Die geistige Botschaft der nordischen Edda

Das Erste Gudrunlied

Gudrun saß bei dem toten Sigurd. Sie weinte nicht wie andere Frauen, doch sie zerbrach fast vor Kummer. Frauen und Männer kamen zu ihr und versuchten, sie zu trösten, aber das war nicht leicht. Man erzählt sich, Gudrun habe von Fafnirs Herz gegessen und deshalb die Stimmen der Vögel (des Schicksals) verstanden. Des Weiteren wird über Gudrun gedichtet:

1. Einst war es, dass Gudrun zu sterben bereit war, als sie kummervoll bei Sigurd saß. Sie weinte nicht, schlug die Hände nicht zusammen und wehklagte nicht wie andere Frauen.

2. Allkluge Jarle traten heran und versuchten, ihren verhärteten Sinn zu lösen. Doch Gudrun konnte nicht weinen. Ihr Kummer war so schwer, dass sie daran fast zerbrach.

Kann die Seele sterben? Kann sie zerbrechen? In Wahrheit gibt es nur eine Seele als ganzheitliches Prinzip der Verursachung. Doch in der Trennung scheint dies möglich zu sein, wenn die Einheit in der Vielfalt nicht mehr erkannt und gelebt wird. Dann scheint jedes Lebewesen eine eigene Seele zu besitzen, die geboren wird und stirbt. Als inneres Prinzip der Verursachung kennt sie natürlich das Schicksal des Einzelkämpfers und empfindet den schweren und leidvollen Kummer, der damit verbunden ist. Doch wohin sollen ihre Tränen als Wasser des Lebens in der Trennung fließen? Wohin kann sich das Schicksal auswirken, wenn sich der Ego-Verstand hartnäckig abgrenzt? Alle weltliche Klugheit kann diese innere Verhärtung nicht lösen, wenn die ganzheitliche Vernunft getötet wurde. Daher hat es auch unsere heutige Wissenschaft so schwer…

3. Die goldgeschmückten Edelfrauen der Jarle saßen bei Gudrun, und jede erzählte von ihrem großen Kummer, dem bittersten, den sie erlitten hatte.

4. Da sprach Gjaflaug (die „Gabengeweihte“), Gjukis (des „Begabten“) Schwester: „Ich kenne mich auf Erden als eine, die am meisten der Freude beraubt wurde. Fünf Ehemänner habe ich verloren, zwei Töchter, drei Schwestern und acht Brüder - doch ich allein lebe!“

Nachdem die männlichen bzw. geistigen Kräfte der Klugheit nicht helfen konnten, versuchen es nun die weiblichen bzw. natürlichen Kräfte. Zuerst kommen die edlen Seelen der Klugen, die zwar mit dem Gold der Wahrheit geschmückt sind, aber ein ähnliches Schicksal wie Gudrun erfahren haben. Zu ihnen gehört auch Gjaflaug, die offenbar einen ähnlichen Weg des Gjuki-Menschen bereits mitgegangen war und alle Vielfalt verloren hatte, aber „allein“ als ganzheitliche Seele noch immer lebt. Und so wird auch Gudrun all-ein überleben.

Über Gjaflaugs symbolischen Verlust der Vielfalt kann man viel nachdenken. Die fünf Ehemänner erinnern an die geistigen Kräfte der fünf Sinne, durch die sich die Seele mit der äußeren Welt verbindet, die zwei Töchter an die innere und äußere Natur, die drei Schwestern an ein Wirkungsdreieck und die acht Brüder an acht geistige Kräfte in der Natur. Ähnlich wird schließlich auch von Brynhild berichtet, dass sie zusammen mit acht Knechten und fünf Mägden starb. Welche Kräfte genau gemeint sind, bleibt in den alten Liedern unklar. Bezüglich der acht Knechte oder Brüder könnte man an Draupnir denken, dem goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration, der in jeder neunten Nacht acht gleichschwere Ringe aus sich hervorbringt. Diese lebendige Macht der Erneuerung im Kreis der neun Welten verlieren natürlich die abgegrenzten Seelen der Einzelkämpfer, zumindest in ihrem Bewusstsein, während sie den Einheriern im Heer der Einheit bewusst bleibt.

