Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Brynhilds Helfahrt

Nach Brynhilds Tod wurden zwei Scheiterhaufen errichtet, einer für Sigurd, und dieser brannte zuerst. Brynhild aber wurde auf dem anderen verbrannt, und sie befand sich in einem Wagen, der mit göttlichen (kostbaren) Geweben behängt war. So wird erzählt, dass Brynhild mit dem Wagen auf dem Helweg (in das Totenreich) fuhr und durch ein Gehöft (bzw. eine Höhle) kam, wo eine gewisse Riesin wohnte (die Frau oder Tochter eines Bergriesen).

Die beiden getrennten Scheiterhaufen deuten das Schwert der Unterscheidung an, mit dem unser Verstand zwischen Geist und Natur arbeitet. Während die Sigurd-Vernunft früher und schneller verbrennt, weil sie als ewiger Sieg bereits am Ziel ist, scheint die Brynhild-Natur eine längere Reise durch Raum und Zeit zu unternehmen. Dass ihr Wagen äußerlich „mit göttlichem Gewebe behängt“ war, erinnert an das göttliche und damit auch ganzheitliche Wesen der äußeren Natur. Wer zieht diesen Wagen? Damit kommt sie auf ihrem Weg zur Hel in das Reich der toten Materie der Bergriesen und trifft dort eine Riesin. In dieser können wir symbolisch die Seele der erstarrten und versteinerten Bergriesen erkennen, und dies ist im Prinzip das Wesen des Todes.

1. Die Riesin sprach: Du solltest nicht durch mein mit Steinen gestütztes Gehöft fahren! Besser stünde es dir an, Borten (kunstvolle Bänder) zu weben, als den Mann einer anderen zu suchen (nämlich Sigurd).

2. Warum willst du, wandelbegehrendes Haupt, aus dem Welschland (Frankenland) meine Behausungen aufsuchen? Du hast, freizügige War des Goldes (Göttin des heiligen Ehegelübdes), wenn du es wissen willst, von den Händen eines Mannes (Sigurd?) Blut gewaschen.

Zwischen ihnen entwickelt sich nun ein ähnlicher Streit, wie zwischen Gudrun und Brynhild. Er beginnt mit Schuldvorwürfen an Brynhild, dass sie sich als äußere Natur um die kunstvollen Formen der wandelbaren Vielfalt kümmern sollte, anstatt im Frankenland den ganzheitlichen Geist zu suchen, der doch mit Gudrun, der ganzheitlichen Seele der Natur verheiratet ist. Die „freizügige Göttin des wahrhaften Ehegelübdes“ könnte sarkastisch gemeint sein, da sie die Liebe von Gunnar schließlich nicht mehr erwiderte. Sie suchte lieber die Reinheit von Sigurd, obwohl er doch das Blut von Fafnir und Regin an seinen Händen hatte.

3. Brynhild antwortete: Mach mir keine Vorwürfe, Felsenbraut! Auch wenn ich auf Wikingerfahrt (im Kampf) war, werde ich von uns beiden als die Höhere gelten, wo immer Menschen unser Wesen erkennen.

4. Die Riesin sprach: Brynhild, du wurdest als Budlis (des „Gerichtsdieners“) Tochter zum größten Unheil in die Welt geboren: Du hast Gjukis (des „Begabten“) Kinder zugrunde gerichtet und ihren guten Hausstand zerstört!

5. Darauf antwortete Brynhild: Wenn du es wirklich wissen willst, allzu Unverständige, dann werde ich dir aus dem Wagen verständlich (mit weisen Worten) erzählen, wie Gjukis Erben mich lieblos und eidbrüchig machten:

6. Der mutige (verständnisvolle) König ließ unsere Hüllen von acht Schwestern unter eine Eiche tragen. Ich war zwölf Winter alt, wenn du es wissen willst, als ich dem jungen Fürsten meine Treue schwor.

7. Alle, die mich kannten, nannten mich in Hlymdalir (den „Klang- oder Lärm-Tälern“ der Gedankenwelt) auch „Hild unter dem Helm“ („Kämpferin unter dem Helm“).

Hier wird nun kurz gefasst die Geschichte der Walküre Sigrdrifa als „Sieg-Treiberin“ erzählt, die als Dienerin des Allvaters und Schöpfergottes für die natürlichen Umstände und Bedingungen in der Schöpfung sorgen sollte, um die Lebewesen entsprechend des göttlichen Schicksalsgerichtes zu führen. Die acht Schwestern könnten als weibliche Seite der acht Knechte an die acht formhaften Welten unter dem Weltenbaum erinnern, die sich in der neunten Nacht durch die neunte Welt der formlosen Götter immer wieder erneuern und regenerieren. Der mutige König deutet dann bereits das Wesen von Sigurd als ganzheitliche bzw. göttliche Vernunft an, und die zwölf Winter eine Zeit der Vollkommenheit, die aber noch fruchtbar und wirksam werden sollte.

Brynhild, die „mit der Brünne kämpft“, ist dabei der äußere Aspekt der Walküre Sigrdrifa, die als äußere Natur vor allem auch für die Menschenwelt von Midgard sorgen sollte. Ihr innerer Aspekt, als innere Seele der Natur, wäre dann die „Kämpferin unter dem Helm“. Wer sie also in den „Klang-Tälern“ des Bewusstseins kennt, sieht immer auch beide Aspekte.

Ihr Ziel als Odins Dienerin besteht natürlich darin, den Verstand der Lebewesen nicht als Einzelkämpfer in die Hel, sondern als Einherier nach Walhall zu führen:

8. Damals ließ ich im Gotenland (dem „Land der Gottbegabten“) den alten Hjalm-Gunnar („Helm-Kämpfer“) zunächst zur Hel gehen und gab dem jungen Bruder der Auda (der „Reichen, Wohlhabenden“) den Sieg. Darüber wurde Odin überaus zornig auf mich.

9. Er umschloss mich im Skatalund („Hain der Helden“) mit roten und weißen Schilden, deren Ränder sich berührten. Und nur derjenige dürfe mich aus meinem Schlaf erwecken, der nirgendwo im Land Furcht kannte.

10. Er ließ um meinen südlich gelegenen Saal den hohen Verzehrer allen Holzes brennen und gebot, dass nur ein einziger Mann hindurchreiten solle: jener, der mir das Gold brachte, das unter Fafnir lag.

11. Der gute Goldspender ritt auf Grani dorthin, wo mein Pflegevater (Heimir, der „Heimische“?) über die Bänke herrschte. Er allein erschien dort als Wikinger der Dänen besser als alle anderen in der Gefolgschaft.

Hier verschmilzt nun die Göttergeschichte von Sigrdrifa mit der Menschengeschichte von Brynhild. Es wird deutlich gemacht, dass Odin als Schöpfergott wünscht, dass der Verstand unter dem Helm der Vernunft mit dem Gold der Wahrheit von der Walküre erwählt werden soll, um als Einherier nach Walhall zu kommen. Der südliche Saal erinnert wieder an die Quelle vom Fluss des Lebens in den Alpen, und der Feuerwall an die geistige Barriere des Schicksals.

Über den Pflegevater von Brynhild kann man viel nachdenken. In „Gripirs Weissagung“ und der „Wölsung-Sage“ wird von Heimir, dem „Heimischen“, gesprochen, der in Hlymdalir wohnt. Dieser Ort wurde auch oben in Vers 7 erwähnt. Dort wächst dann auch Brynhilds Tochter Aslaug auf. Im „Kurzen Sigurdlied“ wird von Atli gesprochen, der für Brynhild in ihren jungen Jahren sorgte. Und als Walküre müsste man an den Allvater und Schöpfergott Odin als Pflegvater denken.

Wo entsteht die äußere Natur und wächst auf? Natürlich an der Quelle der Schöpfung. Bisher wurde vom „Berg der Hirschkühe“ gesprochen, den wir uns gut im Süden als Quellgebiet des Rheins in den Alpen vorstellen können. Dort sind nicht nur die Alfen als Naturgeister der Gestaltung zu Hause, sondern auch die versteinerten Bergriesen, mit deren Seele nun Brynhild spricht.

Im Prinzip könnte man auch an die Elbe denken, deren Name ebenfalls an die Elfen und Alfen erinnert, und somit an den Fluss des Lebens und der Gestaltung. Ihre Mündung in die Nordsee befindet sich unterhalb von Dänemark, wohin Gudrun ging, und ihre Quelle liegt im Riesengebirge, was wiederum an die Riesin erinnert, mit der nun Brynhild spricht.

In dieser Hinsicht kann man Brynhilds Fahrt auch als eine Rückkehr zu ihrer eigenen Quelle betrachten. Und nur ein furchtloser Sigurd kann sie daraus immer wieder erwecken. Diese ganzheitliche Vernunft als „Wikinger aus dem dänischen Reich der Göttersöhne“ ist dazu nach Odins Gebot wichtig, denn nur sie fürchtet im Land der Schöpfung keinen Verlust und kann somit auch selbst nicht verlorengehen, weil in der Ganzheit nichts verlorengehen kann. Dafür kennt dieser Geist aber auch keine ergreifende Begierde nach der äußeren Natur mit ihrer Vielfalt an vergänglichen Formen:

12. Wir schliefen und waren zufrieden in einem Bett, als wäre er als mein Bruder geboren. Keiner von uns beiden konnte seine Hand auf den anderen (seinen Arm um den anderen) legen, acht Nächte lang.

13. Dann warf mir Gudrun, Gjukis Tochter, vor, dass ich in Sigurds (ihres Ehemannes) Arm geschlafen habe. Da erfuhr ich, was ich nicht wollte: dass sie mich bei der Gattenwahl betrogen hatten!

So übergibt die Vernunft die reine äußere Natur in der neunten Nacht dem Verstand, damit sie sich fruchtbar erneuern und regenerieren kann. Dazu hat auch der unterscheidende Verstand die Kraft, solange die Macht der ganzheitlichen Vernunft hinter ihm steht. Das geht eine Weile gut, und die Walküre ist bereit, den Verstand als Einherier zu erwählen. Dazu sorgt sie für die äußeren Umstände der entscheidenden Prüfung, die sich im Streit zwischen Brynhild und Gudrun zeigt. Die Freiheit des Verstandes liegt nun darin, wie er darauf reagiert. Kann er die Einheit erkennen, um als Einherier im Heer der Einheit zu kämpfen?

