Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Das Lied vom Drachen Fafnir (Sigurds Drachenkampf)

Im letzten Lied haben wir symbolisch erfahren, wie Fafnir als Ego-Drache entstand und nun in der „Geröll-Heide“ der Körperlichkeit lebt. Ebenso wurde berichtet, wie sich Sigurd als ganzheitliche Vernunft entwickelt hatte, und auch, wie der Regin-Verstand zwischen Ego und Vernunft steht. So geht es nun weiter um den Sieg der Vernunft über das übermächtige Ego-Tier. Auch hier kann man sich wieder vorstellen, wie dieser Kampf im Inneren eines vernunftbegabten Menschen geschieht. Es geht also darum, wie unser Regin-Verstand als „mächtig Wissender“ die ganzheitlich-göttliche Vernunft nutzen kann, die ihm gegeben wurde, um den großen Sieg zu erreichen und das Gold der Wahrheit zu gewinnen.

Sigurd und Regin fuhren hinauf zur Gnitaheide („Geröll-Heide“) und fanden dort die Spur von Fafnir („Umklammerung, Greif“), auf der er zum Wasser kroch. Sigurd grub auf diesem Weg eine große Grube und stieg dort hinein. Als aber Fafnir vom Gold kroch, blies er Gift, und das spritze über Sigurds Kopf hinweg. Als jedoch Fafnir über die Grube kroch, da stach ihm Sigurd mit dem Schwert ins Herz. Fafnir schüttelte sich und schlug mit Kopf und Schwanz um sich. Sigurd sprang aus der Grube, und da sah einer den anderen.

Solche symbolischen Geschichten über das „Drachentöten“ haben wir bereits mehrfach im Sagenkreis der Nibelungen gefunden und gedeutet, unter anderem zusammen mit Siegfried, der hier Sigurd heißt. Offenbar ist es außerordentlich schwer, den Ego-Drachen zu besiegen, wie jeder an sich selbst erfahren kann. Im gewöhnlichen Kampf ist er durch seine Drachen- oder Schlangenhaut als Prinzip der Trennung nahezu unverletzlich. Denn das Ego lebt und ernährt sich vom Kampf der Gegensätze und wird dadurch immer stärker. Um diesen Sieg zu erreichen, muss man also über die gewöhnlichen Wege des Kampfes hinausgehen.

So finden wir auch hier einen außergewöhnlichen Weg zum Sieg. Zuerst sucht Sigurd zusammen mit dem Verstand die Drachenspur, auf der er ans Wasser des Lebens kommt. Auf diese Spur versucht er, den Drachen nicht zu „überwältigen“, sondern sitzt in demütiger Vertiefung wie ein Yogi und wartet, bis der Drache über ihn kommt. In dieser Vertiefung als reine Bewusstheit, ohne an Formen anzuhaften, kann ihn das Schlangengift der Trennung nicht in den Kopf bzw. Verstand dringen und vergiften. Dadurch hat Sigurd die Chance, wenn der Drache genau über ihm ist, die Schwertspitze als Symbol der Einheit in das Drachenherz zu stechen. Denn nur die Einheit kann die Trennung besiegen, weil sie das Wesen der Trennung tötet bzw. unwirksam macht. Dies ist auch der Weg der Einherier im Heer der Einheit, das der Gottheit dient.

Sieg! Doch damit ist der große Kampf noch nicht vorbei. Es ist jedoch ein erster großer Sieg im Inneren, vielleicht sogar der wichtigste, den man als „Selbsterkenntnis“ betrachten kann, wenn sich der Mensch nicht mehr als abgetrenntes Ego erkennt, sondern als ein ganzheitliches Selbst. Danach beginnt die „Selbstverwirklichung“, um das Schicksal des angesammelten Karmas auszuwirken, abzubauen und aufzulösen. So kämpft nun auch Sigurd mit dem sterbenden Ego-Drachen, was wiederum vor allem ein geistiger Kampf ist:

1. Fafnir fragte: Jüngling, oh Jüngling! Wer hat dich gezeugt und geboren? Was für ein Sohn der Menschen bist du? Hast du dein glänzendes Schwert in Fafnir rotgefärbt? Mir steckt ein Schwert im Herzen.

Sigurd verheimlichte seinen Namen, den in alter Zeit glaubte man, dass das Wort eines todgeweihten Mannes viel bewirken könne, wenn er seinen Feind mit dessen Namen verfluchte.

Das erste Thema in diesem geistigen Kampf ist die Frage nach der Identität: Wer bin ich? Das ist wohl auch die stärkste Waffe des Egos, sich mit einem abgetrennten Körper zu identifizieren, der einen persönlichen Namen hat, geboren wurde und sterben wird. Diese Identität kann der größte Fluch des Menschen sein, wenn sie feindlich verwendet wird, aber auch der größte Segen, wenn man sie wieder in die Einheit bringen kann.

2. Sigrud sprach: „Herrliches Tier“ heiße ich und bin als mutterloser Sohn umhergezogen. Ich habe keinen Vater, wie die Menschensöhne, sondern ging immer einsam und allein.

3. Fafnir: Weißt du, wenn du keinen Vater hast, wie die Menschensöhne, von welchem Wunderwesen du dann gezeugt und geboren wurdest?

4. Sigurd: Meine Herkunft, meine ich, ist dir unbekannt, wie auch mir selbst. Sigurd heiße ich, und Sigmund hieß mein Vater. Ich habe dich mit der Waffe geschlagen.

Welche Identität kann man ohne Egoismus erklären? Aus körperlicher Sicht spricht er von einem „herrlichen Tier“, was an ein göttliches Geschöpf erinnert, das in der Gottheit bzw. Ganzheit geschaffen wurde, ohne sich kurzsichtig auf bestimmte Eltern zu beschränken. Denn wer hat diesen Körper ursprünglich gezeugt und geboren? Wer waren die Eltern der Eltern? Worin liegt der wahre Ursprung dieser langen Kette von Generationen?

Damit erweitert sich bereits das gewöhnlich-beschränkte Bewusstsein der körperlichen Abstammung zur ganzheitlichen Erkenntnis: „Ich ging schon immer einsam und allein.“ Und zwar „ein-sam und all-ein“ im wörtlichen Sinne der Einheit und Ganzheit, und nicht nach dem heutigen Sprachgebrauch als Begriffe von Abtrennung und Leiden. Es ist erstaunlich, wie unser Ego-Verstand diese Worte im Laufe der Zeit in ihrem Sinn umgekehrt hat!

Aus der geistigen Sicht eines „Wunderwesens“ jenseits der körperlichen Form kann man eigentlich von keiner Herkunft sprechen. Denn in der Ganzheit ist man geistig immer da, im ewigen Licht von Gimle. Hier kann man für den Verstand nur einen symbolischen Namen nennen. Sigurd bedeutet „Sieg-Beschützer“. Hier kann man an den ewigen Sieg in der Einheit und Gottheit denken, wo es in Wahrheit keinen Verlierer geben kann. Denn was könnte in der Ganzheit verlorengehen? Sigmund hat im Prinzip die gleiche Bedeutung als „Sieg-Beschützer“, was daran erinnert, dass in der Gottheit Vater und Sohn eins sind. Und eben diese Einheit kann dann sagen: „Ich habe dich mit der Waffe (der Einheit) geschlagen. Dann spricht kein Ego mehr, sondern die Einheit und der Sieg selbst, der „Sieg-Beschützer“ und der „Sieg-Frieden“. Wie auch Christus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich. (Joh. 14.6)“ und „Ich und der Vater sind eins. (Joh. 10.30)“

5. Fafnir: Wer trieb dich an? Warum ließest du dich anstacheln, mein Leben zu rauben? Klaräugiger Jüngling, du hattest einen kühnen Vater, sein Erbe zeigt sich schnell [oder: doch zu schnell hast du gehandelt].

