Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Das Kurze Sigurdlied (und längere Brynhildlied)

1. Einst kam Sigurd (der „Sieg-Beschützer“), der junge Wölsung (als „Erwählter“), der bereits gesiegt hatte, zu Gjuki (dem „Begabten und Gebenden“). Er empfing die Treueversprechen der beiden Brüder (Gunnar und Högni), und die tapferen Männer verbanden sich durch Eide.

2. Eine Jungfrau boten sie ihm und eine Fülle an Kostbarkeit: die junge Gudrun („Gott-Rune“), Gjukis Tochter. Der junge Sigurd und Gjukis Söhne tranken und berieten sich viele Tage gemeinsam.

So kommt die Wirksamkeit der ganzheitlichen Vernunft in den vernunftbegabten Gjuki-Menschen und vereint sich mit dessen Seele. Zusammen mit dem Ego-Verstand werden Met und Bier getrunken, der Mensch lernt das ganzheitliche Erkennen, und damit sollte der Verstand schließlich die äußere Natur erobern und gewinnen.

3. Schließlich zogen sie aus, um Brynhild zu werben. Sigurd, der junge Wölsung, begleitete sie und kannte den Weg. Er selbst hätte sie bekommen, wenn er sie hätte haben können (doch das durfte nicht sein).

4. Der südliche Mann legte ein bloßes Schwert, eine zeichengeschmückte Klinge, zwischen beide. Weder unternahm er es, die Frau zu küssen, noch schloss sie der hunnische König in seine Arme. Als unberührte Jungfrau übergab er sie Gjukis Sohn.

Aus geistiger Sicht erscheint hier erneut das alte Problem: Die ganzheitliche Vernunft kann sich nicht unmittelbar mit der Vielfalt der äußeren Natur vereinen. Zwischen beiden muss das Schwert des unterscheidenden Verstandes liegen, die „zeichengeschmückte Klinge“, hier vermutlich Gram, Sigurds Schwert, das ihm der Regin-Verstand geschmiedet hatte. Der „südliche Mann“ erinnert im nordischen Weltenbaum an einen geistigen Helden, nämlich Sigurd, der die Gestalt von Gunnar angenommen hatte, vermutlich mit dem Ägis-Helm aus dem Drachenschatz. Auf diese Weise sollte der unterscheidende Verstand, hinter dem die ganzheitliche Vernunft steht, die äußere Natur heiraten und damit zum „hunnischen König“ im Budli-Reich der Natur werden.

Rätselhaft ist, warum Sigurd auch im weiteren Lied noch mehrfach als „hunnischer König“ bezeichnet wird, obwohl diese Stellung nach der Hochzeit mit Brynhild aus geistiger Sicht eigentlich Gunnar zukommen sollte. Die übliche Deutung der Forscher ist, dass man im Norden „hunnisch“ allgemein als „südländisch“ betrachtete. Doch warum wird hier vor allem Sigurd als ein solcher bezeichnet? Seine Herkunft wird in der Edda deutlich aus Dänemark und dem Frankenland hergeleitet, und nach seinem väterlichen Erbe ist er eigentlich ein „fränkischer König“. Warum können Franken Hunnen, aber Hunnen keine Franken sein? Im Zen-Buddhismus heißt es:

Wohin ich auch gehe, da ist er.
Er ist niemand anderes als mein ich, aber ich bin nicht er.
(Dongshan, Zen-Meister)

Damit könnte gemeint sein: Die Einheit ist die Grundlage der Vielfalt, aber die Vielfalt ist nicht die Einheit. Denn:

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
(Aristoteles, griechischer Philosoph)

So sieht vielleicht auch Brynhild (und später sogar Högni) in Sigurd den wahren König der Hunnen als Reich der äußeren Natur, weil sich Gunnar nicht entsprechend erheben konnte…

5. Sie kannte an sich im Leben keinen Fehler, kein todbringendes Unheil und kein Unrecht, weder wirklich noch scheinbar. Doch grimmige Schicksalsmächte traten dazwischen.

6. Allein saß sie draußen am Abend des Tages. Da begann sie offen auszusprechen: „Sigurd soll ich haben - oder aber sterben -, den jungen Mann in meinen Armen!

7. Nun habe ich es ausgesprochen, doch schon bereue ich es: Gudrun ist seine Frau, ich aber bin Gunnars Frau. Grausame Nornen (des Schicksals) schufen uns lange Sehnsucht.“

Ja, die äußere Natur selbst hat keine Schuld. Sie ist eine reine Jungfrau, wie sie die Vernunft dem Verstand übergibt. In ihrem reinen Wesen strebt sie in „langer Sehnsucht“ ganz natürlich zur ganzheitlichen Vernunft. Gemeinsam mit der inneren Seele als Prinzip der schicksalhaften Verursachung erfüllt sie damit ihre große Aufgabe in der Schöpfung. Daher weiß Brynhild, dass sie ohne vernünftige Ganzheit in der Trennung sterben muss, und spricht es als äußere Natur offen aus. So ist es nun die Aufgabe des Verstandes, diesen Trennungsschmerz zu heilen, denn er selbst hat zusammen mit dem trennenden Ego die entsprechenden Ursachen angesammelt. Und was man sich eingebrockt hat, muss man auch auslöffeln…

8. Oft geht sie (ins Haus) hinein, erfüllt von Unheil und eisiger Kälte, jeden Abend, wenn Gudrun und Sigurd zu Bett gehen und er seine Frau in (warme) Decken hüllt. Der hunnische König liebt seine Frau.

9. Brynhild dachte: „Beraubt gehe ich, der Sehnsucht und des (liebenden) Mannes. Mit grimmigen Gedanken muss ich mich trösten!“

10. Da begann sie, aus diesem Hass zum Töten anzustacheln: „Du wirst, Gunnar, alles verlieren: mein Land und mich selbst. Mit dir als Fürsten werde ich niemals zufrieden leben!