So erfährt die Walküre, was sie eigentlich nicht erfahren wollte, nämlich dass sie vom Ego-Verstand bei der Gattenwahl betrogen wurde. Denn dieser war noch nicht soweit, die geschworene Treue zur Vernunft im Leben zu verwirklichen. Daher war auch Gudruns Vorwurf berechtigt, dass es immer noch Sigurd war, der in der neunten Nacht Brynhild befruchtet hatte, denn Gunnar hatte das Wesen der ganzheitlichen Vernunft noch nicht verinnerlicht. Und so muss der Kampf des Lebens weitergehen:

14. Allzu lange werden Frauen und Männer zum bitteren Streit im Leben geboren! Wir beide werden unser Leben gemeinsam verbringen, Sigurd und ich. Versinke, (Berg-) Riesenbrut!
(Helreið Brynhildar nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

Wunderbare Botschaft! Sigurd und Sigrdrifa werden als geistige Einheit und natürliche Vielfalt immer gemeinsam leben. Sie treibt den Verstand zum großen Sieg, und er beschützt ihn in der Wahrheit. Was versinken soll, ist das Wesen des Todes, die Erstarrung des Verstands in scheinbar toter Materie. So kann die äußere Natur immer wieder erweckt und geboren werden, um als Fluss des Lebens zu fließen…

Der Tod der Niflungen

Gunnar und Högni nahmen nun das gesamte Gold in Besitz, das Erbe Fafnirs.

So sitzt nun wieder ein neuer Ego-Drache auf dem Gold der Wahrheit. Was geschieht, wenn man die Wahrheit ohne ganzheitliche Vernunft in der Trennung und Abgrenzung festhalten will? Dann will man begrenzte Formen der Wahrheit festhalten und verliert dabei die Wahrheit selbst, die im Leben jede Form annehmen kann. Damit geht natürlich das ganzheitliche Leben verloren, weil das Bewusstsein in bestimmten Formen erstarrt, und der Gjuki-Mensch lebt in einer feindlich-tödlichen Natur, in der kein Frieden mehr herrscht:

Unfriede herrschte da zwischen den Gjukungen und Atli, denn Atli machte sie für den Tod (seiner Schwester) Brynhild verantwortlich. Zur Versöhnung wurde vereinbart, dass sie ihm Gudrun zur Frau geben sollten. Bevor sie der Ehe mit Atli zustimmte, gab man ihr einen Vergessenheitstrank zu trinken. Atlis (und Gudruns) Söhne waren Erp und Eitil (der „Dunkle“ und „Harte“?). Swanhild hingegen war die Tochter von Sigurd und Gudrun.

Und doch muss der Gjuki-Mensch seine Gudrun-Seele dem Atli-Geist der äußeren Natur anvertrauen, solange er eine Körperlichkeit haben will. Der „Vergessenheitstrank“ erscheint zunächst wie ein Verlegenheitstrick, um die Geschichte verständlich weiterzuführen. Die Seele als Prinzip der Verursachung kann eigentlich nichts vergessen. Doch Manches lässt sich eine Weile verdrängen. So vergingen wohl einige Jahre, bis:

König Atli lud Gunnar und Högni zu sich ein und sandte (ihnen als Boten) Wingi oder Knefröd („Schwanken und Gewaltbeschluss“??). Gudrun wusste von der Täuschung und sandte mit Runen die Botschaft, dass sie nicht kommen sollten. Und als Erkennungszeichen sandte sie Högni den Ring Andwaranaut („Andwaris Gabe“) und knüpfte Wolfshaar daran.

Die Namen der beiden Boten lassen sich nur sehr schwer deuten. Wingi könnte an das altnordische Verb vinga für „sich hin und her bewegen, schwanken“ oder auch an wini für „Freund“ erinnern. Knefröd könnte aus kné für „Knie“ und fróðr für „weise, kundig, gelehrt“ bestehen, aber auch aus knefi für „Faust“ und ráð für „Rat, Beschluss, Plan“. In der deutschen Nibelungensage werden diese Boten Swemmelin und Werbelin genannt, zwei Spielleute, deren Namen an „Schwimmen und Werben“ im Fluss des Lebens erinnern. Hier kann sich nun jeder selbst überlegen, mit welcher Verlockung der Ego-Verstand in eine tote Natur gezogen werden kann, wie auch Fafnir in einer „Geröll-Heide“ leben wollte.

Gudrun erkannte diese Täuschung und sorgte für die Runen als äußerliche Zeichen der Natur, die auf das innere Wesen deuten. Besonders wird der Ring erwähnt, den wir bereits - ähnlich wie Draupnir - als Symbol für den Ring der Erneuerung und Regeneration in der Natur kennengelernt haben. Doch diesmal ist er mit Wolfshaar verbunden, was an die Vergänglichkeit erinnert, die dem Ego-Verstand ohne ganzheitliche Vernunft droht, weil ohne das Bewusstsein eines ganzheitlichen Lebens keine Erneuerung möglich ist.

Gunnar hatte um Oddrun („Speerspitzen-Rune“), Atlis Schwester, geworben, doch bekam sie nicht. Da nahm er Glaumwör (die „im Lärm Wachende“) zur Frau. Högni aber heiratete Kostbera (die „Trägerin der Nahrung und Möglichkeiten“), und ihre Söhne waren Solar, Snäwar und Gjuki („Sonnen-Krieger“, „Schnee-Krieger“ und „Begabter-Gebender“).

Der Gunnar-Verstand sucht interessanterweise immer noch Oddrun, die „Speerspitzen-Rune“ als „Geheimnis des ganzheitlichen Willens“, was wohl an seine grundlegende Bestimmung erinnert. Doch ohne ganzheitliche Vernunft kann er nur Glaumwör bekommen, den Gedankenlärm im Bewusstsein.

Das Högni-Ego sucht in dieser Welt Nahrung und Möglichkeiten, sich zu bestätigen. Als Geist der Trennung klingt es seltsam, dass er eine Frau heiratet. Doch ohne Natur kann wohl in dieser Welt kein Geist leben. Diese Ehe ist ein besonders neuer Aspekt in diesem Prosatext. Seine geistigen Söhne erinnern an den Begierde-Krieg der Gegensätze, aber auch an das Wesen des Gjuki-Menschen, zu dem das Ego eine Grundlage ist. So kann man in dieser Dreiheit wiederum ein „Wirkungsdreieck“ erkennen.

Als aber die Gjukungen zu Atli kamen, da bat Gudrun ihre Söhne, dass sie für die Gjukungen um das Leben bäten. Aber sie wollten nicht. Das Herz wurde aus Högni herausgeschnitten, Gunnar aber wurde in einen Schlangenhof gesetzt. Er schlug die Harfe und schläferte die Schlangen ein, aber eine (giftige) Natter biss ihn bis zur Leber (als Sitz der Lebenskraft).

Ohne die vernünftige Sicht eines ganzheitlichen Lebens waren wohl auch die beiden Söhne von Gudrun und Atli nicht wirklich lebensfähig, in denen man symbolisch das Formlose und Formhafte erkennen kann. Daher hatten sie auch kein Interesse am Leben des Ego-Verstandes. So wurde dem Högni-Ego das Herz herausgeschnitten, wie es auch dem Fafnir-Drachen erging, denn das Zertrennen ist nun einmal das Wesen des Egos. Und der Gunnar-Verstand muss in einer Welt der gegensätzlichen und damit auch giftigen Gedanken leben, die man zwar mit der Harfe der Harmonie und Ordnung eine Weile einschläfern kann, aber ohne ganzheitliche Vernunft wird das Gift schließlich die Lebenskraft zersetzen, weil der Verstand selbst dieses leidvolle Gift erzeugt.

Somit kann sich das Leben nicht erneuern und regenerieren. Und so endet dann der vernunftlose Gjuki-Mensch als abgegrenzter Einzelkämpfer im Tod der Hel und kann sich nicht als Einherier im Heer der Einheit nach Walhall erheben. Das ist der „Tod der Niflungen“, der „Nebelwesen“ auf dem Weg von Niflheim nach Niflhel, zumindest aus ihrer begrenzten Sicht des Bewusstseins.

König Thjodrek („mächtiger Volkskönig“, Dietrich) war bei Atli und hatte fast alle seine Männer verloren. Thjodrek und Gudrun klagten einander ihre Leiden. Sie erzählte ihm und sprach:
(Dráp Niflunga nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

Dieser Abschlusstext soll vermutlich eine Überleitung zum Zweiten Gudrunlied bilden. Er erinnert an die Thidrekssaga, die wir im Deutschen als Dietrichsage kennen. Dort konnten wir König Dietrich als wachsende Vernunft deuten, der im Kampf mit Kaiser Ermenrich als verfallende Vernunft überwältigt wurde und fast alle seine Kräfte verloren hatte. So suchte er bei König Etzel bzw. Atli Zuflucht und war entscheidend daran beteiligt, das Hagen-Ego zu besiegen. Danach konnte er mit dem Hildebrand-Verstand siegreich in seine Heimat zurückkehren. Als Person taucht er zwar im folgenden Gudrunlied nicht auf, doch man kann sich keinen besseren Gesprächspartner für Gudrun vorstellen, als eine erneut wachsende Vernunft:

Das Zweite Gudrunlied

1. Ich war eine Jungfrau der Jungfrauen. Meine Mutter zog mich auf, strahlend im Frauengemach. Ich liebte meine Brüder über alles, bis Gjuki mich mit Gold schmückte, mit Gold umhüllte und Sigurd (zur Frau) gab.

2. So war Sigurd unter Gjukis Söhnen wie ein grüner (heilsamer) Lauch, der aus dem (niedrigen) Gras gewachsen war, oder wie ein hochbeiniger Hirsch unter wilden Tieren, oder wie glutrotes Gold gegenüber grauem Silber.

3. Bis mir meine Brüder missgönnten, dass ich einen Mann hatte, der allen überlegen war. Sie konnten weder schlafen noch den Streit schlichten, bevor sie Sigurd sterben ließen.