6. Sigurd: Geist (Verstand) trieb mich an, die Hände halfen mir und mein scharfes Schwert.

Nun fragt das Ego nach einer weiteren Identität, die man im Handelnden finden kann. Wer ist der eigentliche Urheber der Tat? Wer treibt den Menschen an, und wer kann sich den Sieg zurechnen?

Auch hier erkennt Sigurd mit den klaren Augen der Vernunft das Zusammenwirken der Kräfte: Der Verstand als „Macht des Wissens“ trieb an, der Körper half, und das Schwert der Weisheit vollbrachte die Tat. Keiner dieser Teile kann den Sieg egoistisch für sich getrennt beanspruchen. Man braucht also kein Ego im Handeln, am wenigsten, wenn es um den großen Sieg über das Ego geht.

Der sterbende Drache versucht jedoch, Sigurd an seinem entschlossenen Handeln zweifeln zu lassen: „Warum so schnell? Hättest du nicht noch warten können?“ So spricht auch das Ego im Menschen gern: „Das hat noch Zeit. Genieße erst einmal dein gewohntes Leben! Den großen geistigen Kampf kannst du später noch führen.“

Doch Sigurd weiß, dass Tapferkeit eingeübt werden muss. Wer sich in jungen Jahren immer wieder vor dem inneren Kampf zurückzieht, wird ihn im Alter kaum leichter aufnehmen. Denn Gewohnheiten und Anhaftungen verfestigen sich, und der Ego-Drache gewinnt mit der Zeit immer mehr Macht. Deshalb sollte der Kampf um die Selbsterkenntnis möglichst früh und entschlossen begonnen werden.

7. Fafnir: Ich weiß, wärst du in der Obhut deiner Verwandten aufgewachsen, hätte man dich zornig kämpfen sehen. Doch nun bist du gebunden und im Kampf gefangen, und man sagt: Gefangene zittern immer (vor Angst).

8. Sigurd: Warum wirfst du mir vor, Fafnir, dass ich zu fern von meinem väterlichen Erbe bin? Ich bin kein Gefangener, auch wenn ich im Kampf gefangen wäre. Du hast doch erfahren, dass ich frei lebe!

Das Ego meint wohl, wenn Sigurd wie ein gewöhnlich-körperlicher Mensch aufgewachsen wäre, dann hätte man ihn als Ego-Verstand mit Zorn und Hass in der äußeren Welt kämpfen sehen. Doch nun kämpft er einen inneren Kampf in sich selbst. Und das Ego meint, dass man sich damit nur bindet und in einem Kampf gegen sich selbst verfängt, den man nie gewinnen kann. Also ein endloser Weg der Angst vor sich selbst. Denn wie könnte man sich selbst überwinden?

Sigurd antwortet als ganzheitliche Vernunft: Warum siehst du mich von meinem väterlichen Erbe getrennt? Das ist nur deine eigene Angst vor Verlust. Warum siehst du mich im Kampf gefangen? Das ist nur deine eigene Sicht von Gefangenschaft. Ich bin niemals von meinem väterlichen Erbe des großen, ganzheitlichen Sieges entfernt. Ich bin der Sieg selbst: niemals gebunden, sondern frei lebend und im Wesen frei! Eben diese Freiheit hast du erfahren, denn nur ein freier Geist, der nicht in Abgrenzung und Trennung gefangen ist, kann den Ego-Drachen besiegen.

9. Fafnir: Feindesworte hörst du aus allem heraus, aber ich sag dir nur die Wahrheit: Das klingende Gold und der glutrote Schatz, diese Ringe werden dich töten.

10. Sigurd: Über einen Schatz soll jeder Mensch stets herrschen, bis zu dem einen Tag. Denn einmal muss jeder Mensch von hier zur Hel gehen.

Hier wird nun immer deutlicher, wie tückisch das Ego mit uns spricht, wie es die Wahrheit beansprucht, und wie schwer seine Argumente zu durchschauen sind. Es wirft Sigurd einen feindseligen Verstand vor, der die Wahrheit nicht hören will. Kann man Wahrheit in Worte fassen und aussprechen? Oder sind Worte immer nur relativ zum jeweiligen Verstand wahr, der die Worte deutet? Das ist die Tücke des Verstandes, so dass auch wir nach der Bedeutung der Worte suchen müssen und fragen: Wen tötet dieser Goldschatz der Wahrheit mit seinen Ringen der Ganzheit, Erneuerung und Regeneration? Natürlich nur den egoischen Wahnsinn, der in Abgrenzung und Trennung leben will. Doch eine andere Ebene des Bewusstseins kann sich Fafnir offenbar nicht vorstellen. Und wenn wir ehrlich zu uns sind: Können wir uns ein Leben ohne Egoismus wirklich vorstellen?

Entsprechend doppeldeutig antwortet auch Sigurd dem Ego, das den Anspruch auf die Wahrheit hat: Jeder Mensch soll über einen Schatz herrschen. Zuerst sollen wir mit dem Verstand über unseren Körper und Besitz herrschen. Später sollen wir mit der Vernunft über den geistigen Reichtum herrschen, den Goldschatz der Wahrheit, dessen sich der Mensch bewusst werden kann. Doch alles nur bis zu dem einen Tag, denn jeder Mensch muss einmal die körperliche Vergänglichkeit erfahren. Damit kann der Tag des großen Sieges auf dem Weg nach Walhall gemeint sein oder der Tag des kleinen Todes auf dem Weg zur Hel. Doch zur Hel gehen, bedeutet noch nicht, in die Hel gehen und dort enden. Denn auf jedem geistigen Weg kann man umkehren, wie Hermodr zeigte, der als Botschafter in die Hel ging und zurückkehrte. Aus körperlicher Sicht wird dann daraus ein Ring der Erneuerung und Regeneration. Nur wer nicht umkehren will, endet in der Hel, wie Sigurd es später in Vers 21 auch Fafnir voraussagt.

11. Fafnir: Das Urteil der Nornen wird dich an der Küste (am Ufer des Todes) erreichen und das Schicksal eines törichten Narren: Im Wasser ertrinkst du, auch wenn du im Wind ruderst. Alles ist dem Todgeweihten Gefahr.

12. Sigurd: Sage mir, Fafnir, da du für überaus klug giltst und so viel weißt: Wer sind die Nornen, die den Zwang des Schicksals bestimmen und die Mütter von ihren Kindern trennen?

13. Fafnir: Ganz verschiedener Herkunft, sage ich, sind die Nornen, sie haben nicht nur eine Abstammung. Manche stammen von Asen, manche von Alben, manche sind Töchter Dvalinns (des „Schlafenden“).

So ist auch die Vorstellung des eigenen Todes eine überaus mächtige Waffe des Egos, das sich von Abgrenzung und Trennung ernährt. Entsprechend sieht es auch den Tod als Trennung vom Leben und Abgrenzung von der Welt der Lebenden. Daher erklärt Fafnir, dass auch Sigurd diesem Tod geweiht ist, und nennt ihn einen törichten Narren, weil er sein Ego überwinden will. Er müsse im Meer des Lebens untergehen, selbst wenn er noch so kraftvoll im Wind des Geistes rudert. Denn für Todgeweihte kann alles zur tödlichen Gefahr werden, weshalb wir auch so viele Ängste haben. Doch todgeweiht ist nur der egoistische Einzelkämpfer, denn in der Ganzheit kann logischerweise nichts verlorengehen.

