Ego-Drachen kennenlernen werden.
Doch im Sterben erinnert er sich noch an zwei weibliche bzw. natürliche Wesen, die jeder Mensch neben seinen geistigen Söhnen an und in sich trägt:
10. Hreidmar rief nach seinen Töchtern: Lyngheid („Kraut-Heide“) und Lofnheid („Gunst- oder Erlaubnis-Heide“), ihr seht mein Leben geraubt! Viel ist es, was die Not (des Schicksals) erzwingt.
Lyngheid antwortete: Selten wird die Schwester, auch wenn sie den Vater verliert, den Schmerz (des Vatermordes) an ihren Brüdern rächen.
In diesen beiden weiblichen bzw. natürlichen Wesen können wir wieder die äußere Gestaltung und die innere Seele der Natur erkennen. Denn die Natur kann man sich symbolisch wie ein „Heide“ als Weideland vorstellen, wo alle Geschöpfe wachsen und gedeihen. Hreidmar selbst spricht natürlich mit Lyngheid, der äußerlichen Gestaltung der Natur. Sie ist jedoch mit der inneren Seele verbunden, die dann als Prinzip der Verursachung für die zukünftige Auswirkung aller karmischen Worte, Gedanken und Taten sorgen wird. Doch diese Folgen treten selten unmittelbar hervor. Gewöhnlich wirken sie durch den männlichen Geist, der die Auswirkung verkörpert, und oft sogar über mehrere Generationen hinweg.
11. Hreidmar sprach: Gebär und erziehe doch eine Tochter, wolfsherzige Dise, wenn du keinen Sohn von einem Fürsten bekommen kannst. Gib der Jungfrau einen Mann in großer Not (des Schicksals)! Dann kann ihr Sohn deinen Schmerz rächen.
Ja, die Natur und ihre Seele der Verursachung kann man als eine „wolfsherzige Dise“ betrachten, eine Schicksalsfrau oder sogar Göttin, deren Wesen mit dem Wolf der Vergänglichkeit arbeitet, damit sich die Schmerzen und Leiden der ungelösten Ursachen auswirken und auflösen können. Damit werden hier auch die zukünftigen Ereignisse angedeutet. Die Tochter erinnert an Hjördis als „Schwert-Dise“, und ihr Sohn an Sigurd als „Sieg-Beschützer“. Die natürlichen Prinzipien von Lyngheid und Lofnheid kann man dann auch in Grimhild und Brynhild wiederfinden. Damit werden im Prinzip auch zwei Wege angedeutet, ein direkter und ein indirekter Weg.

Dann starb Hreidmar, und Fafnir nahm alles Gold. Da verlangte Regin seinen Anteil am Vatererbe, doch Fafnir sagte nein dazu. Daraufhin suchte Regin Rat bei Lyngheid, seiner Schwester, wie er sein Vatererbe einfordern sollte.
12. Sie sprach: Den Bruder sollst du freundlich und mit edlerer Gesinnung um das Erbe bitten. Es ziemt sich nicht, dass du den Schatz mit dem Schwert von Fafnir forderst.
So stirbt nun der vernünftige Mensch, und das Ego übernimmt die eigenwillige Herrschaft über das Bewusstsein. Damit wird auch dem Verstand das Gold der Wahrheit entzogen, und im Skaldenbuch wird berichtet, dass Regin unter Todesdrohung hinaus in die weite Welt geschickt wurde. Das macht auch Sinn, damit er sich im Menschen nicht nach innen richtet und vielleicht die Ego-Herrschaft bedrohen könnte.
Doch die äußerliche Natur hilft dem Verstand, und dafür wurde sie wohl auch geschaffen. Sie bittet und überzeugt ihn durch praktische Erfahrung, nicht mit dem gewalttätigen Ego-Schwert um das Gold der Wahrheit zu kämpfen, sondern mit Freundlichkeit und edler Gesinnung. Und damit ist wohl die edle Vernunft gemeint, die Regin in Sigurd findet.