4. Grani (Sigurds Pferd) kam vom Thing (jener Gerichtsversammlung). Die lauten Hufe waren zu hören, doch Sigurd selbst kam nicht mit. Alle (anderen) Reittiere waren schweißbedeckt, an die Mühsal unter Kriegern (im tödlichen Kampf) gewöhnt.

5. Weinend ging ich, mit Grani zu reden, mit tränennassen Wangen. Das Pferd fragte ich nach Kunde. Da ließ Grani den Kopf hängen und senkte ihn ins Gras. Das Pferd wusste, dass sein Herr nicht mehr lebte.

Hier erscheint wiederum ein neuer Aspekt: Sigurd wurde nicht im Schlaf, sondern auf einer Gerichtsversammlung vermutlich auf der Geistseite des Rheins getötet, ein geistiges Gericht im Inneren des Gjuki-Menschen. Der Ego-Verstand war unfähig, die Übermacht der ganzheitlichen Vernunft zu ertragen. Anstatt sich als Einherier ins Heer der Einheit zu erheben, tötete er lieber die Vernunft, um sich scheinbar über sie zu erheben. Ja, auch dazu ist unser Bewusstsein fähig, wie auch der Philosoph Friedrich Nietzsche schrieb: „Gott ist tot, und wir haben ihn getötet…“

6. Lange zögerte ich, lange schwankten meine Gedanken hin und her, bevor ich den Hüter des Volkes (Gunnar) nach dem Fürsten (Sigurd) fragte.

7. Gunnar ließ den Kopf sinken. Doch Högni berichtete mir von Sigurds schrecklichem Tod: „Erschlagen liegt er jenseits des Flusses (des Rheins). Er tötete Gotthormr und ist nun den Wölfen (zum Fraß) überlassen!

8. Sieh dort nach Sigurd auf dem Weg nach Süden! Da hörst du Raben krächzen, Adler schreien und Wölfe um deinen Mann heulen: Alle erfreuen sich am Leichenschmaus.“

Das Ego liebt Halbwahrheiten. Was sonst? Davon lebt es…

9. Darauf sprach ich (Gudrun): „Warum musst du mir, Högni, solche Leiden berichten und alle Freude nehmen? Dein Herz sollen die Raben in weit entfernten Menschenländern zerreißen - in einer Weite, die du nicht kennst!“

10. Högni antwortete nur einmal (spontan), heilsamer Gedanken abgeneigt und voller Gram: „Darüber wirst du, Gudrun, noch mehr zu weinen haben, wenn mir die Raben mein Herz zerreißen!“

So wichtig sieht sich das engbegrenzte Ego, und es sorgt auch gern dafür, dass man viel leiden muss, wenn es verletzt wird.

11. Nach diesem Gespräch ging ich allein von dort in den Wald, um die Überreste (Sigurds) von den Wölfen zu sammeln. Ich weinte nicht mehr, schlug auch nicht mit den Händen und beklagte meinen Mann nicht wie andere Frauen, als ich ausgehungert (vom Kummer verzehrt) bei Sigurd saß.

12. Es schien mir die dunkelste Nacht zu sein, als ich schmerzerfüllt bei Sigurd saß. Besser als alles erschien es mir, wenn mich die Wölfe des Lebens beraubt hätten oder wenn ich wie Birkenholz verbrannt worden wäre.

13. Vom Berg (Hochland) herab ging ich fünf Tage lang, bis ich Halfs hohe Halle erkannte (von König Half bzw. Alf in Dänemark).

Geographisch machen die „fünf Tage“ wenig Sinn. Dafür kann man hinter ihnen eine großartige Symbolik finden: Wie Brynhild nach Sigurds Tod zur Quelle des Lebensflusses ins Hochland der Berge ging, so geht nun Gudrun ins Tiefland zum Ziel des Lebensflusses, wo dieser wieder ins Meer der Ursachen fließt. Trennen sie sich? Nein, denn wie man Brynhild und Gudrun als zwei Aspekte der Walküre erkennen kann, so sind auch Quelle und Ziel des Flusses im Kreislauf der Natur verbunden. In dieser Hinsicht könnten die „fünf Tage“ an den Draupnir-Ring der Erneuerung und Regeneration erinnern: Brynhild geht vier Tage ins Hochland der Alpen zu den „Alfen“, und nach neun Tagen treffen sie sich symbolisch in der „hohen Halle“ von König Alf, der an den Naturgeist der Gestaltung erinnert…

14. Sieben Halbjahre saß ich bei Thora (weibliche Form von Thor), Hakons (des „hohen Sohns“) Tochter, in Dänemark. Zu meiner Freude stickte sie mit goldenen Fäden Bilder von südlichen Hallen und dänischen Schwänen.

15. Wir beide stellten in Bildern und Stickereien dar, was die Helden als Gefolgsleute des Herrschers vollbrachten: rote Schilde, hunnische Kämpfer, schwert- und helmbewehrte Heerscharen im Gefolge des Herrschers.

16. Sigmunds Schiffe glitten vom Land, mit vergoldeten Masken und geschnitzten Steven. Wir beide stickten auf das Tuch, wie Sigar („Sieg-Kämpfer“, vermutlich Sigmund) und Siggeir („Sieg-Speer“ bzw. Sieg-Wille) südlich auf Fünen (einer dänischen Insel) miteinander kämpften.

In Thora könnte man nun Brynhild wiedererkennen, wie die äußere Natur mit ihrer Vielfalt an vergänglichen Formen, ähnlich wie Thor, gegen die Erstarrung kämpft. Dazu werden aus goldenen Schicksalsfäden viele Bilder geformt, die aus dem Meer der Ursachen erscheinen und an ungelöste Probleme erinnern, die im Fluss des Lebens noch gelöst werden wollen. Besonders geht es wieder um den uralten Kampf zwischen Sigmund und Siggeir, zwischen „Sieg-Sein“ und „Siegenwollen“, Vernunft und Ego-Verstand im Reich der Göttersöhne, wie es auch in der Wölsung-Sage berichtet wird.

Von der Tochter Swanhild wird hier nicht gesprochen. Vermutlich sollen die schicksalhaften Bilder mit den dänischen Schwänen eine ähnliche Symbolik zum Ausdruck bringen.

17. Da erfuhr Grimhild, die gotische Frau (von Gjuki), in welcher Gemütsverfassung ich war. Sie legte die Bildstickerei beiseite und rief ihre Söhne, um sie eindringlich danach zu fragen, wer ihrer Schwester (Gudrun) den Sohn (Sigmund) ersetzen oder für ihren erschlagenen Mann (Sigurd) Entschädigung leisten wolle.

18. Gunnar erklärte sich bereit, Gold anzubieten, um die Schuld zu sühnen, und Högni ebenso. Darauf fragte Grimhild (Gudruns Mutter), wer fortziehen wolle, ein Ross zu satteln, einen Wagen anzuspannen, ein Pferd zu reiten, einen Falken fliegen zu lassen und Pfeile mit dem Eibenbogen zu schießen.

19. Waldar von den Dänen, zusammen mit Jarizleif, Eymod als Dritter und Jarizskar (erklärten sich bereit, Grimhild zu Gudrun nach Dänemark zu bringen). Dann gingen sie hinein, Fürsten gleich, die Gefolgsleute Langbarts (der Langobarden, aber auch ein Name Odins). Sie trugen rote Lodenmäntel, geschmückte Brünnen und hochragende Helme, waren mit Kurzschwertern gegürtet und hatten dunkelbraunes Haar.

20. Jeder wollte mich mit kostbaren Geschenken und wohlüberlegten Worten gewinnen. So versuchten sie, trotz der vielen Leiden mein Vertrauen zurückzugewinnen - doch ich vertraute ihnen nicht.

Welchen Formen kann man vertrauen? Welches Gold könnte der Ego-Verstand ohne wahre Vernunft noch anbieten? Das können nur noch vergängliche Formen und gedankliche Worte sein, die doch keinen wahren Trost gewähren können.

Als Überbringerin erscheint hier Grimhild, die als Gudruns Mutter in diesem Lied offenbar eine ähnliche Rolle spielt, wie Gullrönd als Gudruns Schwester im „Ersten Gudrunlied“. Dies ist eine der wenigen Stellen in den Heldenliedern, wo Grimhild als Ehefrau von Gjuki in das Geschehen eingreift. Dazu legte sie ihre schicksalhafte „Bildstickerei beiseite“ und rief den Ego-Verstand ihrer Söhne und weitere geistige Kräfte zur Wirksamkeit.

Die Namen der vier Kräfte sind wieder schwer zu deuten: Waldar erinnert an einen „waltenden Kämpfer“, der wohl den Weg nach Dänemark kannte, und Eymod an „beständigen Mut“. Die Namen Jarizleif (Jaroslav) und Jarizkar sind wahrscheinlich slawischer Herkunft und deuten damit auf die Hunnen hin. Für altnordische Hörer konnten sie auch an jara für „Kampf“ erinnern, also an „Kampf-Erbe“ und „Kampf-Locke“.

21. Grimhild ließ mir ein gefülltes Trinkgefäß bringen, kühl und schmerzlich, um den Streit und die Schuld zu vergessen. Der Trank war verstärkt mit der Macht der Urd (der Schicksalsnorne), mit eisigem Meer und dem Blut des Sohnes (Sigmund?).

22. Im Horn waren vielfältige Zeichen eingeritzt und gerötet, doch ich vermochte sie nicht zu deuten: ein langer Heidefisch (eine lange Schlange) aus dem Land der Haddinge („Langhaarigen“), eine ungeschnittene Ähre und die Innenwege (Eingeweide) von Tieren.

23. Im Bier waren wirksame (Heil-) Mittel vereint: Kraut aus jedem Wald und verbrannte Eicheln, der Tau des Herdes (Ruß), geopferte Eingeweide und gekochte Schweineleber, denn sie linderte die Schuld- und Streitgedanken.

24. Nachdem sie (??) in der Halle davon getrunken hatten, vergaßen sie alles über das körperliche Schicksal des Fürsten (Sigurd). Drei Könige (Jarizleif, Eymod und Jarizskar?) knieten vor mir nieder, bevor Grimhild selbst kam, um mit mir zu sprechen.