So fragt nun Sigurd, wer eigentlich dieses Schicksal des Todes bestimmt? Wer trennt denn Mutter und Kind, sowohl bei der Geburt als auch im Tod? Auch hier erscheinen Geburt und Tod durch das Prinzip der Trennung: Zuerst wird das Kind von der Mutter getrennt, später die Mutter vom Kind. Und dies ist das Lieblingsprinzip des Egos, sodass Fafnir auch getrennte Quellen des Schicksals sieht. Gemeint sind vermutlich die drei Arten der Nornen bezüglich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Entsprechend glaubt dann auch der egoische Einzelkämpfer: „Ich wurde geboren, ich lebe jetzt, und ich werde sterben!“ Die Vernunft erkennt dagegen den durchgehenden Zusammenhang, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur verschiedene Wirkungsweisen derselben Ganzheit sind.

In Fafnirs Argumentation merkt man bereits die brüderliche Verwandtschaft von Fafnir und Regin als Ego und Verstand. Daher wird nun auch Fafnir als „überaus klug und vielwissend“ angesprochen:

14. Sigurd: Sage mir, Fafnir, da du für überaus klug giltst und so viel weißt: Wie heißt die Insel, wo Surt und die Asen (der Feuerriese und die Götter) das Schwertnass (Blut) miteinander mischen?

15. Fafnir: Oskopnir (die „noch nicht Geschaffene“) heißt sie, und dort werden alle Götter mit Speeren spielen. Bifröst (die „Licht- bzw. Regenbogenbrücke“) bricht, wenn sie darüber reiten, und die Pferde schwimmen im Fluss.

Darauf fragt nun Sigurd herausfordernd nach einer Insel, wo die Wesen von Surt und der Götter wieder verschmelzen können, wo die Essenzen von Energie und Wissen bzw. Information wieder eins werden. Doch Fafnir kann diese Einheit nicht erkennen, sondern nur eine abgegrenzte Insel, wo der große Endkampf von Ragnarök eines Tages stattfinden soll. Deshalb nennt er sie Oskopnir, die „noch nicht Geschaffene“. Für ihn liegen sowohl diese Insel als auch Ragnarök ausschließlich in der Zukunft, während die Vernunft nach der ewigen Gegenwart fragt.

Diese Insel-Sicht der Trennung bekräftigt er dann auch mit dem Zerbrechen der Lichtbrücke zwischen Himmel und Erde. Die Ganzheit scheint verlorenzugehen, sodass dann auch die Pferde bzw. Verkörperungen der göttlichen Kräfte wie alle Geschöpfe im Fluss der Schöpfung schwimmen müssen.

Darin zeigt sich wieder die Begrenzung von Fafnirs Bewusstsein. Er kann die Einheit und Ganzheit nicht erkennen, sondern sieht nur getrennte Orte, getrennte Zeiten und getrennte Kämpfe. So kann er auch nicht verstehen, dass diese Insel das ganze Universum ist, und dieser Endkampf der Verschmelzung fortwährend in der Gegenwart stattfindet, im Hier und Jetzt, wie auch dieser Drachenkampf zwischen Sigurd und Fafnir bereits Ragnarök ist.

Entsprechend zeigt sich nun auch das egoische Selbstbild von Fafnir:

16. Fafnir: Ich trug den Ägis-Helm unter den Menschensöhnen, während ich auf dem Schatz lag. Ich glaubte, stärker zu sein als alle anderen, und fand unter vielen Männern keinen (Stärkeren).

17. Sigurd: Der Ägis-Helm schützt niemanden, wo Zornige kämpfen. Wenn man mit vielen zusammentrifft, erkennt man, dass keiner allein der Tapferste ist.

Der Ägis- oder Ögis-Helm ist ein Erbstück von Fafnirs Vater Hreidmar, der symbolisch als Bauer auf seinem umgrenzten Gehöft an das Prinzip der Körperlichkeit erinnert. Ägis lässt sich von Ägir ableiten, dem Meerriesen als Vater der neun Wellen bzw. Welten, den wir als allgemeines Prinzip eines Lebewesens kennengelernt haben, das sich aus dem Meer des Lebens verkörpert. Dann könnte man sich den Ägis-Helm als einen Schutz- und Kampfhelm des Verstandes vorstellen, den sich das Bewusstsein aufsetzt, um die Form eines bestimmten Lebewesens anzunehmen. So trägt ihn auch Fafnir als Ego-Verstand „unter den Menschensöhnen, während er auf dem Goldschatz der Wahrheit liegt“. Doch er erkennt diese ganzheitliche Wahrheit nicht, sondern glaubt unter diesem Helm, jemand anderes als alle anderen zu sein. Und wenn das Ego zum übermächtigen Drachen wächst, glaubt es schließlich sogar, „stärker als alle anderen zu sein“, um im Lebenskampf auf der „Geröll-Heide“ der Körperlichkeit zu bestehen.

In dieser Hinsicht erinnert der Ägis-Helm an die Tarnkappe aus dem Nibelungenlied, die Siegfried im Kampf vom Zwerg Alberich gewonnen hatte: Den Ägis-Helm setzt das Bewusstsein auf, um eine sichtbare Form anzunehmen. Die Tarnkappe setzte es auf, um wieder formlos und unsichtbar zu werden.

Eine andere Bedeutung von Ägis lässt sich von „ægja“ für Furcht und Schrecken ableiten, so dass oft „Schreckenshelm“ übersetzt wird. Das macht auch Sinn, denn wenn sich das formlose Bewusstsein unter diesem Schutz- und Kampfhelm des Verstandes mit der Form eines Lebewesens identifiziert, entstehen natürlich viele schreckliche Ängste, diese Form im Kampf des Lebens wieder verlieren zu können. So wird der „Helm der Lebensform“ zum „Helm des Schreckens“, sobald das verkörperte Bewusstsein vergisst, dass die einzelne Welle niemals vom Meer getrennt war. Diese ganzheitliche Sicht meint wohl auch Sigurd in seiner Antwort: „Der Helm der Lebensform schützt niemanden, wenn Zornige gegeneinander kämpfen, denn kein Einzelner ist der Tapferste oder Stärkste.“ Was wiederum an das Ideal der Einherier erinnert, dem auch Sigurd folgt.

Während der Ägis-Helm im Besitz von Fafnir noch wie ein Gegenstand erscheint, wurde er in einem späteren isländischen Zauberbuch von 1670 zu einem magischen Zeichen, das man auf der Stirn tragen sollte, um immer siegreich zu sein (wie Sigurd als „Sieg-Beschützer“):


Quelle: Wikipedia Oegishjalmr

In diesem Symbol kann man im Prinzip die neun Welten erkennen (die Halbkreise und der Kreis), wie auch Ägir als Vater der neun Wellen gilt. Im Zentrum liegt Midgard, und die drei Querstriche zwischen den Welten erinnern an die Licht- und Regenbogenbrücke mit ihren drei Farben. In dieser Hinsicht ist es ein Symbol der Einheit aller Welten, die in jede Richtung offenstehen und sich in der Ganzheit wieder vereinen. Und das Bewusstsein dieser Ganzheit, in der nichts verlorengehen kann, gewährt natürlich auch im Lebenskampf eine gewisse Unbesiegbarkeit. So können wir uns gut vorstellen, wie Sigurd diesen Helm später in diesem ganzheitlichen Sinn verwandelt und vielleicht sogar als Tarnkappe verwendet.

Doch hier ist dieser Helm noch im Besitz von Fafnir als Ego-Drache, und entsprechend verwendet er ihn:

18. Fafnir: Gift spie ich, als ich auf dem mächtigen Erbe meines Vaters lag.

19. Sigurd: Oh glänzende Schlange, du machtest großes Gezisch und bekamst einen harten Geist (Verstand). Umso größer werden Zorn und Hass bei den Menschensöhnen, die diesen Helm tragen.