Diese Dinge erzählte Regin Sigurd, der eines Tages zum Haus Regins kam. Dort wurde er freundlich empfangen, und Regin sprach (damals zu sich):
13. Hierher in unsere Hallen (des Königs Hjalprek) ist Sigmunds Sohn gekommen, der kühn entschlossene Held. Er hat mehr Mut und Kraft als ein alter Mann (wie ich), und ich erhoffe mir Beute vom gierigen Wolf (Fafnir).
14. Ich werde den volkskühnen Fürsten großziehen. Nun ist ein Sohn Yngwis (des Verehrers von Freyr, dem Sommergott) zu uns gekommen. Er wird der mächtigste Herrscher unter der Sonne sein, und sein schicksalhafter Ruhm wird durch alle Länder ertönen.
So kommt nun die göttliche Gabe der ganzheitlichen Vernunft als „Sieg-Beschützer“ in die Welt der vernunftbegabten Menschen, in die Welt der Göttersöhne — hell und fruchtbar wie der Sommergott. Der Regin-Verstand erkennt deren ganzheitliche Macht unter der weltlichen Sonne, verbindet sich mit ihr und bemüht sich, sie „großzuziehen“. Doch seine geistige Motivation ist immer noch die Begierde nach Beute und Gewinn. So handelt er als Einzelkämpfer und nicht als Einherier im Dienst der Ganzheit.
Sigurd blieb nun bei Regin. Und Regin erzählte ihm, dass Fafnir auf der Gnitaheide („Geröll-Heide“) liege und Drachengestalt angenommen habe. Denn er besaß den Ägis-Helm, der allen Lebewesen Furcht einflößte.
Die Gnitaheide erinnert als „Geröll-Heide“ an die materielle Welt der Körperlichkeit, wo sozusagen die Steine wie Gras wachsen. Die Schlangen- oder Drachengestalt ist ein typisches Symbol für ein egoistisch-tierhaftes Wesen, das in der Trennung und Abgrenzung sein vermeintliches Eigentum als Besitz festhalten und verteidigen will. Den Ägis-Helm werden wir später noch ausführlicher als den „Helm der Lebensform“ kennenlernen, der auf dem Verstandes-Kopf dafür sorgt, ein formhaftes Lebewesen zu werden. Diese Anhaftung an eine bestimmte Form wird dann zu Furcht und Angst des Lebewesens, weil diese Form vergänglich ist. Und vor dieser Vergänglichkeit fürchten sich natürlich alle Lebewesen, solange sie ihre unvergängliche Wahrheit noch nicht erkannt haben.
So spricht in der Wölsung-Sage schließlich auch Regin zu Sigurd: „Nun wirst du Fafnir den Helm vom Kopf stoßen wollen, wie du versprochen hast…“
Regin schmiedete Sigurd das Schwert, das Gram („Grimm“) hieß. Es war so scharf, dass er es in den Rhein hielt und eine Wollflocke im Strom treiben ließ, sodass die Flocke wie das Wasser durchschnitten wurde. Mit diesem Schwert schlug Sigurd Regins Amboss entzwei.
Was für ein Schwert kann der Verstand schmieden? Es hat wohl vor allem eine scharfe Schneide, um in der Welt und im Fluss der Schöpfung alles unterscheiden zu können. Wunderbar ist bereits, dass es in Sigurds Hand auch den Amboss entzweischnitt, auf dem dieses Schwert geschmiedet wurde. Damit zerfällt symbolisch die scheinbar feste Grundlage, auf der der Verstand arbeitet, und wird „zweifelhaft“ und unsicher, wie auch alle anderen Begriffe, die er in seiner Schmiede hervorbringt. Denn alles kann man in dieser Welt unterscheiden und bezweifeln — außer die Wahrheit selbst, die es in dieser zweifelhaften Welt der Unterscheidung wiederzufinden gilt: die Einheit in der Vielfalt, das Unvergängliche im Vergänglichen. Und gerade dafür ist Sigurd nötig, die ganzheitliche Vernunft.
Danach reizte Regin Sigurd dazu, Fafnir zu töten.