Die Schicksalsnorne erinnert an den Urdbrunnen, wo die Götter täglich über das Schicksal entscheiden, das eisige Meer an die Verkörperung im Meer des Lebens, und das Blut des Sohnes an das Wasser des Lebens. Das Trinkhorn erinnert an das Horn der Schöpfung mit den mystischen Runen der vielfältigen Natur, die lange Schlange an die Ego- oder Midgardschlange der Trennung und Abgrenzung, das Land der Langhaarigen an die Gedankenwelt im Hunnen-Reich der äußeren Natur, die ungeschnittene Ähre an die unverarbeiteten Samen karmischer Ursachen, und die Eingeweide der Lebewesen an ihre Aufgabe der Verdauung, das heißt, an die inneren bzw. geistigen Wege der tierischen Natur, um die Lebenskräfte, Triebe und Ursachen in körperliche Wirkungen zu verwandeln und zu verarbeiten. Der Trank selbst sollte als berauschendes Bier ein Heiltrank vor allem für die körperliche Welt sein.

Dass Gudrun die Zeichen der äußeren Natur nicht deuten konnte und offenbar auch dem körperlichen Heiltrank nicht vertraute und ihn nicht getrunken hatte, deutet auf ihr Wesen als innere Seele hin. Es klingt jedoch so, als hätte sie das Trinkhorn den hunnischen Boten gereicht, die anfangs wie Fürsten erschienen und nun drei Königen glichen. So erkannten sie das Wesen von Gudrun als „Gott-Rune“ und knieten vor ihr nieder. Danach erschien Grimhild selbst:

25. Und Grimhild sprach: „Ich gebe dir, Gudrun, Gold zum Annehmen, eine Fülle von Kostbarkeiten aus dem Erbe deines verstorbenen Vaters (Gjuki), rote Goldringe, Hlödwers Hallen (des „ruhmreichen Kämpfers“, fränkisch Chlodwig, deutsch Ludwig) und alle Decken (kostbare Wandteppiche und Bettvorhänge) für den gefallenen Fürsten (Sigurd).

26. (Ich gebe dir auch) Hunnische Jungfrauen, die mit Webrahmen weben und Gold schön bearbeiten, damit es dir Freude bereite. Allein sollst du über Budlis (des „Gerichtsdieners“) Reichtum gebieten, mit Gold geehrt und Atli (zur Ehefrau) gegeben!“

Grimhild erscheint nun als Mutterseele der Natur, deren Ehemann gestorben war. Zu diesem symbolischen Thema lehrte auch Meister Eckhart:
Unter dieser »Witwe« verstehen wir die Seele. Weil der »Mann« tot war, darum war auch der »Sohn“ tot. Mit dem »Sohn« erfassen wir (indirekt) die Vernunft, die der »Mann« in der Seele ist. Weil sie (die Witwe) nicht in der Vernunft lebte, darum war der Mann tot, darum war sie Witwe. Unser Herr sprach zu jener Frau am Brunnen: »Geh heim, und bring mir deinen Mann!« (Joh. 4,16). Er meinte: weil sie nicht in der Vernunft lebte, die der Mann ist in der Seele, darum wurde ihr nicht das »lebendige Wasser« zuteil, das der Heilige Geist ist; denn der wird nur denen (aus-)geschenkt, die da leben in der Vernunft. Die Vernunft ist das oberste Teil der Seele, wo sie mit den Engeln ein Mit-Sein und ein Eingeschlossen-Sein in englischer Natur hat. Die Engelsnatur berührt keine Zeit; so auch hält‘s die Vernunft, die der »Mann« in der Seele ist: (auch) sie berührt keine Zeit. Wenn man darin nicht lebt, so stirbt der »Sohn«. Deshalb war sie »Witwe«. (Predigt 52)

In ähnlicher Weise können wir hier über Grimhild und den Tod von Gotthormr und Sigurd nachdenken.

Der Name Grimhild ist allerdings etwas verwirrend. Er erinnert an die deutsche Kriemhild, die „unter dem Helm kämpft“ und hier als Gudrun erscheint. Grimhild übernimmt dafür die Mutterrolle der deutschen Ute, deren Name an „Erbin“ erinnert. So übergibt sie nun auch das körperliche und geistige Vatererbe an Gudrun, um die karmischen Schulden zu begleichen. Und zusammen mit den hunnischen Jungfrauen, die äußere Formen weben und das Gold der Wahrheit gestalten, führt ihr weiterer Weg zum hunnischen Atli als Geist der äußeren Natur, die mit dem Tod von Sigurd und Brynhild eine tödliche Natur geworden war.

27. Doch ich (Gudrun) antwortete: „Ich will nicht mit einem (anderen) Mann gehen und Brynhilds Bruder (Atli) heiraten! Es ziemt sich nicht für mich, mit Budlis Sohn das Geschlecht zu vermehren und mich des Lebens zu erfreuen.“

28. Darauf sprach Grimhild: „Trachte nicht danach, den Männern (ihre Schuld mit) Feindschaft zu vergelten, denn wir haben sie zuerst verursacht! Wenn du wieder Söhne gebierst, sollst du so leben, als wären beide, Sigurd und Sigmund, in ihnen lebendig.“

Wie kann sich die innere Seele ohne ganzheitliche Vernunft mit dem Geist der äußeren Natur vereinen und in der Vielfalt fruchtbar werden und Leben gebären? Dennoch sollte daraus keine Feindschaft zwischen innerer Seele und äußerer Natur entstehen. Dazu betrachtet sich hier auch Grimhild als seelisches Prinzip der Verursachung, das doch danach strebt, den Streit der Gegensätze im Leben zu lösen.

29. Doch ich antwortete: „Ich kann mich nicht der Freude hingeben, Grimhild, und auch keine Hoffnung auf einen neuen Helden setzen, nachdem der Leichengierige (Wolf) gemeinsam mit Hugin (Odins Gedanken) Sigurds Herzblut tranken!“

30. Grimhild sprach: „Ihn (Atli) habe ich von allen Fürsten als den Edelsten an Herkunft und in vielem als den Besten gefunden. Ihn sollst du haben, bis dich das Alter bezwingt! Ohne Ehemann sollst du bleiben, wenn du diesen nicht willst!“

Welche Hoffnung hat das Leben, wenn die ganzheitliche Vernunft vom Wolf der Vergänglichkeit gefressen werden kann, und das sogar als göttlicher Gedanke erscheint? Grimhild sieht den Geist der äußeren Natur als besten Weg. Und das ist wohl nun auch der einzige Weg nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung. Doch Gudrun geht diesen Weg nicht gern. Dann würde sie eine äußerlich vergängliche Seele, die das Alter bezwingen kann. Warum muss sie ihn trotzdem gehen? Und wie?

31. Darauf antwortete ich: „Trachte nicht danach, mir so beharrlich diese unheilvolle Verwandtschaft aufzuzwingen! Er wird Gunnar Schaden zufügen und Högni das Herz herausreißen. Und ich werde nicht ruhen, bevor ich dem lebensmutigen Antreiber des Spiels der Schwertschneiden das Leben genommen habe.“

32. Weinend vernahm Grimhild dieses Wort, dass ihre Söhne Unheil erwartete und ihre Kinder großer Schaden. Und sie sprach:

33. „Länder gebe ich dir noch und ein Gefolge von Menschen: Winbjörg und Walbjörg („Berg oder Bergung des Weins und der Gefallenen“), wenn du sie annehmen willst. Behalte dies dein Leben lang und sei zufrieden, Tochter!“

34. Da sprach ich schließlich: „Dann werde ich diesen (Atli) unter den Königen erwählen und von den Verwandten gezwungen heiraten. Doch dieser Mann wird mir keine Freude bringen, noch wird das Unheil der Brüder zum Schutz der Söhne.“

Gudrun sieht natürlich das Schicksal des Ego-Verstandes voraus. Sie sieht, dass es ohne lebendige Vernunft in der Ganzheit keine Erneuerung und Regeneration des Lebens geben kann. Denn diese Voraussicht ist ihr Wesen als innere Seele der Verursachung. Grimhild scheint dies nicht gesehen zu haben, trauert und sucht eine weitere Lösung. Offenbar gibt sie nun als Mutterseele die äußere Welt mit dem Menschenvolk in die Verantwortung ihrer Tochter. Das sind die Lebewesen, die sich durch den Wein der Illusion und den Fall in die Trennung verkörpert haben. Dies scheint Gudrun schließlich überzeugt zu haben, und sie geht diesen schicksalhaften Weg, von der Verursachung gezwungen, auch wenn er zunächst weiter in den Tod führt, in den Tod ihrer Brüder, ihrer Söhne mit Atli und von Atli selbst.

Und diese Verantwortung soll Gudrun „ein Leben lang behalten“. Gut, dass sie als göttliches Geheimnis und innere Seele der Natur niemals stirbt!

35. Schon bald sah man jeden jungen Mann auf einem Pferd, und die welschen (fränkischen) Frauen wurden in Wagen gesetzt. Sieben Tage ritten wir über kaltes Land, weitere sieben trieben wir durch die Wellen, und die dritten sieben schritten wir über trockenes Land.

36. Dort öffneten die Torwächter der hohen Burg (von Atli) das Tor, bevor wir in den Hof ritten.

Die Pferde erinnern an die Körperlichkeit, auf der der Geist reitet, und die Wagen der Frauen an die seelischen Gesetze der Verursachung. Auch die dreimal sieben Tage der Reise sind sicherlich symbolisch gemeint. Die sieben Tage über kaltes Land erinnern an die sieben Halbjahre einer langen Winterzeit, die Gudrun nach Sigurds Tod bei Thora in Dänemark verbrachte und nun enden. Daher wurde Sigurd auch als Freund von Freyr, dem Sommergott, bezeichnet. Darauf folgen nun sieben Reisetage durch die Wellen im Meer des Lebens und der Verwandlung, vielleicht auch eine Reise auf dem Fluss des Lebens. Das trockene Land erinnert schließlich an die äußere Natur der Verkörperung, der nach dem Tod von Sigurd und Brynhild der fruchtbare Regen und lebendige Segen fehlt. Damit könnte auch die Zeit gemeint sein, die Gudrun bei Atli verbrachte.