11. Ich werde dorthin zurückkehren, wo ich zuvor war, zu meinen nächsten Verwandten. Dort werde ich sitzen und das Leben verschlafen, es sei denn, du lässt Sigurd sterben und wirst ein höherer Fürst als die anderen!

12. Lassen wir auch den Sohn (Sigmund) seinem Vater (Sigurd) folgen! Einen jungen Wolf sollte man nicht lange wachsen lassen. Denn solange der Sohn lebt, droht die Rache und eine Versöhnung ist unwahrscheinlich.“

Praktisch kann man hier an den natürlichen Alterungsprozess denken. Während Vernunft und Seele jung und in ihrer Liebe beständig bleiben, altern Verstand und äußere Natur. Dabei können sie in ihren Gewohnheiten erstarren wie die Frost- und Bergriesen der Göttergeschichten, die von Thor mit seinem Hammer bekämpft werden. Mit ähnlicher Absicht begab sich am Ende des vorigen Liedes wohl auch Gudrun zu Thora nach Dänemark ins Reich der Göttersöhne.

Warum kann der rationale Verstand zur äußeren Natur nicht die gleiche warmherzige Liebe bewahren wie die Vernunft zur inneren Seele? Woher kommt das vergängliche und tödliche Wesen der äußeren Natur, die nun mit Verlust und Trennung droht? Und woher kommen Brynhilds „grimmige Gedanken“, wenn nicht vom Verstand ihres eigenen Mannes bzw. Geistes?

Ja, das sind die großen Fragen der alten Weisen. Wir kann man Einheit und Vielfalt unter einen Hut bringen? Zwischen beiden ist nun der Verstand herausgefordert, eine Lösung zu finden:

13. Gunnar wurde bekümmert und ließ den Kopf hängen. Den ganzen Tag saß er da und wälzte Gedanken. Er wusste nicht mehr klar, was er wollte und welches Handeln für ihn am angemessensten und besten wäre. Ihm war bewusst, dass er den Wölsung („Erwählten“) verlieren und Sigurd (als „Sieg-Beschützer“) schmerzlich vermissen würde.

14. Abwechselnd überlegte er (beide Möglichkeiten) jeweils eine gleich lange Zeit. Es war bisher nicht üblich, dass Ehefrauen ein Königshaus wieder verließen. Da begann er, Högni zur geheimen Beratung (ohne Sigurd) zu rufen, denn in ihm fand er für alles einen engen Vertrauten.

Hier wird das Grundproblem deutlich: Der Gunnar-Verstand des vernunftbegabten Gjuki-Menschen hat die Freiheit, sich zu entscheiden, wie er auf die Umstände der Walküre reagiert. Doch er erkennt den Sinn der Prüfung durch die „Sieg-Treiberin“ nicht und wendet sich schließlich von der Vernunft ab und Högni zu, dem trennenden Ego. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen, und einige glückliche Jahre konnten sie gemeinsam leben. Warum sucht der Verstand nicht mehr den gemeinsamen Rat mit Sigurd, der ganzheitlichen Vernunft, mit der er sich durch die Eide der Blutsbrüderschaft bereits verbunden hatte? Warum ist die leibliche Brüderschaft zu Högni stärker als die geistige?

15. Gunnar sprach: „Brynhild allein ist mir mehr wert als alle anderen. Die von Budli Geborene ist die Beste der Frauen! Eher werde ich mein Leben lassen, als die Kostbarkeiten dieser Herrin zu verlieren!

16. Willst du, dass wir beide den Heerführer um des Reichtums willen betrügen? Gut wäre es, über das Rheingold zu herrschen, zufrieden über den Reichtum zu verfügen und in Ruhe das Glück zu genießen.“

Ist das Liebe oder Begierde?

17. Darauf antwortete Högni spontan: „Es ziemt uns beiden nicht, solches zu tun: mit dem Schwert geschworene Eide zu brechen, geschworene Eide und gewährte Treueversprechen!

18. Wir beide kennen keine glücklicheren Männer auf Erden, solange wir vier (vermutlich Sigurd, Gunnar, Högni und Gotthormr) gemeinsam über das Volk herrschen und der hunnische Heer-Balder lebt (Sigurd als lichtvoller „Sieg-Beschützer“). Auch gibt es keine vorzüglichere Verwandtschaftsverbindung auf Erden, wenn wir langfristig fünf Söhne großziehen und unsere Geschlechter gut vermehren können.

19. Ich weiß genau, woher dies alles kommt: Brynhilds Begierden sind zu groß!“

Wunderbar! So ein vernünftiges Ego könnte unser bester Freund sein, ein ganzheitliches „Ich bin“. Es denkt nicht lange nach, sondern antwortet spontan. Nur ein kleines Problem gibt es noch: Es sieht die Schuld am Leiden in der äußeren Natur. Dabei sind es nicht die Begierden der äußeren Natur, die uns leiden lassen, sondern die des Verstandes, der mit ihr verheiratet ist. Und weil das Ego die Schuld nicht im Menschen selbst sucht, sondern bei anderen, muss natürlich die ganzheitliche Vernunft sterben. Das geschieht auch hier wieder durch Gotthormr, der menschlichen Anlage zur Vernunft. Sie wird vom Ego-Verstand missbraucht, verdorben und in ihr Gegenteil verkehrt, von der Ganzheit zur Trennung, vom Heilen ins Töten:

20. Gunnar sprach: „Wir beide wollen Gotthormr („Gott-Ehrer“) zum Töten bereitmachen, unseren jüngeren und unwissenderen Bruder. Er steht außerhalb der geschworenen Eide, der geschworenen Eide und gewährten Treueversprechen.“

21. Leicht war es, den Unbekümmerten anzustacheln, und schon trat das (zerschneidende) Schwert in Sigurds Herz.

22. Der Kampfbereite (Sigurd) rächte sich sogleich im Raum und warf sein Schwert nach dem Unbekümmerten. Voller Kraft flog die hell glänzende Eisenklinge Grams aus der Hand des Königs gegen Gotthormr.