15. Doch Sigurd sprach: Laut würden Hundings (die „Hundeartigen“) Söhne lachen, die Eylimi (dem „Heilzweig“) das Leben nahmen, wenn es den Fürsten mehr verlangte, rote Ringe zu gewinnen als den (eigenen) Vater zu rächen.
Klar, bevor Sigurd den Tod von Regins Vater rächt und dessen Schatz gewinnt, will er natürlich zuerst den Tod seines eigenen Vaters rächen. So erinnert hier der Name Eylimi als „Zweig bzw. Stamm der Heilung“ an Sigmund, auch wenn er in der Wölsung-Sage als Name des Vaters von Hjördis, der Mutter Sigurds, genannt wird, also als Sigurds Großvater mütterlicherseits.
Die Geschichte vom Tod Sigmunds wird in der Edda nicht ausführlich erzählt. In der Wölsung-Sage wurde versucht, daraus eine passende Geschichte zu machen. So heißt es dort kurzgefasst: König Lyngwi, Hundings Sohn, warb ebenso wie König Sigmund um die Hand von Hjördis. Doch Hjördis wählte Sigmund, da er als Herrscher mächtiger war. Nach der Hochzeit zog Lyngwi mit einem zahlenmäßig überlegenen Heer gegen Sigmund in den Kampf, um Hjördis doch noch für sich zu gewinnen. Sigmund blieb unbesiegbar, bis Odin selbst in den Kampf eingriff und sich ihm entgegenstellte. Offenbar erkannte ihn Sigmund nicht, und er zerbrach im Eifer des Kampfes sein Schwert an Odins Speer. Daraufhin fiel Sigmund mit seinem Heer, und auch sein Schwiegervater Eylimi. In der Nacht sprach Hjördis noch einmal mit dem Sterbenden auf dem Schlachtfeld. Sigmund erklärte ihr, dass dies Odins Wille gewesen war. Sie trage aber bereits einen Sohn in sich, der das Geschlecht ruhmreich fortsetzen und der mächtigste Held auf Erden werden solle. Er übergab ihr die Schwertstücke, die sie für ihren Sohn verwahren sollte, damit ihm daraus später wieder ein gutes Schwert geschmiedet werde. (Dies würde den Namen „Hjördis“ als „Schwert-Dise“ erklären.) Dann starb Sigmund, und Hjördis begab sich, wie anfangs bereits erzählt wurde, zu König Hjalprek nach Dänemark, wo sie Sigurd gebar…
Aus geistiger Sicht kann man hier an den Kampf zwischen Einheit und Vielfalt in der Natur denken. Sigmund steht als „Sieg-Beschützer“ für den Einherier im Heer der Einheit, und Lyngwi als „Heideland“ mit den „Hundeartigen“ für die Vielfalt der Einzelkämpfer, die sich mit ihrem tierhaften Körper identifizieren. Symbolisch könnte man sich auch vorstellen, wie sie den Wolf der Vergänglichkeit als Jagd- und Wachhund gezähmt haben, um ihre tierhafte Lebensform zu beschützen. In dieser Hinsicht erinnert Lyngwi auch an das natürliche Prinzip von Lyngheid, der Tochter von Hreidmar. Entsprechend wird im Skaldenbuch auch die Insel „Lyngwi“ genannt, wo der Fenriswolf gebunden wurde — sozusagen das Heide- und Weideland unserer Erde, wo die Vielfalt der Natur wächst und gedeiht.
Warum Odin jedoch persönlich in den Kampf eingreifen musste und sich dem siegreichen Sigmund entgegenstellte, bleibt rätselhaft. Man könnte hier darüber nachdenken, ob vielleicht die körperliche Art des Kampfes nicht zielführend war, so dass Sigmunds Schwert an Odins Speer bzw. Willen zerbrach. Dafür üben sich natürlich auch die Einherier Tag für Tag bzw. Leben für Leben im Kampf, um die richtige Art des Kampfes im Dienst der Gottheit zu erlernen. Demnach müsste dann Sigmunds Sohn Sigurd eine höherentwickelte Ebene des Kampfes beherrschen.