(In dieser Burg lebte Gudrun eine Weile als Ehefrau von Atli und gebar ihm zwei Söhne, Erp und Eitil. Später ließ Atli Gunnar und Högni zu sich einladen und töten, wie Gudrun vorausgesehen hatte. Und nun erzählt Gudrun weiter, was danach in der Nacht geschah:)

37. Atli weckte mich, und ich schien mir wegen des Todes meiner Verwandten voll üblen Sinns zu sein.

Welche Freiheit gibt es noch, wenn die ganzheitliche Vernunft nicht lebt? Wie Brynhild zum Selbstmord gezwungen wurde, Gudrun zur Ehe mit Atli sowie Gunnar und Högni in ihren Tod, so wird nun weiterhin auch Gudrun zum Töten gezwungen. Sie selbst wundert sich über ihren üblen Sinn, der ihr aus dem Leben in den Tod verkehrt wurde. Ist es ein Traum, aus dem man erwachen kann?

38. Er sprach: „Soeben weckten mich die (Schicksals-) Nornen. Ich bitte dich, mir die Weissagung der Leidensfahrt (meines unheilvollen Traums) zu deuten. Ich träumte, dass du, Gudrun, Gjukis Tochter, mich mit einem trügerischen Schwert durchbohrtest.“

39. Ich antwortete: „Ein Traum von Eisen kündigt Feuer an, und der Zorn einer Frau bedeutet Selbsttäuschung und Begierde. Ich werde dein Leiden ausbrennen, um dich zu pflegen und zu heilen, auch wenn du mir feindlich bist.“

Wer von Waffen träumt, wird Kampf erfahren, und wer von Verkörperung träumt, wird Vergänglichkeit erfahren. So erscheint auch der Zorn der Natur und ihrer Seele als Prinzip der Verursachung durch Selbsttäuschung und Begierde. Und doch geschieht alles zur Heilung des Geistes. Eine erstaunliche Botschaft!

40. Atli sprach: „Ich träumte, dass hier im Hof (zwei) junge Triebe gefallen waren, die ich großziehen wollte. Man hatte sie mitsamt den Wurzeln herausgerissen, mit Blut gerötet und auf die (Bier- und Speise-) Bänke getragen. Man bat mich, sie zu essen.

41. Ich träumte, dass von meiner Hand (zwei) Habichte ohne Beute zu den Häusern des Unheils (des Todes) flogen. Ich träumte, ihre Herzen wurden (von mir) mit Honig gegessen, traurigen Sinnes, von (Lebens-) Blut geschwollen.

42. Ich träumte, dass sich von meiner Hand (zwei) junge Hunde lösten, beide heulend und der Freude beraubt. Ich träumte, ihr Fleisch sei zu Leichenfleisch geworden. Gegen meinen Willen sollte ich das Leichenfleisch verzehren.“

Hier geht es natürlich um die beiden Söhne von Atli und Gudrun, Erp und Eitil, die mit den Wurzeln ausgerissen wurden, weil sie ohne lebendige Vernunft keine Lebensgrundlage hatten. Die Habichte erinnern an die Waffen der Begierde, und die Hunde an die vergängliche Verkörperung durch Selbsttäuschung. So ist es dann auch der Geist der äußeren Natur, der diese Söhne verzehren und verdauen muss: ihren Trieb, ihr Lebensblut und ihr Körperfleisch. Ist dies alles nur ein Traum?

43. Ich antwortete: „Hier haben Krieger ein Opfer beschlossen, und den Weißlingen (reinen Opfertieren, Gudrun denkt natürlich an ihre beiden Söhne) werden die Köpfe abgeschlagen. Binnen weniger Nächte werden sie dem Tod geweiht und kurz vor Tagesanbruch (als Morgenmahl) von der Gefolgschaft verzehrt.“

44. Danach legte ich mich nieder, doch schlafen wollte ich nicht. Entschlossen lag ich im Bett - das werde ich tun.
(Guðrúnarkviða ǫnnur nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

Im Skaldenbuch wurde zum Tod der beiden Söhne berichtet:
Wenig später tötete Gudrun ihre beiden Söhne und ließ aus ihren Schädeln mit Gold und Silber Trinkgefäße machen. Dann wurde die Totenfeier für die Niflungen abgehalten. Auf diesem Festmahl ließ Gudrun König Atli in diesen Gefäßen Met einschenken, und der war mit dem Blut der Jungen gemischt. Ihre Herzen aber ließ sie braten und dem König zu essen geben. Und als dies geschehen war, sagte sie es ihm selbst mit vielen unschönen Worten.

Wer hat nun die beiden Söhne getötet? Wer hatte dieses Opfer beschlossen? War es der Ego-Verstand, der die Vernunft getötet hatte? Oder die innere Seele der Natur als Prinzip der Verursachung? Was bedeutet es, wenn eine Gudrun als „Gott-Rune“ ihre Söhne tötet und sogar ihren Ehemann, den Tötenden selbst? Wer ist an diesem Tod schuld? Um diese Frage der Schuld dreht sich nun das „Das Dritte Gudrunlied“.

Das Dritte Gudrunlied

Herkja (die „Dahinschleppende, Nachtragende“) hieß eine Magd Atlis, die früher seine Geliebte gewesen war. Sie sagte Atli, sie habe Thjodrek („mächtiger Volkskönig“, Dietrich) und Gudrun beide zusammen gesehen. Darüber war Atli sehr missgestimmt. Da fragte Gudrun:

1. „Was fehlt dir immerzu, Atli, Budlis Sohn? Warum bist du so traurig und lachst niemals? Es würde den Fürsten edler erscheinen, wenn du mit den Männern sprächest und mich ansehen würdest.“

2. Atli antwortete: „Das betrübt mich, Gudrun, Gjukis Tochter, was mir Herkja in der Halle sagte: Du und Thjodrek, hättet unter einer Decke geschlafen und euch nur leicht in Leinen gehüllt.“

3. Darauf sprach Gudrun: „Für all dies werde ich dir beim weißen, heiligen Stein Eide schwören, dass ich mit Thjodmars Sohn nicht das hatte, was Frau und Mann (sexuell) miteinander tun könnten.

4. Ich umarmte den ehrenhaften Heerführer und Fürsten kein einziges Mal. Ganz anderer Art waren unsere Gedanken, als wir uns beide kummervoll zum vertraulichen Gespräch neigten.

5. Thjodrek kam mit dreißig Männern hierher, doch kein Einziger von ihnen lebt mehr. Mich beraubtest du der Brüder und der Brünnenträger (ihres Gefolges). So verlor ich all meine nächsten Verwandten. (Über diesen großen Kummer sprachen wir miteinander.)

6. Sende nach Saxi („Schwertmann“, vermutlich ein Priester zur Schuldprüfung), Herrscher der Südmänner! Er versteht es, den siedenden Kessel zu weihen.“

7. In der Halle versammelten sich siebenhundert Männer, um zu bezeugen, wie die Ehefrau des Königs in den Kessel griff.

8. Und Gudrun sprach: „Nun kommt Gunnar nicht, und Högni rufe ich nicht. Fortan sehe ich meine lieben Brüder nicht mehr! Mit dem Schwert würde Högni solche Schmach rächen. Doch nun muss ich meine Unschuld selbst beweisen.“

9. Mit ihrer weißen (reinen) Hand griff sie bis auf den Grund (des Kessels) und holte die Edelsteine herauf. Dann sprach sie: „Seht her, ihr Männer! Schuldlos bin ich geworden, auf heilige Weise, wie auch dieser Kessel siedet.“

10. Da freute sich Atli von Herzen, als er Gudruns Hände heil sah. Und er sprach: „Nun soll Herkja zum Kessel gehen - sie, die Gudrun Schaden (und Schuld) zufügen wollte!“

11. Nichts Erbärmlicheres sah jemals ein Mensch als diesen Anblick: wie dort Herkjas Hände verbrannten! Daraufhin führten sie die Magd in einen fauligen Sumpf (wo sie versank). So stillte Gudrun ihren Kummer (der Beschuldigung).
(Guðrúnarkviða in þriðja nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

Das altnordische Wort herkja bedeutet „sich dahinschleppen“ und erinnert aus geistiger Sicht an die karmische Schuld, die sich durch den Geist der gesamten äußeren Natur schleppt. Dies ist sozusagen die körperliche Erbsünde der Trennung und Abgrenzung in der Ganzheit bzw. Gottheit durch den Ego-Verstand. So steht nun hier die Frage, ob auch Gudrun dieser Sünde schuldig ist, da sie nun körperlich mit Atli als Geist der äußeren Natur verheiratet wurde. Bricht sie dieses Eheversprechen, wenn sie sich geistig der ganzheitlichen Vernunft zuwendet, die hier in der Rolle von Thjodrek bzw. Dietrich erscheint? Wie können geistige Einheit und natürliche Vielfalt gemeinsam bestehen? Der Ego-Verstand von Gunnar und Högni würde versuchen, diese Schuldfrage mit dem Schwert der Unterscheidung zu klären und damit Herkja zu töten. Doch sie leben nicht mehr. So übergibt sich Gudrun als „Gott-Rune“ einem sogenannten „Gottesurteil“, einer Heißwasserprobe, die im Mittelalter verbreitet war. Sie besteht diese Prüfung durch ihre Reinheit, und die Schuldige versinkt im Sumpf der Erde bzw. irdischen Körperlichkeit.

Was ist das für eine Schuldprüfung? Solche „Gottesurteile“ können wir mit unserer heutigen Weltanschauung nur noch schwer verstehen. Denn wir betrachten den lebendigen Körper vor allem als eine physikalisch-chemische Maschine, die nach den Naturgesetzen arbeitet. Und die große Frage ist: Wie mächtig kann der Einfluss des Geistes auf den Körper sein? Gibt es dafür eine klare Grenze? Dass wir den Körper mit dem Geist bewegen können, wird ja noch allgemein akzeptiert, wie auch psychosomatische Krankheiten. Darüber hinaus gibt es auch viele Studien über Placebo- und Nocebo-Effekte, die wissenschaftlich nur schwer zu erklären sind.