23. Sein Feind fiel in zwei Teile: Hände und Kopf (als Oberkörper) fielen auf die Seite, aber der Fußteil (als Unterkörper) fiel rückwärts an Ort und Stelle.

Wie das Ego, so denkt auch die Vernunft nicht lange nach. In ihrer wesenhaften Freiheit ist sie unbekümmert und lässt sich leicht für alles verwenden. So kann sie sich sogar selbst töten, wie auch das formlose Bewusstsein scheinbar jede Form annehmen und sogar bewusstlos werden kann.

Diese ungebändigte Unbekümmertheit der Vernunft wird übrigens auch in der deutschen Nibelungensage (nach Wilhelm Wägner) anfangs von Siegfried beschrieben, wie er unbekümmert den Mimer-Verstand tötete, aber dafür von seinen Eltern getadelt und zum Mitgefühl ermahnt wurde.

Füße, Hände und Kopf erinnern symbolisch an die Geschichte von Erp, Hamdir und Sörli. Dass hier mit Sigurds Schwert Gram, das der Regin-Verstand geschmiedet hatte, die Füße als Symbol für das Ego von Hand und Kopf als Verstand und Vernunft getrennt werden, könnte eine interessante letzte Botschaft von Sigurd sein. Zumindest werden sie getrennt, und durch Trennung vergeht die Ganzheit.

24. Gudrun war sorglos im Bett neben Sigurd eingeschlafen. Doch als sie erwachte, war sie aller Freude beraubt, denn sie schwamm im Blut von Freyrs (des Sommergottes) Freund.

Ja, nun wird es winterlich im Gjuki-Menschen, denn mit der Ganzheit geht auch die Macht der Erneuerung und Regeneration verloren. Er ist nun keine Einherier mehr, sondern fällt in den Zustand eines Einzelkämpfers, der im Tod endet.

Der Schlaf deutet wiederum die Unachtsamkeit bzw. Unbewusstheit an, denn nur dadurch kann die ganzheitliche Bewusstheit der Vernunft vergehen.

25. Da schlug Gudrun so heftig die Hände zusammen, dass sich der Starkmütige (schwer verwundete Sigurd noch einmal) im Bett aufrichtete und sprach: „Weine nicht so bitterlich, Gudrun, blutjunge Braut: Deine Brüder leben!

26. Mein Erbe (Sigmund) ist noch allzu jung, um aus dem Gehege der Feinde zu entkommen. Durch ihren kürzlich gefassten Beschluss haben sie sich Schweres und Unheilvolles bereitet.

27. Hinter ihnen wird künftig kein solcher Schwestersohn (wie Sigmund) zum Thing reiten, auch wenn sie sieben andere (Söhne) großziehen. Ich weiß genau, was jetzt vor sich geht: Brynhild bringt nur all dieses Unheil hervor.

28. (Denn) die Jungfrau liebt mich mehr als jeden anderen Mann. Doch gegen Gunnar beging ich kein Unrecht. Ich bewahrte die Verwandtschaft und die geschworenen Eide, damit mich niemand den Geliebten seiner Frau nennen könnte.“

Dass die Brüder von Gudrun leben, erinnert wieder daran, dass der getötete Gotthormr nur ihr Stiefbruder war. Seinem symbolischen Namen nach verkörpert er die von Gott gegebene Anlage zur Vernunft. Das Überleben ihrer Brüder soll für Gudrun ein Trost sein, denn in dieser Schöpfung geht es wohl vor allem um das Leben und Ausleben des Ego-Verstandes gemeinsam mit der inneren Seele als treibender Verursachung.

Auch die Vernunft kann nur scheinbar aus Sicht der Trennung sterben. Dazu wird noch der geplante Mord an Sigurds jungem Sohn Sigmund angedeutet. Mit ihm sterben dann alle drei Aspekte der ganzheitlichen Vernunft: in Gotthormr die Anlage, in Sigurd ihre Wirksamkeit und in Sigmund ihre Fortführung.

Wie Högni als Ego zuvor von fünf Söhnen sprach, die man gemeinsam großziehen sollte, so spricht nun Sigurd von sieben. Neben den fünf Sinnen könnte man hier noch an Verstand und Ego denken.

Und wie Högni die Ursache des Leidens in Brynhilds Begierden sah, ähnlich spricht nun auch die Vernunft, aber wohl aus ganzheitlicher Sicht. So sieht Sigurd die Walküre als „Sieg-Treiberin“, die für die äußeren Umstände und schicksalhaften Bedingungen im Leben sorgt, und dazu all das Unheil hervorbringt, das in der Schöpfung geheilt werden will. Das macht sie aus Liebe zur ganzheitlichen Vernunft, und dient damit dem Schöpfergott und Allvater Odin. Und die Vernunft sorgt dafür, dass der Verstand in diesem Bewusstseinsraum zwischen Einheit und Vielfalt leben und lernen kann — wenn man sie leben lässt…

29. Die Frau stieß ihren Atem aus, der König aber sein Leben. Da schlug Gudrun ihre Hände so heftig zusammen, dass die Trinkbecher in der Ecke (im Raum) widerhallten und die Gänse auf dem Hof laut schrien.

Das heftige Ausatmen und laute Klatschen der Hände erinnert an die Tätigkeit der inneren Seele als Prinzip der Verursachung. Doch diesmal erwacht Sigurd nicht noch einmal, sondern das Klatschen dringt in die äußere Welt, in die Trinkbecher der Lebewesen und hinaus in den ganzen Hof der Schöpfung, wo die Gänse als Symbol der Ganzheit die Tat lauthals aussprechen. Ja, das ist das Wesen der Ganzheit, in der nichts verlorengeht. Und so vernimmt es auch Brynhild:

30. Da lachte Brynhild, Budlis Tochter, ein letztes Mal aus ganzem Herzen, als sie von ihrem Bett aus das schallende Wehklagen von Gjukis Tochter hörte.