Dies kann man jedoch in der bereits erwähnten Wölsung-Sage nicht herauslesen. Praktisch wird dort ein unangekündigter Angriff von Sigurd auf Lyngwis Reich erzählt, wo er verheerend alles blutig niedermetzelte und eigentlich noch gewaltsamer als sein Vater mit der Schwertschneide kämpfte: „Sigurd hieb nach König Lyngwi und spaltete ihm Helm und Haupt und den gepanzerten Leib. Darauf hieb er Hjörvard („Schwert-Wächter“), dessen Bruder, in zwei Stücke und erschlug dann alle Hundingssöhne, die noch am Leben waren, und den größten Teil ihres Heeres.“ Dies klingt noch nicht nach dem wahren Sieg des Lebens, um den Kampf zwischen Vielfalt und Einheit zu entscheiden.
Wunderlich ist auch, wie in der Wölsung-Sage der Regin-Verstand die Bruchstücke von Sigmunds Schwert für Sigurd wieder zusammenschmieden konnte. Diese Macht der Einheit hatte der Regin-Verstand eigentlich nicht. Gerade dafür benötigt er Sigurd als ganzheitliche Vernunft. Dennoch ist diese Vererbung des Schwertes über die Generationen eine denkwürdig-tiefsinnige Symbolik, wie die Art des Kampfes sowohl in der Natur durch Hjördis als „Schwert-Dise“ als auch im Geist durch Hjörvard als „Schwert-Wächter“ von Geburt zu Geburt weitergegeben wird, um die angesammelten Probleme in Zeit und Raum zu lösen. Wunderbar!
In diesem Kampf zwischen Sigmund und Lyngwi könnte man sich auch die Vorgeschichte von Sigrdrifa vorstellen, der „Sieg-Treiberin“, die als Walküre die schicksalhaften Umstände für den Sieg von Sigmund hervorbrachte. Doch das war offenbar noch nicht Odins Wille. Daher legte er sie schlafen, griff selbst in den Kampf ein und zerbrach schicksalhaft Sigmunds Schwert. Später wurde dann Sigurd als Sigmunds Sohn geboren, um diesen Kampf auf einer höheren Ebene zu gewinnen und Odins Willen zu erfüllen, wie dann auch dieses Lied von Regin weitergeht. Und später werden wir noch erfahren, wie die Walküre von Sigurd geweckt wird und das Schicksal des großen Sieges seinen Lauf nimmt.
Zumindest sorgten alle Umstände zunächst dafür, dass sich Regin und Sigurd im Reich von König Hjalprek, dem „hilfreichen Herrscher“, trafen, dass Sigurds Schwert geschmiedet wurde und die lange Geschichte im Menschenreich weitergeht:
König Hjalprek gab Sigurd eine Schiffsmannschaft für die Vaterrache. Doch sie kamen in einen schweren Sturm und kreuzten vor einem Gebirgsvorsprung. Ein Mann stand auf dem Felsen und sprach:
16. Wer reitet dort mit Räwills Pferden (mächtigen Schiffen eines Seekönigs) durch hohe Wellen, über das rauschende Meer? Die Segelpferde sind von Schaum bespritzt, die Wogenrosse (Schiffe) werden dem Sturm nicht standhalten.
17. Regin antwortete: Hier sind wir mit Sigurd auf den Seebäumen. Uns ist Fahrtwind gegeben, dem Tod zu begegnen: Steile Brandung schlägt höher als die Schiffsenden, die Rollenrösser stürzen. Wer fragt danach?
18. Der Mann sprach: Hnikarr („Erweckender, Antreiber“) nannte man mich, als der junge Wölsung (Sigmunds Vater) gekämpft hatte und Hugin (Odins Gedanken) erfreute. Nun kannst du mich den alten Mann vom Felsen nennen, Feng („Beutefänger“) oder Fjölnir („Vielwissender, Vielfältiger“). Mitfahrt will ich erhalten.