Offenbar spielte man damals gern mit solchen Zahlen und Symbolen. Ähnlich spricht auch Meister Eckhart von fünf Ehemännern der Seele:
Nimmermehr offenbart sich Gott der Seele ganz und vollends, wenn sie nicht ihren »Mann« herbeibringt, das heißt: ihren freien Willen. Darum sprach unser Herr: »Weib, du sprichst wahr; du hast fünf Männer gehabt, die sind tot, und den du jetzt hast, der ist nicht dein.« Welches waren die fünf Männer? Es waren die fünf Sinne, mit denen hatte sie gesündigt, und darum waren sie tot. »Und der Mann, den du jetzt hast, der ist nicht dein«: das war ihr freier Wille; der gehörte ihr nicht, denn er war gebunden in Todsünde, und sie hatte keine Gewalt über ihn, und darum gehörte er ihr nicht; denn, worüber der Mensch keine Gewalt hat, das gehört ihm nicht, es gehört vielmehr dem, der Gewalt darüber hat. (Meister Eckhart, Predigt 27)

5. Doch Gudrun konnte noch immer nicht weinen. So groß war ihr Kummer um den toten Helden, und so verhärtet war ihr Herz neben der Leiche des Fürsten.

6. Da sprach Herborg („Heeresbeschützerin“), die Königin des Hunnenlandes: „Ich habe noch schwereres Leid zu beklagen: Meine sieben Söhne fielen im Süden des Landes in der Schlacht, und als achter mein Mann.

7. Mit Vater, Mutter und vier Brüdern spielte der Wind auf dem Meer, bis die Woge (der Brandung) die Bordwand zerschlug.

8. Ich selbst musste ihnen die letzte Ehre erweisen, ich selbst musste sie bestatten, und ich selbst musste ihre letzte Reise nach Hel besorgen. All das erlitt ich in nur einem Halbjahr, und niemand kam, um mich zu trösten.

9. Noch im selben Halbjahr wurde ich eine Gefangene und Kriegsbeute. Jeden Morgen musste ich die Frau des Fürsten schmücken und ihr die Schuhe binden.

10. Sie bedrohte mich aus Eifersucht und trieb mich mit harten Schlägen an. Nirgends fand ich einen besseren Hausherrn, aber auch nirgends eine schlechtere Hausherrin.“

Wie viele getrennt erscheinende Seelen gibt es, wenn die ganzheitliche Vernunft getötet wurde und der freie Wille in Todsünde gebunden ist, wie es Meister Eckhart ausdrückte?

Unter diesen verschiedenen Seelen können wir in Herborg die innere Seele der äußeren Natur erkennen, die im Hunnenland das „Heer der Vielfalt beschützt“. Doch nun sterben alle ihre lebendigen Kräfte, und sie selbst muss als Seele der Verursachung für deren Tod und letzte Reise als Endstation des Lebens sorgen. So weiß auch unsere moderne Wissenschaft, dass es in einem abgegrenzt betrachteten System kein Perpetuum Mobile geben kann.

Das eine Halbjahr erinnert an die Winterzeit, der keine Sommerzeit der Erneuerung und Regeneration mehr folgte. Ohne Vernunft und freien Willen wird die Seele vom herrschenden Verstand gefangen und muss dessen Ehefrau, der äußeren Natur, dienen. Sie muss für deren äußerliche Schönheit und Beweglichkeit sorgen, ähnlich wie sich auch Brynhild über Gudrun erheben wollte. Nun kann der Hausherr zwar sein Bestes geben, aber die äußere Natur bleibt ohne ganzheitliche Vernunft feindlich und tödlich…

Aus praktischer Sicht kann man hier auch fragen, wieweit es für einen Menschen wirklich tröstlich ist, wenn er seinen Trost auf andere gründen will, in denen er sein Problem noch schlimmer und härter erkennt. Wäre es nicht besser, an einer Lösung zu arbeiten?