31. Da sprach Gunnar, der Herr der Krieger (der „Habicht-Träger“): „Lache nicht darüber, hasserfüllte Frau, so fröhlich im Gemach, als ob es dir Gutes verhieße! Warum verlierst du die helle Farbe aus deinem Gesicht, Hervorbringerin des Unheils? Ich denke (und fürchte), du bist dem Tode nah.

32. Du hättest es unter den Frauen verdient, dass wir (auch deinen Bruder) Atli vor deinen Augen niederschlügen. So sähest du an deinem Bruder (wie wir an Gotthormr) eine blutige Wunde, blutende Wunden, die du verbinden (und heilen) müsstest!“

Als äußere Geschichte könnte man sich vorstellen, dass Gunnar und Högni den Mord an Sigurd mit ansahen und dabei erleben mussten, wie auch ihr Bruder Gotthormr getötet wurde. Damit hatte Gunnar offenbar nicht gerechnet, und daher rührte wohl sein Zorn gegen Brynhild, die er doch über alles liebte oder zumindest begehrte. Vermutlich wurde dabei auch der junge Sigmund von Gunnar und Högni getötet. Danach kehrte Gunnar in das Schlafgemach zu Brynhild zurück, die von dort Gudruns schallendes Wehklagen hörte.

Ihr letztes Lachen kündigt nun eine Zeit des Leidens und des Todes im vernunftlosen Gjuki-Menschen an. Denn als Walküre sieht sie natürlich gemeinsam mit Gudrun die Ursachen und das entsprechende Schicksal und spricht es als äußere Natur offen aus:

33. Darauf sprach Brynhild: „Niemand kann dir mangelnden Kampfesmut vorwerfen, Gunnar! Doch du hast bereits mehr als genug getötet. Wenig fürchtet Atli deinen Zorn. Von euch beiden wird er länger leben und stets mächtiger sein.

Denn das Töten führt in den Tod…

34. Ich will dir sagen, Gunnar - obwohl du es selbst genau weißt -, wie früh ihr euch in Schuld verstrickt habt. Ich war weder zu jung noch gedrängt (eine Ehe einzugehen). In meines Bruders Halle war ich reich mit Gut ausgestattet.

35. Auch wollte ich nicht, dass mich ein Mann besäße, bevor ihr Gjuki-Söhne zum Hof geritten kamt - drei Männer auf Pferden, mächtige Könige (Gunnar, Högni und Gotthormr bzw. Sigurd). Doch eure Fahrt wäre nicht nötig gewesen.

Ja, ohne Ego, Verstand und Vernunft auf ihren Pferden der Körperlichkeit wäre keine äußere Natur nötig, um sich darin zu entwickeln.

36. Atli sagte mir aber, dass er das Erbe nicht teilen lassen wolle, weder Gold noch Ländereien noch irgendeinen Anteil am erworbenen Besitz, wenn ich mich nicht in die Ehe geben ließe. Obwohl er mir Blutjungen (schon in jungen Jahren) Eigentum übergeben und mir die Lebensjahre gewährt hatte.

Als Bruder Brynhilds wäre Atli der männliche Geistaspekt der äußeren Natur. Er belebt sie, gewährt ihr die Lebenszeit und gibt ihr das Gold der Wahrheit mit dem Reichtum vielfältiger Gestaltung und der Macht der Erneuerung vergänglicher Formen.

37. Da schwankte mein Sinn, ob ich lieber kämpfen und Krieger fällen sollte, kühn in der Brünne, (anstatt zu heiraten) nach dem Willen meines Bruders. Das wäre dann weithin bekannt und manchem Mann zur Qual des Geistes geworden.

Welche Aufgabe hat die äußere Natur? Soll sie als unbesiegbare Kampfmaschine herrschen? Oder soll sie dem Geist dienen und durch die Vielfalt zur Erkenntnis der Einheit führen, wie auch durch die Vergänglichkeit zur Erkenntnis des Unvergänglichen?

38. Wir fanden eine Übereinkunft zwischen uns (Brynhild und Atli). Mir stand der Sinn vielmehr danach, (wahre) Kostbarkeiten zu empfangen, die roten Ringe von Sigmunds Sohn (Sigurd). Keines anderen Mannes Reichtum wollte ich.

39. So versprach ich mich damals jenem mächtigen König, der mit dem Gold auf Granis Rücken saß. Doch weder seine Augen noch seine Gestalt glichen euch - auch wenn ihr euch für Volkskönige haltet!

Nun sah sie aber Gunnar als Verstand auf dem Rücken von Grani mit dem Gold der Wahrheit und wurde durch die Macht der Vernunft dessen Ehefrau. Doch solange die ganzheitliche Vernunft hinter dem unterscheidenden Verstand stand, war dies kein Problem, denn so liebt die natürliche Vielfalt die geistige Einheit.

40. Einen allein liebte ich, nicht verschiedene. Keinen wandelbaren Sinn trug die Schmuck-Skögul („Erschütterin, Erweckerin“, der Name einer Walküre nach Völuspa, Vers 30). — All dies wird Atli später erfahren, wenn er von meiner vollbrachten Todesfahrt hört.

41. Denn niemals soll eine Frau (als Walküre) leichtsinnigerweise einen anderen Mann durchs Leben (nach Walhall) leiten. Dann werden meine Leiden dafür Vergeltung sein.

Um den geistigen Sinn deutlicher zu machen, lesen wir in diesem Vers „annan ver“ — „einen anderen Mann“ anstatt „annarrar ver“ — „den Mann einer anderen“. Damit wird die Aufgabe von Brynhild als Walküre verdeutlicht: Sie darf nicht leichtsinnigerweise einen anderen Mann als einen Einherier erwählen und nach Walhall geleiten, wie es im „Lied von Sigrdrifa“ erzählt wurde. Denn durch den Mord an der ganzheitlichen Vernunft wurde der Gjuki-Mensch zu einem Einzelkämpfer, der nun den Weg in den Tod nach Niflhel geht. Und Brynhild geht als äußere Natur voraus. Atli wird später von ihrer „vollbrachten Todesfahrt“ erfahren und entsprechend darauf reagieren.