Auch dies ist wieder eine starke Symbolik: Der Kampf der Einherier um die Einheit gegen die Vielfalt der Einzelkämpfer erzeugt nur einen mächtigen Sturm, der in den Tod führt, wenn man nicht die Gottheit selbst mit ins Boot nimmt. Das hat praktisch die Menschheit schon oft erfahren. Denken wir nur an die Alleinstellungsansprüche der Religionen im Geistigen oder die Monokulturen in der Natur. Den wahren Sieg über den Egoismus als Einheit in der Vielfalt kann man nur vereint mit der Ganzheit und Gottheit gewinnen, die hier wieder als All- und Walvater Odin unter vielfältigen Namen und Aspekten erscheint. Und dies ist auch die höhere Ebene des Kampfes, die Sigurd nun gemeinsam mit Odin selbst erreicht, den es natürlich zu erkennen gilt, hinter den vielfältigen Aspekten, Namen, Begriffen und Formen.
Zu diesem Ziel ist Odin mit seinem Speer als Symbol für seinen göttlichen Willen der „Hnikarr“, der „Antreibende und Erweckende“. Der „junge Wölsung“ ist gewöhnlich ein Name für Sigurd, bezeichnet hier aber vermutlich Wölsung selbst, den Stammvater der Wölsungen, der „Erwählten“ oder „Berufenen“. Von ihm berichtet die Wölsung-Sage: König Wölsung ließ eine herrliche Halle errichten, und zwar auf diese Weise: Ein großer Eichenbaum stand in der Halle, und die Zweige des Baumes mit schönen Blüten ragten aus dem Dach der Halle heraus, während der Stamm unten in der Halle stand. Und sie nannten ihn Barnstokk („Kinderstamm“).
Dieser Baum erinnert an den Lebens- und Weltenbaum Yggdrasil, und um ihn herum errichtete er eine ganzheitliche Halle, womit er sicherlich auch Hugin als „Odins Gedanke“ erfreute. Dazu zeugte Wölsung auch neun Söhne, die an die neun Welten erinnern, sowie ein Zwillingspaar namens Sigmund und Signy, die an die beiden Seiten des Weltenbaums von Geist und Natur erinnern. Als er Signy („Sieg-Erneuerung“) mit Siggeir („Sieg-Speer“ bzw. Sieg-Wille) in dieser Halle verheiratete, erschien Odin in Verkleidung eines alten Mannes, stieß ein mächtiges Schwert in den „Kinderstamm“ des Stammbaums und sprach: “Wer dieses Schwert aus dem Stamm zieht, der soll es von mir als Geschenk erhalten. Und er selbst soll beweisen, dass er niemals ein besseres Schwert in der Hand gehalten hat als dieses.“
Der alte Mann verschwand, und keiner der Anwesenden konnte das Schwert aus dem Stamm ziehen, außer Sigmund. Damit begann ein langer Kampf um den großen „Sieg“ über viele Generationen hinweg. Nun führte Sigurd dieses Schwert, der den Allvater erkannte, ihn mit ins Boot nahm und sich von ihm belehren ließ:
Sie steuerten ans Land, und der alte Mann kam auf das Schiff. Da beruhigte sich der Sturm.
19. Sigurd sprach: Sage mir, Hnikarr, da du beides kennst, das Heil der Götter und der Menschen: Welches sind die besten Voraussetzungen, wenn man beim Schwingen der Schwerter heilsam kämpfen soll?
20. Hnikarr antwortete: Es gibt mehrere gute Voraussetzungen in der Erkenntnis der Menschen für das Heil beim Schwingen der Schwerter. (Die erste ist:) Eine ständige Begleitung für den Schwertbaum (Schwertkämpfer) scheint mir das Dunkle des Raben zu sein.
So fragt nun Sigurd: Mit welchem Bewusstsein kann man heilsam kämpfen, um das Problem der Trennung zu heilen und im Kampf mit dem Schwert der Weisheit den „heilsamen Sieg“ der Einheit zu erreichen? Die Antworten von Odin klingen zunächst einfach, doch göttliche Weisheit hat sicherlich tiefste Tiefe. So könnte die erste Antwort bedeuten: Sei dir im Kampf der Verdunklung und Einschränkung des Bewusstseins durch Gedanken und Gedächtnis bewusst! Wie sich auch Odin seiner schwarzen Raben Hugin und Munin bewusst ist.