11. Doch Gudrun konnte noch immer nicht weinen. So groß war ihr Kummer um den toten Helden, und so verhärtet war ihr Herz neben der Leiche des Fürsten.

12. Da sprach Gullrönd („Goldrand“), Gjukis Tochter: „Obwohl du viel weißt, Pflegemutter (Herborg), verstehst du es kaum, die junge Frau zu trösten!“ Daraufhin warnte sie davor, den Leichnam des Fürsten zu verhüllen.

13. Sie zog das Tuch von Sigurd, legte ein Kissen vor die Knie der Frau und sprach: „Sieh den Geliebten an, und küsse ihn auf die Lippen, wie du den heilen (lebendigen) Fürsten umarmtest!“

Hier kommt nun Gudruns Schwester Gullrönd ins Spiel. Ihr Name könnte „Goldrand“ bedeuten und erinnert an die äußeren Formen, die das Gold der Wahrheit annehmen kann. Im Skaldenbuch wurde sie Gudny genannt, was vermutlich „Gott-Neu“ bedeutet und an den goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration in der äußeren Natur erinnert. In dieser Hinsicht könnte diese Schwester symbolisch für die äußere körperliche Natur des Gjuki-Menschen stehen.

So drängt sie nun die innere Seele, sich in Liebe wieder mit der äußeren Körperlichkeit zu verbinden, auch wenn diese wie tot erscheint. Denn die wahre Liebe ist es, die alle Trennung und damit auch den Tod überwinden kann.

Ja, das ist ein großes und schmerzliches Thema. Warum verhüllen wir Tote, sei es mit einem stofflichen oder begrifflichen Tuch? Warum können wir darin kein Leben mehr sehen? Wie könnte auf diese Weise die Vernunft wieder lebendig werden, um ein ganzheitliches Leben zu erkennen? Hier ist es Gullrönd, die äußere Körperlichkeit selbst, die uns auffordert und hilft, dieses Problem zu lösen. Liegt darin vielleicht sogar die große Aufgabe unseres Körpers? Was ist Tod? Können wir mit seiner Hilfe die Hülle des Todes von der Vernunft entfernen, jene Todsünde der Trennung, durch die der freie Wille gebunden wurde?

14. Ein einziger Blick von Gudrun genügte: Sie sah des Fürsten Haare von geronnenem Blut überzogen, die strahlenden Augen des Herrschers erloschen, die Herzensburg (hugborg, auch „Gedankenburg“) des Königs vom Schwert zerschnitten.

15. Da sank Gudrun auf das Kissen nieder. Ihr Haar löste sich, ihre Wangen erröteten, und ein Regentropfen (die erste Träne) rann über ihr Knie hinab.

16. Nun weinte Gudrun, Gjukis Tochter. Die Tränen strömten durch ihr gelöstes Haar, und dazu schrien die Gänse auf der Hofwiese, die herrlichen Vögel, welche der jungen Frau gehörten.

Wunderbar! Was die Klugheit der Jarle und die verschiedenen Aspekte der inneren Seele nicht erreichen konnten, das schafft die äußere Körperlichkeit des Gjuki-Menschen. Seine Seele schaut nun auf die äußeren Zeichen bzw. Runen des Todes. Die Haare erinnern symbolisch wieder an die Gedanken, die mit dem Lebensblut erstarrt waren, die strahlenden Augen an das achtsame Bewusstsein, das unbewusst wurde, und die Herzensburg an den komplexen Organismus des lebendigen Körpers, der vom Schwert der Trennung zerstört wurde. Doch hinter all diesen Runen stehen im reinen Liebespiel weiterhin der ganzheitliche Geist der Vernunft und die ganzheitliche Seele von Gudrun, der „Gott-Rune“ als göttliches Geheimnis.