Hier beginnt nun Fafnir, sein Wesen zu betrachten und zu erkennen, wie er den Goldschatz des väterlichen Erbes mit dem Gift der Abgrenzung und Trennung verteidigen wollte. Diese Selbstbetrachtung ist natürlich wichtig, damit der Ego-Drache besiegt werden kann.

Sigurd bestätigt diese Betrachtung und beschreibt die Schlange der Trennung: Sie ist zwar ein glänzendes Wesen des Lichtes, wurde aber durch ihr feindliches Gift zu einem verhärteten, formhaften Verstand. So verstärkt der „Schutz- und Kampfhelm der Lebensform“ die Vorstellung, ein abgetrenntes Wesen zu sein. Je stärker diese Identifikation durch Anhaftung wird, desto mehr wachsen Zorn und Hass im Leben. Denn wer seine eigene Form um jeden Preis schützen und behaupten will, fürchtet natürlich den Verlust und fühlt sich von allen anderen Formen bedroht.

20. Fafnir: Ich rate dir, Sigurd, nimm diesen Rat an und reite heim von hier! Das klingende Gold, der glutrote Schatz und diese Ringe werden dich töten.

21. Sigurd: Dein Rat ist gegeben, doch ich werde zu dem Gold reiten, das auf der Heide liegt. Du aber, Fafnir, liege im Todeskampf, bis dich Hel hat!

So gibt nun Fafnir im Sterben einen weisen Rat, dessen Tiefe er wohl selbst noch nicht erkennt, aber vielleicht ahnt. Ja, Verstand und Körper sind im Grunde dafür da, um damit wieder heimzureiten, heim in den göttlichen Ursprung, wohin uns auch Heimdall ruft. Denn der Weg heraus ist zugleich auch der Weg hinein. Doch dazu muss man natürlich auch den Goldschatz mitnehmen.

Was ist das für ein Gold? Gold ist ein altes und starkes Symbol. Einerseits ist es ein heller, glänzender, wertvoller und beständiger Rohstoff, der nach Reinheit und Gewicht bewertet wird. Andererseits kann man damit begehrte Kunstgegenstände formen, die nicht nur schön und glänzend, sondern auch haltbar und langlebig erscheinen. Später wurden daraus die klingenden Münzen, das liebe Geld, von dem wir glauben, dass es uns alle Wünsche erfüllen kann. Und die Begierde danach hat wohl auch Fafnir dazu gebracht, es mit glutroter Leidenschaft besitzen und verteidigen zu wollen. Das heißt, jeden zu töten und unwirksam zu machen, der es dem Ego wegnehmen will.

Entsprechend finden wir das Gold in vielen alten Mythen, Märchen und Sagen als ein Symbol der allgemeinen Begierde wieder, aber auch als ein Symbol für des Reine, Beständige und Wahre, nach dem im Grunde jeder Geist sucht. Daher deuten wir die Essenz des Goldes gern als Wahrheit.

Auch aus dieser Sicht hat Fafnir recht, denn die Wahrheit kann natürlich jede Illusion töten und unwirksam machen, vor allem die Ego-Illusion der Abgrenzung und Trennung, wie Fafnir selbst, der auch in Sigurd nur ein sterbliches Ego-Wesen sehen kann. Daher fürchten wir gewöhnlich die Wahrheit und wollen sie gern verdrängen und hinter irgendwelchen Formen verstecken.

Sigurd nimmt Fafnirs Rat an, kehrt ihn aber gegen den Ratgeber selbst und sagt, dass er den Goldschatz übernehmen wird. Fafnir dagegen muss als anhaftendes Ego in die Hel gehen und dort bleiben, solange seine geistige Anhaftung an eine äußerliche Form der Wahrheit besteht, die er in der Trennung besitzen und festhalten will.

Deutlicher wird diese Symbolik, wenn man sich als Wahrheit das reine und formlose Bewusstsein vorstellt, das jede Form annehmen kann. In dieser Hinsicht kann es alle Wünsche erfüllen und ist im Grunde das Gold, das alle Wesen begehren. Identifiziert sich aber dieses Bewusstsein mit einer bestimmten Form und haftet daran, gerät es in eine Sackgasse, die beim Vergehen dieser Form als Tod, dunkle Höhle, Hölle oder Hel erfahren wird. Irgendwann muss es in dieser Sackgasse jedoch umkehren und in das formlose Bewusstsein, in die Gottheit und Ganzheit zurückfinden. Für diese Heimkehr aus der formhaften Illusion muss es natürlich das Gold der Wahrheit finden und mitnehmen. Es muss sogar das Gold der Wahrheit selbst sein, denn Trennung und Abgrenzung kann es in der Ganzheit nicht mehr geben.

Dazu spielt nun wieder der Verstand die entscheidende Rolle, der sowohl die Fähigkeit zum Unterscheiden und Trennen hat, wie auch zum Verbinden und Vereinen durch das Erkennen von Zusammenhängen. So kann er den Weg in die Sackgasse der Illusion hinein, aber auch wieder heraus gehen.

22. Fafnir: Regin verriet mich. Er wird auch dich verraten, und bringt uns beiden den Tod. Ich glaube, dass Fafnir sein Leben lassen wird, denn deine Kraft ist nun stärker geworden.

Hier kann man nun über die Rolle des Regin-Verstandes als „mächtig Wissender“ nachdenken. Regin wurde von seinem Bruder Fafnir in die Welt hinausgetrieben, weil Fafnir den Goldschatz ganz allein besitzen wollte. Dafür hatte er seinen Vater getötet und wäre auch bereit gewesen, seinen Bruder zu töten. Daher hatte sich Regin mit Sigurd verbunden, ihn als Freund gewonnen, ausgebildet und sogar sein Schwert der Weisheit geschmiedet, um Fafnir zu töten. Und Fafnir vermutet wohl zu Recht, dass Regin schließlich auch Sigurd verraten und töten will, um den väterlichen Schatz in Besitz zu nehmen. Damit droht er an Fafnirs Stelle zu treten und selbst zu einem Ego-Drachen zu werden, der den Goldschatz mit dem Gift der Trennung verteidigen will.

Das heißt, der Verstand selbst muss noch kein Ego sein. Er kann sogar zum Feind des Egos werden und einen Sigurd ausbilden, den wir im Sinne eines Einheriers als ganzheitliche Vernunft betrachten können. Und das geschieht, weil der Verstand selber das Ego nicht besiegen kann. Warum nicht? Er kann Wissen vermitteln, Waffen schmieden und den Weg zum Drachen weisen. Doch als unterscheidender Verstand bleibt er ein Teil des Ego-Systems ist, und das ist praktisch sein Bruder. So steht er zwischen Vernunft und Ego, wie Regin zwischen Otter und Fafnir.

Regin war fortgegangen, als Sigurd Fafnir tötete. Er kam zurück, als Sigurd das Blut vom Schwert strich.

So war auch der Verstand nicht dabei, als die Vernunft das Ego besiegte. Denn nur die ganzheitliche Vernunft kann das trennende Ego im Licht des reinen Bewusstseins überwinden. Doch der Verstand kam zurück, als die Vernunft ihr Schwert der Weisheit von der Blutschuld der tödlichen Tat reinigte, die sich der Verstand gewünscht hatte. Und nun beginnt er wieder zu wirken:

23. Regin sprach: Heil dir nun, Sigurd! Jetzt hast du den Sieg erkämpft und Fafnir gefällt. Von den Männern, die auf der Erde wandeln, nenne ich dich den unerschrockensten Geborenen.

24. Sigurd: Ungewiss ist, wenn wir alle zusammenkommen, der Sieggötter Söhne, wer als der Unerschrockenste geboren wurde. Mancher ist tapfer, der sein Schwert niemals im Brustblut eines anderen gerötet hat.