Darin deutet sich bereits an, dass der Geist einen sehr großen Einfluss auf den Körper haben kann. - Laut christlicher Überlieferung wurde der Apostel Johannes in Rom in ein Fass mit siedendem Öl geworfen. Er blieb völlig unverletzt und ging gestärkt daraus hervor. - Westliche Forscher und Reisende des 19. und 20. Jahrhunderts berichteten immer wieder von indischen Yogis, die glühende Eisenstangen berührten oder kochendes Wasser über ihre Haut gossen, ohne Brandblasen zu entwickeln. - Der Fakir Kuda Bux aus Kaschmir reiste 1935 nach London, wo er unter der Aufsicht des renommierten University of London Council for Psychical Research über einen Graben mit glühenden Kohlen ging. Die Forscher untersuchten seine Füße vor und nach dem Lauf: Es gab keinerlei Brandwunden. Zudem hielt er die Hände über offenes Feuer, ohne dass die Haut Schaden nahm. - Viele weitere solche Beispiele könnten wir anführen… Zauberei, Geisteskraft oder die natürliche Macht des Bewusstseins?

So hatte wohl auch Gudrun als „Gott-Rune“ und innere Seele der Natur diese Macht, sich über die natürlichen Begrenzungen der äußerlichen Körperlichkeit zu erheben. Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Solange das Bewusstsein mit dem Ego-Verstand an der Körperlichkeit oder sonstigen Formen haftet, ist immer auch eine gewisse Schuld dabei. Und solange verfolgt uns Herkja, die geliebte Magd des Geistes der äußeren Natur, mit Schuldvorwürfen von Fremdgehen, Ehebruch, Schande und Untreue. Dann wird auch jede körperliche Prüfung erbärmliches Leiden sein. Doch nun war der Ego-Verstand gestorben, und Gudrun hatte ihre Unschuld bewiesen. In dieser Hinsicht können wir nun versuchen, auch ihren weiteren Weg zu verstehen.

Das Alte Atlilied

Gudrun, Gjukis Tochter, rächte ihre Brüder, wie allgemein bekannt geworden ist. Sie tötete zuerst Atlis Söhne, danach Atli selbst und verbrannte seine Halle mit der ganzen Gefolgschaft. Darüber ist dieses Lied gedichtet.

1. Atli sandte einen Boten zu Gunnar, einen kundigen und vertrauten Reiter, der Knefröd („zwangsläufiger Beschluss“?) genannt wurde. Er kam zu Gjukis Hof und zu Gunnars Halle, zu dessen Bänken um den Herd und zum köstlichen Bier.

2. Dort tranken die Gefolgsmänner (Gunnars) Wein in der Walhalle (wie auch Odins Halle heißt). Doch die Verhehler (ihrer Schuld an Sigurds und Brynhilds Tod) schwiegen, denn sie fürchteten den Zorn der Hunnen (unter Atlis Herrschaft). Da rief Knefröd mit kalter Stimme, der Mann aus dem Süden, der auf einer erhöhten Bank saß:

3. „Atli sandte mich hierher, als reitenden Boten auf wohlgezäumtem Pferd durch den unbekannten Myrkwid („Dunkelwald“), um euch, Gunnar (und Högni), zu bitten: Kommt beide mit ringgeschmückten Helmen zu seiner Bank, um Atli in seinem Haus zu besuchen!

4. Dort könnt ihr Schilde wählen und glattgeschabte Eschenspeere, rotgoldene Helme und eine Menge Hunnen (als Kämpfer) mit silbergoldenen Satteldecken, fremdländisch roten Gewändern, Speeren, Spießen und gezäumten Rossen.

5. Auch das Feld der weiten Gnitaheide („Geröll-Heide“, wo auch der Fafnir-Drache lebte), sagte er, würde er euch geben, (eure Wahl) vom klingenden Speer und vom vergoldeten Steven, große Kostbarkeiten, die Stätten des Danpr (am Fluss Dnepr) und den berühmten Wald, den die Menschen Myrkwid („Dunkelwald“) nennen.“

Wie kommt das Bewusstsein aus Walhall vom Fluss des Lebens in eine tödliche Natur - in das trockene Land der „Geröll-Heide“, in den dunklen Wald der Vorstellungen, wo das Lebenslicht schwindet, zum Fluss des Todes, der in das Schwarze Meer fließt? Wie kann der freie Geist dazu gezwungen werden?

Auch hier wird klar, dass es um eine symbolische Geographie geht. In der deutschen Überlieferung wird von der Donau gesprochen, wo Etzel sein Reich hatte. Dieser Fluss wird den Nibelungen zum Fluss des Todes, der schließlich auch tatsächlich (wie der Dnepr) ins Schwarze Meer mündet. Ein Ritt vom Dnepr zum Rhein, etwa von Kiew nach Worms, wäre allerdings ca. 1.800 km lang. Eine ähnliche Strecke hätte dann auch Gudrun in 21 Tagen bewältigen müssen…

Anstatt des Rheins könnt man hier geographisch wiederum an die mittlere Elbe denken. Dann wäre der „Mann aus dem Süden“ praktisch über das Erzgebirge gekommen, dessen schwer durchdringliches Waldgebiet im frühen Mittelalter Miriquidi genannt wurde. In dieser Richtung könnte man sich auch vorstellen, dass mit Danpr eigentlich die Donau gemeint ist. Das Feld der Gnitaheide könnte dann an die ungarische Puszta erinnern, eine baumarme Grassteppe, die im Sommer heiß und trocken ist, wie auch Gudrun in ihrer dritten Reisewoche ausdrücklich durch „trockenes Land“ reiste, was im „Zweiten Gudrunlied“ erklärt wird.

Symbolisch erinnert die „Geröll-Heide“ an das trostlose Land, wo der Ego-Drache Fafnir hauste. Dies wird nun auch dem Ego-Verstand von Gunnar und Högni angeboten. In dieser Hinsicht kann auch der „Mann aus dem Süden“ einfach für einen geistigen Boten stehen, der nun den Gunnar-Verstand herausforderte. Und dieser berät sich wiederum mit dem Högni-Ego, denn die Sigurd-Vernunft ist tot:

6. Da wandte Gunnar den Kopf und sprach zu Högni: „Was rätst du uns beiden, mutiger Mann, da wir solches hören? Ich kannte bisher kein Gold auf der Gnitaheide, zu dem wir beide nicht etwas Gleichwertiges besäßen.

7. Wir besitzen sieben Hallen voller Schwerter mit goldenen Griffen. Mein Pferd ist das beste, und mein Schwert das schärfste. Meine Bogen zieren die Bänke, und meine Brünnen sind vergoldet. Mein Helm und Schild sind die glänzendsten und stammen aus Kjars Halle (der „Mutige“, ein Herrschername). Meine Ausrüstung allein ist besser als die aller Hunnen!“

8. Högni antwortete: „Was, glaubst du, wollte die Frau (Gudrun) andeuten, als sie uns einen Ring sandte, umhüllt vom Kleid eines Heidebewohners? Ich glaube, dass sie Warnung gebot. Das Haar eines Heidebewohners (Wolfes) fand ich um den roten Ring geflochten: Wölfisch ist unser Weg, diesem Angebot nachzureiten!“

9. Kein Nachkomme trieb Gunnar an, noch ein anderer naher Verwandter, weder Runendeuter noch Ratgeber, noch jene, die mächtig waren. Da erhob Gunnar mit großem Mut das Wort, wie es der berühmte König in der Methalle schuldig war:

10. „Erhebe dich, Fjörnir („Lebensbeschützer“), und lass die goldenen Becher der Krieger von Hand zu Hand durch die Halle gehen!

11. Graufellige Wölfe werden über das Erbe der Niflungen herrschen, wenn Gunnar verlorengeht! Schwarzfellige Bären werden mit Reißzähnen zubeißen und das Wolfsrudel erfreuen, wenn Gunnar nicht zurückkehrt!“

Wunderlich! Gegen alle Argumente entscheidet sich der Verstand trotzdem zur Fahrt. So muss wohl Gunnar in der Methalle der Ganzheit aufgrund seiner Schuld am Tod von Sigurd und Brynhild seiner Seele folgen, die Grimhild zu Atli geschickt hatte, in eine tödliche Natur. Sogar der Ring der Erneuerung ist dort mit Wolfshaar umschlungen, mit den Gedanken der Vergänglichkeit. Högni fürchtet sich offenbar davor, doch Gunnar sucht nun auf diesem Weg den Kampf des Lebens. Und wenn er nicht überlebt, soll niemand überleben. Wer könnte auch ohne Verstand in dieser Welt leben?

12. Unerschrockene Gefolgsleute geleiteten den kampfkühnen Landeskönig unter Tränen aus dem Hof. Da verabschiedete sie der jüngere Erbe Högnis (vermutlich sein jüngster Sohn Gjuki): „Fahrt nun heil und verständig dorthin, wohin euch beide die Gedanken ziehen (und der Sinn treibt)!“

Zumindest einer bleibt zurück, der kleine und jüngste Gjuki, der nun vermutlich mit seiner Großmutter Grimhild am Rhein als Fluss des Lebens verweilt. So kann dort wieder ein vernunftbegabter Mensch heranwachsen. Ähnlich bleibt auch in der deutschen Nibelungensage der kleine Sohn von Gunther, der nach seinem Schwager „Siegfried“ genannt wurde, in Burgund am Rhein bei seiner Großmutter Ute zurück.

13. Die Kühnen ließen die gezäumten Pferde mit ihren Hufen durch den unbekannten Myrkwid über die Berge donnern. Ganz Hunnenland erbebte, als die Hartgesinnten (Entschlossenen) dahinritten und die peitschenscheuen Pferde über die sattgrünen Felder trieben.

14. Sie sahen Atlis Land und die mächtigen Wachtürme, wo Bikkis (oder Budlis?) Krieger auf der hohen Burg standen, sowie die (Königs-) Halle über den südlichen Völkern, errichtet für Sitzbänke, mit umfassenden Mauern und glänzenden Schilden, Speeren und Spießen. Dort trank Atli Wein in der Walhalle, während draußen die Wächter nach Gunnar und (seinem Gefolge) Ausschau hielten, falls sie mit klingendem Speer hierher zu Besuch kämen, um den Herrscher (Atli) zum Kampf zu wecken.