Mit dieser Erkenntnis erwacht Gudrun aus ihrer kummervollen Erstarrung. Ihre Gedanken lösen sich, die Lebendigkeit kehrt in ihr Gesicht und ihre Sicht zurück, und das Wasser des Lebens kann wieder aus den Augen fließen, mit allen Tränen der Freude und des Leids. So wird das Wasser des Lebens auch aus Odins Auge geschöpft.

Neu erscheinen hier Gudruns herrliche Gänse, die wir in vielen alten Märchen als Sinnbild der Ganzheit kennengelernt haben. Das ergibt hier ebenfalls Sinn: Die Ganzheit meldet sich wieder zu Wort, nachdem die Trennung von Leben und Tod durchschaut wurde. Im „Alten Atlilied“ steht dazu folgenden Vers:

39. Gold streute die Gänseweiße aus, rote Goldringe schenkte sie den Gefolgsleuten. Das Schicksal ließ sie wachsen und glänzendes Metall (Gold) fließen. Die Frau schonte die Schatzhäuser (Lebenshäuser bzw. Körper) nicht.

Das altnordische Wort gaglbjarta übersetzt Arnulf Krause sinngemäß mit „Gänseweiße“. Gagl ist eine kleine Gans oder Schneegans, und bjartr bedeutet „licht, hell, strahlend“, wie wenn uns im Inneren ein Licht aufgeht. Hier kann man an die einleitenden Worte denken, dass Gudrun die Sprache der Vögel verstehen kann. So erkennt sie nun das weitere Schicksal, das sich in der Ganzheit erfüllen soll, und wie sie die Kräfte im Menschen wieder mit roten Goldringen durch Liebe und Wahrheit vereinen kann. Damit wird im Grunde die weitere Geschichte angedeutet, und der Geist von Sigurds getötetem Körper erscheint später symbolisch in Atli als Geist einer äußerlich toten Natur, als Bruder der gestorbenen Brynhild…

17. Da sprach Gullrönd, Gjukis Tochter: „Ich wusste, dass eure Liebe unter allen Menschen auf Erden die größte ist. Nirgends, weder draußen noch im Haus, warst du glücklich - meine Schwester - außer mit Sigurd!“

Ja, es gibt wohl keine größere Liebe als unter ganzheitlichen Wesen, wenn sich Vernunft und Seele als Geist und Natur vereinen. Das ist die wahre Liebe, die keinen Gegensatz kennt. So ist es auch eine ewige Liebe, an die sich Gullrönd erinnert, um sie in der Seele wieder wachzurufen. Damit wird eine erstaunliche Aufgabe der äußeren Körperlichkeit des Menschen angedeutet: Sie kann uns aus dem Hass der Trennung, in die der Mensch als Geschöpf gefallen ist, zurück in die Liebe der Ganzheit führen.

18. Darauf sagte Gudrun, Gjukis Tochter: „Ja, so war mein Sigurd unter Gjukis Söhnen, als wäre ein Speerlauch (vmtl. Bärlauch als Heilpflanze) aus dem Gras gewachsen oder ein heller (heilender) Stein von einem Band durchzogen, ein Edelstein unter den Fürsten.

19. So galt auch ich den Recken des Königs höher als jede Dise Herjans (jede Walküre des „Heerführers“ Odin). Doch nun, da der Fürst tot ist, bin ich so gering wie ein Blatt unter vielen in den Weiden.

20. Auf dem Sitz und im Bett vermisse ich meinen vertrauten Gefährten. Daran sind Gjukis Söhne schuld! Ja, Gjukis Söhne sind schuld an meinem Unheil und an den leidvollen Tränen ihrer Schwester.

21. So werdet ihr euer Volk und Land verheeren, wie ihr eure geschworenen Eide gebrochen habt. Oh Gunnar, du wirst das Gold nicht genießen! Die Ringe werden dir den Tod bringen, denn du hast Sigurd Eide geschworen.