42. Da erhob sich Gunnar, der Herr des Gefolges, und legte die Arme um den Hals der Frau. Alle kamen, obwohl sie unterschiedlich waren, um sie mit heilsamem Sinn davon (von ihrer Todesfahrt) abzubringen.

43. Doch sie stieß nun jeden von ihrem Hals fort und ließ sich von keinem von der langen Reise abbringen.

Ohne ganzheitliche Vernunft kann der Verstand mit all seinem Gefolge der unterschiedlichen Sinne und anderen Kräften die lebendige Ganzheit der äußeren Natur nicht mehr festhalten. Während der Weg nach Walhall kurz ist, weil man im Grunde schon da ist, scheint es nach Niflhel eine lange Reise. Zumindest entfernt sich die abgetrennte Bewusstseinsblase des Menschen weit vom ganzheitlichen Leben, wie auf einer Reise in ein galaktisches Schwarzes Loch. Ein Entkommen scheint nur schwer möglich, obwohl im Grunde alles in der Ganzheit bleibt und nichts verlorengeht.

44. Da rief er wiederum Högni zur geheimen Beratung: „Ich will, dass alle Männer in die Halle kommen, deine zusammen mit meinen - denn jetzt ist die Not groß -, um zu sehen, ob wir die Frau an ihrer Todesfahrt hindern können und mit der Zeit das Unheil vergeht. So wollen wir tun, was die Notwendigkeit gebietet.“

Wird das Ego seine Kräfte vereinen wollen? Kann es anderen helfen, ihr Leben zu erhalten?

45. Doch darauf antwortete Högni nur: „Kein Mann halte sie von der langen Reise ab, von der sie niemals wiedergeboren werde! Missgestaltet kam sie aus dem Schoß ihrer Mutter hervor. Schon immer wurde sie zum Unheil geboren, manchem Mann zur Qual des Geistes!“

Hier wird deutlich, wie das Konzept des Todes als ein Ende ohne Rückkehr vor allem durch das Ego entsteht. Warum bevorzugt das Ego eine tote äußere Natur, die nicht wieder lebendig wird? Daran erinnerte bereits Fafnir, der Ego-Drache, der mit seinem Gold auf der toten „Geröll-Heide“ leben wollte. In dieser Hinsicht kann man auch an unsere moderne Naturwissenschaft denken, die eine tote und mechanistische Natur bevorzugt, weil sie berechenbarer und beherrschbarer erscheint. Daher behaupten viele Wissenschaftler, dass das Leben in einer toten Natur entstanden sei. Vielleicht ist es doch umgekehrt, und die tote Natur ist im Leben entstanden, wie es hier beschrieben wird…

46. Missmutig wandte er (Gunnar) sich vom Gespräch ab, dahin, wo der „Wald der Halsringe“ (Kenning für eine edle Frau) Kostbarkeiten verteilte.

Hier geht es wohl symbolisch nicht nur darum, dass sich Frauen gern schmücken und dann im Sterben ihren Schmuck verteilen. Der Halsring erinnert wiederum an die Verbindung zwischen Kopf und Körper, der mit seinen Händen handeln und seinen Füßen Wege gehen kann. Diese Verbindung ist vielleicht auch die Aufgabe der äußeren Natur. So ist der Ring ein Symbol der Ganzheit, und als Halsring dient er der Zügelung des Geistes durch die Körperlichkeit. Dadurch wird der lebendige Körper zu einer großen Kostbarkeit für die geistige Entwicklung. Entsprechend erinnert der Wald an die lebendige Vorstellungswelt der Natur, die aber nun vor den Augen Gunnars ihre Kostbarkeiten aus der Ganzheit des Lebens in die Trennung des Todes „verteilt“.

47. Sie schaute über all ihren Besitz, die toten Mägde und die Frauen der Halle. Sie zog die goldene Brünne an - was nicht gut in ihrem Sinne war -, bevor sie sich mit der Schwertschneide zerteilte (vermutlich die Pulsadern ihrer Arme).

Die toten Mägde erinnern an die Sinnesobjekte in einer toten Natur, und die Frauen der Halle an die Körper im Bewusstseinsraum. So hüllt sich nun die äußere Natur wieder in die goldene Brünne einer undurchdringlichen Rüstung bzw. Form, die trotzdem aus dem Gold der Wahrheit besteht. Diese Brünne konnte Sigurd durchdringen, als er Sigrdrifa erweckte. So war es wohl auch nicht ihr Ziel, diese Brünne erneut anzulegen, sondern ihr inneres Wesen des ganzheitlichen Lebens zu offenbaren. Doch ohne Vernunft ist dies nicht mehr möglich.

Auch hier muss sich die Natur als ein ganzheitliches Wesen symbolisch wieder selbst töten in dem sie sich „zerteilt“ — zumindest aus Sicht der Trennung eines vernunftlosen Gjuki-Menschen. Denn ein ganzheitliches Wesen ist nun einmal eine Ganzheit und hat keinen äußerlichen Feind. Ein Feind kann nur innerlich als ihr eigenes Wesen erscheinen, wie auch Sigurd durch Gotthormr getötet wurde.

48. Zur Seite sank sie auf ein Kissen, und die Schwertverwundete dachte über ihren Entschluss nach:

49. „Nun sollen jene kommen, die Gold wollen und Geringeres als dieses von mir empfangen. Jeder gebe ich verzierten Schmuck, ein besticktes Tuch, eine Decke und glänzende Kleider.“

Was bedeutet das Kissen, auf das die sterbende Natur sinkt? Wer fängt alles auf, sodass es niemals vergeht? Und was ist der Entschluss der Natur? Hier kann man wieder über die Ganzheit und Gottheit nachdenken…

Und was gibt die äußere Natur den körperlichen Wesen? Sicherlich, im Grunde suchen sie alle das Gold der Wahrheit, begehren jedoch vor allem die äußeren Formen. Der verzierte Schmuck erinnert an die begehrte Schönheit, das bestickte Tuch an die verwobenen Fäden des karmischen Schicksals, die Decke an das Verbergen des Inneren und den Schlaf der Unbewusstheit, und die glänzenden Kleider erinnern an die äußere Körperform im Licht des Bewusstseins.