Wunderbar! Auch Atli lebt in Walhall vom Wein der Illusions- und Schöpferkraft, wie Odin selbst. Und draußen in der äußeren Welt wird sich mit Wachsamkeit im Kampf geübt.

Bikki erinnert an den verräterischen Geist von König Jörmunrek, der in diesem Kampf natürlich eine große Rolle spielt. Manche Forscher vermuten aber auch einen Schreibfehler. Dann könnten es die Krieger von Budli sein, des „Gerichtsdieners“, was auch Sinn ergibt…

15. Ihre Schwester (Gudrun) bemerkte als Erste, dass ihre beiden Brüder in die Halle kamen, denn vom Bier hatte sie wenig getrunken. Sie sprach: „Verraten bist du nun, Gunnar! Was kannst du, Mächtiger, gegen die Unheilstaten der Hunnen ausrichten? Verlasse schnell diese Halle!

16. Besser wäre es für dich gewesen, Bruder, wenn du in der Brünne gekommen wärst, statt Atlis Heim nur mit ringgeschmückten Helmen zu besuchen. Dann hättest du an sonnenhellen Tagen im Sattel gesessen und die (Schicksals-) Nornen über notwendig erbleichte Leichen weinen lassen. Du hättest diese Schildmaiden der Hunnen die Egge (für ein fruchtbares Feld) kennenlernen lassen und Atli selbst in die Schlangenhof geworfen. Doch nun ist dieser Schlangenhof euch beiden bestimmt!“

Ja, besser wäre eine lebendige Brynhild, als den Ring der Ganzheit nur als Schmuck am Verstandeshelm der Lebensform zu tragen. Sonst sind wir „verraten“ in einer äußeren Natur des Unheils, verlieren das ganzheitliche Licht, und das Schicksal nimmt den Weg des Todes, statt des fruchtbaren Lebens mit beständiger Erneuerung. Wer müsste dann im Schlangenhof der giftig-gegensätzlichen Gedanken leben?

17. Gunnar antwortete: „Nun ist es zu spät, Schwester, die Niflungen (das ganze Kriegsheer von König Gunnar) zu versammeln. Weit ist es, die Schar der Männer zu suchen, die unerschrockenen Krieger, jenseits der rötlichen Berge (der Erzberge) am Rhein!“

18. Da wurde Gunnar von den Verbündeten der Burgunden ergriffen (von Atlis Kriegern, die durch Gunnars Hochzeit mit Brynhild mit den Burgunden verbündet waren). Sie legten ihn in Fesseln und banden ihn fest.

19. Högni erschlug sieben (Gegner) mit dem scharfen Schwert, und den achten stieß er in das heiße Feuer. So muss sich ein Mutiger gegen Feinde verteidigen, wie Högni Gunnars Hände verteidigte (wie Högni anstelle der Hände des gebundenen Gunnars kämpfte, aber dann auch selbst gebunden wurde).

Ja, nun ist es zu spät, ganzheitlich als Einherier im Heer der Einheit zu kämpfen. Der Verstand wird in der äußeren Natur gebunden, doch das Ego kämpft weiter. Hier kann man an sieben geistige Kräfte der äußeren Natur denken, die es mit dem Schwert der scharfen Unterscheidung töten kann, wie die Sinnes- und Handlungskräfte. Eine achte Kraft ließ sich offenbar nicht unterscheiden, wie zum Beispiel die Geisteskraft selbst, und wurde in das Feuer der Vernichtung gestoßen.

So übernimmt nun das Ego den Kampf des gebundenen Verstandes. Und das ist im Grunde nicht falsch, denn das Ego selbst ist als „Ich bin“ ein unsterbliches und unerschütterlich-mutiges Wesen. Dies suchen auch viele Menschen als „Selbstsicherheit“, aber leider oft ohne ganzheitliche Vernunft. So fällt es durch den unterscheidenden Verstand in die Trennung, Abgrenzung und Bindung. Daraus wird ein trennendes Ego. Und was sagt dann der Verstand dazu?

20. Da fragten sie den kühnen Herrscher der Goten (Gunnar), ob er das Leben mit Gold erkaufen wolle.

21. Gunnar antwortete: „Zuerst soll Högnis Herz blutig in meiner Hand liegen, mit scharfschneidigem Messer aus der Brust des kühnen Reiters geschnitten, des Königssohns!“

Kann der Verstand das Gold der Wahrheit für ein ganzheitliches Leben hingeben? Oder will er es weiterhin besitzen und festhalten? Hier schließt sich nun der große symbolische Kreis zur anfänglichen Geschichte von Regin und Fafnir, und der Verstand fordert das mutige Ego-Herz.

22. Das schnitten sie Hjalli („Baugerüst“) das Herz aus der Brust, legten es blutig auf eine Schale und brachten es Gunnar.

23. Doch Gunnar, der Herr der Männer, sprach: „Hier habe ich das Herz Hjallis, des Feigen, ungleich dem Herzen Högnis, des Mutigen. Es zittert noch heftig, während es auf der Schale liegt, und doppelt so viel zitterte es, als es in der Brust lag!“

24. Da lachte Högni, als sie dem lebenden Wundschmied (oder Helmschmied) das Herz herausschnitten. Ans Weinen dachte er am allerwenigsten! Blutig legten sie es auf die Schale und brachten es Gunnar.

25. Da sprach der berühmte Gunnar, der Niflung-Speer („Nebelwesen-Wille“): „Hier habe ich das Herz Högnis, des Mutigen, ungleich dem Herzen Hjallis, des Feigen. Es zittert nur wenig, während es auf der Schale liegt, und noch weniger zitterte es, als es in der Brust lag!

So will nun der Verstand auch das mutige Ego-Herz besitzen, die vielgesuchte „Selbstsicherheit“, und nicht das wacklige „Baugerüst-Herz“ eines Feiglings, das ihm folgerichtig die Hunnen im Reich der äußeren Natur anbieten. Denn ohne die vernünftige Sicht eines ganzheitlichen Lebens kann es hier im Reich der vergänglichen Gestaltungen keine wahre Sicherheit geben. Doch was passiert, wenn man das Herz aus einem lebendigen Körper herausschneiden und festhalten will? So spricht Gunnar weiter:

26. So sollst du, Atli, den Augen fern sein, wie du auch den Goldringen fernbleiben wirst. Denn der gesamte Schatz der Niflungen ist nun bei mir allein verborgen. - Högni lebt nicht mehr!

27. Stets war ich im Zweifel, solange wir beide lebten. Nun habe ich keinen mehr, da ich allein lebe. Der schnelle Rhein soll über das Streitmetall der Krieger (das begehrte Gold) herrschen, über das göttliche Erbe der Niflungen! Im wogenden Wasser sollen die Walringe (die Ringe der Gefallenen) glänzen, eher als dass das Gold an den Händen der Hunnensöhne schimmere!“

So macht nun Gunnar das, was Regin früher schon machen wollte. Er versucht, seine Zweifel über die Herrschaft zu überwinden, indem er alle vermeintlichen Konkurrenten beseitigen lässt. Zuerst die ganzheitliche Sigurd-Vernunft und schließlich auch das trennende Högni-Ego. Damit erscheint hier der Gunnar-Verstand als Herrscher zwischen den ewigen Polaritäten: zwischen Vernunft und Ego, Einheit und Vielfalt, Lichtheit und Dunkelheit.

In der deutschen Nibelungensage wird dieser Kampf aus einer anderen Perspektive betrachtet. Dort weigert sich Hagen, den verborgenen Goldschatz preiszugeben, solange sein König Gunther lebt. Daraufhin wird Gunther enthauptet, und angesichts des abgeschlagenen Kopfes reagiert Hagen auf ähnliche Weise, wie hier Gunnar reagiert: Nun will er den Schatz erst recht nicht offenbaren und freut sich, das Geheimnis allein für sich zu besitzen. Dafür wird er schließlich von Kriemhild getötet. So tritt in der deutschen Überlieferung stärker das trennende Ego als Grundproblem hervor, während die nordische Fassung hier mehr den unterscheidenden Verstand in den Mittelpunkt stellt. Beide Betrachtungsweisen haben ihre Berechtigung, denn das eigentliche Problem bleibt die Trennung.

So will nun auch Gunnar das Gold der Wahrheit von Atli fernhalten, dem Geist der äußeren Natur, der sogar aus seinen Augen des Bewusstseins verschwinden soll. Gut ist, dass er das Gold nicht wie der Fafnir-Drache in der trockenen „Geröll-Heide“ verbergen will, sondern im Rhein als Fluss des Lebens. Und doch trennt er sich damit auch selbst vom Gold der Wahrheit, vom ewigen Bewusstsein, das jede Form annehmen kann. Dadurch wird ihm nun Atli als Geist der äußeren Natur, dem er das Gold nicht gönnt, zu einem tödlichen Geist:

28. Da befahl Atli: „Setzt die Räderwagen in Bewegung! Der Gefangene ist nun in Fesseln!“ Und dann zog das Zugtier, der Feind des Zaumzeugs, den Schatzhüter und Feindherrscher in den Tod.

29. Der mächtige Atli, ihr angeheirateter Verwandter, ritt auf dem bemähnten Glaum („Lärm“), von Streitdornen umgeben. Gudrun, die Siegesgöttin, … hielt ihre Tränen zurück und schritt in die Lärmhalle.

30. Gudrun sprach: „So ergehe es auch dir, Atli, wie du die Eide gehalten hast, die du Gunnar gegenüber oft geschworen und einst ausgesprochen hast: bei der Sonne in der Südhalle, bei Sigtyrs (des „Sieggottes“ Odins) Berggipfel, bei Hölkwir (Högnis Pferd) des Ruhebettes (der Bewegung in der Stille) und bei Ullers (des Wintergottes) Ring!“

Die Räderwagen erinnern an das Räderwerk der Gesetze von Ursache und Wirkung in der Natur, das nun in Bewegung gesetzt wird, weil der Gunnar-Verstand durch sein eigenes Verhalten daran gebunden wurde. Das Zugtier, auf dem Atli reitet, erinnert an den Gedankenlärm der sich streitenden Gedanken in einer Welt der Gegensätze, die ohne ganzheitliche Vernunft nicht zur Ruhe kommen können.