22. Oft herrschte größere Freude am Hof, als mein Sigurd Grani sattelte und sie auszogen, um Brynhild zu werben, das leidige Wesen des Unheils.“

Doch wie kann dies nun der Gunnar-Verstand erkennen, der zusammen mit Högni am Unheil der Trennung schuldig wurde? So leidet nun ihre Seele und lässt als Prinzip der Verursachung die Tränen des Leids fließen, die nun Gunnar und Högni ausbaden müssen.

Die Zeit der Freude im vernunftbegabten Gjuki-Menschen ist vergangen, die große Freude, als hinter dem Verstand noch die Vernunft stand, und der Verstand heilsam mit der äußeren Natur leben konnte. Ja, im Spiel der Gegensätze erscheint die äußere Natur als leidiges Wesen des Unheils. Doch solange die Vernunft lebendig ist, bleibt auch die äußere Natur lebendig und sorgt zusammen mit der inneren Seele dafür, dass sich angesammelte Ursachen des Unheils heilsam auswirken können. In dieser heilsamen Zeit des Lebens herrscht die Vernunft als König im Geistreich und der Verstand als König im Naturreich. Wunderbar! Dann kann für den vernünftigen Menschen sogar die Freude überwiegen, denn es ist eine Freude, Unheil zu heilen.

23. Da sprach Brynhild, Budlis (des „Gerichtsdieners“) Tochter: „Des Mannes und der Kinder beraubt sei das Wesen, das dich, Gudrun, zum Weinen brachte und dir heute Morgen Sprachrunen gab!“

Brynhild fragte sich wohl, wie Gullrönd die innere Seele zum Weinen und Sprechen bringen konnte. Denn das Aussprechen und Ausfließen innerer Ursachen ist eigentlich ihre Aufgabe als äußere Natur. So verflucht sie hier in der Illusion der Trennung das Wesen, dass ihre natürliche Aufgabe übernommen hat, nämlich Gullrönd als äußere Körperlichkeit des noch lebendigen Gjuki-Menschen.

Darin zeigt sich das große Problem, wenn die ganzheitliche Sicht getötet wurde. Auch Brynhild erkennt sich selbst nicht mehr im lebendigen Menschen und verflucht damit eine Form ihres eigenen Wesens. So fällt ihr Fluch letztlich auf sie selbst zurück, und sie beraubt sich des Mannes als Geist, der lebendig macht, und der Kinder als Früchte der Erneuerung und Regeneration in der Natur. Dies ist der verhängnisvolle Weg, wie sich Brynhild als äußere Natur ohne ganzheitliche Sicht in der Trennung selbst tötet. Und dies vollzieht sie als Tochter des „Gerichtsdieners“, gleichsam als Walküre gemeinsam mit Gudrun, damit der Gjuki-Mensch eben diese Erfahrung machen und daraus lernen kann.

24. Darauf sprach Gullrönd, Gjukis Tochter: „Schweig mit solchen Worten, du Leid des Volkes! Du bist schon immer das Schicksal der Fürsten gewesen. Jede Woge des bösen Schicksals treibt dich: Zum schmerzlichen Kummer für sieben Könige und zum größten Verlust der Geliebten für die Frauen.“

Ja, es wäre wohl besser gewesen, Brynhild hätte diesen Fluch nicht ausgesprochen. Das Wort þjóðleið, mit dem Gullrönd antwortet, wird oft mit „Allverhasste“ übersetzt, kann aber auch als „Volks-Leid“ verstanden werden. Darin zeigt sich das leidige Wesen der äußeren Natur für ihre Bevölkerung, denn alle ihre Formen sind vergänglich, sodass sich auch jedes Glück, das die Lebewesen darin finden, wieder in Leid verwandelt. Darüber hinaus lassen sich in der äußeren Natur auch überall Gegensätze finden, die sich bekämpfen und hassen. Daher besteht im Grunde dieses Leiden vor allem aus Hass, der wiederum mit ganzheitlicher Liebe geheilt werden kann.