50. Alle schwiegen und dachten über ihren Entschluss nach. Dann gaben sie alle zugleich Antwort: „Genügend sind gestorben - wir wollen weiterleben! Die Frauen der Halle sollen Ehre erringen!“

Wunderbar! Die Körper in der Halle des Bewusstseins wollen nicht nur äußere Formen, sondern vor allem leben, um Ehre zu erringen. Was sind Ehre und Gewinn des Lebens? Worin liegt der Sinn eines lebendigen Körpers? Geht es um den großen Sieg-Frieden mit dem reinen Gold der Wahrheit?

51. Schließlich antwortete die leinengekleidete Frau, jung an Alter, mit Bedacht: „Ich möchte nicht, dass jemand widerstrebend und nur schwer zu bewegen um unseretwillen das Leben verliert.

52. Doch wird auf euren Gebeinen weniger Kostbarkeit brennen - nichts von Menjas Gut (dem reinen Gold von Frodis Frieden im Mühlenlied) -, wenn ihr dahingegangen seid, mich aufzusuchen!

Hinter dieser Symbolik steht vermutlich ein uraltes Totenritual, das den damaligen Hörern noch allgemein bekannt war. So wurden in manchen alten Gräbern neben persönlichen Besitztümern auch die Skelette von Pferden und Hunden gefunden, und in seltenen Fällen sogar Menschenopfer. Sicherlich war dies ein Ausdruck des alten Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Doch welche Motivation speziell dahinterstand, bleibt offen. War es ein Festhalten vergänglicher Formen, oder ein Loslassen zum ewigen Leben?

Zum Sterben geboren,
Zum Leben bestimmt.

Was passiert mit dem Geist, dessen Körper getrennt und unabhängig in der äußeren Natur leben will? Brynhild sagt sinngemäß: Wenn dann die Kostbarkeit des Körpers verbrennt, wird noch nicht das Gold der Wahrheit erreicht und der ganzheitliche Frieden gewonnen. Denn der Geist geht in der Trennung als Einzelkämpfer in den Tod.

Entsprechend wird hier auf das Mühlenlied von Fenja und Menja angespielt, über das wir bereits gesprochen haben. Dort wird symbolisch erklärt, wie die Gegensätze in der körperlichen Welt dafür da sind, die karmischen Samen zum goldenen Mehl der essenziellen Wahrheit zu zermahlen — zum Frieden der Weisheit und zum reinen Bewusstsein. So arbeitet nun auch Brynhild als äußere Natur mit dem Gunnar-Verstand im Gjuki-Menschen:

53. Setz dich nieder, Gunnar! Ich will dir sagen, dass die erbleichende Braut (nach Sigurds Tod) keine Hoffnung auf Leben hat. Doch euer Schiff wird nicht völlig im Meer versinken, auch wenn ich meinen Lebensatem aufgegeben habe.

54. Versöhnt werdet ihr beide, du und Gudrun, schneller als du denkst. Die kundige (schwangere) Frau trägt bei einem König (Half in Dänemark) die traurigen Erinnerungen an ihren toten Gatten aus.

55. Dort wird eine Jungfrau geboren - die Mutter bringt sie hervor: Swanhild (die „Schwan-Kämpferin“ als Tochter von Gudrun und Sigurd). Sie wird weißer sein als der helle Tag und die Strahlen der Sonne.

Die Versöhnung von Seele und Verstand erinnert an den Ausgleich von Ursache und Wirkung im Leben. Denn es geht nicht darum, das Leben zu vernichten, sondern ungelöste Ursachen auszuwirken. Wie das geschieht, sieht nun Brynhild als Walküre schicksalhaft voraus — schneller als Gunnar denken und wirken kann.

Ähnlich wie die schwangere Ehefrau von Sigmund zu König Alf nach Dänemark ging, um dort Sigurd als „Sieg-Beschützer“ zu gebären, so wird dort Gudrun unter der Fürsorge Thoras ihre Tochter Swanhild zur Welt bringen. In Swanhild als „Schwan-Kämpferin“ kann man symbolisch das reine Schicksal im Kampf des Lebens sehen, wie auch auf dem Urdbrunnen, wo die Götter täglich Gericht halten, zwei Schwäne schwimmen. König Alf oder Half, wie er dann im Zweiten Gudrunlied (Vers 13) noch genannt wird, erinnert dabei an die Alfen als Naturgeister der Gestaltung in Dänemark als Reich der Göttersöhne.

Nach sieben Halbjahren ist das Schicksal reif genug, Gudrun kehrt an den Rhein als Fluss des Lebens zurück, und Gunnar selbst sorgt für die Auswirkung des Schicksals:

56. Du wirst Gudrun einem Guten geben - einem verderblichen Pfeil für die Menge der Krieger. Nicht nach ihrem eigenen Willen wird sie zur Ehe gegeben werden. Mein Bruder Atli („Väterchen“, aber auch der „Schreckliche“), Budlis (des „Gerichtsdieners“) Sohn, wird sie zur Frau nehmen.

Nachdem für den vernunftlosen Gjuki die äußere Natur gestorben war, muss nun auch der Verstand dem schicksalhaften Gesetz von Ursache und Wirkung folgen und die Seele dem Geist der toten Natur anvertrauen. Dieser erscheint nun als Atli, der als Sohn des göttlichen Gerichtsdieners für diesen Ego-Verstand nicht zum guten Väterchen, sondern zum schrecklichen Rächer wird, zum verderblichen Pfeil für alle Einzelkämpfer.