21. Die zweite ist: Wenn du hinauskommst und zum Aufbruch bereit bist, dann siehst du zwei ruhmgierige Männer auf dem Weg stehen.
Das könnte bedeuten: Wenn du zum Kampf in die äußere Welt aufbrichst, dann sei dir der Gegensätze auf dem Weg bewusst, die beide ruhmreich und würdig als Männer bzw. Geister gewinnen wollen. Den wahren Sieg kann also nur die Vernunft in der geistigen Einheit erreichen, in der es keine Verlierer gibt.
22. Die dritte ist: Wenn du den Wolf unter den Eschenzweigen heulen hörst, wird dir Heil von den Helmträgern beschieden, wenn du sie vorausschauend fahren siehst.
Das könnte bedeuten: Wenn du den Wolf der Vergänglichkeit in den Zweigen des Lebensbaums heulen hörst, dann wird dir von den Lebewesen, die den Ägis-Helm als „Helm der Lebensform“ tragen, das Heil der Ganzheit beschieden sein, wenn du ihre Lebenswege vorausschauend mit ganzheitlicher Vernunft erkennen kannst — nicht nur in ihrer körperlichen Form, sondern auch im geistigen Reich darüber hinaus. So kann die Vernunft die unvergängliche Wahrheit finden, den Sieg der Wahrheit und wahren Sieg.
23. Kein Mann soll gegen die spät scheinende Schwester des Mondes (die untergehende Sonne) kämpfen. Den Sieg haben jene, die im Schwertspiel die Eifrigen (kühn Getriebenen) erkennen, wenn sie sich keilförmig aufstellen.
Das könnte bedeuten: Der Mann bzw. Geist sollte nicht gegen die weltliche Vergänglichkeit oder vergängliche Formen kämpfen. Du kannst den ganzheitlichen Sieg im Kampfspiel mit dem Schwert der Weisheit nur erringen, wenn du achtsam erkennen kannst, wie eifrige Gegner keilförmig versuchen, dein Bewusstsein zu spalten und aus der Ganzheit in die Trennung der Gegensätze herabzuziehen. Dies ist wohl die größte Falle im Kampf als Einherier im Heer der Einheit, denn dadurch fällt man wieder in die Trennung.
24. Große Gefahr besteht, wenn du in den Kampf schreitest und mit dem Fuß anstößt: Trügerische Disen stehen dir zu beiden Seiten und wollen dich verwundet sehen.
Das könnte bedeuten: Bleibe achtsam im Kampf und sei dir jedes Schrittes bewusst, damit du nicht stolperst und fällst! Lass dich nicht von den schicksalhaften Umständen der Gegensätze ablenken, die dich in der Welt umgeben und verwunden wollen, das heißt, die dich in das Unheil der Trennung ziehen wollen. Alle Formen können mit Achtsamkeit auf einer hohen Bewusstseinsebene wie trügerische Illusionen durchschaut werden, um die Wahrheit zu erkennen. Darin liegt bereits der wahre Sieg.
25. Gekämmt und gewaschen soll jeder Weise sein und am Morgen gesättigt. Denn ungewiss ist, wohin er am Abend kommt. Schlimm ist es, kurz vor dem Heil zu fallen.
Das könnte bedeuten: Befreie dich von jeder Unreinheit, ordne und glätte die Gedanken, die aus deinem Kopf wachsen, und sei bereits am Morgen gesättigt. Das heißt, gehe nicht mit hungriger Begierde in den Tag, denn kein Mensch kann sein Schicksal völlig voraussehen, weil es kein Einzelschicksal gibt. Vertraue den Entscheidungen der Götter am Schicksalsbrunnen, die den Weitblick im Großen und Ganzen dafür haben. Denn leidvoll ist es, als vernunftbegabter Mensch kurz vor dem Heil und Sieg der Wahrheit in den tierhaften Wahn eines egoistischen Einzelkämpfers zu fallen. Dann würde wieder nur ein Ego gegen andere Egos kämpfen.
Sigurd hatte einen großen Kampf mit Lyngwi, Hundings Sohn, und dessen Brüdern. Dort fielen Lyngwi und die drei Brüder.