So bestimmt die äußere Natur auch das Schicksal der Fürsten, die in ihr herrschen wollen, denn sie verkörpert ihre Lebensumstände. Und wie der Geist darauf reagiert, mit Liebe oder Hass, so gestaltet sich dann sein Schicksal. Wenn jedoch die ganzheitliche Sicht der Vernunft fehlt, ist keine wahre Liebe möglich, und es wird vor allem ein Schicksal des Verlustes und des Todes.

Die sieben Könige erinnern wiederum an geistige Kräfte, die in der Natur über ihr jeweiliges Reich herrschen. Man könnte an die fünf Sinne, Verstand und Ego denken. Und wenn diese ihre Lebendigkeit verlieren, erscheint auch ihre weibliche Seite der Natur wie tot, denn es ist der Geist, der lebendig macht…

25. Da sprach Brynhild, Budlis Tochter: „Atli („Väterchen“, aber auch der „Schreckliche“) allein bewirkt alles Leid, mein Bruder, der von Budli (dem „Gerichtsdiener“) gezeugt wurde.

26. Als wir beide (Brynhild und Atli) in der Halle des Hunnenvolkes das Feuer des Schlangenbettes (das Gold, auf dem der Drache schläft) am Fürsten (Sigurd in Form von Gunnar) sahen, habe ich seitdem für diesen Gang bezahlt, für diesen Anblick, den ich immer fürchtete.“

Budli, der „Gerichtsdiener“ erinnert an das Gericht, das die Götter täglich am Schicksalsbrunnen halten. Wer dient diesem Gericht? Im weitesten Sinne könnte man an Mimir denken, den Geist und Verstand, der aus Odins Auge die Schöpfung schöpft, in der ungelöste Ursachen zur Wirkung kommen und einer Lösung zugeführt werden. Sein Sohn Atli wäre dann als Bruder von Brynhild der Geist der äußeren Natur, der die angesammelten Ursachen als Glück und Leid zur Auswirkung bringt. In einer lebendigen Natur gleicht er einem kleinen Allvater. Ohne die vernünftige Erkenntnis des ganzheitlichen Lebens wird er jedoch zum „Schrecklichen“, wie er später auch Gunnar und Högni erscheint.

So sorgt die äußere Natur zusammen mit dem Geist dafür, dass die angesammelten Schulden der Lebewesen bezahlt werden. Doch warum fürchtet sich Brynhild vor dem Gold der Wahrheit? Deshalb sollte die äußere Natur mit dem unterscheidenden Verstand verheiratet werden, und die innere Seele der Natur mit der ganzheitlichen Vernunft. Würde man die äußere Natur mit der ganzheitlichen Vernunft verheiraten, könnte keine natürliche Vielfalt mehr bestehen, weil der unterscheidende Verstand fehlt. So wären auch kein Auswirken und Lernen in Raum und Zeit möglich. Daher fürchtet wohl die äußere Natur das Gold der Wahrheit, das jenseits aller Formen und Gegensätze besteht.

Praktisch kennen wir wohl alle diese Furcht vor der ganzheitlichen Wahrheit, nur mehr oder weniger bewusst. Wer bin ich dann, wenn ich alles und nichts bin? Verliere ich alle meine Individualität und Persönlichkeit?

Diese Furcht zu heilen, wäre die Aufgabe des Verstandes. Er müsste erkennen und akzeptieren, dass hinter dem unterscheidenden Verstand die ganzheitliche Vernunft und hinter der Vielfalt der äußeren Natur die Einheit der inneren Seele steht. Dann kann die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit als ganzheitliches Leben bestehen. Andernfalls herrscht Trennung, und in der Trennung drohen Verlust und Tod:

27. Brynhild, Budlis Tochter, stand an einem Stützpfeiler (der Halle) und zog all ihre Kraft zusammen. Feuer brannte aus ihren Augen und Gift spuckte sie aus, als sie Sigurds Wunden sah.