Wie kann nun der Verstand die ganzheitliche Vernunft am einfachsten töten, um sich über sie zu erheben und wieder selber zu herrschen? Indem er sie stolz macht, sodass sie sich mit ihrer Tat identifiziert und dadurch aus der Ganzheit in die Abgrenzung fällt. Damit kann wieder ein neues Ego wachsen.

Doch Sigurd lässt sich nicht zu einem geborenen Einzelkämpfer machen, nicht einmal durch Lob, sondern sieht sich unter den Söhnen der ewigen Sieggötter als Einherier im göttlichen Heer der Einheit. So fällt er nicht in die Falle der egoistischen Identifikation mit einem bestimmten Sieg. Denn Sigurd erlangt den Sieg nicht als persönliche Tat: Er ist der Sieg selbst, der kein Verlieren kennt.

25. Regin: Froh bist du nun, Sigurd, und über den Sieg erfreut, während du Gram („Grimm“) im Gras abwischst. Meinen Bruder hast du getötet, doch auch ich habe meinen Anteil daran bewirkt.

26. Sigurd: Du rietest es, dass ich über das heilige Gebirge hierher reiten sollte. Über Schatz und Leben hätte der glänzende Drache weiter geherrscht, wenn du meinen tapferen Sinn nicht bezweifelt (und damit herausgefordert) hättest.

Nun beginnt der Verstand, seinen Anteil an dem Sieg geltend zu machen, um sein Anrecht auf den Goldschatz zu rechtfertigen. Sigurd gibt zumindest zu, dass der Verstand die Vernunft aus ihrer „heilig-heilen Welt“ in die „Geröll-Heide“ der egoischen Körperlichkeit geholt hat, um dort den Ego-Drachen zu besiegen. Der Trick war, die Macht der Vernunft anzuzweifeln und eine praktische Bestätigung zu fordern. Das macht auch Sinn, denn ohne Zweifel bzw. „Zwei-Fall“ wäre der Verstand nichts anderes als ganzheitliche Vernunft.

Bemerkenswert ist hier der Name Gram für Sigurds Schwert, der eigentlich „Grimm“ oder „Zorn“ bedeutet. Denn es wurde vom grimmigen Zorn des unterscheidenden Verstandes geschmiedet, der ihm auch den Namen gab. In der Hand der ganzheitlichen Vernunft verwandelt es sich jedoch zum Schwert der Weisheit, sozusagen zum „heilsam-göttlichen Zorn“, mit dessen Spitze als Symbol der Einheit das Herz des Ego-Drachens durchstoßen werden konnte.

Die Blutschuld dieser Tat wischt Sigurd im Gras der wachsenden Wesen auf der „Geröll-Heide“ der Körperlichkeit ab, gleichsam im lebendigen Fluss der Schöpfung. Wo sonst? Denn die Schöpfung ist dafür da, jene Probleme zu lösen, die durch Trennung entstanden sind. Die Ganzheit selbst bleibt rein, und mit ihr auch die ganzheitliche Vernunft.

Da ging Regin zu Fafnir und schnitt aus ihm das Herz mit dem Schwert, das Ridill („Reiten, Bewegen“) heißt. Dann trank er das Blut aus der Wunde.

Hier zeigt nun der Verstand auch praktisch seinen Anspruch auf den Sieg und will sich Herz und Blut von Fafnir aneignen. Der Name seines Schwertes Ridill ist schwer zu deuten und könnte an die Eigenschaft des Verstandes erinnern, wie er sich in der Schöpfung bewegt, verkörpert und kreativ wird. Und das „Herausschneiden“ erinnert an den unterscheidenden Verstand, der mehr mit der Schwertschneide der Trennung als mit der Spitze der Einheit arbeitet.

Im Skaldenbuch §40 wird Regins Schwert „Refill“ genannt, was man als „Wandbehang“ oder „Gewebe“ deuten kann. Auch das passt symbolisch zum Verstand, der einzelne Informationen zu begrifflichen Mustern verweben kann, mit denen er dann die Wände um sich herum schmückt. Es könnten sich aber auch Schreibfehler eingeschlichen haben.

Das Herz kann man symbolisch als Seele des Körpers betrachten, und das Blut als Lebenskraft. Auch im Herzen des Ego-Drachens befindet sich natürlich die ganzheitliche Seele der Natur, denn Ganzheit ist überall gegenwärtig. Das Problem liegt im „Herausschneiden“ des Herzens und im Trinken des „Blutes aus der Wunde“. Damit versucht Regin offenbar, sich das Wesen und die Lebenskraft Fafnirs anzueignen, um dann auch den Goldschatz zu beherrschen.

Auch dabei soll Sigurd helfen, was wohl ein weiterer Trick ist, um die ganzheitliche Vernunft zu töten und zum Werkzeug der egoistischen Trennung und Abgrenzung zu machen:

27. Regin: Sitz nun, Sigurd! Ich werde schlafen gehen, und du hältst Fafnirs Herz ans Feuer! Nach diesem Trank von Blut will ich mir auch das Herz schmecken lassen.

Das „Ans-Feuer-Halten“ könnte bedeuten, das rohe Ego-Herz schmackhaft und bekömmlich zu machen. Im altnordischen Text wird dieses Herz sogar als „eiskǫld“ umschrieben, das an ein eiskaltes Herz erinnert, das ohne Mitgefühl gnadenlos zu allem bereit ist, um sein vermeintliches Eigentum zu verteidigen. Und dies soll nun schmackhaft gemacht werden. Das heißt: Die Vernunft soll dafür sorgen, dass es für den Verstand gar nicht so schlimm und leidvoll ist, ein mächtig-gieriges Ego zu sein.

Kommt uns das bekannt vor? Schon lange kann man beobachten, wie die Menschheit versucht, die Vernunft, die uns doch eigentlich vom Tier unterscheiden sollte, zu missbrauchen und zur Dienerin körperlicher Begierden auf diese Ebene herabzuziehen. Der Weg dorthin wird hier als „Schlafengehen“ angedeutet, als Verlust der weitsichtigen Achtsamkeit des reinen Bewusstseins im Leben. So geschah es anfangs auch dem Otter, als er die Ganzheit und Gottheit um sich herum vergaß und nur noch kurzsichtig seine körperliche Nahrung sah. Ja, auf diese Weise geht die ganzheitlich-göttliche Vernunft im Menschen verloren.

28. Sigurd sprach: Fort gingst du, während ich mein scharfes Schwert in Fafnir rötete. Meine Kraft setzt ich gegen die Stärke des Drachen ein, als du im Heidekraut lagst.

29. Regin sprach: Lange hättest du den alten Riesen dort in der (Geröll-) Heide liegen lassen, wenn du nicht das Schwert benutzt hättest, das ich selbst geschmiedet habe, dein scharfes Schwert.

Hier weist Sigurd die Anmaßung des Verstandes zurück, der den Sieg nun für sich beansprucht, obwohl er beim eigentlichen Kampf gar nicht anwesend war. Und der Verstand erwidert, dass er ohne das Schwert, das er der Vernunft geschmiedet hatte, den Ego-Drachen niemals hätte besiegen können.

Darüber kann man viel nachdenken. Die reine Vernunft hat wohl wirklich keinen Grund, irgendetwas in dieser Welt zu verändern. Als ganzheitliches Bewusstsein sieht sie eigentlich gar kein getrenntes Ego. Dennoch kann sie dem Verstand helfen, das Problem der Trennung zu überwinden, wenn sich der Verstand als geeignetes Werkzeug dafür bereitstellt. Das heißt: Der Verstand schmiedet das Schwert der Weisheit, und die Vernunft führt es zum Sieg. So sollte unser Verstand der Vernunft dienen und nicht umgekehrt.