Hier im Regin-Lied wird es kurz und schmerzlos beschrieben: Ein Kampf ohne Geschichte. Hier kann man sich nun gut vorstellen, wie mit dem Bewusstwerden der Voraussetzungen für den wahren Sieg dieser ganzheitliche Sieg so gut wie erreicht ist. Dies entspricht auch dem Wesen von Sigurd als „Sieg-Beschützer“, der den Sieg nicht erst erkämpfen muss, sondern in seinem Wesen als ganzheitliche Vernunft bereits selbst der Sieg ist. So liegt in diesem ganzheitlichen Bewusstwerden auch der große Kampf und wahre Sieg über die Vielfalt der Einzelkämpfer, für die hier symbolisch König Lyngwi als „Weide- und Heideland“ für die „Hundeartigen“ steht. Die drei Brüder erinnern wiederum an das symbolische „Wirkungs-Dreieck“ in der Natur. Der altnordische Quelltext legt nahe, das Lyngwi als ältester der drei Brüder zu verstehen ist und damit die Wirkungsrichtung bestimmt. Daher müssen auch alle drei Brüder fallen, um das Problem grundsätzlich zu lösen.
Damit wäre dieser Kampf zwischen Einheit und Vielfalt durch Sigurd auf einer viel höheren Ebene entschieden worden, als die Wölsung-Sage berichtet. Und für diese Höherentwicklung üben sich auch die Einherier im Kampf, Tag für Tag und Leben für Leben.
Doch wie kann sich nun der Regin-Verstand diesen Sieg der Einheit vorstellen, in dem es keine Verlierer mehr gibt?
Nach der Schlacht sprach Regin:
26. Nun ist der blutige Adler mit scharfem Schwert dem Mörder Sigmunds auf den Rücken geschnitten! Keiner ist kühner, der die Erde rötet, als der Erbe des Königs, der Hugin (Odins Gedanke) erfreute.
Regin sieht natürlich immer noch einen körperlichen Kampf getrennter Wesen. Den Adler haben wir bereits als Symbol der allgemeinen Begierde im Welten- und Lebensbaum kennengelernt. Der „blutige Adler“ erinnert daher an die Begierde nach Blut. Dies kann einerseits die Begierde nach dem Lebenssaft als Essenz des körperlichen Lebens sein, andererseits auch die Begierde nach dem Töten und dem Lebensblut anderer.
Ja, es ist eine seltsame Vorstellung der Einzelkämpfer, dass sie andere töten müssen, um selber leben zu können. Sie leben sozusagen vom Töten. Und dieses Zeichen des „Blutadlers“ sieht nun Regin auf dem Rücken des toten Lyngwi, weil dieser auch im Leben von dieser Begierde angetrieben wurde.
In späteren Werken, wie in der Norna-Gestr Saga aus dem 14. Jahrhundert, wurde dieser „Blutadler“ als eine überaus gewalttätige Hinrichtung gedeutet. Dies passt weder zum Wesen von Sigurd noch zu Odins Belehrung, erinnert aber zumindest an den Leidensweg egoistischer Einzelkämpfer. Denn vor allem solche Menschen sind es, die sich an solchen Horrorvorstellungen ergötzen und sie später sogar in Taten umsetzen können, die sie dann nach dem Karma-Gesetz wiederum selber erleiden müssen. Das sind gewiss keine vernünftigen Gedanken, die Odin erfreuen.
So erfüllte nun Sigurd seine Aufgabe, die er von seinem Vater und vielen anderen Vorfahren geerbt hatte. Damit wurde er selbst ein „hilfreicher Herrscher“. Regin erkennt diese große und sogar ganzheitliche Macht und will sie nutzen, um auch sein eigenes Familienproblem zu lösen:
Sigurd fuhr heim zu Hjalprek (dem „hilfreichen Herrscher“). Da reizte Regin Sigurd dazu, Fafnir zu töten.
(Reginsmál nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)
Und was passiert, wenn der Verstand die Vernunft zum Töten gebrauchen will, werden wir im nächsten Lied lesen. Denn es kommt immer anders, als man denkt…