Der Stützpfeiler der körperlichen Bewusstseinshalle des Menschen erinnert an den Gunnar-Verstand. An seiner Seite zieht nun Brynhild als äußere Natur all ihre Kraft zusammen, die in der Trennung und Abgrenzung immer weiter schwindet. Dazu brennt das Feuer der Vernichtung aus ihren Augen, und aus ihrem Mund spuckt sie das Gift der Trennung, was an den Ego-Drachen erinnert und angesichts der Todeswunden der Sigurd-Vernunft nicht anders möglich ist. Damit geht nun der Gjuki-Mensch als Einzelkämpfer in der Trennung den Weg des Todes. Und wohin geht die Seele?

Gudrun ging von dort fort zu einem Wald in der Einöde und reiste den ganzen Weg bis nach Dänemark. Dort blieb sie sieben Halbjahre bei Thora („Thor-Frau“), Hakons (des „hohen Sohns“) Tochter.

Wunderbar! Die Seele kehrt durch den verödeten Wald der Vorstellungen nach Dänemark ins Reich der Göttersöhne zurück, wo Sigurd geboren wurde. Symbolisch kann man darin eine Rückkehr zur Quelle sehen. Hakon erinnert an einen Göttersohn, und Thora an das Wesen von Thor, das gegen die geistige und körperliche Erstarrung kämpft, damit die Schöpfung lebendig bleibt.

Näheres wird dazu im „Zweiten Gudrunlied“ berichtet: Gemeinsam mit Thora betrachtet und gestaltet Gudrun Goldstickereien, auf denen Schwäne, Hallen, Schiffe und alte Heldentaten zu sehen sind. So betrachtet sie die Bilder vergangener Ereignisse und bereitet als Seele der Verursachung mit dem Gold der Wahrheit das zukünftige Schicksal vor.

Brynhild wollte nach Sigurd nicht weiterleben. Sie ließ ihre acht Knechte und fünf Mägde töten. Danach tötete sie sich selbst mit dem Schwert, wie es im „Kurzen Sigurdlied“ heißt.

Hier zeigt sich nun, wie die äußere Natur nicht mehr weiterleben will und kann, wenn die Vernunft getötet wurde und die Sicht des ganzheitlichen Lebens verlorenging. Sie tötet sich selbst mit dem Schwert des unterscheidenden Verstandes. Die Bedeutung der acht Knechte und fünf Mägde bleibt in den alten Liedern unklar. Bezüglich der acht Knechte könnte man an Draupnir denken, den goldenen Ring der Erneuerung und Regeneration, der in jeder neunten Nacht acht gleichschwere Ringe aus sich hervorbringt. Diese lebendige Macht der Erneuerung im Kreis der neun Welten geht natürlich mit dem Tod von Sigurd und Brynhild verloren. Die fünf Mägde könnten an die fünf Sinne erinnern, die nun auf eine scheinbar tote äußerliche Natur schauen und damit auch selbst tot erscheinen, wie eine leblose Mechanik (siehe z.B. auch Wiki: Mechanistisches Weltbild).

So lebt Gudrun verborgen weiter, während Brynhild stirbt - zumindest scheinbar aus der Sicht des unterscheidenden Ego-Verstandes. Denn im Grunde können beide als zwei Aspekte der unsterblichen Walküre Sigrdrifa betrachtet werden, die Sigurd aus ihrem Schlaf erweckte, um für die schicksalhaften Umstände in der Natur zu sorgen: Brynhild als äußere Natur und Gudrun als deren innere Seele. Ihr Zusammenspiel bildet genau die Umstände und Bedingungen, auf die das menschliche Bewusstsein im körperlichen Leben trifft. Und seine Freiheit besteht darin, wie es darauf reagiert.

Doch nun scheint Sigrdrifa als „Sieg-Treiberin“ mit Helm und Brünne wieder einzuschlafen, nachdem Sigurd als „Sieg-Beschützer“ getötet wurde. Zumindest sieben Halbjahre lang, in denen man symbolisch auch sieben Winter sehen kann.

Alles weitere wird im folgenden „Kurzen Sigurdlied“ beschrieben.


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