30. Sigurd sagte: Geist (Vernunft) ist besser als des Schwertes Macht, wenn Zornige kämpfen. Denn ich sehe auch einen tapferen Mann mit stumpfem Schwert den beständigen Sieg erringen.

31. Dem Tapferen gelingt es besser als dem Untapferen, im Kampfspiel zu bestehen. Dem Heiteren gelingt es besser als dem Verzagten, was er auch beginnt.

So erklärt nun Sigurd, dass im Kampf der Gegensätze die ganzheitliche Vernunft mächtiger ist als ein scharf unterscheidender Verstand, um einen beständigen Sieg zu erringen. Und ein beständiger Sieg bedeutet nicht, einmal gesiegt zu haben, sondern der Sieg selbst zu sein, wie es auch Sigurd als „Sieg-Beschützer“ ist. Dazu ist die Tapferkeit bzw. Angstlosigkeit nötig, die man eigentlich nur in der Ganzheit bzw. Gottheit findet, wo nichts verlorengehen kann. Dort ist auch die Heiterkeit des reinen Lichtes zu Hause, die heitere Gelassenheit eines reinen Bewusstseins, dem alles gelingt, weil es frei ist, jede Form anzunehmen.

Sigurd nahm Fafnirs Herz und briet es an einem Spieß. Als er dachte, dass es gar gebraten sei, und der Saft aus dem Herzen schäumte, da berührte er es mit einem Finger und prüfte, ob es wirklich gar sei. Dabei verbrannte er sich und steckte den Finger in den Mund. Als aber Fafnirs Herzblut auf seine Zunge kam, da verstand er die Vogelsprache. Er hörte, was die Meisen im Gezweig zwitscherten.

So dient nun die Vernunft dem Verstand. Warum auch nicht? Sie ist ja frei und hat in der Ganzheit nichts zu verlieren. Doch in diesem Dienst, um das rohe Ego-Herz schmackhaft zu machen, schmeckt sie selbst das Herzblut durch ihr Handeln in der Welt. Dieses Blut trägt das Wesen des Ego-Verstandes in sich, aber bereits sterbend, vom Schwert der Weisheit durchbohrt und von der Vernunft am geistigen Feuer zubereitet.

Hier wird nun wiederum der Prozess angedeutet, den wir bereits in den Göttergeschichten kennengelernt haben, wie das Göttliche menschlich wird, damit das Menschliche göttlich werde. So beginnt nun die göttliche Vernunft die Sprache der Natur zu verstehen, wie auch Odin im Runenlied die geheime Bedeutung der äußerlichen Zeichen in der Natur gelernt hatte.

Bezüglich der Meisen (altnordisch „igða“ als ein weibliches Wort für „kleine Vögel“) könnte man symbolisch auch an die Seele der Natur denken, ähnlich einer Seherin, Völva oder Wala, als Prinzip der Verursachung, um aus dem Meer der Ursachen die Wirkungen auszusprechen, die sich in der Welt auswirken wollen. Und was spricht die Seele der Natur? Es sind die Stimmen der natürlichen Vielfalt, die von geistiger Einheit sprechen:

32. Eine Meise sprach: Dort sitzt Sigurd, mit Blut befleckt, und brät Fafnirs Herz am Feuer. Weise schien mir der Spender der Ringe, wenn er selbst den glänzenden Lebensmuskel äße.

Das könnte bedeuten: Dort dient der ewig Siegreiche, vom Ego-Wesen befleckt, und veredelt die Ego-Seele. Weise wäre der Geber der Ganzheit, wenn er diese Ego-Seele als Antrieb des Lebens selbst äße, auswirken und verdauen könnte, die im Grunde auch nur aus dem Licht des Bewusstseins besteht.

33. Die zweite Meise: Dort liegt Regin, beratschlagt sich, und will den Jüngling verraten, der ihm vertraut. Aus Zorn sinnt er üble Gedanken, der Schmied des Unheils will seinen Bruder rächen.

So kann nun auch die vertrauende Vernunft die Gedanken des unterscheidenden Verstandes lesen, der in vielen Sagen symbolisch als Schmied beschrieben wird, als Schmied der Begriffe, um das ganzheitlich Heile zu trennen und in der Trennung begreifen und daran anhaften zu können. In dieser Richtung ist Regin nicht auf dem Weg zur Ganzheit, zum Ideal der Einherier, sondern will ein egoistischer Einzelkämpfer wie sein Bruder Fafnir werden.

34. Die dritte Meise: Einen Kopf kürzer lasse er den alten Schwätzer von hier zur Hel fahren! Dann kann er allein über das ganze Gold herrschen, über die Fülle, die unter Fafnir (verborgen) lag.

Das könnte bedeuten: Behalte den Kopf als Wesen des schöpferisch wirkenden Verstandes, aber lass die begriffliche Identifikation zur Hel fahren, solange sie an Formen anhaften will! Dann kann die ganzheitliche Vernunft mit reinem Bewusstsein über die Wahrheit in allen Formen frei herrschen, wie Odin auf seinem Thron der grenzenlosen Weitsicht.

35. Die vierte Meise: Weise schien er mir, wenn er den großen, freundlichen Rat von euch Schwestern nutzen könnte. Er bedenke sich und erfreue Hugin (den „Gedanken“, der zu Odin fliegt). Wo ich (zwei Wolfs-) Ohren sehe, dort erwarte ich einen Wolf.

Die Weisheit hört auf die Stimmen der Natur und erkennt, was im Großen und Ganzen geschehen soll, um das große Ziel der Schöpfung zu erreichen. Dann erheben sich auch die Gedanken zur Gottheit. Denn wo die äußeren Zeichen zu sehen sind, ist auch das innere Wesen zu erwarten. Das heißt: Wo Trennung erkannt wird, wartet bereits der gefräßige Wolf der Vergänglichkeit.

36. Die fünfte Meise: So weise, wie ich den Heerführer eingeschätzt habe, wäre der Kampfbaum (Sigurd) nicht, wenn er den einen Bruder entkommen ließe, nachdem er dem anderen das Leben genommen hat.

Nachdem das Ego der Abgrenzung besiegt wurde, was macht nun die Weisheit mit dem Verstand der Unterscheidung, dem „Schmied des Unheils“?

37. Die sechste Meise: Ohne Weisheit wäre er, wenn er diesen Menschenfeind noch schont. Dort liegt Regin, der ihn verraten hat. Er weiß wohl nicht, wie er sich vor ihm bewahren kann.

Hier ist die Vernunft, und dort ist der Verstand. Wie kann diese Trennung aufgehoben werden, damit die Ganzheit bewahrt bleibt?

38. Die siebente Meise: Einen Kopf kürzer lasse er den frostkalten Riesen die Ringe verlieren. Dann ist er alleiniger Herrscher des Schatzes, den Fafnir besaß.

Bewahre den Kopf des Verstandes und löse seine erstarrte Form auf, ähnlich wie Thor gegen die Frostriesen kämpft, die mit den Ringen der Ganzheit und Regeneration in der Trennung wie etwas Ganzheitliches erscheinen wollen. Doch diese Ringe machen nur im Besitz der Vernunft wirklich heilsamen Sinn.

39. Sigurd: Das Schicksal ist nicht so mächtig, dass Regin mein Todeswort bringen (und aussprechen) sollte. Denn beide Brüder sollen schon bald von hier zur Hel fahren!

Sigurd antwortet auf die Stimmen der Natur im Fluss der Schöpfung, dass der trennende Verstand die ganzheitliche Vernunft niemals töten kann. Das ist auch nicht das Schicksal der Schöpfung. Denn einen Tod als endgültige Vernichtung kann sich nur der Verstand in der Abgrenzung und Trennung vorstellen. Und diesen Weg gehen die beiden Brüder als „Ego-Verstand“, nicht weil Sigurd es will, sondern weil sich der Ego-Verstand diese Welt erschaffen hat und nun auch erfahren muss.