Die Eide des Geistes der äußeren Natur bestehen wohl darin, dass er eigentlich dafür da sein sollte, um den Verstand zum Einherier zu erheben und nicht in den Tod zu führen. Durch diese geschworene Verbindung zwischen Verstand und Natur muss dann zwangsläufig auch Atli dem Weg von Gunnar folgen. Doch zuerst fällt der Verstand in den Schlangenhof der gegensätzlichen Gedanken mit ihrem tödlichen Gift der Trennung:

31. Die Menge der Männer warf den König lebendig in einen Hof, der von kriechenden Schlangen wimmelte. Dort war Gunnar allein und schlug voll feindseligem Mut mit der Hand (seinem Verstand) die Harfe, dass die Saiten dröhnten. So muss ein mutiger Ringverteiler das Gold gegen die Männer verteidigen!

32. Nach der Tötung (Gunnars im Schlangenhof) ließ Atli das kiesstampfende Pferd zurück in sein Land (zu seinem Burghof) laufen. Im Hof herrschte großer Lärm von dicht gedrängten Pferden und dem Waffengeklirr der Männer, die von der Heide zurückgekehrt waren.

Hier wird bereits angedeutet, dass nun Atlis Hof im Prinzip dem Schlangenhof von Gunnar gleicht. Und Gudrun erscheint darin als Seele der Natur und Prinzip der Verursachung wie eine tödliche Schlange, zwar widerwillig, aber zwangsläufig:

33. Da ging Gudrun hinaus, Atli entgegen, mit einem vergoldeten Kelch, um dem Herrscher die Vergeltung darzureichen: „Empfangen kannst du, Herrscher, froh in deiner Halle, von Gudrun die nach Nifl (in den Nebel) gegangenen jungen Wesen!“

34. Auch Atlis weingefüllte Bierbecher erklangen, als sich die Hunnen in der Halle versammelten. Einer nach dem anderen (oder: Kühn) traten die langbärtigen Männer herein.

35. Da blickte die Hellgesichtige finster, während sie ihnen die Getränke brachte - eine unheimliche Dise (Schicksalsfrau) für die Fürsten. Widerwillig (aber zwangsläufig) wählte sie für die Bleichnasigen (Fürsten) die Speisen zum Bier. Danach sprach sie Schmähworte zu Atli:

36. „Die Herzen deiner Söhne, Schwerterverteiler, hast du zum Leichenblut (aus dem vergoldeten Kelch) mit Honig verzehrt. Nun kannst du, Mutiger, die Schlachtspeise von Menschen verdauen, als Bierspeise essen und zum Hochsitz erheben!

37. Fortan wirst du weder Erp noch Eitil, die beiden Biererfreuer, zu deinen Knien rufen! Nie wieder wirst du sie mitten in der Halle sehen, Goldverteiler, wie sie Speere schäften, Mähnen stutzen oder Pferde treiben!“

Darüber kann man viel nachdenken: Wie lässt sich die Trennung überwinden und die Einheit gewinnen, ohne dabei die Vielfalt zu töten? Wie können Atli, der Geist der äußeren Natur, und seine beiden Söhne, die wir als das Formlose und Formhafte gedeutet haben, eins werden und gemeinsam herrschen? Ähnlich hatte auch Sigurd das Blut von Regin und Fafnir getrunken und das Herz von Fafnir gegessen, um ihre Kräfte in eine höhere Ganzheit aufzunehmen. Doch was geschieht, wenn diese Vereinigung ohne die ganzheitliche Vernunft des „Sieg-Beschützers“ erfolgt? Sieg des Lebens oder tödliche Niederlage?

38. Lärm entstand auf den Bänken, ein unheimlicher Gesang der Männer und ein Dröhnen unter den Göttergeweben (den Wandbehängen der Halle). Das Volk der Hunnen weinte - nur Gudrun nicht. Sie vergoss keine Träne, weder um ihre bärenstarken Brüder noch um ihre geliebten jungen und unerfahrenen Söhne, die sie Atli geboren hatte.

39. Gold säte die Gänsehelle (schwanengleiche Gudrun) aus, und mit roten Ringen erfreute sie die Diener des Hauses. Das Schicksal ließ sie wachsen und das glänzende Metall fließen. Niemals schonte die Frau die Lebenshäuser (des gehorteten Goldschatzes).

Ja, so sollte das Gold der Wahrheit in der Schöpfung fließen und nicht in eigenwilligen Formen festgehalten werden, wie es Fafnir in der „Geröll-Heide“ und Gunnar im Fluss des Lebens versuchte. Dann gibt es auch keinen Grund zum Weinen. Denn dieses Gold ist für die Diener der Schöpfung da, als „rote Ringe“, vor allem für die Einherier im Heer der Einheit…

40. Unachtsam war Atli und hatte sich müde getrunken. Er hatte keine Waffe bei sich und hütete sich nicht vor Gudrun. Oft war dieses Spiel besser gewesen, wenn sie beide sich vor den Fürsten liebevoll umarmten.

Wie könnte sich der Geist der äußeren Natur vor der inneren Seele der Verursachung hüten, wenn er mit einem Verstand wie von Gunnar verbunden ist? Welche Waffe könnte er zum Schutz bei sich haben? So schließt sich hier wieder ein großer Kreis zum Anfang der langen Geschichte, zur Unachtsamkeit des Otters. Was bedeutet diese Unachtsamkeit? Das Bewusstsein fällt aus der ganzheitlichen Sicht in die eigenwillige Formhaftigkeit und wird dadurch gebunden. So werden aus der göttlich-ganzheitlichen Liebe die Gegensätze von Begierde, Hass und Tod:

41. Mit todeseifriger Hand gab sie dem Ehebett mit spitzer Waffe Blut zu trinken (und tötete Atli). Dann ließ sie die (Jagd- und Wach-) Hunde los, trieb sie vor die Hallentüren und weckte als Braut (des Schicksalsfeuers) mit heißem Brand die Gefolgsleute (und Diener Atlis in der Halle). Dies ließ sie zur Vergeltung für die Brüder geschehen.

42. Dem Feuer übergab sie alle, die drinnen waren und nach Gunnars Tötung aus Myrkheim („Dunkelheim“) zurückgekehrt waren. Die alten Balken stürzten ein, die Lebenshäuser (der Körper) rauchten und der Hof der Budlis brannte. Auch die lebenstragenden Schildmaiden verbrannten darin und sanken in das heiße Feuer.

Wie Högni, so kämpft nun auch Gudrun mit Schwert und Feuer. Vielleicht ist es sogar die Fortsetzung von Högnis Kampf, wie auch im Skaldenbuch berichtet wurde, dass Atli mithilfe eines Sohns von Högni getötet wurde. So wurde auch hier anfangs beschrieben, dass von den Högni-Söhnen nur Gjuki zu Hause blieb, und die anderen beiden, Solar und Snäwar, offenbar mitgereist waren. Denn die innere Seele der Natur braucht natürlich einen männlichen Geist, um zu wirken. Symbolisch könnte man auch an Högnis Herz als sein Wesen denken, das hier wirksam wurde und gleichzeitig sich selbst mit verbrannte.

Die Rückkehr aus Myrkheim macht den Ort des Schlangenhofes deutlicher und erinnert an Myrkwid, den „Dunkelwald“ der gedanklichen Vorstellungen, die ohne ganzheitliche Vernunft zu giftigen Schlangen werden.

Auch hier wird klar, dass es vor allem um eine symbolische Geschichte geht. Und vielleicht sind die Widersprüche und Brüche in der äußeren Geschichte vor allem dazu da, um zum geistigen Hintergrund vorzudringen. Denn äußerlich betrachtet ist es schwer erklärbar, warum niemand aus der berennenden Halle entkommen konnte. Aus geistiger Sicht könnten die Jagd- und Wachhunde an die Begierden und das Festhaltenwollen erinnern, durch die der Geist seine Bewusstseins-Halle nicht verlassen kann. Eine ähnliche Symbolik lässt sich in Garm, dem Wachhund von Niflhel finden.

So endet nun der vernunftlose Lebensweg in einem umfassenden Tod. Sogar die äußere Natur scheint nun tot und ihre Geisteskräfte im Feuer vernichtet zu sein. Dies erinnert an den Weg in die dunkle Niflhel.

43. Darüber ist nun vollständig berichtet. Seitdem zog keine Frau in der Brünne auf solche Weise aus, ihre Brüder zu rächen. Die Strahlende hatte drei Volkskönigen (Högni, Gunnar und Atli?) das Todeswort gebracht, bevor sie selbst starb.

Ausführlicher wird es im „Grönländischen Atlilied“ erzählt.
(Atlakviða nach Arnulf Krause, Edward Pettit und altnordischer Quelle)

Hier kann man sich noch einmal an die Verbindung von Brynhild und Gudrun erinnern, wie sie im Grunde zwei Aspekte der Walküre Sigrdrifa darstellen. Das „Todeswort“ erinnert an das Wesen der Verursachung, die sich in ihrer Auswirkung selbst erschöpft.

Zusammenfassend könnte man sagen: Sigrdrifa hatte als „Sieg-Treiberin“ die Umstände verkörpert, unter denen der vernunftbegabte Gylfi-Mensch gemeinsam mit der Sigurd-Vernunft als „Sieg-Beschützer“ den Königsweg gehen konnte, den Weg der Einherier im göttlichen Heer der Einheit. Doch der menschliche Verstand hat immer auch die Freiheit, sich zu entscheiden, wie er auf diese Umstände reagiert. So ist er schließlich doch den Weg des egoischen Einzelkämpfers gegangen, der in den Tod der dunklen Niflhel führt, zumindest aus seiner eigenwilligen Sicht, an der er anhaftet und dadurch gebunden wird…

Ob Sigrdrifa, Gudrun und Brynhild wirklich gestorben sind, darüber kann man viel nachdenken. Vielleicht schlafen sie nur in Unbewusstheit und warten auf Sigurd, der sie wieder erweckt. Zumindest geht die Edda-Geschichte über Gudrun weiter, wie das Skaldenbuch berichtet:
Danach begab sie sich zum Meer, sprang ins Wasser und wollte sich töten. Doch sie wurde über den Fjord getrieben und kam in das Land, das König Jonak gehörte.…


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