57. An vieles muss ich mich erinnern: wie ihr mit mir verfuhrt, als ihr mich bitter betrogen hattet. Meiner eigenen Wahl war ich beraubt, während ich noch lebte.

Ja, die Walküren sollen die Einherier erwählen und in das Heer der Einheit nach Walhall führen. Das wäre wohl auch geschehen, wenn die ganzheitliche Vernunft weiterhin hinter dem Ego-Verstand gestanden und ihn geführt hätte. Der bittere Betrug lag dann vor allem im Mord an der Vernunft.

58. Du (Gunnar) wirst Oddrun zur Frau haben wollen, doch Atli wird es dir nicht erlauben. Ihr beide werdet euch heimlich einander zuneigen. Sie wird dich lieben, wie ich dich hätte lieben sollen, wenn uns ein gutes Schicksal beschieden gewesen wäre.

Der Name Oddrun lässt sich als „Speerspitzen-Rune“ und geistig als „Geheimnis des ganzheitlichen Willens“ deuten. So kann man auch an „Odr“ denken, den ganzheitlichen Lebensgeist, den nun Gunnar in der äußeren Natur sucht und haben will. Entsprechend wird Oddrun in anderen Liedern als Tochter von Budli und Schwester von Brynhild und Atli beschrieben. Aber ohne Vernunft kann diese Ehe mit Oddrun ebenso wenig bestehen, wie mit Brynhild.

59. Atli wird dich bösartig behandeln. Du wirst in einen engen Schlangenhof geworfen (und dort sterben).

Wohin geht die Begierde des vernunftlosen Verstandes? So wird der Verstand in einer bösartigen Ego-Welt der Gegensätze sterben müssen, kann kein ganzheitliches Leben finden, und damit auch keine wahrer Liebe. Und mit dem Verstand stirbt schließlich auch seine gesamte Bewusstseinswelt, in die er sich ohne ganzheitliche Vernunft verengt und abgegrenzt hat:

60. Wenig später wird es auch geschehen, dass Atli seinen Lebensatem, sein Glück und das Leben seiner Söhne verliert. Gudrun, die im Sinn (seelisch) verwundet wurde, wird ihn im Ehebett mit scharfen Schneiden blutig beflecken.

Dafür sorgt wiederum die Seele als Prinzip der Verursachung, die durch den Tod der Vernunft in ihrem ganzheitlichen Sinn verwundet und zerrissen wurde.

61. Geziemender wäre es für Gudrun, unsere Schwester, ihrem toten ersten Gatten zu folgen, wenn man ihr guten Rat gäbe oder wenn sie einen Sinn hätte, der dem unseren gleicht.

Hier wird nun die Wunde der Zerrissenheit zwischen Gudrun und Brynhild deutlich, die sich bereits in ihrem Streit äußerte und die der Verstand mit Hilfe der Vernunft hätte heilen sollen. Doch nun scheinen Gudrun und Brynhild getrennte Wege zu gehen, obwohl sie doch nur zwei Aspekte der gleichen Walküre sind, als innere Seele und äußere Natur. Brynhild geht in den Tod, während Gudrun weiterleben und die angesammelten Ursachen auswirken muss.

An dieser Stelle kann man noch darüber nachdenken, warum der Gunnar-Verstand nicht anders handelte, nachdem Brynhild ihm sein künftiges Schicksal offenbart hatte. Offenbar gab es kein Zurück mehr, nachdem die Vernunft im Gjuki-Menschen getötet war, was auch mit Oddrun angedeutet wurde. Wir denken gewöhnlich, je mehr wir dem eigenen Ego-Willen folgen, desto freier leben wir. Praktisch geschieht wohl das Gegenteil: Der Mensch bindet sich dadurch immer stärker an sein selbstgeschaffenes Schicksal.

Dieses Grundproblem des trennenden Ego-Verstandes wird auch in der weiteren Geschichte noch einmal angesprochen:

62. Nur zögernd spreche ich nun: Doch sie wird um unseretwillen ihr Leben nicht verlieren. Hohe Wellen werden sie zu Jonaks Erbland tragen.

63. Dort werden sie (Gudrun und Swanhild) unter dem Schutz von Jonaks Söhnen (Erp, Hamdir und Sörli) stehen. Später wird sie Swanhild, ihre und Sigurds Tochter, außer Landes (zu König Jörmunrek in die Ehe) schicken.

64. Bikkis Ratschläge werden Swanhild zum Verderben, weil Jörmunrek (der „allumfassende Herrscher“) zum Unheil lebt (und seinem bösartigen Ratgeber folgt). Damit vergeht Sigurds gesamtes Geschlecht, und Gudrun wird noch mehr zu beweinen haben.

Die Welle auf dem Meer des Lebens ist ein starkes Symbol für die Seele. Scheinbar gibt es zahllose Wellen auf dem Meer. Doch im Grunde ist es nur eine einzige Welle, die untrennbar mit dem ganzen Meer verbunden ist. Denn wo beginnt und wo endet eine Welle?

Die Geschichte von Jonak und Jörmunrek haben wir bereits im Skaldenbuch kennengelernt und gedeutet. In Jörmunrek, der dem Kaiser Ermenrich aus der deutschen Sage gleicht, kann man erneut die ganzheitliche Vernunft sehen, die Swanhilds reines Schicksal hätte ausleben können. Doch auch hier wiederholt sich das alte Problem: Als Bikki-Berater übernimmt der Ego-Verstand die Herrschaft, verkehrt die kaiserliche Vernunft ins Gegenteil und führt Swanhild ins Verderben, sodass schließlich auch die Vernunft wieder stirbt. Zumindest für Gudrun, die als ewige Seele ihren Weg in der Menschenwelt fortsetzt und scheinbar noch viele Tote beklagen muss, bis der große Siegfrieden verwirklicht wird. So scheint diese Erde für den Ego-Verstand ein riesiger Scheiterhaufen zu sein:

65. Eine Bitte habe ich noch an dich, und sie wird meine letzte Bitte in dieser Welt sein: Lass auf dem Feld einen so großen Scheiterhaufen errichten, dass genügend Platz für alle ist, die mit Sigurd gestorben sind.