Hier wird bereits deutlich, dass der grundlegende Sieg über den Ego-Drachen nur der Anfang eines langen Prozesses der Überwindung von Abgrenzung und Trennung ist, der sich im Großen und Ganzen bis Ragnarök hinzieht, wenn der Wolf der Vergänglichkeit und die Midgardschlange in der gesamten Schöpfung besiegt werden. Denn „Ragnarök” ist das „Schicksal (rök) der mächtig Wissenden (regin)“ und somit vor allem das Schicksal von Fafnir und Regin als “Ego-Verstand”, um dieses Grundproblem der Abgrenzung und Trennung im Fluss der Schöpfung zu lösen.

So kann man sich gut vorstellen, wie nach der Selbsterkenntnis als Sieg der Vernunft die langwierige Selbstverwirklichung folgt, die nun als Weg der Vernunft beschrieben wird, den der Mensch gehen kann, um ein Einherier zu werden.

Sigurd schlug Regin den Kopf ab, dann aß er Fafnirs Herz und trank das Blut der beiden, von Regin und Fafnir.

Hier geht es natürlich nicht darum, irgendwelche Menschen zu töten oder dass etwas nicht da sein sollte, was da ist. Hier geht es um eine überaus tiefe psychologische Verwandlung, die auch damals schon mit Worten nur schwer zu beschreiben war. Denn sobald man sie in Worte fasst, drängt sich bereits der unterscheidende Verstand dazwischen.

Gemeint ist wohl, dass die ganzheitliche Vernunft das Blut als Wesen des „Ego-Verstandes“ in sich selbst aufnimmt. Auf diese Weise macht die Vernunft aus dem trennenden Verstand wieder einen vereinenden Verstand und aus dem abgrenzenden Ego ein ganzheitliches Ich. Darin zeigt sich bereits das Ideal der Einherier. Ebenso verinnerlicht Sigurd auch das Herz als Ego-Seele und Prinzip der Verursachung, dessen Wirkungen noch ausgelebt, erkannt und aufgelöst werden müssen. Und davon handelt dann auch die lange Geschichte um Sigurd, die danach folgt.

An dieser Stelle kann man auch darüber nachdenken, dass das Ego-Wesen der Anhaftung und des Festhaltens nicht grundsätzlich falsch ist. Die große Frage ist nur: Was will das Bewusstsein festhalten? Vernünftig wäre es, das Ewige festzuhalten und das Vergängliche loszulassen: Das reine, formlose Gold zu bewahren und die Formen des Goldes frei fließen zu lassen. Das wäre doch das Einfachste, und man müsste dazu nicht viel tun. Kompliziert, schwierig und mühsam wird es, wenn man das Vergängliche festhalten will und das Ewige gar nicht erkennt…

Die Symbolik des „Köpfens“ erinnert an die mystische Geschichte von „Mimirs Kopf“. Sie handelt von Hönir und Mimir, die nach dem Wanenkrieg zwischen Geist und Natur vom Asen-Geist an die Wanen-Natur übergeben wurden, Hönir als König und Mimir als Ratgeber. Auch dieses Paar konnten wir als Vernunft und Verstand deuten. Und die Geschichte erzählt, wie die Vernunft ohne Verstand in der Natur nicht urteilen und regieren konnte. Auch dort wurde Mimir geköpft, vermutlich, damit er nicht mehr weglaufen und sich in der Körperlichkeit verlaufen konnte. Der Kopf wurde an Odin zurückgesandt, an den ganzheitlich-göttlichen Geist, der ihn bewahrte und wieder lebendig machte.

Ähnlich kann auch das Köpfen Regins verstanden werden: Seine Anhaftung an die Körperlichkeit wird abgeschlagen, während der Kopf als schöpferisch wirkendes Wesen des Verstandes erhalten bleibt und in den Dienst der ganzheitlichen Vernunft zurückkehrt.

Doch nun schauen wir uns an, wie die Geschichte von Sigurd weitergeht:

Da hörte Sigurd, wie die Meisen sprachen:

40. Schnür, Sigurd, die roten Ringe! Es ist nicht königlich, vieles zu fürchten. Eine Jungfrau kenne ich, die allerschönste, mit Gold geschmückt, wenn du sie gewinnen könntest.

Auch hier spricht die Stimme der vielfältigen Natur wieder von der geistigen Einheit der Ringe, in der man nichts fürchten muss. Das „Rot“ kann an die Liebe erinnern, die alles Getrennte wieder verbinden und vereinen kann. Dazu kommt nun für den Jüngling auch die Jungfrau ins Spiel, die große Liebe des Geistes zur Seele der Natur, die in vielen Drachentöter-Sagen als Grundmotivation für diesen Kampf beschrieben wurde. Denn nur die wahre Liebe kann den Ego-Drachen und den Ego-Verstand wirklich besiegen. Mit Hass gelangt man hier nicht ans Ziel, weil das Ego davon lebt und nur immer stärker wird. Diese Liebe zeigte sich bei Sigurd bereits zu Regin, dem er diente, und dann zu den Stimmen der Natur, denen er folgte. Und nun geht der Weg der Liebe weiter:

41. Zu Gjuki (dem „Begabten und Gebenden“) führen grüne Wege. Das Schicksal weist dem Menschenführer den Weg voraus. Dort hat der edle König eine Tochter aufgezogen, die du, Sigurd, mit einem Brautgeschenk erwerben solltest.

Nun führt ihn diese Liebe weiter auf dem grünen Weg des Lebens bis zur Tochter von Gjuki. Das Brautgeschenk wird dann wohl aus dem Goldschatz stammen, vermutlich einer der „roten Ringe“. Diese Tochter werden wir später noch als Gudrun kennenlernen, als „Gott-Rune“ und ganzheitlich-göttliches Geheimnis der Natur.

Wenn du dein wahres Selbst kennst,
ist das Geheimnis dein.
(Hui-Neng, Zen Meister)

Diese wahre Liebe ist auch die bedingungslose Liebe zum Schicksal, das reine Vertrauen in die Entscheidungen der Götter am Schicksalsbrunnen, die die nötige Weitsicht dafür haben. Sie ist die freigiebige Annahme von allem, was uns an Umständen im Leben begegnet. Nicht als blinde Ergebung, sondern als Gottvertrauen in den grünen Weg des Lebens zur weiteren Selbstverwirklichung. Entsprechend führt nun dieser Weg der göttlichen Liebe zunächst zur Walküre Sigrdrifa („Sieg-Treiberin“), die Sigurd nach dem Sieg über den Ego-Verstand zum Einherier erwählt:

42. Eine Halle steht auf dem hohen Hindarfjall („Berg der Hirschkühe“), außen ganz von Feuer umgeben. Weise Männer haben sie aus dem unverdunkelten Glanz (dem Gold) des Ogn („schrecklichen Kampfes“) geschaffen.

43. Ich weiß, dass auf dem Berg ein Kampfwesen (eine Walküre) schläft, und um sie herum spielt das Verderben der Linde. Yggr (Odin) stach sie mit dem Schlafdorn. Denn die Flachs-Gefn („Schicksalsfaden-Geberin“) fällte einen anderen Helden, als er haben wollte.

44. Du kannst, Jüngling, unter dem Helm die Jungfrau sehen, die auf Wingskornir (dem Pferd „Erd-Pflüger“?) aus dem Kampf ritt. Doch man kann Sigrdrifas (der „Sieg-Treiberin“) Schlaf nicht gegen den Schicksalsspruch der Nornen brechen, oh Verwandter der Skjöldungen („Schildlinge“ als „Beschützer“).

Über die Walküren als „Wählerinnen der Gefallenen“ und Odins Dienerinnen in Walhall haben wir im Abschnitt „Walküren“ bereits ausführlicher gesprochen. Symbolisch kann man in ihnen die äußeren Umstände und Bedingungen des Lebenskampfes sehen. Je nachdem, wie die Kämpfer darauf reagieren, werden sie entweder als Einherier nach Walhall erwählt oder gehen als egoistische Einzelkämpfer den Weg zur Hel.

Darum wartet nun auch auf Sigurd als einem heldenhaft kämpfenden Menschen eine Walküre, um die äußeren Umstände des Schicksals auf dem Weg des Einheriers zu entfalten. Sie wartet auf dem Gipfel eines Berges in einer Halle, die man als Bewusstseinsraum betrachten kann, hinter einem Feuerwall. Den Feuerwall haben wir bereits mehrfach als eine symbolische Geist-Barriere für schicksalhafte Ursachen kennengelernt, die auf einen bestimmten Geist warten, um sich entfalten und auswirken zu können.

Dazu gehört auch eine Geschichte über Sigrdrifa, die im Kampf noch nicht den Richtigen erwählt hatte, sodass sie von Odin schlafen gelegt wurde, bis der Richtige kommt, nämlich Sigurd. Entsprechend wurden sicherlich auch die Namen Sigrdrifa und Sigurd als „Sieg-Treiberin“ und „Sieg-Beschützer“ gewählt. Diese Geschichte wird dann im nachfolgenden „Lied von Sigrdrifa“ ausführlicher erzählt. Dort wollen wir uns auch die vielen Symbole aus den letzten drei Versen genauer anschauen.

Was nur hier erwähnt wird, ist das Pferd der Walküre namens Wingskornir. Der Name lässt sich als „Erd-Pflüger“ deuten und erinnert an das körperliche Wesen der Walküre, die wie ein Bauer mit dem Pflug dafür sorgt, dass nur das wächst, was wachsen soll. Entsprechend liegt auch Sigrdrifa wie ein Samen in der Erde und wartet auf die geistige Sonne von Sigurd, um sich schicksalshaft entfalten zu können.

Doch nun übernimmt erst einmal Sigurd den Goldschatz des Drachens:

Sigurd ritt auf Fafnirs Spur zu dessen Behausung und fand sie offen. Die Türen und Türpfosten waren aus Eisen, wie auch alle Balken im Haus, aber tief in die Erde gegraben. Da fand Sigurd sehr viel Gold und füllte damit zwei Kisten. Er nahm von dort auch den Ägis-Helm („Helm der Lebensform“), die goldene Brünne, das Schwert Hrotti („Gewalt“) und viele wertvolle Dinge und belud damit Grani (sein „Pferd“). Aber das Pferd wollte nicht eher gehen, bis Sigurd auf seinen Rücken gestiegen war.
(Fáfnismál nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

So verfolgt nun die Vernunft die Ego-Spur bis zur Wurzel zurück, bis zu einer „Behausung“, die man sich ebenfalls als einen Bewusstseinsraum vorstellen kann, der von eisernen Begriffen abgegrenzt und tief in die irdische Materie der Körperlichkeit eingegraben wurde. Dort findet und übernimmt Sigurd das väterliche Erbe, das Fafnir egoistisch ergriffen hatte und in der Abgrenzung festhalten wollte. Dazu gehört das Gold der Wahrheit, das der Vater einst von den Göttern bekommen hatte. Aber auch die äußerlichen Formen dieses Goldes als Helm, Brünne, Schwert und weitere nützliche Dinge. Damit belädt Sigurd nun sein Pferd als Symbol seiner Körperlichkeit, und er selbst ist der belebende und bewegende Geist dazu.

Durch die Übernahme dieser goldenen Dinge aus der Ego-Trennung in die ganzheitliche Vernunft kann man sich auch eine geistige Reinigung vorstellen. Der Helm als Schutz des Kopfes erinnert an den Verstand, die Brünne als Brustpanzer erinnert an die Körperlichkeit, und das Schwert der Gewalt wandelt sich durch die Vernunft in ein Schwert der Weisheit. Was zuvor vom Ego beherrscht und versteckt wurde, kann nun wieder offen und frei der Ganzheit dienen.

Das gilt vor allem für das Gold, das Sigurd in zwei Kisten füllt und seinem Pferd auflädt. Die beiden Kisten erinnern uns an die körperliche Welt der Gegensätze, die doch im Grunde gar nicht so gegensätzlich sind, weil sie doch alle dasselbe Gold der Wahrheit enthalten, reine Information und reines Bewusstsein. Rechts und links am Pferd der Körperlichkeit sorgen sie für eine gewisse Ausgeglichenheit während der Bewegung. So trägt die Körperlichkeit zwar die Zweiheit, aber darin wirkt weiterhin die Wahrheit als Einheit und Ganzheit.

Diesen Drachenkampf von Sigurd können wir als eine Kerngeschichte betrachten, um die sich dann vielfältige weitere Geschichten spinnen: einerseits als Vorgeschichte über Regin und Sigurd, und andererseits als Fortsetzung und weiteren Weg von Sigurd in der Menschenwelt. Aus geistiger Sicht kann man diesen Sieg über den Ego-Verstand der Abgrenzung und Trennung auch als den Höhepunkt der „Selbsterkenntnis“ deuten. Denn wer ist man ohne Ego? Und die weitere Geschichte wäre dann der langwierige Weg der „Selbstverwirklichung“, um das angesammelte Karma auswirken zu lassen, ähnlich wie es auch in den Göttergeschichten auf dem Weg zu Ragnarök beschrieben wurde.

Vergleich mit der Nibelungensage

Damit haben wir hier einen Drachenkampf kennengelernt, der viele Ähnlichkeiten mit dem Drachenkampf von Siegfried in der Nibelungensage hat, aber auch einige Unterschiede zeigt. Ähnliche Rollen spielen Regin und Mimer als Schmiede des Verstandes. Dabei erinnert Mimer an den schöpferischen Mimir-Verstand. Auch die Entwicklung von Siegfried kann man als einen Weg zur ganzheitlichen Vernunft betrachten. Dazu besiegte er den Ego-Drachen und tötete auch den Schmied Mimer, der ihm zunächst als Lehrmeister diente, sich aber dann als Meister über Siegfried erheben wollte. Durch sein Bad im Drachenblut wurde Siegfried unverletzlich, was man auch als geistige Erkenntnis der unvergänglichen Essenz deuten kann, die sich durch den Ego-Tod offenbarte. Denn sein Körper blieb durch das „Lindenblatt“, das ihm beim Bad auf die Schulter fiel, weiterhin sterblich.

Den Goldschatz gewinnt Siegfried erst später von den zwei Brüdern Schilbung und Nibelung, die ähnlich wie Fafnir und Regin um ihr Vatererbe stritten. Daraus wird dann der „Nibelungenschatz“, der „Goldschatz der Nebelwesen“, den Siegfried aber nicht persönlich in Besitz nimmt, sondern in der Natur des Nibelungenreichs belässt, wo ihn die Zwerge mit Alberich an der Spitze weiterhin bewachen. Dazu besiegt er auch Alberich im Kampf und gewinnt von ihm die Tarnkappe. Diese haben wir bereits mit dem Ägis-Helm verglichen, denn beide verleihen eine gewisse Macht über die körperliche Erscheinung. Ähnlich erinnert auch die goldene Brünne, die Sigurd gewann, an die körperliche Unverletzbarkeit von Siegfried. Und das Schwert Hrotti aus dem Schatz erinnert an das Schwert Balmung, das Siegfried aus dem Nibelungenschatz erhielt.

So zeigen beide Überlieferungen aus geistiger Sicht die gleiche Grundidee: Der Ego-Drache wird überwunden und ein vernünftiger Mensch gewonnen.


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