Wie viele körperliche Lebewesen sind bereits an der ganzheitlichen Sicht gescheitert und mit Sigurd gestorben? In dieser Hinsicht erinnert das Feld des großen Scheiterhaufens an den gesamten Mutterboden der Erde, der über viele Millionen Jahre von abgestorbenen Lebewesen gebildet wurde. Ist das die letzte große Bitte der äußeren Natur an unseren Verstand, dass dieser Mutterboden fruchtbar bleibe?

66. Die Burg (des Scheiterhaufens) schmücke man mit Tüchern und Schilden, mit gut gefärbtem welschem (fränkischen) Tuch und der Menge der Welschen (der fränkischen Diener). Auf der anderen Seite von mir soll der hunnische König (Sigurd) brennen.

So erinnern die Tücher an die verwebten karmischen Bindungen und die Schilde an den Schutz der Fruchtbarkeit. Das Wortspiel zwischen fränkisch und hunnisch könnte wieder auf die beiden Seiten des Rheins als Geist und Natur deuten. Das Fränkische wäre dann die geistige Grundlage von allem, für das Karma, für die fünf Mägde als fünf Sinne und für die acht Knechte als Kräfte der Erneuerung und Regeneration. Das Hunnische wäre dann die natürliche Form der vergänglichen Körperlichkeit, die auf dem Scheiterhaufen verbrennt, um sich zu verwandeln.

67. Auf der anderen Seite des Hunnischen sollen meine mit Halsringen geschmückten Diener verbrennen: zwei zu Häupten und zwei Habichte (zu Füßen). Dann ist alles gleichmäßig verteilt.

68. Zwischen uns beiden soll wieder das ringgeschmückte Schwert liegen, die scharfe Eisenklinge - wie damals, als wir gemeinsam ein Bett bestiegen und Eheleute genannt wurden.

69. Dann sollen ihm die ringgeschmückten, glänzenden Hallentore keineswegs auf die Fersen fallen (und sich hinter ihm schließen), wenn ihm mein Gefolge von hier folgt. Gewiss wird unsere Fahrt nicht armselig (kein Verlust) sein!

70. Denn ihm folgen fünf Mägde und acht Diener von edler Herkunft, mein Kindheitsgefolge (das mit mir aufgewachsen ist) und mein väterliches Erbe, das Budli seinem Kind gab.

Diese Anordnung des Scheiterhaufens hat sicherlich auch symbolische Bedeutung. Der Text ist zwar schwer zu deuten, doch bezüglich der „gleichmäßigen Verteilung“ könnten wir uns folgendes Schema vorstellen:

Das Schwert ist vermutlich Sigurds Schwert Gram und erinnert symbolisch an den Rhein als Fluss des Lebens zwischen der Geist- und Naturseite, wo auch der unterscheidende Ego-Verstand seinen körperlichen Lebensraum findet. Diesen Ego-Verstand könnte man entsprechend in den beiden Habichten wiedererkennen, die Jagdvögel des „Hab-Ich“. Die acht Knechte, die mit Halsringen geschmückt sind, hatten wir bereits im Zusammenhang mit dem goldenen Ring Draupnir gedeutet, aus dem in jeder neunten Nacht acht neue Ringe entstehen. Dieser wurde von den Zwergen der Naturgeister als Ring der Erneuerung und Regeneration aus dem Gold der Wahrheit geschaffen und Odin übergeben. Ähnlich wird diese Macht hier Sigurd gegeben, damit sich die Tore der Halle des Bewusstseins nicht hinter ihm schließen, wie im Tod der Einzelkämpfer, sondern sich immer wieder neu zum Leben öffnen können, wie die Tore von Walhall für die Einherier. So wird dann auch von Brynhilds Tochter Aslaug erneut ein Sigurd geboren, wie die weiterführende „Ragnar-Lodbrok-Sage“ berichtet. Die fünf Mägde erinnern schließlich an die fünf Sinne, mit denen der Geist die äußere Natur wahrnehmen kann. Ja, über diese Symbolik kann man viel nachdenken…

Im Prinzip erinnert diese Burg des Scheiterhaufens wieder an die Schildburg, in der Sigurd Sigrdrifa fand und erweckte. Warum endet sie als Walküre erneut in einer ähnlichen Burg und wiederholt damit die alte Geschichte? Hat sie wieder gegen Odins Willen den Falschen erwählt? Damals hätte sie Hjalm-Gunnar erwählen sollen. Ja, sicherlich war es ihre Aufgabe, auch diesmal Gunnar zu erwählen, damit der vernunftbegabte Gjuki-Mensch zum Einherier werden kann. Und das hatte sie anfangs auch getan. Doch schließlich muss man sich fragen: Sind die äußerlichen Umstände der äußeren Natur schuld daran, wenn sich der Verstand nicht mit der ganzheitlichen Vernunft, sondern mit dem trennenden Ego verbindet? Vielleicht hatten Gudrun und Brynhild ihr Bestes getan?

71. Vieles habe ich gesagt, und mehr würde ich sagen, wenn mir das waltende Schicksal mehr Zeit zum Sprechen gäbe. Die Stimme schwindet, die Wunden schwellen (und bluten aus). Nur Wahres sprach ich, und so werde ich sterben (es geschehen lassen).“
(Sigurðarkviða in skamma nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

So spricht die äußere Natur die Vielfalt aus der Wahrheit aus. Doch ohne ganzheitliche Vernunft schwindet ihre Stimme und ihr Lebensblut fließt dahin, ohne sich im Kreislauf der Natur regenerieren zu können. Dann erstarrt die Natur wie die Berg- und Frostriesen zu toter Materie. Und auch darin liegt eine Botschaft der Schöpfung…


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